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Die Motive des Gedächtnisverlustes in der filmischen Erzählung "Für immer Liebe"

Akademische Arbeit 2018 14 Seiten

Germanistik - Sonstiges

Leseprobe

Inhalt

I. Einleitung

II. Autobiographisches Gedächtnis

III. Amnesien
i. Retrograde Amnesie
ii. Amnesie-Motiv als dramaturgische Maßnahme im filmischen Erzählen

IV. Gedächtnisverlust in FÜR IMMER LIEBE
i. Die Handlung aus Sicht der amnesiebetroffenen Protagonistin Paige
ii. Art des Gedächtnisverlustes
iii. Narrative Gestaltung
iv. Funktion der Amnesie im Handlungsaufbau
v. Konflikt durch Amnesie

V. Fazit

VI. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Die Sache ist die: Jeder einzelne von uns ist die Summe sämtlicher Momente, die er jemals erlebt hat. Mit all den Menschen, die er kennt. Und diese Momente sind es, die unsere Geschichte ausmachen. Sowas wie unsere persönlichen größten Hits unter unseren Erinnerungen, die wir im Geist immer und immer wieder abspielen. […] Das also ist meine Theorie, dass diese Wahnsinnsmomente ausmachen, wer wir eigentlich sind. Aber eins habe ich dabei nie bedacht. Was ist, wenn man sich eines Tages an keinen mehr erinnern kann? (FÜR IMMER LIEBE. Michael Sucsy. USA 2012. TC: 00:08-00:17)1

Jeder kennt es aus dem Alltag. Mal vergisst man nach dem Kinobesuch, wo man das Auto abgestellt hat oder beim Einkaufen werden die Zutaten für den Kuchen vergessen. Was aber passiert, wenn man Erinnerungen aus dem eigenen Leben vergisst? Wenn einem die erlebten ‚persönlich größten Hits‘ der letzten Jahre für immer verborgen bleiben? Fragen mit denen sich auch die Filmbranche beschäftigt. Immer wieder werden dramatische Werke produziert, in denen eine Amnesie das zentrale Handlungsmotiv darstellt. Ein Beispiel dafür ist FÜR IMMER LIEBE von Michael Sucsy. Innerhalb dieser Ausarbeitung soll analysiert werden welches Motiv in dieser filmischen Erzählung bezüglich des Gedächtnisverlusts verfolgt wird. Dies wird mithilfe einer Betrachtung der Narration und der Funktion der Amnesie im Handlungsaufbau zusammen mit der Bestimmung der Art des Gedächtnisverlusts und der auftretenden Konflikte erreicht. Grundlage für diese Anschauung ist ein theoretisches Wissen über das autobiographische Gedächtnis, welches die eigenen erlebten Erinnerungen speichert. Bezüglich des Gedächtnisverlusts wird der Begriff der Amnesien eingeführt, um letztendlich die Unterschiede innerhalb der Ursachen und Symptomen zu verdeutlichen. Da es sich in der filmischen Erzählung FÜR IMMER LIEBE um eine Protagonistin mit einer bestimmten Art von Amnesie handelt, wird nach den Unterscheidungen der verschiedenen Formen lediglich auf eine Art vertiefend eingegangen. Anschließend werden verschiedenen dramaturgischen Maßnahmen vorgestellt, die mithilfe des Motivs einer Amnesie im filmischen Erzählen genutzt werden können, sodass hier das zentrale Fundament für die spätere Analyse geschaffen wird. Eine kurze Zusammenfassung über die Handlung aus Sicht der Protagonistin, die der Amnesie zum Opfer fällt, dient anschließend als Einführung und Überblick für die weitere Untersuchung.

II. Autobiographisches Gedächtnis

Das autobiographische Gedächtnis stellt als Teil des Langzeitgedächtnisses das komplexeste Gedächtnissystem dar. Während das semantische Gedächtnis Assoziationen und Konzepte beinhaltet, die als Grundlage für das allgemeine Weltwissen dienen, und das prozedurale Gedächtnis als Nährboden zum Erlernen von Fertigkeiten, auf die wir im Alltag angewiesen sind, zu verstehen ist (vgl. Schacter 1999, S. 222), beinhaltet das autobiographische beziehungsweise episodische Gedächtnis die Informationen, die sich auf das eigene Selbst beziehen (vgl. Pohl 2007, S. 44). Im Grunde genommen definiert es einen Menschen und verschafft ihm seine Identität. Dabei hält Brewer (1986) fünf Merkmale für autobiographische Erinnerungen fest. Zum Einen sind die Vorstellungen der eigenen Vergangenheit visueller Art, die zudem mit Erinnerungen der Zeit und des Ortes einhergehen. Außerdem besteht die Gewissheit, dass das Erlebnis selbst erlebt wurde und der Glaube daran, dass es eine wahre und authentische Erinnerung ist. Das zentrale Merkmal autobiographischer Erinnerungen stellt die Emotionalität dar. Das heißt, dass an die erinnerten Erlebnisse eigene Gedanken und Gefühle gebunden sind (vgl. ebd., S. 45). Desweiteren hat das autobiographische Gedächtnis verschiedene Funktionen. Einerseits besteht die Auffassung, „dass das autobiographische Gedächtnis als ein soziales Konstrukt anzusehen ist, das in menschlicher Interaktion entsteht und für eben diese förderlich ist“ (ebd., S. 119). So können gemeinsame Erinnerungen nicht nur Anlass für ausgiebige Gespräche sein, sondern zudem eine Festigung zwischenmenschlicher Beziehungen bewirken. Eine weitere Funktion stellt die Handlungsanleitung dar. Indem zum Beispiel aus Fehlern gelernt wird, können Erinnerungen als Leitfaden für gegenwärtiges Verhalten und Erwartungen verstanden werden (vgl. Heinzle 2018). Außerdem werden mithilfe von erinnerten Erfahrungen Einstellungen und Meinungen entwickelt, die die Planung von gegenwärtigen oder auch zukünftigen Handlungen lenken kann. Die dritte Funktion wird von Bluck (2003) auch als „Funktionen für das Selbst“ (Pohl 2007, S. 125) bezeichnet. Damit ist gemeint, dass das autobiographische Gedächtnis unteranderem die Grundlage bildet, um ein Selbstkonzept zu entwickeln und zugleich das Resultat der Lebensgeschichte ist, die das Selbst geschrieben hat (vgl. ebd., S. 130). Es besteht also eine Wechselwirkung zwischen dem Selbst und dem autobiographischen Gedächtnis, welche Pohl mithilfe des Satzes „Wir sind, was wir erinnern, und wir erinnern, was wir sind“ (ebd., S. 130) verdeutlicht.

III. Amnesien

Das System des autobiographischen Gedächtnisses verbindet das Wissen von Erfahrungen und Kontexten mit den entsprechenden emotionalen Empfindungen und ist damit sehr komplex. Diese Komplexität bewirkt, dass eben dieses Gedächtnissystem am anfälligsten ist. Hirnschäden, Stress oder auch ein Trauma können zu Gedächtnisverlusten führen, solch genannten Amnesien. Ungewöhnliche Ereignisse oder auch Ereignisse, die während einer Hypnose geltend gemacht werden, lösen sogenannte induzierte Amnesien aus (Pohl 2007, S. 185). Psychogene beziehungsweise hysterische Amnesien stellen dissoziative Störungen dar, die als Folge eines traumatischen Erlebnisses auftauchen. Der Gedächtnisverlust kann in dieser Weise also als Schutzfunktion verstanden werden (ebd.). Amnestische Störungen hingegen haben einen organischen Ursprung, also einen medizinischen Krankheitsfaktor und somit eine Vielzahl an möglichen Ursachen wie zum Beispiel Virus-Infektionen, Gehirn-Läsionen bei Unfällen oder auch Gehirn-Abbau beispielsweise durch eine Alzheimererkrankung (ebd.). In allen dreien Bereichen der möglichen Ursachen für Amnesien kann der Gedächtnisverlust nur Teile oder auch gänzliche Erinnerungen betreffen, die zeitweise oder dauernd nicht mehr abgerufen werden können. Dies kann allgemein als Folge der Beeinträchtigung der Aufnahmefähigkeit oder infolge von Hemmungsvorgängen bei der Reproduktion auftreten (vgl. ebd., S. 184). Unter der Sammelbezeichnung der Amnesie wird desweiteren zwischen congrade, anterograde und retrograde Amnesie unterschieden. Congrade Amnesien beziehen sich dabei auf das Trauma selber, während antrograde und retrograde Amnesien Ereignisse nach beziehungsweise vor dem Trauma betreffen.

i. Retrograde Amnesie

Retrograde Amnesien bezeichnen Gedächtnisverluste im Zeitraum vor einem Trauma. Dabei ist das Ausmaß oder die Dauer von Fall zu Fall unterschiedlich, jedoch sind in der Regel immer die Erinnerungen aus dem späteren Lebensalter stärker betroffen. Vor allem der Zeitabschnitt direkt vor dem Trauma wird meist nicht mehr erinnert. Während ältere Erinnerungen innerhalb des Heilungsprozesses wieder Stück für Stück zurück ins Gedächtnis gelangen, bleiben die Erinnerungen dieses unmittelbar mit dem Trauma verbundenen Zeitraums oftmals im Verborgenen. Manche Patienten erinnern sich nach einem gewissen Zeitraum schlagartig wieder an alles, was zuvor noch im Gedächtnis verborgen war. Andere wenige Patienten erinnern sich niemals an die verlorengegangenen Erlebnisse und Erfahrungen vor dem Trauma. Allerdings ist im Allgemeinen lediglich das episodische Gedächtnis von der retrograden Amnesie betroffen, während das semantische und das prozedurale Gedächtnis schadlos das Trauma überstanden haben (vgl. Pohl 2007, S. 184). Das heißt die Betroffenen verlernen beispielsweise nicht die Fähigkeit wie man Auto fährt und wissen noch immer, dass in Deutschland Rechtsverkehr herrscht, jedoch können sie sich eventuell überhaupt nicht mehr daran erinnern, den Führerschein gemacht zu haben. Passend dazu fand eine zunehmende Anzahl an Forschungen in den letzten Jahres heraus, dass retrograde Amnesien vor allem für die eigene Autobiographie entscheidend sind (ebd. S. 184). Wer sich an seine eigene Vergangenheit und seine Erlebnisse nicht erinnern kann, hat Schwierigkeiten sich selber zu definieren. In den meisten Fällen erhalten die Betroffenen dank Freunden oder der Familie eine Reihe an Faktenwissen über ihr eigenes Leben, jedoch kann dies eigene Erinnerungen nicht ersetzen. Mit dem Vergessen der eigenen Vergangenheit oder Teile dieser, erlischt zugleich ein mehr oder weniger großer Teil der Person selbst. Lücken im Gedächtnis bewirken, dass das Einschätzen der Gegenwart schwer fällt und die Planung einer Zukunft unmöglich erscheint (vgl. Schacter 1999, S. 261). Daniel L. Schacter beschreibt den Gedächtnisverlust der Zeit vor dem Trauma zudem als Einbüßen der Fähigkeit in der eigenen Zeit reisen zu können. Damit verliert der Mensch das Bewusstsein für das, was er ist und was er will (vgl. ebd.).

ii. Amnesie-Motiv als dramaturgische Maßnahme im filmischen Erzählen

Amnesien jeglicher Art bewirken im realen Leben ergreifende menschliche Dramen (vgl. Schacter 1999, S. 221). Nicht verwunderlich, dass in der Filmbranche des Öfteren das Motiv einer Amnesie als Grundlage für ein mitreißendes Drama genutzt wird. Darüber hinaus können ein Gedächtnisverlust und der damit verbundene Identitätsverlust eine hervorragende Ausgangslage für einen spannungsgeladenen Thriller liefern. Amnesien können also als Handlungselemente mit den verschiedensten Themen verknüpft sein und somit als Nährboden für unterschiedliche filmische Erzählungen dienen. Dabei bietet die Filmgeschichte eine große Auswahl an Beispielen, in denen Amnesien die Rolle eines psychologischen Phänomens einnehmen und damit zu einem zentralen Handlungsmotiv des Films werden (vgl. Kirste 2001, S. 169). Im Vordergrund dieser Erzählungen steht hierbei immer eine Identitätsproblematik, die auf verschiedenste Weisen vertieft oder dargestellt werden (vgl. ebd., S. 170). In den meisten Fällen vergisst die Hauptfigur Daten und Fakten über die eigene Person, sodass ein Spannungsfeld zwischen dem Vergessen und Erinnern in Bezug zur eigenen Identität entsteht (vgl. ebd.).

[...]


1 Im weiteren Verlauf der Ausarbeitung beziehen sich die Quellenangaben mit Minutenhinweis auf das Werk FÜR IMMER LIEBE, weshalb zur Verbesserung des Leseflusses auf die Angabe von FÜR IMMER LIEBE. Michael Sucsy. USA 2012 verzichtet wird.

Details

Seiten
14
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783346129222
ISBN (Buch)
9783346129239
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v513779
Institution / Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Note
1,7
Schlagworte
motive gedächtnisverlustes erzählung liebe
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Titel: Die Motive des Gedächtnisverlustes in der filmischen Erzählung "Für immer Liebe"