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Widerstand während der Kollektivierung unter Josef Stalin

Inwiefern handelte es sich bei den Handlungen der Bauernschaft um Widerstand?

Hausarbeit 2019 26 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Russland, Länder der ehemal. Sowjetunion

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Widerstand
2.1 Begriffsklärung
2.2 Formen des Widerstands
2.3 Wahrnehmungen

3. Situation der Bevölkerung
3.1 Überblick über die Umstände ab 1917
3.2 Bauernschaft

4. Kollektivierung unter Stalin
4.1 Ideologie
4.1.1 Die Angst vor dem Kapitalismus
4.1.2 Definition Kulake
4.1.2 Propaganda
4.2 Entkulakisierung
4.2.1 Kampagnenübersicht
4.2.2 Repressionen

5. Handlungen der Bauern
5.1 indirekte Handlungen
5.2 direkte Konfrontationen

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Herero und Nama in Deutsch-Südwestafrika, die Juden im Dritten Reich, die Bosniaken in Srebrenica oder die Bauern in der Sowjetunion – sie alle teilen eine Gemeinsamkeit in ihrer Geschichte. Denn sie fielen systematisch millionenfach durchgeführten Repressionen und Ermordungen zum Opfer. In der Geschichte der Menschheit legitimierten höhere Mächte stets ihre Unterdrückung gegen Minderheiten durch ihre „Andersartigkeit“. So wurde beispielsweise die indische Bevölkerung ein Objekt der britischen Kolonialpolitik. Mit der Widerstandsbewegung von Mahatma Gandhi mobilisierten sich die Bevölkerungsschichten und stellten die Legitimation des Regimes in Frage. Insbesondere die indischen Bauern leisteten Widerstand und Gegenwehr.1 Der Klassenkampf Stalins, geboren als Josef Dschugaschwili im Kaukasus2, schürte eine Feindseligkeit gegen sogenannte „Kulaken“ innerhalb der Bauernschaft. Im Zuge der mutmaßlichen Befreiung der Sowjetunion von Kapitalisten, wurden Bauern von 1929 bis 1933 enteignet und deportiert. Schätzungen zufolge hat diese Entkulakisierung 530.000 bis 600.000 Menschleben gekostet.3

Der Fokus dieser Arbeit liegt auf den Umständen und Handlungen der Bauern zur Zeit der Kollektivierung, welche innerhalb der Geschichtsforschung unterschiedlich interpretiert werden. Die Handlungen der Bauern werden einerseits als Widerstand, andererseits als schlichte Reaktionen auf die ihnen gegenüber erbrachte Repression beschrieben. Dabei dient die Arbeit nicht zur reinen inhaltlichen Erschließung der Geschehnisse, sondern zur Einführung in die Frage inwiefern es sich bei den Handlungen der Bauernschaft um Widerstand handelte.

Dazu erfolgt die Beschreibung des Begriffes Widerstand mit seinen Erscheinungs- und Wahrnehmungsmöglichkeiten. Daraufhin wird zunächst die Situation der Bevölkerung und dann die Kollektivierung geschildert, um einen inhaltlichen Umriss zu bieten. Hierzu wird sowohl das ideologische Verständnis der Bolschewiki, als auch die Repressionskampagne gegen die Kulaken zusammengefasst. Dabei sind die Definition des „Kulaken“ und die gegen ihn geführte Propaganda von großer Bedeutung. Im Anschluss folgt die Betrachtung der unterschiedlichen bäuerlichen Handlungen. Abschließend wird ein Fazit im Zusammenhang zu der formulierten Leitfrage gezogen.

2. Widerstand

2.1 Begriffsklärung

Der Begriff Widerstand ist äußerst schwierig zu definieren, da dieser besonders facettenreich ist. Ähnlich wie anderweitige Verhaltensweisen, kann er durch diverse Motive ausgelöst werden und in den unterschiedlichsten Erscheinungsformen auftreten.4

Im Folgenden erfolgt ein Versuch der Begriffserklärung.

Häufig sind es humanitäre Gedanken aus dem Herkunftsmilieu, der Religion oder der Literatur, welche den Widerstand leiten.5 Im allgemeinen Sprachgebrauch wird unter der Begrifflichkeit „Widerstand“ das sich Widersetzen oder sich Entgegenstellen verstanden. Grundsätzlich kann die in Aktion umgesetzte Nicht-Akzeptanz etwas Bestehendem, ungeachtet der erbrachten Begründung, als Widerstand definiert werden. Damit ist ein rechtmäßiges Auflehnen gegen etwas verbunden, dem es seinerseits an Rechtsmäßigkeit mangelt.6 Bei jedem Widerstandsfall handelt es sich um eine Zusammensetzung dreierlei Komponenten. Es liegt stets ein Angriffssubjekt, ein Angriffsobjekt und eine Angriffshandlung vor. Das Subjekt ist die Person, welche die Angriffshandlung vornimmt. Dagegen repräsentiert das Objekt jene Ordnung, gegen die eine Handlung ausgeführt wird. Die letzte Komponente stellt die Angriffshandlung, welche die Unternehmung zur Beseitigung des Objekts voraussetzt.7 Dabei ist die Übereinstimmung von Fremd- und Selbstwahrnehmungen über die Legitimität des Vorgehens weder voraussetzend, noch notwendig.8 Im Mittelalter, in der Frühen Neuzeit oder heutzutage dient der Gehorsam gegenüber der Rechtsordnung als Fundament zur Sicherung dieser. Diese Ordnung lies ein Widerstandsrecht gegen die rechtmäßig eingesetzte Obrigkeit kaum zu. Im Gegenteil hätte laut Anton Bauer (1808) ein gegebenes Widerstandsrecht einen Zustand von Despotismus und Anarchie hervorgerufen. Dadurch ergaben sich lediglich sehr kleine Spielräume für organisierte Widerstände gegen die Repräsentanten einer Rechtsordnung.9 Allerdings bestand stets eine Ausnahme des Gehorsams, die sich auf die Pflichten eines gläubigen Menschen gegenüber Gott beliefen. Demnach stand ihnen ein aktives Widerstandsrecht gegen Häretiker zu, selbst wenn es sich um die Obrigkeit handelte. Der Widerstand gegen diese galt als Schutz des Gemeinwesens vor Tyrannen.10 Widerstand kann ein Instrument sein, um für politische Veränderung oder lediglich die Verhinderung bestimmter staatlicher Aktionen zu protestieren. Oftmals mündet eine tendierende Verschärfung in die Anwendung von Gewalt.11 Dabei sprechen die Gegner des Systems diesem ihrerseits die Legitimität ab und stellen das gesamte in Frage.12 Folglich fungiert der Widerstand als ein Symbol der Gewissensentscheidung und der Verteidigungswürdigkeit eines Individuums. Allerdings ebenfalls der Rechtfertigungsfunktion eines jeden Staates.13 Doch die Ausübung eines Widerstands ist von mehreren Faktoren abhängig. Sie ergibt sich aus der Situation der einzelnen Person, der Einsicht, der Entschlossenheit und gleichzeitig der ihr zur Verfügung stehenden Möglichkeiten.14 Demnach ist nicht jeder Mensch in der Lage dazu, einen ähnlichen Widerstand auszuüben, dem laut Holzer eine gewisse Organisation vorausgesetzt sein muss.15 Zudem gilt es zwischen dem analytischen und politisch-moralischen Begriff des Widerstands zu unterscheiden. Der analytische Widerstand bezeichnet jegliche eine Diktatur unterminierende Handlung, unabhängig vom Motiv, als Widerstand. Der politisch-moralische Widerstand umfasst die Widerständler, welche einer freiheitlich-rechtsstaatlichen Gesellschaft als Vorbilder dienen können. Demnach müssen die verfolgten Ziele in Richtung Demokratie führen. Außerdem müssen die Aktionen auf dem Zweck angemessenen Mitteln beruhen.16

2.2 Formen des Widerstands

Ähnlich wie jegliche Verhaltensweisen, kann ein Widerstand ebenfalls in unterschiedlichen Formen und Facetten auftreten.17 Im Folgenden gilt es einige ausgewählte dieser Widerstandsformen zu beschreiben, um im späteren Verlauf dieser Arbeit auf die Handlungen der Bauernschaft zur Zeit der Kollektivierung Bezug zu nehmen. An dieser Stelle sei betont, dass das Folgende keineswegs der Erfassung aller Widerstandsformen vermag. Stattdessen soll ein Einblick in die Vielfalt von Widerstandsformen ermöglicht werden.

Eine Form des Widerstands wird als civil disobedience bezeichnet . Dieser Begriff umfasst einen Widerstand im Detail, bei dem er als Mittel zur Veränderung, allerdings nicht zum Umsturz dient. In diesem Fall richtet sich der Widerstand gegen ein politisches System, welches durch partielle Gehorsamsverweigerung gestört, jedoch nicht gestürzt werden soll. Dieses Konzept fand beispielsweise unter Mahatma Gandhi gegen die britische Kolonialherrschaft Verwendung.18

Oftmals repräsentieren Widerstände eine Form von individueller Selbsthilfe. In den meisten Fällen dient der Widerstand dazu, die eigenen Interessen so gut wie möglich zu vertreten. Hierfür greifen die Widerständler/-innen zu unterschiedlichen Methoden. Beispielsweise verstellen sie sich oder täuschen Unwissen vor. Häufig zeigen sie eine falsche Bereitschaft beispielsweise dem Regime gegenüber auf oder verleumden dieses im Gegensatz dazu.19 Auf diese Weise sorgen sie entweder für Gerüchte oder lassen Wahrheiten ans Licht treten. Beiderlei leisten sie Widerstand. Scott beschreibt aktivere Formen des Widerstands als zum Beispiel die Brandstiftung oder die Sabotage. In einigen Fällen kommt es zu aktiven, gewalttätigen Gegenwehr. Doch viel öfter sind Widerstandsformen passive in Gestalt von Umgehungen, Täuschungen oder schlichter Nichteinhaltung von beispielsweise Regelungen oder Gesetzen. Selbst die achtlosere Vollbringung von auferlegten Aufgaben aufgrund von empfundener Unzufriedenheit dem Oberhaupt gegenüber, kann als eine Erscheinungsform des Widerstands erachtet werden. Folglich können Verhaltensweisen wie Ignoranz ebenfalls in Form von Gegenwehr auftreten. Vor allem bäuerlicher Widerstand ist primär passiv gekennzeichnet. Das bedeutet, dass die direkte Konfrontation mit beispielsweise dem Staat oder der Instanz gemieden wird.20 Des Weiteren ist die Flucht oder gar das Verhelfen eines anderen Menschen zur Flucht ein Akt des Widerstands.21 Im Rahmen dieser Arbeit ist bei begangenen Taten oder Gewaltakten die Rede von aktiven Handlungen. Ansonsten sind es eher passive Erscheinungsformen.

Grundsätzlich ruht eine gemeinsame Eigenschaft in all den genannten und weiteren unzähligen Formen. Sie beabsichtigen die Abschwächung oder Ablehnung von Ansprüchen ihnen selbst übergeordneter Klassen.22

2.3 Wahrnehmungen

Doch nicht jeder beabsichtigte Widerstand wird oder wurde auch als solch einer erachtet. Im Laufe der Zeit entwickeln sich stets neue Ausprägungen und unterschiedliche Wahrnehmungen des Widerstands.23 Die Betrachtung und Bewertung von Widerstandsleistungen muss stets mit dem entsprechenden zeitgeschichtlichen, politischen und persönlichen Hintergrund des Protagonisten oder der Protagonistin erfolgen.24 Gleichzeitig ist die Wahrnehmung standort- und zeitspezifisch geprägt und bedarf des Blickes der Nachlebenden und Zeitgenossen. Aus diesen Blickwinkeln ergibt sich, dass es äußerst notwendig ist die Handlungen und Verständnisweisen von Menschen zusammen mit dem Kontext und dem Wahrnehmungshorizont ihrer Zeit zu betrachten. Lediglich so könne ein Verständnis aufgebaut werden. Laut P. Steinbach beruht die Wahrnehmung von Widerständen auf ethisch und religiös reflektierten Entschlussbildungen. Beispielsweise wird Schenk Graf von Stauffenberg heutzutage als heldenhafter Regimegegner zelebriert, der am 20. Juni 1944 mit dem Versuch Adolf Hitler zu töten, Widerstand leistete.25 Angesichts des heutigen Forschungsstandes und des bestehenden demokratischen Systems, übte er Widerstand gegen ein Unrechtregime aus. Doch zur damaligen Zeit wurde von Stauffenberg für das versuchte Attentat diffamiert und ihm wurde sowohl sein Anstand als auch seine Ehre abgesprochen.26 Um dies nachvollziehen zu können, ist es nach Steinbach notwendig den Menschen aus den Kontexten und Wahrnehmungshorizonten ihrer Zeit zu verstehen. Trotz der Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg, bezeichneten die Anhänger Hitlers die Widerstandsunternehmungen als „erfolgslose und unverstandene Bemühung verlassener Verschwörer“ und erkannten diesen nicht als gerechtfertigten Widerstand an, da ihre ideologische Überzeugung innerhalb ihres persönlichen Hintergrundes überwog.27 In ihren Augen wurde ein rechtmäßiges Regime bekämpft und kein unrechtes, wie es das im heutigen Wissensstand ist. Hier ist erneut die Unterscheidung des analytischen und politisch-moralischen Widerstands von Bedeutung.28

Äußerst interessant gestaltet sich die geschlechterspezifisch variierende Wahrnehmung. Besonders erwähnenswert ist der im Jahre 1917 von Frauen durch Hungerproteste ausgelöste Widerstand in Petrograd. Der Streik der Textilarbeiterinnen entwickelte sich binnen weniger Tage zu einem Massenstreik und zum Beginn der Oktoberrevolution.29 Doch als Widerständler galten und gelten selbst heutzutage noch primär Männer Waffen als Repräsentationsobjekt des Widerstandes. Gleichermaßen könnte der entscheidende Anteil der an der Revolution beteiligten Frauen in der Sowjetunion verschwiegen worden sein. Im Rahmen der Aufstände gegen die Dekulakisierung wurden stets die aufhetzenden Kulaken gesucht, währenddessen die Frauen ungesehen blieben.30 Da Menschen im Kontext des Wahrnehmungshorizontes ihrer Zeit verstanden werden müssen31, könnte aufgrund der traditionellen Rollenverteilung und dem patriarchisch dominierten Bild von Mann und Frau, die widerstandleistende Frau in den Hintergrund gerückt sein. Weiterhin könnte die patriarchisch dominierte Welt die Aufmerksamkeit bewusst von widerstandleistenden Frauen abgewandt oder diesen nicht als solchen wahrgenommen haben. Dem könnte das Familienleben zugrunde liegen, welches überwiegend von der russisch-orthodoxen Kirche geprägt war32 und in dem selbst die Teilnahme von Frauen an Dorfversammlungen verhöhnt wurde.33 Im zeitgeschichtlichen Kontext könnten Handlungen der Frauen deshalb als bedeutungsloser empfunden worden sein. Dem könnte das Verschweigen des Beitrags der Frau zugrunde liegen. Ungeachtet dessen, dass die gesamte Bauernschaft von den Frauen geführt worden sei.34

3. Situation der Bevölkerung

3.1 Überblick über die Umstände ab 1917

In den Jahren ab 1914 durchlebte das Zarenreich und dessen Bevölkerung in der Sowjetunion mitunter aufgrund des Ersten Weltkrieges eine Zeit der zuspitzenden Unzufriedenheit, des Lebensmittelmangels und der Inflation. Mit den Hungerprotesten des Jahres 1917 in Petrograd, begann die heutzutage als Russische Revolution bekannte Ära. In Folge der Aufstände wurden sogenannte Schattenregierungen wie beispielsweise die provisorische Regierung als Übergangsregime gegründet. Im gleichen Jahr kam es zur Abdankung des Zarenreiches und mit diesem erfuhr die Sowjetunion eine neue Entwicklung. In den June Days widerfuhr die Sowjetunion eine zunehmende Kommunistialisierung sowie einen verstärkten Lenin- und Bolschewismus. Die Jule Days brachten erneute Proteste der Bevölkerung gegen den Staat mit sich. Zusätzlich erfolgte innerhalb des Zeitraums vom 23. bis zum 26. Oktober 1917 der Bolschewistische Putsch, der in einen Bürgerkrieg mündete.35 Die bis zu diesem Zeitpunkt regierende provisorische Führung wurde seitens Lenin gestürzt.36 Im Nachhinein legten die Bolschewisten die in Proteste mündenden Dynamiken in ihrem Sinne für sich aus. Mit diesen Ereignissen begann für die Sowjetunion eine Phase, in der sie zunehmend Radikalisierungsprozessen ausgesetzt war.37 Ein Grund für die Radikalisierung könnte die Angst vor der sowjetischen Abspaltung gewesen sein, die nur im Kriegskontext verstanden werden kann.38 Allerdings würde dies den Rahmen dieser Arbeit überschreiten. Lynne Viola beschreibt die Umstände der Jahre ab 1917 als einen nie endenden Bürgerkrieg, den die Bauern virtuell mit dem Staat führten.39

Aufgrund der Kollektivierung und Dekulakisierung, litt die Bevölkerung zunehmend unter einer Hungersnot, ausgelöst durch enorme Versorgungengpässen. Zusätzlich verstärkten sich die Ausbeutungen der Dörfer und die Umstände verschlechterten sich rasant.40

Im internationalen Kontext wurde die Revolution lediglich in ihrer Bedeutung für den weiteren Kriegsverlauf wahrgenommen. Mit der deutschen Niederlage im Jahre 1918, nahm die Aufmerksamkeit auf die Stellung der Sowjetunion im internationalen System zu. Der Grund dafür liegt vermutlich darin, dass diese die einzige europäische Großmacht darstellte, welche nicht im Versailler System eingeschlossen war. Durch die deutsch-sowjetische Sonderbeziehung erhoffte sich Deutschland eine Stärkung im internationalen System.41

3.2 Bauernschaft

Doch die materiellen und menschlichen Verluste aus den Kriegsjahren und die darauffolgende Hungersnot im Zuge des Bürgerkriegs, forderten die Bauern enorm. Die der Zwangskollektivierung unterliegende und als enorm sozial engagiert beschriebene Bauernschaft, wurde von der Figur des mittleren Bauern dominiert.42 Die Bauernschaft wird in den meisten Literaturquellen als eine Gemeinschaft von sehr gering bis gar nicht politisch interessierten Menschen charakterisiert, die in ihrem eigenen kulturellen Gefüge lebten.43 Zum Erschließen der Umstände und des Kontextes, soll nun die Situation der Bauernschaft umschrieben werden. Diesbezüglich folgt zunächst eine knappe Schilderung der Lage vor der Revolution, um anschließend die nachrevolutionäre Zeit zu beschreiben.

Grundsätzlich stand den Bauern seit dem 16. Jahrhundert aufgrund der Hörigkeitsordnung aus der russischen Agrarverfassung kein Privateigentum zu. Stattdessen war ihr Grund und Boden Besitz der Gutsherren. Obwohl im Jahre 1861 die Leibeigenschaft aufgehoben wurde, blieb die Rechtanschauung bestehen. Die Bauernschaft hatte zugewiesene Bereiche, um die sie sich zu kümmern hatte.44 Das von den Bolschewisten verfolgte Ziel war eine Nationalisierung des Grunds und Bodens und die Aufteilung des Landes auf die Bauernschaft. Dieses Land hatten die Bauern für die Gemeinschaft zu nutzen. Mit der Revolution und Machtergreifung erfolgte die bestrebte Nationalisierung und Aufhebung des gutsherrlichen Grundbesitzes. Es kam zu einer Neuaufteilung des Landes, die von spontaner und allgemeiner Aneignung geprägt war. Im Allgemeinen wurden alle Privatbesitzer enteignet und Feldgemeinschaften gebildet.45 Dieser war scheinbar der erste Schritt der typisch-sowjetischen Methode zur agrarischen Umwälzung. Die Beschreibung und Aufführung dieser Aspekte ist deshalb von Bedeutung für diese Arbeit, weil sie die wandelnden Lebensumstände der Bauern charakterisiert. Diese sind, wie Zehnpfennig aufführt, notwendig zur Bewertung von möglichen Widerstandsformen.46 Denn die Revolution führte zur Verdrängung und Veränderung wichtiger Aspekte des Bauernlebens. Dennoch wies die Bauernschaft eine stetige Kontinuität auf. Die grundlegenden Strukturen der Dörfer blieben trotz der Revolutionen, Verdrängungen und versuchten Veränderungen bestehen. Dies betont die Beständigkeit und gleichzeitige Anpassungsfähigkeit der bäuerlichen Kultur, die sich stetig entwickelte und trotz dessen ihren Ursprung beibehielt. Insbesondere Frauen hielten zur Zeit der Kollektivierung unter Stalin an konservativen Vorstellungen im Haushalt, der Familie, der Ehe und des Glaubens fest.47

[...]


1 Dharampal-Frick, Gita; Ludwig, Manju: Das Erbe des Kolonialismus. 2009, S.148.

2 Morozow, Michael: Der Georgier. Stalins Weg und Herrschaft. Georg Müller Verlag, 1980, S. 13.

3 Hildemeier, Manfred: Die Sowjetunion 1917-1991. Berlin: Walter de Gruyter, 2016, S. 38 f.

4 Zehnpfennig, Barbara: Politischer Widerstand. Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft, 2017, S.8.

5 ebd. S. 7f.

6 ebd. S. 7.

7 Gröschner, Rolf: Das Widerstandrecht des Grundgesetzes. Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft, S. 91.

8 Zehnpfennig, Barbara: Politischer Widerstand. Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft, 2017, S. 7f.

9 von Friedeburg, Robert: Widerstandsrecht in der Frühen Neuzeit. Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft, 2017, S. 41-43

10 ebd. S. 44.

11 Hürten, Heinz: Gehorsam und Widerstand. 2007, S. 135.

12 Zehnpfennig, Barbara: Politischer Widerstand. Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft, 2017, S. 7.

13 Gröschner, Rolf: Das Widerstandrecht des Grundgesetzes. Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft, S. 89f.

14 Hürten, Heinz: Gehorsam und Widerstand. 2007, S. 135.

15 Holzer, Willibald I.: Politischer Widerstand gegen die Staatsgewalt. Eichfeld: Europa Verlag, S. 5.

16 Kellerhoff, Sven F.: Staatsfeindlicher Menschenhandel. Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft, 2017, S. 285-287.

17 Zehnpfennig, Barbara: Politischer Widerstand. Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft, 2017, S. 8.

18 Hürten, Heinz: Gehorsam und Widerstand. 2007, S. 136.

19 Scott, James C.: Weapons of the Weak. Everyday Forms of Peasant Resistance, London: Yale University Press, 1985, S. 29

20 Scott, James C.: Weapons of the Weak. Everyday Forms of Peasant Resistance, London: Yale University Press, 1985, S. 30

21 Zehnpfennig, Barbara: Politischer Widerstand. Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft, 2017, S. 13.

22 Scott, James C.: Weapons of the Weak. Everyday Forms of Peasant Resistance, London: Yale University Press, 1985, S. 32.

23 Holzer, Willibald I.: Politischer Widerstand gegen die Staatsgewalt. Eichfeld: Europa Verlag, S. 5

24 Zehnpfennig, Barbara: Politischer Widerstand. Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft, 2017, S. 14.

25 Steinbach, Peter: Wer sind wir, dass wir sagen könnten: heroische Tat? Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft, 2017, S. 116-131.

26 Steinbach, Peter: Wer sind wir, dass wir sagen könnten: heroische Tat? Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft, 2017, S. 3.

27 ebd. S. 118.

28 Kellerhoff, Sven F.: Staatsfeindlicher Menschenhandel. Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft, 2017, S. S. 285-287.

29 Scheide, Carmen et al.: Frauen und Geschlechtergeschichte. 2003, S. 9.

30 Baberowski, Jörg: Stalinismus „von oben“. Stuttgart: Franz Steiner Verlag, 1998, S. 81.

31 Steinbach, Peter: Wer sind wir, dass wir sagen könnten: heroische Tat? Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft, 2017, S. 120.

32 Füllsack, Manfred: Postsowjetische Gesellschaft. Turia + Kant, 1996, S. 33.

33 Brovkin, Vladimir N.: Russia After Lenin. London: Psychology Press, 1998, S. 135.

34 Viola, Lynne: Peasant Rebels under Stalin. London: Oxford University Press, 1996, S. 32.

35 Holquist, Peter: Violent Russia, 2003, S. 627-652.

36 Mick, Christoph: Die Sowjetische Propaganda. Stuttgart: Franz Steiner Verlag, 1995, S. 9.

37 Holquist, Peter: Violent Russia, 2003, S. 627-652.

38 Viola, Lynne: Stalinist Perpetrators on Trial. Oxford: University Press, 2017, S. 11.

39 Viola, Lynne: Stalinist Perpetrators on Trial. Oxford: University Press, 2017, S.10.

40 Holzer, Willibald I.: Politischer Widerstand gegen die Staatsgewalt. Eichfeld: Europa Verlag, 1985, S. 5.

41 Mick, Christoph: Die Sowjetische Propaganda. Stuttgart: Franz Steiner Verlag, 1995, S. 9-11.

42 Viola, Lynne: Peasant Rebels under Stalin. London: Oxford University Press, 1996, S. 6.

43 ebd. S.13-44.

44 Georg Brunner et al.: Die sowjetische Kolchosordnung. Stuttgart: Kohlhammer Verlag, 1970, S. 10.; Baberowski, Jörg: Stalinismus „von oben“. Stuttgart: Franz Steiner Verlag, 1998, S. 590.

45 Georg Brunner et al.: Die sowjetische Kolchosordnung. Stuttgart: Kohlhammer Verlag, 1970, S. 12.

46 Zehnpfennig, Barbara: Politischer Widerstand. Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft, 2017, S. 14.

47 Viola, Lynne: Peasant Rebels under Stalin. London: Oxford University Press, 1996, S. 6-7.

Details

Seiten
26
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783346121912
ISBN (Buch)
9783346121929
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v514378
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Friedrich Meinecke Institut
Note
1,7
Schlagworte
widerstand kollektivierung josef stalin inwiefern handlungen bauernschaft

Autor

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Titel: Widerstand während der Kollektivierung unter Josef Stalin