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Analyse der These eines Götterpaares 'Jahwe und Aschera' anhand der Funde von Kuntillet Agrud

Hausarbeit (Hauptseminar) 2002 28 Seiten

Theologie - Biblische Theologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Bedeutung der Funde von Kuntillet Agrud

3. Aschera und die Zeichnungen von Kuntillet Agrud
3.1. Bildliche Darstellung eines Götterpaares?
3.2. Aschera als Leierspielerin?
3.3. Aschera als stilisierter Baum?

4. „seine Aschera“ - Göttin oder Machtsymbol bzw. Kultobjekt?
4.1. Blick auf die hebräische Grammatik
4.2. Blick auf den Kontext
4.3. Aschera als Kultobjekt

5. Aschera und die theophoren Namen von Kuntillet Agrud
5.1. Untersuchung der Theophoren Personennamen durch J.H.Tigay
5.2. Theophore Personennamen bezüglich der Göttin Aschera
5.3. Die theophoren Personennamen von Kuntillet Agrud

6. Zusammenfassung

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Frage nach einem Götterpaar „Jahwe und Aschera“ in der vorexilischen Religion Israels bzw. Judas. Bei Ausgrabungen der Universität Tel Aviv wurden 1975/76 spektakuläre Inschriften und Zeichnungen gefunden, welche den Befürwortern einer Götterpaar-These enormen Auftrieb gaben.[1] Die Annahme einer Paredros[2] Jahwes wiederum ist in die aktuelle alttestamentliche Forschung eingebettet, welche vor allem im deutschsprachigen Raum für die Zeit vor dem Exil inzwischen pauschal von einer polytheistischen Religion ausgeht.[3] Ob diese Annahme tatsächlich pauschal gerechtfertigt ist, soll die Diskussion eines wichtigen Teilproblems, die Frage nach einer Gefährtin Jahwes, zeigen. Dazu werden die Funde von Kuntillet Agrud beleuchtet, wobei in einer Dreiteilung erst nach den Zeichnungen, anschließend nach der Bedeutung der Inschriften und als Drittes nach den in den Inschriften enthaltenen theophoren Namen gefragt wird, welche ebenfalls auf interessante Art und Weise Auskunft über den Glauben dieser Zeit geben.

2. Bedeutung der Funde von Kuntillet Agrud

Die Annahme einer Gefährtin Jahwes wurde bereits durch Heranziehen ugaritischer Funde getroffen.[4] Aus diesen kann der Schluss gezogen werden, dass eine Göttin Atirat an der Seite des Göttervaters El gestanden hat.[5] Allerdings wird in der aktuellen Diskussion immer mehr betont, dass der Rückgriff auf den Stadtstaat Ugarit keinesfalls überbewertet werden darf, wie es in der Vergangenheit bereits geschehen ist.[6] „Der Vergleichspunkt für die Religion der Königszeit darf nicht in den um ca. 500 Jahre früheren Ugarittexten gesehen werden.“[7] Diese Texte sind nicht nur zeitlich, sondern auch räumlich weit von den Grenzen der Provinz Kanaan entfernt. Zwischen Ugarit und Jerusalem liegen ca. 400 km, etwa die Strecke von Jerusalem bis zum ägyptischen Memphis,[8] und so betrachtete die ugaritische Liste KTU 4.96 offenbar einen kanaanäischen Händler als einen Fremden.[9] Es handelt sich hier somit nicht um Primärquellen.[10] Die Funde der Universität Tel Aviv von Kuntillet Agrud bieten dagegen die Möglichkeit, sowohl zeitlich als auch räumlich die Religion der vorexilischen Königszeit näher zu beleuchten.

3. Aschera und die Zeichnungen von Kuntillet Agrud

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die 50 km südlich von Kadesh Barnea bei archäologischen Ausgrabungen gefundenen Malereien und Inschriften, ließen die Diskussion über eine Göttin an der Seite Jahwes in großer Breite aufflammen. Die markanteste Inschrift davon ist ohne Zweifel die Formulierung „Jahwe ... und seine Aschera“. Die Befürworter der These eines Götterpaares sahen sich bestärkt und zogen trotz unterschiedlichster Interpretationen den Schluss, dass besagte Malereien und Inschriften ihre These stützen:

„ Die Tonscherben oder Tonkrüge, auf denen geschrieben wurde, enthielten übrigens auch Zeichnungen verschiedener Art, darunter zwei menschliche Gestalten, die man wohl als Jahwe und seine Gefährtin ansprechen muss.“[11]

„Die weibliche Figur von Achrud stellt nicht nur die Große Göttin dar. Die Tatsache, dass sie majestätisch auf einem Thron sitzt, neben Jahwe angerufen wird und wie dieser Spenderin himmlischen Segens ist, bedeutet, dass sie für einige Kreise in Israel die Gefährtin Jahwes war [...] Die jüngsten Ausgrabungen in Achrud und el-Qom [...] beweisen, dass Aschera als Gefährtin Jahwes personifiziert war.“[12]

„[...] in vorexilischer Zeit [herrschte] offenbar ein Dyotheismus von El/Jahwe-Aschera vor, wobei der Göttin nach Ausweis der Segenswünsche von Kuntillet Agrud und Khirbet el-Qom die Funktion einer Segensmittlerin zukam.“[13]

Die angeführten Zitate weisen auf ein interessantes Charakteristikum der Diskussion um die Funde von Kuntillet Agrud bezüglich der Frage nach einer Paredros Jahwes hin: Trotz völlig unterschiedlicher und sich zum Teil widersprechender Deutung[14] der Zeichnungen und Inschriften wird der gemeinsame Schluss gezogen, dass hier ein Beleg für eine göttliche Gefährtin an der Seite Jahwes in der Königszeit Israels vorhanden sei. Genau deshalb aber, weil hier unterschiedliche Deutungen zu einem gleichen Ergebnis gelangen, muss kritisch gefragt werden, ob nicht das Ziel, Belege für eine Paredros Jahwes zu finden, die Arbeitsweisen und Interpretationen bestimmt.

Die These eines Götterpaares hat bereits starke Verbreitung gefunden, so dass in der Literatur wie selbstverständlich von der „ehelichen Karriere“[15] Jahwes gesprochen wird: „Jahwe, der Nationalgott Israels (bzw. Israels und Judas), stand in vorexilischer Zeit nicht allein, wie wir es von der Zeit des nachexilischen Judentums an gewöhnt sind, sondern hatte eine Göttin neben sich.“[16] Allerdings fehlten bisher sowohl plausible inschriftliche als auch biblische Hinweise und selbst die oft zitierten Ausgrabungen von Kuntillet Agrud sind nur relevant, wenn sich damit eine „personale Zuordnung der Göttin zu YHWH bezeugen“ lässt.[17] An dieser Stelle setzt die vorliegende Arbeit an und fragt, inwieweit diese archäologischen Funde tatsächlich die These eines Götterpaares stützen.

3.1. Bildliche Darstellung eines Götterpaares?

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Das bereits angeführte Zitat von E. Gerstenberger: „Die Tonscherben oder Tonkrüge, [...] enthielten übrigens auch Zeichnungen verschiedener Art, darunter zwei menschliche Gestalten, die man wohl als Jahwe und seine Gefährtin ansprechen muss.“[18] bezieht sich auf folgende Abbildung auf Pithos A:[19]

Durch den Kopfschmuck der linken Gestalt verläuft eine Inschrift, in der von „Jahwe ... und seiner Aschera“ gesprochen wird.[20] Außerdem ist die rechte Gestalt mit zwei kreisförmigen Brüsten versehen. Aus diesen Gründen könnte der schnelle Schluss gezogen werden, dass mit diesen Zeichnungen das Götterpaar Jahwe und Aschera abgebildet worden ist.[21]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die zwei gezeichneten Gestalten lassen sich jedoch auf Grund ihrer ikonographischen Merkmale (Kopfschmuck, groteskes, löwenartiges Fratzengesicht mit abstehenden Ohren, Bart oder Kragen, auf die Hüften gestemmte Arme, krumme und kurze Beine, Schwanz) kombiniert mit frontaler Darstell-ung als Bes-Gestalten identifizieren.[22]

Bes-Figuren entstam-men der religiösen Vorstellungswelt der

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Ägypter[23] und ihnen wurde ein breites Aufgabenfeld zugeschrieben. Einerseits als gefährlicher, gebändigter Dämon, andererseits als mit solaren Zügen ausgestatteter Gott war die Bes-Gestalt für den Schutz von Schwangeren und Kleinkindern, die Bewahrung vor Schlangenbissen[24] bzw. generell für das Abwehren von Unheil[25] zuständig. Seine Bedeutung in Palästina ist durch Ausgrabungen belegt, bei denen vor allem Dutzende von Amuletten gefunden worden sind.[26]

Die Identifikation der Bes-Gestalten mit „Jahwe ... und seiner Aschera“ allein wegen der durch den linken Kopf verlaufenden Schrift ist recht problematisch. Neben Kuntillet Agrud ist nämlich keine weitere mögliche Verbindung zwischen Jahwe und Bes-Figuren bekannt.[27] Es stellt sich also zum Ersten die Frage, wieso „Jahwe ... und seine Aschera“ hier als Bes-Gestalten dargestellt sein sollen, wenn es für diese Verbindung keine weiteren Beleg gibt.

Zum Zweiten muss betont werden, dass es nicht einmal sicher ist, ob die beiden Figuren überhaupt als Paar von einer Person gezeichnet worden sind.[28] Mehre Punkte sprechen dagegen. So passen die Figuren in ihrer Darstellung zueinander nicht so recht zusammen. Einerseits steht die kleinere rechte Gestalt perspektivisch hinter der linken, wobei man die Linien unter dem rechten Fuß möglicherweise als Standlinien interpretieren kann.[29] Andererseits ragen die Figuren ineinander, wobei jedoch nur schwer ein Arm in Arm vorstellbar ist, bei dem die rechte Gestalt in der Luft hängt. Darüber hinaus unterscheiden sich beide Figuren in ihrer Darstellung, so dass auf zwei verschiedene Zeichner geschlossen werden kann: Die linke Gestalt wirkt viel schlaksiger, die Beine und der linke Arm sind unförmiger, und die Ohren sind weniger gestaltet. Die rechte Darstellung ist das ganze Gegenteil. Hier scheint es sich um einen geübteren Zeichner gehandelt zu haben, denn die Figur ist schlichtweg besser gestaltet.

Auch die Annahme, die beide Gestalten ausfüllenden Punkte wären erst nachträglich eingebracht worden, stützt die These mehrerer Zeichner. So sind in den sich überlappenden Armen keine Punkte eingezeichnet. Auch haben die Punkte der beiden Gestalten eine unterschiedliche Stärke.[30] Wenn aber beide Figuren von verschiedenen Zeichnern stammen, dann lässt sich schlussfolgern, dass auch die Inschrift durch den linken Kopf unabhängig von der Bes-Gestalt angebracht wurde und deshalb von der Darstellung zu trennen ist.

Zum Dritten ist außerdem fraglich, ob die rechte Gestalt tatsächlich weiblich ist, da es für ein heterosexuelles Paar Bes und Beset „selbst in Ägypten vor der ptolemäischen Zeit keine sicheren Belege gibt“.[31] Vielmehr scheint es sich bei der rechten Darstellung um eine bisexuelle bzw. androgyne Bes-Gestalt zu handeln. Dieser Sachverhalt hat zur Folge, dass die Identifikation der rechten Gestalt mit der Göttin Aschera nicht möglich ist.

Eine Verbindung der beiden Bes-Gestalten zu der Inschrift „Jahwe ... und seine Aschera“ lässt sich aus den vorangegangenen Gründen nicht herleiten.[32] Damit handelt es sich hier nicht um die Darstellung von Jahwe und seiner Paredros.

3.2. Aschera als Leierspielerin?

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Unmittelbar rechts neben den beiden Bes-Gestalten ist eine sitzende Person mit einem Instrument zu sehen. Diese Gestalt wird in der Literatur ebenfalls gern mit Aschera aus der Inschrift „Jahwe ... und seine Aschera“ gleichgesetzt.[33] Doch auch diese Annahme ist höchst problematisch.[34]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Keel, O. u. Uehlinger, C., 241

Zum Ersten ist das Geschlecht der Person nicht eindeutig erkennbar, so existiert beispielsweise auch die Interpretation als junger Prinz.[35] Durch die kleinen Brüste könnte zwar die Identifikation als Frau wahrscheinlich sein,[36] trotzdem stellt sich die Frage, warum der Zeichner die Gestalt nicht weiblicher betonte, wenn er Aschera meinte, so dass Zweifel an ihrer Identität überhaupt möglich sind.

Zum Zweiten existieren keine eindeutigen Belege dafür, dass Göttinnen leierspielend dargestellt worden sind.[37]

[...]


[1] Vgl. Dietrich, W., 15; Vgl. Weippert, M., 16

[2] Paredros = weibliche Göttergefährtin bzw. göttliche Ehefrau

[3] Vgl. Dietrich, W., 14; Vgl. Keel, O. u. Uehlinger, C., 2; Vgl. Weippert, M., 10

[4] Vgl. Frevel, C., 13

[5] Vgl. Dietrich, W., 15

[6] Vgl. Frevel, C., 15

[7] Vgl. Ebd., 7

[8] Vgl. Keel, O. u. Uehlinger, C., 456

[9] Vgl. Ebd., 12, Fn. 5

[10] Vgl. Ebd., 456

[11] Gerstenberger, E. S., 46f.

[12] Raurell, F., 83f.

[13] Albertz, R., 84

[14] Im ersten Zitat werden „Jahwe ... und seine Aschera“ in zwei menschlichen Gestalten erkannt, im zweiten dagegen „Aschera“ allein in einer auf einem Thron sitzenden Person. Vgl. Kapitel 3.1. u. 3.2.

[15] Vgl. Lemche, N. P., 72

[16] Weippert, M., 15

[17] Vgl. Frevel, C., 927

[18] Gerstenberger, E., 46f.

[19] Pithos = Krug

[20] Vgl. Keel, O. u. Uehlinger, C., 246

[21] So meint Gerstenberger, E. S., 47: „Text und schon erwähnte figürliche Gottesdarstellung sind aufeinander zugeordnet.“

[22] Vgl. Keel, O. u. Uehlinger, C., 246

[23] Vgl. Heide, M., Die ältesten Bibelzitate, 15

[24] Vgl. Keel, O. u. Uehlinger, C., 251

[25] Vgl. Ebd., 248

[26] Vgl. Ebd., 248

[27] Vgl. Ebd., 272 f.

[28] Vgl. Ebd., 256

[29] Vgl. Ebd., 248

[30] Vgl. Frevel, C., 878, Fn. 636

[31] Keel, O. u. Uehlinger, C., 247

[32] gegen Gerstenberger, E.S., 47

[33] Vgl. Frevel, C., 876, nennt W. G. Dever als bedeutendsten Vertreter dieser These.; Vgl. Raurell, F., 83f.

[34] Vgl. Ebd., 924

[35] Vgl. Ebd., 877

[36] Vgl. Keel, O. u. Uehlinger, C., 252

[37] Vgl. Ebd., 252

Details

Seiten
28
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638483933
ISBN (Buch)
9783656175247
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v52771
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden – Institut für evangelische Theologie
Note
1,0
Schlagworte
Jahwe Aschera Eine Analyse These Götterpaares Hand Funde Kuntillet Agrud

Autor

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