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Immersive Kunst zur Förderung der individualisierten Kunsterfahrung

Die Ausstellung "Welt ohne Außen. Immersive Räume seit den 60er Jahren"

Hausarbeit 2018 11 Seiten

Kunst - Installationen, Aktionskunst, 'moderne' Kunst

Leseprobe

Inhalt

1.0 Einleitung

2.0 Welt ohne Außen. Immersive Räume seit den 60er Jahren
2.1 Mein Gang durch die Ausstellung - Erinnerungsprotokoll

3.0 Vom Werk zum Ereignis

4.0 Fazit

5.0 Literaturverzeichnis

1.0 Einleitung

Ich befinde mich in einem Raum, dessen Größe etwa 25 Quadratmeter beträgt. Die Wände sind in einem unaufdringlichen, dunklen Blau gestrichen, damit die Kunstwerke besser zur Geltung kommen. Der Boden ist bedeckt von makellosem, dunklen Eichenparkett, welches sich durch alle Ausstellungsräume streckt. Ansonsten befindet sich Nichts in diesem Raum. Eventuell findet man irgendwo eine Bank oder die Wandfarbe wechselt zu einem anderen, jedoch ähnlich gedeckten Farbton, doch im Grunde genommen beschreibt dieses Bild den austauschbaren Rahmen einer Kunstsammlung, welche man in dieser Form in jeder europäischen Großstadt finden kann. Als wichtig bei dem Besuch einer solchen Ausstellung gilt, dass man sich an den etablierten Verhaltenskodex hält. Man sollte eine angemessene Distanz zu den Kunstwerken wahren, sich - wenn überhaupt - nur möglichst leise unterhalten und der großen Kunst, die man gerade betrachtet, den gebührenden Respekt zollen. Was ich damit sagen möchte, ist, dass ich außer eines Ausstellungskatalog vielleicht, nicht besonders viel aus solchen Kunsterfahrungen mitnehme. Die Besucherinnen bewegen sich als passive Betrachterinnen durch diese Institutionen, unfähig das eigentliche Potential Ihrer Kunsterfahrung zu hinterfragen; eine andere Herangehensweise haben sie nicht gelernt. Stattdessen verweilen sie in der Rolle des (ver-)urteilenden Subjekts, welches sich gegenüber dem Kunstobjekt ,angemessen‘ zu verhalten hat.

Mit dieser Einschätzung stehe ich nicht allein. Auch Kulturanthropologin Margaret Meads kritisierte bereits in ihrem 1943 erschienenen Aufsatz „Kunst und Realität. Aus der Perspektive der Kulturanthropologie” das strikte Verhaltensdiktat, welches von Kunstkonsument*innen erwartet wird und dass damit einhergehende „Ausgrenzende des modernen Kunstbegriffs”1. Das klassische Ausstellungsformat missachte jegliche potentiell existierende Relevanz und Beziehung zwischen dem Individuum und dem Kunstobjekt und spräche nur vereinzelt Sinne oder Gefühle an.2 Sie kritisiert die Eindimensionalität der klassischen Kunsterfahrung und bedauert, dass der individuellen Erfahrung nicht genug Raum gegeben wird.

Die Ausstellung Welt ohne Außen. Immersive Räume seit den 60er Jahren3, welche im Martin Gropius Bau in Berlin zu sehen war, zeichnet sich als Gegenentwurf zur klassischen Ausstellung aus. Sie stellt das Bedürfnis der individualisierten Kunsterfahrung in den Mittelpunkt. Nicht nur das Werk, sondern auch dessen Ereignischarakter, seine Performativität, werden ausgestellt. Im Vordergrund steht die sinnliche Erfahrbarkeit der ausgewählten Kunstwerke.

Anhand dieses Beispiels widme ich mich im Folgenden der Frage, inwiefern sich die immersiven Inszenierungspraktiken in der Welt ohne Außen auf die individuelle Kunsterfahrung von Besucherinnen auswirken.

Hierfür werde ich zunächst die Inszenierung der Welt ohne Außen beschreiben und in einem zweiten Schritt analysieren, wodurch sich der individuelle Ereignischarakter einzelner Kunstwerke, sowie der Ausstellung als Gesamtkonzept, konstituiert. Ziel ist aufzuzeigen, weshalb sich die Welt ohne Außen in meinen Augen von anderen Ausstellungen unterscheidet und darüber hinaus einen kurzen Einblick in die Entwicklung des Ausstellungsformats und den Wandel des klassischen Verhältnisses zwischen Kunstbetrachterin und Kunstobjekt hin zum modernen Ansatz der immersiven Inszenierung zu geben. Außerdem soll erläutert werden, in welcher Form die Subjekt-Objekt-Relation bei immersiver Kunst neu verhandelt wird, sodass es überhaupt zu einer individuellen Kunsterfahrung kommen kann. Die Erkenntnisse meiner Analyse werde ich abschließend in meinem Fazit resümieren und das beleuchtete Beispiel in Bezug zur klassischen Kunsterfahrung stellen.

2.0 Welt ohne Außen. Immersive Räume seit den 60er Jahren.

Die Welt ohne Außen wurde vom 08.06.2018 bis zum 05.08.2018 im Rahmen der Immersionsreihe der Berliner Festspiele, im Martin Gropius Bau in Berlin, gezeigt. Die Ausstellung wurde von Thomas Oberender und Tino Sehgal kuratiert, die beide aus den Darstellenden Künsten kommen. Thomas Oberender, Intendant der Berliner Festspiele, studierte Theaterwissenschaft und Szenisches Schreiben und arbeitete nach Abschluss seines Studiums in verschiedenen Theatern, unter anderem als Dramaturg oder auch als Kurator von diversen Festivalformaten.4 Tino Sehgal gilt als Ausnahmekünstler seiner Generation. Seine Arbeiten bezeichnet er selbst als „konstruierte Situationen“5, welche nur live erfahrbar sind, weshalb auch jegliche Form der Dokumentation untersagt ist. Er inszeniert Erfahrungen in denen der/die Besucherin zum Teil des Kunstwerkes werden, z.B. durch das aktive Bespielen der Besucherinnen durch die performenden Darstellerinnen. Seine Kunst zeichnet sich durch ihre Performativität, Flüchtigkeit und Unwiederholbarkeit in besonderem Maße aus.4 5

Die Ausstellung umfasst 13 Elemente aus verschiedenen Kunstdisziplinen, welche Werke ab den 60er Jahren miteinschießt. Darunter begehbare Rauminstallationen, eine 3D-Videoarbeit, eine Geruchskomposition, eine Virtual Reality-Arbeit, sowie wechselnde Live-Performances und Workshops. Die Besucher*innen werden im Einführungstext zum „[Eintreten] und [Eintauchen] in Räume, Situationen und Zustände“6 eingeladen. Außer eines Raumplanes, und einer knappen Einführung zum Immersionsbegriff, beschränkt sich die Information, welche man als Besucher*in erhält, hierauf.

2.1 Mein Gang durch die Ausstellung - Erinnerungsprotokoll

Jeder meiner insgesamt vier Besuche der Welt ohne Außen bringt für mich neue Aspekte der Ausstellung zum Vorschein und unterscheidet sich von den anderen Besichtigungen in unerwartet hohem Maße. Die ersten vier Räume zeigen Arbeiten aus den 60er und 70er Jahren. Alle Installationen haben gemein, dass sie uneingeschränkt frei begehbar sind und neben visuellen Reizen, auch mit Ihrer jeweils eigenen Materialität spielen und somit eine haptische und physische Wirkung auf die Besucher*innen haben. Die physische Wirkungskraft einiger Kunstwerke wird - wie sich bei der gemeinsamen Reflektion am Ende des Ausstellungsbesuches zeigen wird - sowohl von mir, als auch von allen Personen, mit denen ich die Ausstellung besuche, als allgegenwärtig und geradezu unvermeidbar empfunden.

Ich möchte hier besonders auf die Arbeit von Doug Wheeler aus dem Jahr 1969 hinweisen, dem dritten Raum der Welt ohne Außen. Zunächst werden die Besucher*innen aufgefordert, grobe Filzschuhe über Ihre Straßenschuhe zu ziehen, um nicht die Integrität des weißen Bodens zu verletzen. Ein schmaler Gang führt in einen leeren weißen Raum an dessen gegenüberliegenden Seite, ein in etwa zwei mal zwei Meter großes Quadrat aus weißen Leuchtstoffröhren angebracht ist, dessen Ecken abgerundet sind, ebenso die Ecken des Raums selbst. Die Abrundung führt dazu, dass die Orientierung zunehmend schwerer fällt. Die Maße des Raumes einzuschätzen, nur ein bloßes Gefühl für die Breite und Tiefe zu gewinnen, wird durch das weiche, weiße Licht, dass sich wie trockener Nebel um einen schließt, beinahe unmöglich. Der Blick wird wie magnetisch von der Strahlkraft des weißen Quadrates angezogen. Ein entfaltet sich ein Gefühl von Benommenheit bis hin zu körperlicher Taubheit.

Bei meinem ersten Besuch waren diese Orientierungslosigkeit und Benommenheit am spürbarsten, da ich allein in dem Raum war. Für mich stellt sich rückblickend heraus: Je weniger Besucher*innen, desto größer empfand ich die Wirkung des Werks.

An die vier älteren Werke schließt sich eine der „konstruierten Situationen“ Tino Sehgals an. Für einen kurzen Moment zweifelt man, ob dieser Raum überhaupt ein Kunstwerk ausstellt, da er abgesehen von den Museumsmitarbeiterinnen Nichts beinhaltet. Beim Durchqueren des Raumes springen die Mitarbeiter innen überraschend und plötzlich auf und beginnen zu tanzen. Sie sagen mal flüsternd, mal energisch die Worte „Oh, this is so contemporary“, ohne dass klar wird, ob Sie sich die Worte gegenseitig, völlig ziellos oder den Besucherinnen direkt zurufen. Die Tänzerinnen drängen sich zwischen den Besucherinnen hindurch und durchmischen sich mit diesen. Die zuvor noch recht eindeutige Trennung von Kunstwerk und Betrachterinnen wird aufgebrochen. Nach viermaligem Wiederholen des Satzes, bleiben die Tänzerinnen stehen und sprechen noch einmal ruhig und deutlich die Worte „Oh, this is so contemporary. Tino Sehgal. 2005.“ Danach begeben Sie sich wieder auf ihre Ausgangsposition. Der erste Teil der Ausstellung schließt hiermit ab.

Die Kunstwerke in den dahinter liegenden Räumen sind so angelegt, dass sie als in sich geschlossen betrachtet werden können. Wiederholte Besuche der einzelnen Installationen, bei denen das sinnliche Erlebnis stark divergieren kann, wird somit nicht nur erleichtert, sondern bleibt reizvoll und interessant. Die Kontraste zwischen den Werken könnten kaum deutlicher sein, da sich nicht nur die genutzten Darstellungsmedien, sondern auch die angesprochenen Sinne jeweils stark unterscheiden. Neben eines 3D-Filmes des Künstlers Cyprien Gaillard, sind außerdem eine Virtual Reality Produktion von Nonny De la Pena und eine achtminütige Geruchskomposition von Wolfgang Georgsdorf ausgestellt. In besonderem Maße beeindruckend ist die Geruchskomposition, da zum einen die Einbeziehung des Geruchssinns in der Kunst eine Seltenheit darstellt, und zum anderen, weil es das Werk ist, das am stärksten polarisiert. Diese Polarisierung lässt sich leicht daran erkennen, dass die über 80 Gerüche vom Publikum sehr unterschiedlich aufgefasst werden, was sich sowohl an der Mimik und Gestik der Besucherinnen offenbart, als auch im anschließenden Gespräch über die Erinnerungen und Emotionen, welche durch die unterschiedlichen Gerüche angeregt wurden und sich rückblickend von Person zu Person klar unterschieden.

So wie im ersten Ausstellungsteil auch, möchte ich eines der Werke des zweiten Teils besonders hervorheben. Die Arbeit Cosmodrome von Dominique Gonzales Foerster. Im Cosmodrome wird das Publikum auf eine hypnotische Reise hinein in einen von der Außenwelt losgelösten Kosmos genommen. Foerster inszeniert einen tiefschwarzen Raum, der die Möglichkeit der Unendlichkeit offen lässt. Sie erschafft eine Dunkelheit, welche Personen, Ort und Zeit vollständig verschluckt.

[...]


1 Dorothea von Hantelmann über Margaret Mead. „Auf dem Weg zu einem neuen Ritual. Der individualisierte Ereignisraum“, Immersion Nr. 2 (2018), S. 16-19, hier S. 17.

2 Vgl. Hantelmann, „Auf dem Weg zu einem neuen Ritual.“, S. 17.

3 Im weiteren Textverlauf durch Welt ohne Außen abgekürzt.

4 Vgl. Thomas Oberender. „Biografie“. Thomas Obernder (2018). Quellenstandort online: http://www.thomas- oberender.de/578_deutsch/2_person/8_biografie/689_cv (30.10.1018).

5 Vgl. Redaktion Berliner Festspiele. „Tino Sehgal“. Berliner Festspiele (2015). Quellenstandort online: https://www.berlinerfestspiele.de/de/aktuell/festivals/gropiusbau/archiv_mgb/mgb_archiv_ausstellungen/veranstaltu ngsdetail_mgb_ausstellungen_121558.php (30.10.2018).

6 Welt ohne Außen von Thomas Oberender und Tino Sehgal. Programmheft zur Ausstellung im Martin Gropius Bau in Berlin. Laufzeit: 08.06.2018-05.08.2018.

Details

Seiten
11
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783346084361
ISBN (Buch)
9783346084378
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v511336
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Publizistik- und Kommunikationswissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Immersion Erlebnisgesellschaft Kuratieren Werk Ereignis

Autor

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Titel: Immersive Kunst zur Förderung der individualisierten Kunsterfahrung