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Aspekte sozialer Ungleichheit

Ein Überblick am Beispiel Deutschlands

von Corinna Contenius et al. (Autor)

Hausarbeit 2006 25 Seiten

Soziologie - Soziales System, Sozialstruktur, Klasse, Schichtung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Zum Begriff „soziale Ungleichheit“
1.1. Schichten und Schichtungen
1.2. Mobilität

2. Vertikale Aspekte sozialer Ungleichheit
2.1. Armut und Reichtum
2.1.1. Armut als Lebenslage
2.1.2. Armutsrisiken und Sozialstaat
2.1.3. Reichtum als Lebenslage
2.1.4. Verdienter Reichtum?
2.2. Bildung
2.2.1. Bildungsexpansion
2.2.2. Schichtspezifische Bildungschancen
2.2.3. Berufliche Bildung

3. Horizontale Aspekte sozialer Ungleichheit
3.1. Ungleichheit zwischen Geschlechtern
3.1.1. Frauen und Männer in der Arbeitswelt
3.1.2. Mütter und Väter in der Arbeitswelt
3.2. Ungleichheit zwischen Generationen
3.2.1. „Generationenvertrag“ – Generationengerechtigkeit
3.2.2. Generationenschicksal und persönliche Biographie
3.3. Ungleichheit zwischen Ethnien
3.3.1. Migranten in Deutschland – rechtliche Rahmenbedingungen
3.3.2. Lebenschancen von Migranten in Deutschland
3.3.3. Integration versus „Parallelgesellschaften“

4. Fazit

Literatur und Datenquellen

Einleitung

Die vorliegende Arbeit informiert in knapper Form über zentrale Aspekte sozialer Ungleichheit, wie sie in der deutschen Gesellschaft heute erkennbar sind. Wir beschreiben Ungleichheitsphänomene, stellen (zeit-)geschichtliche Bezüge her und schildern Entwicklungstendenzen. Darüber hinaus ist unser Anliegen, an einzelnen aktuellen Beispielen zu zeigen, in welchem Verhältnis sozialstaatliches Handeln zu bestehenden Ungleichheiten steht. Damit findet der wertneutrale, beschreibende Begriff der „Ungleichheit“ immer wieder Anschluss an ethisch geprägte Themenkreise wie „Gerechtigkeit“, „Chancengleichheit“ oder „Minderheitenrechte“.

Den Schluss bildet unsere Einschätzung darüber, welche Aspekte sozialer Ungleichheit in der näheren Zukunft am meisten Aufmerksamkeit auf sich ziehen werden.

1. Zum Begriff „soziale Ungleichheit“

Menschen leben im Laufe ihres Lebens typischerweise in unterschiedlichen sozialen Zusammenhängen. Zunächst erlebt sich der Mensch als Teil einer Familie. Später wird er sich unterschiedlichen Gruppen zugehörig fühlen, unter anderem als Einwohner einer Stadt, als Schüler, als Vereinsmitglied, Wahlberechtigter oder Angehöriger einer bestimmten Berufs-, Alters- oder Interessengruppe. Schließlich ist er in allen Lebenslagen dem Gesamtgefüge eingegliedert, das jene Teilgruppen umspannt und in einem nicht scharf abgrenzbaren Begriff „Gesellschaft“ genannt wird. Die Position, die der Einzelne in einem Beziehungsgefüge einnimmt, entscheidet darüber, in welchem Ausmaß er am Wohlstand und an den Errungenschaften der jeweiligen Gemeinschaft teilhaben kann, in welcher Weise er seine Fähigkeiten ausbilden und einbringen kann, und ob er das Gesamtgefüge beeinflussen kann.

Der systematisch ungleiche Zugang zu knappen, begehrenswerten Gütern einer Gesellschaft gilt als soziale Ungleichheit. Dabei wird ein absoluter Ungleichheits-maßstab angelegt, der zu Aussagen über Besser- oder Schlechterstellung führt, jedoch keine Aussage über Gerechtigkeit oder Ungerechtigkeit transportiert (Hradil, 1998, 147). Sozialwissenschaftliche Ungleichheitsforschung hat an dieser Stelle aber natürlich Berührungspunkte mit Sozialpolitik, da sie die Grundlage für das Erkennen von Notlagen bilden und eine gerechtere Ressourcenverteilung anregen kann.

(vgl. Kreckel 1997).

Soziale Ungleichheit ist begrifflich von natürlicher Ungleichheit abzugrenzen. Bei der Tatsache, dass Frauen noch im 17./18. Jahrhundert häufig bei Geburten starben, handelt es sich im Verhältnis zu gleichaltrigen Männern um ein Phänomen natürlicher Ungleichheit, da damit jedoch immense soziale Auswirkungen verbunden waren, kann das Geschlecht als determinierender Aspekt sozialer Ungleichheit angesehen werden.

Im Folgenden bezeichnen wir wandelbare Aspekte mit starkem, sachimmanenten Hierarchisierungspotential als vertikal, wie beispielsweise Armut und Reichtum oder Bildung. Naturhaft vorgeprägte Aspekte, die Lebenslagen deutlich positiv oder negativ beeinflussen, ohne für sich genommen eine Hierarchisierung nahe zu legen, werden als horizontal bezeichnet, so z.B. Geschlecht, Ethnie, Generation (siehe auch Geißler 1994, 22).

1.1. Schichten und Schichtungen

In traditionellen Ständegesellschaften herrschte eine klare soziale Zuordnung. Durch Geburt wurden dem Individuum sein Platz in der Gesellschaft und sein Maß an Lebenschancen zugewiesen.

Moderne Industriegesellschaften zeichnen sich dadurch aus, dass soziale Ungleichheiten stark berufs- bzw. erwerbsgeprägt sind. Der Zusammenhang von Bildung, beruflicher Tätigkeit und Einkommenshöhe ist regelhaft und beeinflusst die gesellschaftliche Stellung der Menschen, so dass es sinnvoll erscheint, von „Schichten“ zu sprechen. Rainer Geißler empfiehlt, „(…) bei einer Darstellung der ungleichen Verteilung der Lebenschancen die Bevölkerung nach Beruf und Bildung in eine überschaubare Zahl von Schichten zu untergliedern, also in Gruppen, deren Lebenschancen sich typischerweise unterscheiden“ (Geißler, 1994, 20).

Wir werden uns in dieser Arbeit mit den Begriffen Unter-, Mittel- und Oberschicht begnügen, sofern wir auf vertikale Ungleichheitsphänomene Bezug nehmen, und auf Binnendifferenzierungen verzichten.

Das Konzept der Schichtungen stößt an seine Grenzen, wenn die vertikalen Aspekte sozialer Ungleichheit ihre Prägekraft verlieren oder in Teilbereichen von horizontalen Aspekten überlagert werden (vgl. Beck 1986, 121ff.). Vertreter neuerer Ansätze sprechen von „sozialen Lagen“ und „Milieus“, um der Vielfalt und Komplexität individueller Lebenssituationen gerecht zu werden (vgl. Schäfers, 2004, 246ff.).

1.2. Mobilität

Mobilität im räumlichen Sinne hat im Rahmen unseres Themas eine Bedeutung, insofern Mobilität aus finanziellen Gründen erschwert oder aus Arbeitsmarktgründen erzwungen sein kann. Zudem ist Migration ein Phänomen räumlicher Mobilität, das Menschen unterschiedlichster ethnischer Herkunft nach Deutschland führt und damit neue soziale Ungleichheiten hervorbringt, mit allen Konfliktlinien, die sich daraus ergeben (vgl. 3.3.).

Soziale Mobilität - im abstrakten Sinne - beschreibt die Möglichkeit der Individuen, innerhalb einer Gesellschaft ihre Position zu wechseln, im Schichtengefüge auf- oder abzusteigen. Dabei wird von intergenerationeller Mobilität gesprochen, sofern im Vergleich zum Elternhaus Aufstiege geleistet oder Abstiege erfahren werden und von intragenerationeller Mobilität, sofern der Einzelne im Laufe seines Lebens - z.B. karrierebedingt - unterschiedliche Positionen im Schichtengefüge einnimmt (Hradil, 1998, 155).

2. Vertikale Aspekte sozialer Ungleichheit

2.1. Armut und Reichtum

Die Ausstattung mit materiellen Gütern ist entscheidend für das Überleben, das Wohlergehen und die Entfaltungsmöglichkeiten der Menschen innerhalb einer Gesellschaft .

Die Betrachtung innergesellschaftlicher, aber auch überregionaler und globaler Unterschiede zeigt, dass Armut und Reichtum relative Größen sind.

Ob jemand als arm gilt, hängt vom Lebensstandard der ihn umgebenden Gesellschaft ab, aber auch von seinen eigenen Prägungen und Erwartungen und nicht zuletzt von der Perspektive des Betrachters.

Von absoluter Armut wird allerdings gesprochen, wenn das physische Überleben von Menschen gefährdet ist, weil es an Essen, Kleidung und Behausung mangelt.

Ein entsprechender Begriff „absoluten“ Reichtums kann bestenfalls konstruiert werden, wenn man den Blick auf die Gruppe von Reichen lenkt, „bei der Ein-kommen und Vermögen insoweit eine neue Qualität gewinnen, als sie immer wieder zu neuen Quellen von Einkommen und Vermögen werden“ (Huster, 1993, 12). Wer zu dieser Gruppe gehört und Geld ausgeben kann, ohne je ein Abschmelzen seines Vermögens befürchten zu müssen, kann als „absolut“ reich bezeichnet werden.

Für die Bezifferung relativer Armut hat sich die EU-Definition etabliert, die Armut bzw. Armutsgefährdung annimmt, wenn bezogen auf die entsprechende Region 60% des durchschnittlichen Haushaltsnettoeinkommens unterschritten werden. Diese Definition liegt auch dem Armutsbericht 2004 der Bundesregierung zugrunde.

In Anlehnung an diese Definition gelten diejenigen als reich, die das Doppelte des durchschnittlichen Haushaltsnettoeinkommens zur Verfügung haben (Huster, 1993, 11).

Wählt man ein anschauliches qualitatives Kriterium, kann man feststellen, dass Arme den Großteil ihrer monatlichen Einkünfte für ihren Alltagsbedarf aufwenden müssen, während Reiche ihr Geld überwiegend anlegen oder in Luxusgüter umsetzen können.

Die ungleiche Verteilung des Vermögens in Deutschland findet unmissverständlich Ausdruck in Zahlen: Die unteren 50% der Haushalte verfügten 2003 über 4% des gesamten Nettovermögens (ohne Betriebsvermögen), die oberen 10% dagegen über knapp 47% (Armutsbericht 2004, XXIV).

2.1.1. Armut als Lebenslage

Nach dem oben beschriebenen Armutskriterium von 60% des Nettohaushaltseinkommens lebten in Deutschland 2002 13,1% der Bevölkerung unterhalb der Armutsschwelle (Datenreport 2004 Tab.5a). Die Phasen relativer Einkommensarmut erweisen sich überwiegend als kurz: Zwischen 1998 und 2003 waren nach einem Jahr in ⅓ der Fälle die Armutsphasen abgeschlossen, nach zwei Jahren hatten ⅔ der Betroffenen ihre Armutsphase überwunden (Armutsbericht 2004, XXII).

Möglicherweise ist diese hohe Fluktuation Ursache dafür, dass auf die Frage, ob sie gerechten Anteil am Lebensstandard in Deutschland hätten, nur rund 10% der Befragten angaben, sie bekämen „sehr viel weniger“ als ihnen zustünde (ALLBUS, 2004).

Auch wenn die genannten Zahlen dafür sprechen, dass sozialer Abstieg in Deutschland immer noch in vielen Fällen ab- oder umzuwenden ist, müssen die charakteristischen Auswirkungen materieller Armut auf das Leben der Betroffenen, vor allem der Langzeitbetroffenen, ins Auge gefasst werden.

Mit „objektiven“ Mangellagen wie beengtem Wohnraum, fehlendem finanziellen Spielraum für die Teilnahme an kulturellen, politischen oder sportlichen Aktivitäten gehen subjektiv Mangelerlebnisse einher. Vor allem Armut verbunden mit Arbeitslosigkeit kann Menschen ihrer sozialen Bezüge berauben, vor dem Hintergrund unstrukturierter Tagesabläufe Sinnlosigkeits- und Frustrationserleben begünstigen und mit dieser Hypothek ein durch finanzielle Knappheit ohnehin auf die Probe gestelltes Familienleben zusätzlich belasten.

Im Rahmen eines Beitrags zur Nationalen Armutskonferenz weist Gerhard Trabert darauf hin, dass neben psychischen Beschwerden wie Ängsten, Schlaflosigkeit und depressiven Symptomen auch körperliche Erkrankungen bei Arbeitslosen gehäuft auftreten, das Risiko für Herz- Kreislauferkrankungen beispielsweise sei im Vergleich zu Erwerbstätigen um 50% erhöht.

Suizidversuche werden bis zu 20mal häufiger von Arbeitslosen verübt als von Erwerbstätigen (Trabert, [2000]).

Angesichts dieser düsteren Skizze soll jedoch nicht unerwähnt bleiben, dass „die Armutsbevölkerung keine homogene Gruppe darstellt. Zwar häufen sich die gleichen Benachteiligungen wie z.B. Defizite in der Ausbildung und Berufserfahrung (...), doch lassen sich große Unterschiede in der sozialen Herkunft, den unmittelbaren Auslösern der Hilfebedürftigkeit sowie in der subjektiven Bewältigung der Armutslage feststellen“ (Döring, Hanesch, Huster, 1990, 47).

2.1.2. Armutsrisiken und Sozialstaat

Arbeitslosigkeit stellt ganz offensichtlich das Hauptrisiko für ein Abgleiten in Armut dar. Mit einer Armutsrisikoquote von 40,9% liegen Menschen ohne Erwerbsarbeit an der Spitze, gefolgt von Alleinerziehenden mit 35,4% und Zuwanderern mit 24,0% (Armutsbericht 2004, 17).

Darüber hinaus korreliert Armut mit niedriger Bildung. In Deutschland waren 1998 von den über 17-Jährigen ohne Schulabschluss 15,6% arm, in den Vergleichsgruppen mit Hauptschulabschluss 8,5 % und mit Realschulabschluss 6,5%, von den Abiturienten hatten dagegen nur 1,7% weniger als 50% des durchschnittlichen Haushalts-nettoeinkommens zur Verfügung (Hanesch, Krause, Bäcker, 2000, 81).

Dass Kinder stark von Armut betroffen sind, zeigt der jüngst vorgestellte Kinderreport, wonach 2004 jedes 7. Kind in Armut lebte. Diese Zahl stimmt umso bedenklicher, als auch hier das engere Armutskriterium von 50% zugrunde gelegt wurde.

Kinderarmut soll außer durch Sozialeistungen wie Kindergeld und Erziehungsgeld durch den Kinderzuschlag für Niedrigverdienende abgeholfen werden. Dieser Maßnahme stehen die gelockerten Zumutbarkeitsregelungen und die so genannten 1€-Jobs im Rahmen der Hartz 4-Gesetze gegenüber. Pointiert formuliert wird so die Zielgruppe für den Kinderzuschlag vom Gesetzgeber tatkräftig erweitert, ohne dass dadurch vollgültige Erwerbssituationen gefördert werden.

Verschiedene Autoren, unter ihnen Ulrich Beck, stellen ein sozialstaatliches System, dessen Funktionieren auf Erwerbsarbeitsverhältnissen basiert, in Frage: „Wenn man den Bezugspunkt der Vollbeschäftigung ersetzt durch den Bezugspunkt der pluralen Tätigkeitsgesellschaft, sind die Verfallsszenarien Anlass für eine Neubestimmung des Arbeitsbegriffs und notwendiger Reformen“ (Beck, 1999, 41).

2.1.3. Reichtum als Lebenslage

Im Gegensatz zu Armut ist das Ausmaß von Reichtum schwieriger zu ermitteln.

Im Zusammenhang mit Sozialleistungen werden Bedürftigkeitsnachweise erbracht, die für eine gute Datenlage sorgen. Angaben über die Vermögens- und Einkommens-situation Reicher werden hingegen auf freiwilliger Basis erhoben oder basieren auf Modellrechnungen.

Wenn innerhalb der Gruppe der Reichen differenziert werden soll, ist der Blick auf Vermögensreichtum aufschlussreich. So unterstützt E.-U.Huster die Herangehens-weise von R.Hauser und G.Wagner, bezogen auf die Vermögenssituation älterer Menschen danach zu unterscheiden, ob mit Hilfe des Vermögens lediglich kurzfristig Notlagen überbrückt werden können, ob das Vermögen einen merklichen Beitrag zur Altersversorgung leisten kann, oder ob Vermögenserträge und Vermögensverzehr alleine die Altersphase weitgehend absichern können (Huster 1993, 12).

Eine Selbstbeurteilung legt einmal mehr die Relativität von Reichtum offen: nur 1,83% bezeichnen im Rahmen von ALLBUS 2004 ihre wirtschaftliche Lage als „sehr gut“, mit Blick auf die Zahlen zur Vermögensverteilung (vgl.2.1.) ein geringer Prozentsatz. Deutlich ist, dass viele der Befragten die Beurteilung ihrer wirtschaftlichen Lage nicht von alltagsnahen Kriterien abhängig gemacht haben können, sondern mit einer gewissen Selbstverständlichkeit ihre Vermögensentwicklung (Aktienkurse, Zinsent-wicklung) vor Augen hatten, die keinen unmittelbaren Bezug zu ihrer aktuellen Lebenslage hat. Huster spricht in diesem Zusammenhang von der „Unzufriedenheit der Saturierten“, die einen „stetig wachsenden Möglichkeitsraum überblicken“ müssen, und einerseits den Verlust des Erreichten befürchten, andererseits über ein Maß an Reichtum verfügen, das für sie nicht mehr erfahrbar und darstellbar ist (Huster 1993, 18).

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Details

Seiten
25
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638484732
ISBN (Buch)
9783638662413
Dateigröße
565 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v52882
Institution / Hochschule
Technische Hochschule Köln, ehem. Fachhochschule Köln
Note
1,0
Schlagworte
Aspekte Ungleichheit Vorlesung

Autor

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    Corinna Contenius et al. (Autor)

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