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Zu "Extremely Loud and Incredibly Close" von Jonathan Safran Foer. Der Umgang mit einer literarischen Ganzschrift in der Oberstufe

Hausarbeit 2005 16 Seiten

Didaktik - Englisch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Literarische Texte im fremdsprachlichen Unterricht
2.1. Warum Literatur im Unterricht?
2.2. Welche Literatur im Unterricht?

3. Methoden zum Umgang mit Literatur im Unterricht
3.1. Rezeption des Romans
3.1.1. Pre- und while reading activities
3.1.2. Literarisches Lesetagebuch (Reading Log)
3.1.3. Post-reading

4. Exempli Causa: Foer, Extremely Loud & Incredibly Close
4.1. Thematik
4.2. Formaler Aufbau
4.3. Stundenbeispiel (90 Minuten): Einführung des Romans

5. Schlusswort

6. Bibliographie

1. Einleitung

Im Verlauf des Seminars wurden etliche Techniken vorgestellt, fremdsprachlichen Literaturunterricht zu gestalten. Betrachtet man die seit dem Schuljahr 2004/2005 verbindlichen Bildungsstandards, welche unter dem Anspruch stehen, die Lernkultur an Gymnasien zu verbessern, so wird deutlich, dass literarische Texte aus dem Bildungsplan der allgemein bildenden Gymnasien nicht wegzudenken sind. Seit Einführung der Bildungsstandards wird Bildung nicht mehr als abrufbares Wissen verstanden, sondern ganzheitlich betrachtet; die Schule soll Kinder zur Selbstständigkeit erziehen und bei der Entwicklung ihrer Persönlichkeit weiterhelfen. Für den Unterricht bedeutet dies natürlich auch, dass die Methoden, die bislang Anwendung fanden, überdacht werden müssen, denn es stellt sich die Frage, ob die herkömmlichen analytischen Verfahren Ansprüchen wie „Stärkung der Persönlichkeit, musisch-ästhetische Erziehung und die Einübung von Urteilsfähigkeit und Verantwortung“ (Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg 2003:4) fächerübergreifend genügen können. Dem Fach Englisch fällt dabei sicher eine Schlüsselfunktion zu, da es erstens wie das Fach Deutsch „gerade auch im Bereich der Kommunikation [..] und des Schreibens auf vielfältig Weise Anstoß zum Erlernen von Kreativität[1] [gibt]“ (Mühle-Bohlen 2000:39) und zweitens durch das Vermitteln einer fremden Sprache und Kultur eine interkulturelle Kompetenz aufbaut, die Identitätsbildung und Persönlichkeitsfindung unterstützt sowie durch den Perspektivenwechsel Toleranz fördert. Diesen Zielen dient auch die Begegnung mit literarischen Ausdrucksformen und Texten in der fremden Sprache.

Im Folgenden soll zunächst die Frage, warum Literatur für den Fremdsprachenunterricht (FU) wichtig ist, beantwortet und eines der im Seminar besprochenen produktiven Verfahren, das des Lesetagebuchs, diskutiert werden. Dieses bietet einen Ansatz und eröffnet Möglichkeiten, Schülern nicht nur fachliches Wissen, d.h. das Wissen vom System der Sprache, von Grammatik und Lexik, sondern auch allgemeine Kompetenzen (z.B. literarische, landeskundliche, interkulturelle Kompetenz) zu vermitteln. Anschließend wird exemplarisch an dem Roman Extremely Loud & Incredibly Close von Jonathan Safran Foer vorgeführt, wie Literaturunterricht bzw. der Umgang mit einer literarischen Ganzschrift in der Oberstufe aussehen kann.

2. Literarische Texte im fremdsprachlichen Unterricht

2.1. Warum Literatur im Unterricht?

Die Beschäftigung mit literarischen Texten in der Schule dient nicht nur der Heranführung der Schüler an den formalen Aufbau unterschiedlicher Textsorten, dem Einüben von Informationsgewinnung etc., sondern hat nicht zu unterschätzende ethische Implikationen für die Rezipienten. Philosophen wie Wilhelm Schmid und John Dewey betonen immer wieder die konstitutive Kraft, die von Kunstwerken ausgeht und fordern die Integrierung von Kunst ins Leben. Wo, wenn nicht in der Schule, ist es möglich jungen Menschen, die sich in der performativen Phase ihres Lebens befinden, den Zugang zur Kunst, in diesem Falle der Literatur zu eröffnen? Literatur bietet Hilfe und Anhaltspunkte bei der Gestaltung des eigenen Lebens, da sie, indem sie andere Lebensentwürfe durchspielt, eine Vorbild- bzw. Abschreckfunktion haben kann. Dadurch setzt „die jeweils individuelle Aufnahme der Werke [..] einen Reflexionsprozess in Gang und vermittelt konkrete Anregungen“ (Schmid 1998:78). Für Dewey ist Kunst sogar wichtiger als die „intellektuelle Basis“ (Dewey 1980:398), denn „verglichen mit ihrem Einfluss scheint das direkt durch Wort und Vorschrift Gelehrte blass und wirkungslos. Shelley übertrieb nicht, als er sagte, dass die moralische Wissenschaft nur ‚die Elemente arrangiert, welche die Dichtung geschaffen hat’“ (Dewey 1980:398)[2].

Allerdings bringt die Arbeit mit literarischen Texten gerade im FU auch rein praktische Vorteile mit sich, denn

wo ein Aufenthalt im Zielsprachenland nicht möglich ist und die Zielsprache qua Unterricht im Klassenzimmer vermittelt werden muß, ist es wichtig, daß die Vermittlung von lexikalischen und grammatischen Grundkenntnissen ergänzt wird durch die Lektüre solcher Texte, die den Sprachschüler dazu anregen, sich in die zielsprachliche Realität hineinzuversetzen. Dies ist bei literarischen Texten in der Regel leichter als bei anderen Textsorten. (Brusch 1989:11)

Des weiteren sind literarische Texte nützlich, da „in jedem Falle [..] textdeutende Gespräche die Chance eines echten Sprechanlasses [bilden]“ (Brusch 1989:15), was im Hinblick auf die im kommunikativen Ansatz des FU verankerte Bedeutung der mündlichen Sprachkompetenz von Vorteil ist.

Literatur im FU ist somit einerseits eine Möglichkeit, die moralische und ethische Integrität der Schüler zu fördern, andererseits eine Gelegenheit, ein authentisches Klima im Klassenzimmer entstehen zu lassen, in dem die Schüler sich innerhalb eines natürlich entstandenen Gesprächs Kenntnisse über die in den Sprachen verwurzelten Kulturen und dadurch interkulturelle Kompetenz aneignen können.

2.2. Welche Literatur im Unterricht?

Wie der Titel der vorliegenden Arbeit zeigt, stehen Romane im Mittelpunkt des Interesses. Deshalb beziehen sich die folgenden didaktischen Überlegungen ausschließlich auf diese Gattung und somit auf die Oberstufe, d.h. es wird bei „den Schülern die Beherrschung einer Lexis der Meinungsäußerung, die Kenntnisse der Grundbegriffe der Textbetrachtung, eines Themavokabulars und einer generellen Ausdruckfähigkeit“ (Brusch 1989:16) vorausgesetzt.

Damit sich Chancen für Sprechanlässe ergeben ist es wichtig, dass Lehrende sich vorab überlegen, welche Art von Text im Unterricht behandelt wird. Vor allem „museale Lektüreklassiker“ (Nünning 1993:40) bergen die Gefahr, dass sie a priori eine Barriere für anregende Unterrichtsgespräche darstellen, da sie „Lehrende dazu verleiten, auf eingefahrenen Methoden und feststehenden Interpretationen zu beharren [und es Lernenden] schwer fällt, sich für die Probleme der ‚Angry Young Men’ oder der Negativutopien Huxleys oder Orwells zu erwärmen“ (Nünning 1993:40). Wichtig ist demzufolge, dass bei der Auswahl der Texte „nicht mehr Kanonvorstellungen literaturhistorischer oder formal-ästhetischer Art, sondern die Sachinteressen und Lebenserfahrungen der Schüler das entscheidende Kriterium sein müssen“ (Brusch 1989: 14). Denn es sind nicht nur die verbalen Voraussetzungen, sondern vor allem die nonverbale Einstellung der Schüler, die über das Gelingen oder nicht Nicht-Gelingen des Unterrichts entscheidet – wem „die Bereitschaft zum Gespräch in der Lerngruppe, das thematische Interesse und Engagement“ (Brusch 1989:16) fehlen, dem können auch exzellente Sprachkenntnisse nicht weiterhelfen. Andersherum jedoch können auch ‚schwache’ Schüler zu Sprachäußerungen motiviert werden, wenn ihr Interesse am Thema geweckt wird. Für die Motivation der Schüler zum Lesen und aktiven Einbringen in den Unterricht bieten sich vor allem Gegenwartsromane an, die, wie Nünning betont, trotz ihrer Popularität nicht zwingend „auf ein literarisch minderwertiges Niveau [..] sinken [müssen]“ (Nünning 1993:41).

Die wichtigsten Auswahlkriterien für literarische Texte sind neben dem ansprechenden Thema und dem Bezug zur lebensweltlichen Erfahrung der Schüler (d.h. Aktualität und/oder Identifikationspotenzial), Originalität und damit einhergehend spannende fiktionale Realität, der sprachliche Schwierigkeitsgrad, der Umfang und die didaktische Strukturierbarkeit, wobei vor allem Möglichkeiten für innovative Textarbeit geben sein sollten.

Außerdem kann durch eine thematische Bündelung ein integrativer Literatur- und Landeskundeunterricht gestaltet werden. Eine gemäß dem jeweiligen Hintergrund thematisch passend ausgesuchte Lektüre (was bei dem breiten Spektrum an englischsprachiger Literatur unproblematisch sein sollte) verschafft Lehrenden die Möglichkeit, die unterschiedlichsten Kompetenzen (textuelle bis kulturelle) bei den Schülern zu schulen (vgl. Nünning 1994:57).

[...]


[1] Der Begriff der Kreativität wird hier im Sinne von Mühle-Bohlen als Fähigkeit verstanden, die zusammen mit kognitivem Wissen „zu originellen Lösungen schwieriger Probleme“ führt (Mühle-Bohlen 2000:39).

[2] So ließe sich z.B. die Problematik der Apartheid in einer Unterrichtsreihe zu Südafrika sicherlich eindringlicher durch einen Roman wie Life and Times of Michael K. von J.M. Coetzee vermitteln, als allein durch Sachtexte.

Details

Seiten
16
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638476393
ISBN (Buch)
9783640543595
Dateigröße
574 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v51755
Institution / Hochschule
Universität Stuttgart – Institut für Literaturwissenschaft, Abteilung Amerikanistik
Note
1,0
Schlagworte
Teaching Novels Jonathan Safran Foer Extremely Loud Incredibly Close Fachdidaktik

Autor

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