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Bertolt Brechts Lesebuch für Städtebewohner

Gedichte im Spiegel der Gesellschaft – Was bewirkt Lyrik im 20. Jahrhundert?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 22 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Vorbetrachtungen und theoretische Annäherung an den Begriff Neue Sachlichkeit
1.1 Historischer Kontext – die Goldenen Zwanziger
1.2 Begriff Neue Sachlichkeit

2. Allgemeine Analyse
2.1 Allgemeine Analyse der Gedichtanthologie
2.2 Trenne dich von deinen Kameraden
2.3 Ich bin ein Dreck
2.4 Zusammenfassung der Analyse

4. Schlussbetrachtung

Anhang

Textquellen

Literatur

Einleitung

Die Tradition der Großstadtlyrik nahm in der deutschen Literatur einen großen Raum ein. Insbesondere um die Jahrhundertwende und nach dem Ersten Weltkrieg spielte diese Form der Poesie eine wichtige Rolle. Urbanisierung, Massenelend, gesellschaftliche Randgruppen und ausschweifende Lebensgestaltung waren sowohl kennzeichnend für diesen Stil der Lyrik als auch für eine ganze Epoche selbst. In dieser Zeit wirkte Bertolt Brecht und auch er versuchte, seine ersten Großstadterfahrungen zu verarbeiten bzw. den Lebensstil zu beschreiben.

Ein zentrales Werk bildet die Gedichtsammlung „Aus dem Lesebuch für Städtebewohner“, welches im Zeitraum von 1921 bis 1928 entstand. Diese Anthologie vermittelt einen Eindruck, wie es in der Weimarer Republik in den Goldenen Zwanzigern zuging.

In der Seminararbeit Bertolt Brechts Lesebuch für Städtebewohner. Gedichte im Spiegel der Gesellschaft - Was bewirkt Lyrik im 20. Jahrhundert? soll das Lesebuch für Städtebewohner analysiert und daraufhin untersucht werden, welche Wirkungsabsichten von diesem Werk ausgehen. Parallel dazu wird herausgearbeitet, inwieweit die Neue Sachlichkeit – eine Tendenz in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts - zum Tragen kommt. Weiterhin untersucht die Darstellung, ob und welche Gruppen der Gesellschaft angesprochen und welche Ansprüche bzw. Anforderungen an das Publikum gestellt werden. Die Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe[1] bildet die textliche Grundlage der Seminararbeit. Alle zitierten Passagen sind dieser Gesamtausgabe entnommen.

Zunächst sollen jedoch der zeitliche Hintergrund bzw. der Entstehungskontext der Gedichtsammlung sowie der Begriff Neue Sachlichkeit betrachtet werden. Nach einer allgemeinen und punktuellen Analyse aller zehn Gedichte sollen die Gedichte Trenne dich von deinen Kameraden (Gedicht I) und Ich bin ein Dreck (Gedicht V)[2] exemplarisch unter den oben genannten Fragestellungen interpretiert werden.

Die Gedichte spiegeln verschiedene Personen wider, die sich in der modernen Großstadt zurechtfinden müssen. Durch die Form der Neuen Sachlichkeit werden jedoch deren Gefühlszustände und Handlungen nur beschrieben – das Ziehen von Schlüssen bleibt an dieser Stelle vorwiegend dem Rezipienten überlassen. Diese Arbeitshypothese, dass es sich bei der Gedichtsammlung um Einzelcharaktere einer Großstadt handelt, soll im Laufe der Ausführungen aufgegriffen und verifiziert werden. Weiterhin wird der Versuch unternommen, Aussagen in den verschiedenen Gedichten zu vergleichen und Parallelen untereinander herzustellen. Dieses soll in tabellarischer Form realisiert werden, um zudem strukturelle, aber auch inhaltliche Verknüpfungen zu verdeutlichen.

In der Forschung ist der Komplex der Großstadtlyrik hinreichend erschlossen. Interpretationen zu Brechts Gedichten finden sich in einem beachtlichen Maße. Darstellungen oder Analysen, die das Lesebuch für Städtebewohner bzw. die einzelnen Gedichte näher betrachten, sind dagegen nicht übermäßig vorhanden. Dieser Bereich der Brecht` schen Lyrik ist im Gegensatz zu anderen weniger erforscht bzw. erschlossen. Weiterhin ist zu bemerken, dass Abhandlungen, welche das Lesebuch für Städtebewohner betrachten, verhältnismäßig aktuell sind. In meinen Ausführungen stütze ich mich daher auf einen Aufsatz von Hans Vilmar Geppert[3] sowie auf die Darstellung von Seung Jin Lee, welche die Handlungsanweisungen am Ende jedes Gedichtes durch eine neue Sprecherkonstellation auf eine neue Darstellungsebene hebt und von einem Medienexperiment spricht.[4] Am Ende der Betrachtungen werden die Analyse- und Arbeitsergebnisse noch einmal zusammengefasst und in Hinblick auf die eingangs aufgestellte Arbeitshypothese diskutiert.

1. Vorbetrachtungen und theoretische Annäherung an den Begriff Neue Sachlichkeit

In den folgenden Abschnitten soll zunächst auf den Entstehungszeitraum eingegangen werden. Dabei finden jedoch nicht nur die geschichtlichen Umstände Berücksichtigung, sondern es wird auch die Neue Sachlichkeit Gegenstand der Betrachtung sein. Durch ihren spezifischen Charakter war es möglich, den Selbstgenuss und die Individualität aus den Gedichten herauszudrängen und diese objektiv und nüchtern beschreibend erscheinen zu lassen. Die besondere Leistung, welche sich aus diesem Konzept für den Leser ergibt, soll im Rahmen der Analyse herausgearbeitet werden.

1.1 Entstehungshintergrund

Die Gedichte des Lesebuches entstanden im Kontext einer Reihe von Gedichten, die sich intensiv mit der Großstadt auseinandersetzten. Zeitlich konzentriert sich diese Produktionsphase Brechts auf die Jahre zwischen 1921 bis 1926.[5] Erschienen sind die zehn Gedichte des Lesebuches im Jahr 1926/ 1927.

Brecht setzte mit seinem Lesebuch die Tradition der Großstadtlyrik[6] fort, die ihre Wurzeln bereits im Naturalismus und Expressionismus sah. Die Forschung geht davon aus, dass Brecht seine ersten Erfahrungen mit der Großstadt in jenen Gedichten verarbeitete, die sich im Lesebuch finden.[7]

Auch die Ereignisse in Deutschland zu Beginn der 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts dürften die Lyrik Brechts beeinflusst haben: Während einerseits eine neue Gesellschaft entstand, die die gewonnenen Freiheiten nutzte und es sich leisten konnte, die (vorwiegend) amerikanischen Einflüsse in Film, Funk und Theater sowie künstlerische Experimente zu bestaunen, gab es andererseits Menschen, die von all dem nichts mitbekamen, da sie am Rande der Gesellschaft lebten. Bei diesen Randgruppen handelte es sich nicht nur um ein paar wenige, sondern um viele tausend Menschen. Sie sahen sich täglich mit den wirtschaftlichen und sozialen Problemen konfrontiert und hatten entsprechend zu reagieren. Besonders prekär gestaltete sich dieses in den Großstädten. Landflucht in die Ballungsräume der Metropolen, die Suche nach Arbeit und Unterkunft sowie Kleinkriminalität kennzeichneten jenen Teil der Gesellschaft. Verstärkt bzw. angeheizt wurde diese Situation von rechts- und linksradikalen Agitatoren, die versuchten, am Rand der Gesellschaft nach Wählerstimmen zu fischen. Es bleibt festzuhalten, dass im Zeitraum von 1921 bis 1926 und darüber hinaus ein Gegensatz innerhalb der deutschen Nachkriegsgesellschaft bestand. Die gängige Annahme, dass in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts die neuen Freiheiten, Entwicklungen in den Bereichen Kunst, Musik und Kultur sowie Ideen aus den Vereinigten Staaten von der gesamten Bevölkerung aufgenommen und genutzt wurden, ist nicht richtig. Es war nur ein bescheidener Teil der Gesellschaft, der sich in Theatern und Lichtspielhäusern die neuartigen Shows, Revuen und Stars ansehen konnte.

In diesem Kontext entwickelte Bertolt Brecht einen Gegenentwurf, der nicht das Schöne, das Aufregende und Überschwängliche thematisierte. Mit seinem Lesebuch konzentrierte sich Brecht auf den anderen Teil jener gespaltenen Gesellschaft, die für das Unten, das Arme und Hoffnungslose stand.

1.2 Begriff Neue Sachlichkeit

Die Neue Sachlichkeit stellt im Gegensatz zur Großstadtthematik keine Fortführung des Expressionismus dar. Dieser wurde sukzessive seit den 1920er Jahren von der Neuen Sachlichkeit verdrängt. Vielmehr steht sie dieser von Gefühlen und Emotionen gekennzeichneten Phase in der deutschen Literatur als eine Art Gegenbewegung gegenüber.

Entgegen dem Expressionismus, der einen neuen Menschen kreieren wollte[8], soll eine objektive Wirklichkeit, die sachlich ist, vermittelt werden. Realitätsbezogenheit und unpersönliche Beschreibungen kennzeichnen die Neue Sachlichkeit. Darüber hinaus werden auch soziale, wirtschaftliche und politische Komponenten in die Werke einbezogen. Daraus ergeben sich Reportagen über soziales Elend.[9] Ein klarer Stil, ohne emotionale Sichtweisen ist charakteristisch für die Neue Sachlichkeit.[10] Schuhmann erweitert den Begriff der Neuen Sachlichkeit, das Von – außen – Sehen dahingehend, dass Brecht zudem ein soziologisches Experiment durchgeführt hat.[11] Auf diesen Experimentiercharakter soll indes in der folgenden Darstellung nicht eingegangen werden, vielmehr wird dadurch deutlich, dass sich über die Art der Neuen Sachlichkeit verschiedene Zugänge zu den Gedichten des Lesebuches aufzeigen.

2. Allgemeine Analyse

In den folgenden Kapiteln sollen zunächst alle zehn Strophen des Lesebuches betrachtet und einer kurzen Analyse unterzogen werden. Es soll insbesondere herausgearbeitet werden, welche handelnden Personen auszumachen sind und was ihre jeweiligen Intentionen bzw. Anweisungen sind. Zudem wird der Versuch unternommen, den zehn Einzelgedichten jeweils eine Arbeitsüberschrift zu geben, um einerseits auf den Inhalt und andererseits auf das Milieu der lyrischen Gesamtsituation hinzuweisen. Die eingangs aufgestellte Arbeitshypothese soll anschließend anhand der ausgewählten Gedichte Trenne dich von deinen Kameraden und Ich bin ein Dreck verifiziert werden

[...]


[1] Brecht, Bertolt – Werke. Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe, hrsg. von

Werner Hecht, Jan Knopf et al., Frankfurt 1993.

[2] Brecht, Bertolt: Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe, Bd. 11, S. 157 – 158 und S.

160 – 163.

[3] Geppert, Hans Vilmar: `Wenn ich mit dir rede kalt und allgemein`? Bert Brechts Lesebuch für

Städtebewohner im Kontext von Rundfunk, Film und Roman der 20er Jahre, in: Helmut Koppermann: Brechts Lyrik – neue Deutungen, Würzburg 1999, S. 49 – 73.

[4] Jin Lee, Seung: `Einmaliges Abspielen der Platte genügt nicht. `Ein medienästhetisches Experiment in

der Lyrik, in: Jan Knopf (Hrsg.) Interpretationen. Gedichte von Bertolt Brecht, Stuttgart 1995, S. 42 – 52.

[5] Brecht, Bertolt – Werke. Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe, S. 348.

[6] Geppert erweitert den Begriff der Großstadtlyrik vor allem dahingehend, dass das Lesebuch ein

wichtiger Schritt in Richtung des „epischen Theaters“ war, Vgl. dazu Geppert, Hans Vilmar: `Wenn ich mit dir rede kalt und allgemein`?, in: Helmut Koppermann: Brechts Lyrik – neue Deutungen, Würzburg 1999, S.63.

[7] Ebenda, S. 349. Brecht verarbeitete die Erfahrungen in einer deutschen Metropole – München stellte

gewissermaßen den Anfang von Orten dar, die als Beschreibungsobjekte dienlich waren.

[8] Knopf, Jan: Brecht Handbuch. Lyrik. Prosa. Schriften, Weimar 1984, S. 56.

[9] Jin Lee, Seung: `Einmaliges Abspielen der Platte genügt nicht. `Ein medienästhetisches

Experiment in der Lyrik, in: Jan Knopf (Hrsg.) Interpretationen. Gedichte von Bertolt Brecht, Stuttgart 1995, S. 47.

[10] Bantel, Otto und Schaefer, Dieter (Hrsg.): Grundbegriffe der Literatur, Berlin15 1993, S. 95.

[11] Schuhmann, Klaus: Der Lyriker Bertolt Brecht. 1913 – 1933, Reihe: Neue Beiträge zur

Literaturwissenschaft, hrsg. von Werner Krauss und Walther Dietze, Bd. 20, Berlin 1964, S. 166.

Details

Seiten
22
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638488303
ISBN (Buch)
9783656209096
Dateigröße
558 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v53359
Institution / Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald – Deutsche Philologie
Note
1,0
Schlagworte
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