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Die Wirkung des Christentums auf die moderne Emotionalität nach Chateaubriand und Mme de Stael

Hausarbeit (Hauptseminar) 2001 20 Seiten

Romanistik - Französisch - Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A. Einleitung

B. Hauptteil
I. Allgemeines zur Religion im 18./19. Jahrhundert
II. Der Geniebegriff
III. Der Begriff „modern“
1. Allgemein
2. Vergleich Antike - Moderne
IV. L’âme romantique
V. La Poesie
VI. Chateaubriand und „Le Génie du christianisme“
1. Allgemeines
2. L’idée de l’infini
VII. Mme de Staël
1.Allgemeines
2. «De l’Allemagne» chapitre XI «De la poésie classique et de la poésie romantique» : Vergleich Antike – Mittelalter

C. Schluss

Bibliographie

A. Einleitung

Die hier vorliegende Arbeit soll das Thema „Les effets du christianisme sur l’émotionnalité ‚moderne‘ selon Chateaubriand et Mme de Staël“ behandeln.

Dabei soll im Vorfeld auf die allgemeine Situation der Kirche und der Religion im ausgehenden 18. bis ins 19. Jahrhundert vorgestellt werden, um eine bessere Einordnung in die historischen Hintergründe zu gewährleisten. Auch scheint eine Klärung schwieriger Begriffe, wie die des Geniebegriffes, oder die Bedeutung des Wortes „modern“ von Nöten, was ebenfalls der eigentlichen Arbeit vorangestellt wird.

Im Hauptteil liegt das Hauptgewicht dann auf ausgewählten Punkten der Religiösität, wobei vor Allem ein Vergleich der modernen versus der antiken Götterkultur angestrebt wird. Bezugspunkt sind dabei hauptsächlich die Werke der beiden im Titel erwähnten Autoren, wobei besonders auf die Schriften De la littérature, De l’Allemagne, De la religion, sowie Le Génie du Christianisme verwiesen sei.

B. Hauptteil

I. Allgemeines zur Religion im 18./19. Jahrhundert

Nach der französischen Revolution wurde in Frankreich unter Napoleon eine Neuregelung zwischen der Kirche und dem Staat getroffen. Napoleon stand der Kirche nicht feindlich gegenüber, die Neuregelung ist allerdings vor allem bestimmt von Gesichtspunkten der Macht und Nützlichkeit, als einer echten Solidarität zur Kirche. Er tritt in Verhandlungen mit dem Papst, um den religiösen Frieden wieder herzustellen, wobei er einen großen Vorteil bei den Verhandlungen um das Konkordat hat: die römische Kirche muss befürchten, dass das ganze Europa in Einzelkirchen verfallen wird, wenn Frankreich beispielhaft mit einem nationalen Schisma vorangeht. Napoleon sieht die Nützlichkeit dieses Konkordats vor allem in zwei Bereichen: dem Politischen und dem Sozialen: die Kirche ist durch ihre Fähigkeit, gerade im gläubigen Frankreich, fähig, die Menschen zu steuern und stellt damit eine Art kontrollierende Instanz in der Sicherung der sozialen Ordnung dar. So gesehen ist das Konkordat ein wesentliches Element der nationalen Versöhnung. Andererseits bedeutete die Integration des Klerus in das System des Despotismus auch, dass eine reaktionäre Ideologie freigesetzt wurde, wodurch wiederum die Bewegung der Empfindsamkeit verstärkt wurde. Dementsprechend erscheinen zu dieser Zeit viele theologische und religiöse Werke, die für den Gebrauch der Gläubigen bestimmt sind, sowie zahlreiche religiöse und fromme Romane.

Gleichzeitig geraten die Rationalisten, die mit den Republikanern immer mehr verschmelzen, in die Defensive, da eine immer stärker werdende Popularisierung der konterrevolutionären Philosophie einsetzt. So vertritt Chateaubriand in seinem Génie du Christianisme die Ansicht, dass die ”Eitelkeit des Wissens [für] fast all unser Unglück”[1] zuständig sei und ”Jahrhunderte der Gelehrten” auch immer ”Jahrhunderte der Zerstörung”[2] gewesen seinen. Ein anderer philosophischer Kopf seiner Zeit, Rivarol, hält die Aufklärung für die Revolution verantwortlich, weil sie die Institutionen und Ideen der Vergangenheit zersetzt habe[3]. Außerdem betont La Harpe die Überlegenheit des christlichen Ritters über den griechischen Helden, zwei Figuren, die sich in der Literatur antagonistisch gegenüberstehen.

Das Frankreich des Konkordats verwirft also die Aufklärung und will dagegen christliche Werte wiederfinden. Ab 1808 lässt der Konflikt mit dem Papst die Solidarität zwischen dem katholischen und monarchischem Glauben wieder aufleben, die das Konkordat und der kaiserliche Katechismus bislang verhindert hatten. Es entsteht eine ultramontäne Strömung bei Geistlichen und Gläubigen. Eine gewisse Brisanz in dieser Hinsicht entsteht hier durch den Bruch Chateaubriands mit Napoleon. Der beliebte Dichter vergleicht Napoleon mit Nero und beschwor das ”Schweigen der Verächtlichkeit” in ganz Frankreich.

II. Der Geniebegriff

Um 1770 geht eine große Unruhe durch die Studentenschaft in ganz Europa, die sich auch in der Literatur niederschlägt. Gruppen von 20- bis 30-jährigen jungen Männern wehren sich gegen die kühle, strikte Aufklärung, die nur auf den Verstand ausgerichtet ist. Dagegen fordern sie sowohl literarisch, wie auch politisch ein Ende der Unterdrückung und Bevormundung. Ihr Ziel ist es, eine Gesellschaft zu schaffen, in der sich jeder Mensch, unabhängig von seiner Herkunft und seinem sozialen Stand, frei entfalten kann und keinen irdischen oder geistigen Zwängen unterlegen ist. “Freiheit” wird das Schlagwort dieser jungen Strömung, deren Anhänger sich als “Genie” bezeichnen, wobei dieser Begriff nicht mit der heutigen Bedeutung verwechselt werden darf. In der „Geniezeit“ bezieht sich der Begriff des “Genies” auf Menschen, die sich aller Zwänge, seien sie literarischer oder politischer Art, entledigen, um ihrer eigen schöpferischen Kraft freie Hand zu lassen, um ihre Kreativität voll auszuleben. Der Phantasie werden keine Grenzen mehr gesetzt, sie ist die höchste Instanz eines jeden Dichters und darf nicht durch archaische Regeln und Formen unterdrückt oder unterbunden werden. Resultat dieser radikalen Forderung ist der Wegfall des klassischen Dramenaufbaus und der Versform. Das Werk schafft von nun an die Form, während zur Zeit der Aufklärung die Form das Werk bestimmt hat, ihm eine bestimmte Beschaffenheit auferzwungen hat.

Jean-Jacques Rousseau, ein bekannter französischer Philosoph der Zeit, prägt den Satz “Zurück zur Natur”, den sich viele Dichter des Génies zum Leitsatz machen und eine regelrechte Schwärmerei zum Natürlichen entwickeln. Rousseau selbst allerdings sieht seine Aussage radikaler: für ihn stellt alles nur so lange das Reine, Natürliche dar, so lange es direkt aus den Händen des Schöpfers kommt. Alle Kunst dagegen, die vom Menschen geschaffen oder verändert ist, verkörpert seiner Ansicht nach damit etwas “Entartetes”.

So macht Rousseau die Wissenschaft und die Künste für die politischen Probleme seiner Zeit verantwortlich, prangert die Zivilisation an und fordert einen radikalen Rückschritt in Richtung ursprüngliche Natur.

In der französischen Literatur wird der Geniebegriff wir folgt definiert: „L’étendue de l’esprit, la force de l’imagination, et l’activité de l’âme, voilà le génie“[4]

Die Dichter dieser Strömung, die „hommes de génie“, sind durch bestimmte Merkmale charakterisiert: sie sind „forcés de sentir, décidés par leurs goûts, par leurs répugnances, distraits par mille objets, devinant trop, prévoyant peu, portant à l’excès leurs désirs, leurs espérances“[5].

Er ist allerdings nur zu Gefühlen in der Lage, die einen direkten Bezug zu seinen Bedürfnissen haben. Der fühlende Mensch sieht also nur das, was er gerade wirklich sehen will und eine Bedeutung in seinem Leben hat, alles andere ist unwichtig für ihn und wird somit von ihm nicht wahrgenommen. So können sie zum Beispiel nicht fühlen und verstehen, wofür sie keine Leidenschaft empfinden.

Der „homme de génie“ nun ist an allem interessiert, er besitzt eine „âme plus étendue frappée par les sensations de tous les êtres, intéressée à tout ce qui est dans la nature“[6]. Durch dieses All-Interesse wird nicht nur ein einzelnes Gefühl in ihm geweckt, sondern durch seine Verknüpfung mit all den anderen „sensations“, die das génie erfährt, wird er auf eine andere, höhere Ebene verwiesen: er sieht nicht mehr nur ein isoliertes Erlebnis, fühlt nicht mehr nur ein isoliertes Gefühl, sondern erkennt einen größeren Zusammenhang: „à ces idées mille autres se lient“[7]. Dadurch ist er in der Lage, das Gefühl viel intensiver und tiefer zu erleben, als derjenige, der es als Einzelerlebnis erlebt und den höheren Zusammenhang nicht erkennt.

Das génie erinnert sich nicht („il ne se souvient pas“[8] ), hängt nicht vergangenen Erlebnissen nach, sondern lebt einzig und allein in der Gegenwart, in der er voll und ganz aufgeht, in der er jedes einzelne Erlebnis bis aufs kleinste Detail auskosten und in seiner tiefsten Seele erlebt. So ist der „homme de génie“ „glacé par le sifflement des vents; il est brûlé par le soleil; il est effrayé des tempêtes“[9].

So gibt sich seine Seele ganz den momentanen Gefühlen hin, das génie lebt für das, was ihn in andere Sphären bringen kann, strebt danach, was ihn erheben kann, „ce qui peut l’augmenter“[10].

Das génie macht keine halben Sachen, geht ganz in seiner Sache auf, verliert sich völlig darin: „il est transporté dans la situation des personnages qu’il fait agir; il a pris leur caractere: s’il éprouve dans le plus haut degré les passions héroïques, telles que la confiance d’une grande âme que le sentiment des ses forces éleve au-dessus de tout danger, telles que l’amour de la patrie porté jusqu’à l’oubli de soi-,ême, il produit le sublime, le ‚Moi’ de Médée, le ‚qu’il mourût’ du vieil Horace, le ‚je suis consul de Rome’ de Brutus. Transporté par d’autres passions, il fait dire à Hermione ‚qui te l’a dit?’ à Orosmane ‚j’etois aimé’; à Thieste ‚je reconnois mon frère’“[11].

Neben diesem Aufgehen in einer Sache sieht das génie sein Gefühl als ein Geschenk der Natur. Das, was er fühlt, ist das völlige Verständnis eines Momentes, die er durch eine lange Beschäftigung mit sich und der Welt erreicht.

Dennoch muss das, was das génie fühlt, nicht objektiv das Richtige sein.

So definiert man beispielsweise „schön“ nach den „règles du gout“[12] als „élégante, finie, travaillée sans le paroître“[13]. Die Schönheitsdefinition des génies dagegen kann in eine ganz andere Richtung gehen: „négligée; qu’elle ait l’air irregulier, escarpé, sauvage“[14]. Man kann also das génie zwar als einen Menschen bezeichnen, der das Universum in seinem Gesamtzusammenhang verstehen mag; ein Anspruch auf Objektivität und Richtigkeit besteht allerdings nicht. Das wird klar, wenn man sich bewusst macht, dass das génie ja alles nur über seine eigenen Gefühle erlebt und begreift. Da diese nun aber von Mensch zu Mensch unterschiedlich sind, kann sich daraus zwangsläufig keine absolute und universale Weltvorstellung ergeben.

[...]


[1] Vgl. Weltgeschichte: Die europäischen Revolutionen 1780-1848, Band 26; Louis Bergeron, Francois Furet, Reinhard Koselleck (Hrsg.), Weltbild Verlag; Augsburg, 2000

[2] ebd.

[3] ebd.

[4] Vgl. Encyclopédie ou dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers, T. VII (1757), S. 582-584, Z..1

[5] a.a.O., Z. 116ff

[6] a.a.O., Z. 7f

[7] a.a.O., Z. 10f

[8] a.a.O., Z. 12

[9] a.a.O., Z. 13f

[10] a.a.O., Z. 15

[11].a.a.O., Z. 22f

[12] a.a.O., Z. 44f

[13] a.a.O., Z. 45

[14] a.a.O., Z. 46

Details

Seiten
20
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638477710
Dateigröße
554 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v51943
Institution / Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg – Romanische Philologie
Note
2,3
Schlagworte
Wirkung Christentums Emotionalität Chateaubriand Stael Stael) Ausgewählte Aspekte Literatur Frühromantik

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Titel: Die Wirkung des Christentums auf die moderne Emotionalität nach Chateaubriand und Mme de Stael