Lade Inhalt...

Der Missouri-Kompromiss von 1820

Ein Menetekel des Amerikanischen Bürgerkriegs (1861-1865)

Essay 2016 5 Seiten

Geschichte - Amerika

Leseprobe

Essay

Der Missouri-Kompromiss von 1820 – Ein Menetekel des Amerikanischen Bürgerkriegs (1861-1865)?

Die Beurteilung des Missouri-Kompromisses von 1820 fiel sowohl bei den Zeitgenossen als auch in der Historiographie sehr gespalten aus. Einerseits unterstrich er den besonders nach der Amerikanischen Revolution wachsenden Antagonismus zwischen den sklavenfreien Nordstaaten und den sklavenhaltenden Südstaaten. Andererseits war es dem Namen nach ein „Kompromiss“, der die Differenzen zwischen den beiden Positionen bezüglich der Sklavenfrage nivellieren sollte. Er konnte zwar den Amerikanischen Bürgerkrieg hinauszögern, diesen jedoch nicht verhindern. Der Essay wird vor diesem Hintergrund der Fragestellung nachgehen, ob der Missouri-Kompromiss, der vierzig Jahre vor der Sezession des ersten Staates (South Carolina) aus der Union beschlossen wurde, die spannungsgeladene Situation zwischen den Nord- und Südstaaten entschärfen konnte oder ob er vielmehr als ein Menetekel, also als eine unheilverkündende Warnung angesehen werden kann.

Spätestens seit der Amerikanischen Revolution (1775-1787), in deren Zuge sich die Dreizehn Kolonien in Nordamerika die Unabhängigkeit vom Britischen Königreich erkämpften, wurde der Antagonismus zwischen den Nordstaaten und den Südstaaten unübersehbar. Während die Wirtschaft in den Nordstaaten (zu diesem Zeitpunkt Neuengland, Pennsylvania, New Jersey und New York) zunehmend auf der Industrie und dem Dienstleistungssektor basierte und somit keine sonderliche Nachfrage nach Sklaven aufwies, fußte die ökonomische Leistung der Südstaaten (1776 waren dies neben Delaware und Maryland vor allem Virginia, North und South Carolina sowie Georgia) primär auf der Plantagenökonomie, also der Produktion von landwirtschaftlichen Erzeugnissen (v.a. Baumwolle, aber auch Tabak, Zuckerrohr und Reis) auf großflächigen Plantagen mithilfe von intensiver Sklavenarbeit. Der Louisiana-Purchase von 1803, bei dem die noch jungen Vereinigten Staaten unter der Präsidentschaft Thomas Jeffersons dem französischen Konsul und späteren Kaiser Napoleon I. für 15 Millionen Dollar ein umfangreiches Gebiet westlich des Mississippis abkauften und somit die Größe ihres bisherigen Staatsgebiets mehr als verdoppelten, verschärfte den sich bereits seit 1776 anbahnenden Gegensatz zwischen den sklavenfreien Nordstaaten und sklavenhaltenden Südstaaten. Aus den fruchtbaren und ressourcenreichen westlichen Territorien entstanden nämlich zunehmend sowohl sklavenhaltende (Mississippi 1817, Alabama 1819) als auch sklavenfreie (Indiana 1816, Illionois 1818) Staaten. Das Missouri-Territorium stellte 1818 ebenfalls den Antrag auf die Aufnahme als sklavenhaltender Staat in die Union. Der in der Regel routinemäßig ablaufende Prozess der Staatswerdung wurde in Missouri jedoch durch große Unstimmigkeiten hinsichtlich der Sklavenfrage erheblich erschwert. Die in diesem hohen Ausmaß ungewöhnlichen Interessengegensätze sind primär auf die geographische Lage Missouris am Schnittpunkt zwischen den Nord- und Südstaaten sowie seiner damit zusammenhängenden heterogenen Bevölkerungszusammensetzung zurückzuführen: Während der spanischen Kolonialzeit (1763-1800) wurden die zuvor eingewanderten wenigen Tausend Franzosen (französische Kolonie 1673-1763 sowie 1800-1803) zu einer kleinen Minderheit, denn besonders infolge der amerikanischen Unabhängigkeit kamen zahlreiche anglophone Siedler aus dem Osten, überwiegend aus den angrenzenden Sklavenstaaten Kentucky und Tennessee. Die Sklavenhalter unter ihnen brachten ihre Sklaven mit, sodass der Anteil der schwarzen Bevölkerung im Jahr 1820 circa 20% betrug. Darüber hinaus wanderten jedoch auch abolitionistisch gesinnte deutschstämmige Amerikaner sowie Siedler aus Neuengland ein, deren Grundüberzeugung „slavery is sin“ lautete. Sie unterstützen vehement das 1819 vom Sklavereigegner James Tallmegde verfasste Tallmedge Amendment, in dem er für die Aufnahme Missouris als ein sklavenfreier Staat plädierte. Während das Repräsentantenhaus, bei dem sich die Sitzverteilung nach der Einwohnerzahl der Staaten richtete und die Nordstaaten somit die Mehrheit einnahmen, den Gesetzesvorschlag annahmen, wurde er im paritätisch besetzten Senat knapp abgelehnt. Im US-amerikanischen Senat, bei dem jeder Staat unabhängig von seiner Einwohnerzahl jeweils zwei Senatoren stellte, herrschte nämlich zu diesem Zeitpunkt ein Gleichgewicht zwischen elf sklavenfreien und elf sklavenhaltenden Staaten. Die Südstaaten akzeptierten aus diesem Grund die Aufnahme Missouris als sklavenfreien Staat nicht, denn es würde die Sitzverteilung im Senat zu ihren Ungunsten verschieben. Folglich war die Suche nach einem Kompromiss notwendig, um nicht zu diesem Zeitpunkt bereits die Stimmung zwischen den beiden Lagern vollends aus der Waage zu bringen. Nach langen Verhandlungen, geführt vom Mitglied des Repräsentantenhauses Henry Clay, einigte sich der 16. Kongress schließlich auf mehrere Punkte, die am 6. März 1820 vom Präsidenten James Monroe unterzeichnet wurden. Zunächst wurde aus dem Missouri-Territorium ein sklavenhaltender Staat, was die Mehrheit der weißen Bevölkerung Missouris befürwortete. Um das Sitzgleichgewicht (nun zwölf zu zwölf) im Senat zu wahren, wurde aus den nördlichen Gebieten von Massachusetts der neue Bundesstaat Maine gebildet, der sklavenfrei war. Zudem einigte man sich auf die sogenannte Compromise Line. Diese stellte die Grenze zwischen den sklavenhaltenden und sklavenfreien Staaten dar und verlief entlang des Breitengrades 36° Nord 30’, also der Südgrenze von Missouri. Dieser Staat sollte dabei die einzige Ausnahme bilden; nördlich der Linie sollten dagegen fortan alle Staaten frei von der Sklavenhaltung sein. Den Südstaaten dagegen blieb die Sklavenarbeit gestattet. Missouri wurde schließlich am 10. August 1821 als 24. Staat in die Union aufgenommen.

Die zeitgenössische Rezeption dieser neuen Regelung ist von sehr unterschiedlichen Ansichten geprägt. Auf der einen Seite wurde dieser Kompromiss von vielen als Entschärfung des Konflikts zwischen den Nord- und Südstaaten gelobt und der Initiator Henry Clay (1777-1852) als „The Great Pacificator“ glorifiziert. Auf der anderen Seite befürchtete vor allem der Thomas Jefferson infolge des Missouri-Kompromisses die Spaltung der Vereinigten Staaten. So schrieb er 1820 in düsterer Vorahnung an den amerikanischen Politiker und Verfechter des Missouri-Kompromisses John Holmes folgende Zeilen: “[…] but this momentous question, like a fire bell in the night, awakened and filled me with terror. I considered it at once as the knell of the Union. […] a geographical line, coinciding with a marked principle, moral and political, once concieved and held up to the angry passions of men, will never be obliterated; and every new irritation will mark it deeper and deeper.”[i] Generell sahen viele Politiker sowohl im Senat als auch im Repräsentantenhaus durch den vermeintlichen Kompromiss paradoxerweise eine Verschärfung der Konfliktlinien. Es offenbarte sich nämlich durch die intensiven Diskussionen im Vorfeld des Vertragsschlusses, wie sehr der Antagonismus zwischen den Nord- und Südstaaten den Zusammenhalt der Union weniger als fünfzig Jahre nach ihrer Gründung gefährdete. Nichtsdestominder bildete die im Rahmen des Missouri-Kompromisses vereinbarte Compromise Line für die nächsten 34 Jahre die Grundlage der Ausbreitung der Sklaverei in den Vereinigten Staaten. Die Anzahl an Sklaven in Missouri stieg indes besonders in den 1820er Jahren erheblich an, sodass 1830 knapp 18 % der Bevölkerung Sklaven waren. Erst durch die weitere Westexpansion der Vereinigten Staaten zu Beginn der 1850er-Jahre bröckelte die bis dahin zweifellos existierende Autorität des Missouri-Kompromisses als Blaupause für das Vorgehen der Aufnahme weiterer Staaten (jeweils zeitgleich ein sklavenfreier und ein sklavenhaltender Staat). Denn 1854 wurden mit Kansas und Nebraska zwei neue sklavenhaltenden Territorien geschaffen. Obgleich sie beide nördlich der Compromise Line (36° 30’ Nord) liegen, wurde den weißen Siedlern im Kansas-Nebraska Act das Recht zugestanden, selbst über die Sklavenfrage zu entscheiden. Folglich brach in Kansas aufgrund dieser Regelung ein nun sogar gewalttätig ausgetragener ideologischer Konflikt zwischen Sklavereibefürwortern und Abolitionisten in Kansas aus, der als „Bleeding Kansas“ landesweit bekannt wurde. Insbesondere aus Missouri kamen viele Verfechter der Sklaverei in den westlich angrenzenden Nachbarstaat, um sich für die Beibehaltung der „peculiar institution“ einzusetzen. Zudem bildete sich als Reaktion auf den Kansas-Nebraska-Act 1854 die Republikanische Partei, die erstmals unverhüllt abolitionistische Positionen vertrat. Der Weg vom Kansas-Nebraska-Act mit den darauf folgenden Ausschreitungen in Kansas hin zu der Eskalation der Feindseligkeiten im sieben Jahre später ausbrechenden Sezessionskrieg schien indes vorgezeichnet zu sein. Folglich wurde der Missouri-Kompromiss, der trotz des zunehmenden Antagonismus immerhin eine rechtliche Grundlage für die Sklavenfrage bildete, 1857 für verfassungswidrig erklärt. Der Missouri-Kompromiss konnte dementsprechend zwar einerseits die Wogen für einige Jahrzehnte glätten und den Frieden wahren, andererseits jedoch die tief liegenden Konflikte zwischen den beiden diametral gegenüberstehenden Positionen keineswegs ausräumen.

[...]

Details

Seiten
5
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783346137708
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v520029
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen – Philosophische Fakultät
Note
1,7
Schlagworte
Missouri-Kompromiss Amerikanischer Bürgerkrieg Sklaverei Geschichte der USA Rassenproblematik

Autor

Zurück

Titel: Der Missouri-Kompromiss von 1820