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Der entscheidende Zeit-Not-wendige Schritt - Welt- und Ichbewusstsein, Illusion oder Realität?

Fachbuch 2006 146 Seiten

Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung
1.1 Die neokonservative Doktrin
1.2 Die Suche nach dem Ausweg

2. Alltagsdenken und Alltagsbewusstsein in der Postmoderne
2.1 Drei Grundfragen
2.2 Die Informationslücke
2.3 Der Denkwille
2.4 Substanz, Form und Verhältnis
2.5 Grundlagen unseres Alltagsdenkens
2.6 Die Fesselung des Denkwillens

3. Die menschheitliche Entwicklung des Denkwillens
3.1 Die Verständigung zwischen den Generationen
3.2 Das Ich als Illusion und als Wirklichkeit
3.3 Das Bedenklichste aber ist, dass wir nicht denken
3.4 Der Gang des Denkens
3.4.1 Das Ereignis des Denkwillens
3.4.2 Die Geschichte des Denkens
3.4.3 Praktische Konsequenzen

4. Zur Entwicklung des Denkens in der individuellen Biographie
4.1 Das biogenetische Grundgesetz
4.2 Die Wirksamkeit und Wirklichkeit der geistigen Individualität
4.3 Die Frage nach dem Denkwillen
4.4 Das Wahrheitsgefühl
4.5 Schönes Geborenwerden und schönes Sterben
4.6 Denkwille und Selbstbewusstsein
4.7 Entwicklungsphasen des Denkwillens

5. Das Wesen des Denkens in Bezug auf ethische Fragen(Pränatale Diagnostik, Präimplantationsdiagnostik und Sterbehilfe)
5.1. Natur – und Geisteswissenschaft
5.2 Von der Dreiheit des Seins
5.3 Pränatale Diagnostiken, Präimplantationsdiagnostik
5.4 Geburt und Tod

6. Der entscheidende Schritt: Verlust des Denkens oder Durchbruch zu einem lebendigen Denken
6.1 Absondern von und Wiederverbinden mit geistigen Realitäten
6.2 Das Menschenverständnis des ethischen Individualismus
6.3 Kein Konstrukt, Wirklichkeit
6.4 Rhythmus, Ritual und Kultus

Literaturverzeichnis

1. Einführung.

Durch die Entwicklung in der Philosophie, die über die zwei Jahrhunderte seit Immanuel Kant stattgefunden hat, hat sich durch den im 20. Jahrhundert entstandenen Konstruktivismus eine gewisse Verwirrung in die Bewusstseinsentwicklung der Menschen eingeschlichen. In den Zeitphänomenen zeigt es sich, dass die Denkweise der Philosophen, welche die Kritische Theorie und den Strukturalismus-Konstruktivismus begründet haben, in der breiten Masse Fuss gefasst hat. Das Relative und Unverbindliche des Konstruktivismus, der unser Ich-Bewusstsein zur Illusion erklärt, ist maßgeblich an der Ausbreitung und Ausweitung des Subjektivismus-Egoismus in allen Schichten der Bevölkerung beteiligt. Diese Feststellung lässt sich nicht einfach auf das Karrieredenken der Manager der mittleren und höheren Kader einschränken. Nein, es hat sich aus dem Subjektvismus-Egoismus ein Lebensstil entwickelt, der das ganze gesellschaftliche Sein prägt, ohne dass man sich dessen bewusst ist. Dies führt zu einer weitgehenden seelischen Isolation, weil man sich in seine (gemäß Theorie) nicht überwindbaren subjektiven und relativen Gedankengänge einspinnt, obwohl man sich vormacht, in der eventträchtigen Lebensweise unserer Zeit genügend Zerstreuung und Kontakt zu anderen Menschen und zu der Welt zu finden. Die Ablenkung durch Konsum deutet auf ein Suchtverhalten hin, das sich nicht allein auf den Konsum von Drogen einschränken lässt, sondern zeigt, dass in Bezug auf die wichtigsten individuellen und sozialen Lebensfragen eine große Konfusion entstanden ist.

Betrachten wir das Bildungswesen, dann zeigt es sich, dass die Qualität der Bildung bei den Schulabgängerinnen und Schulabgängern stetig sinkt. Mit Bildung ist hier nicht das Wissen gemeint, sondern die Persönlichkeits- und Charakterbildung. In moderner Begrifflichkeit ausgedrückt heißt dies: Nicht der Intelligenz-Quotient (IQ) ist gemeint, sondern der Emotional-Quotient (EQ). Weniger die Fachkompetenzen, als eben die Sozialkompetenzen.

Letztlich aber schließen sich die beiden Fähigkeiten zusammen, da die intellektuellen Fähigkeiten in der Gesellschaft in der Art und Weise umgesetzt werden müssen, dass sie den Menschen und der Welt zu Gute kommen. Der Neoliberalismus und der Neo-Konservativismus der Postmoderne jedoch drängen darauf, dass der kalte Intellekt, der IQ, so ausgebildet wird, dass die ökonomische Gewinnmaximierung als einziges Ziel zuoberst steht. Die Führerpersönlichkeiten in Politik und Wirtschaft versprechen sich davon das Heil für Wohlstand und Wohlergehen der Weltbevölkerung. Entgegen aller realen Ereignisse, die in (vom Menschen bewirkten) Natur- und Sozialkatastrophen sichtbar werden, gehen die postmodernen Führer der Menschheit unbeirrt ihren Weg, den Abgrund vor Augen. Ihre Philosophie ist diejenige, dass das, was man aus den Vorstellungen heraus plant, Wirklichkeit werden muss. Geradezu beispielhaft zeigt sich dies in der Bush-Doktrin des Afghanistan- und des Irak-Krieges. Diese Kriege, die als Terrorbekämpfungskriege deklariert wurden, sind nicht aus den Lebenswirklichkeiten erkannte Notwendigkeiten, sondern reine Konstrukte aus den Gehirnen der Berater des Pentagon, denen die Doktrin zu Grunde liegt: Die Welt ist unsere Vorstellung.

1.1 Die neokonservative Doktrin.

Wohin diese Doktrin führt, sehen wir. Dadurch, dass Ländern mit völlig anderem Kulturbewusstsein, Menschen mit einer völlig anderen Mentalität, das (an sich hinterfragungswürdige) westliche Kulturverständnis aufgezwungen werden soll, werden nicht nur diese Völker ins Unglück gestürzt, sondern die Auswirkungen schlagen auch in vehementer Weise auf die überheblichen Gesellschaften im Westen zurück. Über Jahrhunderte wurde durch die vermeintliche oder im ökonomisch-politischen Sinne wirkliche Überlegenheit der europäischen und der angelsächsischen Völker der Rest der Welt auf die verschiedensten Arten imperialisiert

Da sich auf dem europäischen Kontinent ein (leider zwar noch immer dumpfes) Bewusstsein für diese Zusammenhänge zu regen beginnt, kam und kommt es vermehrt zu Differenzen in den Anschauungen, vor allem zwischen Berlin und Paris einerseits und London, bzw. Washington andererseits. Von dieser Seite werden jene Länder, die nicht mitmachen im Planspiel der USA zum alten Europa gezählt. Dazu Gianni Vattimo, Professor für theoretische Philosophie an der Universität in Turin und Mitglied des Europaparlamentes:

„Nun, ich würde sagen, dass innerhalb des Europäischen Parlaments der interkulturelle Dialog eine sehr untergeordnete Rolle spielt, da die Gründe, die uns hier zusammenführen, ziemlich allgemeiner Natur sind und so selten Konflikte oder tiefe Differenzen aufbrechen. Man muss bedenken, dass die zehn neuen Mitgliedsstaaten noch nicht dabei sind, so sind wir bisher nur die Gründungsländer Italien, Frankreich, Deutschland, die Benelux-Staaten und die Länder, die dann im Laufe der Zeit dazugekommen sind, so dass wir kulturell ziemlich homogen sind. Viel wird sich ändern, wenn die osteuropäischen Länder dazukommen. Und ich kann mir vorstellen, dass auch die Türkei, sollte sie in Zukunft einmal der Union beitreten, ein Ort interkultureller Begegnung sein wird.

Die einzige sehr tiefe Differenz, die man beobachten kann, auch wenn es zunächst eher mit Politik als mit Kultur zu tun zu haben scheint, ist derzeit eine Differenz, die sich auch in der Weltanschauung, im Kulturverständnis niederschlägt. Es geht um das, was die Amerikaner während des Irakkrieges den Unterschied zwischen Neuem und Altem Europa genannt haben; um die Differenz zwischen denjenigen Ländern, die der amerikanischen Politik und Kultur näher stehen – heute allerdings einer konservativen amerikanischen Politik und Kultur –, und denjenigen europäischen Ländern, denen noch an ihrer eigenen Tradition, zum Beispiel auf dem Gebiet der Sozialpolitik, liegt. Das habe ich tatsächlich erst während der Irakkrise realisiert. Denn anlässlich des Irakkrieges konnte man sehen, dass die angelsächsische Kultur, vor allem die nordamerikanische, aber auch die britische, die sich den Vereinigten Staaten sehr verbunden fühlt, natürlich eine in europäischer Tradition stehende Kultur ist, denn die Pilgrim Fathers mussten die Freiheitsrechte in den Vereinigten Staaten suchen. Aber dann hat eine beträchtliche Transformation stattgefunden aufgrund der Grenzsituation, in der sich die Vereinigten Staaten wieder fanden.

Nehmen wir beispielsweise das Staatsbewusstsein. Abgesehen von uns Italienern, die wir glauben, wenig Staatssinn zu besitzen, die wir glauben, dass alles öffentliche Eigentum missachtet werden kann, weil es ja dem Staat gehört und also niemandem; für uns Italiener gilt also noch ein anderer Diskurs. Also abgesehen von Italien stellte der Staat in Europa immer ein überaus mächtiges Moment des kollektiven Lebens dar. Der Unterschied zu den USA besteht nun darin, dass der Staat dort gewissermaßen erst später angekommen ist; der Sheriff tauchte erst auf, als alle Pioniere schon angekommen waren und sich ihren Besitz abgesteckt hatten. Der Sheriff musste dann höchstens noch die Auseinandersetzungen zwischen Privatpersonen moderieren. Dieser Zug scheint mir in der amerikanischen Kultur immer lebendig geblieben zu sein, denn die Amerikaner sind immer noch viel »regionalistischer« als wir Europäer, insofern die Bürger von Ohio sich in erster Linie als Bürger von Ohio verstehen, die New Yorker als New Yorker und so weiter. Und zweitens sind sie mehr am Privaten orientiert. Der Staat ist lediglich dazu da, im Notfall einzuspringen und die allgemeinere Ordnung zu garantieren, also sich um Außenpolitik, Justiz und Militär zu kümmern. Aber alles andere ist sehr ortsgebunden und privat organisiert. Das schlägt sich dann in den unterschiedlichsten Dingen nieder, zum Beispiel haben wir in Europa einen völlig anderen Begriff von sozialer Solidarität. Oft wird uns vorgeworfen, alles vom Staat zu erwarten, nach dem Motto: Ist da ein Armer? Soll sich der Staat um ihn kümmern! Die Amerikaner würden in einem solchen Fall höchstens eine Stiftung gründen, was natürlich auch dadurch begünstigt wird, dass sie die Kosten von der Steuer absetzen können. Das nur als Beispiel. Aber es gibt Unterschiede, die mir vor allem in den Diskussionen über die Politik Bushs bewusst geworden sind. Als die amerikanische Regierung noch – in Anführungszeichen – »linker« war, war mir dies nicht so klar, aber seit Bush an der Macht ist und wir das Problem des Krieges und der Sozialpolitik haben … Die amerikanischen Neokonservativen haben ihre Ideologie ja sehr explizit dargelegt, während die Demokraten in den USA da immer etwas vorsichtiger waren.

Grundsätzlich befürchte ich, dass die amerikanische Politik sich gar nicht sehr von der Bush’s unterscheiden kann, selbst wenn es einen demokratischen Präsidenten gäbe. Und zwar aus ganz bestimmten inhaltlichen Gründen: Amerika ist eine Supermacht, besitzt das mächtigste Militär der Welt und kontrolliert die gesamte Kommunikation unseres Planeten. Da ist es schwierig, nicht imperialistisch zu sein. Aber selbst dann gibt es immer noch unterschiedliche Formen. In dieser ganz bestimmten weltpolitischen Situation glaube ich gelernt zu haben, was die europäische Identität ausmacht. [ ... ]

In der Vergangenheit sind Vereinigungen von Territorien oder politischen Institutionen freilich immer entweder militärisch, ökonomisch oder in einer Mischung aus beidem vollzogen worden. Schon allein deshalb stellt das europäische Projekt, und das sage ich auch als Philosoph, etwas sehr Interessantes dar, da sich Europa ohne militärische Eroberungen und gewissermaßen ohne Gewalt zu konstituieren sucht. Denn die ökonomische Gewalt, die hier im Spiel ist, ist etwas anderes als die militärische Gewalt, und es ist viel schwieriger, diese ökonomische Gewalt zu verhindern. Was ich persönlich – als einer, der links steht – in diesem Zusammenhang beklage, ist, dass Europa vor allem als Garant des freien Marktes funktioniert, viel weniger aber als Garant der sozialen Rechte. Das merke ich jedes Mal, wenn es darum geht, im Parlament Entscheidungen herbeizuführen. Zum Beispiel können wir im Europaparlament Berichte verabschieden, in denen wir uns dafür aussprechen, dass es in allen Ländern die rechtliche Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften geben soll, aber in Italien werden sie dann nicht eingeführt, weil das nationale Parlament von Gruppen dominiert wird, die dagegen sind. Wenn es hingegen darum geht, Strafen wegen der Milchquoten zu verhängen, werden diese sofort ratifiziert. Kurz und gut: Europa funktioniert heute sehr gut als Garant des freien Binnenmarktes. Aber ich frage mich, ob ich ein Partisan des freien Marktes bin. Nicht wirklich. Und daher werde ich auch skeptisch, was die europäische Identität anbelangt. [ ... ]“[1]

Von großem Interesse in diesen Ausführungen sind die zwei Arten von Gewaltausübung, die Prof. Gianni Vattimo erwähnt: Die überlegene militärischen Gewalt und die überlegene ökonomische Gewalt. Die Geschichte zeigt jedoch, wie jede Art von Gewaltausübung auf den Gewalttätigen zurückkommt. Die unglaubliche Gewalt, die im gnadenlosen Konkurrenzkampf der Global- und Regional-Player auf das Seelenleben der Mitarbeiter ausgeübt wird, ist im Kleinen ein Spiegelbild von dem, was sich im Großen im unerbittlichen Konkurrenzkampf abspielt. Geradezu erschreckend ironisch ist es, dass in einer freien Marktwirtschaft, die durch den Egoismus geprägt ist, die europäische Identitätsfindung stattfinden soll. Letztlich bringen sowohl die militärische, als auch die ökonomische Gewalt Tod und Zerstörung mit sich. Die Zerstörungen durch den Krieg liegen offensichtlich vor Augen, die Zerstörungen, die im Seelenleben der Individuen durch den unerbittlichen Konkurrenzkampf stattfinden, sind in der kaputten Menschlichkeit zu erleben, die unser gesellschaftliches Leben in Form von Sucht, Gewalt und dekadenter Sexualität durchdringen.

1.2 Die Suche nach dem Ausweg.

Was bleibt den Menschen anderes übrig, als sich irgendwie mit diesen Gegebenheiten abzufinden und sich, so gut es eben geht, darin zu orientieren und zu behaupten? Das Ziel, einen Weg aus den Zwängen des politischen und des wirtschaftlichen Lebens heraus zu finden, lebt unbewusst in den innersten Bedürfnissen unseres Gefühlslebens. Die Gefahr dabei besteht darin, dass man sich damit abfindet, auf zwei voneinander getrennte Wege zu geraten: Einerseits auf jenen der Zwänge des politischen und des beruflichen Lebens, andererseits auf jenen der Erfüllung der emotionalen Bedürfnisse. Der letztere führt meist in eine Flucht aus dem Alltag, in ein vermeintliches Freiheitserleben. Sei dies in Form von Ablenkung durch die Massenmedien, Partys und Eventveranstaltungen, sei dies durch Flucht in beliebte Reisedestinationen, Papstverehrungspartys oder gar pseudo-esoterische Praktiken.

Eine wichtige Rolle auf dem Weg in die pseudo-esoterische Flucht spielen heute die verschiedensten Angebote westlicher Veränderungen des Buddhismus und des überkommenen Schamanentums. Immer mehr Menschen, insbesondere auch solche mittlerer und höherer Kader, suchen ihre Rettung vor dem tödlichen Stress im chanting westlich veränderter buddhistischer Mantren, in denen man sich in den Ausweg des realitätsfernen positive thinking verabschiedet. Dadurch geschieht eine Trennung des ökonomischen vom individuellen Menschen und es droht dabei die Manipulation unserer Denkfähigkeit zugunsten der Ziele, die von staatlichen und wirtschaftlichen Denkfabriken zur Führung der Menschheit herausgegeben werden.

Dieses Buch soll nun eine Möglichkeit aufzeigen, wie innerhalb dieser unausweichlichen Prozesse ein Weg gefunden werden kann, sich den Tatsachen zu stellen, die den Menschen mehr und mehr von seiner wirklichen Natur entfremden und wie in Wechselwirkung mit den gesellschaftlichen Gegebenheiten eine Impulsierung zur Gesundung der Verhältnisse möglich ist.

Es handelt sich dabei um einen Bewusstseinsschritt, der den Menschen von der vermeintlichen Freiheit seiner egoistischen Bestrebungen zu einer wirklichen und wahrhaften Freiheit des Menschseins führt, aus der heraus echte Lösungen für das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben gefunden werden können. Es ist der Schritt in die Wirklichkeit. Es ist der entscheidende, der zeit – Not – wendige Schritt.

Es ist noch nicht das Ziel dieser Schrift, solche Lösungen vorzudenken, denn diese setzen voraus, dass zuerst, die freie und unabhängige Denktätigkeit des Menschen geweckt wird, aus deren Verständnis heraus Lösungen für die eigene Persönlichkeit und Biographie gefunden werden können, die dann ihren gesellschaftlichen Umkreis unter Umständen impulsieren können, was zu kleinen privaten Veränderungen beitragen kann. Es kann dadurch eine Bewusstseins-Evolution in Gang kommen, die nach und nach in kleinsten Schritten zu regionalen Veränderungen führt.

Ein interessanter Vergleich ist jener der Entwicklung für den gesunden und naturnahen biologischen Landbau, dessen Vertreter zu Beginn dieser Bewegung grässlich verlacht, ja gar angefeindet und bekämpft wurden und der sich heute im Gesundheits-Bewusstsein der Bevölkerung durchgesetzt hat, obwohl immer noch enorm starke Interessen dagegen anzukommen versuchen.

Etwas Ähnliches wird wahrscheinlich mit der Bewusstseinsveränderung, in Bezug auf die Frage, was der Mensch wirklich ist und was Menschsein wirklich bedeutet, stattfinden. Es ist ganz klar, dass manipulativ interessierte Kräfte im global gewordenen Dorf Welt alles daran setzen, dass sie ihre Macht aufrechterhalten können.

Es kann sich in einem ersten Schritt nur darum handeln, ein Bewusstsein davon zu erlangen, was der Mensch in Wirklichkeit ist. Ohne diesen ersten Schritt sind alle weiteren Veränderungsschritte nicht in wirklicher Freiheit möglich.

2. Alltagsdenken und Alltagsbewusstsein in der Postmoderne.

2.1 Drei Grundfragen.

Wie kommt es dazu, dass wir in Strassenbahnen, Eisenbahnwagen, auf Parkplätzen, in Pärken und an vielen anderen Orten immer wieder und vermehrt mutwillige Zerstörungen antreffen? Wie unangenehm ist es doch, wenn Sie am Morgen mit ihrem Auto wegfahren wollen und der Seitenspiegel abgeschlagen am Boden liegt! Es zieht dies einen ganzen Rattenschwanz von Aktivitäten nach sich, die Zeit kosten, welche man gerne anderweitig eingesetzt hätte. Was ist es denn, was Menschen dazu bringt, ganz einfach zerstören zu wollen? Es sind dies ja eigentlich harmlose Dinge, die ich erwähne, wenn wir auf das ganze Weltgeschehen blicken und damit vergleichen, was weltweit an Gewalt, Zerstörung und Elend zu sehen ist. Aber vielleicht können wir am Kleinen etwas lernen, was sich im Grossen auch zeigt. Es zeigt sich hier im Kleinen, wie unkontrolliertes, blindes Handeln verselbständigt ist und zerstörerisch wirkt. Es wird von der animalischen Instinkt-, Trieb- und Begierdeseite des Menschen gesteuert. Man fragt sich mehr und mehr, wo nur die Vernunft geblieben ist. Das Denken wirkt im Soge des Handelns, es wird Sklave dieser Art von Wollen, denn manche Zerstörungen werden doch auch recht raffiniert durchdacht angestellt, zum Beispiel die mit Säurestiften zerkratzten Fenster in den Strassenbahnen. Nennen wir dieses Tun und Treiben doch: Das entfesselte Handeln oder den entfesselten Willen. Es wäre möglich, wesentlich heftigere Ereignisse schildern, aber die kann man ja jeden Tag in den Medien selber verfolgen.

Das ist die erste Frage. Stellen wir uns gleich eine zweite Frage: „Wie kommt es dazu, dass es immer schwieriger wird, substantielle Gespräche zu führen?“ Gespräche, die einen Charakter der gegenseitigen Wahrnehmung und Wertschätzung haben und welche die Gesprächspartner in ihrer Erkenntnis weiterführen.

Wie oft kommt es in Gesprächen, wo entgegengesetzte Standpunkte zu wesentlichen Fragen vertreten werden, zu den Aussagen : „Ach ja, es ist halt doch alles subjektiv! Aber nein, so kannst du das doch nicht sagen, es ist doch alles relativ!“ „Die Erkenntnis einer lebendigen, geistig wirklichen Idee, gibt es die?“ „Nein, das gibt es doch nicht, das sind alles nur Vorstellungen! Wir unterhalten uns auf Grund von Konventionen, welche wir intersubjektive Objektivitäten, d.h. Konstrukte, nennen.“ Meist wird in Menschenbegegnungen einfach der eine Mensch vom anderen Menschen ganz einfach mit Vorstellungen seines Erlebnisbereiches überschüttet. Der andere schüttet Vorstellungen aus seinem eigenen Erlebnisbereich zurück. Und dann wird, nach gegenseitigem Überschütten, von dannen gegangen. Das ist leere Unterhaltung, die sich auf Grund der Konvention von Leben und Leben lassen, abspielt.

Eine andere Art der Wirkung von Konventionen spiegelt sich in folgendem Erlebnis wider: Neulich fand in einer Schule eine Veranstaltung statt, an der dargestellt wurde, wie Kinder dazu ausgebildet werden, Streit untereinander zu schlichten. Peace Force heisst das Projekt. Es geht davon aus, dass es in Schulen besser ist, wenn die Kinder untereinander den Streit schlichten, als wenn die Lehrkräfte sich da einmischen. Es werden so genannte Peace-Force-Kinder ausgebildet, die von den Streithähnen bei Bedarf, es darf auch während der Schulstunden sein, aufgesucht werden dürfen. Die Schlichtung geht dann so vor sich, dass die Peace-Force-Kinder einen Stapel Kärtchen kriegen, auf denen Fragen stehen, die von den Streitenden beantwortet werden müssen. Die Kärtchen haben eine ganz bestimmte, ausgedachte Reihenfolge und sind so programmiert, dass die beiden Streitparteien am Schluss zu einer Übereinkunft kommen müssen. Die Sache funktioniert recht gut. Die Lehrkraft kann sich einige Aufregung ersparen und sich somit auf das Unterrichten, ihr Kerngeschäft, wie es so schön heisst, beschränken.

Auf die Frage an den Projektleiter, ob es denn nicht wichtig wäre, dass die Lehrkräfte auch als Erzieher mit den Kindern ins Gespräch kommen sollten, damit sie nach den Gründen der Streitereien fragen können, antwortete der Projektleiter: „Das ist gar nicht wichtig, darauf kommt es gar nicht an. Das was die Kinder sagen, ist ja nur ein Konstrukt ihrer Psyche und wie unsere gesamte Wahrnehmung auch, subjektiv konstruiert. Es kommt nur darauf an, dass sie für die Zukunft Abmachungen treffen und sich daran halten.“ Er meinte dann auch, dass wir uns doch keine Illusionen machen sollten. Die Welt, wie wir sie erleben, sei nur eine konstruierte Welt, nur unsere vorgestellte Welt. Vorstellungen, die einmal erworben, sich selbsttätig assoziativ aneinander reihen. Die Welt erleben wir als Resultat der Projektion dieser Assoziationen. Eine wirkliche Welt könnten wir nie erkennen. Das hat einige Aufregung im Zuhörerraum verursacht. Es gab nachher verschiedene Gespräche unter einigen Lehrkräften. Damit war’s dann getan. Niemand wollte dieser Problematik vertiefter nachgehen. Das Projekt Peace-Force wird an dieser, wie auch an vielen anderen Schulen, vorläufig sind es nur die Staatsschulen, durchgeführt. Statistisch gesehen, mit viel Erfolg. In Deutschland soll es inzwischen sogar Schulen geben, an denen Peace-Force Kinder auf diese programmierte Art und Weise Streit zwischen Lehrkräften schlichten. So sagte es, so unglaublich das klingen mag, wenigstens dieser Projektleiter.

Ein anderes sehr schönes Beispiel unserer heutigen Denkweise stammt aus einem Kolloquium am Stadttheater Basel (Schweiz), das im Jahre 1995 zur Einführung der Premiere von „Faust I“ durchgeführt wurde. Es sprach ein Professor von der Universität Wien, der sich mit der Geschichte der Wirkung des Bösen in der Welt befasste. Er zeigte auf, wie das Böse zu verschiedenen Zeiten eben verschieden wirke und kam zum Schluss, dass es heute dann wirkt, wenn man sich auf etwas festlegt. Wenn man von etwas sagt, dass es so ist und nicht anders, wenn man also etwas determiniert. Er sagt wortwörtlich: „Wenn einer gegen den Relativismus ist, dann ist er vom Bösen.“ Ich konnte es mir dann nicht verkneifen, folgende Frage zu stellen: „Sehr geehrter Herr Professor, ich möchte sie fragen, ob sie in Wirklichkeit hier auf der Bühne stehen oder ob das, was ich sehe, nur meine subjektive Vorstellung, mein Konstrukt, ist und ihre Ausführungen, die sie dort vorne machen nur eine relative Gültigkeit haben. Es könnte also, vom Gesichtspunkt des Relativismus aus, doch gerade so gut sein, dass sie gar nicht hier sind und ihre Ausführungen deshalb auch nicht gültig sind. Ihre Ausführungen könnten demnach genauso gut nicht wahr sein, wie sie auch wahr sein könnten. Dazu kommt die Frage, warum determinieren sie ihre Aussage, dass alles relativ sei, als absolut.“ Der Wiener Herr Professor schluckte zuerst, dann wurde er recht rabiat und rief: „Das ist eine satanische Frage ..., das ist eine satanische Frage!“

So sieht man, wie der Relativismus keinen anderen Ausweg findet, als inquisitorisch dogmatisch zu werden, wenn er sich nicht selber aufheben will. Wir werden später genauer auf den Relativismus eingehen.

Hier ist ein Denken zu erkennen, das nur im Dienst von Vorstellungen steht, die sich scheinbar logisch aneinander knüpfen, logisch aber nur dann, wenn man diese Vorstellungen nicht hinterfragt. Das sind im Gegensatz zum entfesselten Willen, entfesselte Vorstellungen, die sich aneinander reihen und das Denken führen. Es ist die von Vorstellungen versklavte Denktätigkeit.

Nun zur dritten Frage: „Wie sieht das aus mit unserer dritten Seelenqualität? Wie sieht dies aus mit unserem Fühlen? Gibt es auch ein entfesseltes Fühlen, das uns in eine Sackgasse führen kann?“ Es muss eine Art von Fühlen sein, das ebenso das Denken verführt, wie es in den zwei vorhergehenden Beispielen der Wille und das Vorstellen getan haben. Es muss ein Fühlen sein, das uns das Denken verdunkelt und versklavt. Darf ich es Sentimentalität nennen? Es könnte auch das Fühlen, das durch Mimositäten beeinflusst ist, sein. Ein Beispiel soll das ein wenig näher erläutern. Es ist doch wunderbar, ein altes Bauernhaus kaufen zu können, in einer schönen, wenig bebauten Gegend. Daran mit eigenen Händen zu bauen und sich daran zu freuen, wie es über Jahre wächst und immer schöner wird. Zu einem Bijou ist es nach Jahren geworden. Die Frau und die Kinder haben zwar vom tüchtigen Mann und Vater wenig oder nie etwas gespürt, aber das Haus ist so schön geworden. Nun hat die Frau genug. Eigentlich hat sie gemeint, dass ihr Mann mit ihr und nicht mit dem Haus verheiratet sei. Sie lässt sich scheiden. Der Mann ist aber nicht so unglücklich, er hat sein Haus, durch das er sich selber verwirklichen konnte und an das er so viel Herzblut verloren hat. Er geht eine neue Beziehung ein, ein weiteres Kindchen meldet sich und sein Haus, sein Haus, steht weiterhin im Mittelpunkt. Es gibt da noch so viel zu tun daran, es kann immer noch schöner und noch schöner werden. Es ist sein Haus, sein Herzblut. Und die neue Beziehung und das neue Kindchen leiden darunter. Die Geschichte wiederholt sich. Das Gefühl hat das Denken verführt. Das Gefühl ist entfesselt. Statt dass das Fühlen vom Denken geführt wird, verführt und versklavt es das Denken.

Der entfesselte Wille, das entfesselte Vorstellen, die entfesselten Gefühle als Sentimentalitäten oder Mimositäten sind oft der Grund, dass wir uns in Sackgassen hineinmanövrieren, aus denen wir nur schwer und manchmal auch nur mit fremder Hilfe wieder herauskommen können, weil sie unseren Willen zum Denken fesseln, durch den wir die Situationen durchschauen und Herr unserer selbst bleiben können.

2.2 Die Informationslücke.

Ein Psychiater hat in einem Kolloquium diese Thematik einmal angesprochen. Er meinte, dass es uns gelingen müsse, Gefühle, Vorstellungen und Tathandlungen (Wollen) so anzuschauen, wie wir die Gegenstände der uns umgebenden Sinnenwelt tagtäglich anschauen. Er kam zum Schluss, dass wir in uns eine Instanz haben müssen, die es uns erlaubt, diese Gegebenheiten zu betrachten und zu durchschauen. Er wurde dann gefragt, wie er diese Instanz bezeichnen würde. Er dachte lange darüber nach und sagte darauf, dass er keinen Namen dafür finden könne. Es sei einfach ein Reflektieren über das Gegebene, das Geschehene. Auf die Anregung hin, diese Instanz könnte doch Denkwille genannt werden und dies sei doch unser wirkliches geistiges Ich, unser Ich-Bin, das dem gewordenen Alltags-Ich, dem Ich-bin-es oder Ego gegenüberstehe. Er fand die Bemerkung nicht uninteressant, berief sich aber darauf, dass man nicht wissen könne, ob es so etwas überhaupt gäbe, und dass ein geistiges Ich, als solche Instanz, nicht empirisch sei und man diese somit auch nicht wissenschaftlich nachweisen könne.

Für den Naturwissenschafter und für den Seelenwissenschafter, der sich heute auch strikte an naturwissenschaftliche Grundsätze zu halten versucht, ist diese Instanz, die Bewusstsein bildend in uns wirkt, eine Informationslücke. Für den zeitgenössischen Wissenschafter ist unser Denkwille eine Informationslücke.[2]

Warum?

Der Begriff Informationslücke geht auf den Mathematiker, Kurt Gödel, einen Österreicher, zurück. Er schreckte die Gemeinde der Mathematiker auf, in dem er bewies, dass wichtige logische Systeme, wie sie in der Mathematik und der Algebra vorkommen, immer Aussagen enthalten müssen, die wahr sind, die aber nicht aus einem bestimmten Axiomensystem herleitbar sind. Die also ihren Wahrheitsgehalt nicht aus einem System von Lehrsätzen beziehen. So fand also Gödel, dass auch hier im Zentrum dieser logischen Strukturen etwas wirken müsse, das wahr, aber nicht herleitbar sei. Er nannte dieses Etwas eine Informationslücke. Seinem Beweis dieses Unvollständigkeitssatzes legte er folgenden Satz zugrunde. Dieser Satz wird das Lügner-Paradox genannt: „Der Kreter hatte gesagt: Alle Kreter sind Lügner“.

Gödel bewies damit eine mathematische Aussage, die besagte, dass eine Aussage nicht beweisbar sei, wenn ihr keine wahre Aussage zu Grunde liege.

Wie ist das also genau. Der Kreter lügt, wenn er sagt, dass alle Kreter lügen. Weil er Kreter ist, muss er ja gemäss Aussage lügen, er kann die Wahrheit gar nicht sagen, wenn seine Aussage stimmt. Die kann aber nicht stimmen, weil er ja lügt. Wir drehen uns also unendlich im Kreis. So mag es einem ergehen wie im Märchen vom Starken Hans der Gebrüder Grimm, das handelt von einem Tannendreher. Bei diesem Lügner-Paradox muss es einem so schwindlig werden, wie wenn wir einem Riesen zuschauen, der die Tannen im Wald wild umeinander herum dreht.

Der Spanier, der nicht im System der Kreter gefangen, ausserhalb des Systems steht, kann diese Frage angehen und sie auch gültig beantworten, weil er die Phänomene und deren Gesetzmässigkeiten, die im System wirken, unbefangen wahrnehmen kann. Der Satz darf also mit dem Spanier gemacht werden: „Der Spanier sagte: Alle Kreter lügen.“ Nun kann gesagt werden, ob diese Aussage wahr oder falsch ist. Um eine gültige Aussage machen zu können, muss man sich zum System herausnehmen, um im Beobachten der Phänomene die Gesetzmässigkeit selber schon zu erkennen. Das ist aber nur durch das Nachdenken über den Zusammenhang der Phänomene möglich. Folgende Aussage Goethes bestätigt Gödels Beweis: „Das Höchste wäre, zu begreifen, dass alles Faktische schon Theorie ist. Man suche nur nichts hinter den Phänomenen. Sie selber sind die Lehre.“ So kann der Spanier erkennen, dass es bei den Kretern, wie bei allen Völkern eben Menschen gibt, die lügen und solche, welche die Wahrheit sagen. Wichtig ist es aber zu erkennen, dass das System, die Gegebenheiten, die konkrete Situation von aussen betrachtet werden kann.

Wir wollen aber die Aussage von Gödel festhalten, die sagt, dass jeglichem mathematischen System eine wahre Aussage zugrunde liegen muss, wenn es erkennbar und damit lösbar sein soll. Nebst allen anderen Aussagen, die natürlich aus Lehrsätzen herleitbar sein müssen, sonst wäre es ja keine Mathematik, müssen immer auch wahre Aussagen enthalten sein, die nicht aus einem Axiomensystem herleitbar sind.

Damit ist der Beweis von einem Mathematiker geführt, dass ein logisches System in seinem Sein, in seinem Wesen, d.h. in seiner Idee von einer solchen wahren Aussage konstituiert sein muss. Das Wesen also, das dem System seine Form gibt, ist letztlich nicht in Lehrsätzen zu erfassen und festzuhalten. Jedes System ist aber, so der Mathematiker, ein logisches System. Also muss dieses Wesen auch ein logisches Wesen sein. Und es muss wirklich sein, im System real vorhanden, sonst könnte man irgendeine beliebige Lösung angeben.

Jetzt steht das wirkliche, wahre und logische Wesen dem Lügner-Paradox gegenüber. Welches logische Wesen ist nicht aus Axiomen, aus nicht beweisbaren, sondern unmittelbaren Einsichten, aus Evidenzen, herleitbar? Es ist das Wesen aus dem alle Erkenntnis fliesst, aus dem die gestaltenden Prinzipien der Natur in ihrer ersten und unmittelbar wirklichen Realität fliessen. Es ist dies der Logos, der sich in alles Gewordene entäussert hat. Ein logisches System ist somit eingeschränkter, systematisierter, gefesselter Logos. Aber jedem logischen System müssen wahre, nicht weiter herleitbare Aussagen zugrunde liegen, die aus dem Logos fliessen. Dieser Logos aus dem alles geworden ist, wird heute als das bezeichnet, was man nicht wissen kann, als Informationslücke, ein unsagbares Nichts. Jeder moderne, suchende Mensch trägt aber das Streben des Faust in sich, der zu Mephisto sagt : „In deinem Nichts hoff‘ ich das All zu finden!“

Der Logos, das weltgestaltende Prinzip, das sich im Menschen individualisiert, wird heute von allen anerkannten Wissenschaften als nicht erkennbar, als Informationslücke, dargestellt. Daher die Phrase, dass man gewisse Dinge nicht wissen könne. Dadurch kommt es zu folgenden Aussagen:

„Das gestaltende Wesen der Urphänomene in der anorganischen Welt, in der Welt der Mineralien also, der Welt der Steine, des Wassers, der Luft und der Wärme, kann nicht erkannt werden. Wir können diese Welt nur verstehen, insofern sie in die Axiome, Modelle und den aus ihnen hergeleiteten Atom- und Molekülformeln besteht. Also aus unseren Vorstellungen konstruiert ist. Die Naturgesetze der anorganischen Welt sind reine Konstrukte unseres Gehirns, nach denen sich die Natur zu richten hat. Das gestaltende Wesen in der Pflanzenwelt, das sich in dem Pflanzentypus, dem lebendigen Prinzip des Ausdehnens und Zusammenziehens, der Diastole und der Systole des Blattes zeigt, kann nicht erkannt werden. Das Verständnis der organischen Welt ist nur möglich, insofern wir das Genom des Lebewesens erkennen.“

So viel ich auch in meiner Tätigkeit mit Mikroskopen gearbeitet habe, kam ich beim Mikroskopieren nur bis zur Anschauung der Chromosomenstruktur. Selbst im Roche-Magazin vom Mai 2004 ist klar dargestellt, dass: „Noch nie jemand direkt ein Molekül oder gar ein Atom gesehen hat.“ Die molekularen Strukturen der Eiweisse sind also Konstrukte, Modellvorstellungen. Die Entdeckung der Gesetzmässigkeiten der DNS-Moleküle geht zurück auf die beiden Engländer Watson und Crick. Es sind seither über 50 Jahre vergangen. Sie haben keine Wirklichkeit, sie haben ein Modell entdeckt, das aber funktioniert, das erstaunlich gut und beängstigend präzise funktioniert, aber über das Wesen, das Gestaltprinzip, die Wirkursache, den Logos, der in den Genen wirkt, welche die Bedingungsursache zur Gestaltung der organischen Welt abgeben, darüber haben sie sich keine Gedanken gemacht. Das hat gemäss der naturwissenschaftlichen Auffassung auch keinen Sinn, denn dieses Wesen ist nicht erkennbar. Die Aussage der Nicht – Erkennbarkeit ist ein Dogma. Es heisst nämlich, dass es kein Bewusstsein gibt, das die Erkenntnisgrenze überschreiten könne. Wie oft aber schon in der Geschichte der Naturwissenschaft wurden so genannte Erkenntnisgrenzen überschritten? Und immer noch spricht man von solchen Grenzen!

Wer die Biographien von Watson und Crick ein wenig studiert, entdeckt auch, dass dies zwei ziemlich lockere Männer gewesen sind, die keinen Grund sahen, sich tiefere Gedanken über das Wesen des Lebendigen zu machen. Die Idee der Doppelhelix, der Doppelgewinde-Anordnung der DNS und der Anordnung der Basen Adenin, Thymin, Guanin und Cytosin hatten sie übrigens von einem DNA-Experten aus New York, er hiess Erwin Chargaff, der Watson und Crick durch ein Gespräch auf die Idee des Schraubenmodells der DNA brachte. Chargaff sagte nach der Veröffentlichung der Entdeckung im renommierten englischen Wissenschaftsmagazin Nature: „Mein Unglück war, dass ich die beiden Grossen kennen gelernt habe, als sie noch aussergewöhnlich klein waren.“ [3] Dem Logos, als dem nicht beweisbaren Etwas, das durch kein Axiomensystem beweisbar, als im Pflanzen-Lebewesen wirkendes Prinzip sich entäussert, fragten sie nichts danach.

Im Tierwesen wirkt das Gestaltprinzip in der Form der Bildung eines seelischen Innenraumes durch Einstülpung in den Organismus und die Entwicklung der inneren Organe. Das sieht man bei der Pflanze nicht. Das Wesen des Tiertypus zeigt sich in der Gesetzmässigkeit von Involution und Evolution und es lebt sich in den Sympathie- und Antipathiekräften der Instinkte, Triebe und Begierden als empfindendes Seelenleben aus.

Der Mensch fasst die Gesetzmässigkeiten der anorganischen Welt, der Lebenswelt der Pflanzen und der seelischen Welt des Tierreiches in sich zusammen. Der Mensch wird sich der in der Natur wesenhaft gestaltend wirkenden, die Verhältnisse bewirkenden, Kraft des Logos in sich selber bewusst. Die Gesetzmässigkeit des Menschenreiches heisst Inkarnation und Exkarnation. Der Mensch kann sich der Gestaltkraft des Logos in sich selber bewusst werden, dadurch dass er sein Bewusstsein entwickelt und damit die Evolution weiterführt.

Die wahre Aussage, die jeglichem System im Mineralreich, Pflanzenreich, Tierreich und Menschenreich wesenhaft zugrunde liegt, ist der Logos. Die Natur ist das Denken des Logos, des Christos-Logos.

2.3 Der Denkwille.

Die Natur ist Ergebnis des Denkens des Christus. Im Denkwillen wird uns das Wirken der alle Verhältnisse bewirkenden Kraft des Logos bewusst. Die Kraft des Logos lebt in uns als Denkwille. Der Denkwille ist die Kraft, welche alle Verhältnisse schafft.

„Alle Dinge sind durch dasselbe geworden.“ So zeigt es uns der Beginn des Johannes-Evangeliums. Wir können in ihm erkennen, was das Wesen der Dinge ist. Dasjenige, was in der Anwesenheit aller Dinge west. In der griechischen Fassung kommt dies noch eindrücklicher zum Ausdruck als in der deutschen Übersetzung:

Im Urbeginne war das Wort en archè, èn ho logos

Und das Wort war bei Gott, kai ho logos èn pros ton theòn

Und ein Gott war das Wort, kai ho theos èn ho logos

dieses war im Urbeginne bei Gott, hutos en en archè pros ton theòn

Alles ist durch das Selbe geworden pantha di autu ègénéto

Und ausser durch dieses ist nichts kai choris autu ègénéto ou de en

Von dem Entstandenen geworden.

In diesem war das Leben ho gegonèn èn auto zoé en

Und das Leben war das Licht der Menschen kai hè zoe en to phos ton anthropon

Und das Licht schien in die Finsternis, kai to phos èn skotia phainè

aber die Finsternis hat es nicht begriffen. Kai hè skotia auto ou katelaben.

2.4 Substanz, Form und Verhältnis.

Im Anfang des Johannes Evangeliums können wir finden, wie alles im Kosmos aus dem Wort, dem Logos, als der die Verhältnisse gestaltenden Kraft hervorgegangen ist. Die Form, als Gesetzmässigkeit oder anders gesagt als Idee, setzt sich immer in ein Verhältnis zur Substanz, zum Stoff, als der Grundlage einer Erscheinung. Auf jeder nur denkbaren Ebene des Seins, nur im Nichts ist das nicht so, aber sobald etwas aus dem Nichts hervorgeht, besteht es aus diesen drei Qualitäten. Das Denken ist das Weltenwort, der Logos, der sich in ein Verhältnis setzt zur prima-materia [4] und diese aufhebt in das Erscheinen der Schöpfung. Indem wir selber denken, verwirklicht, individualisiert sich der Logos in uns und wird sich seiner selbst bewusst.

In der anorganischen Welt der festen, flüssigen, gas - und wärmeförmigen Körper in ihrem Ursache-Wirkungs-Zusammenhang, dem Kausalitätsprinzip, ist das am augenfälligsten. Die Urphänomene als Gesetzmäßigkeiten und somit als geistige Wirklichkeiten, werden durch die Mineralwelt sichtbar. Wobei auch die Mineralien selber, die einzelnen räumliche nebeneinander liegenden Körper, die Mineralsalze, ohne die Dreiheit Gesetzmässigkeit (Form), Substanz (Stoff) und Verhältnis zwischen diesen beiden nicht denkbar sind. Es könnte gar keine mineralische Welt und damit auch kein Prinzip der räumlichen Dreidimensionalität geben ohne diese Dreiheit. Selbst das Atom, ja auch das Myon, das Quark oder das Gluon, wenn wir auf diese Gedanken-Konstrukte der dunklen Materie eingehen wollen, könnten nur so zur Erscheinung gelangen.

Ebenso in der Pflanzenwelt, der organischen Welt, können wir die lebendige Gesetzmäßigkeit des Gestalt gebenden Logos, wie er sich in der Materie entäußert, erkennen. Hier können wir die lebendig sich entfaltenden Formen, die ihre Organe schön eins nach dem andern, in ihrem zeitlichen Nacheinander entwickeln, beobachten. Die Entfaltung aber des Blattes oder der Blüte erfolgt in einer Gleichzeitigkeit, die im Gesamtzusammenhang mit der Entwicklung des gesamten Organismus steht.

In der Tierwelt, dem Sichtbarwerden der Seelenkräfte von Sympathie und Antipathie in Form von Instinkten, Trieben und Begierden in fight and flight Situationen sind die Gesetzmäßigkeiten der Polaritäten der Gefühle erkennbar. Liebe kommt in der Form der Hingabe daher, ihre Substanz ist Sympathie. Trauer in der Form von dem in sich selbst Zurückgezogensein, einem Abgeschlossensein gegenüber der Welt. Ihre Substanz ist Antipathie. Das Ausdehnen im Seelischen ist Sympathie, das Zusammenziehen im Seelischen ist Antipathie. Die Substanz des Seelischen besteht aus den Kräften von Sympathie und Antipathie. In welcher Art und Weise, in welchem Wie sie sich als Sympathie und Antipathie zeigen, ist eine Frage des Verhältnisses. Darin empfinden wir die seelische Atmosphäre.

Das Wie ist eine Frage dessen, wie Form in das Verhältnis zur Substanz gesetzt wird. Daher kommt Goethes Ausspruch: „Das Was bedenke, mehr bedenke Wie.“

Im Menschen, der sich heute mit der fest gewordenen Materie, mit dem Mineralreich auseinanderzusetzen hat, entsteht die Möglichkeit, sich der Verhältnisse schaffenden Kraft des Logos bewusst zu werden und selber aus individueller Erkenntnis seine Verhältnisse zur Welt zu gestalten. So wird der Mensch zu einem Bilde der Trinität. Zu einem Bilde des dreieinigen Gottes. Er wird zum Bild des Schöpfers. So ist es zu verstehen, dass Gott den Menschen nach seinem Bilde geschaffen habe. Er ist Leib und Geist und im Verhältnis zwischen Leib uns Geist bildet sich die die individuelle Seele. Diese drei sind die Grundlage seines Verhältnisschaffens auf Erden.

Und das Wort ist bei Gott, auf Griechisch: Kai hò lògos èn pros ton theòn. Das Wort ist auf Gott zu, das heisst, es ist bezogen auf Gott, im Verhältnis zu Gott.[5] Aristoteles stellt dar, wie die prima- materia im status nascendi, als Willens-Substanz aller Möglichkeiten, von den Formkräften des Logos, dem Weltendenken ergriffen und dadurch erst zur erscheinenden Materie in der Schöpfung verwirklicht wird. Da haben wir eine wirkliche Dreieinigkeit, eine reale Trinität und wir können sie mit unseren Augen sehen, mit den Händen greifen, mit unserem Herzen fühlen und mit unserem Denken erkennen. Alles uns erscheinende, auf jeder Ebene des Seins besteht aus den drei Eigenschaften Substanz, Form und Verhältnis..

Das In die Verhältnisse setzen von Form und Stoff ist die Aktivität des Denkwillens. Diese wirkt im Werden der Natur und kommt im Menschen zum Bewusstsein. Das ist das Erlebnis der Gestaltkraft, die den Möglichkeiten und Wirklichkeiten der Biographie zu Grunde liegt. Es ist die Kraft des Logos, die im Menschen individualisiert, als der Christus in mir[6] erscheint, wenn das Denken vom Egoismus, der den Denkwillen versklavt, befreit ist.[7]

2.5 Grundlagen unseres Alltagsdenkens.

Diesem Denken, das in gewisser Weise über das Alltagsdenken hinausgewachsen ist, stellen wir nun das heute übliche, naturwissenschaftlich-systemische Denken gegenüber, das immer mehr unseren Alltag durchdringt und dies vom Kindergarten bis zu jeglicher Art von Ausbildung und bis in jede kleinste, alltägliche Tätigkeit hinein. Diese Art von Denken hat ihren Ursprung bei Kant gefunden und sich dann über den Konstruktivismus bis in die Systemtheorie fortgesetzt. Sie wollen wir jetzt anhand von Forschungsresultaten der Neurologen etwas genauer anschauen[8]:

Der Neurologe geht davon aus, dass in unserem Gehirn der übergeordnete Verhaltensregler, der Faszinationsregler sitzt. Dieser Faszinationsregler ist die zentrale Schaltstelle all unseres Denkens, Fühlens und Wollens. Er sitzt im Zwischenhirn.

Blicken wir kurz in unser Gehirn. Der kanadische Gehirnforscher, Mac Lean, spricht vom dreieinigen Gehirn. Seltsamer Ausdruck für unser Gehirn. Der Begriff dreieinig erinnert uns an den dreieinigen Gott. Es wird wohl nicht so sein, dass der Naturwissenschafter im Gehirn einen Ersatzmythos für die trinitäre Erscheinungsweise Gottes sieht?

Worin besteht also dieses dreieinige Gehirn? Es ist das vorerst einmal der Hirnstamm mit dem verlängerten Rückenmark (medulla oblongata), der Brücke (Pons), dem Cerebellum (Kleinhirn) und dem Mittelhirn. Mac Lean nennt dieses Gehirn das Reptiliengehirn, da es der am wenigsten weit entwickelte Teil des Gehirns ist. Es wird als Kontrollzentrum unbewusster, gefühlloser, roboterähnlicher Programme, die dem Reptilienverhalten ähneln, geschildert. Dann folgt das Zwischenhirn, welches er als Altsäugergehirn bezeichnet und als den Versuch der Natur, dem Reptiliengehirn eine Denkkappe zu verpassen.[9]

Was geschieht denn da? Das Zwischenhirn umschließt den Hirnstamm wie einen Saum. Saum heißt auf Lateinisch Limbus. Deswegen wird es auch das limbisches System genannt. Mac Lean nennt es das Altsäugergehirn. Es ist in der Entwicklung schon weiter vorangeschritten als das Reptiliengehirn. Es verbindet die Informationen, die aus der Außenwelt verarbeitet werden, mit denjenigen, die aus der Innenwelt des Menschen stammen. Der Mensch ist seiner Organnatur gemäß ein Wesen, das sich gerne wohl fühlt und sich das Leben gerne bequem und angenehm einrichtet Wir sehen das ganz ausgeprägt in unserer postmodernen Gesellschaft des Wellness-Zeitalters.

Wenn ich nun als Fernseh-Moderator, Referent, Politiker, Manager, Wissenschafter oder Verkäufer von außen ein Bild, eine Situation entwerfe, die in unserem Innern auf Zuspruch trifft, dann impulsiert dieser Zuspruch aus der Innenwelt der Bedürfnisse, der Instinkte und Triebe der Organe die Vorstellungswelt im Grosshirn, dem Neusäugergehirn. Es können natürlich auch ganz gewöhnliche Wahrnehmungen aus der Natur unserer Alltagswelt sein, die auf diesen Faszinationsregler treffen. Durch ihn entstehen Vorstellungen mit den entsprechenden Sympathie- oder Antipathie-Gefühlen im Hintergrund. Man kann diese Vorstellungen das konditionierte Interesse nennen.

Da haben wir es also, dieses dreieinige Gehirn nach Mac Lean: das Reptiliengehirn (verantwortlich für unser Reflex- und Instinktverhalten, aus dem archaische Regungen in uns aufsteigen), dann das Altsäugergehirn, dem durch die Verbindung der Außenwelt mit der Innenwelt das emotionale Erleben des Menschen entspringt und dann das Neusäugergehirn, den Neocortex, in dem die Spuren aller unserer Erfahrungen vor- und nachgeburtlich in den so genannten globalen Speicherkarten gespeichert sein sollen und in Wechselwirkung mit den beiden anderen Gehirnteilen stehen und durch die Emotionen aus der Innenwelt zum Impuls von Vorstellungen werden, die uns für oder gegen das Konzept oder das Produkt entscheiden lassen.

Diese Automatismen spielen sich aber nur ab, insofern wir uns faszinieren lassen. Faszinieren heisst – entzücken, bezaubern, und stammt von dem lateinischen Wort fascinare, das bedeutet beschreien, behexen, dessen Vorgeschichte nicht eindeutig geklärt ist. Das dazugehörige Substantiv Faszination – Bezauberung (stammt aus dem lat. Fascinatio –Beschreiung, Behexung).

Mac Lean ist nur einer von vielen Vertretern des Paradigmas des dreieinigen Gehirns [andere sind z. B. die Professoren Edelmann und Tononi (Autoren des Buches Gehirn und Geist) oder die Chaos – Forscher Briggs und Peat (Die Entdeckung des Chaos), auch Niklas Luhmann (der deutsche Vordenker der Systemtheorie, die aus der Chaos-Theorie hervorgeht) oder Michel Foucault (Sexualität und Wahrheit), Andrew Newberg/ Eugene D’Aquili/ Vince Rause (Der gedachte Gott) gehen ausgesprochen oder unausgesprochen von dieser Aussage aus]. Auch einer der erfolgreichsten bekanntesten Vertreter dieser Haltung im deutschsprachigen Raum, Manfred Spitzer (Autor des Buches Geist im Netz), Professor für Psychiatrie an der Universität in Ulm und Neurophysiologe, der bekannt ist durch seine Fernsehsendungen über Gehirnforschung im bayrischen Fernsehen, vertritt diese Auffassungen. Alle diese renommierten Wissenschafter und Forscher vertreten folgende Haltung:[10]

„Das menschliche Gehirn ist viel raffinierter als jeder elektronische Computer, es ist dem elektronischen Gehirn insofern überlegen, dass es neue Situationen analysieren und angepasst reagieren kann.“

In einer Hinsicht aber behandeln alle diese Wissenschafter das menschliche Gehirn dennoch wie einen Computer, in dem sie sagen, dass es gemäss Input und Output reagiere. So wird der Mensch wie ein programmierbares System betrachtet. Das ist die Grundlage des systemischen Denkens. Obwohl das jeder einigermassen humanistisch gebildete Systemtheoretiker bestreiten würde, ist dieses Faktum nicht von der Hand zu weisen, wenn man die Terminologie der Forschungsarbeiten reflektiert. Der Mensch ist zwar komplexer als ein Computer und man sollte sein Gehirn niemals als Computer anschauen. Dennoch wird von den Forschern das Gehirn genau nach diesen feed-back- und reentry-system-Methoden behandelt, wie es bei den elektronischen Computern getan wird. Manfred Spitzer betont in der Einführung zu seinem Buch Geist im Netz, dass zwischen Gehirn und Computer kein Vergleich gezogen werden darf, gerät aber durch seine Versuchsanordnungen zu sich selber in den Widerspruch, indem er das Gehirn als Bio-Computer mit Reizen versieht und dann die Reaktionen betrachtet. Sein Weg führt nicht überzeugend weg vom homme machine.

Das psychische System, als das der Mensch der Postmoderne bezeichnet wird, soll also trotz aller gegenteiligen Beteuerungen wie ein Bio-Computer funktionieren. Durch Input und Output. Und tatsächlich, auf der Mentalebene I, welche die Seelenwelt unserer Empfindungen ist[11], ist das so. Da wird der Mensch wie ein Automat von außen gedacht. Ebenso auf der Mentalebene II, auf der Ebene des kausalen und finalen Denkens, der Ebene unseres assoziierenden Verstandesdenkens, insofern also, als wir nicht selbsttätig zu denken beginnen, sondern unser Denken von unseren traditionellen, angelernten und von unseren Leibesbedürfnissen verursachten Vorstellungen führen lassen, sind wir eine Art Bio – Computer, der sich als bio-psychisches System automatenhaft faszinieren lässt. Auf dieser Ebene entsprechen wir in einer gewissen Weise den Forschungsresultaten der Gehirnphysiologen. Insofern ist unser Denken an den Willen, an das Fühlen und an das Vorstellungsleben gefesselt, von ihm versklavt.

Da sind wir aber nicht wirklich Mensch. Mensch sind wir erst dort wirklich, wo wir uns solchen Erscheinungen gegenüber eben nicht faszinieren lassen, sondern diese als Gegebenheiten unserer Wahrnehmungswelt betrachten, über die wir nachdenken und über die wir ein eigenständiges Urteil fällen können.

Täuschen wir uns nicht darüber hinweg, was solche Paradigmen für eine Wirkung haben auf unser Alltagsdenken. Denn in den Denkfabriken, den Universitäten, wird das Gedankengut geprägt, das unsere Ausbildungen, Mittelschulen und auch Primarschulen und Kindergärten, die bald zur Grundstufe vereint werden, durchdringt. Von dieser Art zu denken, wird die ganze Gesellschaft beeinflusst. Das geschieht durch die Ausbildung der Lehrkräfte, die nach den Paradigmen der Wissenschaft ausgebildet werden. Das geschieht heute durch die vom Bologna-Modell verordneten Unterrichtsmodule. Die Menschen werden heute moduliert.

Wir müssen uns aber von den Gehirnforschern und Systemtheoretikern nicht blenden lassen, nur weil sie sich tiefer in gewisse Paradigmen hineingearbeitet haben als wir. Denn, wenn wir da etwas genauer hinschauen, liegt diesen Paradigmen eine Denkweise zu Grunde, die vor 200 Jahren die Menschen aufgewühlt hat. Es ist die Denkweise von Immanuel Kant, der in seiner Kritik der reinen Vernunft sagt, dass die Welt unsere Vorstellung sei. Dass die Gegenstände, die Objekte (l’objet = das uns Entgegengeworfene) nicht erkennbar seien, sondern dass diese nur unsere Vorstellungen seien. Sie, die Dinge an sich, seien nicht erkennbar, denn auf unsere Sinne würden nur die elektromagnetischen Reize, die diese Gegenstände aussenden, wirken. Wir würden in unseren Gehirnen diese Reize verarbeiten und dann als das subjektiv erfahrene Ding (wie es für uns ist!!) in die Welt hinausprojizieren. Es ist nichts anderes als das, was heute die postmodernen Gehirnforscher erzählen. Es geht nicht darum diese Forschungsresultate lächerlich zu machen, nein, die wollen wir ernst, sogar sehr ernst nehmen, die können wir gar nicht genug ernst nehmen und die können den Menschen von großem Nutzen sein. Es geht einzig und allein um die Interpretation dieser Forschungsresultate.

Wir wollen nun diese Sache wirklich genauer durchdenken und uns bemühen, nicht dem Faszinationsregler zu unterliegen. Dieser wird durch die Überzeugungskraft solcher Paradigmen angesprochen, welche Gehirn- und Genforschung in die Gesellschaft tragen und zur Gewohnheit unseres Alltagsdenkens werden. Wir wollen eine Anstrengung erbringen und unsere durch Erziehung und Gesellschaft geprägten Vorstellungen, die sich so schwer verändern lassen, in Bewegung versetzen. Wir wollen versuchen, Phrase, Routine und Konvention zu durchbrechen:

Seit Kant beherrscht die Ansicht unser Weltbild, alles sei subjektiv. Diese Anschauung ist heute auf dem vorher beschriebenen Weg bis in den kleinsten Geist eingeflossen. Dass die Wirklichkeit nicht erkennbar sei, muss erschütternd wirken auf jeden Menschen, der denkt und sich nicht automatenhaft faszinieren lässt von Anschauungen. Dadurch, dass alles subjektiv sein soll, wird auch alles relativ. Auch die Wahrheit. Durch die Ansicht, dass alles subjektiv sein soll, muss sich alles in Vorstellungen auflösen. Konkret ist das Folgende darunter zu verstehen:

Unsere Sinne werden durch elektromagnetische Wellen oder Photonen affiziert. Sie leiten die Impulse weiter in unser Gehirn. Dort werden sie in den reentrenten Wechselwirkungen der Neuronen Synapsen und Gehirnzentren verarbeitet und dann vom Gehirn als Ganzheit in der Form von Vorstellungen in die Welt und auf den anderen Menschen projiziert. Wenn wir aber die Sache genau durchdenken, dann wird die Geschichte recht unheimlich. Wenn dem nämlich so wäre, dann müssten auch unsere Sinne, unsere Gehirnnerven und Gehirnzentren ebenso nur Vorstellungen[12] sein, wie der Stuhl auf dem wir sitzen, wie die Apparate, mit denen wir unsere wissenschaftlichen Untersuchungen vornehmen und wie die Quarks und Glutonen des Urknalls. Vorstellungen, so sagt selbst der abgebrühteste Systemtheoretiker und Materialist sind geistig, sie sind aus der Materie entstandener Geist. Aber eben Geist im Netz. Gefangen im Neuronen-Netz. Mit dieser Aussage muss sich aber, konsequent gedacht, alles in Geist auflösen. Der Materialist wird dadurch zum Spiritualisten. Es müsste also ein undefinierbares, weil nicht erkennbares, also transzendentales, geistiges Wesen existieren, das alle diese unsere Illusionen in uns bewirkt. Oder zufällig zu Stande kommen lässt. Der Glaube nennt dieses außerideelle und nicht erkennbare Wesen Gott. Das ist ein Resultat von Kants praktischer Vernunft.

Da es aber offensichtlich doch Materie gibt, so muss man sich folgende nahe liegende Frage stellen: Wie kommt die Materie dazu, sich selber zu organisieren und wie kommt sie dann letztlich dazu, über sich selber nachzudenken, was doch erwiesenermaßen manche Menschen doch tun? Der kantisch und systemisch indoktrinierte Wissenschafter sagt nun: Das kann man nicht wissen! Das ist die immer häufiger zitierte Erkenntnisgrenze, oder Informationslücke. Indem aber der Mensch von solchen Vorstellungen und Indoktrinationen geleitet ist, ist er in seinem Freiheitskern, in seiner die Verhältnisse gestaltenden Kraft, in seinem Denkwillen, versklavt. Der Mensch wird durch eine solche Denkweise dressiert und determiniert, er wird konditioniert, er wird in seinem Denken gefesselt an seine Vorstellungen, Gefühle und seine aus den Organen aufsteigenden Instinkte, Triebe und Begierden. Das Denken wird versklavt.

Der Mensch wird durch solche Aussagen über den Faszinationsregler im Zwischenhirn dressiert, falls er nicht selber zu denken beginnt. Dadurch, dass man dann sagt, ja es ist doch alles subjektiv, erzeugt man die Illusion der Freiheit in der Relativierung aller Werte. Was ist aber das Resultat dieser Denkweise? Wir haben es in der Einleitung zu diesem Kapitel gesehen. Das Resultat dieser Denkdressur lautet:

Entfesselung des Willens.

Entfesselung des Vorstellens.

Entfesselung des Fühlens.

Das ist aber gleichzeitig die Fesselung, die Versklavung des Denkwillens dadurch, dass man ihn schlichtweg ignoriert und als Informationslücke bezeichnet. Es ist dies die Negation des Christos-Logos in uns. Des Geistigen im Menschen.

Aber letztlich kann man den Geist nicht im Netz fangen, denn der Geist weht, wo er will. Aus diesem Grunde gilt es, sich darüber Gedanken zu machen, wie der gefangene Geist in unserer Zeit, befreit werden kann.

Wir haben gesehen, dass die durch das Denken der vergangenen zwei Jahrhunderte geprägte Lehre des Subjektivismus und des Relativismus nur aufrechterhalten werden kann durch einen dogmatischen Determinismus, weil sich sonst alles in einen unwirklichen Spiritualismus auflöst. Indes, um weder in einem dogmatischen Determinismus gefangen zu werden, noch sich in einen dogmatischen Relativismus aufzulösen, müssen wir eine Denkanstrengung vollziehen, die uns hilft, diese beiden dogmatischen Strömungen zu überwinden und unsere Lebensverhältnisse gesundend zu gestalten. Die Frage ist die : „Wie komme ich aus der Unverbindlichkeit des Relativismus heraus und wie entkomme ich der Dressur und Konditionierung durch den Determinismus?“

Stellen wir uns einen großen Salzkristall vor. Was nehmen wir wahr? Geraden, senkrechte Geraden, waagrechte Geraden, Geraden die nach hinten verlaufen, Ecken, Flächen, würfelartige Formen. Da haben wir über das Denken schon Begriffe aus dem allgemeinen Begriffszusammenhang der Welt an die Wahrnehmungen herangetragen. Wir analysieren. Das Denken wird aber von der Sinneserfahrung, die wir am Salzkristall machen, dazu angestoßen, die Begriffe im Gesamtzusammenhang der Welt zu suchen. Das ist die erste Bewegung des Denkens, die Suchbewegung der Analyse. Die zweite Bewegung der Analyse ist das Heranführen des Begriffs aus dem allgemeinen Weltzusammenhang der Begriffe und Ideen an die Wahrnehmung und die Prüfung, ob der im Gesamtzusammenhang gefundene Begriff zur Wahrnehmung passt. Die Analyse ist Deduktion.

Ohne die Begriffe ist das Unmittelbar-Gegebene reines Chaos. Das Denken strukturiert durch die Begriffe, die es an das Unmittelbar-Gegebene heranführt, die Sinnes-Wahrnehmung in unserem Bewusstsein den Gesetzmäßigkeiten des Wahrnehmungsobjektes gemäß. Die Gesetzmäßigkeiten sind dem Wahrgenommenen innewohnend, sie sind ihm inhärent. Sie geben dem Wahrnehmungsobjekt die gesetzmäßige Form, die wir durch die Sinne wahrnehmen und durch das Denken nachvollziehen und als Gesetzmäßigkeit in Form des Begriffs erkennen. Das Unmittelbar-Gegebene steht im allgemeinen Weltzusammenhang drin. Die Geraden bilden in ihrem Zusammenhang die Flächen, die Flächen die Würfel, die Würfel den Kristall, die Kristalle die Mineralwelt. Mineralwelt ist der Oberbegriff für die anorganischen Erscheinungen, zu diesem Oberbegriff finden wir den Begriff des Seins, für den Begriff des Seins finden wir den Begriff, aus dem heraus alle Begriffe gefunden werden. Das ist der Begriff des Begriffs oder das Begreifen des Begriffs. Dies Wiederum ist die Fähigkeit unseres Denkens. Darüber muss man immer wieder nachdenken. Es ist so, der Begriff des Begriffs[13] ist die Fähigkeit unseres Denkens. Durch sie können wir die Begriffe erst an die Wahrnehmung (das empirische Objekt) heranführen und weil wir das tun, können wir sie aus der Wahrnehmung in unser Bewusstsein überführen.

Wir stellen der durch den Begriff strukturierten Wahrnehmung das Wahrnehmen als Tätigkeit gegenüber, das Beobachten. Wenn wir etwas beobachten, setzen wir unser Denken in Tätigkeit, damit wir ein Bewusstsein vom Beobachteten erlangen können. Durch das Denken finden wir den Begriff im allgemeinen Weltzusammenhang, der die Wahrnehmung, also das beobachtete Objekt konstituiert. Das Unmittelbar-Gegebene ist, wie wir gesehen haben, für unsere Sinne Wahrnehmung und für unser Denken Begriff.

Indem wir die Gesetzmäßigkeit, den Begriff also, durch welchen das in der Sinnenwelt Erfahrbare erscheint, erkennen, erkennen wir die Wirklichkeit. Wir determinieren, wir bestimmen, das Objekt durch unser Denken und bilden uns so eine Vorstellung. Jetzt gibt es aber ganz viele Gesichtspunkte unter denen wir diese Wahrnehmung tätigen. Unser geographischer Standpunkt ist einer, unsere leibliche Konstitution ein anderer, unsere seelische Verfassung ein dritter Faktor des Wahrnehmens, dies alles spielt natürlich beim Erkennen der Wirklichkeit mit. Damit ist die Erkenntnis ein subjekt-allgemeiner Vorgang. Der Weg ist subjektiv, die erkannte Gesetzmäßigkeit allgemein.

Ein anderer Mensch mit einem anderen Standpunkt, sieht vielleicht andere Aspekte in der Entäußerung der Gesetzmäßigkeit durch die Erscheinung. Im Gespräch darüber und im Erweiternwollen unserer Erkenntnis ist es richtig, wenn wir unseren Standpunkt wieder relativieren. Und unsere Vorstellungswelt dadurch bereichern, dass wir neue Gesichtspunkte in die Betrachtung miteinbeziehen.

Wie können wir die Standpunkte determinieren und wieder relativeren, um sie dann wieder zu determinieren und wieder zu relativieren? Wir können es durch unseren Denkwillen. Es ist dies der Weg der Entwicklung unseres Bewusstseins, mit Hilfe des Denkwillens stets zu determinieren und dann wieder zu relativieren. Bleiben wir beim steten Relativieren stehen, kann es keine Erkenntnis geben. Bleiben wir im Determinieren stecken, dann gibt es keine Entwicklung. Dass wir unser Bewusstsein entwickeln können, dass wir Determinieren und Relativieren als Tätigkeiten durchführen können, das ist die Erfahrbarkeit, die Empirie, im ursprünglichen Sinne des Wortes, des Denkwillens, der alles verwandelnden Formkraft, des schaffenden Logos in uns.

Durch den Denkwillen, dieser geistigen Realität, als unserem wahren Ich, erkennen wir, dass solche Aussagen, wie jene von Heinz Forester, dass „die Wahrheit die Erfindung eines Lügners ist“ sehr problematisch und eben nicht vom Denkwillen durchdrungen sind. Indem er dies sagt, behauptet er ja, dass er eine Wahrheit erkannt hat, nämlich die Wahrheit, dass es keine Wahrheit geben könne. Damit ist gesagt, dass er lügt mit seiner Aussage: „Die Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners.“ [14] Derjenige, der sagt, dass es keine Wahrheit gibt, lügt, denn er erachtet seine Aussage als Wahrheit und gerade dadurch lügt er und merkt es nicht einmal.

Und wie hat er versucht, diese undurchdachte Erkenntnis zu belegen. Durch das Denken. Durch das Denken, das er ebenso als Konstrukt bezeichnet, wie er die Wahrnehmungen und Begriffe als Konstrukte bezeichnet. Wie versucht er denn alle diese Rechtfertigungen seiner Ansichten? Durch das Denken. Wie kann man versuchen die Tatsache des Denkens, der Denktätigkeit, zu widerlegen? Natürlich nur wiederum durch das Denken. Diese Tatsache lässt sich nicht widerlegen. Der Denkwille, der Logos also, die Verhältnis schaffende Kraft in der Natur und im Menschen lässt sich nicht durch Logik widerlegen. Er lässt sich nur emotional-intellektualistisch ableugnen. Das geschieht durch das Denken, das sich selbst verleugnet.

2.6 Die Fesselung des Denkwillens.

Wir haben zu Beginn des Kapitels gesehen, dass das durch den entfesselten Willen gefesselte Denken zu Zerstörung und Gewaltakten führt. Ganz krass erkennen wir dieses geknechtete Denken in der bewunderten modernen Technik wieder. Durch die Mechanisierung ganzer Gewerbe- und Wirtschaftszweige kommt es zur rücksichtslosen Arbeitsplatzvernichtung. Wahrscheinlich stehen wir erst am Anfang eines weiteren Mechanisierungssprungs. Da auch die Dienstleistungen mehr und mehr automatisiert werden, könnte dies zur Folge haben, dass immer weniger Menschen für immer mehr Menschen produzieren und sorgen werden. Die unproduktiven Bevölkerungsteile werden höchst wahrscheinlich wachsen und mit geringfügigeren Einkommen auskommen müssen, davon werden wiederum Teile in die Schattenwirtschaft oder die Kriminalität abwandern oder dann am Rande der Gesellschaft verkommen.

Unterschätzen wir diesbezüglich die im Drogenhandel sich abspielende Kleinkriminalität nicht. Es gibt eine unglaubliche Dunkelziffer von Zweit-, Dritt- und Viert-Hand-Dealern, die so ihre Arbeitslosigkeit überspielen. Was wir als die verlorene Vernunft im Alltag erkennen, hat globale Auswirkungen in der auf falsche Weise globalisierten Wirtschaft.

Es gibt nur die Lösung, dass der befreite Denkwille, welcher die Verhältnisse schaffende Denktätigkeit ist, dazu kommt, Konzepte zu erarbeiten, die es ermöglichen, Arbeit und Einkommen zu trennen. Dies kann eine Grundlage dafür sein, dass die Arbeiten, die im sozialen Bereich und im Bereich der Nachbarhilfe zu tun sind und aus eigener Motivation heraus getan werden können, auch getan werden. Aber damit diese Trennung von Arbeit und Einkommen nicht missbraucht wird, wie dies im real existierenden Sozialismus der Fall war, muss ein Umdenken in den Grundfesten der Gesellschaft vor sich gehen. Die das Denken prägende Wissenschaft muss dazu kommen, den Denkwillen als Wirklichkeit anzuerkennen. Nur erscheint dies heute in unserer Welt als eine Utopie. Ein solches Konzept ist nicht möglich, ohne ein völliges Umdenken, das die ganze Gesellschaftsstruktur verändern müsste. Das Resultat, das Ergebnis, die Frucht des vom Denkwillen geführten Vorstellens kommt durch Selbstlosigkeit, Brüderlichkeit und zwischenmenschliche Rücksichtnahme zum Ausdruck, wie wir sie bis jetzt nur in ganz kleinen Beziehungsfeldern erleben können. Vielleicht aber sind gerade diese die Keime für eine große Entwicklung.

In Basel (Schweiz) gibt es die seit Jahren existierende Organisation Nachbarnet, gedacht als Gegenpol zur Entfremdung durch das Internet, welche von Firmen und Organisationen gesponsert wird und genau in dieser Richtung arbeitet, dass Arbeitslose in der Nachbarhilfe tätig sein und dadurch einen Sinn in ihr Dasein bringen können. Es ist dies ein durch die gesunde Denkweise eines Sozialarbeiters entstandenes Begegnungsfeld von Menschen, die sich in einem Ansatz von ethischem Individualismus mit dem sozialen Umfeld auseinander setzen. Das ist ein Ansatz, um das Denken aus dem organgebunden, von den Leibesbedürfnissen abhängigen Willen zu befreien.

Wo finden wir das Gebiet des an das Gefühl gefesselten Denkens? Das Mitgefühl gegenüber dem Mitmenschen ist wohl der schönste und edelste Ausdruck unseres Gefühls. Wir drücken unser Mitfühlen oft aus in der Nachfrage: „Wie geht es dir?“ Wenn dies keine Floskel ist, so ist es das ehrliche Fragen nach der seelischen und körperlichen Befindlichkeit. Das Mitfühlen spielt wohl die wichtigste Rolle im Heilungsprozess bei kranken Menschen. In der Medizin sind wir an einer Schwelle, die zu revolutionären Umgestaltungen im Heilwesen führen kann. Nur, solange unser Geist im Netze des relativistischen und subjektivistischen Denkens gefangen ist, kann dieser Umgestaltungsprozess ebenso verheerende Bahnen einschlagen, wie er dies im sozialen Bereich tut. Wir können das aus Beobachtungen ableiten, die wir in wichtigen medizinisch-wirtschaftlichen Bereichen machen können. Organhandel und Stammzellenforschung, die den menschlichen Organismus zum Ersatzteillager verkommen lassen wollen, seien hier nur als Stichworte erwähnt. Eine wirkliche, den Menschen heilende Medizin kann nur aus dem Mitgefühl heraus entstehen, das im anderen Menschen das göttliche Entwicklungswesen anerkennt. Dies wiederum kann nur durch den aus der ego-bezogenen Sentimentalität und Mimosität befreiten Denkwillen geschehen. Durch den Bezug zum inneren geistigen Menschen ist eine heilsame Entwicklung in der Heilkunst möglich. Nur auf diese Art wird die Medizin zu einer wirklichen Heilkunst, andernfalls verkommt sie zum profitgierigen Geschäft mit Stammzellen und Organen und erfüllt ihre Aufgabe nicht.

Auch hier fragt es sich, ob es denn nicht eine Illusion sei, wenn wir von dem Weg der eingeschlagenen Entwicklung abweichen wollen.

Der erste Schritt dazu ist die Erkenntnis des geistigen Menschen im Mitmenschen und in sich selber, aus dieser Erkenntnis heraus ergeben sich Keime für weitere Schritte.[15] Diese Erkenntnis darf nicht von irgendeiner Religion und auch von keiner Wissenschaft abhängig sein, die irgendeine dogmatische Weltanschauung diktiert, sondern sie muss zur Haltung im Alltagsdenken und Alltagsbewusstsein werden. Nur so lassen sich verkehrte Entwicklungen durchschauen. Das Erkennen einer verkehrten Entwicklung ist immer der Anfang einer Veränderung.

Durch dieses Durchschauen lässt sich das Denken aus den Fesseln des Fühlens in der Sentimentalität und Mimosität befreien.

Der dritte Bereich des gefesselten Denkens, das ist der Bereich der entfesselten Vorstellungen, die durch den Subjektivismus und Relativismus entfesselt, den Denkwillen unterdrücken. Dieser Bereich zeichnet sich durch die Skrupellosigkeit in der Genforschung aus und findet seinen Niederschlag in der pränatalen Diagnostik und in der Präimplantationsdiagnostik. Man glaubt durch Frühdiagnosen Behinderungen eventuell beseitigen zu können oder dann im Frühstadium die Weiterentwicklung eines beschädigten Embryos abbrechen zu können. Damit sind wir auf dem besten Wege zu einer Eugenetik, von deren Möglichkeiten man im Dritten Reich des 20. Jahrhunderts nur geträumt hat. Heute geschieht dies bald auf ganz legalen Wegen.

Es kann nur eine Eugenie geben in dem Sinne, dass man den Menschen als vorgeburtliche, geistige Individualität begleitet und ihm in der Schwangerschaft die bestmöglichen Voraussetzungen zu seinem Geboren-Werden schafft. Was eine Behinderung bedeutet und wie in wirklich menschlicher Weise mit ihr umgegangen werden kann, werden wir in einem späteren Kapitel dieses Buches erarbeiten. Wir sehen aber hier, an welche Abgründe uns das an die gängigen Vorstellungen gefesselte Denken führen kann. Um mit den Geheimnissen der Vererbungskräfte umzugehen, braucht es allerhöchste Moralität und die kann nur durch die freie Erkenntnis des vorgeburtlichen geistigen Menschen errungen werden, der sich in seiner Erdenbiographie in den vererbten Körper inkarnieren will. Nur durch diese Erkenntnis erlösen wir den Denkwillen aus den Fesseln der fixen Vorstellungen, die aus den Denkfabriken in die Gesellschaft nach und nach hinunterträufeln.

Durch die Befreiung des Denkwillens, die nur jeder Mensch als freie, individuelle Tat bewerkstelligen kann, können wir unser Denken als Vorstellen, unser Fühlen und unser Wollen im richtigen menschlichen Maß entfalten.

Das Bewusstwerden des Denkwillens in uns, ist der erste Schritt dazu, die Gespenster des Subjektivismus-Relativismus zu erkennen. Diese Gespenster, die das menschliche Denken fesseln und versklaven wollen. So dass Manfred Spitzer vom Geist im Netz redet und schreibt.

Wenn wir diese Gespenster erkennen, finden wir den Weg zum Denkwillen, zum lebendigen Geist. Zu dem Geiste der sich nicht ins Netz zwingen lässt, zu dem Geiste, der weht, wo er will.

3. Die menschheitliche Entwicklung des Denkwillens.

3.1 Die Verständigung zwischen den Generationen.

In den 68er Jahren des letzten Jahrhunderts begann der große Aufbruch, die gewordenen, determinierenden gesellschaftlichen Verhältnisse zu verändern, die politisch, wirtschaftlich und kulturell immer einengender wirkten. Um die Welt verändern zu können, muss man sie zuerst verstehen lernen. Verstehen wir denn unsere Zeit? Wir schauen mit Kopfschütteln auf die Ereignisse dieser unserer Zeit. Wir verstehen nicht, was sich abspielt. Um zu verstehen, das haben wir im ersten Kapitel gesehen, müssen wir eine Denkanstrengung vollziehen, die über das Alltägliche hinausgeht. Soziologen sagen, dass die vor 1949 geborenen Menschen, diejenigen also, die in die Nöte der Kriegs- und Nachkriegsjahre hinein geboren sind, die Menschen, die nach 1968 geboren sind, nicht mehr verstehen können. Warum sollen sie das nicht mehr können? Wen wundert es, dass da gesagt wird, dass die Veränderung in der Gehirnentwicklung seit dem wirtschaftlichen Aufschwung im Europa der 50er und 60er Jahre als Grund dafür angegeben wird.[16]

Da unsere Gehirne in der Wechselwirkung mit der Umwelt gebildet, geformt und gestaltet werden und sich die Umwelt derart rasant verändert hat, haben wir bei den Menschen vor 1949 leicht anders geformte Gehirne als bei den Menschen nach 1968. Deshalb ist es, gemäss der Gehirnphysiologie und der Soziologie nicht möglich, dass die Vorgeborenen die Nachgeborenen verstehen. Wie wir im letzten Kapitel anhand der Theorie des dreieinigen Gehirns der modernen Gehirnforscher gesehen haben, konstruiert sich das psychische System Mensch, das alles nur subjektiv empfindet und ebenso subjektiv deutet, sein Ich durch die Interaktion, den wechselseitigen Austausch des psychischen Systems, genannt Mensch, mit der Umwelt und den anderen psychischen Systemen und durch die Rückkoppelungsmechanismen im menschlichen Gehirn. Es ist dadurch dieses Ich eine Illusion. Die Illusion vor 1949 kann also die Illusion nach 1968 nicht mehr verstehen.

3.2 Das Ich als Illusion und als Wirklichkeit.

Was bedeutet das Wort Illusion? Gemäss Etymologie-Duden stammt das Wort, unter welchem eingebildete Wirklichkeit, Wunschbild, Selbsttäuschung verstanden wird, aus dem lateinischen illusio- Verspottung, Täuschung, eitle Vorstellung, was wiederum, zum lateinischen Verb illudere passend, hinspielen, sein Spiel treiben, verspotten, täuschen heisst. Gehirnforschung und System-Theorie sagen also, dass unser Ich eine Verspottung durch eine eingebildete Wirklichkeit sei. Wer oder was aber ist es denn, der oder das verspottet wird? Wenn zu Ende gedacht wird, kann man nur von Verspottung reden, wenn eine wirkliche Instanz da ist, die man verspotten kann. Eine Illusion, die sich durch eine Illusion verspotten lässt, ist nicht denkbar. Das wäre so sinnlos wie ein Nichts, das sich Nichts nennt. Wie wir weiter gesehen haben, sagt diese Theorie, dass es einen Denkwillen in uns nicht geben kann, dass eine solche Instanz nur eingebildet sei.

Insofern wir uns in vererbten Empfindungen und angelernten Vorstellungen bewegen, stimmen diese Aussagen der Systemtheorie. Insofern wir aber das Zustandekommen von Empfindungen und Vorstellungen wahrnehmen und überdenken, erkennen wir die Zweiheit des Ich, die sich einerseits wirklich als zustande gekommene Konvention unseres EGO’s zeigt, andererseits aber eine Wirklichkeit bedeutet, welche die Konvention entweder passiv aufnehmen, oder aber aktiv durchbrechen kann. Beim aktiven Durchbrechen der Konvention ist die Wirklichkeit der Ich-Kraft, welche der Denkwille als reale Instanz ist, tätig. Unser wahres Wesen ist der Denkwille, die Kraft mit der wir die Verhältnisse schaffen und gestalten, mit der wir als Menschen formenschaffende Wesen sind. Es ist die Kraft des Logos in uns, die uns frei lässt und damit uns in sich leben lässt. Es ist der Christos-Logos in uns und wir sind individualisiert in ihm, insofern wir tätig sind. Diese Kraft ist für das der Gesellschaft einsuggerierte Denken, die den Subjektivismus als objektiv erklärt und damit verabsolutiert, eine Informationslücke, ein Nichts.

Damit ist eine weitere Fesselung unseres Denkens dargestellt. Die Fesselung an ein angebliches Nichts. Das ist die Fesselung des Denkens an das Gehirn und damit auch an die Organbedürfnisse, die wir durch Vererbung, durch die Konstellation unserer Gene erworben haben und es ist an die Umwelt gefesselt, was wir alles, gemäss der Gehirnforschung, nur subjektiv deuten können und was damit eine Illusion ist, somit ein Nichts. Ebenso ein Nichts wie die Vorstellung unseres Gehirns, das durch diese Art zu denken ebenfalls eine Illusion, also ein Nichts sein muss.

3.3 Das Bedenklichste aber ist, dass wir nicht denken.

Heidegger sagt: „Das Bedenklichste aber ist, dass wir nicht denken.“ [17] Ist diese Gesellschaft, die eine Gesellschaft des verabsolutierten Subjektivismus ist, zu verändern? Es ist eine Illusion, daran zu glauben. Insofern hat unser Philosophieren und Anthroposophieren keine Berechtigung in dieser Gesellschaft, denn diese Gesellschaft will nichts davon wissen. Warum? Gewohnheiten müssten durchbrochen werden, die Routine, die Phrase müssten hinterfragt werden und die Konventionen müssten durch Erkenntnisse ersetzt werden. Das heisst, wir müssten zu denken beginnen. Wirklich zu denken und aus Erkenntnissen heraus zu handeln beginnen. Nur so könnten wir das Unglück verändern, das grosse Unglück, dass die Generationen einander nicht verstehen können.

Nur durch die Befreiung des Denkens vom physischen Teile des Gehirns und von der übrigen Leibesorganisation können die vor 1949 Geborenen, die nach 1968 Geborenen wieder verstehen und umgekehrt. Wenn wir also nicht denken, was tun wir dann? Wir stellen vor! Und wir haben unsere Heimat in den Gewohnheiten unserer Vorstellungen. In der Fesselung unseres Denkens an die Vorstellungen. Kein Mensch ist ausgenommen. Von Philosophie oder gar Anthroposophie zu wissen, ist keine Versicherung dagegen, dass man nicht in Routine, Konvention und Phrase erstarrt. Gerade das ist die grösste Gefahr für die Anthroposophie, dass wir nämlich dieses tun und damit unseren Denkwillen verneinen und einfrieren. „Ein Felsbrocken lässt sich eher in Luft auflösen, als eine feste Vorstellung“, so sagt Hegel.[18] Einstein sagt: „Es ist leichter ein Atom zu zerstören, als eine feste Vorstellung aufzulösen.“ Damit ist nicht gesagt, dass wenn es uns gelingt, Vorstellungen aufzulösen, dass dann alles relativ ist. Es ist damit aber gesagt, dass alles im Fluss des Determinierens, des sich Festlegens auf einen Standpunkt, und des Relativierens ist, des Auflösens von Vorstellungen, die einem absoluten Verharren auf gewissen Standpunkten zugrunde liegen. Das bedeutet, dass wir dadurch denkaktiv sind, dass wir Verhältnisse bilden, in denen es Standpunkte gibt, die vertreten werden und auch verändert werden können. Das ist die Grundlage dafür, dass wir unser Bewusstsein und damit uns selbst als Persönlichkeit, als Ich-bin-es abbilden und entwickeln. Dieses Bild gestalten wir aus dem Denkwillen, dem Ich-Bin heraus. Dieses Ich-Bin tritt nicht ein in unser Erdenbewusstsein. Wir sehen es immer nur im Abbild der gestalteten Verhältnisse. Auf diese Art entwickeln wir unser Menschen- und Weltbild und auf diese Art entwickeln wir auch unseren Gottesbegriff, den wir nie endgültig fassen können, da er unendlich und ewig gegeben ist. Aber erst dadurch, dass wir aus Freiheit zu denken beginnen, entwickeln wir uns. Damit wollen wir den Weg suchen, den das Schicksal des Denkens bis heute gegangen ist. Das heisst wir wollen den Fluss suchen in dem das Denken fliesst und damit denken wir an das pantha rei, an das Alles fliesst, des Heraklit.

[...]


[1] Vattimo, Gianni im Gespräch mit Martin Ross und Martin G. Weiß: Für eine multipolare Welt. Polylog, Themen im Gespräch Nr. 12. 2004.

[2] Vergl.: Frey, Fritz: Die Informationslücke. Hamburg 2004.

[3] Hunziker, Ernst: Der Wahn des Machbaren. Fulda 1990. S. 33 u. 34.

[4] Aristoteles: Über die Seele. Buch II, § 412 a und 412 b. Hamburg 1995. Band 6, S.28 u. 29.

[5] Wulf, Berthold: Die Kategorien des Aristoteles. Zürich 1988. S. 41 u. 42.

[6] Brief des Paulus an die Galater. 2. Kapitel.

[7] Siehe: 2.1. Die drei Grundfragen.

[8] Vgl.: Frey, Fritz: Die Informationslücke. Hamburg. 2004. S. 31-38.

[9] MacLean, P. D.: The triune brain, emotion, and scientific bias. In: F.O. Schmitt, et al. (Eds.), the Neurosciences. Second Study Program. New York 1970. S. 336-349.

[10] Spitzer, Manfred: Geist im Netz. Heidelberg; Berlin 2000. S. 12-15.

[11] Vgl.: Steiner, Rudolf.: Allg. Menschenkunde. Dornach 1992. S. 23.

[12] Vgl.: Steiner, Rudolf: Philosophie der Freiheit, Dornach 1987. S. 59-60.

[13] Unger, Carl: Die Automomie des phil. Bewusstseins. Stuttgart 1964. S. 58-60.

[14] Von Forester, Heinz: Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners. Heidelberg 1998. S. 32. Vgl. auch: Frey, Fritz: Die Informationslücke. Hamburg 2004.

[15] Vgl.: Steiner, Rudolf: Philosophie der Freiheit. Dornach 1987.

[16] Wunderland, Alexandra: Hirn und Paradigma, in , Co Med – das Magazin‘, Hochheim, Juli 2003.

[17] Heidegger, Martin: Von der Sache des Denkens. Vorträge, Reden und Gespräche. Der Hörverlag, Frankfurt am Main – Berlin 1951, 1952, 1959, 1969.

[18] Hegel, G. W. F.: Phänomenologie des Geistes. Frankfurt am Main 1986. S. 37.

Details

Seiten
146
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638482974
ISBN (Buch)
9783638000086
Dateigröße
898 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v52639
Note
Schlagworte
Zeit-Not-wendige Schritt Welt- Ichbewusstsein Illusion Realität Referate Thematik

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Titel: Der entscheidende Zeit-Not-wendige Schritt - Welt- und Ichbewusstsein, Illusion oder Realität?