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Franz Grillparzers "Der arme Spielmann". Jakob als determinierter Mensch?

Hausarbeit 2019 18 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1 Der Determinismusbegriff
2.2 Jakobs Leben als kausales Wirkungsgefüge
2.3 Jakob als determinierter Mensch

3. Fazit

4. Siglenverzeichnis

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Als ich vor Kurzem mit Nietzsches Worten „Frei ist, wer in Ketten tanzen kann“ in Berührung kam, assoziierte ich diese sofort mit dem Protagonisten Jakob in Franz Grillparzers Novelle „Der arme Spielmann“. Das Zitat trifft insofern auf diese Figur zu, als dass die Bedingungen und Ereignisse seines Lebens ihn stets in ausweglose Situationen versetzen, denen er, wie ein Gefangener im eigenen Dasein, ausgeliefert ist. Unwillentlich vollzieht Jakob einen von Antipathie, Misserfolg und Isolation geprägten Werdegang vom Kind aus einem wohlhabenden, aristokratischem Elternhaus zu einem armen, kleinbürgerlichen Bettelmusikanten. Und obwohl er von für ihn unüber- windbaren äußeren Zwängen zunehmend in die Armut gedrängt wird, steht er dem Leben mit Bescheidenheit und unaufhörlicher Heiterkeit gegenüber. Er kann zugleich als ein an seine negativen Lebensumstände Gefesselter und dennoch als glücklicher, sich frei fühlender Mensch angesehen werden, denn „er ist eine Gestalt des Leides, die um ihr Leid nicht weiß und dadurch von ihm befreit ist“1, wie auch Benno von Wiese diese Figur beschreibt.

Mein Erkenntnisinteresse am Werk „Der arme Spielmann“ wurde vor allem durch das Ausgeliefertsein des Protagonisten an seine soziale Realität und seine Machtlosigkeit, die Umstände seines Lebens zu verändern, geweckt. Den Hauptteil der Novelle bildet die in eine Rahmenhandlung gebettete Binnenerzählung Jakobs, die formal mithilfe einer kompletten Analepse realisiert wird. Er reflektiert über den Verlauf seines Lebens, als dessen roter Faden sich gesellschaftlicher Abstieg erweist. Sowohl die chronologische Struktur als auch die singulative Erzählfrequenz ermöglichen es, sein Dasein als eine Kette einander bedingender Ereignisse zu verstehen.

Das Menschenbild, welches mir durch Jakob vermittelt wird und mit welchem ich mich in meiner Hausarbeit näher auseinandersetzen werde, ist den einer deterministischen Weltanschauung zuzuordnen. Der Mensch wird als ein zwangsläufiges Produkt seines Milieus sowie „als ein gebrochenes und durch seine Umwelt vielfach bedingtes Wesen“2 verstanden, womit sich auch Jakob identifizieren lässt. Das Leben der Figur erweckt in mir den Anschein einer Kettenreaktion. Da mir der Verlauf der Geschehnisse zudem unausweichlich für ihn erscheint, setze mich in dieser Hausarbeit mit der Fragestellung auseinander, inwiefern sich Jakob als determinierter Mensch interpretieren lässt.

Um diese Argumentation führen zu können, werde ich zunächst den Begriff Determinismus definieren und den Kontext erläutern, in welchem ich ihn für meine Interpretation des Werkes verwenden werde.

Mit diesen Kapiteln als Grundlage rekonstruiere ich das Leben der Figur ausführlich als ein der Idee des Determinismus entsprechendes kausales Wirkungsgefüge. Das Ziel meiner Hausarbeit ist es dabei, aufbauend auf einer Textanalyse dafür zu argumentieren, dass Jakob einem deter- ministischen Menschenbild entspricht. Um meine Argumentation zu stützen werde ich sowohl Textbelege aus dem Werk verwenden sowie Autoren wie Heinz Politzer und Benno von Wiese zitieren.

Abschließend folgt eine Zusammenfassung meiner Positionen im Rahmen der Beantwortung meiner Fragestellung.

2. Hauptteil

2.1 Der Determinismusbegriff

Die seit Jahrtausenden sowohl von Naturwissenschaftlern als auch von Geisteswissenschaftlern diskutierte Idee des Determinismus leitet sich in ihrem Begriff vom lateinischen Wort determinare ab und bedeutet übersetzt bestimmen. Der Ausdruck beschreibt die Bestimmtheit allen Geschehens, einschließlich menschlicher Handlungen, durch ihre Eingebundenheit in das Kausalitätsprinzip. Man spricht daher auch vom kausalen Determinismus, der als Denktradition unter anderem von Demokrit, Schopenhauer, Nietzsche und Laplace treten wurde.

In der Physik besagt dieses Konzept, dass jedem Ereignis eine in der Vergangenheit liegende Ursache sowie eine in der Zukunft liegende Wirkung zugeschrieben werden kann. „Somit ist jedes Ereignis eine Veränderung, die eine Ursache hat, die selbst wieder ein Ereignis sein muss, das von einem anderen Ereignis verursacht wurde“3. Zusammengenommen bilden sie ein kausales Bedingungsgefüge, an welchem alles Existierende zwangsläufig beteiligt ist. Der Mensch nimmt demnach mit jeder einzelnen seiner Taten Einfluss auf den zukünftigen Verlauf seines Daseins und ist also dazu in der Lage, selbst Kausalketten zu beginnen4.

Dem psychologischen Determinismusbegriff nach sind mentale Vorgänge, also Gefühle, Gedanken und Entscheidungen, sowie daraus resultierende Taten, nie willkürlich. Sie entsprechen einem persönlichen Motiv, welches stets einer Summe von Ursachen geschuldet ist, denn „auch das ganze Seelenleben ist in die allgemeine ursächliche Verkettung einbegriffen“5. Jede menschliche Handlung kann als eine notwendige Konsequenz verstanden werden, die einerseits aus der naturgesetzlichen Kausalität und andererseits aus den bisherigen Lebenserfahrungen folgt. „Da der Mensch weder die Naturgesetze noch die Vergangenheit beeinflussen kann, hat er auch keinen Einfluss auf seine Handlungen“6 und kann somit in seinem Dasein als determiniert betrachtet werden.

In der Philosophie und Ethik wird unter Determinismus die permanente Beeinflussung des menschlichen Willens durch innere und äußere Einwirkungen verstanden. „Die Menschen meinen frei zu sein, weil sie sich ihres Wollens und Triebes bewußt sind, aber nicht an die Ursachen ihres Strebens und Wollens denken“7. Demnach ist Willensfreiheit nur ein Anschein, welcher dadurch entsteht, dass man sich seiner Eingebundenheit in naturgesetzliche Kausalitätsketten und der resultierenden Zwangsläufigkeit seiner Entscheidungen nicht bewusst ist.

Der theologische Determinismusbegriff wird zumeist einem Phänomen gleichgesetzt, demnach das gesamte Weltgeschehen, einschließlich mensch- lichen Denkens und Handelns, durch Gott bewirkt werde. Er steht dadurch im Widerspruch zur geistes- und naturwissenschaftlichen Idee.

Ich interpretiere die Figur Jakob als einen Menschen, der mit all diesen Theorien in Verbindung zu bringen ist. Da ich im Folgenden auf jede der eben dargestellten Intensionen des Begriffes Bezug nehme, spreche ich allumfassend von der Idee des Determinismus.

2.2 Jakobs Leben als kausales Wirkungsgefüge

Um die Figur Jakob als einen determinierten Menschen zu charakterisieren, besteht meine Vorgehensweise nun darin, anhand von Textbelegen für seinen Werdegang als ein dem Kausalitätsprinzip unterworfenes Wirkungsgefüge zu argumentieren. Um die Ereignisse, die ihn zum Bettelmusikanten deter- minieren, logisch miteinander zu verknüpfen, widme ich mich ihnen in derselben chronologischen Reihenfolge, in der sie Jakob zur Erzählung seiner Lebensgeschichte dienen. Dabei stelle ich einen engen Bezug zur Determinismusidee her.

Allem voran ist zu erwähnen, dass jeder Mensch bereits durch den Ort und Zeitpunkt seiner Geburt bestimmt wird, denn er unterliegt einer „Gebunden- heit an Stunde, Ort und Umstand“8. Inwiefern sich diese Faktoren als die Ursachen von Jakobs Deklassierung erweisen, diskutiere ich im Folgenden. Jakob kommt in der Brigittenau als Sohn eines Hofrates zur Welt, welcher einen „ungeheuren, ministerähnlichen Einfluß“ [sic] (AS, 63)9 ausübt. Somit kann man davon sprechen, dass er „aus einem sehr wohlhabenden, aristokratischen Milieu“10 stammt. Seine Mutter verstirbt frühzeitig und nimmt daher keinen Einfluss auf sein Leben.

Die entwicklungspsychologische Milieutheorie, die mit der Determinismus- idee in Verbindung gebracht wird, beschreibt den Menschen als von drei Faktoren bestimmt: Seiner Herkunft, seinem Lebensumfeld und seinen Zeitumständen. Demnach wird er von den historischen, kulturellen und sozialen Bedingungen des Milieus, in das er unwillentlich hineingeboren wird, charakterlich geprägt und in seiner Lebensführung eingeschränkt. Auch Jakobs Familie bzw. weiter gefasst „der Umkreis, in dem er aufwächst, haben für sein Schicksal eine bestimmende und wesentliche Bedeutung“11. Insbesondere die elterliche Zuwendung übt einen starken Einfluss ihn aus. Unter der autoritären und von Subordination geprägten Erziehung seines ehrgeizigen Vaters leidet Jakob. Diesen beschreibt er als „,heftig und ehrgeizig‘“ (AS, 63). „Die Härte des Erziehers [...] bindet ihn aber auch gleichzeitig auch immer unlösbarer an das Bild seines Vaters“12, denn er sehnt sich nach seiner Liebe und Anerkennung.

[...]


1 von Wiese, Benno: Die deutsche Novelle. Von Goethe bis Kafka. Düsseldorf: 1963, Seite 149.

2 von Wiese, S. 135.

3 Redemann, Janine: Wie frei ist der Mensch? Berlin: 2015, S. 132 - 133.

4 vgl. Redemann, S. 205.

5 Apel, Max: Philosophisches Wörterbuch. Berlin: 1948, S. 247.

6 Redemann, S. 207-208.

7 Apel, S. 247.

8 Müller, Joachim: Grillparzers Menschenauffassung. Weimar: 1934. S. 7.

9 Grillparzer, Franz: Der Arme Spielmann. In: Grillparzers Werke. In drei Bänden. Erster Band. Berlin und Weimar. S. 63.

10 von Wiese, S. 140.

11 von Wiese, S. 135.

12 Politzer, S. 379.

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