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Vergleichende Rezension von "Weltpolitik im Umbruch" (Ernst-Otto Czempiel) und "Neordnung der Weltpolitik" (Werner Link)

Hausarbeit 2003 23 Seiten

Politik - Internationale Politik - Allgemeines und Theorien

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Problemstellung und Bestandsaufnahme

3 Theoretische Perspektiven

4 Dominanten der Weltpolitik
4.1 Differenzierung politischer Systeme vs. Demokratisierung der Staaten
4.2 Westliche Wertedominanz vs. Bedrohung durch Terrorismus
4.3 Konkurrenz der Staatenwelt vs. Sicherheit der Gesellschaftswelt
4.4 Globalisierung, Regionalismus und die Neuordnung der Politik

5 Macht und Gegenmacht

6 Gegenüberstellung

7 Synopse

1 Einleitung

Die Autoren Ernst-Otto Czempiel[1] und Werner Link[2] widmen sich in ihren Werken den Schlagwörtern der aktuellen Politikdebatte. Sie analysieren unter anderem solche Großthemen wie „Globalisierung“, „Macht- und Gegenmacht“, „Terrorismus“, „Weltgesellschaft“ und bieten damit aus der jeweiligen Perspektive einen Überblick über den aktuellen Stand der Dinge in den Internationalen Beziehungen.

Diese Hausarbeit will die Problemstellungen der in den Büchern beschriebenen Themenkomplexe aufzeigen, nachvollziehen und (kritisch) kommentieren. Dabei soll das zugrunde liegende Weltbild der Autoren untersucht werden, sowie deren Vorgehensweise zur wissenschaftlichen Analyse desselben (Kapitel 2 und 3). Außerdem sollen die Unterschiede der beiden Werke bei Methode und Ergebnis beschrieben werden (Kapitel 4 und 5), damit eine Zusammenfassung (in Kapitel 6) sowie eine persönliche Wertung (Kapitel 7) vorgenommen werden kann.

2 Problemstellung und Bestandsaufnahme

Werner Link beginnt sein erstes Kapitel („Internationale Ordnung zwischen Vereinheitlichung und Differenzierung“) mit dem sich bietenden Bild der globalen Politik nach Beendigung des Ost-West-Konflikts und konstatiert, dass sich „das territorialstaatlich-nationale Ordnungsprinzip (…) weltweit durchgesetzt [hat]“[3]. Der Nationalstaat bleibt damit für den Autor zentraler und wichtigster Akteur in den internationalen Beziehungen.[4] Die internationale Ordnung sieht er durch „die Dialektik von Differenzierung und Vereinheitlichung“[5] gekennzeichnet. Den Prozess der Verflechtung der Weltpolitik nach dem Ende des Ost-West-Konflikts, der durch diese historische Zäsur einsetzte, fasst er als „transnationale Globalisierung“[6] auf. Die Tendenz der (Aus-)Differenzierung der territorial-souveränen Nationalstaaten trifft damit auf eine dynamische Vereinheitlichungstendenz in der global vernetzten Welt.[7]

Folgend geht er kritisch auf den geschichtlichen Kontext des „Einheitsgedankens“[8] ein, der für ihn ausgehend seit dem Römischen Reich (Pax Romana) über die karolingische Renaissance bis in die Neuzeit nachzuvollziehen ist. Die Entwicklung der Staatenwelt und ihrer im internationalen System zwischen Hegemonialstreben und Gleichgewichtspolitik wechselnden Vorgehensweise stellt er im beschriebenen Vereinheitlichungsprozess aus herrschaftspolitischer, zivilisatorisch-kultureller und ökonomischer Perspektive dar. Innerhalb dieser Spannungsfelder lokalisiert er die entscheidenden Entwicklungen der Internationalen Beziehungen.

Hierbei stellt Werner Link seine Leitfrage, inwiefern sich die westliche Ordnung und ihre Errungenschaften wie Demokratie, Marktwirtschaft und westliche Kultur mangels ordnungspolitischer Alternativen weltweit durchsetzten könnte. Er fragt nach den Auswirkungen einer westlichen Dominanz auf die Internationalen Beziehungen und den möglichen Konsequenzen wie der Bildung einer Gegenmacht bzw. von kooperativem Gleichgewicht.[9] Diese Fragestellungen unter dem Leitmotiv der historischen Entwicklung der Einheitsperspektive und dem Wechselspiel von Vereinheitlichung und Differenzierung werden in den folgenden Kapiteln seines Buchs erörtert.

Die Ausgangslage Ernst-Otto Czempiels und seine Argumentation sind geprägt durch die Ereignisse der Terroranschläge vom 11. September 2001 in den USA. Die Weltpolitik sieht er in einem neuerlichen Umbruch seit dem Ende der bipolaren Zweiteilung der Welt und die Konsequenz daraus in der Verwandlung der Staatenwelt in eine „Gesellschaftswelt“[10]. Sie ist laut Czempiel „nach wie vor staatlich geordnet, in den Staaten aber spielen die Gesellschaften und im internationalen System gesellschaftliche Akteure eine viel größere Rolle als je zuvor“[11]. Auf dramatische Weise haben das seiner Ansicht nach die Angriffe des transnational agierenden Terrornetzwerks der Al-Qaida-Organisation gezeigt.[12]

Der Autor untersucht nun, wie der Westen auf die „Emanzipation der Gesellschaften“[13] reagiert hat; ob er die Internationale Politik als „Quasi-Welt-Innenpolitik“ zu gestalten begonnen hat, als weitere Zivilisierung der Weltpolitik – oder ob er der klassischen „Realpolitik“[14] und ihrem theoretischen Unterbau mit dessen realistischen Maximen zur Analyse der Beziehungen in der internationalen Politik verhaftet bleibt und welche „ambivalente und katalysierende Rolle dabei der Terrorismus spielt“[15]. Ernst-Otto Czempiel will Strategien aufzeigen um sich den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts stellen zu können und mögliche Antworten zur Bekämpfung des Terrorismus formulieren. Dabei geht er besonders auf die Rolle der Weltmacht USA und die Beiträge Europas ein.[16]

3 Theoretische Perspektiven

Die Autoren vertreten zwei verschiedene paradigmatische Grundpositionen in den Internationalen Beziehungen, die sich in ihrer Argumentationsweise zur Erklärung des Gegenstands wie ein roter Faden durch das verzweigte Labyrinth der theoretischen Ansätze ziehen. Die Agenda der Weltpolitik ist nach dem Ende des Ost-West-Konflikts einem fundamentalen Wandel unterzogen. Die Erweiterung der Themenkomplexe nach dieser historischen Zäsur wird von den Autoren aufgegriffen und mit unterschiedlichen theoretischen „Schablonen“ analysiert. Dabei ist die staatszentrische Perspektive der globalen Politik Veränderungen unterworfen, das „klassische Substrat internationaler Politik – die Staatenwelt – [ist] in mancherlei Hinsicht dabei (.), freilich nicht ganz ohne Rückzugsgefechte (Link 1998) in das neue Substrat transnationaler Beziehungen – die Gesellschaftswelt – (Czempiel 1999) zu diffundieren“[17]. Inwiefern diese Transformation Auswirkungen auf die Analyse der Internationalen Beziehungen hat, ist zum einen Streit- wie Mittelpunkt der Betrachtungen der Autoren. Diese Debatte über wissenschaftliche Weltbilder in der Form der komplementären Grundpositionen Realismus versus Idealismus findet sich so auch in den Großtheorien der Internationalen Beziehungen wieder.[18] Folgend sollen einige der Entwicklungen der Weltpolitik aus Sicht der Autoren dargestellt werden.

4 Dominanten der Weltpolitik

Die beiden Verfasser erkennen die Veränderungen in der Weltpolitik, stellen bei diesem Prozess aber unterschiedliche Ursachen und Trends fest, welchen sie eine jeweils spezifische Stellung zuerkennen. Diese dominierenden Faktoren sollen in den folgenden Kapiteln dargestellt werden, ihr Kontext innerhalb der Argumentation erörtert und die daraus entstehende Gewichtung hinterfragt werden (Kapitel 4.1 – 4.4).

4.1 Differenzierung politischer Systeme vs. Demokratisierung der Staaten

In Kapitel II („Die herrschaftspolitische Perspektive: Weltweite Demokratisierung oder Systemdifferenzierung?“) untersucht Werner Link das Axiom der „Theorie des demokratischen Friedens“[19] der liberal-idealistischen Schule, dem er kritisch gegenübersteht. In der Tradition eines Kantschen „Friedensbundes“[20] besagt dieses Theorem – verknappt ausgedrückt – dass sich Demokratien gegenüber anderen Demokratien friedlich verhalten. Demzufolge wäre eine Demokratisierung in den Staaten und eine Institutionalisierung der Zusammenarbeit zwischen demokratisch legitimierten Herrschaftsformen die zentrale Herausforderung der Weltpolitik, hin zu einer modernen Friedensstrategie.[21] Als Beispiel gilt die „Entstehung der friedlichen ‚OECD-Welt´ und der ‚transatlantischen Sicherheitsgemeinschaft´ unter Führung der amerikanischen Demokratie“[22]. Als Kritikpunkte führt Link unter Rekurs auf Kant an, dass dessen Ausgangspunkt ein grundsätzlich anderer war („Republikanismus“ als ideale Regierungsform),[23] und die heutige parlamentarische Demokratieform durch die Konvergenz von Regierung und Parlamentsmehrheit der klassischen Gewaltenteilung widerspräche und somit nach Kantschem Weltbild „despotisch“[24] wäre.

[...]


[1] Ernst-Otto Czempiel ist emerierter Professor für Internationale Politik und Außenpolitik der Universität Frankfurt und Mitbegründer der Hessischen Stiftung für Friedens- und Konfliktforschung.

[2] Werner Link ist emerierter Professor für Politische Wissenschaft der Universität Köln und Vorsitzender des Direktoriums des Bundesinstituts für ostwissenschaftliche und internationale Studien in Köln.

[3] Link, Werner: Die Neuordnung der Weltpolitik. Grundprobleme globaler Politik an der Schwelle zum 21. Jahrhundert. München 2001. (S. 11)

[4] Das Streben des Nationalstaates nach militärischer und ökonomischer Sicherheit durch Machterwerb in einer anarchisch strukturierten Staatenwelt, die durch nullsummenspielartige Güterverteilung charakterisiert ist, stellt das wesentliche theoretische „Gerüst“ des klassischen Realismus dar: „The main signpost that helps political realism to find its way through the landscape of international politics is the concept of interest defined in terms of power.“ Morgenthau, Hans J.: Politics Among Nations. The Struggle for Power and Peace. New York 1972. (S. 5)

[5] Link, Werner: a. a. O. (S. 11)

[6] Ebenda (S. 11)

[7] Vgl. Link, Werner: a. a. O. (S. 12)

[8] „Was sie [die Varianten des weltpolitischen Monismus - A. d. A.] verbindet, ist die Vision der Einen Welt – mit einem Weltmarkt, einer Weltzivilisation, einer Weltethik, einer Weltgesellschaft und konsequenterweise auch einer Weltorganisation.“ Ebenda (S. 12)

[9] Ebenda (S. 12ff.)

[10] Czempiel, Ernst-Otto: Weltpolitik im Umbruch. Die Pax Americana, der Terrorismus und die Zukunft der internationalen Beziehungen. Bonn 2002. (S. 7)

[11] Czempiel, Ernst-Otto: a. a. O. (S. 7)

[12] Wenngleich Czempiel anmerkt, dass nicht der Eingriff gesellschaftlicher Akteure in die Internationalen Beziehungen ein Novum darstellt, sondern vielmehr der Weltöffentlichkeit verdeutlicht hat, dass der Wechsel der Machtverhältnisse von staatlichen zu gesellschaftlichen Akteuren längst vollzogen ist. Vgl. Czempiel, Ernst-Otto: a. a. O. (S. 11f.)

[13] Ebenda (S. 8)

[14]Realpolitik is a loosely defined method, which is described as being necessary when a given purpose is sought under a specified condition. The purpose is the security of the separate states and the condition, anarchy among them. Most often the word brings to mind as well a balance-of-power-model.” Zitiert nach Waltz, Kenneth N.: Man, the State and War. A Theoretical Analysis. New York 1959. (S. 216)

[15] Czempiel, Ernst-Otto: a. a. O. (S. 8)

[16] Vgl. ebd. (S. 8)

[17] Meyers, Reinhard: Theorien der internationalen Beziehungen. In: Woyke, Wichard (Hrsg.): Handwörterbuch Internationale Politik. Bonn 2000. (S. 418)

[18] Die Diskussion nachzuzeichnen und auf sämtliche Eigenheiten der Großtheorien Realismus und Liberalismus/Idealismus einzugehen, würde den Rahmen dieser Hausarbeit sprengen; an entsprechender Stelle sollen jedoch die konstituierenden Elemente der Theorien deutlich gemacht werden, wenn sie sich in den Aussagen der Autoren widerspiegeln. Zur Theoriedebatte vgl. Menzel, Ulrich: Zwischen Idealismus und Realismus. Die Lehre von den internationalen Beziehungen. Frankfurt/M. 2000.

[19] Vgl. Fukuyama, Francis: The End of History and the Last Man. Oxford 2002. Vgl. ebenso Mandelbaum, Michael: The Ideas that Conquered the World: Peace, Democracy and Free Markets in the Twenty-First Century. New York 2002.

[20] Vgl. Pinnau, Ruth: Immanuel Kants „Zum Ewigen Frieden“. Pionier einer friedlichen Welt. Hamburg 2000. Umfassend dazu Covell, Charles: Kant and the Law of Peace: A Study in the Philosophy of International Law and International Relations. Basingstoke/Hampshire 1998.

[21] Siehe dazu das moderne prozesshafte Friedensverständnis („Friede als Zivilisierungsprojekt“). Näheres vgl. Meyers, Reinhard: Krieg und Frieden. In: Woyke, Wichard (Hrsg.): Handwörterbuch Internationale Politik. Bonn 2000. (S. 253f.)

[22] Link, Werner: a. a. O. (S.23)

[23] Immanuel Kant hat in seiner politischen Philosophie die Prinzipien einer republikanischen Regierungsart – Freiheit (frei ist, wer sich selbst und zugleich allen anderen die Gesetze gibt, welche er selbst wie die anderen bei seinem Handeln beachten muss), Autonomie und Selbstregierung („res publica res populi“), Publizität, Rechtlichkeit der Politik – im Horizont eines neuzeitlich-modernen Freiheits- und Rechtsverständnisses formuliert. Obwohl Link dem Idealisten Kant die Einsicht abspricht, heutige Demokratien als Mitgliedsstaaten eines nach seinem Sinne intendierten Friedensbundes anzuerkennen, ist die Fortführung eines Zusammenschlusses freier Nationen durch die Gründung des Völkerbundes und der Vereinten Nationen Realität geworden. Zur Theorie des modernen „Republikanismus“ vgl. auch Kersting, Wolfgang: Liberalismus, Kommunitarismus, Republikanismus. In: Apel, Karl-Otto und Matthias Kettner (Hrsg.): Zur Anwendung der Diskursethik in Politik, Recht und Wissenschaft. Frankfurt/M. 1992. (S. 127-148)

[24] Link, Werner: a. a. O. (S. 24)

Details

Seiten
23
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638471596
Dateigröße
453 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v51102
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster – Institut für Politikwissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
Vergleichende Rezension Weltpolitik Umbruch Czempiel) Neordnung Link) Grundkurs Internationale Politik

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