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Soziales Lernen in der Grundschule. Ein fächerübergreifender Bildungsauftrag

Hausarbeit 2004 32 Seiten

Pädagogik - Schulpädagogik

Leseprobe

Inhalt

1. Begriffsbestimmung
1.1 Definition und Zielsetzung des Begriffes „soziales Lernen“
1.2 Bedeutung des sozialen Lernens
1.3 Spontanes und gestaltetes soziales Lernen
1.4 Zentrale Inhalte des sozialen Lernens in der GS

2. Didaktische und methodische Möglichkeiten
2.1 Der Gesprächskreis
2.1.1 Organisation des Gesprächskreises
2.2 Szenische Darstellung
2.3 Bewegung und Körperarbeit
2.4 Interaktionsspiele
2.4.1 Lernziele
2.4.2 Schritte zur Durchführung

3. Die Klassengemeinschaft
3.1 Schulbeginn- die Klasse als Gruppe Fremder
3.2 Außenseiter
3.3 Möglichkeiten der Förderung der Gruppendynamik

4. Der Umgang mit Konflikten
4.1 Die Dilemmamethode
4.1.1 Beispiel „Der Kuchen“
4.1.2 Struktur einer Dilemmastunde
4.2 Weitere Möglichkeiten
4.2.1 „Eine großzügige Spende“
4.2.2 Erlernen von Konfliktlösestrategien

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Bedeutung und Notwendigkeit sozialen Lernens wird sowohl von Theoretikern als auch von Praktikern immer wieder betont. Es ist jedoch tatsächlich ein „Stiefkind“ der Schule, das gegenüber anderen Zielsetzungen vernachlässigt wird. Das liegt an der Entwicklung von Schule und Unterricht. Schulen sind zu Stätten des Lehrens und Lernens ausgebaut worden, in denen das kognitive Lernen im Vordergrund steht. In unserer heutigen, das Individuum betonenden Gesellschaft kommt es gerade darauf an, die kooperativen Fähigkeiten und Bereitschaften auszubilden, wenn Sozialkompetenz gefördert werden soll.

Ziel des sozialen Lernens ist es, Handlungsfähigkeit, d.h. die Fähigkeit mit allen Lebenssituationen und Problemen annäherungsweise selbständig fertig werden zu können, zu erwerben.

In meiner Hausarbeit werde ich eingangs den Begriff „soziales Lernen“ definieren, die Ziele und die Bedeutung des sozialen Lernens in der Grundschule darstellen und mich mit den zentralen Inhalten im Primärbereich auseinandersetzen. Weiterhin werde ich im Kapitel 2 zwei verschiedene Arten des sozialen Lernens darstellen: Was ist spontanes soziales Lernen? Was kann man sich unter gestaltetes soziales Lernen vorstellen?

In Kapitel 3 beschäftige ich mich mit didaktischen und methodischen Möglichkeiten des sozialen Lernens, die sich auf alle Inhalte anwenden lassen. Die intensivste und effektivste Methode ist der Gesprächskreis. Welche Fähigkeiten werden durch ihn gefördert? Wie sollte er organisiert werden und wie ist der Ablauf zu strukturieren? Antworten auf diese und andere Fragen werde ich geben.

Auch die szenische Darstellung, Bewegung und Körperarbeit sowie Interaktionsspiele werde ich ausführlich darstellen.

Für Kapitel 4 und 5 habe ich mir zwei Schwerpunktthemen des sozialen Lernens in der Grundschule zur Bearbeitung ausgewählt: Die Förderung der Gruppendynamik und den Umgang mit Konflikten. In beiden Kapiteln werde ich zunächst den Gegenstandsbereich näher bestimmen: Welche neuen Anforderungen kommen auf Schüler bei Eintritt in eine Gruppe Fremder zu? Welche „Problemfälle“ gibt es innerhalb der Gruppe „Schulklasse“? Wo kommt es in der Schule zu Konflikten?

Im weiteren Verlauf werde ich konkrete Ansätze und Übungen zur Förderung der Gruppendynamik und zur Konfliktlösung vorstellen. Dazu gehört zum Beispiel die sog. Dilemmamethode.

Es gibt viele weitere Bereiche, die in dieser Hausarbeit Beachtung finden könnten (z.B. Förderung des Einfühlungsvermögens). Die Bearbeitung weiterer Themenschwerpunkte würde allerdings den Rahmen dieser Arbeit sprengen.

2. Begriffsbestimmung

2.1 Definition und Zielsetzung des Begriffes „Soziales Lernen“

Es gibt sehr unterschiedliche Auffassungen des Begriffes „ Soziales Lernen“. Ich beschränke mich auf zwei Definitionen, die mir am sinnvollsten erscheinen.

„ Soziales Lernen ist der Erwerb von Fähigkeit und Bereitschaft zu solchen zwischenmenschlichen Verhaltensweisen, die zu einem sozial akzeptablen Kompromiß zwischen eigenen Bedürfnissen und Normalanforderungen bzw. Fremdbedürfnissen führen. Es geht um die Verfügbarkeit, aber auch die Anwendung solcher Verhaltensweisen und zwar auf der kognitiven, emotionalen und motorischen Ebene.“[1]

(= soziale Kompetenz)

„Soziales Lernen (...) meint den Prozess des indirekten Erwerbs von Handlungsqualifikation in der Dimension des Umgangs mit Subjekten der sozialen Realität (im Unterschied zu den Handlungsqualifikationen, die sich auf den Umgang mit Objekten der Natur, also auf Gegenstände und Sachen) beziehen.“[2]

Ziel sozialen Lernens ist der Erwerb emotionaler Intelligenz. Der kindliche Verstand besteht aus der rationalen Intelligenz, die für das Denken zuständig ist und somit das fachlich- stoffliche Lernen bestimmt und aus der emotionalen Intelligenz, zu der die Fähigkeit gehört, mit eigenen und fremden Gefühlen und Bedürfnissen umzugehen. Gefördert wird durch das soziale Lernen also die emotionale Intelligenz. „Emotionale Intelligenz meint das geistige Fassungsvermögen, mit dem Informationen emotionaler Art aufgenommen und verwertet werden, auf Grund dessen wir emotionale empfinden und reagieren können.“[3]

Emotional kompetente Kinder und Jugendliche kennen nicht nur die eigenen Emotionen, sondern können auch wirksam auf die Gefühle anderer eingehen. Sie sind in allen Lebensbereichen im Vorteil, sei es in der Familie, der Peergroup, in der Schule oder im Sport. „Kinder mit ausgeprägten emotionalen Fähigkeiten sind auch eher in der Lage ein glückliches und erfülltes Leben zu führen. Sie verfügen über Denkgewohnheiten, die ihnen als Erwachsene persönlichen und beruflichen Erfolg sichern. Kinder aus Elternhäusern und Schulen, in denen die emotionale Intelligenz mit der gleichen Sorgfalt gefördert wird wie ihre kognitiven Kompetenzen, ertragen leichter Frustration, geraten seltener in Auseinandersetzungen und neigen weniger zu selbstzerstörerischem Verhalten. Sie sind gesünder, weniger einsam oder impulsiv und konzentrierter. Durch die Entfaltung der emotionalen Intelligenz werden sowohl zwischenmenschliche Beziehungen verbessert als auch damit verbunden die kognitiven Leistungen.“[4]

Beim sozialen Lernen geht es also darum, das “emotionale Gehirn“ zu trainieren.

2.2 Bedeutung des sozialen Lernens

Das soziale Lernen bekommt aufgrund aktueller sozialer Veränderungen in der Kindheit und der sozialen Welt immer mehr Bedeutung. „Gemeint sind damit Veränderungen in der Familie wie die Tendenz zur Kleinfamilie mit einem geringen Lernpotential in bezug auf soziale Beziehungen, die Verringerung der Erziehungskompetenz der Familie, der Anstieg der Scheidungsquote. Gemeint ist auch, daß „Erfahrungs-“ Bildung durch „Leben aus zweiter Hand“ über Medien zuungunsten realer Sozialerfahrung immer mehr aufgewertet wird. (...) Ein besonders geeigneter Weg diese Defizite abzufangen, ist die Gestaltung sozialen Lernens.“[5]

2.3 Spontanes und gestaltetes soziales Lernen

Soziales Lernen lässt sich einteilen in spontanes und gestaltetes soziales Lernen.

Spontanes soziales Lernen findet in natürlichen Sozialbeziehungen zwischen Schülern und Lehrern statt. „ Sie sind hauptsächliche Quellen des Erwerbs sozialer Kompetenz sowie damit verbundener Prozesse der Bildung von Selbstwertgefühl und Identität.“[6] In der Schule sind Lehrer in diesen Prozess unweigerlich eingebunden. Er findet ständig statt. Sie können lediglich auf das „Wie“ Einfluss nehmen, denn sie setzen durch ihr Verhalten soziale Lernimpulse. Dies tun sie, indem sie loben/tadeln (à Verstärkungslernen) und indem sie als Verhaltensvorbild fungieren (à Beobachtungslernen).

Gestaltetes soziales Lernen findet statt, wenn die Lehrkraft soziale Lernprozesse mit Hilfe adäquater Methoden und didaktischer Prinzipien zum Gegenstand von Unterricht und Schulleben macht. Soziale Lernsituationen werden vorher überlegt, gezielt genutzt und geschaffen. Neben dem Verstärkungs- und Beobachtungslernen dominiert hier das sog. Einsichtslernen (z.B. gibt der Lehrer eine Situation vor, in der ein Kind ungerecht behandelt wird. Die Schüler sollen diese Ungerechtigkeit erkennen und ggf. eine Problemlösung finden).

Ich werde mich in meiner Hausarbeit mit den Gestaltungsmöglichkeiten sozialen Lernens auseinandersetzen.

2.4 Zentrale Inhalte sozialen Lernens in der GS

Achtung vor sich selbst und anderen: Verknüpfung von Sozialkompetenz und Selbstkompetenz

Zuhören und Verständnisbereitschaft als Voraussetzung für adäquate Kommunikation und Konfliktlösung. à Kinder entwickeln kooperative Beziehungen und bauen Vertrauen auf.

Einfühlungsvermögen: Das Nachempfinden können von Einstellungen und Erlebnisweisen anderer modifiziert soziale Handlungen.

Soziale Perspektivenübernahme: Sich in andere hineinversetzen können (= Empathie, kognitive Seite des Einfühlungsvermögens)

Differenzierte Folgereflexion: Die Folgen eigenen Handelns für andere und für sich selbst erfassen. Sie ist eine wesentliche Quelle verantwortlichen Handelns.

Selbstbehauptung: Die Fähigkeit eigene Bedürfnisse und Wünsche durchzuführen, ohne andere dabei zu schädigen ist beispielsweise eine Voraussetzung für erfolgreiche/ gewaltfreie Konfliktlösung

Diese sozialen Kompetenzen ermöglichen z.B. kooperative Problemlösung,Konfliktlösung, Hilfsbereitschaft, das Zeigen von Gefühlen und das Eingestehen von Schwächen.

Schäfer nennt in seinem Werk „ Soziale Erziehung in der Grundschule. Rahmenbedingungen, soziales Erfahrungsfeld, pädagogische Hilfen.“ vier wesentliche Schwerpunkte des sozialen Lernens in der Grundschule:

„1. Durch das gemeinsame Lernen sollen die sozialen Unterscheide zwischen Kindern aus verschiedenen Schichten abgebaut werden.
2. Es sollen Fähigkeiten vermittelt werden, Konflikte in den einzelnen Gruppen der Gesellschaft auszutragen.
3. Es wird angestrebt, in politischen Handlungsformen einzuüben, um selbstbestimmtes, emanzipatives Handeln zu ermöglichen.
4. Dies gelingt vornehmlich durch die Verbesserung von Gruppenprozessen.“[7]

Ich konzentriere mich in meiner Arbeit auf Methoden, die sich für alle Themen sozialen Lernens anwenden lassen, die Förderung der Gruppendynamik in der Klasse und den Umgang mit Konflikten.

3. Didaktische und methodische Möglichkeiten

3.1 Der Gesprächskreis

„ Zu den intensivsten und vielseitigsten Methoden zählt der Gesprächskreis. Er kann zu jedem Thema abgehalten werden. Wird er richtig durchgeführt, ist er ein ungewöhnlich effektives Werkzeug zur Entwicklung von Selbstbewusstsein. Er stärkt die Fähigkeit Gefühle zu verstehen und mit ihnen umzugehen und hilft beim Aufbau eines Selbstbildes, fördert persönliches Verantwortungsbewusstsein, Mitgefühl, Kommunikationsfähigkeit und soziale Kompetenz.“[8]

Grundschulkinder sind sehr mitteilungsbedürftig. Sie müssen von ihren Erlebnissen und Erfahrungen berichten können. Und da die Klassengemeinschaft neben der Familie ein sehr wichtiger Lebensraum für sie ist, wollen sie auch ihre Mitschüler und Lehrer mit einbeziehen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1[9]

Weitere Vorteile des Gesprächskreises:

Gerade am Anfang der Schulzeit bietet der Gesprächskreis eine hervorragende Möglichkeit, dass die Kinder sich untereinander besser kennenlernen.

Durch den Gesprächskreis kann man den Kindern Ort und Zeit geben, sich als Person einzubringen und aus der täglichen Situation heraus etwas von sich mitzuteilen oder auch ein Problem zur Diskussion zu stellen.

Kinder lernen sowohl frei zu sprechen, als auch genau zuzuhören.

Die Situation vermittelt Kindern Sicherheit, Geborgenheit, Zuneigung und Unterstützung.

Die Unmittelbarkeit des Gesprächskreises stellt sicher, dass die Beiträge aller Kinder angehört und sofort beantwortet werden. Die Aufmerksamkeit der Gesprächsteilnehmer bildet eine starke Form der bestätigenden Rückmeldung.

„Bei allen Gesprächsgegenständen ist beabsichtigt, das Bewusstsein und die Einsicht in die Thematik durch den freiwilligen Erfahrungs- und Gedankenaustausch zu entwickeln. (...)

Die Schüler können grundsätzliche Gemeinsamkeiten und auch individuelle Unterschiede zwischen den Menschen erkennen, indem sie ihre Erfahrungen und Gefühle in einer ihnen vertrauten Umgebung austauschen. Dieses Verständnis trägt zur Entwicklung der Selbstachtung bei. Auf der Grundlage der Selbstachtung entwickeln die Kinder dann auch Verständnis und Respekt anderen gegenüber.“[10]

[...]


[1] Dettenborn,H./ Schmidt- Denter, U.: Soziales Lernen. In: Lompscher, J. u.a. (Hrsg.). Leben, Lernen und Lehren in der Grundschule. Neuwied: 1997., S.188

[2] Knoll-Jokisch, H. : Sozialerziehung und soziales Lernen in der Grundschule. Klinkhardt: Bad Heilbronn, 1981, S.67

[3] Schilling, Diane. Soziales Lernen in der Grundschule- 50 Übungen, Aktivitäten und Spiele. Verlag an der Ruhr: Mühlheim an der Ruhr, 2000. S.12

[4] Schilling, D., S.15

[5] Dettenborn, H./ Schmidt Denter, U., S.196

[6] a.a.O., S.195

[7] Schäfer, G.E. (Hrsg.) in: Soziale Erziehung in der Grundschule. Rahmenbedingungen, soziales Erfahrungsfeld, pädagogische Hilfen. Juventa: Weinheim, 1994. S.13

[8] Schilling, D., S.31

[9] http://www.unizh.ch/leben/kinder/platten/img/Kreis.jpg 11.8.2003, 16.39Uhr

[10] Schilling, D., S.32

Details

Seiten
32
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638482004
ISBN (Buch)
9783638662178
Dateigröße
631 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v52499
Institution / Hochschule
Universität Lüneburg – Institut für Pädagogik
Note
1,5
Schlagworte
Soziales Lernen Grundschule Bildungsauftrag Fächerübergreifende Bildungsaufgaben

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