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Jugend und Politik in der (Beziehungs-)krise

Hausarbeit 2005 20 Seiten

Didaktik - Politik, politische Bildung

Leseprobe

Inghaltsverzeichnis

1. Jugend und Politik – einige Zahlen

2. Hintergründe und Anregungen zur politischen Bildung von Jugendlichen
2.1 Begriffliche Klärungen
2.1.1 Klärung des Begriffes “Jugend”
2.1.2 Klärung des Begriffes “politische Bildung”
2.2 Kognitive Vorraussetzungen für politisches Interesse und politische Partizipation
2.3 Ursachen der Distanz zwischen Jugend und Politik
2.3.1 Wertewandel in der Gesellschaft
2.3.2 Fehlendes Vertrauen in die Repräsentanten der Politik und die eigene Wirksamkeit
2.4 Möglichkeiten der Steigerung der politischen Partizipation Jugendlicher
2.4.1 Familie, Schule, Offene Jugendarbeit
2.4.2 Medien
2.4.3 Parteiarbeit, Jugendparlamente/-(bei)räte/-gemeinderäte und Jugendforen
2.4.4 Minderjährigenwahlrecht und Senkung des Wahlalters

3. Fazit: Langfristige Gefährdung der Demokratie und Jugendliche als Seismographen einer “Gesellschaft in der Krise“

4. Literaturverzeichnis

1. Jugend und Politik – einige Zahlen

Ist die heutige Jugend noch an Politik interessiert und bereit an dieser zu partizipieren?

Laut der 14. Shell Jugendstudie von 2002 bezeichnen sich nur noch 34% der Jugendlichen zwischen 15 und 24 Jahren als politisch interessiert, während es bei der 11. Shell Jugendstudie 1991 noch 57% und bei der 13. Shell Jugendstudie 1999 immerhin noch 43% waren.[1] Entscheidend ist diesbezüglich insbesondere das Bildungsniveau, da ältere Gymnasiasten und Studenten in Abweichung von eben genanntem Durchschnittswert sehr viel häufiger politisches Interesse bekunden.[2]

Auch die Parteien klagen zunehmend über fehlenden Nachwuchs: So sind die Mitgliederzahlen der Jungen Union (Jugend- und Nachwuchsorganisation von CDU/CSU; Mitglieder zwischen 14 und 35 Jahren) seit 1983, wo sie ihr letztes Hoch mit ca. 262.000 Mitgliedern verzeichnen konnte stark rückläufig und liegen im Mai 2004 bei nur noch ca. 127.000 Mitgliedern.[3] Zudem traten Ende der 90er lediglich rund ein Drittel der Mitglieder in die Mutterpartei ein und stellten somit die Bezeichnung “Nachwuchsorganisation“ stark in Frage.[4] Prozentual betrachtet ist daher die Zahl der unter 30 Jährigen Christdemokraten von 1990 auf 2002 von 6,6% auf 5,5% gesunken.[5] Noch dramatischer sieht es da bei den Jusos (Jugendorganisation der SPD; alle SPD-Mitglieder unter 35 Jahren + ein geringer Anteil “nur Juso-Mitglieder“) aus: Deren Hoch von 1973 mit ca. 300.000 Mitgliedern hat sich Anfang 2005 in ein Tief von gerade mal ca. 69.000 Mitgliedern verwandelt.[6]. Im Vergleich der Jahre 1990 und 2002 ist bei den Jusos sogar ein Fall von 10% auf lediglich 4,4% bei den unter 30 Jährigen zu verzeichnen.[7]

Beobachtbar ist außerdem, dass zwar die Zahlen zur Bereitschaft an aktionsbetonter, unkonventioneller Partizipation hoch sind, jedoch die tatsächliche unkonventionelle Partizipation z.B. in einer Bürgerinitiative oder in einer Basisgruppe der neuen sozialen Bewegungen sehr gering ausfällt. (Stand Ende 90er)[8]

Überdies sinkt die Wahlbeteiligung der Jungwähler, bei der man allerdings nach Bundes- und Landtagswahl sowie nach verschiedenen Altersgruppen differenzieren muss. Bei der Bundestagswahl von 2002 ist nämlich sogar eine gestiegene Wahlbeteiligung von ca. 70% der “unter 21 Jährigen“ und ca.68% der “21-25 Jährigen“ zu verzeichnen (1990: ca. 65% zu ca. 62%), die den Abwärtstrend seit 1980 (damals Spitzenwerte von ca. 80% zu ca. 79%) entgegensteuert. Die niedrigste Wahlbeteiligung im bundesdeutschen Durchschnitt (ca. 11% unter Durchschnitt) liegt eindeutig bei den “21-25 Jährigen“, also den jungen Menschen, die das zweite Mal an einer Wahl teilnehmen könn(t)en.[9] Die Wahlbeteiligung bei der Landtagswahl in Bayern 2003 hat dagegen gemäß der Wahlstatistik (1966 bis 2003) bei den “18-25 Jährigen“ ein historisches Tief von ca. 38% Prozent erreicht. Mit diesem Wert liegen die Jungwähler nahezu 14% unter der durchschnittlichen Wahlbeteiligung, wobei eine ähnlich starke negative Abweichung vom Durchschnitt auch schon 1966 zu beobachten war. (damals ca. 67% zu ca. 83%)[10]

Zudem erregen die Jungwähler durch Protestwahlen, z.B. bei der Landtagswahl in Sachsen und Brandenburg 2004 die Öffentlichkeit und zeigen somit ebenfalls ihr Desinteresse an der aktuellen Politik- und Parteienlandschaft. So hatten NPD und DVU ihre Wahlerfolge vor allem jüngeren, formal niedrig gebildeten Männern zu verdanken.[11]

2. Hintergründe und Anregungen zur politischen Bildung von Jugendlichen

Angesichts ebengenannter Zahlen ist es wichtig, die Hintergründe der tendenziellen “jugendlichen Politikverdrossenheit“ näher zu beleuchten und Möglichkeiten aufzuzeigen, politisches Interesse und politische Partizipation bei Jugendlichen zu wecken.

2.1 Begriffliche Klärungen

Zur Abgrenzung des Gegenstandbereichs müssen zunächst die Begriffe “Jugend“ und “politische Bildung“ näher erläutert werden

2.1.1 Klärung des Begriffes “Jugend”

Laut dem Wörterbuch der Sozialarbeit und Sozialpädagogik ist „eine allgemeingültige Definition der sozialen Gruppierung Jugend, die ein sehr differenziertes Bündel vieler sozialer Variablen berücksichtigen müßte (Alter, Geschlecht, [...]), bisher noch nicht gelungen“.[12]

Diese unklare Begriffsabgrenzung zeigt sich auch im politischen Kontext, dessen Jugendbegriff je nach Quelle von ganz unterschiedlichen Altersgrenzen gekennzeichnet ist. Die oberste Altersgrenze wird dabei hinsichtlich der Parteizugehörigkeit (Junge Union/Jusos) gezogen und geht bis zum 35. Lebensjahr. Die unterste Altersgrenze, die sich in literarischen Quellen zur politischen Bildung Jugendlicher findet, ist 12 Jahre.[13]

2.1.2 Klärung des Begriffes “politische Bildung”

Um sich mit dem Begriff der “politischen Bildung“ zu beschäftigen, muss an erster Stelle der Begriff der “Politik“ erläutert werden. Das Wort “Politik“ entstammt dem griechischen Wort “Polis“, welches mit “Stadt, Burg, Stadtgemeinde“ übersetzt wird.[14] Die heutige Bedeutungsauffassung der Politik ist sehr differenziert und kann in ihren Grundzügen folgendermaßen charakterisiert werden:

- als „zweckhafte Aktion bzw. Handlung“
- als „das Gesellschaftliche und Öffentliche“
- als „Interessenkonflikt um Werte“
- als „Entscheidung und Konfliktregelung oder die Gerichtetheit darauf“
- als „bindende Wirkung für einen gesellschaftlichen Bereich“[15]

Für meine Arbeit möchte ich den sehr weiten Begriff “Politik“ gemäß dieser Definition und dem populär gängigen Politikbegriff (Politik als staatliches Handeln und als Teilhabe der Bürger an diesem staatlichen Handeln) relativ eng fassen.[16]

Die politische Bildung umfasst dann kurzgesagt:

- Aufnahme und Weiterverarbeitung politischer Informationen
- „Aneignung von politischen Erfahrungen bzw. Kenntnissen“
- Fähigkeit zur Stellungsnahme insbesondere zum kritischen Urteil
- „Engagierte(s) und verantwortungsbewusste(s) politische(s) Handeln“[17]

Die beiden ersten Punkte wären somit grob unter dem Schlagwort “politisches Interesse“, die beiden letzteren unter dem Schlagwort “politische Partizipation“ zu subsumieren.

2.2 Kognitive Vorraussetzungen für politisches Interesse und politische Partizipation

Wenn es um Jugend und Politik geht, stellt sich natürlich die Frage, inwiefern im Jugendalter überhaupt die kognitiven Fähigkeiten vorhanden sind, um politische Prozesse zu durchschauen und an ihnen zu partizipieren.

Nach Piaget u.a. hat der etwa 15 jährige Jugendliche bereits die Hochphase des formal-logischen Denkens erreicht, wobei nach neueren Forschungen hier auch der Bildungsstand des Jugendlichen eine entscheidende Rolle spielt. (formal-logisches Denken findet man insbesondere bei Menschen mit höherer Schulbildung)[18] Unter formaler Logik versteht man primär die Fähigkeit, aus bestimmten Aussagen korrekte Schlussfolgerungen zu treffen.[19]

Komplexes Denken wiederum meint Denken unter Einbeziehung einer nicht überschaubaren Anzahl von Bedingungen und ist je nach Mensch sehr unterschiedlich entwickelt. Während beim komplexen Denken nur eine geringe Korrelation zur Intelligenz festgestellt werden kann, wird jedoch angenommen, dass Jugendliche in einem geringeren Ausmaß als Erwachsene zu komplexem Denken fähig sind.

Am schlechtesten schneiden die Jugendlichen beim dialektischen Denken ab. Diese Fähigkeit, Unlogisches und Widersprüchliches zu einem stimmigen Bild zusammenzufügen, tritt nämlich gemäß den meisten Forschungsergebnissen erst mit zunehmenden Alter auf.

Hinsichtlich der Intelligenz muss zwischen der fluiden und der kristallinen Intelligenz differenziert werden. Fluide Intelligenz als kultur- und wissensunabhängige Leistung der (schnellen) Informationsverarbeitung ist bereits im Jugendalter vollständig entwickelt und sinkt sogar im mittleren bis höheren Alter. Kristalline Intelligenz, also das im Laufe des Lebens erworbene kulturelle Wissen, ist dagegen logischerweise bei Jugendlichen erst im Anfangsstadium.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass Jugendliche politische Prozesse, die verständlich und überschaubar sind, mindestens genauso gut wie Erwachsene erfassen können. Im Bereich des politischen Wissens, des Umgangs mit komplexen und/oder widersprüchlichen Thematiken sind sie nach aktuellem Forschungsstand den Erwachsenen wohl unterlegen. Dies bringt aber den Vorteil mit sich, dass Jugendliche unvoreingenommener, wagemutiger und kreativer an die Politik herangehen und so vermehrt zu politischen Innovationen beitragen können.[20]

Hiermit erklären sich wohl zumindest teilweise die oft tendenziell niedrigeren politischen Interesse- und Partizipationswerte, die bereits seit Generationen bei Jugendlichen im Verhältnis zu Erwachsenen vorzufinden sind. (à 1. – Bsp.: Wahlen) Deutlich wird aber auch ein großes Potential, das für unsere Gesellschaft von großem Wert sein kann.

[...]


[1] vgl.: http://www.bpb.de/popup_grafstat.html?url_guid=MA8CB3 2002

[2] vgl.: ALBERT: Zusammenfassung und Hauptergebnisse. 14. Shell Jugendstudie (2002). S. 6

[3] vgl.: http://de.wikipedia.org/wiki/Junge_Union vom 25.04.05

[4] vgl.: http://www.bpb.de/publikationen/M1QSK7,0,0,Keine_Lust_mehr_auf_Parteien_Zur_Abwendung_Jugendlicher_von_den_Parteien.html aus Politik und Zeitgeschichte 10/2001

[5] vgl.: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,205328,00.html vom 16.07.02

[6] vgl.: http://de.wikipedia.org/wiki/Jusos vom 25.04.05

[7] vgl.: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,205328,00.html vom 16.07.02

[8] vgl.: http://www.bpb.de/publikationen/M1QSK7,0,0,Keine_Lust_mehr_auf_Parteien_Zur_Abwendung_Jugendlicher_von_den_Parteien.html aus Politik und Zeitgeschichte 2001

[9] vgl.: WERNER: Wählerverhalten bei der Bundestagswahl 2002 nach Geschlecht und Alter. Statistisches Bundesamt – Wirtschaft und Statistik 3 (2003). S. 176/177

[10] vgl.: http://www.statistik.bayern.de/lw/le2003_reprae_tab12.htm 2003

[11] vgl.: O.A.: Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg: NPD und DVU. Forschungsgruppe Wahlen e.V. 9 (2004). S. 4

[12] SCHILLING: Jugend, Wörterbuch der Sozialarbeit und Sozialpädagogik, S. 208

[13] vgl.: ALBERT: Zusammenfassung und Hauptergebnisse. 14. Shell Jugendstudie (2002). S. 6

[14] vgl.: BELLERMANN: Politik- eine Einführung für soziale Berufe, S. 12

[15] vgl.: KOHLS: Politische Bildung - Jugendarbeit: Motivationsproblem und Interesse-Weckung, S. 18

[16] vgl.: BELLERMANN: Politik- eine Einführung für soziale Berufe, S. 11

[17] vgl.: KOHLS: Politische Bildung - Jugendarbeit: Motivationsproblem und Interesse-Weckung, S. 18/19

[18] vgl.: OERTER: Psychologische Aspekte: Können Jugendliche politisch mitentscheiden, Jugend und Politik , S. 34/35

[19] vgl.: http://de.wikipedia.org/wiki/Formale_Logik vom 24.04.05

[20] vgl.: OERTER: Psychologische Aspekte: Können Jugendliche politisch mitentscheiden, Jugend und Politik , S. 35-38

Details

Seiten
20
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638488198
Dateigröße
571 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v53347
Institution / Hochschule
Georg-Simon-Ohm-Hochschule Nürnberg
Note
1,0
Schlagworte
Jugend Politik

Autor

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