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Das Kulturverständnis bei Friedrich Justin Bertuch vor dem Hintergrund seines unternehmerischen Wirkens

Das Fallbeispiel des Journals des Luxus und der Moden

Essay 2019 6 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Neuere Geschichte

Leseprobe

Das Kulturverständnis bei Friedrich Justin Bertuch vor dem Hintergrund seines unternehmerischen Wirkens

Das Fallbeispiel des Journals des Luxus und der Moden

Der Kulturbegriff des 18. Und 19. Jahrhunderts bezeichnet inhaltlich andere Vorstellungen, als sie uns gegenwärtig präsent sind, wobei hierbei durchaus zu beachten gilt, dass „Kultur“ auch heutzutage ein schwer fassbarer und über die Maßen diskutierter Begriff ist. Während die Geistes-und Sozialwissenschaften den Kulturbegriff ohnehin stetig rezipieren und sich einer Vielzahl unterschiedlicher Definitionen bedienen, variiert er zudem im Alltagsgebrauch sowie in den unterschiedlichen Gesellschaften.

Der Kulturbegriff kann konsensuell daraufhin reduziert werden, dass er einen Gegenbegriff zur Natur –jenes Kosmoses der nicht von Menschen gemacht ist– bildet und vielmehr all das bezeichnet, das durch den Menschen entstanden ist bzw. hervorgebracht wurde.

Hierbei kann man von engeren und weiteren Definitionen des Kulturbegriffs ausgehen und im weiten Sinne Kultur als Eingriff des Menschen in die Natur verstehen, der durch eine methodische Bearbeitung eben dieser, eine eigene kreative Welt erschafft, die auf immateriellen, geistigen Gütern ebenso beruht, wie auf „materiellen Kunstprodukten und sozialen Einrichtungen“ (Nünning, 2009) und überdies in der Lage ist, Sozialisations-und Kommunikationsprozesse zu realisieren.

Eine Grundlage dieser Kommunikations-und Sozialisationsprozesse bilden komplexe Zeichen-und Symbolsysteme, die über die Sprachverwendung hinausreichen und die Ausbildung bestimmter Normen und Werte, die in Gesellschaften differieren, jedoch als Kennzeichen von Kultur betrachtet werden können.

Summierend unterscheidet man in den Geisteswissenschaften vier Ansichten zum Kulturbegriff, von denen der normative für die Betrachtung des 19. Jahrhunderts ausschlaggebend ist.

Für diesen ist der Ansatz entscheidend, dass Kultur einen Begriff bildet, der sich in Abgrenzung zu etwas als „kultiviert“ behauptet und klare Vorstellungen davon besitzt, was in einer Gesellschaft als Kultur bezeichnet werden darf. Des normativen Ausgangs zufolge ist Kultur demnach an deutliche Normen gebunden, die über Ästhetik, gesellschaftliche Verhaltensweisen und Bildungsansprüche diesen Begriff klar definieren. Über Tradierung kann die Kultur vermittelt und weitergereicht werden.

Der Kulturbegriff, der dem 19. Jh. zugrunde liegt, ist ein normativer Begriff, der sich vor allem durch bürgerliche Emanzipation als solcher herausbilden konnte. Diese Entwicklung war durch die gesellschaftliche Umwelt bedingt, mit dem Ziel, sich „von den ‚primitiven‘ Unterschichten einerseits und vom ‚degenerierten‘ Erbadel andererseits abzugrenzen“ (RS 2008, 417) .

Diese Abgrenzung sollte durch eine „eigene, ‚kultivierte‘ Lebensweise erfolgen“ (RS 2008, 417) , die es anzustreben galt und zumeist mit dem Konzept der Bildung gleichgesetzt wurde.

Bildung war der Schlüssel zu persönlicher Vervollkommnung, zu Abgrenzung von unkultiviertem Dasein oder sozialem Prestige ohne eigene Leistung und vielmehr eine Form von Statusdenken, in dem bestimmte ästhetische und lebensweltliche Konzepte verinnerlicht waren.

Dem 18. Jahrhundert war ein Kulturbegriff nahe, der sich geschichtsphilosophisch orientierte und insbesondere bei den Enzyklopädisten dieser Zeit von großer Bedeutung gewesen ist. Die kulturgeschichtliche Entwicklung des Menschen stand hierbei im Zentrum der Betrachtung, d.h. die Frage, wie, warum und unter welchen Bedingungen der menschliche Geist sich so herausbilden, also „kultivieren“ konnte, wie er es historisch getan hat. Dies kam vor allem dem Anspruch der Aufklärer nahe, die Höherentwicklung des Menschen nachzuzeichnen und ihn in seiner Vernunftbegabung zu bestätigen.

Als Kulturgeschichte des menschlichen Geistes war auch der Kulturbegriff des 18. Jahrhunderts definiert und überdies auch eine der Grundlagen des Kulturdenkens Friedrich Justin Bertuchs, wenngleich sich seine Ansichten auch aus anderen bzw. auch spezifischeren Überlegungen speisten, wie u.a. denen des Philosophen und Aufklärers Moses Mendelssohn, für den Kultur einerseits in Abgrenzung zu Bildung und Aufklärung stand, andererseits eng mit dem Begriff der Pragmatik verbunden war. (Borchert 2004, 77)

Handwerklich-schöpferisches Handeln und industrielle Beförderung von Gütern, die der Allgemeinheit in objektiver Hinsicht zu Gute kommen, waren nicht nur im spätaufklärerischen Denken Mendelssohns verhaftet, sondern zugleich auch in Bertuchs Ansichten festgesetzt.

Die Überzeugung, dass Kultur mit Industrie einherging und zukunftsweisend für die gesellschaftliche (Weiter)entwicklung sein würde, beförderten sein Denken und Handeln.

In seinen vielfältigen Unternehmungen wird diese Überzeugung deutlich. Das JLM war eines der herausragenden Beispiele für Bertuchs Versuch, aufklärerisches Denken mit der spezifischen Ausprägung Moses Mendelssohns, die kulturgeschichtlichen Ansprüche der Enzyklopädisten des 18. Jahrhunderts sowie die Verbindung von Kunst und Industrie– wie wir sie später visionär auch bei Walther Gropius und der Verwirklichung des Bauhauses entdecken können– miteinander verbinden zu können.

Wie Mendelssohn, der die Entfaltung von Kultur vor dem Hintergrund eines „Überfluß in allen Bequemlichkeiten des Lebens“ (Mendelssohn 1862, 534) sah, lag es auch Bertuch nah, diverse Annehmlichkeiten als Medien der Kulturförderung anzusehen.

Unter dieser Perspektive erscheint Bertuchs Wirken insgesamt, sei es im Rahmen des Aufbaus seines Landes-Industrie-Comptoirs, seinen eigenen schriftstellerischen und unternehmerischen Beiträgen durch u.a. rege Zeitschriftengründungen („London und Paris“, „Allgemeine Literaturzeitung“) oder durch sein produktivstes Medienunternehmen wie des Journals des Luxus und der Moden, welches er 1786 gemeinsam mit Georg Melchior Kraus gründete.

Die Beförderung der Mode und der Verbreitung von Luxusgütern sowie einer Kultivierung des Geistes auch durch thematisch variantenreiche Beiträge, politisch-gesellschaftliche Informationen und Debatten, kann als eine der Zielstellungen der Herausgeber gefasst werden.

Zugleich sollte mit dem Journal in der Tradition des Kulturbegriffs des 18. Jahrhunderts auch eine Kulturgeschichte des menschlichen Geistes angeregt werden, die enzyklopädischen Charakter haben und –in Sammlungen gefasst- als Nachschlagewerke für künftige Generationen von Nutzen sein sollte.

Die Verbindung von Kulturförderung und Luxus wird sodann deutlich, wenn man die Aussagen der Herausgeber im Einleitungsteil der ersten Ausgabe des JLM 1786 selbst betrachtet: „[…] Wolleben will und kann der Mensch auf der ganzen weiten Erde, so bald er sich etwas mehr, als seine ersten nothwendigen Beduerfnisse des Lebens erwerben kann, und eben der heiße Wunsch dahin zu kommen, und sich guetlich zu thun, ist die maechtige Triebfeder der Industrie, der Kuenste, der Erfindungen und des Geschmacks, kurz des groeßten Theils der menschlichen Thaetigkeit.“ (Bertuch/Kraus 1786, 5)

Die Symbiose beider entstehe schließlich dadurch, dass das eine, das andere befördere. Ohne die Annehmlichkeiten, die der Luxus mit sich bringe, könnten keine neuen Ideen, keine neuen stil-und geschmacksgebenden Prinzipien generiert werden. Kurzum: ohne die Investition in Güter des Wohlstands könne auch kein neuer, kreativer Geist entstehen, der neue, kreative Produkte schaffe und mithin neue Stilbildungsprozesse anregen würde. Die Entfaltung neuer Moden, neuer Stile, neuer Geschmäcker sind –Bertuchs Verständnis folgend– zudem Ausdruck der Kultur einer Gesellschaft und stehen miteinander in unmittelbarem Zusammenhang.

Im Verständnis der Herausgeber ist Luxus „wie die Treppe in einem Gebäude; unentbehrlich zum Gebrauch des Hauses. Ein Kluger steigt langsam auf und ab; ein Kind (…) stürzt sie unvorsichtig herab.“ ( Bertuch/ Kraus 1786, 7) . Deutlich werden– neben der fruchtbringenden Notwendigkeit des Wohlstandes auf innovative, geschmacksbildende Prozesse einerseits– auch die negativen Auswüchse, die sich aus einem unbedachten und falsch verstandenen Zusammenhang dieser Komponenten ergeben. Nicht der blinde Konsum ist Antrieb zu Innovation, sondern der wohl bedachte und dosierte Konsum als ein Luxus, der zur Ästhetisierung des Lebens führt und dadurch neuen Stil entwickeln kann. Das richtige Maß ist beiden wichtig und sie suchen es über ihr Journal zu vermitteln, indem sie regelmäßig und ausführlich über unbedachten und verschwenderischen Luxus und seine Gefahren berichten.

Betrachtet man die mediengeschichtliche Entwicklung im 18. Jahrhundert, bildet die aufkommende Zeitschriftenlandschaft, die Informationsquelle des 18. Jahrhunderts.

Zeitschriften- und Zeitschriftengründungen überstiegen in ihrer Anzahl bei Weitem jede andere Form publizistischer Organe. Diese Entwicklung und die Fokussierung auf Zeitschriften als zentrale Informationsmedien kann wiederum nur vor dem Hintergrund der Aufklärung gedacht werden, deren Hauptausdrucksmedium die Zeitschrift gewesen ist.

Die Vorzüge von Zeitschriften liegen hierbei eindeutig auf der Hand: eine Vielzahl an Informationen kann schnell gedruckt und verbreitet sowie vom Leser auf diese Weise höchst aktuell konsumiert werden.

Lange Warte-und Druckzeiten, aufwendige Bindungen können vermieden, die Herstellung verhältnismäßig kostengünstig gestaltet werden; die Beiträger, häufig Intellektuelle der Zeit mit gesellschaftlichem Renommee, können in kleinerem Umfang schreiben und publizieren, was sowohl für den Autoren als auch für den Herausgeber von Vorteil ist.

Die Leserschaft kommt zugleich in den Genuss, die Debatten der Zeit hautnah mitverfolgen und die Ansichten und Positionen der (geistes)wissenschaftlichen Auseinandersetzung anschaulich nachzeichnen zu können.

Neben dem wissenschaftlich zu beobachtenden Diskurs, konnten Zeitschriften auch durch ein großes, thematisches Portfolio überzeugen und die unterschiedlichsten Interessen der Leserschaft bedienen. Von Fragen des Lebensstils, über Bildungsthemen bis hin zu größeren Interessenkreisen waren Zeitschriften in der Lage, Einblicke zu gewähren.

Auf diese Weise eigneten sich Zeitschriften umso mehr auch für Bertuchs großes Vorhaben, eine „fortlaufende philosophische Geschichte des menschlichen Geistes“ (Bertuch/ Kraus 1786, Einl.) zu entwerfen, in welchem sich einmal mehr sein Verständnis von Kultur offenbart.

Zuvor konnte er im Rahmen seiner Allgemeinen Literatur-Zeitung bereits ein Zeitungsmedium integrieren, dass sich der Rezensionskultur verschrieb und zeitnah zum erschienenen Ausgangswerk Kritiken der verschiedenen Rezensenten publizieren konnte.

Aus der Tradition der Aufklärung herausgewachsen, sollte auch dieses Organ „in einem enzyklopädischen Sinne das gesamte Spektrum der Wissenschaften kritisch reflektiert“ (Golz 2005, 72) wissen.

Die Bedingungen für Bertuch, sein Vorhaben in größerem Umfang für das Journal des Luxus und der Moden umzusetzen, schienen besonders günstig: der Standort Weimar bot eine, aufgrund der geringen Größe, beachtliche kulturelle Metropole mit einem Netzwerk bedeutender Kultur schaffender Persönlichkeiten, Herzöge in der Funktion kulturfördernder Mäzene und durch die ohnehin schon bestehende Verbindung zum Universitätsstandort Jena (auch durch die vormals gegründete Allgemeine Literatur-Zeitung) als ein „Reservoirs an […]Gelehrten, wie sie nur eine renommierte Universität bereithalten konnte“ (Golz 2005, 72)

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Details

Seiten
6
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783346111975
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v520594
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden – Institut für Geschichte
Note
1,3
Schlagworte
kulturverständnis luxus journals fallbeispiel wirkens hintergrund bertuch justin friedrich moden

Autor

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