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Homosexualität und Islam

Hausarbeit 2005 11 Seiten

Kulturwissenschaften - LGBT / Queer-Studien

Leseprobe

Gliederung

1. Homosexualität im Koran und anderen Grundlagen des Islam

2. Homosexualität und Homoerotik in historischen islamischen Gesellschaften
2.1 Mamluken und Janitscharen

3. Homosexualität als Bestandteil des europäischen Orientbildes

4. Homosexualität in heutigen islamischen Gesellschaften

1. Homosexualität im Koran und anderen Grundlagen des Islam

Es ist sehr schwierig in der arabischen Sprache einen entsprechenden Begriff für Homosexualität zu finden.

Das Wort welches in diesem Zusammenhang am häufigsten verwendet wird ist liwat. Es ist zumindest die Ansicht vieler Forscher, dass dieses bisher oft fälschlicherweise mit Homosexualität übersetzt wurde. Tatsächlich ist es allerdings die Bezeichnung einer Tätigkeit und nicht eines Zustandes, weshalb es eher die Handlung des analen Verkehrs bezeichnet.[1]

Das Wort selbst taucht im Koran nicht auf.

Überhaupt bietet das Heilige Buch nur sehr wenig Ansatzpunkte, wenn es um die Frage geht, welche Beurteilung dem sexuellen Kontakt zwischen gleichgeschlechtlichen Partnern zukommt.

Wenn es zur Sprache kommt, so meist in Andeutungen, die in verschiedener Weise interpretiert werden können.[2]

So findet sich in der Sure 4 Vers 16 folgende Aussage:

Und diejenigen, die es von euch begehen, strafet beide. Und so sie bereuen und sich bessern, so lasset ab von ihnen. Siehe, Allah ist vergebend und barmherzig.[3]

Es ist äußerst umstritten ob sich diese Stelle auf Männer bezieht, dennoch gehen einige Forscher davon aus, da im Originaltext mit Pronomina und Masculina gearbeitet wird. Darüber spricht der Koran von Frauen in der „sie-Form“ während Männer mit „ihr“ oder „euch“ angesprochen werden. Ein drittes Indiz bietet die Tatsache, dass keine tatsächliche Strafe genannt wird, und diese damit sehr viel geringer ausfallen würde und könnte, wie es im Gegensatz zu Vergehen von Frauen der Fall ist.[4]

Hinweise auf homosexuelles Verhalten finden sich auch in der Geschichte von Lut (oder Lot) und seinem Volk, welches in Sünde lebte und nicht auf die Warnungen vor Gottes Zorn hörte, und schließlich vernichtet wurde.

Zu den Vergehen der Sodomiter zählte unter anderem auch der Beischlaf unter Männern:

Sure 7 Vers 80-81:

Und Lot (entsandten Wir), da er zu seinem Volke sprach: >> Wollt ihr Schandbarkeiten begehen, wie keins der Geschöpfe sie zuvor beging?

(81) Wahrlich, ihr kommt zu den Männern im Gelüst anstatt zu den Weibern! Ja, ihr seid ein ausschweifend Volk!<<[5]

Sowie auch Sure 26 Vers 165-166:

Geht ihr zu den Männern aller Welt

(166) Und lasset dahinten, was euch euer Herr an Weibern erschaffen? Ja, ihr seid einübertretend Volk.[6]

Wie diese Zitate zeigen, wird der Tatbestand zwar negativ bewertet, es werden aber keine konkreten Strafen genannt, denn die Bestrafung bleibt in diesem Fall Gott vorbehalten.

Die Textstellen ähneln eher moralischen Verboten und frommen Ermahnungen.

Lesbische Liebe wird im Koran nicht erwähnt.[7]

Nun gibt es aber auch andere Texte, auf die sich die Interpretationen des Islam beziehen, vor allem wenn es um rechtliche Fragen geht.

Dazu zählen vor allem auch die Hadithe (Überlieferungsberichte vom Leben des Propheten).

Hier sieht die Lage etwas anders aus, da in Fällen von „Sodomie“ beide Partner getötet werden müssen. Die Art der Hinrichtung ist dabei im allgemeinen Steinigung.[8]

Hinzu kommt noch die, im Islam verbreitete Ansicht, dass außerehelicher Sex außerhalb von Konkubinat oder ähnlichem, verboten ist. Dieses Verbot ist in allen abrahamitsichen Religionen zu finden.

Des Weiteren sind auch Oralsex sowie Selbstbefriedigung verpönt.[9]

Damit scheint die religiöse Grundlage klar zu sein, dennoch gab es immer einen Diskurs bezüglich dieses Themas, bei dem sehr unterschiedliche Ansichten zur Sprache kamen.

Zum Beginn des 11.Jahrhunderts (europäischer Zeitrechnung) stritten sich mehrere Gelehrte über die Frage, ob sexueller Kontakt zwischen Männern nun gegen Gott oder nur gegen die Natur sei und, daraus resultierend, ob es im Paradies vorkommen würde.

Im Koran lassen sich zumindest wieder Andeutungen in diese Richtung finden:

Sure 52 Vers 24: Und die Runde sollen unter ihnen Jünglinge machen, gleich verborgenen Perlen.[10]

Sure 56 Vers 15-17:

Auf durchwobenen Polstern, Sich lehnend auf ihnen einander gegenüber. Die Runde machen bei ihnen unsterbliche Knaben[11]

Ähnlich argumentierte daher auch Ibn al-Walid: es ist nicht verboten, dass jenes zur Gesamtheit der Genüsse des Paradieses gehört, weil das Unmoralische aufhört. Denn es ist auf Erden verboten, weil es die Fortpflanzung behindert und schädlich ist. Und im Paradies gilt beides nicht. Und deswegen wurde das Weintrinken erlaubt, weil es nicht betrunken macht [...]

Sein Gegner Abu Yusuf antwortete darauf: Die Neigung zum Männlichen ist eine Schwäche/ Krankheit [...] im Unterschied zum Wein verliert liwat seine rituelle Unreinheit nicht, das Paradies ist frei von Schwächen/ Krankheiten.[12]

Diese etwas widersprüchlichen Aussagen kommentierte auch Charles Pellat in der Encyclopédie de l´Islam: Die Strafe die das Volk Lots im Koran wie in der Bibel trifft, lässt keinen Zweifel an der Art, mit der der Islam die Sodomie ansehen muß, auch wenn sie nicht ausdrücklich durch das Heilige Buch verurteilt wird, das übrigens eine gewisse Zweideutigkeit zulässt, wenn es die Gläubigen mit Versprechungen ködert, dass sie im Paradies von Epheben bedient würden.[13]

Eine positivere Einstellung, wenn man soweit gehen kann, hatten aber vor allem auch die mystischen Ausprägungen des Islam.

Der Persische Schriftsteller Jalal al-Din al-Rumi benutzte in seinen Texten zum Beispiel eine Rhetorik, die die sexuelle Verbindung zwischen zwei Männern/ Knaben als Metapher für die Verbindung mit Gott benutzte.

Auch die Sufis sahen in der Schönheit den Ausdruck, bzw. die Manifestation Gottes auf Erden, weshalb die Liebe zur Schönheit, der Liebe zu Gott ähnelte.[14]

Diese Bedeutungsverbindung zwischen dem sexuellen Akt und der Religion wurde auch später immer wieder aufgegriffen, somit sieht zum Beispiel der Forscher Jim Wafers eine Referenz zwischen der Unterwerfung eines Mannes unter Gott, und der Unterwerfung eines Knaben unter einen dominanteren Mann.[15]

2. Homosexualität und Homoerotik in historischen islamischen Gesellschaften

Dies zeigt eine Tatsache bereits sehr deutlich. Nur weil der sexuelle Kontakt zwischen Männern nicht erwünscht, beziehungsweise verboten war, heißt das nicht, dass diese Fälle in islamischen Gesellschaften nicht existierten.

Zurück zuführen lässt sich dies auf ein, für muslimische Länder typisches Gesellschaftsbild.

Zwar war es für die wahren Gläubigen eigentlich die Vorgabe, rein zu bleiben, da Sex jeglicher Art sie von ihrer Fokussierung auf Gott ablenkte. Somit blieb die Bedrohung durch religiöse Verdammung sexuellen Verhaltens intakt, dennoch scheint es im Allgemeinen, eine eher indifferente Einstellung dazu zu geben.[16]

Wie Stephen O. Murray und Will Roscoe in ihrem Buch Islamic Homosexualities erwähnen, sind Identitäten niemals abstrakt sondern immer bedingt durch historische und soziale Einflüsse. So mögen Sexualitäten und die Art und Weise ihrer Bedeutung unterschiedlich sein, dies heißt aber noch lange nicht, dass sich gewisse sexuelle Phänomene nur auf einzelne Gesellschaften beschränken. Sie treten in allen auf.

Auch der Islam tolerierte viele dieser Muster und somit überdauerten sie die Zeit.[17]

Während der Koran eigentlich homosexuelle Praktiken verbot, so galt dies nicht unbedingt für Homoerotik im Allgemeinen. Die Entwicklung zärtlicher Gefühle für Mitglieder des eigenen Geschlechts, wurde eher als normal angesehen, was auf die weitgehende Geschlechtertrennung in islamischen Gesellschaften zurück zuführen ist. Männer blieben im öffentlichen Leben meist unter sich und selbst der Kontakt mit Frauen auf Ehebasis war mehr für die biologische und materielle Erhaltung der Familie wichtig.[18]

Die islamischen Gesellschaften sind darüber hinaus zutiefst patriarchalisch, und auch phallokratisch, geprägt.

Die Penetration wurde daher als ein typisch männliches Merkmal angesehen, und vor allem Knaben waren in der Rangfolge analog zu niedriger gestellten Frauen, weshalb Päderastie eine häufige Form des sexuellen Kontakts gewesen zu sein schien.

Da der aktive Partner immer als dominant und überlegen angesehen wurde, blieb seine Ehre auch intakt.[19]

Die Jungen konnten in einer patriarchalischen Gesellschaft sexuellen Kontakt zu älteren Männern haben, ohne das dies moralische Konsequenzen nach sich gezogen hätte, da es als natürlich angesehen wurde, dass sie sich den Dominanteren unterordneten.[20]

Darüber hinaus spielte auch noch eine praktische Überlegung eine Rolle. Knaben waren die Sexualpartner bei denen am wenigsten Konsequenzen drohten, da die Möglichkeiten zum vorehelichen Sex mit Frauen ja nicht bestanden.[21]

Forschungen zeigen daher, dass Päderastie die dominanteste und am weitesten verbreitete Form der Homosexualität in islamischen Gesellschaften war.

Die Bedeutung kam dem Verhältnis eines Knaben zu einem älteren Mann, wie es im antiken Griechenland üblich war, jedoch nicht nah.

Es bestand nicht das Ziel die Jungen auszubilden und ihnen Weisheit mitzugeben, genauso wenig wurden sie in einem Maße idealisiert, wie dies in Griechenland der Fall war. Es stand rein das sexuelle Vergnügen für den Mann im Vordergrund. Eine Modalität die eher der in Rom praktizierten ähnelte.[22]

Die Beziehungen endeten, wenn die Jungen ins Erwachsenenalter übergingen. Dies war ein eher fließender Prozess, weshalb die älteren Männer ihren Knaben ab einem gewissen Zeitpunkt auch sexuellen Kontakt zu Frauen erlaubten.[23]

Beziehungen zwischen erwachsenen Männern waren nicht erwünscht und wurden sanktioniert, vor allem in der Form, dass der passive Partner als entehrt angesehen wurde.[24]

2.1 Mamluken und Janitscharen

Zwei Beispiele für die Verbreitung von homosexuellem Verhalten im islamischen Raum sind die Mamluken in Ägypten, und die Janitscharen an der Hohen Pforte in Konstantinopel.

Beide Fälle sind gesondert zu betrachten, da besondere Umstände vorlagen. Beide Gruppen zeigen homosexuelles Verhalten zwischen Altersschichten, auf Grund von Isolation vom familiären Hintergrund und der restlichen Bevölkerung.

Als wichtiger Faktor ist hierbei allerdings zu beachten, dass dieses Verhalten weniger Verurteilung mit sich zog, da weder die Mamluken, noch die Janitscharen dem Islam angehörten.[25]

Die Mamluken wurden in jeder Generation neu als Sklaven aus Eurasien nach Ägypten gebracht. Ihre Tradition verschwand mit ihrer Niederlage gegen Napoleon im Jahre 1799 und ihrer endgültigen Auslöschung durch Mohammad Ali im Jahre 1805.

In einer Gesellschaft ist das soziale System geprägt durch die Weitergabe von Besitz und Einfluss, z.B. in Form von Titeln, an die Nachfahren. Dies hat einen großen Einfluss auf die Loyalität, die zu aller erst einmal der eigenen Familie gilt. Dies sollte bei der Armee möglichst verhindert werden. Ihre Loyalität sollte nur ihrem Herrscher gelten.

[...]


[1] Schmitt, Arno: Liwat in Fiqh: Männliche Homosexualität. In: Journal of Arabic and Islamic Studies 4, 2001-2002, S.: 49ff.

[2] ebd.: 60.

[3] Paret, Rudi (Hg.): Der Koran. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1975, S.: 93.

[4] Schmitt, Arno: Liwat in Fiqh: Männliche Homosexualität. In: Journal of Arabic and Islamic Studies 4, 2001-2002, S.: 61.

[5] Paret, Rudi (Hg.): Der Koran. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1975, S.: 161.

[6] ebd.: 358.

[7] Schmitt, Arno: Liwat in Fiqh: Männliche Homosexualität. In: Journal of Arabic and Islamic Studies 4, 2001-2002, S.: 63.

[8] Schmitt, Arno: Liwat in Fiqh: Männliche Homosexualität. In: Journal of Arabic and Islamic Studies 4, 2001-2002, S.: 65.

[9] ebd.: 50.

[10] Paret, Rudi (Hg.): Der Koran. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1975, S.: 508.

[11] ebd.: 521.

[12] Schmitt, Arno: Liwat in Fiqh: Männliche Homosexualität. In: Journal of Arabic and Islamic Studies 4, 2001-2002, S.: 78.

[13] ebd.: 64.

[14] Murray, Stephen O.: Homosexualities. London: The University of Chicago Press, 2000, S.: 132.

[15] Schmidtke, Sabine: Homoeroticism and Homosexuality in Islam: A Review Article. In: Bulletin of the School of Oriental and African Studies, University of London, Vol.62, No.2 (1999), S.: 263.

[16] Murray, Stephen O.: Homosexualities. London: The University of Chicago Press, 2000, S.: 129.

[17] Schmidtke, Sabine: Homoeroticism and Homosexuality in Islam: A Review Article. In: Bulletin of the School of Oriental and African Studies, University of London, Vol.62, No.2 (1999), S.: 262.

[18] Schmitt, Arno: Liwat in Fiqh: Männliche Homosexualität. In: Journal of Arabic and Islamic Studies 4, 2001-2002, S.: 50.

[19] Schmidtke, Sabine: Homoeroticism and Homosexuality in Islam: A Review Article. In: Bulletin of the School of Oriental and African Studies, University of London, Vol.62, No.2 (1999), S.: 261.

[20] Murray, Stephen O.: Homosexualities. London: The University of Chicago Press, 2000, S.: 55.

[21] ebd.: 130.

[22] ebd.: 133ff.

[23] ebd.:137

[24] Schmidtke, Sabine: Homoeroticism and Homosexuality in Islam: A Review Article. In: Bulletin of the School of Oriental and African Studies, University of London, Vol.62, No.2 (1999), S.: 261.

[25] Murray, Stephen O.: Homosexualities. London: The University of Chicago Press, 2000, S.: 59.

Details

Seiten
11
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638487856
ISBN (Buch)
9783638751759
Dateigröße
424 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v53288
Institution / Hochschule
Universität Erfurt
Note
1,3
Schlagworte
Homosexualität Islam Middle East Hollywood

Autor

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Titel: Homosexualität und Islam