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Der verlorene Sohn als Prototyp des Alm-Öhi? Die evangelistische Aussage von Johanna Spyris 'Heidis Lehr- und Wanderjahre'

Hausarbeit (Hauptseminar) 2005 20 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I. Das Gleichnis „Vom verlorenen Sohn“
1. Erzählsituation
2. Jesu Bewertung des einzelnen Menschen
3. Struktur und Inhalt der Parabel „Vom verlorenen Sohn“
4. Sünder und Gerechte

II. Die Figur des Alm-Öhi
1. Alm-Öhis Vorgeschichte
2. Der Alm-Öhi und seine Mitmenschen
3. Heidis Einfluss auf den Alm-Öhi
4. Die Heimkehr

Schluss

Literaturangaben

Primärtexte:

Sekundärliteratur:

Einleitung

Heidis Lehr- und Wanderjahre[1] – heute meist der Sparte der wenig anspruchsvollen Kinderliteratur zugerechnet - reiht sich durch die Wahl des Titels ausdrücklich in die Kategorie der Bildungsromane ein.[2] Er beinhaltet weit mehr als die rührselige Kindergeschichte des Schweizer Bergkindes, die dem heutigen Rezipienten hauptsächlich durch Zeichentrickfilme oder verkürzte Bearbeitungen bekannt ist. „Heidi“ ist auch nicht im herkömmlichen Sinne ein „Mädchenbuch“, denn es erzählt zwar die Geschichte eines Mädchens zwischen ihrem sechstem und zehntem Lebensjahr, aber dient nicht in erster Linie der Erziehung „höherer Töchter“ oder heranwachsender Mädchen, denn der Augenmerk wird hier auf andere Dinge gelenkt. Den wichtigsten Entwicklungsprozess macht nicht Heidi durch, obwohl auch sie gebildet wird - das natürliche, gutherzige und lebensfrohe Waisenkind, das beim Großvater in freier Natur weder geistige noch religiöse Bildung erhält, lernt erst während dem erzwungenen Aufenthalt in der Großstadt Frankfurt lesen, wird im christlichen Glauben unterwiesen, setzt ihre neuen Kenntnisse nach der Rückkehr in die Heimat erfolgreich zum Nutzen ihrer Mitmenschen ein und das Gottvertrauen, das Großmama Sesemann in ihr geweckt hat, hilft ihr bei weiterer Lebensbewältigung. Die tiefgreifendste Veränderung im Laufe der Erzählung erlebt aber der Alm-Öhi. Es ist eher ungewöhnlich, dass ein alter Mann, dessen Leben sich dem Ende zuneigt, noch eine Entwicklung durchmacht und doch ist er am Ende der Erzählung die Figur, die sich wirklich um hundertachtzig Grad gewendet hat. Seine äußeren Lebensumstände ändern sich kaum, beruflich schlägt er keinen neuen Weg mehr ein, was sich aber völlig gewandelt hat, ist sein Verhältnis zu Gott, den Menschen, dem Leben und damit seine ganze Lebensqualität. Diese Wandlung findet auf dem Hintergrund des biblischen Gleichnisses „Vom verlorenen Sohn“ statt, mit dem er sich identifiziert und woraufhin er sich wieder Gott zuwendet, dem er vor vielen Jahren den Rücken gekehrt hat. Inwiefern setzt die Autorin nun den Alm-Öhi mit dem biblischen „verlorenen Sohn“ in Verbindung und kann man deshalb neben allen anderen vielfach in der Forschung behandelten Intention in der Geschichte einen Aufruf zur Umkehr zu Gott sehen?

Der weltweite Ruhm von „Heidi“ bezieht sich heute fast nur auf das lebensfrohe Bergkind, das einen besonderen Reiz auf Leser jeden Alters und Volkes ausübt.[3] Was bei der heutigen Rezeption der Geschichte jedoch oft in den Hintergrund tritt oder völlig verschwindet, ist der geistlich-religiöse Aspekt. Der Alm-Öhi mit seiner ungewöhnlichen Lebensgeschichte und der drastischen Veränderung der Lebensausrichtung ist eine sehr interessante Figur, die von der relativ kontroversen literaturwissenschaftlichen Forschung weniger beachtet wurde. Bei Hürlimann und Frey z.B. wird die religiöse Komponente in Spyris Büchern nur beiläufig erwähnt.[4] Man hält ihr zugute, dass sie das Kinderbuch aus dem Stand der „lediglich pädagogische[n] und meistens unwahre[n] Bücher[5] erhebt, es dem kindlichen Gemüt anpasst und nicht wie bis dahin üblich, „wie eine Moraltante den Droh- oder Zeigefinger “ erhebt, sondern dass „die Lehre für das Leben [...] aus Handlung, Gestalten und Rede erspürt werden [soll], was sehr eindeutig und manchmal vielleicht auch gar zu einfach erfolgt.“[6] Heinrich Wolgast kritisiert die religiöse und moralische Tendenz Spyris ziemlich scharf als einseitig und wirklichkeitsfremd[7], Hurrelmann spricht bei der Geschichte des Alm-Öhi von „seichtem Fahrwasser sentimental-religiöser Belehrung.“[8] Andererseits bezeichnet ein Artikel von Eduard Rothemund die Kräfte des christlichen Glaubens als das „dritte und entscheidende Element ihres Lebens und ihrer Bücher[9]. Da ich nach der Lektüre einiger Spyri-Romane und der Beschäftigung mit ihrer Biographie mit Thürer übereinstimme, wenn er schreibt:

„Wollte man aber all die Stellen, in denen ein Kind zum Gebet und damit zum Gottvertrauen angehalten wird, aus Johanna Spyris Werk tilgen, so wäre es der Seele der erzählenden Erzieherin so zuwider, wie wenn man in Gotthelfs Büchern die ‚Predigten‘ überschlagen wollte.“ [10]

will ich in dieser Arbeit den religiösen Aspekt des Heidi-Romans näher beleuchten und die Zusammenhänge zwischen dem Gleichnis vom verlorenen Sohn und der Geschichte des Alm-Öhi untersuchen. Dazu gehe ich zuerst auf das biblische Gleichnis ein und wende mich dann einer vergleichenden Untersuchung der Figur des Alm-Öhi zu.

Naemi Fast, Eppstein, den 21. Oktober 2004

I. Das Gleichnis „Vom verlorenen Sohn“

1. Erzählsituation

Jesus erzählte das Gleichnis vom verlorenen Sohn in einer angespannten Situation. Als jüdischer Lehrer hatte er ständig eine Schar von Zuhörern um sich. Einige von ihnen gehörten zu seinen Jüngern, andere waren ihm gegenüber kritisch eingestellt, wie die Mehrheit der Schriftgelehrten. Im Unterschied zu anderen Lehrern gab sich Jesus nicht nur mit der gebildeten oder der „anständigen“ Volksschicht ab, sondern ließ sich dazu herab, mit den verachteten „Zöllnern und Sündern“[11] zu sprechen und sie sogar zu besuchen. Diese äußerst ungewöhnliche Handlungsweise verärgerte die viel von sich haltenden „gerechten“ Pharisäer und Schriftgelehrten sehr.[12] Jesus hatte sogar ehemalige Zöllner unter seinen Jüngern.[13] In seinen bildhaften Reden und Predigten stellt er oft die Schriftgelehrten und Pharisäer den Zöllnern gegenüber und zeigt, dass letztere viel eher in das Reich Gottes gehören, als die Selbstgerechten, die keine Hilfe von Gott benötigen.[14] Als wieder einmal „ allerlei Zöllner und Sünder“ Jesus zuhören wollen und die Schriftgelehrten ihren Unmut darüber äußern, antwortet Jesus mit einem Zyklus von Parabeln[15]: „Vom verlorenen Schaf“, „Vom verlorenen Silbergroschen“ und „Vom verlorenen Sohn.“

2. Jesu Bewertung des einzelnen Menschen

In den drei o.g. Beispielgeschichten erweist sich das verlorene „Objekt“ trotz seines vergleichsweise geringen materiellen Werts (ein Schaf von hundert, ein Groschen von zehn) oder seiner selbstverschuldeten Misere (rücksichtsloser und egoistischer Sohn, weggelaufenes Schaf) als sehr wertvoll für den Suchenden, der alles daransetzt um es wieder zu haben. Der Hirte lässt die neunundneunzig Schafe zurück um das eine zu finden, die Frau durchsucht mühevoll das ganze Haus nach dem verlorenen Groschen, der Vater wartet sehnsüchtig auf den missratenen Sohn, obwohl er noch einen „guten“ zu Hause hat, statt strafenden oder wenigstens mahnenden Worten veranstaltet er ein großes Freudenfest bei dessen Rückkehr. Neben einigen anderen Lehren, die seine Zuhörer aus diesem Gleichnissen ziehen konnten, sagt Jesus damit aus, wie wichtig für Gott gerade der Einzelne ist, unabhängig von seinem Ansehen bei den Menschen. Gerade über die in den Augen der meisten Juden wertlosen Menschen, freute sich Jesus am meisten, wie er zum Schluss des Gleichnisses über das verlorene Schaf sagt: „Ich sage euch: So wird auch Freude im Himmel sein über einen Sünder, der Buße tut, mehr als über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nicht bedürfen.“ [16] Auch der auf den Empfang seines Bruders neidische ältere Sohn im letzten Gleichnis kann in diesem Fall gut zu den Schriftgelehrten in Verbindung gesetzt werden.

3. Struktur und Inhalt der Parabel „Vom verlorenen Sohn“

Die Familie, um die es geht, besteht aus einem Vater und zwei Söhnen, keine weiblichen Figuren tauchen auf. Schauplatz ist zunächst der heimatliche Hof des Vaters, dann das ferne Land und am Schluss wieder die Heimat. Weder Figuren noch Länder oder Orte werden namentlich genannt, man kann das Gleichnis in jedes beliebige Land transponieren und auf beliebige Personen anwenden. Besondere Nähe zum jüdischen Zuhörer ist aber durch Einzelheiten gegeben, wie z.B. die Regelung der Erbteilung, den Gehorsam des älteren Sohnes gegenüber seinem Vater, das fremde Land als Ort der Sünde und der Not.

Der reiche Vater hat Vieh, Knechte, Mägde und Verpflegung in Fülle. Nach seinem Tod soll sein Besitz unter die beiden Söhne aufgeteilt werden. Über diese Regelung setzt sich der jüngere Sohn in selbstsüchtiger Weise hinweg, indem er sein Erbe schon zu Lebzeiten des Vaters verlangt, worauf der Vater seinen Besitz unter den Söhnen aufteilt. Der ältere Sohn bleibt auf dem Hof des Vaters, arbeitet dort mit ihm und den Knechten zusammen und hält sich der patriarchalischen Ordnung gemäß immer an die Weisungen seines Vaters. Damit erfüllt er aus der Sicht eines guten Israeliten vollständig das Gebot „Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren[17]. Der jüngere Sohn setzt sich über dieses Gebot in allen Hinsichten hinweg. Er nimmt sein Erbteil, das ihm eigentlich erst nach dem Tod des Vaters zustehen würde, bricht alle Brücken hinter sich ab und verschwindet in ein fernes Land. Das mitgebrachte Geld setzt er nicht etwa sinnvoll ein, sondern verprasst es. Die Konsequenzen seines verantwortungslosen Handelns lassen nicht lange auf sich warten. Zu dem Verlust seines Geldes kommt die Notsituation seiner Wahlheimat hinzu – eine Hungersnot in dem Land bringt ihn an den Bettelstab. Der Sohn eines reichen Mannes muss nun bei einem Bauern die Schweine hüten. Erst in der Notlage erinnert er sich an seinen Vater. Was ihn zurück in die Heimat treibt, scheint jedoch nicht in erster Linie Reue und Liebe zum Vater zu sein, sondern der leere Magen. Er ist bereit, sich bei seinem Vater als Tagelöhner zu verdingen, um wieder genug zu essen zu haben. Eine gewisse Schuldeinsicht ist dennoch vorhanden, da er davon ausgeht, die Kindesrechte bei seinem Vater verloren zu haben. Er kehrt zurück und wird von seinem Vater überschwenglich und herzlich empfangen, ungeachtet der Beleidigungen, die er ihm zugefügt hat. Seine Bitte um Vergebung lautet: „ Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir; ich bin hinfort nicht mehr wert, daß ich dein Sohn heiße.“ Der Vater geht nicht auf diese Worte ein, sondern organisiert umgehend eine Feier zur Rückkehr des Sohnes. Diese unverdient liebevolle Behandlung missgönnt der daheim gebliebene Sohn seinem jüngeren Bruder. Er fühlt sich zurückgesetzt, weil er seiner Meinung nach keine angemessene Belohnung für seine Pflichttreue erhalten hat. Damit erweist er sich trotz seines im Vergleich zu seinem Bruder tadellosen Lebensstil als ein gefühlskalter und egoistischer Mensch, dem nichts an seinem Bruder liegt, obwohl dieser dem Vater mehr wert ist als jedes materielle Vermögen

[...]


[1] Ersterscheinung 1880 im Verlag A. Perthes in Gotha, der zweite Band „Heidi kann brauchen, was es gelernt hat“ folgt 1881.

[2] Es gibt natürlich Argumente dagegen, beispielsweise bezeichnet ein Literaturdozent der Uni Duisburg-Essen Heidis Lehr- und Wanderjahre nicht als „Entwicklungs- oder Bildungsroman, sondern eher der Roman einer verweigerten Zivilisierung, eine Verteidigung der Kindheit nicht nur im sentimentalen Erwachsenenblick.“ (www.uni-essen.de/literaturwissenschaft-aktiv/Vorlesungen/epik/heidi.htm), auch Gisela Wilkending sieht darin „ein Gegenmodell zu den Abenteuerromanen wie zum Bildungsroman“, (dies., Kinder- und Jugendbuch. Bamberg 1987, S. 191.)

[3] Siehe Thürer, Georg: Johanna Spyri und ihr Heidi. Bern: Paul Haupt 1982. Reihe: Schweizer Heimatbücher, Bd. 186. S. 70. Nach Thürers Informationsstand wurde Heidi in rund fünfzig Sprachen übersetzt, unter anderem ins Japanische, Serbische, Persische und Isländische, hinzu kommen zahlreiche Verfilmungen als Spiel- oder Trickfilme.

[4] Hürlimann, Bettina: Europäische Kinderbücher in drei Jahrhunderten. 2. erw. Auflage Zürich / Freiburg (Breisgau): Atlantis 1963. S. 266. Frey, Adolf: Schweizer Dichter. Leipzig: Quelle & Meyer 1914. Reihe Wissenschaft und Bildung. Einzeldarstellungen aus allen Gebieten des Wissens, Bd. 126. S. 140

[5] Frey, S. 140.

[6] Thürer, S. 55.

[7] Wolgast, Heinrich: Moralische und religiöse Tendenzen in Heidi. In: Wilkending, Kinder- und Jugendliteratur, S. 195-197.

[8] Hurrelmann, Bettina: Mignons erlöste Schwester. Johanna Spyris ‚Heidi‘. In: dies. (Hg.): Klassiker der Kinder- und Jugendliteratur, Frankfurt/M.: Fischer 1995. S. 191-215. Hier S. 207.

[9] Rothemund, Eduard: Johanna Spyri und das Mädchenbuch. In: Jugendbücher der Weltliteratur. Johanna Spyri, Mark Twain, Robert Louis Stevenson. Reutlingen: Ensslin & Laiblin Jahresgabe 1952, S. 35.

[10] Thürer, S. 55.

[11] Die Zolleintreiber waren unter den Juden sehr verachtet, weil sie mit den verhassten römischen Besatzern kooperierten. „Zöllner“ wird im Judentum des Neuen Testaments synonym für „schlechter, verdorbener Mensch“ gebraucht und oft in einem Atemzug mit „Sünder“, „Heide“ oder „Hure“ genannt, gilt also als eines der schimpflichsten Bezeichnungen. Siehe u.a. Evangelium nach Matthäus 5, 46; 9,10; 18,17; 21,31. Interessant ist, dass der ehemalige Zöllner Matthäus diese abwertenden Begriffe häufiger als die anderen Evangelisten gebraucht.

[12] Siehe Evangelium nach Matthäus 9,9-12; 11,19; Evangelium nach Markus 2, 14-17; Evangelium nach Lukas 5, 27-31; 7, 34.

[13] Der Apostel Matthäus (Evangelium nach Matthäus 9,9 und 10,3) und Zachäus (Evangelium nach Lukas 19,1-10).

[14] Siehe Evangelium nach Matthäus 21, 31-32; Evangelium nach Lukas 7, 29-30 und 18, 9-14.

[15] Evangelium nach Lukas, Kapitel 15.

[16] Evangelium nach Lukas 15,7.

[17] 2. Mose 20, 12

Details

Seiten
20
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638488686
DOI
10.3239/9783638488686
Dateigröße
530 KB
Sprache
Deutsch
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Deutsches Institut
Erscheinungsdatum
2006 (April)
Note
1,7
Schlagworte
Sohn Prototyp Alm-Öhi Aussage Johanna Spyris Heidis Lehr- Wanderjahre Hauptseminar Klassiker Kinder- Jugendliteratur

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