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Gedächtniskategorien und ihre Ausformung im Gedenken

Seminararbeit 2005 14 Seiten

Ethnologie / Volkskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Unterschiedliche Kategorisierungen des Begriffes „Gedächtnis“
2.1. Kategorisierung gemäß Interdisziplinärem Lexikon „Gedächtnis und Erinnern“
2.2. Kategorisierung nach psychologischem Blickwinkel
2.3. Versuch einer eigenen Kategorisierung
2.4. Diskurs über das Gedächtnis: Bergson, Halbwachs und Assmann

3. Begriffe „Gedächtnis“ / „Gedenken“ im Internet, am Beispiel von Wikipedia

4. Schlussbemerkung

5. Literatur

1. Einleitung

Wörter sind kein Selbstzweck. Sie vermitteln Gedankengänge und dienen der Übermittlung in der Kommunikation. Wenn man in der Volkskunde ein gesellschaftliches Phänomen untersuchen möchte, bedient man sich der Wörter für die Untersuchung; ebenso kann man jedoch Phänomene untersuchen, indem man die Wörter in ihrer Bedeutung und in der Bedeutungsveränderung untersucht. Gesellschaftliche Phänomene bedienen sich ihnen angemessenen Wörtern. Durch die Beobachtung von Verschiebungen in der Bedeutung von Wörtern kann man in direkter Folge auf gesellschaftliche Verschiebungen oder Veränderungen schließen.

Beim Hinterfragen, was Gedächtnis eigentlich ist, lässt sich beobachten, dass der Begriff meistens unscharf verwendet wird. Einerseits versteht man darunter die Fähigkeit, sich an etwas zu erinnern („gutes Gedächtnis“) und andererseits wird „Gedächtnis“ ebenso verwendet, um das Erinnerte zu benennen. Der Begriff wird also zugleich für die Form wie auch für den Inhalt verwendet, „Gedächtnis“ ist sowohl das Medium der Erinnerung als auch der Speicher des menschlichen Wissens.

Ähnlich unscharf ist die Verwendung von „Erinnern“. Ich definiere „Erinnern“ als Gegenpol zu „Vergessen“. Man kann nur etwas vergessen, das man einmal gewusst, erlebt, gesehen, gefühlt, gedacht hat. Das bedeutet, dass man sich auch nur an etwas erinnern kann, das man einmal gewusst, erlebt, gesehen, gefühlt, gedacht hat. Wenn in unserer Gesellschaft davon die Rede ist, dass die Erinnerung an die Zeit des Nationalsozialismus wach gehalten werden muss, dann kann dies nur für die Menschen gelten, die diese Zeit tatsächlich erlebt haben. Alle Nachgeborenen können nicht „erinnert werden an“, sondern nur „informiert werden über“.

Diese Arbeit verfolgt das Ziel, das Phänomen „Gedächtnis“ anzuleuchten und dabei verschiedene Gedächtniskategorien darzustellen, um den Begriff schärfer fassen oder zumindest bewusster verwenden zu können. Probleme wie die Reproduzierbarkeit von Gedächtnisinhalten werden dabei nicht berücksichtigt. Die Literatur zum Thema Gedächtnis füllt ganze Bibliotheken, es gibt unzählige Monographien und Aufsatzsammlungen. Auch empirische Untersuchungen liegen in großer Zahl vor. Diese Fülle an Material verlangt einen radikalen Aussonderungsprozess: In einem ersten Teil stelle ich exemplarisch verschiedene Gedächtniskategorien vor, wobei ein Fokus auf dem Diskurs des „sozialen“ Gedächtnisses liegt, den Halbwachs begründete. Im zweiten Teil der Arbeit untersuche ich den Ausdruck des Gedächtnisses im „Gedenken“. „Gedenken“ ist – anders als das Gedächtnis – aktiv und handlungsbetont. Die Betrachtung des Gedenkens gibt daher Aufschluss über den Umgang unserer Gesellschaft mit Themen, derer gedacht werden soll.

2. Unterschiedliche Kategorisierungen des Begriffes „Gedächtnis“

Dass der Begriff „Gedächtnis“ sehr unterschiedlich verstanden werden kann, sieht man schon an der Tatsache, dass im Umgang mit diesem Begriff meist zusätzlich ein beschreibendes oder erklärendes Adjektiv verwendet wird. Ein Sprecher verwendet immer dann zusätzliche Adjektive, wenn der verwendete Begriff alleine unscharf oder zu „schwammig“ ist. Zum besseren Verständnis und um sich möglichst klar auszudrücken, behilft man sich also zusätzlicher Adjektive. Aus der Verwendung dieser Adjektive ergeben sich verschiedene Kategorien des Gedächtnisses, die sich je nach disziplinärem Blickwinkel erheblich voneinander unterscheiden. Dabei muss man sich jedoch die Frage stellen, ob es überhaupt möglich ist, eine Definition für das Gedächtnis zu finden, die alle Disziplinen unter sich vereint. Eine solche Definition zu erarbeiten, würde auf Grund der Komplexität des Themas den Umfang dieser Arbeit sprengen, daher begnüge ich mich mit einer Aufstellung von Gedächtniskategorien. Durch die Darstellung kategorialer Sichtweisen und ihrer Unterschiede kann man zu einem wenigstens reflektierteren Verständnis dieses unscharfen und weitläufigen Begriffs gelangen.

2.1. Kategorisierung gemäß Interdisziplinärem Lexikon „Gedächtnis und Erinnern“

In dem interdisziplinären Lexikon „Gedächtnis und Erinnerung“ wird man Artikel zu den beiden Namen gebenden Begriffen vergeblich finden. Das Lexikon versteht sich vielmehr als Netzwerk von hypertextartig verbundenen Artikeln zum Thema. Gedächtnisforschung erlebte in den 1990er Jahren einen Forschungsboom, mehrere Disziplinen[1] beschäftigten sich mit der Thematik und fanden höchst unterschiedliche Ansätze und auch Definitionen darüber, was Gedächtnis nun eigentlich sei. „Gedächtnis und Erinnerung bilden einen Themenkomplex, der verschiedene wissenschaftliche Diskurse kreuzt, ohne sie zu verbinden.“ (Interdisziplinäres Lexikon S. 6). Die Herausgeber begründen damit ihre Wahl der Darstellung als Plattform im Rahmen eines interdisziplinären Lexikons. In der Einleitung des Lexikons versuchen sich die Herausgeber an einer Kategorisierung des Gedächtnisses: Sie trennen die nominelle Identität von der substanziellen Einheit und dem funktionalen Moment des Gedächtnisses (Interdisziplinäres Lexikon S. 5f). Wirklich hilfreich und erkenntnissteigernd ist diese Unterscheidung jedoch nicht zwangsläufig.

2.2. Kategorisierung nach psychologischem Blickwinkel

Eine andere Kategorisierung finden Squire und Kandel[2], die aus der Psychologie kommen und die Gedächtniskategorien nach der Funktion und den Inhalten des Gedächtnisses unterscheiden, Funktion und Inhalt jedoch nicht klar trennen: Das

- nichtdeklarative Gedächtnis, das für eingeübte Fertigkeiten stehe und das motorische und perzeptive Fähigkeiten umfasse. Gewohnheiten, emotionales Lernen, Kenntnisse die reflexartig und nicht reflexiv sind, fielen unter diese Kategorie (Squire/Kandel S. 26).

Demgegenüber stehe das

- deklarative Gedächtnis, das Ereignisse umfasse, Fakten, Gesichter, Musik; Wissen, das potenziell erklärt, kundgetan, also deklariert werden könne, das als verbale Konstruktion oder als Bild ins Gedächtnis gerufen werden könne (Squire/Kandel S. 77).

Des Weiteren unterscheiden die Autoren das Kurzzeit- und das Langzeitgedächtnis. Sie nennen das Gedächtnis die biologische Basis der Individualität, was insbesondere beim Verlust des Gedächtnisses zu Tage trete. Pathologischer Gedächtnisverlust führe zur Auflösung der Individualität (Squire/Kandel S. 217).

[...]


[1] Das interdisziplinäre Lexikon listet z.B. Neurobiologie, Medienwissenschaft, Philologie, Psychologie, Philosophie,

Pädagogik, Ethnologie, Psychoanalyse, Semiotik und die Kognitionsforschung auf (S. 5f).

[2] Eric Kandel ist Nobelpreisträger für Medizin

Details

Seiten
14
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638475563
ISBN (Buch)
9783656561767
Dateigröße
502 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v51644
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1
Schlagworte
Gedächtniskategorien Ausformung Gedenken Erinnern Bearbeiten Vergessen Nationalsozialismus Sozialismus Vergleich

Autor

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