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Einar Schleef und Heiner Müller. Biographien und Wirkungskreise

Mit Bezug auf "Droge Faust Parsifal" und Ausblick auf Schleefs Inszenierung von "Ein Sportstück"

Hausarbeit 2003 15 Seiten

Theaterwissenschaft, Tanz

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einführung

II. müller schleef

III. Droge Faust Parsifal und ein Ausblick auf Ein Sportstück

IV. Literatur

I. Einführendes Kapitel

Heiner Müller über Einar Schleef: „Unter den Toten steht ihm Kleist am nächsten, ein Dichter ohne Volk.“[1]

Der Dramatiker Heiner Müller und der Bühnenbildner, Regisseur, Schauspieler und Schriftsteller[2] Einar Schleef stellen Lichtgestalten der neueren deutschen - wohlgemerkt - gesamtdeutschen Theaterszene dar. Müller und Schleef, denen die Nachkriegs-DDR ihre Prägung mit auf den Weg gab, einte unter anderem, dass sie in beiden deutschen Staaten verehrt wie abgelehnt aufführten.

Diese Hausarbeit möchte in einem biographischen Teil den Versuch anstellen die Wirkungskreise, die auch ihre Überschneidungen fanden, aufzuzeigen. Thema hierbei sind ihre Auffassung der Geschichte, ihr an Berthold Brecht angelehntes Theatermodell sowie theaterästhetische Ausführungen. Das Hauptaugenmerk soll aber auf dem im Juli 2001 verstorbenen Einar Schleef liegen, der wie Müller postum zu einem hell leuchtenden Stern am deutschen Theaterhimmel erhoben wurde.

Im Anschluss an diesen Teil wirft die Arbeit einen Blick auf das literarisch-essayistische Werk Droge Faust Parsifal (1997). Einar Schleef äußert in diesem Werk von 500 Seiten seine theaterästhetischen Überlegungen und liefert eine theoretische Grundlage seiner Theaterarbeit und Obsession. Die praktische, inszenatorische Arbeit Schleefs wird in diesem Teil der Arbeit an der 1998 am Wiener Burgtheater uraufgeführten Inszenierung von Elfriede Jelineks Ein Sportstück[3] hinsichtlich seines Chor-Gedankens illustriert. Die Sportstück-Inszenierung stellt einen Höhepunkt in der Theaterarbeit Schleefs dar, da sie unter der Prämisse der öffentlichen Wahrnehmung betrachtet, sein größter Erfolg war. Sie wurde von der Zeitschrift Theater heute zur Aufführung des Jahres 1998 gewählt.

II. müller schleef

Als gemeinsamer Impetus diente Müller wie Schleef die Geschichte der geteilten deutschen Nation und Ideologie. Die Wirkung der Themen sollte die Öffnung der Augen und Sinne für die deutsche politische Gegenwart und darüber hinaus sein. Zu Beginn seines Schaffens schrieb Müller seine sogenannten Produktionsstücke, die den Aufbau des Sozialismus in der DDR und die Schwierigkeiten, die damit verbunden waren, zum Thema hatten – Der Lohndrücker (1956), Die Korrektur (1957/58), Die Umsiedlerin oder das Leben auf dem Lande (1956-61), Der Bau (1963/64).[4] Daneben entwickelte Müller mehrere Antike-Stücke und Stücke, die sich konkret mit der deutschen Geschichte befassen: Die Schlacht (1951/74), Germania Tod in Berlin (1956/71) und das Leben Gundlings Friedrich von Preussen Lessings Schlaf Traum Schrei (1976).

Die Radikalität, mit der Müller die Widersprüche der deutschen Geschichte und der Entwicklung der DDR in Germania Tod in Berlin zeichnet, führte in der Bundesrepublik häufig zu antikommunistischen Lesarten des Stücks, meist unter Verkennung der Theaterkonzeption Müllers. Das Zielpublikum Müllerscher Stücke war das der DDR; dass viele der Schauspiele des Autors bis 1989 nur im Westen aufgeführt wurden und dass die Uraufführung von Germania Tod in Berlin durch Ernst Wendt neben der Philoktet-Inszenierung von Hans Lietzau 1968 die endgültige Anerkennung des Dramatikers Müller in der Bundesrepublik bedeutete, gehört für den Autor zu den Widersprüchlichkeiten deutscher Geschichte.[5]

Müller selbst sah sich nicht als politischen Schriftsteller, jedoch sei die Politik für ihn das Material zum Schreiben.[6] Exemplarisch für die Geschichtsauffassung Müllers ist der bereits 1958 formulierte Text Der glücklose Engel. Der Engel stellt offensichtlich einen Gegenentwurf zu der von Walter Benjamin verfassten Schrift Über den Begriff der Geschichte (1940) dar. Im Gegensatz zu Benjamins Engel schaut der Müllersche nicht in die Vergangenheit sondern in die Zukunft. Die Hoffnung ist gegeben, dass der Engel sich eines Tages aus dem Geschichtsschutt befreien und erneut zum Flug ansetzen kann. „Der Weiterflug würde dann den ersehnten geschichtlichen Fortschritt bedeuten.“[7]

Auch Schleef wurde stetig vom Steinbruch der deutschen Geschichte erfasst. Geschichte Gottfriedens (1989), Neunzehnhundertachtzehn (1990), Wessis in Weimar (1993) oder Verratenes Volk (2000) zählen zu diesen Stücken. In dem Nachruf auf Einar Schleef „Theater muss weh tun“[8] schreibt Günther Rühle:

Er war immer nahe an der Gegenwart und den Spuren, die ihre Vergangenheit zeigten. (...) Er nahm die überlieferten Stoffe wahr als akribischer Beobachter seiner Gegenwart. Aber er war weder ein politischer Dramatiker noch ein politischer Regisseur. Dass er die Gegenwart auch mit den Augen der Vergangenheit sehen konnte, gab ihm den Abstand, den Blick für die Entwicklungen und den Mut, eingefleischte Mythen zu zerstören.[9]

Das Aufdecken dieser Gesellschafts-Mythen um sie zu zerstören, war ein Hauptantrieb Einar Schleefs sowie Heiner Müllers. Bei Schleef kommt noch hinzu, dass das latente Gefühl des Heimatverlusts ein durch seine Bücher Gertrud (1980/84), Die Bande (1982) oder Heimkehr (1993) hindurch schimmerndes Thema darstellt.[10] Seine zwei großen Bände Gertrud erzählen am Beispiel seiner Mutter die Geschichte einer deutschen Familientragödie, zwischen deutschen Mythen und der sowjetischen Kommandantur. Schauplatz ist Schleefs Geburtsstadt Sangerhausen, wo seine Mutter vier deutsche Staaten/Stadien[11] miterlebte. Mutter ist ein Stichwort, das uns, um vorab schon mal den Titel dieser Arbeit zu bemühen, zu Dionysos hinleitet. Zu der Figur des Dionysos gehört in der Folge das Motiv der Suche nach der Mutter, respektive auch die Suche nach dem Weiblichen. Gertrud spiegelt das ambivalente Verhältnis zu seiner Mutter wider und wiederum nicht - so Schleef selbst:

Dass sich für GERTRUD der Monolog, die Ich-Form herauskristallisierte, ist keine Erinnerung an meine Mutter, die bekloppt vor sich hinbrütet, sondern der Monolog ist die Reaktion auf die Vielzahl von vor sich hin sprechenden Menschen, denen ich im Westen begegnete, denen ich nachlief, um sie zu verstehen, meinte ich doch zunächst, ich sei angesprochen und solle antworten.

Ich mag nicht mehr an meinem Buch schreiben. Meine Mutter hängt mir zum Hals raus. Seit wieviel Wochen keinen Brief. Jeden Tag warte ich. Wie viele Abmachungen zwischen uns, keine gilt.

Wenn Mutter etwas passiert, muss das Buch fertig sein, passieren heißt tot sein. Wenn sie tot ist, muss das Buch da sein, sie muss es mit runter nehmen. Oder wenn ich sterbe, ich will ja nicht mehr, nur dieses Buch Ich. Gleichzeitig glaubte ich, wenn ich es nicht schaffen würde, wenigstens den 1. Band zu bringen, müsste ich mir das Leben nehmen.[12]

In einem Text zu der Ausstellung Gertrud – Familienleben in der Provinz im Rathaus Berlin-Schöneberg schreibt Schleef jedoch:

[...]


[1] Vorwort zum Katalog der Ausstellung Republikflucht Waffenstillstand Heimkehr, Berlin 1992.

[2] Schleef machte auch zahlreiche Rundfunkbeiträge, malte usf.

[3] Ein Sportstück von Elfriede Jelinek. Uraufführung am 23. Januar 1998 am Burgtheater Wien. Inszenierung und Schlußmonolog Einar Schleef. Verleihung der Josef-Kainz-Medaille der Stadt Wien. 3sat-Innovationspreis. Aufführung des Jahres. Einladung zu den Mülheimer Theatertagen und zum Theatertreffen Berlin, die Fernsehübertragung am 21. Mai ist die längste live-Theaterübertragung der Fernsehgeschichte.

[4] Vgl. Schmitt, Rainer E.: Geschichte und Mythisierung: Zu Heiner Müllers Deutschland-Dramatik, Berlin, 1999, S. 25.

[5] Kindlers Literaturlexikon, Heiner Müller, Germania Tod in Berlin, München, 1996.

[6] Vgl.: Müller, Heiner: Zehn Deutsche sind dümmer als fünf. In: Heiner Müller. Gesammelte Irrtümer, Frankfurt, 1986, S. 150.

[7] Vgl. Schmitt, Rainer E.: Geschichte und Mythisierung: Zu Heiner Müllers Deutschland-Dramatik, Berlin, 1999, S. 48ff.

[8] Rühle, Günther: In: Theater heute, Oktober 2001, Titel.

[9] ebd., S. 18.

[10] Vgl. Behrens, Wolfgang: Im Exil der Kunst – Zum Tod von Einar Schleef, www.einarschleef.net.

[11] Kaiserreich, Weimarer Republik, Nationalsozialismus und DDR

[12] http://www.suhrkamp.de/autoren/schleef/schleef_bio.htm

Details

Seiten
15
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638485135
ISBN (Buch)
9783638782517
Dateigröße
581 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v52937
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
Einar Schleef Heiner Müller Schlaf Traum Schrei

Autor

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