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Crowdfunding-Plattformen. Eine neue Perspektive für den Journalismus?

Hausarbeit 2019 14 Seiten

Medien / Kommunikation - Journalismus, Publizistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Funktionsweise des Crowdfundings

3. Veränderungen im Journalismus durch die Crowdfinanzierung
3.1 Rollenveränderung
3.2 Der Wegfall des fiktiven Lesers
3.3 Förderung der Medienvielfalt

4. Reichweite von Crowdfunding

5. Beispiele von crowdfinanziertem Journalismus
5.1 Startnext: Voice of Anger
5.2 Steady: Übermedien

6. Mögliche Risiken und Schattenseiten des Crowdfundings

7. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Eine wichtige Erkenntnis […] war, dass es gar nicht so sehr darum geht, die Masse anzusprechen, sondern ein spitzes Publikum, das sich sehr für deine Geschichten interessiert und durch seine Mitgliedschaft Teil von etwas Großem wird. Ich denke, darin liegt die Zukunft des Journalismus“

(Pauline Tillmann, Projektinitiatorin des crowdfinanzierten Magazins „Deine Korrespondentin“ im Interview mit dem Journal Fachjournalist)

Durch die kostenlosen Online-Angebote sind bei nahezu allen Redaktionen Finanzierungsprobleme aufgetreten. Der Verkauf von Zeitungen geht zurück. Stattdessen ist es Standard journalistische Erzeugnisse kostenfrei online zu konsumieren. Für redaktionelle Online-Inhalte gibt es nahezu keine Zahlungsbereitschaft. Das traditionelle Finanzierungsmodell hat sich verändert. Der Umsatz durch klassische Finanzierungen ist stark gesunken. Zuvor wurden zwei Drittel der Einnahmen aus Werbung finanziert. Heute liegen die Werbeeinnahmen nur noch bei etwa einem Drittel (Vgl. Novy, 2013, S.22). „Online advertising is not as profitable as in the print era“ (Aitamurto, 2015, S.189). Dies hat zur Folge, dass die Zahl an Festanstellungen sinkt, und somit die Zahl der frei arbeitenden Journalisten und Journalistinnen steigt. Besonders problematisch ist dies für aufwendige Recherchen, die womöglich eine Reise erfordern, oder langwierige investigative Projekte. Um eine größere Leserschaft zu erhalten werden die redaktionellen Inhalte auf Plattformen, insbesondere den Sozialen Medien, beworben und mit Teasern versehen. Diese Plattformen üben indirekt Druck auf den Journalismus aus; die Gefahr für einen Popularitäts- und Aufmerksamkeitswettkampf entsteht, der reißerische Aufmachungen und Boulevardthemen fördert. Doch das Multi-Plattform-Umfeld bietet auch neue Finanzierungswege. „Journalisten nehmen alternativ zum Verlagsmodell selbst die ökonomische Verantwortung auf sich“ (Gattermann/Prinzing, 2015, S.188) und betreiben Crowdfunding. „Crowdfunding plays an important role in the emerging new business model ecosystem in journalism” (Aitamurto, 2015, S.203).

Daher werden in dieser Arbeit die Möglichkeiten durch Crowdfunding und die Crowdfunding-Plattformen dargestellt. Im Zuge dessen wird zunächst das Crowdfunding definiert und die Funktionsweise erläutert. Anschließend werden die Veränderung in der Nachrichtenfinanzierungen untersucht, die sich durch Crowdfunding ergeben haben. In dem zweiten Teil der Arbeit wird ein Blick auf die Reichweite der Plattformen geworfen. Des Weiteren werden exemplarische Crowdfunding Plattformen und erfolgreiche Kampagnen vorgestellt. Auch die möglichen Risiken werden hier beachtet, bevor das Fazit gezogen wird.

2. Funktionsweise des Crowdfundings

Crowdfunding ist nicht auf den Journalismus beschränkt. Nahezu jedes Projekt kann gefördert werden. Im Crowdfunding hat jede*r die Möglichkeit, Projekte auf einer Crowdfunding-Plattform zu “pitchen“, sprich zu präsentieren und bewerben. Dabei spenden in der Regel „nicht-professionelle Einzelpersonen“ (Gattermann, 2015, S.189) kleine Geldbeträge, die oftmals nur ein paar Euro betragen, und finanzieren so in der Gruppe das vorgestellte Projekt oder Produkt. „Crowdfunding has […] been defined as the collective co-operation of online individuals“ (Carvajal et al., 2012, S.641). Der Unterschied zu dem Crowdsourcing besteht darin, dass beim Crowdfunding ausschließlich finanzielle Mittel gesammelt werden, und nicht wie beim Crowdsourcing eine redaktionelle Beteiligung durch die Beschaffung von Informationen vorliegt. Die Initiatoren bzw. Initiatorinnen müssen vorab angeben, wieviel Geld sie benötigen. Die Bezahlung erfolgt meist über Micro-Payment-Systeme wie PayPal (Vgl. Gattermann, 2015, S.188). Der Spendenzeitraum wird entweder von den Initiator*innen festgelegt oder von der Plattform vorbestimmt. Des Weiteren ist von der jeweiligen Plattform abhängig, ob das gespendete Geld in jedem Fall ausgezahlt wird, oder ob das Geld bei Nichterreichen der Zielsumme an die Spendenden zurückgezahlt wird.

Die Crowdfunding-Plattformen müssen sich selbstverständlich auch selbst finanzieren. Es gibt sowohl Non-Profit als auch For-Profit Plattformen. Gängig ist eine Vergütung, die von der Gewinnsumme erfolgreicher Projekte abgeht. Kann ein Projekt nicht realisiert werden, wird auch keine Vergütung erhoben. Das eigentliche Erstellen eines Projektes ist kostenfrei. Wie viel Prozent die jeweilige Vergütung beträgt, hängt von der Plattform ab und ob diese kommerziell ist. Die Plattform Kickstarter bekommt fünf Prozent der Spendensumme und zusätzlich drei bis fünf Prozent für die anfallenden Transaktionskosten. VisionBakery fasst beides zusammen und erhält 11,9 Prozent des Ergebnisses. Ein weiteres Beispiel ist die Plattform Startnext. Hier ist die Vergütung nicht vorgeschrieben. Jeder Initiator bestimmt selbst, wie viel Prozent er zum Dank an die Plattform abgibt.

Bei Crowdfunding in der Kategorie Journalismus lassen sich die meisten Projekte zwei Modellen zuteilen: Das projektbezogene Modell ist einmalig und endet nach einem Projekt, e.g. einer Reportage. Möglich ist auch, dass nur ein konkreter Arbeitsschritt über Crowdfunding finanziert wird, beispielsweise eine Recherchereise oder der Druck eines Magazins. Das institutionelle Modell hingegen finanziert ein langfristiges, mehrteiliges Projekt und will oftmals die Spendenden zu dauerhaften Abonnements anwerben (Vgl. Humborg/Nguyen, 2018, S.35). Dies ist e.g. der Fall, wenn eine ganze Nachrichtenseite mit dem Geld aufgebaut werden soll, oder sich ein Magazin längerfristig durch Crowdfunding finanzieren möchte. Möglich ist auch eine kombinierte Finanzierung aus Crowdfunding und den klassischen Finanzierungswegen. Im Crowdfunding sind Belohnungen oder Dankeschön für die Spendenden üblich. Wird beispielsweise die Herstellung eines neuen Objektes unterstützt, wird den Spendenden das Objekt häufig so bald wie möglich zugesendet. Im Journalismus ist dementsprechend das journalistische Erzeugnis das Produkt, dass nach der Fertigstellung zur Verfügung gestellt wird.

3. Veränderungen im Journalismus durch die Crowdfinanzierung

„Crowdfunding disrupts some of the traditional structures in journalism“ (Aitamurto, 2015, S.194). Beim Crowdfunding liegt die ökonomische Verantwortung bei den Medienschaffenden selbst. Sie nehmen eine weitere Rolle ein und sind nicht mehr einzig Redakteur oder Redakteurin, sondern auch Vermarkter*innen. Sie haben einen direkten Kontakt zu ihrer Leserschaft und können mit ihr in Interaktion treten. Der Journalismus tritt aus den festen Strukturen der Medienhäuser heraus: Themenvorschläge müssen nicht mehr zwangsweise den gängigen Weg durch den Newsroom durchlaufen und genehmigt werden. Welches Projekt publiziert wird, wird nicht weiterhin nur unter Journalist*innen entschieden. An dieser Stelle steht die Crowd, die durch Spenden eine veränderte Produktionsweise von journalistischen Inhalten ermöglichen kann.

3.1 Rollenveränderung

Beim Crowdfunding sind die Journalist*innen auch für die Ökonomie ihrer Arbeit zuständig. Sie sind „direkt involviert in die finanziellen Aspekte ihrer eigenen Arbeit“ (Hunter, 2015, S.275). Hunter spricht von einer imaginären Firewall, die durch Crowdfunding wegfällt. „In traditional news organizations, there is a metaphorical firewall between the advertising and editorial functions of a news medium. In crowdfunding, of course, this firewall between the money and the journalists no longer exits (Hunter, 2016, S.229). Dafür wird den Medienschaffenden nicht länger die Rolle des Gatekeepers zuteil. Der Begriff Gatekeeper bezeichnet die Personen, die über die Aufnahme oder Ablehnung einer Nachricht entscheiden, und somit die Themen auswählen und begrenzen (Vgl. Kunczik/Zipfel, 2005, S.224). Die Funktion des Gatekeepers übernehmen im Crowdfunding die Spendenden. Es erreicht nur das Projekt die gewünschte Fördersumme, dass die potenziellen Unterstützer*innen überzeugen kann. „By donating to a pitch, the donor expresses which topic need to be reported” (Aitamurto, 2015, S.194). Die Entscheidung, welche Nachricht publiziert werden wird, liegt bei der Crowd.

3.2 Der Wegfall des fiktiven Lesers

Im Crowdfunding ist ein direkter Kontakt zu den Spendenden und damit auch zu einem Teil der mit hoher Wahrscheinlichkeit zukünftigen Leserschaft möglich. Der fiktive Leser, bei dem sich der Journalist oder die Journalistin ein Bild der Adressaten zeichnet, sie aber nicht persönlich kennt, wird nun konkret. Dies ermöglicht ihnen das Interesse an einem Thema einzuschätzen. „Through Crowdfunding, a journalist can test the potential traction of a story topic“ (Aitamurto, 2015, S.200). Der Crowd ist es möglich, Kommentare zu hinterlassen und damit Wünsche zu äußern, Fragen zu stellen oder Feedback zu geben. Sie werden zu Evaluierenden. Es entsteht eine Bindung zwischen der Crowd und den Initiator*innen. Aufgrund dessen werden auch die Beweggründe der Spendenden bekannt. Der häufigste Grund für die Unterstützung journalistischer Projekte ist altruistisch. „It is the role of journalism that funders want to support“ (Aitamurto, 2015, S.202). Die Crowd spendet, um ein gemeinschaftliches gesellschaftliches Ziel zu erreichen, indem ein breit und tief recherchierter Journalismus im Zentrum steht. Gattermann und Prinzing führten 2014 eine Umfrage1 durch, in der herauskam, dass „vier von fünf Befragten […] ihr Geld am ehesten für investigative Inhalte spenden [würden], also für Recherchen, deren Ziel das Aufdecken von Missständen ist“ (Gattermann/Prinzing, 2015, S.202). Erwartet wird mehr Transparenz, Kontrolle und Beteiligung (Vgl. Degen/Spiller, 2014, S.204). Ein Teil des Arbeitsprozesses wird öffentlich. Diese Faktoren erzeugen bei vielen Medienschaffenden das Gefühl einer starken Verantwortung gegenüber ihrer Spenderschaft.

3.3 Förderung der Medienvielfalt

Das Crowdfunding bietet Medienschaffenden Zeit und Ressourcen, die bei einer Finanzierung durch ein Medienunternehmen meist geringer ausfallen. Besonders häufig werden Recherchereisen über Crowdfunding-Plattformen finanziert, die in Verlagen immer öfter eingespart werden, sowie regionale Themen, die durch die räumliche Begrenzung eine zu geringe Leserschaft hätten, um in einem etablierten Verlag veröffentlicht zu werden. Es entsteht ein unabhängiger aber auch größtenteils freiberuflicher Journalismus. Die Themenauswahl ist nicht länger von den Kosten abhängig und die Journalist*innen werden von der Sorge um den Verkauf ihrer Geschichte befreit. Dies fördert insbesondere Nischenthemen und trägt damit zur Medienvielfalt bei. „Crowdfunding is a way to cover stories they feel are not adequately covered in legacy media” (Hunter, 2016, S.228). Es werden mehr Standpunkte und Perspektiven veröffentlicht. Dies ist auch für die Demokratie von Vorteil. Weiterhin kann Crowdfunding eine pekuniäre Unterstützung für die wachsende Anzahl an freiberuflich Arbeitenden darstellen. Ebenso ist es ein möglicher Einstieg in den Journalismus, indem bei späteren Bewerbungen bereits Erfahrungen aufgewiesen werden können. Journalists „are hoping that crowdfunding will bolster sagging freelance budgets and allow them to either get their start as a journalist” (Hunter, 2016, S.230). Gefördert wird hier demnach auch eine Vielfalt der Medienschaffenden.

4. Reichweite von Crowdfunding

Das Crowdfunding Informationsportal führt jedes Jahr eine Umfrage zu den Themen Bekanntheit, Verständnis und Beteilung von Crowdfunding durch. Befragt werden 1000 Personen in Deutschland ab 18 Jahren. Die Befragung fand 2018 das vierte Jahr in Folge statt, sodass ebenfalls ein Vierjahrestrend erstellt wurde. Sowohl bei Bekanntheit, Verständnis und Beteiligung ist ein stetiger Zuwachs zu registrieren. In den vier Jahren stieg die Bekanntheit des Begriffs von 51 auf 67 Prozent. Ein Verständnis von Crowdfunding hatten 2015 rund 24 Prozent. Bis 2018 ist der Wert auf 36 Prozent gestiegen. Die Umfrage lässt darauf schließen, dass momentan lediglich etwas mehr als 1/3 der Menschen in Deutschland eine Vorstellung von Crowdfinanzierung besitzen, die Zahl aber kontinuierlich steigen wird. Ebenso die Beteiligung, die von 7 auf nahezu 12 Prozent gewachsen ist.

[...]


1 Es handelt sich um eine Online-Umfrage zur Unterstützerperspektive mit n=42 Teilnehmenden. Der Untersuchungszeitraum war der 07. bis 19. Oktober 2014.

Details

Seiten
14
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783346121875
ISBN (Buch)
9783346121882
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v520402
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
1,0
Schlagworte
crowdfunding-plattformen eine perspektive journalismus
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Titel: Crowdfunding-Plattformen. Eine neue Perspektive für den Journalismus?