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Die Gründung der Türkei und die Rolle Mustafa Kemal Atatürks

Eine Leadership-Analyse nach George MacGregor Burns

Hausarbeit (Hauptseminar) 2005 26 Seiten

Zusammenfassung

Mustafa Kemal Atatürk, ein Name auf den ein ganzes Volk stolz ist, ein Name der für die (Neu-) Begründung und Modernisierung einer ganzen Nation steht. Sein Kampf für einen Staat der Türken in einer Zeit voller politischer Verwirrungen, von Weltwirtschaftskrise und beginnender Emanzipation kleiner Länder und neuer Staaten von ihren Kolonialmächten ist eine der größten Leistungen des frühen 20. Jahrhunderts.

Diese Arbeit untersucht anhand der Leadership-Theorie von James MacGregor Burns die Umstände von Atatürks frühem Leben, seine militärische Karriere und sein politisches Wirken. Mit Hilfe der Erfahrungen und Vorkommnisse im Leben des Revolutionsführers soll die Entstehung, beziehungsweise die Ausprägung seiner Fähigkeiten untersucht werden. Burns Theorie wird herangezogen, da sie eine Mischung aus theoretischer und praktischer Abhandlung, aus rein empirischen Betrachtungen vieler bedeutender Führer der gesamten Weltgeschichte besteht. Anders als andere Theoretiker vereint Burns die Geschicke eines Historikers und eines Politologen in sich. Sein Buch gilt heute als grundlegendes Werk der Leadership-Forschung, deshalb stellt sich für diese Arbeit die Frage, ob eine, in Burns Werk nicht näher behandelte, Person der nahen Zeitgeschichte anhand der Kriterien der Burns’schen Theorie analysiert werden kann und ob sie in eines der von James MacGregor Burns entworfenen Leadership-Profile eingeordnet werden kann.

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung und Fragestellung

2. James MacGregor Burns Leadership-Theorie

3. Herkunft, Schul- und Ausbildungsweg des Mustafa Kemal

4. Militärisches Wirken des Mustafa Kemal

5. Politisches Wirken des Gazi Mustafa Kemal

6. Die Verwirklichung der modernen Türkei durch Mustafa Kemal Atatürk

7. Nachwirkungen des Kemalismus

8. Fazit

9. Literaturverzeichnis

1. Einleitung und Fragestellung

Atatürk, ein Name auf den ein ganzes Volk stolz ist, ein Name der für die (Neu-) Begründung und Modernisierung einer ganzen Nation steht. Er ist einer der Helden des frühen 20. Jahrhunderts. Sein Kampf für einen Staat der Türken in einer Zeit voller politischer Verwirrungen, von Weltwirtschaftskrise und beginnender Emanzipation kleiner Staaten von ihren Kolonialmächten ist eine der größten Leistungen in der modernen Geschichtsschreibung. „Für Mustafa Kemal Atatürk […], war Modernisierung gleichbedeutend mit einer Europäisierung ohne Wenn und Aber. […] Tatsächlich hat sich kein anderes islamisches Land Nordafrikas und des Nahen Ostens derart tief greifend europäisiert.“[1] Das Osmanische Großreich, das sich einst vom Balkan bis Indien erstreckte, war unter einem schwächer werdenden Sultan Muhammad V. in den 1. Weltkrieg gezogen worden um ehemalige Gebiete wieder zu erobern und seinen Herrschaftsbereich zu festigen. „Freilich verlor dieses Reich seit etwa 1700 einen Krieg nach dem anderen. […] Der Staat war hoch verschuldet und durch Korruption zerrüttet. Im Inneren herrschte Unsicherheit und Misswirtschaft. Die Überlegenheit der Europäer wurde allmählich jedem Türken bewusst.“[2] So war es trotz der nicht vorhersehbaren Niederlage Deutschlands kaum ein Wunder, dass die Entente das Osmanische Reich besiegen konnte und Pläne zur Aufteilung des Landes geschmiedet wurden. In dieser Zeit war es Mustafa Kemal, genannt Atatürk, zu verdanken, dass die Türken als geeintes Volk weiter bestehen konnten.

Diese Arbeit untersucht unter Zuhilfenahme der Leadership-Theorie von James MacGregor Burns die Umstände von Atatürks frühem Leben, seine militärische Karriere und sein politisches Wirken. Auch wenn viele Lebensdaten und Ereignisse aus Mustafas Leben benannt werden, so geht es nicht in erster Linie um eine Biographie, sondern um eine Untersuchung der Umstände, wie er zu dem Führer des türkischen Volkes wurde, als der er heute verehrt wird. „Denn nicht Atatürks persönliche Existenz ist das Wesentliche, sondern seine Leistung für die türkische Nation, diese Leistung freilich entsprang ja seiner Persönlichkeit.“[3] Mit Hilfe der Erfahrungen und Vorkommnisse im Leben des Revolutionsführers soll die Entstehung, beziehungsweise die Ausprägung seiner Fähigkeiten untersucht werden. Burns Theorie wird deshalb herangezogen, da sie eine Mischung aus theoretischer und praktischer Abhandlung, aus rein empirischen Betrachtungen vieler bedeutender Führer der gesamten Weltgeschichte besteht. Anders als andere Theoretiker vereint Burns die Geschicke eines Historikers und eines Politologen in sich. Sein Buch gilt heute als grundlegendes Werk der Leadership-Forschung, deshalb stellt sich für diese Arbeit die Frage, ob eine im Buch nicht näher behandelte Person der nahen Zeitgeschichte anhand der Kriterien der Burns’schen Theorie analysiert werden kann und ob sie in eines der von James MacGregor Burns entworfenen Leadership-Profile eingeordnet werden kann.

Noch einige Worte zur Literaturlage: Zur Leadership-Theorie nach Burns existieren lediglich einige kurze Rezensionen in Zeitschriften, sowie ein 2003 vom Autor selbst veröffentlichter Nachfolgeband, indem das Thema Leadership genauer unter dem Aspekt der transforming leadership geprüft wird. Weitere Betrachtungen sind lediglich Buchrezensionen und kurze Auszüge seines Werkes in anderen Publikationen. Zu Atatürk sind allerhand Werke zu finden, die sein Leben und Wirken genauer untersuchen, jedoch widersprechen sich diese in einigen Punkten wie zum Beispiel dem Geburtsjahr oder der Beteiligung in und Gründung von Geheimorganisationen. Der Autor Johannes Glasneck beispielsweise erzählt eine detaillierte, farbige und plastische Lebensgeschichte, die jedoch nicht ausreichend durch Quellen belegt ist und teilweise etwas, vorsichtig formuliert, zu sozialistisch (ob nun gewollt oder den Umständen in der DDR geschuldet) geschrieben ist. Gleichfalls unter Vorsicht zu betrachten ist die Veröffentlichung der Turkish National Commission for UNESCO, denn diese ist lediglich eine Wiederveröffentlichung und Übersetzung eines Artikels der İslâm Ansiklopedisi, einer vom Türkischen Ministerium für Bildung im Jahr 1946 herausgegeben Enzyklopädie, die dem Leben und Werk des Gründers der Türkei gewidmet worden war.[4] Das an sich ist kein Grund dem Buch zu misstrauen, jedoch scheint, auch wenn alle Daten und Ereignisse mit anderen Veröffentlichungen übereinstimmen, die Rolle Atatürks etwas überbetont zu sein. Ein Beispiel dazu: Mustafa war nicht Gründer von „Vaterland und Freiheit“, sondern ist nach Meinung anderer Autoren nur beigetreten. In der vorliegenden Arbeit wurden deshalb die Ereignisse wiedergegeben, wie sie übereinstimmend in verschiedenen Publikationen gefunden wurden. Etwaige Ungenauigkeiten in Daten erklären sich aus den Differenzen zwischen Gregorianischem und Julianischem Kalender.

2. James MacGregor Burns Leadership-Theorie

Der US-Amerikaner wurde am 3. August des Jahres 1918 in Melrose/Massachusetts geboren. Von 1943 bis 1945 diente er in der US-Armee und stieg die unteren Ränge vom Private bis zum Sergeant auf. Seinen M.A. und Ph.D. machte er bis 1947 an der Harvard Universität und studierte danach zwei Jahre an der London School of Economics. Nach seiner Rückkehr in die USA bekleidete er mehrere Stellungen an Hochschulen und Universitäten und als Mitglied der Demokraten mehrere kommunale und regionale Posten in Politik sowie Verwaltung und kandidierte für den US-Kongress. Neben seinem Hauptwerk veröffentlichte er seit 1949 mehrere, viel beachtete Betrachtungen über das US-amerikanische Präsidial- und Demokratiesystem sowie ausgewählte Politiker der US-amerikanischen Gegenwartsgeschichte.[5]

Burns Werk, Leadership, mehrere hundert Seiten umfassend, ist der Ausdruck seiner Vorstellung von Führung. Die universale Theorie beginnt in Teil I mit einer Untersuchung über Macht und Absichten von Führung. Daran schließt sich in Teil II die Ergründung der Ursprünge von Führung, also psychologische und soziale Gründe sowie die bisher kaum untersuchten Karriereambitionen und -belohnungen. Nachdem die grundlegenden, für alle je nach Einfluss, geltenden Faktoren so untersucht wurden, kommt er zu seinem wichtigsten und berühmtestem Punkt. In Teil III und IV untersucht Burns zum einen die Beziehungen zwischen Leadership [6] und Followership [7] und zum anderen die unterschiedlichen Typen von Führung, genauer gesagt Transforming Leadership [8] in Teil III und Transactional Leadership[9] in Teil IV. Die letztere bezeichnet Burns als die häufigere Variante, in der der Führende seiner Gefolgschaft etwas verspricht um im Gegenzug von ihr etwas zu erhalten; beispielsweise: „jobs for votes, or subsidies for campaign contributions.“[10] Sie tritt in Legislaturen, Parteien und Gruppierungen auf. Die umwandelnde Führung dagegen ist komplexer und potenter, weil sie das Verlangen und die Bedürfnisse der potentiellen Gefolgschaft ausnutzt, darüber hinaus aber weiter nach Motiven sucht, nach höheren Bedürfnissen, die saturiert werden könnten und dabei das volle Engagement der Folgenden herausfordert. Das Ergebnis von transforming leadership „is a relationship of mutual stimulation and elevation that converts followers into leaders and may convert leaders into moral agents.”[11] Weiterhin differenziert Burns zwischen denen die führen und denen die Macht ausüben. Diese unterscheiden sich darin, dass Führende die Motive ihrer Gefolgschaft erfüllen (wollen) und Machtausübende lediglich ihre eigenen Absichten verfolgen ohne auf ihre Gefolgschaft zu achten. Atatürk, so schreibt Burns selbst, war ein vorsichtiger, kalkulierender Führer, der aber in die Situation eines charismatischen Anführers gedrängt wurde.[12] Aber dennoch benennt er ihn als einen wahren, transformierenden Anführer. Im V. und letzten Teil befasst sich der Autor mit den Auswirkungen auf Theorie und Praxis. Er beschäftigt sich mit dem Anführer als Policy Maker, der Schlussfolgerung im Hinblick auf eine große, generelle Theorie und den Schlüssen zum praktischen Einsatz, mithin der Frage, ob Führung oder Manipulation gelehrt werden sollte. Burns Unterscheidung zwischen transforming L. und transactional L. ermöglicht eine „operationalisierbare deskriptive Trennung zwischen der Sphäre der policy als Aktionsraum konkreter, meßbarer routinisierter politischer Aktion und jener der politics als Welt vorgelagerter moralischer, normativer Ansprüche, Ideologien und innovativer Ideen.“[13] Da im Rahmen dieser Arbeit nur ein kleiner Einblick gegeben werden kann, sollen nun spezielle Passagen aus Burns Leadership mit dem Leben und Wirken von Atatürk verglichen werden.

3. Herkunft, Schul- und Ausbildungsweg des Mustafa Kemal

Mustafa wurde im Jahr 1881 in der damals osmanischen Hafenstadt Saloniki als viertes von sechs Kindern geboren. Darauf jedenfalls einigten sich Historiker, denn wie bei vielen anderen Türken seiner Generation ist das wahre Geburtsdatum nicht genau bekannt.[14] Sein Vater, der Zollbeamte Ali Riza Efendi und seine Mutter, die Bauerntochter Zübeyde Hanim, gehörten dem Kleinbürgertum an und waren, wenn auch nicht reich, zumindest nicht in ständiger Sorge um ein ausreichendes Einkommen. Über die genauen Umstände seiner frühesten Kindheit ist nicht viel bekannt, außer einem handfesten Streit zwischen den Eltern über die Art der Schulbildung. Die Mutter, eine streng korangläubige Frau, wollte, dass Mustafa eine geistliche Schule besuchte in der der Koran nach alter Tradition gelehrt wurde. Der Vater indes, den Atatürk später als einen „freidenkenden Mann, der für die Religion nichts übrig hatte, dagegen aber die liberalen Ideen aus Westeuropa begierig aufgriff“[15] beschrieb, bevorzugte eine private, den modernen wissenschaftlichen Prinzipien verpflichtete Schule. Ali Riza löste das Problem gewitzt wie Atatürk später selbst berichtete: „First of all I was sent off to the Croranic [sic!] school with the usual ceremony. This made my mother happy. But a few days later I left the Coranic school and was entered in Şemsi Efendi’s establishment.“[16] Der Vater, der sich nach einiger Zeit im schlecht bezahlten Staatsdienst erfolglos als Holzhändler selbstständig machte, starb im Winter 1887-88 und ließ Zübeyde mit drei Nachkommen[17] und ohne Einkünfte zurück. Die Frau zog mit ihren Kinder auf das Land des Bruders, wo Mustafa die Arbeiten eines Bauernkindes verrichtete. Da die Mutter sich jedoch um die fehlende Schulbildung ihres nun einzigen Sohnes sorgte, schickte sie ihn zwei Jahre später zurück nach Saloniki, um bei ihrer Schwester zu wohnen und die städtische Schule zu besuchen. Im Jahr 1893, mit zwölf Jahren, bewarb er sich hinter dem Rücken der sich dagegen stellenden Mutter, an der Askerî Rüştiye, der Militärschule von Saloniki und wurde aufgenommen. Dort bekam er von seinem gleichnamigen Lehrer Mustafa den Beinamen Kemal, was soviel wie „vollkommen“ bedeutet.[18] Vermutlich, weil er im Unterricht sehr gute Leistungen (besonders in Mathematik) zeigte und sich schnell zum Anführer der Kadetten aufschwang.[19] Nach Beendigung der Mittelschule trat Mustafa Kemal 1895 in die Oberschule Askerî İdadi in Manastır ein. Ein Mitschüler, Ömer,[20] brachte ihm Poesie und Literatur näher und nachdem er sein schlechtes Französisch in den Ferien freiwillig in einem Dominikanerkloster stark verbessert hatte, eröffnete sich die streng verbotene Welt der kursierenden Bücher von Voltaire, Montesquieu und Rousseau sowie der Reden Mirabeaus und einer Biographie von Robespierre. „Montesquieus Gewaltenteilung und noch mehr Rousseaus Volkssouveränität erschienen ihm als erstrebenswerte Alternativen zur Despotie Adülhamids.“[21] Nach dem erfolgreichen Abschluss der Militärschule in Manastır wand sich Mustafa nach İstanbul, wo er ab März 1899 die Infanterie-Klasse der Militärakademie Harb Okulu besuchte und jedes Jahr als einer der zehn besten diese abschloss. Auf der Akademie und ab 1902 auf der Generalstabsschule befasste sich Mustafa näher mit Literaten der eigenen Kultur wie Namık Kemal, Ziya Pasha und Tevfik Fikret.[22] Er begann sich auch politisch zu interessieren, denn er fand „eine kleine Geheimorganisation junger Offiziere vor, die das verbotene „Vatan“ (Vaterland)[23] zu ihrem Losungswort gemacht hatten.“[24] Diese Gruppe vertrieb eine illegale Zeitschrift, in der Mängel in Verwaltung und Politik des Osmanischen Reiches angeprangert wurden. Zwar wurden sie mehrfach entdeckt, doch folgten vorerst keine wahren Konsequenzen. Am 11. Januar 1905 graduierte Mustafa Kemal als Hauptmann des Generalstabs von der Akademie. Die Gruppe jedoch blieb noch einige Zeit zusammen, diskutierte und arbeitete weiter an ihrer Zeitschrift. Nachdem ein neu dazugekommener Offizier sie denunzierte, wurde Mustafa samt seinen Mitverschwörern mehrere Wochen in Einzelhaft der İstanbuler Polizei gehalten und danach mit der Auflage weitere politische Tätigkeiten zu unterlassen zum 30. Kavallerieregiment als Teil der 5. Armee abkommandiert.

Das Problem, dass die frühen psychologischen Erfahrungen vieler Anführer nicht wirklich dargestellt werden können, so schreibt Burns, liegt darin, dass nie genug oder überhaupt genaue Daten vorliegen: „The little we have is pieced together from the memories of childhood friends and witnesses, from the few fugitive documents that families choose to allow scholars to examine, from memoirs or other autobiographical accounts of the eminent persons themselves.“[25] Frühe Kindheitserinnerungen sind traurig, begrenzt und verzerrt. Meist sind die Befragten später schon von den folgenden Taten der Personen beeinflusst, um die sich die Fragen drehen. Teilweise wurden Legenden gebildet und Abfolgen vertauscht. Die Familie ist ein kleines politisches System, dass bereits früh auf die Person einwirkt. Ebenso ist die soziale und politische Umwelt ein großer Einflussfaktor.[26] Im Falle Mustafas war es der pro-westlich orientierte Vater, die korantreue, sorgende Mutter und das brodelnde Leben in Saloniki, die die ersten Erfahrungen Mustafas darstellten. Die Beziehung zur Mutter stellt sich in den ersten Jahren wichtig heraus, erst danach die zum Vater, schreibt Burns. In Mustafas Fall war es allerdings, nach dem frühen Tod des Vaters, nur die Mutter die sich um ihn sorgte und ihn trotz Bedenken gehen ließ, damit er für sich eine gute Ausbildung für ein potentiell besseres Leben erhalten konnte. Es darf vermutet werden, dass hierin der Grund für seine spätere Meinung über die Stellung der Frau als gleichberechtigt gegenüber jedem Mann liegt. Seine eigene Frau, die er immer wieder unverschleiert neben sich auftreten ließ und die, für das 20. Jahrhundert relativ frühe, Einführung des Frauenwahlrechts sind ebenso Folgen seiner guten Mutter-Kind Beziehung. In einer Rede zu Bauern bei İnebolu bestätigte er dies: „Es ist unser Egoismus, wenn die Frauen verschleiert sein sollen. Sicherlich liegt darin ein Zeichen unserer Achtung vor der Ehre und dem Schamgefühl der Frau. Aber vergessen wir nicht, daß unsere Kameraden Frauen ebenso bewusste und denkende Menschen sind wie wir. Unsere Frauen sollen ihr Antlitz offen der ganzen Welt zeigen, und sie sollen die ganze Welt mit offenen Augen betrachten!“[27]

Darüber hinaus ist es der eigene Bildungsweg, der Kemal alle Chancen öffnete und der ihm später als Beweis dafür galt, dass alle Kinder, gleich welchem sozialen Umfeld sie entstammten das Recht auf gleiche, gute Bildung besitzen sollten. Mustafas Wissbegier und seine Experimentierfreudigkeit, sowie seine schnelle Auffassungsgabe wurden gefördert, er lernte neue Sprachen und befasste sich aus eigenem Antrieb mit Literatur. Diese Eigenschaften halfen schon früh, den Status eines Folgenden zu verlassen und selber zu einem Führenden zu werden. So geschehen bei Kemal an der Militärschule, wo er nach eigenen Berichten und Aussagen von Zeitzeugen sich zu einem Anführer innerhalb der Gemeinschaft der Schüler entwickelte. Dazu kommt, dass die Schule einen immer größeren Einfluss auf die politische Entwicklung eines jungen Menschen nimmt.[28] Mustafa war an einer guten Schule, an der Anstand, Ehre und soldatische Tugenden, aber auch breites Wissen vermittelt wurde, so dass aus ihm ein exzellenter Offizier und brillanter Anführer werden konnte, weil seine Erfahrungen und sein Wissen trainiert, ergänzt und ausgeweitet wurden. Sein Leben war bislang erfolgreich und ohne große Fehlschläge verlaufen. Burns schreibt, Selbstvertrauen wird aufgebaut durch Erfolge und ist widerrum verbunden mit Kompetenz und Erfolg.[29] Es ist also keine große Überraschung, dass Kemal in Kreise aufstieg, die illegale Blätter vertrieben und schließlich sogar zur leitenden Figur einer solchen Verbindung wurde. Fraglich nur ist die Motivation, warum er es tat. Hier kann angenommen werden, dass die pro-westliche Orientierung seines verschiedenen Vaters ebenso wie sein scharfer mathematisch geschulter Verstand schlichtweg die religiöse Herrschaft, die Ineffektivität und die Herabgekommenheit des Sultanats erkannt hatte und deshalb nach Auswegen suchte.

[...]


[1] Weidenfeld, Werner (Hrsg.): Die Staatenwelt Europas. Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2004, S. 383.

[2] Hütteroth, Wolf-Dietrich: Türkei. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1982, S. 1.

[3] Halefoğlu; [u.a].: Mustafa Kemal Atatürk 1881 – 1981. Vorträge und Aufsätze zu seinem 100. Geburtstag. Julius Groos Verlag, Heidelberg 1982, S. 113.

[4] Die eigentlichen Autoren dieses Artikels sind demnach Uluğ İğdemır, Enver Ziya Karal, Salih Omurtak, Enver Sökmen, İhsan Sungu, Faik Reşit Unat und Hasan-Âli Yücel.

[5] Vgl.: Theis, Paul A. / Henshaw Jr., Edmund L. (Hrsg.): Who's Who in American Politics: a Biographical Directory of United States Political Leaders. Bowker, New York [et al.] 1967. über: Datenbank World Biographical Information System des K. G. Saur-Verlags, http://emedia1.bsb-muenchen.de/ am 24.09.2005.

[6] (englisch) Führung

[7] (englisch) Gefolgschaft

[8] (englisch) Abwickelnde oder Abschließende (geschäftlich) Führung

[9] (englisch) Umwandelnde oder Verwandelnde Führung

[10] Burns, James MacGregor: Leadership. Harper & Row, New York 1998, S. 4.

[11] Burns, S. 4.

[12] Vgl.: Burns S. 247.

[13] Etzersdorfer, Irene: Polis und Psyche. Eine Studie zur Interaktion von politischen und seelischen Faktoren anhand der ‚Political Leadership-Forschung’. Mit einem Fallbeispiel zu Bruno Kreisky, Habilitationsschrift an der Universität Wien 1997, Seite 82.

[14] Neumann-Adrian, Michael / Neumann, Christoph K.: Die Türkei – Ein Land und seine 9000 Jahre Geschichte. Knaur, München 1990, S. 290.

[15] Glasneck, Johannes: Kemal Atatürk und die moderne Türkei. Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin 1971, S. 9.

[16] Turkish National Commission for UNESCO (Hrsg.): Atatürk. Ankara University Press, 1963, S. 7.

[17] Die ältesten drei verstarben schon in früher Kindheit, ein weiteres kurz darauf.

[18] Vgl.: UNESCO, S. 8.

[19] Macfie, A.L.: Atatürk. Longman Publishing, London / New York, 1994, S. 6 f..

[20] Ömer Naci (*1878 †1916)

[21] Glasneck, S. 19.

[22] Vgl.: Macfie, S.12 f..

[23] (türkisch ~ Vaterland) 1873 von Muhammad Namık Kemal Bey (*1840 † 1888) geschriebenes patriotisches Drama.

[24] Glasneck, S. 120.

[25] Burns, S. 51.

[26] Vgl.: Burns, S. 82 f..

[27] Peters, Richard: Geschichte der Türken. W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart 1961, S. 141.

[28] Vgl.: Burns, S. 85.

[29] Ebd., S. 94.

Details

Seiten
26
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638481885
ISBN (Paperback)
9783638662154
DOI
10.3239/9783638481885
Dateigröße
590 KB
Sprache
Deutsch
Institution / Hochschule
Universität Rostock – Institut für Politik- und Verwaltungswissenschaften
Erscheinungsdatum
2006 (März)
Note
1,3
Schlagworte
Gründung Türkei Rolle Mustafa Kemal Atatürks Eine Leadership-Analyse George MacGregor Burns

Autor

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Titel: Die Gründung der Türkei und die Rolle Mustafa Kemal Atatürks