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Neoliberale Ökonomisierung der Sozialwirtschaft und ihre Folgen. Fachkräftemangel in der Wohlfahrtspflege

Referat (Ausarbeitung) 2017 50 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung / Problemstellung
1.1. Definition: Neoliberalismus
1.1.1. Neoliberalismus in Deutschland, definiert als Ordoliberalismus
1.1.2. Angelsächsischer Liberalismus
1.1.3. Definition Soziale Marktwirtschaft
1.2. Ökonomisierung der Wohlfahrtspflege
1.2.1. Vom Zuwendungsprinzip zum Selbstkostendeckungsprinzip zur Kosten- und Leistungsvereinbarung
1.2.2. Legitimationsdruck Sozialer Arbeit und Gesamtverantwortung des Staates
1.2.3. Verwaltungsmodernisierung
1.2.4. Inszenierung von Wettbewerbsbedingungen, tatsächlicher Marktöffnung nach europäischen Wettbewerbsrecht in der Sozialen Arbeit und der Legitimationsdruck des sozialstaatlichen Wohlfahrtsmodells in Deutschland
1.3. Definition Arbeitskräftemangel
1.4. Definition Fachkräftemangel
1.5. Schlussfolgerung

2. Statistische Erhebungen: Demografie
2.1. Geburtenentwicklung
2.2. Altersstruktur in der Bundesrepublik Deutschland
2.3. Arbeitskräftepotenzial und Fachkräfteentwicklung

3. Ursachen des Fachkräftemangels in der Sozialen Arbeit
3.1. Rahmenbedingungen des Fachkräftemangels
3.2. Ehrenamt und Aktivierung der Bürger*innen - Strukturelle Bedingungen des Fachkräftemangels aufgrund von Vorgaben aus Politik und Verwaltung hinsichtlich einer Veränderung der Sozialpolitik
3.3. Intra- und Interpersonelle Gründe des Fachkräftemangels am Beispiel des Arbeitsfeldes Frühförderung

4. Ursachen, Auswirkungen und Antworten des Arbeitskräfte- und Fachkräftemangels in Zeiten der sogenannten knapperen Haushaltskassen
4.1. Pflege
4.2. Eingliederungshilfe am Beispiel der sog. Behindertenhilfe
4.3. Kinder- und Jugendhilfe am Beispiel der frühkindlichen Betreuungsangeboten

5. Studie über den Fachkräftemangel aus Sicht der Sozialunternehmen: Ursachen, Auswirkungen und Lösungen

6. Praxisbeispiel: Wohnheim für Menschen mit einer geistigen Behinderung
6.1. Personalschlüssel im Wohnheim für Menschen mit Behinderungen
6.2. Allgemeine Rahmenbedingungen des Wohnheimes und der Gruppe C
6.2.1. Dienste der Mitarbeiter*innen
6.2.2. Bewohneranzahl und Zimmer
6.2.3. Grobe Tagesstruktur
6.2.4. Belastung der Mitarbeiter*innen
6.2.5. Krankenstand der Mitarbeiter*innen
6.2.6. Beobachtbare physische und psychische Gesundheit der Mitarbeiter*innen
6.2.7. Dynamik im „Team“
6.2.8. Verhalten der Heimleitung, die Ende 2016 zu deren Kündigung geführt haben
6.3. Veränderung der Rahmenbedingungen 2017
6.3.1. Fachkräfte
6.3.2. Veränderung der Arbeitszeitmodelle und des Personaleinsatzes
6.4. Bewohner*innen und Mitarbeiter*innen im Spannungsfeld strategischer Personalentwicklungsplanung

7. Zusammenfassung und Schlussbetrachtung

8. Literaturverzeichnis

II Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung / Problemstellung

In Deutschland wird, in den öffentlichen Medien, der einschlägigen Fachliteratur, der Fachverbände der Wohlfahrtspflege, der Wirtschaft und in der Politik, seit mehreren Jahren, über das Thema Fachkräftemangel diskutiert. Die demographische Entwicklung in Deutschland lässt vermuten, dass es zu einem erheblichen Strukturwandel hinsichtlich eines schrumpfenden Arbeitskräftepotenzial kommen wird. Diese Entwicklung soll einerseits durch eine verbesserte Familienpolitik, der Förderung von flexibler Arbeitsmodelle und der quantitative, wie qualitative Ausbau in der Frühförderung von Kindern ermöglicht werden. Anderseits werden gezielt Fachkräfte im Ausland angeworben, um dem hiesigen Fachkräftemangel zu mildern. Die Präsentation stellt einerseits die in den Sozialgesetzbüchern und Rahmenverträgen festgelegten Wirtschaftlichkeits- und Sparsamkeitsverpflichtungen dar, anderseits beleuchtet der Vortag die finanziellen und personellen Rahmenbedingungen der Träger der freien Wohlfahrtspflege und der gewerblichen Träger.

Der öffentliche Kostendruck auf die Träger der Wohlfahrtspflege lassen die finanziellen Spielräume sinken und die Mittelvergabe wird hinsichtlich der Wirksamkeit einzelner Maßnahmen und der Versorgungssicherung verknüpft. Um die Ausgaben im Sozial- und Gesundheitsbereich zu kontrollieren, werden evidenzbasierende Kriterien im Rahmen der Qualitätssicherung festgelegt und eine Bedarfsplanung anhand der Evaluation von Maßnahmen und Förderplänen festgelegt. Diese Verfahren der Feststellung der Bedarfe hat unmittelbare Auswirkungen auf den Personalschlüssel der Einrichtungen der Wohlfahrtspflege. Diese dienen zur Beseitigung zu ungerechtfertigten Mehrbelastungen aus der Sicht der Finanz- und Sozialpolitiker, die ein gesteigertes Interesse an der Planbarkeit und Steuerung der Bedarfe und der Ausgaben aus dem Staatshaushalt haben. Aus der Sicht der Fachöffentlichkeit, die ebenfalls ein gesteigertes Interesse an der Qualitätssicherung - aus nicht nur finanziellen Motiven - hat, sind die Rahmenbedingungen der Arbeit, die gerechte Bezahlung, die gesellschaftliche Anerkennung des Berufs, die Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten, die Aufstiegschancen im Beruf und die psychosoziale Resilienz, aufgrund belastender Faktoren am Arbeitsplatz, entscheidend. Die gesellschaftliche Anerkennung und die Ressourcenbereitstellung seitens des Bundes, Länder und Gemeinden ist ein entscheidendes Kriterium bei der Berufswahl und dem Verbleib im jeweiligen Berufsfeld der Sozialen Arbeit.

Das Referat beschreibt das zurzeit aktuelle Wirtschaftsmodell und die damit verbundene politisch-wirtschaftliche Ausrichtung zum Neoliberalismus. In diesem Kontext werden die Auswirkungen auf den Wohlfahrtsstaat in Deutschland beschrieben, sowie Strategien der Wohlfahrtsverbände und der Bundesregierung, um einem Fachkräftemangel zu begegnen.

Beispiele aus verschiedenen Praxisfeldern des Gesundheits- und Sozialwesens machen exemplarisch deutlich, wie sich die Mittel- und Zuwendungsvergabe, Kosten- und Leistungsvereinbarungen, die Refinanzierung der Tarifverträge und der Investitionskosten der Sozialunternehmen, Qualitätssicherungsstandards, die Bereitstellung von Finanzmitteln in die Infrastruktur, insbesondere der des Personalschlüssels, Auswirkungen auf den Arbeitsablauf und die Zufriedenheit der Beschäftigten haben.

1.1. Definition: Neoliberalismus

1.1.1. Neoliberalismus in Deutschland, definiert als Ordoliberalismus

„Denkrichtung des Liberalismus. Forderungen des klassischen Liberalismus werden aufgegriffen, das Konzept jedoch aufgrund der Erfahrungen mit dem Laissez-Faire-Liberalismus, sozialistischen Zentralverwaltungswirtschaften und dem konzeptionslosen Interventionismus, der spätestens seit Beginn des 20. Jh. die Wirtschaftspolitik der meisten marktwirtschaftlichen Ordnungen kennzeichnet, korrigiert. Betont wird wieder die Ordnungsabhängigkeit des Wirtschaftens und die Bedeutung privatwirtschaftlicher Initiative. Stärker als im klassischen Liberalismus, wird berücksichtigt, dass der Wettbewerb durch privatwirtschaftliche Aktivitäten bedroht ist, da sich ihm die Marktteilnehmer durch die Erlangung von Marktmacht zu entziehen versuchen. Daher soll der Staat den freien Wettbewerb aktiv vor dem Entstehen privatwirtschaftlicher Marktmacht wie auch vor staatlich verursachter Marktvermachtung schützen (s. Interdependenz der Ordnungen).

Die in der Bundesrepublik Deutschland vertretene Ausgestaltung des neoliberalen Konzeptes wird als Ordoliberalismus bezeichnet, der auf die in den 1930er-Jahren begründete Freiburger Schule zurückgeht.“ (Sauerland)

1.1.2. Angelsächsischer Liberalismus

Freiheit ist für liberale Denker eine Prinzipienfrage und verneint jegliche Art der staatlichen Intervention bezüglich der sozialen Umverteilung oder der Korrektur von Marktmonopolen und Marktergebnissen. Nach dem angelsächsischen Modell des Liberalismus nach v. Hayek ist die Freiheit des Menschen nicht durch den "willkürlichen Zwang (...) den Willen eines anderen oder anderer unterworfen [...]". Die liberale Ausrichtung des Neoliberalismus, die v. Hayek vertritt, richtet sich gegen eine Sozialstaatskonzeption, die die Autonomie der Unternehmen einschränkt. (vgl.Moos, Klug 2009, S. 23-24)

Herbert Schui interpretiert v. Hayek folgendermaßen:

"Der Neoliberalismus richtet sich also entschieden gegen das wohlfahrtsstaatliche Projekt des Keynesianismus als Fortsetzung der Aufklärung, bei dem die Vernunft den Anspruch darauf erhebt, sich die soziale Umwelt rational (d. h. wissenschaftlich) anzueignen - nicht nur im Sinne der passiven Kenntnis, sondern der aktiven, kollektiven Gestaltung. Hayek schreibt: ‚Der springende Punkt ist, daß es unendlich viel schwerer ist, logisch zu erfassen, warum wir uns Kräften, deren Wirkungen wir nicht im einzelnen verfolgen können, unterwerfen müssen, als dies zu tun aus demütiger Ehrfurcht, die die Religion oder auch nur die Achtung vor den Lehren der Nationalökonomie einflößte‘. Das ,System funktioniert unter der Bedingung, daß der Einzelne bei seiner Teilnahme an sozialen Prozessen bereit und willig sein muß, sich Änderungen anzupassen und Konventionen zu unterwerfen, die nicht das Ergebnis vernünftigen Planens sind'. Er muß die Bereitschaft haben, sich im allgemeinen den Ergebnissen sozialer Prozesse zu unterwerfen, die niemand geplant hat und deren Ursachen vielleicht niemand versteht'. Für Hayek gibt es einen ‚Mißbrauch und Verfall der Vernunft‘. Hierbei handelt es sich um eine rationalistische und konstruktivistische Sicht, die eine bewußte Konstruktion der Gesellschaft auf der Grundlage der Vernunft fordert'" (Schui , 1997). (Moos, Klug 2009, S. 23-24)

1.1.3. Definition Soziale Marktwirtschaft

Unter der sogenannten "Sozialen Marktwirtschaft" wird von unterschiedlicher Seite und politischer Ausrichtung sehr verschiedenes Verstanden und hineininterpretiert. Ludwig Erhard stellt, als sogenannter Begründer der "Sozialen Marktwirtschaft“, in seinem Buch "Wohlstand für alle", seine Konzeption dar.

„Eine freiheitliche Wirtschaftsordnung kann auf die Dauer nur dann bestehen, wenn und solange auch im sozialen Leben der Nation ein Höchstmaß an Freiheit, an privater Initiative und Selbstvorsorge gewährleistet ist. Wenn dagegen die Bemühungen der Sozialpolitik darauf abzielen, dem Menschen schon von der Stunde seiner Geburt an volle Sicherheit gegen alle Widrigkeiten des Lebens zu gewährleisten, d. h. ihn in einer absoluten Weise gegen die Wechselfälle des Lebens abschirmen zu wollen, dann kann man von solchen Menschen einfach nicht mehr verlangen, dass sie das Maß an Kraft, Leistung, Initiative und anderen besten menschlichen Werten entfalten, das für das Leben und die Zukunft der Nation schicksalhaft ist und darüber hinaus die Voraussetzung einer auf die Initiative der Persönlichkeit begründeten ,sozialen Marktwirtschaft' bietet. Auch muss auf die unlösbare Verbindung zwischen Wirtschafts- und Sozialpolitik aufmerksam gemacht werden: Tatsächlich sind um so weniger sozialpolitische Eingriffe und Hilfsmaßnahmen notwendig, je erfolgreicher die Wirtschaftspolitik gestaltet werden kann" (Erhard 1964. 246)“. (Moos, Klug 2009, S. 26)

„Wenn also heute von der ,,sozialen Marktwirtschaft" gesprochen wird, ist die Frage zu stellen, was man darunter versteht. Ist damit das ursprüngliche, stark an neoliberalen Grundsätzen orientierte Konzept gemeint, oder das, was daraus im Laufe der Geschichte der Bundesrepublik geworden ist, nämlich ein Wohlfahrtsstaat mit dem Ziel der ,,sozialen Gerechtigkeit''?“(Moos, Klug 2009, S. 27)

1.2. Ökonomisierung der Wohlfahrtspflege

Der Sozialsektor in Deutschland befindet sich seit Anfang 1990 im Umbruch. Das Wohlfahrts- und Sozialstaatsmodell befindet sich in Auflösung. Ursächlich dafür ist die Einführung von Konkurrenz und Marktmechanismen in der deutschen Sozialwirtschaft. Für die Nutzer*innen und Beschäftigten der Sozialen Arbeit hat diese gravierenden Auswirkungen gezeigt. Die Vorrangstellung der freigemeinnützigen Einrichtungen der Wohlfahrtspflege ist nach der neuen Marktlogik nicht mehr gewünscht. Die Öffnung zur freien Marktwirtschaft erfolgt auf der Grundlage, dass die Sozialwirtschaft als ein "robuster Jobmotor und Wachstumsmaschine" wahrgenommen wird. (vgl. Instituts der deutschen Wirtschaft, IW 2004)

Eine gänzliche Privatisierung aller Bereiche der Sozialwirtschaft wird nur eingeschränkt möglich sein, da das öffentliche Leistungsrecht Quantität und Qualität der Dienstleistungen bestimmt. Die Preisgestaltung ist abhängig von politischen Entscheidungen und ist nicht determiniert durch "Marktgesetze". Die Sozialunternehmen bieten sich ein Unterbietungswettbewerb zu Lasten der Beschäftigten, als Ursache staatlicher Sparsamkeitspolitik. Die Soziale Arbeit ist auf dem Weg zum Niedriglohnsektor, weil die Träger es versäumen eine gemeinsame Option für Lösungsstrategien zu suchen. (vgl. Kühnlein, Wohlfahrt 2006).

1.2.1. Vom Zuwendungsprinzip zum Selbstkostendeckungsprinzip zur Kosten- und Leistungsvereinbarung

Die Ökonomisierung der Sozialwirtschaft erfolgte in der Abkehr vom kameralistischen Zuwendungsprinzip zum Selbstkostendeckungsprinzip. Die prospektiv vorgenommenen Kosten- und Leistungsvereinbarungen, sowie die gesetzlich normierten und standardisierten Qualitätssicherungsvereinbarungen, verpflichten die Sozialunternehmen zum betriebswirtschaftlichen Handeln.

Controlling, Evidenz, Wirksamkeitsstudien, Qualitätsstandards sind maßgebliche Kriterien in der Professionalisierung und fachlichen Bewertung Sozialer Arbeit.

1.2.2. Legitimationsdruck Sozialer Arbeit und Gesamtverantwortung des Staates

Durch den gesellschaftlichen Legitimationsdruck, die Soziale Arbeit ausgesetzt ist, werden die Wirkungen von Maßnahmen und Leistungen geprüft und es ist noch nicht absehbar, wie der Preisdruck, durch knappe staatliche Haushalte, die Qualität und die Daseinsfürsorge dahingehend modifiziert werden, um den Wohlfahrtsstaat zu erhalten oder ihn gänzlich infrage zu stellen. Eine steuerliche Umverteilung um die Schere zwischen Arm und Reich nicht weiter zu vergrößern, sondern erheblich zu verringern, ist Aufgabe der gesellschaftlich-volkswirtschaftlichen Gesamtverantwortung des Staates und nicht der globalen Wirtschaft. Die Art der Wahrnehmung dieser Gesamtverantwortung ist in Abhängigkeit von der ideologischen und partizipativen-teilhabe-orientierten Verfasstheit der Gesellschaft und der sie vertretenden Politik. (vgl. Kreft 2017, S. 1041-1044)

1.2.3. Verwaltungsmodernisierung

Seit 1990 erfolgten Reformen einer auf betriebswirtschaftlichem Handeln ausgerichtete Modernisierung von Staat und Verwaltung. (vgl. Dame, Wohlfahrt 2017, S. 1067-1076)

Die Verwaltungsmodernisierung in Deutschland erfolgte in der Ausrichtung auf die Verwaltungs- und Staatstraditionen des angelsächsischen Modells.

Die globalisierte Bezeichnung dafür ist NPM (New Public Management) und wird mit seiner Ausrichtung auch als „Wirkungsorientierte Verwaltungsführung“ bezeichnet. Das in Deutschland eingeführte New Public Management hat betriebswirtschaftliche Steuerungsinstrumente geschaffen, die zur Einführung von Markt- und Wettbewerbselementen im Verwaltungshandeln mitgebracht haben. (vgl. Dame, Wohlfahrt 2017, S. 1068)

1.2.4. Inszenierung von Wettbewerbsbedingungen, tatsächlicher Marktöffnung nach europäischen Wettbewerbsrecht in der Sozialen Arbeit und der Legitimationsdruck des sozialstaatlichen Wohlfahrtsmodells in Deutschland

Die Träger der Sozialen Arbeit durchlaufen seit mehreren Jahrzehnten einen fachlichen und ökonomischen Wandel. Soziale Arbeit ist nicht alleinige Aufgabe öffentlicher Träger, sondern eine vornehmlich übertragene Aufgabe der freien Träger, mit eigenem Handlungsrecht (§§ 17 Abs. 3, 27 Abs. 2, 28 Abs 2 SGB I (Sozialgesetzbuch), 3, 4 SGB VIII, § 5 SGB XII. Eine Zusammenarbeit mit den Trägern der freien Wohlfahrtspflege ist gesetzlich verbindlich geregelt.

In den 60er Jahren kam es zu einem Subsidiaritätsstreit. Der Höhepunkt des Streits war 1961, in der 3. Wahlperiode des Deutschen Bundestages, als die CDU/CSU mit absoluter Mehrheit ein neues BSHG und ein novelliertes Jugendwohlfahrtsgesetz (JWG) verabschiedete. Hierbei ging es um den Vorrang freier Träger, mit einhergehender Funktionssperre öffentlicher Träger. Beendet wurde der Streit durch die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtes 1967. Auf die Probleme der Subsidiarität wurde vom BVerfG nicht eingegangen. Das Urteil bezog sich auf die Aspekte der Praktikabilität und der Wirtschaftlichkeit, Frieden zu stiften und Interessen auszugleichen.

Aktuell wird die „partnerschaftliche Zusammenarbeit“ zwischen öffentlichen und freien Trägern betont (§ 4 Abs. 1 SGB VIII, genauer bei Münder u.a. 2013 § 4 Rz 13 ff.; ebenso Wiesner 2015 bei § 4). Die damit einhergehende Stärkung des Korporatismus korrespondierte mit dem wichtigen Ziel der wirtschaftlichen Verwendung knapper Mittel. Aus der Sicht der Betroffenen war das korporatistische Modell zwischen öffentlichen und freien Trägern in der Vergangenheit – in den Gesetzten BSHG und JWG – ein Fürsorgemodell, in dem sie nur Begünstigte, aber keine Berechtigten waren. Mit den jetzt gültigen Sozialleistungsgesetzen, wie die des SGB VIII, haben Bürger*innen Rechtsansprüche und sind somit Leistungsberechtigte.

„Neue Subsidiarität“ – Bestandssicherung versus fachliche Innovation

Durch die Konkurrenz der freien Träger entstand die Forderung, dass diejenigen Träger den Zuschlag erhalten sollen, die das beste fachliche Angebot für die Bedürfnis- und Bedarfslage der Bürger*innen anbieten, die zugleich partizipativ und lebensweltorientiert ausgerichtet sind. Damit verbunden wäre eine Benachteiligung durch Nichtvergabe an korporatistische Partner, die nicht einer fachlichen Innovation folgend, sondern nur deshalb Mitbewerber auf dem Markt sind, weil diese ausschließlich ihren Bestand sichern wollen.

Die Ökonomisierung der Sozialwirtschaft ist nicht plötzlich aus dem Nichts entstanden, sondern hatte seine Vorgeschichte in der Subsidiaritätsentscheidung des BVerfG 1967. Das Gebot des Urteils war, dass der „fachlich bessere Anbieter“ stets den Zuschlag erhalten müsse. Dieses ist die aktuelle Praxis jeglicher Verwaltungsmodernisierung und Verwaltungshandelns.

Eine weitere Systemveränderung ab der 2./3. Dekade des 21. Jahrhunderts wird die Soziale Arbeit grundlegend verändern und sich einer Ökonomisierung des globalen und europäischen Wettbewerbsrecht stellen müssen. Die wohlfahrtsstaatlichen Sicherungssysteme stehen auf dem Prüfstand. Der Staat wird einen inszenierten Wettbewerb anregen, indem eine vermehrte Konkurrenz um Leistungen und Preise zwischen allen Anbietern gefördert wird. Eine Überprüfung notwendiger Grundversorgung und Daseinsfürsorge wird nach Kosten- Nutzenanalysen erfolgen, sowie eine Evaluation auf die Wirkungseffizienz von Maßnahmen der Sozialen Arbeit. Statt Subventionen oder Zuwendungen werden betriebswirtschaftlich zu überprüfende Kosten- und Leistungsvereinbarungen mit den Anbietern abgeschlossen.

In den Bereichen der Gesetzlichen Krankenversicherung (SGB V), der Sozialhilfe, der Pflegeversicherung (SGB XI) und seit 01.01.1999 auch in der Jugendhilfe (SGB VIII) wird „das Selbstkostendeckungsprinzip durch im Voraus (prospektiv) abgeschlossene Vereinbarungen ersetzt (…)“ (Kreft, 2017, S. 1044).

Das kameralistische - korporatistische System wird sich gänzlich auflösen zu einem betriebswirtschaftlichen und trägeroffenen System.

Im § 78b SGB VIII findet sich nur noch die Bezeichnung „Träger von Einrichtungen“. Damit verbunden ist, dass es keinen „Vorrang“ von privat-gemeinnützigen Trägern gibt und ein einhergehender Abbau systematisch beabsichtigt ist.

In den §§ 74, 75 SGB VIII gibt es zurzeit noch eine privilegierte Stellung privat-gemeinnütziger Träger, die berechtigt sind als „anerkannt“ zu gelten und daher dauerhaft gefördert werden können. Es ist aber fragwürdig, ob diese rechtliche Stellung mit Bundes- oder Europarecht korrespondiert. Die Konkurrenz wird vielfältiger, mit einer größeren Marktausrichtung, sowie die breite Öffnung für privat-kommerzielle Anbieter, wird ein Wettbewerb um Preise und Qualität entfachen, die Risiken und Chancen für Innovation bzgl. Bedürfnis- und Bedarfsabdeckung der Nutzer*innen / Stakeholder auslösen wird.

Die Risiken bestehen in einer nur auf fiskalischen Gesichtspunkten ausgerichteten Sozialpolitik, die volkswirtschaftlich den Gedanken der Prävention nicht berücksichtigt und nur kurz- und mittelfristige Finanz- und Planungsvorgaben folgt.(vgl. Kreft 2017, S. 1041-1044)

1.3. Definition Arbeitskräftemangel

Zwei Ebenen des Arbeitskräftemangels müssen unterschieden werden. Einmal geht es um die Frage des Angebotes an Arbeitskräften insgesamt und anderseits um den tatsächlichen Arbeitsbedarf. Das Angebot von Arbeitskräften hängt überwiegend mit der demographischen Entwicklung zusammen. Laut Statistischen Bundesamt wird sich die Bevölkerungszahl von derzeit 82,5 Millionen auf 70 Millionen Personen, bis 2060, in Deutschland verringern. (vgl. Statistisches Bundesamt (Destatis) 2015, S.15) Siehe Punkt 2 auf Seite 13. Das Erwerbspersonenpotenzial (EPP) ist von den demographischen Faktoren, der Lebensarbeitszeit und von Zuwanderung abhängig. Der Arbeitskräftebedarf wird durch formal nichtqualifizierte Arbeitskräfte und qualifizierten Fachkräften abgedeckt. Allein die Tatsache, dass offene Stellen gemeldet werden und es dennoch nicht zu deren Besetzung kommt, ist ein Hinweis darauf, dass das quantitative Arbeitsangebot für den Arbeitskräftebedarf ausreichend erscheinen mag, aber dieses hinsichtlich der qualitativen Voraussetzungen nicht passgenau auf die beruflichen Anforderungen und Aufgaben erfolgen kann. Somit bleiben die Stellen unbesetzt.(vgl. Bott, Helmrich, Zika 2011)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung1: Bott, Helmrich et al(Bott, Helmrich, Zika 2011)

1.4. Definition Fachkräftemangel

„Während Arbeitskräftemangel ohne Berücksichtigung der Qualifikationsstruktur von einem dauerhaften Mangel an Arbeitskräften ausgeht, berücksichtigt der Terminus Fachkräftemangel die Qualifikationsanforderungen der Arbeitgeber und Arbeitnehmer und betrachtet einen längeren Zeitraum. Einen dauerhaften Fachkräftemangel kann es auf anpassungsfähigen Märkten eigentlich nicht geben, da Arbeitgeber ihren Bedarf ansonsten auf andere Weise decken würden (z.B. Ausweitung der Arbeitszeit) oder die Produktion verringern würden. Es wird deswegen häufig von einem Fachkräfteengpass oder einer Fachkräftelücke gesprochen. Darunter wird das vorübergehende qualitative Missverhältnis der regionalen und/oder qualifikationsspezifischen Arbeitsnachfrage mit dem zur Verfügung stehenden Arbeitsangebot verstanden.“(Bundeszentrale für politische Bildung 2014)

1.5. Schlussfolgerung

Das ursprüngliche Konzept, in der Definition von Erhard, ist nicht die des Ordoliberalismus. Erhard stellt in seinem Buch - „Wohlstand für alle“ - fest, dass staatliche Eingriffe nicht notwendig sind, je erfolgreicher die Wirtschaftspolitik gestaltet wird. (vgl. Moos, 2009, S.26). Die individuelle Initiative jedes Menschen sich selber zu versorgen entfaltet erst die menschlichen Werte. Die Eigenverantwortung des Einzelnen begründet nach Erhard die „soziale Marktwirtschaft“. Ein Wohlfahrtsstaat, mit Leistungsansprüchen der Bürger*innen, war für Erhard nicht die Maxime der „sozialen Marktwirtschaft“. Vielmehr ist das Individuum, was Hilfe beansprucht, in diesem Sinne nicht „sozial“.

Vergleicht man die liberale Denkrichtung von Ludwig Erhard und die von Friedrich August von Hayek sieht man eine Übereinstimmung in der Frage der sozialpolitischen Entscheidungen der Bundesregierung gegenüber seiner Bürger*innen und im Eingriff der Politik hinsichtlich makroökonomischer Fehlentwicklungen, wie der Monopolbildung. Die Wirtschafts- und Sozialpolitik ist in der Bundesrepublik maßgeblich davon geprägt, dass globalisierte Unternehmensgruppen, sowie nationale Unternehmen hinsichtlich Infrastruktur, Steuervorteile und einen deregulierten Arbeitskräftemarkt vorfinden, um Standortvorteile zu schaffen, damit in Deutschland investiert wird. In diesem Sinne gelten die Maximen der angelsächsischen Wirtschaftswissenschaftler für die Ausrichtung der Wirtschafts- und Sozialpolitik in Deutschland.

„Die meisten Wirtschaftsordnungen der westlichen Industrienationen, so auch die soziale Marktwirtschaft (siehe dort) in Deutschland, basieren heute auf den Prinzipien des Neoliberalismus.“(Bundeszentrale für politische Bildung 11.07.2017)

Die globale soziale Schieflage manifestiert sich ebenso in Deutschland.

„Die acht reichsten Personen besitzen nach neuesten Schätzungen zusammen genauso viel Vermögen wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung.“ Die Schere zwischen Arm und Reich wird in Deutschland immer größer. Laut Oxfam besitzen 8 der reichsten Menschen der Welt so viel wie die ärmere Hälfte von 3,6 Milliarden Menschen auf unserem Globus. In Deutschland besitzen, laut Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung - "Lebenslagen in Deutschland" - die reichsten 10 Prozent der Haushalte mehr als die Hälfte des gesamten Nettovermögens. 50 Prozent der Haushalte in Deutschland besitzen nur 1 Prozent des Gesamtvermögens. (vgl. Rawert 2017)

Die Deregulierung des Arbeitsmarktes, die geschlechterspezifische Gewichtung und gesellschaftliche Bewertung der Berufsgruppen, insbesondere im sozialen Dienstleistungssektor, mit einem überproportionalen Anteil von Frauen, tragen zur mangelnden Attraktivität sozialer Berufe bei, da diese in hohem Maße, durch knappe Haushaltskassen der Länder und Kommunen, sowie die Disposition der Leistungsgewährung durch den Gesetzgeber und Verwaltungsvorschriften, zu atypischen Anstellungsverhältnissen führen. Die gesellschaftliche Bedeutung einer sozialen Infrastruktur, Bildungschancen, inklusive Teilhabemöglichkeiten und Daseinsfürsorge sind hinsichtlich der geforderten Eigenverantwortung der Bürger*innen und des (neo-) liberalen Freiheitsbegriff immer wieder auf dem Prüfstand oder infrage gestellt, da diese nach der Logik des Marktes und des politisch-wirtschaftlichen Mainstreams bestimmt wird.

„Als Skandal empfinde ich es, dass beispielsweise Sozialpflegeberufe einer um 14 Prozent höheren Wahrscheinlichkeit für atypische Beschäftigung ausgesetzt sind als beispielsweise Büro- und Verwaltungsberufe.“(Rawert 2017)

Laut Rawert (2017) haben die atypischen Beschäftigungsformen in den Gesundheits- und Sozialberufen Auswirkungen auf Armut und Reichtum. Rawert stellt fest, dass Arbeitnehmer*innen in den Sozialberufen ein hohes Armutsrisiko tragen, da für diese immer weniger „Normalarbeitsverhältnisse“ bestehen. In den Branchen Gesundheits- und Sozialwesen, sowie Erziehung und Bildung werden zunehmend befristete und auf Teilzeit basierende Beschäftigungsverhältnisse geschlossen, begründet mit einer notwendigen Flexibilisierung und der Planungssicherheit. Der Kostendruck wird durch leere öffentliche Haushaltskassen begründet und spielt eine große Rolle für die Rahmenverträge und den Kostensätzen, die die Träger der Wohlfahrtspflege oder Leistungsberechtigte bewilligt bekommen. Eine verpflichtende Vorgabe gegenüber Trägern, die keine Tarifverträge abschließen, ist seitens der Politik nicht gewollt. Die Wettbewerbsbedingungen der Träger sind von diesen zu bestimmen und die Selbstregulierungskräfte der Sozialwirtschaft werden unter dem Gesichtspunkt der internationalen und europäischen Wettbewerbsrecht ausgetragen.

Eine evidenzbasierende Wirkungsanalyse Sozialer Arbeit ist nicht nur eine fachliche und qualitative Notwendigkeit in der Professionalisierung der sozialen Berufsgruppen, sondern muss nach meiner Auffassung kritisch hinsichtlich eines zunehmenden neoliberalen Utilitarismus gesehen werden, der diverse Sozial- und Gesundheitsleistungen hinsichtlich von Effektivität hinterfragt. Insofern können Prioritätensetzungen der Politik, je nach Zeitgeist, neue Bewertungen finden und somit Auswirkungen auf die soziale Infrastruktur haben, sowie auch Einfluss auf die Bewertung und Anerkennung der Gesundheits- und Sozialberufe ausüben.

Die „Wechselfälle des Lebens“ (vgl. Erhard) werden von Politik und Wirtschaft konstruiert.

2. Statistische Erhebungen: Demografie

Laut Statistischen Bundesamt betrug die Bevölkerung in Deutschland 80,8 Millionen Menschen. Der Anteil der 20 – 64-Jährigen betrug 49,2 Millionen. Die Bevölkerungszahl wird im Jahr 2060 zwischen 67,6 - 73,1 Millionen liegen. Dieses hängt von der Höhe der Zuwanderung ab. Die Steigerung der Anzahl der Hochbetagten 80-Jährigen ist beträchtlich. Im Jahr 2013 betrug der Anteil 4,4 Millionen (5,4%). Für 2050 steigert sich der Anteil auf fast 10 Millionen, während zwischen 2050 und 2060 dieser Anteil auf 9 Millionen sinken wird. In 50 Jahren wird der Anteil der ab 80-Jährigen 13% der Bevölkerung in Deutschland entsprechen. Die Statistik für den Zeitraum 2013 ergab, dass die Bevölkerung im Erwerbsalter 49,2 Millionen betrug. Ohne Zuwanderung schrumpft diese Zahl um 23% und entspricht einem Anteil von 38 Millionen im Erwerbstätigenalter.(vgl. Statistisches Bundesamt (Destatis) 2015, S.8)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung2: Staat & Gesellschaft - Bevölkerungsvorausberechnung(Statistisches Bundesamt 2017, 1-3)

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Abbildung3: Statistisches Bundesamt - Bevölkerungszahl von 1950 bis 2060(Statistisches Bundesamt (Destatis) 2015, S.15)

2.1. Geburtenentwicklung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung4: Statistisches Bundesamt - Zusammengefasste Geburtenziffer(Statistisches Bundesamt (Destatis) 2015, S.32)

Jüngere Arbeitskräfte fehlen, aufgrund der niedrigen Geburtenrate seit 1970 mit durchschnittlich 1,4 Kindern pro Frau. Laut Fuchs und Weber (2015) beträgt das Wanderungssaldo der Zuzüge nach Deutschland 470.000 Personen. Seit 2005 war der Wanderungsstrom nicht halb so groß gewesen.(vgl. Hanns-Seidel Stiftung, Franke 2015, S. 10)

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Details

Seiten
50
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783346099013
ISBN (Buch)
9783346099020
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v511992
Institution / Hochschule
Donau-Universität Krems - Universität für Weiterbildung – Department für Gesundheitswissenschaften, Medizin und Forschung
Note
3
Schlagworte
Neoliberalismus Ordoliberalismus Selbstkostendeckungsprinzip Verwaltungsmodernisierung Arbeitskräftemangel Fachkräftemangel Sozialunternehmen Arbeitsbelastung Eingliederungshilfe Mitarbeitergesundheit Führungsstil Krankenstand Teamkonflikte Personalentwicklungsplanung Daseinssorge Wohlfahrtsstaat Soziale Arbeit Kinder- und Jugendhilfe Altenpflegevollzeitkräfte Pflege Frühförderung Ökonomisierung der Wohlfahrtspflege Zuwendungsprinzip

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