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Modernisation ou Decadence - Modernisierung in Frankreich von den 30er bis in die 60er Jahre

Hausarbeit (Hauptseminar) 2005 35 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nachkriegszeit, Kalter Krieg

Leseprobe

I. Inhaltsverzeichnis

II. Einleitung

III. Frankreich und die Moderne in der Zwischenkriegszeit
A. Eine blockierte Gesellschaft?
B. Reformvorstellungen seit dem Ersten Weltkrieg

IV. Die Besatzungszeit
A. Die Politik der Vichy-Regierung
B. Die Ideen des ”freien Frankreich” und der Résistance

V. Nachkriegszeit
A. Die Entstehung der Wirtschaftsplanung
B. Nationalisierungen
C. Europäische Integration

VI. Die Planungsexperten und die Moderne
A. Produktivität statt ”Malthusianismus”
B. Rationale Ordnung statt Partikularismus
C. Technokratie

VII. Ergebnisse

VIII. Literatur
A. Quellen
B. Sekundärliteratur

II. Einleitung

Die Zeit zwischen Anfang der 50er Jahre und den frühen 70er Jahren wirkt, besonders verglichen mit der Zwischenkriegszeit, in den meisten Länder Westeuropas geradezu wie ein „goldenes Zeitalter“. Während man in Deutschland dabei vor allem an das „Wirtschaftswunder“ denkt, ist in Frankreich häufig von den „Trente Glorieuses“ die Rede, wie der französische Ökonom Jean Fourastié die Jahre zwischen 1945 und 1975 bezeichnete[1]. Während die wirtschaftlichen Modernisierungsprozesse in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts oft genug zu schweren gesellschaftlichen Erschütterungen geführt hatten, schien dies in der Mitte des Jahrhunderts ziemlich schlagartig vorbei zu sein. Modernisierung erschien den Zeitgenossen immer häufiger nicht mehr als ein unkontrollierbar ablaufender, zerstörerischer Prozess, sondern als Weg zu einer besseren Gesellschaft.

Trotz dieser grundsätzlichen erfahrungsgeschichtlichen Gemeinsamkeit ist auffällig, wie stark sich die Modernisierungsmodelle der Nachkriegszeit in einzelnen europäischen Länder unterschieden. Ein in mancher Hinsicht besonders extremes Beispiel ist Frankreich, wo die Modernisierung der Wirtschaft unter einer zumindest symbolisch so starken Vorherrschaft des Staates stattfand wie in keinem anderen kapitalistischen Land Europas.

In dieser Hausarbeit soll der Modernisierungsprozess in Frankreich in zweierlei Hinsicht untersucht werden: Erstens soll klar werden, warum und wie bestimmte Gruppen in der französischen Gesellschaft unter wechselnden politischen Umständen seit den 30er Jahren auf eine Erneuerung des Landes hinarbeiteten und wie sie nach dem Krieg im Rahmen der „Planification“ eine gezielte Modernisierungspolitik einleiteten. Zweitens soll es darum gehen, welches Bild der Moderne und von Modernisierung die Planungsexperten aus ihren Erfahrungen abgeleitet haben.

Der erste Teil der Arbeit (III-V) ist eher politik- und sozialgeschichtlich angelegt. Zunächst wird es um das in der Historiographie, aber auch unter Zeitgenossen häufig auftauchende Motiv der Rückständigkeit und Blockade der französischen Gesellschaft der 30er Jahre gehen. Dann werde ich auf die durch die Kriegsniederlage 1940 angestoßenen Reformkonzepte innerhalb der Vichy-Regierung und der Résistance eingehen. Ein längeres Kapitel wird schließlich die wirtschaftliche Erneuerung der Nachkriegszeit behandeln, in der mit der Entscheidung für die Einrichtung einer Planungsbehörde, den Nationalisierungen und dem Beginn der europäischen Integration drei wirtschaftspolitische Entscheidungen getroffen wurden, die dem Modernisierungsprozess in Frankreich seine besondere Gestalt gegeben haben.

Im zweiten Teil der Arbeit (VI) stehen nicht mehr die ökonomischen Strukturen im Vordergrund, die sich in ihren Grundzügen bis zu den frühen 50er Jahren etabliert hatten, sondern die Vorstellungen der Planungsexperten von einer modernen Gesellschaft, die sie in den 50er bis 70er Jahren verbreiteten. Ihrer positiven Sichtweise von Modernisierung soll schließlich noch die kritische Deutung einiger Zeitgenossen entgegengesetzt werden, die in der Veränderung der französischen Gesellschaft die Entstehung einer „Technokratie“ befürchteten.

In zweifacher Hinsicht ist die Fragestellung weiter eingegrenzt: Wenn im Folgenden von Modernisierung die Rede ist, dann ist damit im engeren Sinne die Entwicklung einer expandierenden, auf technischem Fortschritt und Industrie basierenden Wirtschaftsordnung gemeint. Damit bleiben viele Aspekte der französischen Gesellschaftsgeschichte, etwa die Dekolonialisierung oder der Übergang zur fünften Republik, aber auch kulturelle Veränderungen, unberücksichtigt. Dafür bekommen die Zeit um den zweiten Weltkrieg und der Wiederaufbau ein besonderes Gewicht und werden deswegen auch am intensivsten behandelt. Diese Einschränkung geschieht nicht nur aus arbeitsökonomischen Gründen, sondern weil sich aus der historischen Entwicklung, wie am Ende der Arbeit hoffentlich einleuchtend sein wird, eine solche Prioritätensetzung rechtfertigen lässt.[2]

Außerdem wird der Modernisierungsprozess mit besonderer Konzentration auf das Handeln einer bestimmten Elite beschrieben, nämlich der Funktionäre der Nachkriegsjahrzehnte. So bilden die Lebensläufe der häufig zwischen 1900 und 1915 geborenen Planungsexperten der Nachkriegszeit ein wichtiges Periodisierungsprinzip für den Aufbau der Arbeit: Während die Planungsexperten sich oft in den späten 30er Jahren oder unter der Vichy-Regierung beruflich etablierten, macht sich ihr weltanschaulicher Einfluss vor allem von den späten 40er bis in die 70er Jahre hinein bemerkbar. Obwohl diese Ausrichtung der Arbeit die Gefahr einer gewissen etatistischen Verengung mit sich bringt, ist sie doch in der sozialgeschichtlichen Tatsache begründet, dass der Modernisierungsprozess in Frankreich sehr eng mit dem Aufstieg einer einflussreichen Gruppe von Funktionären und Verwaltungsfachleuten verbunden war.

III. Frankreich und die Moderne in der Zwischenkriegszeit

A. Eine blockierte Gesellschaft?

Bei einem Blick in die Historiographie zur französischen Gesellschaft der Zwischenkriegszeit stößt man immer wieder auf Begriffe wie ”Blockade”, ”Rückständigkeit” oder ”Stagnation”.[3] Eine klassische, von der Modernisierungstheorie inspirierte Interpretation hat dabei Stanley Hoffmann vorgelegt, der die französische Gesellschaft der dreißiger Jahre mit dem Begriff der ”stalemate society” bezeichnet hat.[4]

Als entscheidendes Kennzeichen dieser Gesellschaft sieht Hoffmann die politische, kulturelle und ökonomische Dominanz eines auf gesellschaftliche Stabilität und Harmonie ausgerichteten, wirtschaftlicher Konkurrenz abgeneigten Bürgertums. Dieses Bürgertum habe eine rasche, umfassende Industrialisierung verhindert und zur Erhaltung einer ineffizienten Landwirtschaft beigetragen. Gleichzeitig habe es sich aber kaum darum bemüht, die Minderheit der Industriearbeiter politisch zu integrieren, die sich dementsprechend radikalisiert hätten.[5]

Als Besonderheiten der französischen Gesellschaft bis in die 30er Jahre erscheinen Hoffmann außerdem die ausgesprochen geringe Verbreitung von Massenorganisationen und die Schwäche des Parteiensystems. Abgesehen von zwei Ausnahmen, der katholischen Kirche und der Arbeiterbewegung, die sich aber auch erst vergleichsweise spät auf nationaler Ebene zusammenschloss, seien Interessen wenig organisiert gewesen. Diese sozialen Strukturen hätten sich in einem schwachen Staat widergespiegelt, der nur dann in die Wirtschaft eingriff, wenn der ökonomische Grundkonsens in Gefahr war.[6] Insgesamt ergibt sich aus Hoffmanns Deutung das Bild einer Gesellschaft, die nur sehr begrenzt zu Veränderungen in der Lage war.[7]

Hoffmanns Interpretation ist in ihren Grundzügen nach wie vor aktuell, auch wenn sie in einigen Aspekten korrigiert wurde.[8] So hebt zum Beispiel Richard Kuisel den Erfolg des französischen Modells zumindest bis zum ersten Weltkrieg hervor: Das französische Wirtschaftswachstum konnte mit dem Großbritanniens oder Deutschlands konkurrieren; vor 1914 war Frankreich größter Auto- und Flugzeugproduzent in Europa, also gerade in Zukunftstechniken führend. Gleichzeitig lebte allerdings weiterhin ein vergleichsweise großer Teil der Bevölkerung von der Landwirtschaft. Auch die Abhängigkeit von Rohstoffimporten, vor allem Kohle und Öl, war während des gesamten 20. Jahrhunderts ein Grundproblem der französischen Wirtschaft.[9] Trotz der klassisch wirtschaftsliberalen Doktrin, die während der gesamten dritten Republik an den Universitäten gelehrt und von großen Teilen der Eliten vertreten wurde, gab es seit dem 19. Jahrhundert und verstärkt ab dem ersten Weltkrieg eine Vielzahl protektionistischer Maßnahmen, die immer weitere Teile der Wirtschaft vor der Konkurrenz ausländischer Anbieter schützte.[10]

Die hier nur in ihren Grundzügen angedeutete Position, der zufolge die französische Gesellschaft der 30er Jahre eine blockierte, kaum entwicklungsfähige Gesellschaft war, ist nicht nur rückblickend von Historikern vertreten worden. Schon die Zeitgenossen sahen Frankreich ab den 20er Jahren immer häufiger als ein im Vergleich zu Amerika oder Deutschland rückständiges Land. Die Aufmerksamkeit richtete sich dabei nicht nur auf die Wirtschaft, sondern auch auf die Bevölkerungsentwicklung: Die Geburtenraten waren im europäischen Vergleich schon seit ungefähr 1900 ungewöhnlich niedrig; außerdem fielen die Verluste des Ersten Weltkrieges ins Gewicht, so dass sich die französische Bevölkerung zwischen 1880 und 1914 kaum vergrößerte.[11] Das Urteil des Demographen und Ökonomen Alfred Sauvy aus den 60er Jahren drückt die daraus entstehende Stimmung sehr gut aus: ”La France s’est dépassée à la Marne, à Verdun, versant généreusement son sang, parce qu’elle risque sa propre existence, et se trouve ensuite trop épuisée pour réagir.”[12] Zusammen mit anderen Intellektuellen gehörte Sauvy in den 30er Jahren selber zur Gruppe derjenigen, die diese als erstarrt wahrgenommene französischen Gesellschaft verändern wollten.

B. Reformvorstellungen seit dem Ersten Weltkrieg

In den 20er Jahren stießen die in Amerika entstandenen neuen Produktionskonzepte, etwa der Taylorismus und der Fordismus, in Frankreich auf reges Interesse. „Rationalisierung“ wurde zu einem immer wieder auftauchenden Schlagwort in der wirtschaftspolitischen Diskussion.[13] An dieser Diskussion beteiligten sich sowohl Syndikalisten, die eine Fortführung der staatsinterventionistischen Maßnahmen der Kriegszeit wünschten und sie als einen ersten Schritt zur Kontrolle der Betriebe durch die Arbeiter sahen[14], als auch die Neoliberalen[15] oder Neokapitalisten, die meistens die Unternehmerseite vertraten.[16] Sowohl Syndikalisten als auch Neokapitalisten kritisierten die mangelnde Initiative und die Wettbewerbsscheu der französischen Unternehmer - ein Bild, das schon seit der Jahrhundertwende immer wieder verbreitet worden war[17] und wandten sich gegen den ”anarchischen” und ”exzessiven” Individualismus der Franzosen. An die Stelle der verbreiteten kleinen Betriebe sollten große Kartelle, etwa nach dem Vorbild der deutschen IG Farben, treten und so ein System des organisierten Kapitalismus entstehen.[18]

Die Reformbewegungen blieben aber Minderheitenmeinungen, denn der Sieg im Ersten Weltkrieg hatte eher dazu beigetragen, vorhandene Strukturen zu bestätigen.[19] Nach dem Beginn der Weltwirtschaftskrise in Amerika sahen die Verfechter einer vorsichtigen Industrialisierung und des Protektionismus ihre Politik sogar bestätigt, da die Krise Frankreich zunächst unberührt ließ.[20] Aber als die Krise schließlich 1931 nach Frankreich kam und dort auch noch länger dauerte als in vielen anderen europäischen Ländern, führte dies innerhalb weniger Jahre zu einer vollkommenen Diskreditierung des Gesellschaftsmodells der dritten Republik und zu einer sich die ganzen dreißiger Jahre hinziehenden politischen Krise mit teilweise bürgerkriegsähnlichen Zügen.

Die Regierungen der frühen dreißiger Jahre reagierten auf die Wirtschaftskrise in widersprüchlicher Weise: Einerseits versuchten sie im Sinne des orthodoxen Liberalismus durch Ausgabenkürzungen den Staatshaushalt im Gleichgewicht zu halten und eine Abwertung der Währung zu verhindern. Andererseits kam es immer wieder zu einzelnen, unsystematischen Interventionen zugunsten bedrohter Wirtschaftszweige, vor allem der Landwirtschaft.[21] Als Ursache der Krise erschien vielen die Rationalisierung der Produktion und die daraus entstandene ”Überproduktion”. Dementsprechend versuchte man zum Beispiel, die sich in der Depression ausbreitenden Discounter gesetzlich zu reglementieren und so die kleinen Ladenbesitzer zu schützen.[22] Viele Unternehmen schlossen sich zu Kartellen zusammen und verringerten die Produktion.[23]

Angesichts des Scheiterns dieser Maßnahmen entstanden Gegenbewegungen, die sich für eine systematischere Lenkung und Planung der Wirtschaft durch den Staat einsetzten. An der Ecole Polytechnique bildete sich zum Beispiel die Studiengruppe X-Crise[24], der einige der später prominent gewordenen Wirtschaftsplaner angehörten, unter ihnen auch Alfred Sauvy, der ab Ende der 30er Jahre den Aufbau der Wirtschaftsstatistik in Frankreich vorantrieb und damit eine wichtige Grundlage für die Erstellung von Wirtschaftsplänen in der Nachkriegszeit legte. Die Mehrzahl der Mitglieder von X-Crise waren neoliberale Reformer, die am kapitalistischen System grundsätzlich festhalten, aber gleichzeitig den staatlich kontrollierten Teil der Wirtschaft ausdehnen wollten.[25]

Jedoch gelang es den Befürwortern einer systematischeren Staatsintervention in den 30er Jahren noch nicht, dauerhafte politische Unterstützung für ihre Vorschläge zu gewinnen. Das zeigte sich besonders deutlich nach der Machtübernahme durch die Volksfrontregierung im Jahr 1936. Zwar errichtete Leon Blum ein „Ministère de l’Economie Nationale“, in dem gerade die Vertreter von X-Crise beträchtlichen Einfluss hatten[26], aber letztlich blieben die direkten Eingriffe in die Wirtschaft halbherzig.[27] Der wesentliche Grund dafür waren die sehr unterschiedlichen wirtschaftspolitischen Konzepte der drei an der Volksfront beteiligten Parteien, von denen insbesondere die bürgerlichen Radicaux nicht zu grundlegenden Veränderungen im Verhältnis von Staat und Wirtschaft bereit waren.[28]

IV. Die Besatzungszeit

A. Die Politik der Vichy-Regierung

Die Niederlage gegen Deutschland 1940 wurde in Frankreich in erster Linie als die endgültige Bestätigung für das Versagen des Gesellschaftsmodells der dritten Republik gesehen - und zwar sowohl von den Anhängern Pétains als auch von seinen Gegnern.[29] Große Teile der Bevölkerung waren zunächst froh darüber, dass die Zeit dauernder Regierungswechsel, Streiks und extremer politischer Auseinandersetzungen vorbei und die Ordnung wiederhergestellt war. An Widerstand dachten deswegen nur die wenigsten.[30] Gerade von den Befürwortern einer grundlegenden Erneuerung, von denen in den letzten Jahren der dritten Republik viele ihre Karrieren in den Ministerien und der Verwaltung begonnen hatten, wurde die Niederlage sogar als eine Chance für eine Umsetzung ihrer Pläne begriffen.[31]

Allerdings sind die ideologischen Grundlagen und politischen Zielsetzungen des Vichy-Regimes von verwirrender Vielfalt.[32] Vichy-Anhänger kamen vor allem aus denjenigen politischen Richtungen, die während der dritten Republik vom bürgerlichen Konsens ausgeschlossen gewesen waren, so etwa aus dem Umkreis des Rechtsintellektuellen Maurras, aber auch aus Teilen der CGT.[33] Als grundsätzliche ideologische Gemeinsamkeit unter den Vichy-Anhängern lässt sich nur ein diffuser Antimodernismus ausmachen, der die Ablehnung des liberalen Kapitalismus, des Parlamentarismus und der modernen “Massengesellschaft” beinhaltete.[34]

In der Wirtschaftspolitik stand die Vichy-Regierung zunächst unter dem Zwang, die französische Wirtschaft trotz der enormen Beanspruchung durch die deutsche Besatzung in Gang zu halten, was durch verschiedene kontrollwirtschaftliche Maßnahmen versucht wurde.[35] Daneben verfolgte die Regierung aber auch Pläne für einen langfristigen Umbau des Wirtschaftssystems in der Zeit nach dem Kriegsende.[36] So kam es unter Vichy zum ersten Mal zur Ausarbeitung von Wirtschaftsplänen durch eine Regierungsbehörde, die Délégation Générale de l’Équipement Nationale (DGEN).[37] Gerade der im Jahr 1944 vorgelegte, zweite Entwurf eines Wirtschaftsplans zielte auf eine radikale Erneuerung der französischen Wirtschaft in den ersten beiden Jahren nach dem Kriegsende und wurde für die Arbeit der Planer nach der Befreiung ein wichtiger Ausgangspunkt. Der Plan beinhaltete unter anderem eine Abkehr von einer autarken, auf Landwirtschaft basierenden Wirtschaftsordnung und die gezielte Förderung der Industrie, vor allem durch eine Modernisierung der Ausstattung.[38] Bezeichnend ist die scharfe Kritik an der von Teilen der Vichy-Regierung propagierten ”retour à la terre”.[39] Obwohl der Plan nie realisiert wurde, bezeugt er zumindest die zunehmende Bedeutung der Reformbefürworter in der Vichy-Regierung.

Neben dieser wirtschaftspolitischen Wende sind die institutionellen Folgen der Vichy-Politik hervorzuheben: So ist die fast vollständige Spaltung zwischen dem von den Abgeordneten aus der Provinz dominierten Parlament und einer elitären, zentralisierten Verwaltungsspitze, der schon in der dritten Republik bestanden hatte, unter Vichy einseitig zugunsten der Verwaltung aufgelöst worden. Deswegen ist die Machtübernahme durch die Vichy-Regierung teilweise geradezu als eine ”Verwaltungsrevolution” empfunden worden.[40] Auch die schon in den letzten Jahren der dritten Republik spürbare Tendenz zur Vergrößerung des Staatsapparates setzte sich fort. Insgesamt wuchs die Zahl der beim Staat Beschäftigten, die während der frühen 30er Jahre noch stagniert hatte, zwischen 1936 und 1947 um mehr als 50%.[41]

[...]


[1] Fourastié, Jean: Les Trente Glorieuses, Paris 1979.

[2] Genau in diese Richtung argumentiert auch die umfangreiche Studie von Michel Margairaz: L’Etat, les Finances et l’Economie. Histoire d’une Conversion, 2 Bd., Paris 1991, in der die Zeit zwischen 1932 und 1952 als die entscheidende Periode im Modernisierungsprozess in der französischen Wirtschaftspolitik angesehen wird. In noch konzentrierterer Form versuchen Serge Berstein und Pierre Milza die Bedeutung des Jahres 1947 als allgemeines Wendejahr in der französischen Geschichte deutlich zu machen. Vgl. Berstein, Serge / Milza, Pierre (Hrsg.): L’Année 1947, Paris 2000.

[3] Dies gilt in besonders hohem Maße für die amerikanische Forschung. Einen guten Überblick über die Paradigmen der amerikanischen Frankreich-Forschung gibt Kuisel, Richard: American Historians in Search of France. Perceptions and Missperceptions, in: French Historical Studies 19 (1995), S. 307-319. Zu bedenken ist hierbei die über lange Zeit nur sehr geringe Bedeutung der Zeitgeschichtsschreibung in Frankreich, die zu einer besonders ausgeprägten Dominanz der amerikanischen Geschichtsschreibung geführt hat

[4] Siehe z.B. Hoffmann, Stanley: The Effects of World War II on French Society and Politics, in: French Historical Studies, Vol. 2 (Nr. 1), 1961, S. 28-63 (S. 29).

[5] Ebd., S. 29.

[6] Ebd., S. 30.

[7] Ebd., S. 29.

[8] Vgl. dazu Kuisel, American Historians in Search of France, a.a.O., S. 312. Vgl. auch die Diskussion in Kuisel, Richard F.: Capitalism and the State in Modern France. Renovation and the Economic Management in the Twentieth Century, Cambridge 1981, S. 272-273.

[9] Ebd., S. 27.

[10] Ebd., S. 17.

[11] Ebd., S. 27.

[12] Sauvy, Alfred: Histoire Economique de la France entre les Deux Guerres, Paris 1967, S. 468.

[13] Kuisel, Capitalism, a.a.O., S. 84ff.

[14] Ebd., S. 77ff.

[15] Der Begriff ”Neoliberalismus” hatte damals selbstverständlich eine vollkommen andere Bedeutung als heute.

[16] Kuisel, Capitalism, a.a.O., S. 84ff. Ein typischer Vertreter der neokapitalistischen Strömung war der Unternehmer Ernest Mercier, der ab Mitte der 20er Jahre mit der Gründung einer eigenen politischen Bewegung, dem ”redressement français”, bekannt wurde. Zu Mercier vgl. Kuisel, Richard: Ernest Mercier. French Technocrat, Berkeley 1967.

[17] Kuisel, Capitalism, a.a.O., S. 29.

[18] Ebd. S. 86. Zum Konzept des „organisierten Kapitalismus“ vgl. Kocka, Jürgen: Organisierter Kapitalismus oder Staatsmonopolistischer Kapitalismus?, in: Heinrich August Winkler, Organisierter Kapitalismus, Göttingen 1974, S. 19-35, sowie die anderen Beiträge des Sammelbandes.

[19] Kuisel, Capitalism, a.a.O., S. 59.

[20] Ebd., S. 93.

[21] Margairaz, Michel: L’Etat, les Finances et l’Economie. Histoire d’une Conversion, Bd. 1, Paris 1991, S. 63f. Margairaz bezeichnet diese Politik auch als einen ”interventionnisme défensif”.

[22] Weber, Eugen: The Hollow Years. France in the 1930s, London 1994, S. 54.

[23] Kuisel, Capitalism, a.a.O., S. 95.

[24] ”X” ist eine verbreitete Abkürzung für die Ecole Polytechnique.

[25] Margairaz, L’Etat, a.a.O. S. 318. Vgl. auch Kuisel, Capitalism, a.a.O., S. 105.

[26] Margairaz, L’Etat, a.a.O., S. 364.

[27] Kuisel, Capitalism, a.a.O., S. 119.

[28] Margairaz, L’Etat, a.a.O., S. 227f.

[29] Paxton, Robert: La France de Vichy 1940-1944, Paris 21997, S. 61.

[30] Ebd., S. 59.

[31] Margairaz, L’Etat, a.a.O., S. 500ff. Vgl. auch Paxton, Vichy, a.a.O., S. 179ff.

[32] Stanley Hoffmann spricht von der „pluralist dictatorship“. Vgl. Hoffmann, Stanley: The Vichy Circle of French Conservatives, in: ders.: Decline or Renewal? France since the 1930s, New York 1966, S. 1-25 (S. 4f.).

[33] Ebd.

[34] Paxton, Vichy, a.a.O., S. 185.

[35] Kuisel, Capitalism, a.a.O., S. 130 So wurde unter anderem ein Ministerium für industrielle Produktion eingerichtet, das zunächst von dem früheren stellvertretenden Vorsitzenden der CGT, Robert Belin, und später von Jean Bichelonne geleitet wurde, einem Bewunderer von Albert Speer. Schon im August 1940 wurden außerdem sogenannte ”Comités d’Organisation” (CO) geschaffen; diese bestanden größtenteils aus Unternehmern, wurden aber von einem Beamten als Vorsitzenden kontrolliert, und sollten Preise und Produktionsmengen festlegen. Vgl. Kuisel, Capitalism, a.a.O, S. 130ff. und Paxton, Vichy, a.a.O., S. 181.

[36] Ebd., S. 130.

[37] Mioche, Philippe: Le Plan Monnet. Genèse et Elaboration 1941-1947, Paris 1987, S. 19.

[38] Ebd., S. 28f.

[39] Ebd. Zur ”retour à la terre” vgl. Paxton, Vichy, a.a.O., S. 245-254.

[40] Paxton, Vichy, a.a.O., S. 304ff.

[41] Ebd., S. 237.

Details

Seiten
35
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638489010
ISBN (Buch)
9783638656832
Dateigröße
581 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v53446
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg – Historisches Seminar
Note
1,3
Schlagworte
Modernisation Decadence Modernisierung Frankreich Jahre Hauptseminar Moderne Theorien Nachkriegszeit Wirtschaftswunder Mondernisierungstheorie Monnet Marjolin Europäische Wirtschaftsgemeinschaft Planification Planung Wirtschaftsplanung Wirtschaftsgeschichte

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Titel: Modernisation ou Decadence - Modernisierung in Frankreich von den 30er bis in die 60er Jahre