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Pfadabhängigkeit nationaler Muster von industriellen Beziehungen und Unternehmensstrategien am Beispiel des circulus virtuosus der diversifizierten Qualitätsproduktion

Hausarbeit (Hauptseminar) 2005 39 Seiten

Soziologie - Arbeit, Beruf, Ausbildung, Organisation

Leseprobe

Gliederung

A. Einleitung

B. Die Theorie der Pfadabhängigkeit

C. Wechselwirkung von industriellen Beziehungen und Unternehmensstrategien

D. Der Circulus Virtuosus der diversifizierten Qualitätsproduktion
D.1. Stabile Arbeitsverhältnisse als Voraussetzung der diversifizierten Qualitäts-
produktion
D.2. Die diversifizierte Qualitätsproduktion als deutsche Besonderheit
D.3. Intelligente Arbeitsorganisation und flexible Techniknutzung

E. Der Wandel der diversifizierten Qualitätsproduktion aufgrund exogener und endogener Faktoren

F. Die Entstehung einer kostenorientierten Qualitätsproduktion sowie weitere Herausforderungen für das deutsche Regulationsmodell

G. Schlussfolgerung

H. Literatur

A. Einleitung

„ Es sind dicke Reformbretter, die wir bohren müssen (...) Mittlerweile ist anerkannt, dass es zur Sicherung von Beschäftigung vor allem auf Flexibilität ankommt. In dieser Hinsicht hat sich viel getan. Die "atmenden Fabriken" in der Automobilindustrie zum Beispiel zeigen, wie mit intelligenten Arbeitszeitmodellen die Stundenzahl der Nachfrage angepasst werden kann. Solche und andere betriebliche Beschäftigungsbündnisse sorgen für Flexibilität (...)Nur mit ständig erneuertem Wissen, das wir schnell in Entwicklung und Produktion umsetzen, werden wir uns in der Welt der Globalisierung behaupten. Wir müssen um so viel besser sein, wie wir teurer sind (...). An die Spitze kommt man nicht im Schlafwagen. Erfolgreiche Unternehmer suchen den Wettbewerb und wollen auch international die Besten sein. Sie wissen: Innovationen sind ihr Lebens-, ja Überlebenselixier“ ( Horst Köhler). Mit einer vielbeachteten Grundsatzrede vor den Arbeitgebervertretern, rief Bundespräsident Horst Köhler vor wenigen Wochen dazu auf, das Modell Deutschland umfassend zu reformieren. Die Dringlichkeit dieses Vorhabens stellte er explizit in den Vordergrund und verlangte nachhaltige Maßnahmen, um die Grundlinien von Gesellschaft und Wirtschaft zu erneuern.

Über viele Jahrzehnte galt das deutsche Institutionengefüge als vorbildlich. Es bot Orientierung für zahlreiche europäische Länder. Anfang der 90er Jahre begann das scheinbar perfekte Modell zunehmend zu „ bröckeln“ und dieser Prozess hält bis zum heutigen Tag an. Von entscheidendem Interesse sind einerseits Kenntnisse über die Faktoren welche dazu führten, sowie andererseits die Reaktion des Modells Deutschland und in welche Richtung es sich bewegt. Im Rahmen dieser Ausarbeitung werde ich zeigen, dass das traditionelle deutsche Modell vor grundlegenden Herausforderungen steht. Der sich vollziehende Wandel der Institutionen folgt jedoch einem pfadabhängigen Muster. Folglich kann man nicht von einem Strukturwandel in Deutschland sprechen. Dies werde ich im weiteren Verlauf anhand der Strategie der diversifizierten Qualitätsproduktion aufzeigen. Auch hier sind inkrementelle Veränderungen erkennbar, jedoch führt das nicht zur Abkehr der über viele Jahrzehnte erfolgreich betriebenen Qualitätsproduktion. Mit Hilfe der Theorie der Pfadabhängigkeit kann man die historisch bedingte Vielfalt nationaler Institutionen erklären ( Abschnitt B). Ich möchte dies als Ausgangspunkt nutzen, um die spezifischen Besonderheiten des deutschen Musters von industriellen Beziehungen und Unternehmensstrategien in Abschnitt C zu begründen. Ausgehend von Streeck´s idealtypischem Circulus Virtuosus der 70er und 80er Jahre soll anschließend gezeigt werden, auf welchen wesentlichen Bestandteilen die als deutsche „ Vorzeige- produktionsstruktur“ angesehene diversifizierte Qualitätsproduktion beruht ( Abschnitt D). Im anschließenden Abschnitt E sollen dann wesentliche Faktoren herausgearbeitet werden, welche auf die Bestandteile des Circulus Virtuosus einwirken und zu Veränderungen führen. Jedoch, so wird zu zeigen sein, handelt es sich hier nicht um einen fundamentalen Wechsel und eine Abkehr von den zentralen Institutionen. Vielmehr kann man von einem inkrementellen Wandel sprechen, der den eingeschlagenen Pfad nur modifiziert. Das deutsche Modell stößt in Zuge dessen an seine Grenzen und steht vor neuen Herausforderungen, die es jedoch zumeist im Einklang mit den vorhandenen Institutionen löst. Dies zeigt sich beispielsweise daran, dass die Qualitätsproduktion noch immer eine dominierende deutsche Produktionsstrategie darstellt, wobei man sich allerdings inzwischen zunehmend an Kostenaspekten orientiert. Vor neuen Herausforderungen stehen darüber hinaus das deutsche Modell der Corporate Governance sowie das soziale System der Innovationen. In einem komplexen Regulationsmodell wirken sich diese Veränderungen auch unmittelbar auf industrielle Beziehungen und Unternehmensstrategien aus. In Abschnitt F werde ich versuchen, ansatzweise die Wechselwirkungen darzustellen.

B. Die Theorie der Pfadabhängigkeit

Pfadabhängigkeit kann als zentrale Erklärung dafür dienen, dass eine historisch gewachsene Vielfalt nationaler Muster von industriellen Beziehungen und Unternehmensstrategien existieren. Im vorliegenden Abschnitt sollen zentrale Aspekte beleuchtet werden, um im weiteren Verlauf der Ausarbeitung die anfangs erstellte These zu untermauern. Da Theorien über Pfadabhängigkeiten äußerst deterministisch sind, können sie nur unzureichend den realiter beobachtbaren Wandel von Institutionen und institutionellen Gefügen beschreiben. Deswegen gehe ich anschließend auf die von Crouch/ Farrell beschriebenen Möglichkeiten einer Modifikation der traditionellen Theorien ein.

Vertreter des historischen Institutionalismus nutzen den Begriff der Pfadabhängigkeit, um zu verdeutlichen, dass die Entwicklung von Institutionen nicht als Folge einer kohärenten Logik zu sehen ist. Stattdessen resultieren selbige aus spezifischen historischen Konfigurationen, in denen Einflussfaktoren aufgrund verschiedener institutioneller und historischer Bedingungen unterschiedliche Verlaufsformen hervorbringen, wobei auch Zufälle und nicht vorhersehbare Ereignisse eine bedeutende Stellung einnehmen. Das ursprünglich in der Ökonomie entwickelte Konzept wurde später, mit entsprechenden Anpassungen, in der vergleichenden Politikwissenschaft eingesetzt ( Rehder, 2003).

Allgemein verfolgen Theorien, welche Pfadabhängigkeiten thematisieren, das Ziel, suboptimale aber dennoch stabile Gleichgewichte zu erklären. Die weiter gefasste Definition von Pfadabhängigkeiten verweist lediglich darauf, dass vergangene Ereignisse einen Einfluss auf zukünftige Ereignisse haben. Diese „ history matters“- Definition kann jedoch zum Beispiel nicht die Schwierigkeiten erklären, die mit dem Verlassen eines bestimmten Pfades verbunden sind. Pierson verweist dann auch zu Recht darauf, dass vielmehr der Pfad selber im Fokus der Betrachtung liegen muss.

Mithilfe seiner Definition verweist er auf die entscheidende Rolle von timing, also wann ein Ereignis eintritt, und sequencing, womit auf die Bedeutung der Reihenfolge von Ereignissen hingewiesen wird. Besonders für selbstverstärkende Prozesse kann der Zeitpunkt eines Ereignisses von großer Bedeutung sein, da frühere Ereignisse einen stärkeren Einfluss haben als spätere. Dadurch kann ein späteres Ereignis keine Auswirkungen haben, selbst wenn es weitreichende Folgen zu einem früheren Zeitpunkt gehabt hätte. Ein weiteres wichtiges Merkmal pfadabhängiger Prozesse sind multiple Gleichgewichte ( „multiple equilibria“) , da eine gegebene Anfangskonstellation zu mehreren unterschiedlichen Resultaten führen kann. Pierson verweist in seiner Definition außerdem auf Kontingenz ( „Contingency“), der zufolge kleine Ereignisse die im richtigen Moment geschehen, eine erhebliche Auswirkung auf den Pfadverlauf haben können. Sobald ein selbstverstärkender Prozess entstanden ist, kann positives Feedback zu einem einzigen Gleichgewicht führen ( „Inertia“), wobei es nahezu unmöglich ist dieses im nachhinein zu verändern ( Pierson 2000, p. 263). Schließlich führt Pierson in seiner Definition aus, dass politische Entwicklungen von kritischen Momenten gekennzeichnet sind. Diese können wiederum Auslöser für eine bestimmte Pfadentwicklung sein.

Die Ursache für pfadabhängige Entwicklungen sind für Pierson bestimmte selbstverstärkende Prozesse ( „ self- reinforcing processes“, „ increasing returns“), die im Pfadverlauf mit jedem weiteren “Schritt“ die Wahrscheinlichkeit für eine weitere Entwicklung in dieselbe Richtung erhöhen. Mit fortschreitendem Verlauf kommt es zu lock- in Effekten und aufgrund steigender exit- Kosten wird es zunehmend schwieriger, den Pfadverlauf zu verändern. Auch selbstverstärkende Prozesse basieren auf verschiedenen Merkmalen. Da frühere Ereignisse erhebliche Auswirkungen haben, sind bestimmte Entwicklungen kaum vorhersagbar ( „unpredictability“). Außerdem können Pfade im Laufe der Zeit kaum noch gewechselt werden ( „inflexibility“). Selbst kleine Ereignisse zu Beginn des Pfadverlaufes sind in diesem Sinne nicht vernachlässigbar, da sie zukünftige Entscheidungen beeinflussen können ( „nonergodicity“). Aufgrund selbstverstärkender Effekte können sich auch ineffiziente Lösungen langfristig stabilisieren. Ineffizient meint hier, im Vergleich zu vorangegangenen Alternativen ( „potential path inefficiency“) ( Pierson 2000).

Die Entstehung von selbstverstärkenden Prozessen beruhen auf vier Ursachen. Hohe Anfangs- oder Fixkosten führen dazu, dass sich weitere Investitionen in eine bestimmte Technologie besonders auszahlen. Darüber hinaus bieten die hohen Kosten für Individuen oder Organisationen einen starken Anreiz, an einer einzigen Option festzuhalten. Eine weitere Ursache sind Lerneffekte infolge derer die Nutzung, zum Beispiel eines Produktes, zunehmend effektiver wird und weitere Innovationen angeregt werden. Auch Koordinierungseffekte können die Entstehung selbstverstärkender Effekte begründen. Der individuelle Nutzen steigt demzufolge, wenn andere Individuen die gleiche Option auswählen. So wird zum Beispiel eine bestimmte Technologie zunehmend attraktiver für eine Vielzahl von Menschen wenn sie positive Auswirkungen hat. Besonders für Technologien die mit einer spezifischen Infrastruktur kompatibel sein müssen, wie etwa Hardware mit einer speziellen Software, sind Koordinierungseffekte wichtig. Letztlich führt die zunehmende Anwendung einer Technologie zu neuen Investitionen, was wiederum mehr Anwender anlockt. Insofern sind Koordinierungseffekte auch wichtig beim Aufbau von gegenseitigem Vertrauen. Als vierte Ursache für die Entstehung selbstverstärkender Prozesse, ist die Anpassung von Erwartungen zu nennen. Bestimmte Erwartungen hinsichtlich zukünftiger Aktivitäten führen dazu, dass Individuen ihr Verhalten so ausrichten das letztlich die Erwartungen auch eintreffen. In diesem Sinne verspüren Individuen ein Bedürfnis, „ auf´ s richtige Pferd zu setzen“. Dies kann wichtig sein für die Stabilisierung von Institutionen ( Arthur 1994).

Das Konzept der Pfadabhängigkeit wird allerdings im Rahmen der neo- institutionalistischen Analysen in einem weitgehend deterministischen Sinne genutzt. Deshalb können Untersuchungen, die auf einem solchen Ansatz beruhen, nur unzureichend einen Wandel voraussagen oder erklären. Crouch/ Farrell konnten, ausgehend von dem der Theorie der Pfadabhängigkeit zugrundeliegenden Modell der Polya- Urne, zeigen, dass verschiedene Pfade möglich sind. Wenn Veränderungen als erforderlich angesehen werden, greifen Akteure letztlich auf diese Pfade zurück. Der Fokus der Betrachtung liegt bei Crouch/ Farrell auf der Interaktion von pfadabhängigen Entwicklungen mit exogen sich verändernden Umwelten. Somit sind auch Wandel und Innovationen, also das Akteure einfallsreich auf neue Umstände reagieren indem sie zuvor nicht betrachtete institutionelle Ressourcen nutzen, erklärbar. Neben rational handelnden Akteuren haben also überschüssige Kapazitäten einen zentralen Stellenwert.

Eine weitere Möglichkeit einen etablierten Pfad zu wechseln, ist die Nutzung von Lösungen die bereits in angrenzenden Feldern verwendet wurden. In komplexen Situationen, das heißt wenn ein Akteur in verschiedenen institutionellen Kontexten agiert, wird der rationale Akteur mit jeweils unterschiedlichen Aktivitäten reagieren. Wenn der Akteur vor einem unlösbaren Problem steht, dann liegt die Vermutung nahe, dass er aus anderen Feldern Lösungen kopiert und damit einer institutionellen Pfadabhängigkeit entflieht, die ihm nicht länger geeignet erscheint. Besonders wichtig ist dieses Verhalten für kollektive Akteure die in einem weiten sozialen Umfeld agieren. Diese Form der Innovation ist viel mehr als nur eine „bricolage“. Wenn Reaktionen die ursprünglich einem anderen Handlungsbereich vorzufinden waren, in ein neues Feld übertragen werden, kann dies zu völlig neuartigen Handlungen und Institutionen führen. Somit findet ein lernendes Verhalten statt.

Eine weitere Ressource, auf Veränderungen zu reagieren, resultiert aus der Einbettung in ein Netzwerk von Policy- Feldern. Das soeben beschriebene lernende Verhalten aus benachbarten Feldern führt letztlich dazu, dass Akteure in begrenztem Umfang externe Pfade in ihr eigenes institutionelle Gefüge aufnehmen. Unter der begründeten Annahme, dass Systemgrenzen immer mehr oder weniger permeabel sind, können auch tendenziell exogene Phänomene wie zum Beispiel Imitation in die Betrachtung aufgenommen werden. In diesem Zusammenhang verweisen Crouch/ Farrell auf die Schwierigkeiten die oft entstehen, wenn Akteure exogene Lösungen annehmen müssen, die nicht zu vergangenen Erfahrungen und institutionellen Strukturen passen. Selbst wenn ausreichend Zeit zum Erlernen der neuen Pfade besteht, können diese so weit entfernt vom Akteur liegen, dass Erfolg nur nach einer fundamentalen Krise erreichbar ist[1]. Außerdem verfügt der Akteur nicht wie in der neo- klassischen Theorie über vollständiges Wissen, sondern ist hinsichtlich Wissen über und Fähigkeiten zur Nutzung von Innovationen abhängig von einer bestimmten Position innerhalb der Struktur ( Crouch/ Farrell 2002).

C. Wechselwirkung von industriellen Beziehungen und Unternehmensstrategien

Im folgenden Abschnitt sollen industrielle Beziehungen sowie Unternehmensstrategien begrifflich definiert und Wechselwirkungen beleuchtet werden. Da dies nur im Rahmen einer umfassenden Betrachtung des institutionellen Gefüges- dessen Bestandteil industrielle Interessenvertretungen und Strategien eines Unternehmens sind- geschehen kann, wird explizit auf das Modell Deutschland einzugehen sein. Dies ist auch für die weiteren Ausführungen von Relevanz, da der rheinische Kapitalismus im Ganzen seit Mitte der 80er Jahre diversen Veränderungen unterworfen ist.

Wenn man vom Modell Deutschland oder vom rheinischen Kapitalismus spricht, dann unterstellt dies eine Vielzahl an Kapitalismen. Dadurch öffnet sich das Blickfeld über nationale Konstellationen hinaus und ermöglicht die Betrachtung spezifischer institutioneller Steuerungskapazitäten, mit denen Volkswirtschaften sich mehr oder weniger erfolgreich an veränderte Rahmenbedingungen anpassen und diese auch aktiv beeinflussen können (Schroeder 2000).

Lange Zeit wurde das Modell Deutschland als ein Vorbild angesehen und in den 70er Jahren empfahl die OECD es sogar als Leitbild für andere Staaten ( Weßels 1999).

Ein zentrales Element dieses, von einigen Autoren als koordinierte Marktwirtschaft bezeichneten, Gefüges ist das Finanzsystem, welches den Zugang der Unternehmen zu „ ge- duldigem Kapital“ gewährleistet. Dies ermöglicht auch in Phasen des ökonomischen Abschwungs die Erhaltung gut ausgebildeter Arbeitskräfte und bietet darüber hinaus einen Anreiz in Projekte zu investieren, welche erst langfristig Gewinn erzielen. Das zentrale Problem dieser Form der Finanzierung beruht auf einer Überwachung der Profitabilität von Unternehmen durch die beteiligten Investoren, da eine Finanzierung nicht von bilanziellen Kriterien abhängt. Die Lösung bietet ein dichtes Netzwerk zwischen dem Management des Unternehmens und den beteiligten Firmen, um relevante Informationen über die wirtschaft-liche Entwicklung zur Verfügung zu stellen. Abgesichert wird dieses Netzwerk durch Reputation und Verlässlichkeit im Zuge der engen Beziehungen zwischen den Unternehmen, durch cross- shareholding sowie durch Mitgliedschaft in industriellen Vereinigungen.

Die interne Struktur der deutschen Unternehmen fördert diese Netzwerksysteme zusätzlich durch einen strukturellen Bias hinsichtlich eines konsensuellen Entscheidungsprozesses. Wichtige Entscheidungen kann das Management nur mit Zustimmung des Aufsichtsrats, welcher zusammengesetzt ist aus Arbeitnehmervertretern und den wichtigsten Anteilseignern, treffen. Folglich wird damit die Bereitstellung relevanter Informationen über die Unternehmensentwicklung innerhalb des Netzwerks sichergestellt. Aufgrund der langfristigen Beschäftigungsverhältnisse und der „ Prämierung“ der Fähigkeiten eines Managers, den Konsens abzusichern, verfolgt das Management in erster Linie den Erhalt und die Förderung dieses Netzwerks. Insofern liegt der Fokus der Bemühungen auf dem Ausbau der Reputation und weniger auf der Profitabilität des Unternehmens.

Eine Vielzahl von Unternehmen in einer koordinierten Marktwirtschaft verfolgen Produkt- strategien, welche hoch qualifizierte Arbeitskräfte erfordern. Die weitgehende Arbeits- autonomie und die Gewährleistung der Weitergabe von Informationen, um kontinuierliche Verbesserungen der Produktlinien und Produktionsprozesse zu sichern, ist problematisch für Unternehmen. Um die Mitarbeit der Beschäftigten zu fördern und dem Abwerben qualifizierter Arbeitnehmer durch Konkurrenten entgegenzuwirken, sind industrielle Beziehungen erforderlich ( Hall/ Soskice 2001).

Industrielle Beziehungen können als ein „ web of rules“ gesehen werden, welche die Arbeitsbeziehungen und die Arbeitsorganisation bestimmen ( Dunlop 1977). Gemeint sind damit normative Regelungen, welche das Industrial Relations System in Form institutionalisierter Verfahrensregeln konstituiert. Darüber hinaus bringen diese Regelungen auf der einen Seite inhaltliche oder substantielle Normen hervor und auf der anderen Seite werden dadurch prozedurale Normen für die Anwendung der substantiellen Normen auf spezifische Situationen etabliert ( Müller- Jentsch 1997). Eine ausführliche Definition der industriellen Beziehungen schlägt Müller- Jentsch vor: „Gewerkschaftliche und betriebliche Interessenvertretung sind die Angelpunkte eines intermediären Organisations- und Institutionengeflechts, das sich- im Verlaufe historischer Krisen, Kämpfe und Konflikte- als Kompromissstruktur zwischen den antagonistischen Parteien Kapital und Arbeit herausbildete und seine rechtliche Ratifizierung durch Staat und Gesetzgebung fand“ ( Müller- Jentsch 1983, S. 363).

Die spezifischen Strukturen und Merkmale des deutschen Modells der industriellen Beziehungen beruhen auf fünf wesentlichen Elementen. Von zentraler Bedeutung ist die Dualität zwischen Tarifautonomie und Betriebsverfassung. Dies zeigt sich in der funktionalen Differenzierung der Austragung und Verarbeitung von bestehenden Interessenkonflikten in zwei getrennten Arenen[2]. In der Arena Tarifautonomie werden die wesentlichen Bestand- teile der Arbeitskraft, wie beispielsweise Lohnsatz, Arbeitszeit sowie Rahmenregelungen des Beschäftigungsverhältnisses, durch Gewerkschaft und Arbeitgeberverband verhandelt und vereinbart. Die konkreten Ausgestaltungen des Beschäftigungsverhältnisses werden in der Arena Betriebsverfassung zwischen dem Betriebsrat und dem Management geregelt. Mit Hilfe dieser Differenzierung zwischen den Konfliktgegenständen, prozeduralen Modalitäten und Akteuren werden die Interessenkonflikte zwischen Arbeit und Kapital kleingearbeitet. Durch die wechselseitige Entlastung der beiden Arenen, indem „qualitative“ Interessen durch den Betriebsrat und „quantitative“ Interessen durch Gewerkschaften wahrgenommen werden, ist die Koexistenz von Konflikt in der einen und Konsens in der anderen Arena möglich.

Von erheblicher Relevanz sind die in den Institutionen und Organisationen etablierten Programme zur pragmatischen Interessensvermittlung zwischen Kapital und Arbeit. Diese Intermediarität zeigt sich in Bezug auf den Betriebsrat, da selbiger keine reine Interessenvertretung ist, sondern explizit wirtschaftliche Betriebsziele berücksichtigt. Damit werden zwei konträre Handlungslogiken, welche den Interessengegensatz zwischen Arbeit und Kapital konstituieren, in einer Institution verknüpft. Auch Gewerkschaften stellen intermediäre Organisationen dar, indem sie konditioniert sind zur Mediatisierung von Mitgliederinteressen und zur Kooperation mit Kapital und Staat. Gefördert wurde dies durch die Entstehung eines Systems von sektoralen Tarifverträgen, wodurch die Gewerkschaften einerseits eine Schutz- und Verteilungsfunktion für ihre Mitglieder und andererseits Kartell-, Ordnungs- und Befriedungsfunktion für die Unternehmen übernahmen.

Eine weiteres zentrales Merkmal der industriellen Beziehungen in Deutschland ist das hohe Maß an Verrechtlichung, welches das Ergebnis einer regulativen Politik des Staates ist. Als „dritte Partei“ legt dieser für die beiden Hauptakteure die normativen Rahmenbedingungen und Prozeduren fest, innerhalb derer die jeweiligen Interessen autonom verfolgt werden können. Verrechtlichung in diesem Sinne meint die enge rechtliche Bindung an ein dichtes Netz prozeduraler Regelungen und die rechtliche Einfriedung industrieller Konflikte. Folglich existiert eine Resistenz gegen kurzfristige Änderungen und Anpassungen und erst im Zuge grundlegender Verschiebungen in den Interessenkonstellationen und Machtverhältnissen kommt es zur Reformulierung der institutionalisierten Kompromisse.

Das deutsche Tarifverhandlungssystem trägt darüber hinaus starke zentralistische Züge welche durch zentralisierte und im jeweiligen Sektor monopolistische Arbeitgeber- und Arbeitnehmerverbände hervorgerufen werden. Aufgrund dieses Merkmals können Lohn- abkommen und Tarifverträge für großflächige Industrie- und Wirtschaftssektoren abgeschlossen werden. Die Organe der kollektiven Interessenvertretung haben diese Konzentration und Zentralisation vorangetrieben, indem auf Arbeitgeberseite Parallel- organisationen und auf der gewerkschaftlichen Seite Industrie- und Einheitsgewerkschaften etabliert wurden.

Ein weiteres Merkmal ist der repräsentative Charakter der Organe, denn obwohl Betriebsrat und Gewerkschaften ihre Forderungen im Namen ihrer Mitglieder stellen, können sie auch relativ unabhängig von deren Zustimmung geltend gemacht werden. So ist der Betriebsrat nicht an Aufträge der Wählerschaft gebunden, sondern den Interessen des Betriebs und seinen gesetzlichen Funktionen verpflichtet ( Müller- Jentsch 1995). Gewerkschaften wiederum sind als „ private Gesetzgeber“ zu sehen, welche objektive Rechtsnormen für Beschäftigungs- verhältnisse weder als reine pressure groups noch als bloße bargaining agents für die Mit- glieder begründen. In diesem Sinne sind Gewerkschaften „ repräsentative Vertragssubjekte“ ( Sinzheimer 1907/08, S. 81) für die gesamte Arbeitnehmerschaft, da tarifvertragliche Normen auch gegenüber denjenigen durchgesetzt werden, die diese eigentlich ablehnen. Insofern soll durch den Tarifvertrag als soziales Gebilde, dass allgemeine Berufsinteresse gegenüber dem Sonderwillen der Einzelnen zur Geltung gebracht werden ( Sinzheimer 1976).

Aufgrund der dargestellten Merkmale entstehen spezifische Vorteile, wie etwa die Bildung von Barrieren gegen die Kumulation von Konfliktpotentialen. Ermöglicht wird dies einerseits durch die selektive Interessenvertretung durch Gewerkschaften und Betriebsrat und andererseits indem der Gewerkschaft das alleinige Streikrecht eingeräumt wird. Diesem erschwerten Konflikttransfer von der betrieblichen auf die gewerkschaftliche Ebene, steht ein erleichterter Machttransfer gegenüber, da Organisationsmacht nur von Gewerkschaften und nur für tarifpolitische Zwecke ausgeübt werden kann. Ein weiterer Vorteil ist die Förderung von wirtschaftlichen Zielen, zum Beispiel einer hohen Arbeitsproduktivität und steigendem Lebensstandard, da die genannten Strukturmerkmale zur Entwicklung der Beschäftigungs- verhältnisse im Sinne von high- trust relations (Fox 1974 ) beitragen. Somit lässt sich feststellen, dass das duale System in Deutschland auf der einen Seite spezifische Strategien und Politiken der Akteure fördert, konditioniert und erzwingt und auf der anderen Seite zu einem niedrigen Konfliktniveau sowie hoher Produktivität beiträgt ( Müller- Jentsch 1995).

Die Stabilität des deutschen Tarifsystems ist zurückzuführen auf die Verpflichtung sowie die Legitimität der Akteure und darüber hinaus auf die Fähigkeit, Kompromisse einzugehen. Somit sind die Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände am Abschluss von Kollektiv- verträgen als wichtigstem Austauschergebnis interessiert ( Streeck/ Schmitter 1996).

Da Qualifikationen in einer koordinierten Marktwirtschaft von elementarer Bedeutung sind, ist ein ausgebautes Bildungs- und Ausbildungssystem vonnöten. Koordinierungsprobleme resultieren in diesem Zusammenhang, weil Arbeitnehmer einer Gewährleistung bedürfen, dass ihre Ausbildung zu einem entsprechenden Beschäftigungsverhältnis führt. Unternehmen wiederum die in Mitarbeiter investieren, benötigen die Gewissheit, dass einerseits die für eine Tätigkeit erforderlichen Fähigkeiten bereitgestellt werden und andererseits die Arbeitnehmer im Nachhinein nicht von Konkurrenten abgeworben werden. Diese Koordinierungsprobleme werden in Deutschland mit Hilfe industrieweiter Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften gelöst, die ein staatlich gefördertes Ausbildungssystem überwachen. Damit wird Tritt- brettfahrerverhalten begrenzt und die Anpassung der Ausbildung an unternehmerische Bedürfnisse abgesichert.

[...]


[1] Crouch/ Farrell verweisen auf das Beispiel der Transformation der mittel- und osteuropäischen Länder.

[2] Arenen sind funktionale Ausdifferenzierungen von spezifischen Subsystemen. Eine Arena ist ein Ort geregelter Konfliktaustragung und institutionalisierter Problemlösung sowie ein Kampfplatz, auf dem die Akteure ihre widerstreitenden Interessen durchsetzen und prozedurale Rahmenbedingungen modifizieren ( Müller- Jentsch 1997).

Details

Seiten
39
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638483889
ISBN (Buch)
9783638662369
Dateigröße
601 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v52766
Institution / Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Note
1,0
Schlagworte
Pfadabhängigkeit Muster Beziehungen Unternehmensstrategien Beispiel Qualitätsproduktion Arbeit Management Europa

Autor

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Titel: Pfadabhängigkeit nationaler Muster von industriellen Beziehungen und Unternehmensstrategien am Beispiel des circulus virtuosus der diversifizierten Qualitätsproduktion