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Leselehrmethoden im Anfangsunterricht. Fibelkritik

Seminararbeit 2003 19 Seiten

Deutsch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft

Leseprobe

Inhalt

0. Einleitung

1. Leselehrmethoden im Anfangsunterricht
1.1. Die klassischen Leselehrmethoden
1.1.1. Die ganzheitlich-analytische Leselehrmethode (Lesen von Anfang an)
1.1.2. Die synthetische Leselehrmethode
1.2. Die analytisch-synthetische Methode
1.2.1. Die analytisch-synthetische Methode mit Volldurchgliederung von Wörtern
zur Buchstabengewinnung
1.2.2. Die analytisch-synthetische Methode mit Teildurchgliederung von
Wörtern zur Buchstabengewinnung
1.2.3. Die analytisch-synthetische Methode mit Teildurchgliederung von
Wörtern zur Buchstaben- und zur Buchstabengruppengewinnung
1.3. Die Umkehrmethode: Erst lesen, dann schreiben

2. Spracherfahrungsansatz oder Fibelunterricht?
2.1. Mit oder ohne Fibel?
2.2. Kritik am fibelorientierten Lesen- und Schreibenlernen
2.2.1. Fünf Thesen
2.2.2. Erläuterungen zu den Thesen
2.3. Fibelkritik auf den Punkt gebracht

3. Resümee

4. Literatur

0. Einleitung

Die Schule hat im Anfangsunterricht u.a. die Aufgabe, den Schülern die beiden Kulturtechniken Lesen und Schreiben zu vermitteln. In der vorliegenden Hausarbeit habe ich mich daher mit den verschiedenen Leselehrmethoden beschäftigt, mit denen bei uns im deutschsprachigen Raum gearbeitet wird. In Punkt 1 werde ich sie näher erläutern. Dabei wird deutlich werden, dass der überwiegende Teil des Erstlese- bzw. Schreibunterrichtes mit Fibeln arbeitet. Gegen die Arbeit mit Fibeln findet sich allerdings überzeugende Kritik, die ich in der Arbeit aufgreifen werde. Aufgrund der Vielzahl der Kritikpunkte werde ich mich auf die meines Erachtens nach wichtigsten Argumente beschränken. Im Anschluß daran folgen das Resümee und die Literaturangaben.

1. Leselehrmethoden im Anfangsunterricht

Der Anfangsunterricht zur Vermittlung der beiden Kulturtechniken Lesen und Schreiben findet in der Schule im 1. Schuljahr bzw. in Teilbereichen auch noch am Anfang des 2. Schuljahres statt. Um den SchülerInnen das Lesen zu vermitteln, werden in dieser Zeit sogenannte Erstleselehrgänge eingesetzt, die nach verschiedenen Ansätzen arbeiten. Im deutschsprachigen Raum wird heute zwischen sechs Leselehrmethoden unterschieden, die i.d.R. mit Fibeln arbeiten. Neben den beiden klassischen Leselehrmethoden finden wir drei Typen der analytisch-synthetischen Methode. Als sechste Methode wird die Umkehrmethode „Lesen durch Schreiben“ genannt. Diese sechs Leselehrmethoden werde ich im Folgenden erläutern.

1.1. Die klassischen Leselehrmethoden

Am Anfang standen sich die beiden klassischen Leselehrmethoden, nämlich die Ganzheitsmethode Arthur Kerns und das synthetische Vorgehen, konträr gegenüber. In Punkt 1.1.1. und Punkt 1.1.2. werde ich beide Methoden mit ihren Vor- und Nachteilen genauer betrachten.

1.1.1. Die ganzheitlich-analytische Leselehrmethode (Lesen von Anfang an)

Die ganzheitlich-analytische Leselehrmethode von Kern ist aus zwei Phasen zusammensetzt. Das Verfahren beginnt mit der Ganzheitsphase, in der zunächst aus Sätzen ausgegliederten einzelnen Wortbildern ihre Bedeutung zugeordnet wird. Die Kinder betreiben eine Art Wortbildlesen und Wortspeicherung ohne die Kenntnis der Buchstaben. Die ganzheitlich-analytische Leselehrmethode geht davon aus, dass ein Wort nicht nur eine Summe von einzelnen Lauten und Sprechbewegungen ist, sondern dass die Wortbildeinprägung die Grundlage für das flüssige und korrekte Lesen bildet. Erst in der zweiten Phase, der analytischen Phase, werden die Wortganzheiten durchgegliedert. In Vergleichsprozessen erfassen die Kinder in verschiedenen Wörtern gleiche Buchstaben und ordnen ihnen die lautliche Entsprechung zu. Die Kinder erhalten zunehmend die Möglichkeit, neue Wörter zu erlernen. Nach dieser Phase wird von den Kindern eine selbständige und unbeabsichtigte Wortbildspeicherung auf der Basis der Buchstabenkenntnis erwartet. Die Vorteile dieser Lehrmethode liegen im sinnerfassenden Lesen. Die Kinder lesen von Anfang an bedeutungserfassend, wobei der Sinn von noch nicht gelernten Wörtern durch den Kontext erfasst wird. Ein negativer Aspekt zeigt sich in dem Versäumen, Wörter als morphologische Größe anzusehen. Obwohl keine empirischen Belege vorliegen, wird vermutet, dass das späte Einführen der Buchstaben das Ratelesen begünstigt, was wiederum zu einer Legastheniegefährdung führen kann (vgl. Grissmann 1986: 66 – 69). Da die Wörter regelrecht trainiert werden, schätzen die Kinder den Vorgang des Lesens völlig falsch ein. Manche Kinder glauben lange Zeit, Lesenlernen bedeute Auswendiglernen von Wörtern. Auf diese Weise können fremde Wörter nicht erschlossen werden können, das Lesen wird also nicht gelernt (vgl. Metze 1995: 16). Diese Argumente nennen Fibelkritiker häufig zu Recht, wenn sie sich gegen analytische Fibeln aussprechen, worauf ich aber in Punkt 2.1.1./Argument 1 noch einmal ausführlicher zu sprechen komme.

1.1.2. Die synthetische Leselehrmethode

In diesem zweiten klassischen Verfahren wird das Wort als Summe von Buchstaben gesehen, die es zu erfassen, in Laute umzusetzen und zu einem Wortklanggebilde zu vereinigen gilt. Erst dann wird dem Wort die inhaltliche Bedeutung zugeordnet.

Zunächst werden die einzelnen Buchstaben eingeführt. Im Prozess des Zusammenschleifens werden aus den einzelnen Buchstaben erst Wörter und dann Sätze. Erst danach werden die Laute zugeordnet. Die Laute und Buchstaben verschmelzen miteinander und es entstehen nach und nach Wortklanggebilde. Die Kinder können nun allmählich anfangen, Wörter, Sätze und dann auch Texte zu lesen. Erst jetzt wird den Wörtern ihre Bedeutung zu geordnet (vgl. Grissmann 1986: 69 – 73)..

Grundsätzlich positiv an dieser Leselehrmethode ist die Betonung des lautlichen Bereichs. Schon sehr früh werden den Buchstaben ihre Laute zugeordnet, was aber auch zu Problemen führen kann. Den Buchstaben werden nämlich sogenannte Normallaute zugeordnet, die vom konkreten Laut in der Klangfolge eines Wortes oft erheblich abweichen können. Nimmt man als Beispiel den Buchstaben E, so fällt auf, dass er als Anfangsbuchstabe in Esel anders klingt als in dem Wort Geld. Zwar ist die Differenz nicht immer so stark wie bei den Vokalen, trotzdem fehlt den Kindern die Erfahrung, dass die Summe der Einzellaute etwas völlig anderes ist als ein Wortklangbild (vgl. Metze 1995: 16). An dieser Stelle sei auch noch einmal auf die Fibelkritik in Punkt 2.1.1. verwiesen. Leider wird bei dieser Methode auch das bedeutungserfassende Lesen zu stark vernachlässigt. Die sehr lange dauernde Einschränkung des sinnverstehenden Lesens richtet das Leseverhalten der Kinder eher auf eine Art buchstabenaddierendes Lesen aus. Außerdem wird das Lesen von Texten stark verzögert und eingeschränkt, da die Kinder erst sehr spät ganze Wörter lesen können und sich zu lange an einzelnen Buchstaben aufhalten (vgl. Grissmann 1986: 69 – 73).

1.2. Die analytisch-synthetische Methode

An der vorangegangenen Beschreibung der klassichen Leselehrmethoden kann man erkennen, dass beide Methoden in ihren polaren Ansätzen ihre Stärken und Schwächen haben. Aus diesem Grund entstanden Ansätze, die versuchten, die Vorzüge der beiden Methoden zu integrieren. Die rein synthetisch oder stark analytisch ausgelegten Lehrgänge wurden verdrängt von den sogenannten methodenübergreifenden Verfahren. Obwohl alle drei Varianten dieser Methode versuchen, die Vorzüge der klassischen Methoden zu integrieren, muß man beachten, dass sie eigene methodische Ansätze haben. Grundgedanke der analytisch-synthetischen Methode ist, dass in jedem Wahrnehmungsakt Analyse und Synthese einander bedingen und nicht voneinander getrennt werden dürfen. Daher betreiben alle Varianten dieser Lehrgänge von Anfang an im Leselernprozess Analyse und Synthese (vgl. Grissmann 1986: 73 – 81). Nachfolgend stelle ich kurz die drei Varianten der analytisch-synthetischen Methode vor und ergänze sie jeweils mit einem Beispiel.

1.2.1. Die analytisch-synthetische Methode mit Volldurchgliederung von Wörtern zur Buchstabengewinnung

Bei dieser Variante werden in den Lehrgängen von Anfang an Texte und Sätze benutzt, deren Wörter vollständig analysiert werden. D.h. es findet eine Volldurchgliederung der Analysewörter statt. Das hat den Vorteil, dass die Grundfertigkeiten der Buchstaben-Lautzuordnung und die Grundfertigkeiten der inhaltlichen Erfassung schon zu Beginn gleichmäßig berücksichtigt werden. Diese Vorgehensweise hat allerdings den Nachteil, dass der anfängliche Wortschatz über längere Zeit drastisch reduziert bleibt. Dadurch soll vermieden werden, dass eine Überforderung der Speicherkapazität der Kinder für Buchstaben eintritt. Die inhaltliche Gestaltung der Sätze bzw. der Texte bleibt dadurch leider eingeschränkt (vgl. Grissmann 1986: 73 – 77). Ein Beispiel für das entsprechende Vorgehen findet sich in der Fibel „Bunte Fibel“, Verlag Schrödel, 1977:

Lerneinheit 1

Die Kinder sollen sich den Namen des Spieltieres „FU“ einprägen. Dabei wird das Wort in die Buchstaben F und U aufgegliedert.

Lerneinheit 2

Am Satz „Fu ruft.“ wird das Wort „ruft“ analysiert. Dabei kommt zum Buchstabenbestand der ersten Lerneinheit noch die Buchstaben r und t hinzu.

Lerneinheit 3

Aus dem Satz „Uta ruft Fu“ wird Uta analysiert, da ja die Wörter „Fu“ und „ruft“ schon bekannt sind. Aus dem Wort „Uta“ wird das a neu gewonnen, während U und t schon in der ersten bzw. in der zweiten Lerneinheit gelernt wurden.

Nach diesen drei Lerneinheiten verfügen die SchülerInnen über drei Wortbilder, nämlich „Uta“, „Fu“ und „ruft“. Diese Wortbilder können nun mit Hilfe von Wortkarten zu verschiedenen Wortgruppen bzw. Sätzen gelegt werden. Eine synthetische Übung ist die Bildung neuer Wörter. Die SchülerInnen können aus den Buchstaben F/f, U/u, R/r, T/t, A/a neue Wörter bilden (vgl. Grissmann 1986: 73 – 77).

[...]

Details

Seiten
19
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638472036
ISBN (Buch)
9783638598293
Dateigröße
525 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v51161
Institution / Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Note
1-2
Schlagworte
Leselehrmethoden Anfangsunterricht Fibelkritik

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Titel: Leselehrmethoden im Anfangsunterricht. Fibelkritik