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Ein Vergleich ausgewählter Kriterien des niederländischen und deutschen Morbi-RSA-Systems

Bachelorarbeit 2019 41 Seiten

Gesundheit - Gesundheitswesen

Leseprobe

Inhalt

Tabellenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zielsetzung der Arbeit

3. Hintergrund
3.1. Der Morbi-RSA in Deutschland
3.2. Der Morbi-RSA in den Niederlanden

4. Methodisches Vorgehen
4.1. Identifikation und Aufstellung der Vergleichskriterien
4.2. Durchführung einer systematischen Literaturrecherche
4.3 Wahl der Literatur

5. Ergebnisse

6. Diskussion
6.1. Methode
6.2 Ergebnisse

7. Fazit

Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1 Risikoparameter des niederländischen somatischen Modells

Tabelle 2: Ergebnisse der Literaturrecherche in der "Nomos eLibrary“

Tabelle 3: Ergebnisse der Literaturrecherche in "PubMed“

Tabelle 4 Risikostrukturausgleich Vergleichskriterien .

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Grundsatzliche Funktionsweise des Morbi-RSA

Abbildung 2: Flussdiagramm der systematischen Literaturrecherche

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

Der Risikostrukturausgleich (RSA) wird in vielen Ländern als Werkzeug zur Umverteilung von Beiträgen in solidarisch finanzierten Krankenversicherungssystemen angewendet. Die individuellen Krankheitskosten der Versicherten werden mit Hilfe des RSA identifiziert und ausgeglichen. Neben Deutschland bedienen sich beispielsweise Belgien, die Schweiz, Israel und die Niederlande des finanziellen Ausgleichssystems. Dabei verfolgen die Systeme alle denselben Zweck, die Anreize zur Risikoselektion zu vermeiden, um einen fairen Wettbewerb zwischen den Versicherern zu ermöglichen (Buchner; Schillo, 2016).

Der RSA verfolgt nicht das Ziel, die Versicherer für alle ihre entstandenen Kosten zu entschädigen, sondern soll den Anreiz setzen, durch effektives Management der Gesundheitskosten und Dienstleistungsqualität in der medizinischen Versorgung, sich von der Konkurrenz abzuheben (Litmathe, 2016).

Dabei haben alle Länder im Laufe der Zeit ein eigenes System und folglich unterschiedliche Mechanismen entwickelt, um Risikofälle zu identifizieren. Insbesondere der RSA in den Niederlanden gilt als sehr ausdifferenziert und ist Vorreiter, wenn es um die Weiterentwicklung der Ausgleichformel geht (Buchner; Schillo, 2016).

Mit der Einführung des direkten Morbiditätsfaktors im Jahr 2009 konnte der deutsche RSA kontinuierlich verbessert werden, dennoch stehen bis heute die wirtschaftlichen Effekte und die Modifizierung des RSA in der Diskussion der Fachöffentlichkeit. Stakeholder des deutschen Gesundheitssystems äußern ihre Bedenken über die Ausgestaltung des Ausgleichsmechanismus, der nach wie vor die Risikoselektion in diversen Bereichen fördere. Regionale Unterschiede wie die Arztdichte und die demographische Bevölkerungsstruktur, die Ausweitung der Krankheitsauswahl, die Einführung von Pharmakostengruppen und einige weitere mögliche Steuerungselemente, von denen sich eine präzisere Verteilung der Gelder und eine gesteigerte Manipulationsresistenz des RSA erhofft wird, sind aktuell Gegenstände von Kontroversen (Jacobs, 2015; Drösler et al., 2017).

Die Finanzierung und Verteilung der Geldmittel weist viele Ähnlichkeiten zwischen dem, niederländischen und dem deutschen Krankenversicherungssystem auf, weshalb ein Vergleich sinnvoll ist. Da sich die Diskussionen um den deutschen RSA verstärken, lohnt sich ein Blick in die benachbarten Niederlande, wo bereits viele Erfahrungen mit der Ausweitung des Ausgleichssystems gemacht worden sind. Ausgleichsparameter, die in Deutschland noch diskutiert werden, sind im benachbarten Land bereits seit mehreren Jahren in Kraft. So werden die Faktoren Region, die Pharmakostengruppen und einige weitere Einflussfaktoren berücksichtigt beziehungsweise anders gehandhabt. Der deutsche RSA kann von den Erfahrungen profitieren und sich von den Ausgleichsmethoden inspirieren lassen (Buchner; Schillo, 2016).

2. Zielsetzung der Arbeit

Der RSA unterscheidet sich in vielen Ausgleichsparametern, wenngleich das Grundprinzip und die Ziele dieselben sind. Ziel dieser Arbeit ist daher ausgewählte Faktoren in beiden Ländern zu betrachten und zu vergleichen. Auf Grundlage dieser Arbeit soll erwogen werden können, ob das deutsche Gesundheitssystem aus der Weiterentwicklung des morbiditätsorientierten Risikostrukturausgleichs (Morbi-RSA) in den Niederlanden Erkenntnisse gewinnen und für sich erwägen kann. Dafür sollen zunächst einmal die Hintergrundinformationen zu den Risikostrukturausgleichsmodellen in Deutschland und den Niederlanden folgen. Dabei wird kurz auf die Finanzierung des RSA eingegangen und anschließend die RSA-Modelle und insbesondere die aktuellen Kriterien des Risikoprofils beschrieben. Im vierten Kapitel wird das methodische Vorgehen der Arbeit dokumentiert. Dabei werden die Kriterien definiert, die beim Vergleich der beiden Systeme betrachtet werden und das Vorgehen bei der Literaturrecherche beschrieben. Kapitel fünf setzt sich mit dem Vergleich der Morbi-RSA-Kriterien auseinander. Anschließend werden zunächst das methodische Vorgehen und dann die Ergebnisse der Literaturrecherche diskutiert. Im letzten Kapitel folgen das Fazit und eine Schlussfolgerung darüber, welche Erkenntnisse aus dem Vergleich der RSA-Modelle für den deutschen Morbi-RSA gezogen werden können.

3. Hintergrund

Das niederländische Ausgleichssystem weist, trotz bedeutender Unterschiede im Detail, einige Ähnlichkeiten mit dem deutschen RSA auf. Die beiden Gesundheitssysteme können als Bismarck-Modelle identifiziert werden, denen das Prinzip der Subsidiarität1 zugrunde liegt. Die Systeme fußen auf dem Solidaritätsprinzip mit einkommensabhängigen Beiträgen, einer Versicherungspflicht, jedoch Freiheit bei der Kassenwahl und weitestgehend privat organisierten Versorgungserbringern. Dementsprechend stehen beide Regierungen vor ähnlichen Herausforderungen bezüglich der Gesundheitsversorgung der Bevölkerung. Der Gesetzgeber strebt in beiden Systemen die Balance zwischen der Kostenbegrenzung und einer qualitativen und effektiven Gesundheitsversorgung an. Diese soll durch einen fairen Wettbewerb zwischen den Versicherern zustande kommen, der gesetzlich geregelt ist (Göpffarth et al., 2009).

Die Verteilung der Gelder an die gesetzlichen Krankenversicherungen wird in beiden Ländern über die risikoadjustierten Zuweisungen geregelt. Die Länder bedienen sich eines morbiditätsorientierten Risikostrukturausgleichs, der einkommensabhängige Beiträge in risikoabhängige Zuweisungen umwandelt, um Differenzen der Versichertenstrukturen zwischen den einzelnen Krankenkassen auszugleichen. Der RSA bemüht sich, dieselbe Ausgangsposition und damit einen fairen Wettbewerb zwischen Krankenversicherungen, welche mit unterschiedlichen Versichertenstrukturen und Risiken belastet sind, zu schaffen. Im Idealfall soll das Konkurrieren um gute Risiken nicht mehr erstrebenswert sein. Zur Erreichung dieses Ziels sind viele Nebenbedingungen zu beachten. Der RSA soll die bestehenden Anreize für ein wirtschaftliches Verhalten aufrechterhalten und gleichzeitig effektiven und effizienten Versorgungsstrukturen nicht im Wege stehen. Darüber hinaus soll er keinen übermäßigen Verwaltungsaufwand nach sich ziehen und manipulationsresistent sein. Zwischen dem Hauptziel, der Vermeidung der Risikoselektion, und den Nebenbedingungen entstehen auf Grund von begrenzten Ressourcen Unvereinbarkeiten, die es zu lösen gilt (Wehage, 2015).

Im Folgenden soll der Risikostrukturausgleich in beiden Ländern näher beleuchtet werden.

3.1. Der Morbi-RSA in Deutschland

Die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) in Deutschland fußt seit der Einführung durch Otto von Bismarck auf dem Solidaritätsprinzip, nachdem die Starken die Lasten der Schwachen mit übernehmen. Versicherte mit hohem Einkommen zahlen höhere Beiträge als Einkommensschwächere und Gesunde tragen die Risiken und Kosten der Kranken mit (Wasem et al., 2008).

Die private Krankenversicherung (PKV) bildet dabei eine Ausnahme. Das Gesundheitssystem in Deutschland ist nach wie vor von einer dualen Krankenversicherungssystematik aus privaten und gesetzlichen Krankenversicherern geprägt. Im Vergleich zu den meisten anderen Demokratien hat die PKV in Deutschland einen substitutiven Charakter und keinen komplementären. Die PKV unterliegt einer anderen Rechtsgrundlage und ist folglich anders organisiert, finanziert und geregelt. Personengruppen, die nicht versicherungspflichtig sind, dazu gehören u.a. Selbstständige und Freiberufler, Beamte und Arbeitnehmer mit einem Einkommen oberhalb der Versicherungspflichtgrenze, können sich privat versichern. Etwa 90% der Bevölkerung sind in der GKV pflicht- oder freiwillig versichert. Die privaten Versicherer sind nicht in den RSA eingebunden (Gerlinger; Sauerland, 2018).

Die Zugehörigkeit zu einer Krankenversicherung hing bis zur Einführung des Gesundheitsstrukturgesetzes (GSG) überwiegend vom Arbeitgeber ab. Dadurch standen Versicherer nicht im Wettbewerb miteinander, sondern mussten mit der gegebenen Versichertenstruktur arbeiten. Mit der Einführung des GSG im Jahr 1993 läutete der Gesetzgeber die Kassenwahlfreiheit2 für Mitglieder der GKV und somit den Wettbewerb ein. Die einstmals bestehenden Grenzen wurden aufgehoben und Mitglieder der sogenannten Pflicht- oder Zuweiserkassen konnten in die Ersatzkassen wechseln, die bis dahin nur Angestellte oder eingeschränkte Arbeiterklientele versicherten. Da die GKVen dem Kontrahierungszwang unterliegen und im Krankheitsfall an bestimmte Pflichtleistungen gebunden sind, war ein Kampf um gute Risiken vorauszuahnen (Rosenbrock; Gerlinger, 2014).

Um der Risikoselektion entgegenzuwirken, wurde das wichtigste Regulierungsinstrument im Wettbewerb zwischen den Kassen eingeführt, der RSA. Bei der Relation zwischen den Zuweisungen und den Kosten bezieht sich der RSA nicht auf die realen Ausgaben einer Krankenkasse, sondern auf die dem Durchschnitt entsprechenden GKV-Ausgaben für die Risikozusammensetzung der Krankenkasse. Dadurch wird die Höhe der Einnahmen einer Krankenkasse begrenzt. Überschreiten die Ausgaben einer Krankenkasse die Einnahmen, so greift nach wie vor die Leistungspflicht der Krankenkasse. Die Differenz muss folglich von der Solidargemeinschaft der jeweiligen Kasse getragen werden, was durch den kassenindividuellen Zusatzbeitrag oder Rücklagen möglich wird (Rosenbrock; Gerlinger, 2014).

Seit der Reform im Jahr 2015 wird zu dem einheitlichen Beitragssatz der kassenindividuelle einkommensabhängige Zusatzbeitrag erhoben. Diesen Beitrag erheben die Krankenkassen, sobald die aus dem Gesundheitsfonds zugewiesenen Beiträge nicht mehr die Ausgaben decken. Der Zusatzbeitrag ist das wichtigste Argument im Wettbewerb zwischen den Versicherern. Somit besteht trotz des finanziellen Ausgleichs ein Anreiz wirtschaftlich und effizient zu handeln (Drösler et al., 2017).

Bei der Einführung des RSA wurden die Ausgleichskriterien Alter, Geschlecht, Anzahl der Mitversicherten und Bezug einer Erwerbsminderungsrente angewendet. 2002 wurden die Zuweisungen für Patienten erhöht, die aufgrund sehr hoher Ausgaben zum Hochrisikopool3 zählten oder in einem Disease-Management-Programm4 (DMP) eingeschrieben waren. Allerdings wurden viele chronisch Kranke nicht von den DMPs erfasst, wodurch nach wie vor ein Interesse an einer günstigen Risikozusammensetzung bestand. 2009 wurde das „Gesetz zur Stärkung des Wettbewerbs in der gesetzlichen Krankenversicherung“ (GKV- WSG) wirksam, das den Morbi-RSA einführte. Dieser berücksichtigt präziser den Krankenstand der Versicherten. Zeitgleich wurde der Gesundheitsfonds eingeführt, der vom Bundesversicherungsamt (BVA) verwaltet wird und die Finanzierung des Morbi-RSA regelt (Rosenbrock; Gerlinger, 2014).

In ihm werden die einheitlichen Beitragssätze der Mitglieder (7,3% des Bruttoeinkommens) und Arbeitgeber (7,3% des Bruttoeinkommens), die Beiträge der anderen Sozialversicherungsträger sowie der Bundeszuschuss gesammelt (vdek, 2017). Die Krankenkassenbeiträge sind gesetzlich auf 14,6% (paritätischer Arbeitnehmer- und Arbeitgeberanteil) fixiert. Die Beitragshöhe unterliegt damit nicht der Selbstverwaltung der GKV (Ulrich; Arentz, 2017).

Durch den Morbi-RSA erhalten die Versicherer anschließend alters- und risikoadjustierte Transferzahlungen. Damit sollen die durchschnittlichen Pflichtleistungen, Verwaltungskosten, die DMPs sowie Satzungs- und Ermessungsleistungen und mitgliederbezogene Veränderungen beglichen werden können (Drösler et al., 2017).

Bei der Einführung im Jahr 2009 ist der Fonds so ausgestattet, dass er 100% der GKV- Ausgaben deckt (BVA, 2008).

Der Gesetzgeber bedient sich bei der Umverteilung der Gelder zudem einer Einkommensausgleichssystematik. Dadurch soll der Wettbewerbsverzehr durch die unterschiedliche Einkommensstruktur der Mitglieder einer Versicherung vermieden werden. Die Höhe des Finanzausgleichs, den eine Kasse erhält, richtet sich nach den durchschnittlichen beitragspflichtigen Einnahmen der GKV, nicht aber nach der Höhe der Beiträge der eigenen Mitglieder. Dadurch soll der Wettbewerb um besser Verdienende vermieden werden (§ 270a SGB V).

Die Prognosequalität des RSA hat sich mit der Einführung des direkten Morbiditätsfaktors kontinuierlich verbessert, dennoch stehen bis heute die wirtschaftlichen Effekte und die Modifizierung des RSA in der Diskussion der Fachöffentlichkeit. Stakeholder des deutschen Gesundheitssystems äußern ihre Bedenken darüber, dass der Morbi-RSA in seiner derzeitigen Ausgestaltung nach wie vor manipulationsanfällig sei und den Anlass fördere, sich zunehmend auf bestimmte, für die GKV günstige Erkrankungen zu fokussieren (Jacobs, 2015).

Zudem finden regionale Unterschiede wie die Arztdichte und die demographische Bevölkerungsstruktur keine Beachtung. Einige weitere mögliche Steuerungselemente wie die Ausweitung der Krankheitsauswahl und die Einführung von Pharmakostengruppen, die eine präzisere Verteilung der Gelder und eine gesteigerte Manipulationsresistenz zur Folge hätten, sind aktuell Gegenstand von Kontroversen (Drösler et al., 2017).

Risikoprofil

Die Zuweisungen aus dem RSA sind an unterschiedliche Kriterien geknüpft. Zur Deckung der Pflichtleistungen erhalten die Krankenkassen zunächst eine Grundpauschale je Versicherten, die anschließend durch Zu- und Abschläge angepasst wird. Bei der Grundpauschale handelt es sich um die durchschnittlichen Pro-Kopf-Ausgaben in der GKV

(Drösler et al., 2017).

Alter und Geschlecht: Die Zu- und Abschläge richten sich zunächst nach den 40 Alters- und Geschlechtsgruppen (AGG), die bereits vor der Einführung des Morbi-RSA Berücksichtigung fanden. Diese werden in 5-Jahres-Abstände5 unterteilt und zusätzlich nach dem Geschlecht getrennt bewertet. Die Höhe der Zahlung, die dem Versicherer zusteht, richtet sich zunächst nach der im Schnitt benötigten Summe für die Versorgung einer der AGG zugehörigen und nicht an einer der ausgewählten Erkrankungen leidenden Person. Meist ergibt sich daraus ein Abschlag der Grundpauschale. Eine Ausnahme bilden Neugeborene und sehr alte Personen (Litmathe, 2016).

Erwerbsminderungsgruppen: Zusätzlich existieren sechs Erwerbsminderungsgruppen (EMG), die im Falle des Bezugs einer Erwerbsminderungsrente einen Zuschlag vorsehen. Dafür muss der Versicherte im Vorjahr die Erwerbsminderungsrente für mehr als 183 Tage bezogen haben. Auch bei der Zuweisung zu einer EMG wird nach Alter und Geschlecht differenziert. (Litmathe, 2016)

Hierarchisierte Morbiditätsgruppen: Das wohl am schwierigsten zu bewertende Zuschlagskriterium ist jedoch die Eingliederung in eine der hierarchisierten Morbiditätsgruppen (HMG) (Litmathe, 2016). Die Weiterentwicklung des RSA sieht vor, dass die Morbiditätszuschläge auf Grundlage von 80 kostenintensiven, chronischen Krankheiten und Krankheiten mit schwerem Verlauf erfolgen (§ 268 SGB V).

Eine Erkrankung kann zudem in mehrere Schweregrade unterteilt werden, die in eine Hierarchie gebracht werden. Folglich gibt es mehr als 80 HMGs, obwohl nur 80 Krankheiten aufgenommen werden (Drösler et al., 2017). Das Klassifikationsmodell enthielt im Ausgleichsjahr 2017 199 HMGs (vdek, 2017). Gegebenenfalls werden ergänzend Arzneimittelverordnungen hinzugezogen. Durch die Morbiditätszuschläge sollen die Krankenversicherungen zumindest zum Teil für die erhöhten Kosten kompensiert werden, die ihnen durch entsprechende Versicherte entstehen (Drösler et al., 2017).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Grundsätzliche Funktionsweise des Morbi-RSA (vdek, 2017)

3.2.Der Morbi-RSA in den Niederlanden

Die Niederlande gelten als Pioniere, wenn es um die Weiterentwicklung des Risikostrukturausgleichs geht. Die im Risikoprofil berücksichtigten Parameter haben sich im Laufe der Jahre entwickelt, wodurch die Diversität der verwendeten Risikofaktoren über die im deutschen RSA hinausgeht. Mit der Gesundheitsreform im Jahr 2006 wagten die Niederlande den Sprung vom dualen System aus GKV und PKV hin zum einheitlichen Versicherungssystem mit privat organisierten Versicherungsgesellschaften und gleichen Bedingungen für alle Versicherten durch ein Verbot der Prämiendifferenzierung. Zuvor existierten in den Niederlanden die PKV und die GKV parallel. Bürger, deren Einkommen die Berechtigungsgrenze nicht überschritten, waren in der GKV pflichtversichert. Selbstständige und Beschäftigte oberhalb einer Einkommensgrenze waren gezwungenermaßen der PKV zugeordnet. Aus diesem Grund bestand kein Wettbewerb zwischen der privaten und gesetzlichen Krankenversicherung um potenzielle Mitglieder.

Die Versicherungsgesellschaften durften von da an Gewinne erzielen, was zuvor den privaten Versicherern vorbehalten war (Greß; Manouguian; Wasem, 2006).

Um den Wettbewerb aufrechtzuerhalten, haben Mitglieder die Möglichkeit, die Versicherung einmal im Jahr zu wechseln. Gleichzeitig unterliegen die Versicherungsunternehmen einem Kontrahierungszwang, sie sind demnach verpflichtet, jeden Versicherten aufzunehmen (Buchner; Schillo, 2016).

Bereits 1992 wurde zwischen den öffentlichen Versicherern die Wahlfreiheit eingeführt. Die Versicherten haben die Möglichkeit, die Krankenversicherung einmal jährlich zu wechseln. Um die Risikoselektion zu vermeiden und einen fairen Wettbewerb zu ermöglichen, wurde der RSA an dieser Stelle eingeführt. Die einkommensabhängigen Beiträge der Mitglieder fließen in einen Fonds, aus dem die Mittel an die Versicherungen in Abhängigkeit vom Risiko des Versichertenklientels verteilt werden. Die Kriterien für den Ausgleich berücksichtigten bereits das Alter und Geschlecht, die Arbeitsunfähigkeit, Erwerbstätigkeit und die Region. Zusätzlich zum einkommensabhängigen Beitrag, der für die Deckung der Leistungen nicht ausreicht, wurden kassenindividuelle Pauschalprämien eingeführt, die für alle Versicherten einer Kasse gleich sein müssen (Arentz, 2018).

Dem Versicherer wird die Freiheit gewährt, über Preise, Leistungsumfang und Qualität mit den Leistungserbringern zu verhandeln oder diese nicht unter Vertrag zu nehmen, sofern eine angemessene Versorgung gewährleistet ist. Der Staat übernimmt die allgemeine Aufsichtsfunktion über das Gesundheitssystem, legt die Höhe fest, die von der Regierung für die Gesundheitsversorgung ausgegeben wird und bestimmt den Umfang des Basiskatalogs (Pflichtleistungen). Das Basispaket umfasst die Hausarztpflege, die Mutterschaftsvorsorge, Krankenhauspflege, häusliche Krankenpflege, pharmazeutische Versorgung und psychiatrische Versorgung (Arentz, 2018).

Die Reform strebte die Balance zwischen Kostendämpfung und Qualität bei angemessener Versorgung durch den Wettbewerb im Rahmen der gewährten Freiheiten an, der die Versicherer zu höherer Effizienz anregen sollte (Greß; Manouguian; Wasem, 2006).

Die Krankenversicherungen in den Niederlanden finanzieren die Ausgaben für die Basisbehandlungen im Wesentlichen über zwei Einkommensquellen: die pauschalen Prämien und den jährlichen Zuweisungsbetrag aus dem Krankenversicherungsfonds (Arentz, 2018).

Pauschale Prämien: Mitglieder ab 18 Jahren zahlen einen von dem Versicherer selbst festgelegten Beitrag, der für alle Versicherten unabhängig von ihrem Risikoprofil oder Einkommen identisch ist (lediglich die Wohnregion hat einen Einfluss). Bürger, die den Betrag nicht aufbringen können, erhalten einen Zuschuss vom Staat. Versicherte unter 18 Jahren sind von der Einzahlung ausgenommen. Die Höhe dieser pauschalen Prämie ist ein bedeutendes Argument im Wettbewerb um Versicherungsnehmer. Um als Versicherungsgesellschaft für ihre Mitglieder attraktiv zu bleiben, ist sie an kosteneffizienten Gesundheitsdienstleistungen interessiert, um die Pauschalprämie niedrig zu halten. Mit der Pauschale sollen ca. 50 Prozent der Ausgaben einer Krankenversicherung gedeckt werden (Wehage, 2015).

Einkommensabhängige Beiträge: Die Finanzämter ziehen einkommensabhängige Beiträge ein und überweisen diese an den Krankenversicherungsfonds. Steht der Versicherte in einem Arbeitsverhältnis, so wird der Betrag vom Arbeitgeber abgeführt (7,75 Prozent des Bruttoeinkommens). Selbstständige Versicherte zahlen einen geringeren Beitrag (4,5 Prozent des Bruttoeinkommens). Für Personen, die das 18 Lebensjahr noch nicht vollendet haben, zahlt der Staat einen Zuschuss in den Fonds ein. Die Beiträge werden vom Staat so ausgelegt, dass etwa 50 Prozent der Ausgaben gedeckt werden (Arentz, 2018).

Krankenversicherungsfonds: Die Einkommensabhängigen Beiträge und die staatlichen Zuschüsse werden im Krankenversicherungsfonds gesammelt. Sowohl die Durchführung des RSA, als auch die Verwaltung des Fonds werden vom Staat übernommen. Die Versicherungsgesellschaft erhält anschließend den risikoadjustierten Zuweisungsbetrag aus dem Krankenversicherungsfonds (Wehage, 2015).

Die Versicherungen erhalten eine Zuweisung aus dem Fonds, deren Höhe nach dem Erkrankungsrisiko der einzelnen Versicherten beurteilt wird. Ziel ist nicht die Versicherungsgesellschaft vor Kostenunterschieden zu schützen, die durch den Einkauf teurer Leistungen oder eine ineffiziente Verwaltung entstehen. Die Versicherungsgesellschaft wird zum wirtschaftlichen Handeln animiert, da die Höhe des Zuweisungsbetrags im Voraus festgelegt wird. Diese beruht auf den erwarteten Kosten und nicht auf den tatsächlich entstandenen Kosten, weshalb das finanzielle Risiko in erster Linie von den Versicherungsunternehmen getragen wird (Berg et al., 2016).

[...]


1 Beim Subsidiaritätsprinzip tritt der Staat von einer Aufgabe zurück, um diese an eine „untergeordnete“ Organisation abzugeben.

2 Es besteht jedoch eine Mindestbindungszeit von 18 Monaten und ein Sonderkündigungsrecht im Falle einer Erhöhung des Zusatzbeitrages (Drösler et al. 2017)

3 Der Risikopool wurde mit der Einführung des Morbi-RSA (2009) abgeschafft.

4 Durch die DMPs wird angestrebt, das Interesse der Krankenkassen und die finanziellen Mittel auf die verbesserte Versorgung der chronisch Kranken zu lenken

5 Für Kinder und Jugendliche gelten andere Altersabstände Versicherte, die älter als 94 Jahre sind, werden in einer AGG je Geschlecht zusammengefasst

Details

Seiten
41
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783346111371
ISBN (Buch)
9783346111388
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v515310
Institution / Hochschule
Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg
Note
1,3
Schlagworte
Morbi-RSA morbiditätsorientierter Risikostrukturausgleich Gesundheitssystem Gesundheitspolitik RSA Gesundheitsökonomie Gesundheitssystem Niederlande

Autor

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Titel: Ein Vergleich ausgewählter Kriterien des niederländischen und deutschen Morbi-RSA-Systems