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Primat der Politik vs. Primat des Krieges? Deutschlands gedanklicher Weg in den totalen Krieg

Eine vergleichende Analyse von Carl von Clausewitz’ "Vom Kriege" (1832) und Erich Ludendorffs "Der Totale Krieg" (1935)

Hausarbeit (Hauptseminar) 2020 36 Seiten

Politik - Internationale Politik - Thema: Frieden und Konflikte, Sicherheit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Clausewitz und Ludendorff als pragende Gestalter ihrer Zeit
2.1 Biografischer Uberblick - Carl von Clausewitz
2.2 Historische und zeitgenossische Rezeption von Clausewitz Werk „Vom Kriege“
2.3 Zur Person Erich Ludendorff:

3. Einleitende Vorbemerkungen zu einer Definition des Kriegsbegriff

4. Die Definition des Krieges bei Clausewitz:
4.1 Krieg und Politik bei Clausewitz - ein untrennbarer Zusammenhang?
4.2 Exkurs: Clausewitz Politikbegriff und die oft angezweifelte Gultigkeit des Primates der Politk
4.3 Der „Idealtypus“ des absoluten Krieges

5. Krieg und Politik bei Ludendorff
5.1 Kontextualisierung: Ludendorffs volkische Ostpolitik und sein ambivalentes Verhaltnis zu den Nationalsozialisten
5.2 „Der totale Krieg“ (1935) - Die gedankliche Grundlage des Vernichtungskrieges?

6. Von Bismarck zu Hitler - der Weg in den „totalen Krieg“

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„La guerre est une chose trop grave poue etre confiee a des militaires“

-Georges Clemencau

Der Krieg sei eine zu ernste Angelegenheit, um ihn den Militars zu uberlassen. Jener zeitgenossische Ausspruch des franzosischen Premierministers illustriert die auch heute noch relevante Problematik des Spannungsfeldes von Militar und Politik. Erich Ludendorff, der Clemencau aber durchaus schatzte, hatte womoglich erwidert, dass die Politik, wie es schon Kaiser Wilhelm II. formulierte, im Kriege „den Munde zu halten habe“ (zit. nach Gutsche 1991: S.176). Der preuBische Philosoph und Militartheoretiker Carl von Clausewitz hingegen war zu seinen Lebzeiten der festen Uberzeugung, dass die Politik immer das Primat uber den Einsatz von militarischer Gewalt, vulgo Kriegfuhrung, beibehalten solle. Diese zwei widerstrebenden Auffassungen der Machtverteilung von Politik und Militar sollen in der vorliegenden Arbeit miteinander verglichen und kontextualisiert werden. Clausewitz Auffassung steht fur einen instrumentellen Charakter des Krieges, als Werkzeug der Politik, dessen sich diese bedienen kann. Ludendorffs Ansicht ist hingegen von tiefer Abneigung gegen ein Primat der Politik gepragt, er will die Politik zu einer untergeordneten Instanz degradieren, die dem Kriege und dem Feldherrn zu dienen hat. Diese antagonistischen Positionen sind in jeweiligen historischen Kontext verortet und konnen nur innerhalb diesem verstanden werden. Uberhaupt sind die Epochen, in welchen Clausewitz und Ludendorff wirkten, von historischen Zasuren gepragt, welche sich selbstverstandlich stark auf die personlichen Schicksale und Gedanken der beiden Manner auswirkten. Deshalb wird auf den historisch-politischen Kontext im Rahmen der beiden Autoren eingegangen. Clausewitz, als Chronist der Befreiungskriege 1813-1815 und aktiv am Kampf gegen die napoleonischen Armeen Beteiligter - Ludendorff als „Held von Tannenberg“ und „Diktator“ (Nebelin 2010) der spaten Kriegsjahre des ersten Weltkrieges. Clausewitz jedoch gelangte mit seinem Werk „Vom Kriege“ (1832) posthum zu Weltruhm, er gilt als Begrunder der „Strategic Studies“ und seine Gedanken werden heutzutage noch immer breit rezipiert, von verschiedenen nationalen Streikkraften bis hin zu Manager-Lekture (Christopher Bassford 2003: Clausewitz: Strategie Denken). Sein Verdienst ist es vor allem, erstmals eine umfassende und gleichzeitig universale Definition des Krieges und damit letztlich eine moderne Theorie des Krieges zu schaffen. Der General Erich Ludendorff befand sich in den letzten Kriegsjahren des Ersten Weltkrieges auf dem Zenit seiner Macht, nach dem verlorenen Krieg schaffte er es nie wieder in eine mit auch nur annahernd groBer Machtfulle ausgestatte Position zu kommen. Dennoch genoss Ludendorff unter den Militars und Militaristen sowie auch den Nationalsozialisten (mit denen er sich 1925 uberwarf) auch noch immer hohes Ansehen, was sich in dem kuriosem Faktum ausdruckt, dass Hitler Ludendorffs volkisch-esoterischen “Bund fur Gotterkenntnis“ als Religionsgemeinschaft anerkennen lies und damit den christlichen Kirchen gleichstellte. Die krude Weltanschauung der „Ludendorffer“ lebt bis heute fort, der zwischenzeitlich verbotene „Bund fur Gotterkenntnis“ existiert weiterhin1, wird jedoch von verschiedenen Landesverfassungsschutzbehorden aufgelistet und beobachtet (vgl. BR 2015, Verfassungsschutz Brandenburg 2008)

Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Ludendorff beschrankt sich im Gegensatz zum breit rezipiertem Clausewitz vor allem auf sein Wirken im 1. Weltkrieg. Die Folgezeit der Weimarer Republik und des Nationalsozialismus werden weitaus weniger thematisiert. Der Historiker und Autor der jungsten Ludendorff- Biografie, Manfred Nebelin geht auf die Zeit nach dem Krieg nur bruchstuckhaft ein. Eine vollstandige Biografie Ludendorffs samt der Weimarer Zeit und der kurzen Lebensepisode im Nationalsozialismus bleibt ein Desiderat. Es scheint, dass aufgrund des Machtverlustes Ludendorff und seiner politischen Radikalisierung in der Weimarer Zeit mit einhergehender (vermuteter) psychischer Erkrankung, das wissenschaftliche Interesse mit diesem Lebensabschnitt Ludendorffs weitaus weniger ausgepragt ist. Aber gerade die politisch-militarischen Schriften nach dem Kriege (Politik und Kriegfuhrung 1922, Der totale Krieg 1935) geben bei aller Fragwurdigkeit Aufschluss uber ein Denken, welches letztlich auch die (fruhe) nationalsozialistische Kriegfuhrung beeinflusste und mitpragte (Aron 1980: S.401-417, Heer 1995: S.377-401) Aus diesem Grunde halte ich es fur lohnenswert, sich mit dem spaten Ludendorff zu beschaftigen, der zudem als erster, wichtiger deutscher Militar die Thesen Clausewitz hinsichtlich des Primates der Politik offentlich „auf den Kopf stellte“. Ludendorff steht damit an der Spitze einer Entwicklung innerhalb des deutschen Militars, die zwar den militarischen Nutzen Clausewitz lobten, schatzten und anwendeten - die philosophischen und politischen Uberlegungen aber ignorierten, oder eben wie Ludendorff „uber den Haufen warfen“ (Ludendorff 1935: S.10).

In dieser Arbeit werden die widerstrebenden Auffassungen von Clausewitz und Ludendorff, hinsichtlich des Primates der Politik bzw. des Krieges, beginnend bei Clausewitz, gegenubergestellt. Nach einem Biografischen Uberblick zu den beiden Protagonisten folgt ein begriffsklarendes Kapitel, in welchem der pragende Einfluss von Clausewitz und Ludendorff auf unser heutiges Verstandnis von Krieg, respektive totalem Krieg erortert wird. Der Hauptteil der Arbeit beschaftigt sich mit den Denkmodellen des absoluten und totalen Krieges und soll darlegen, wie Ludendorff den Clausewitzschen „Idealtypus“ des absoluten Krieges, zu einem totalen Krieg missdeutete, damit aber dennoch, zwar in einer problematischen volkisch- sozialdarwinistischer Manier, die Art und Weise der Austragung des Zweiten Weltkriegs teilweise korrekt voraussagte. Im Abschlusskapitel wird dann der Weg von Bismarck zu Hitler nachgezeichnet, wobei Ludendorff eine Art Bindeglied dazwischen darstellt. Dieser Weg bedeutete die Verdrangung des von Clausewitz postulierten Primates der Politik zugunsten eines Primats des Krieges, welches sich bereits im Ersten Weltkrieg zeigte und schlieBlich in weitaus massiverer Form im Zweiten Weltkrieg mundete.

2. Clausewitz und Ludendorff als pragende Gestalter ihrer Zeit

Wenn man sich der Auseinandersetzung mit den Thesen Clausewitz und Ludendorff widmen mochte, erscheint es unabdingbar, sich zunachst mit dem personlichen Schicksal der beiden Personen auseinanderzusetzen, um besser nachvollziehen zu konnen, in welchem historisch- politischen Kontext ihre Gedanken entstanden sind. Sowohl Clausewitz als auch Ludendorff waren keineswegs bloBe Chronisten, die ihre Gedanken zu ihrer Zeit aufschrieben, sondern vielmehr selbst Teil der groBen Umwalzungen und revolutionaren Zasuren2, an denen sie aktiv teilnahmen. Deswegen wird in den folgenden Abschnitten auf das Leben und Werk der beiden Protagonisten eingegangen, bei Clausewitz wird dann besonders die Rezeptionsgeschichte beleuchtet, wohingegen bei Ludendorff eine kritische Kontextualisierung und Einordnung erfolgen wird. Eine abschlieBende Analyse von Ludendorffs Spatwerk wird im 5. Kapitel vorgenommen, da dies notwendig ist, um sein Konzept vom totalen Krieg zu kontextualisieren und verstandlicher zu machen.

2.1 Biografischer Uberblick - Carl von Clausewitz

Das politische Denken des preuBischen Philosophen und Kriegstheoretikers Carl von Clausewitz (1780 - 1831) wird oft auf den Satz „Der Krieg ist nichts als eine Fortsetzung des politischen Verkehrs mit Einmischung anderer Mittel“ (Clausewitz 1966: S.888) reduziert, woraus dann formuliert wird, der Krieg sei die Fortsetzung der Politik. Diese Verkurzung der Clausewitzschen Gedanken lasst sich bis heute betrachten. Oft zitiert - selten beachtet und verstanden, so lasst sich das Dilemma von Clausewitz vielleicht beschreiben. Grundsatzlich muss immer die Dialektik der Clausewitzschen Aussagen bedacht und beachtet werden. Clausewitz schuf im Grunde den ersten Versuch einer „allgemeinen Theorie des Krieges, die nicht auf spezielle Fragen von Strategie und Taktik beschrankt war“ (Heuser 2005: S.187). Die Kriegstheorie Clausewitz speist sich einerseits aus den personlichen Erfahrungen Clausewitz im Krieg gegen das napoleonische Frankreich, andererseits auch aus philosophischen Aspekten, ohne aber dabei denn Bezug zu den zeitgenossischen, real stattfindenden Kriegen zu verlieren. Peter Paret beschreibt Clausewitz Verstandnis von Theorie als etwas, was „konstant dem Test der Realitat standhalten“ musste, was zudem seine Pragung durch den „deutschen Idealismus“ zeigen wurde. (Paret 1986: S.193-194)

Das unvollstandige Hauptwerk des Generals, „Vom Kriege“ welches um 1832/33 posthum von Marie von Clausewitz veroffentlicht wurde, gibt einen eindrucklichen Einblick in das damalige Kriegsverstandnis, welches besonders durch die Befreiungskriege PreuBens 1813-1815 gegen Napoleon erschuttert und gleichzeitig auch gepragt wurde. Schon vor dieser Zeit beteiligte sich Clausewitz aktiv am Kriegsgeschehen, diente 1812 sogar als Generalstabsoffizier in russischen Diensten, nachdem PreuBen unter politischem Druck Napoleons Soldaten gen Russland schickte. Clausewitz, als gluhender preuBischer Patriot, war davon schwer enttauscht war, und trat aus der preuBischen Armee aus. Seine „Bekenntnisschrift“ von 1812, welche er an seinen Freund Gneisenau schickte, gibt Aufschluss daruber, wie der „fruhe“ Clausewitz zu dieser Zeit dachte (Heuser 2005: S.4).

„Ich glaube und bekenne, daB ein Volk nichts hoher zu achten hat als die Wurde und Freiheit seines Daseins; daB es diese mit dem Blutstropfen verteidigen soll; daB es keine heiligere Pflicht zu erfullen, keinem hoheren Gesetze zu gehorchen hat; daB der Schandfleck einer feigen Unterwerfung nie zu verwischen ist.“ (Clausewitz 1922: S.85)

Aus diesen Zeilen lasst sich das zu dieser Zeit noch sehr existenzielles Kriegsverstandnis (vgl. Munkler 1988) Clausewitz herauslesen, welches sich durchaus im Wiederspruch mit den 1832 in „Vom Kriege“ geauBerten Thesen befindet. Deshalb soll an dieser Stelle erwahnt sein, dass sich die Analyse in dieser Arbeit vor allem das Werk des „spaten“ Clausewitz und sein Hauptwerk „Vom Kriege“ sich zur Grundlage nimmt. Da das einflussreiche Werk „Vom Kriege“ bis heute anhaltend Gegenstand von wissenschaftlichen Debatten ist, folgt hier nun ein kurzer Abschnitt zur Rezeptionsgeschichte Clausewitz, um die Relevanz und Gultigkeit seines Werks zu verdeutlichen.

2.2 Historische und zeitgenossische Rezeption von Clausewitz Werk „Vom Kriege“

Die schier unubersichtliche Zahl an Clausewitz-Rezipienten zeugen von groBer Strahlkraft, Universalitat sowie Aktualitat der Theorien Clausewitz. Es ist nicht moglich hier alle zu nennen, weswegen eine Auswahl an Personen erfolgt, welche eine gewisse historisch-politische Relevanz innehatten. Als erster Adept der Clausewitzschen Lehren ist hier der einflussreiche Generalfeldmarschall Graf Helmuth von Moltke zu nennen, welcher Clausewitz Schuler an der PreuBischen Kriegsakademie war. Auch Alfred von Schlieffen, Begrunder des „Schlieffen- Plans“ und Chef des deutschen Generalstabs von 1891-1905, zeigte sich ebenfalls von Clausewitz in seinem Denken inspiriert (Heuser 2005: S.91). Im Sinne einer marxistischen Lesart sind Karl Marx und Friedrich Engels3, Wladimir Iljitsch Lenin, Mao Zedong sowie Che Guevara (Guevara in Dill 1980: S. 664 ff.) zu nennen, die sich tiefergehend mit Clausewitz Werk beschaftigten und Elemente dessen fur ihre eigenen Konzepte zu Nutze machten. Interessanterweise beschreibt Werner Hahlweg die marxistisch-leninistische Interpretation der Clausewitzschen Lehren als besonders eng mit dem Kernstuck von Clausewitz Lehren, dem Primat der Politik, verknupft (Hahlweg in Dill 1980: S.593 ff.). Aus der Sicht der marxistisch- leninistischen Vertreter stellte Clausewitz Werk die „erkenntnistheoretischen Grundlagen fur das Wesen des Krieges“ (ebd.: S.593) und brachte damit den praktischen Nutzen fur kommende sozialrevolutionare Erhebungen. Dies unterscheidet die marxistisch-leninistischen Anhanger von Clausewitz Lehren stark von dem klassisch-militarischen Perspektive, die groBe Teile des deutschen Militars auf Clausewitz hegten, in welchem der Primat der Politik eher negiert und abgelehnt wurde. Folgt man dem Weg der Rezeptionsgeschichte nun ins 20. Jahrhundert, entwickelten sich viele Debatten um das Clausewitzsche Vermachtnis. Der Historiker Yehuda Wallach beschreibt Clausewitz Hauptwerk „Vom Kriege“ als „Bibel des deutschen Militars“, welches jedoch von seinen Nutzern meist „pervertiert“ wurde (Wallach 1986: S. 213). Denn die deutschen Militars folgten zwar den militarischen Aspekten von Clausewitz Lehren, erhoben beispielsweise die Vernichtungsschlacht zu einem „Dogma“ (vgl. Wallach 1967), ignorierten aber in der Regel den von Clausewitz postulierten Primat der Politik (Wallach 1986: S.214). Auf diese verbreitete Haltung innerhalb des deutschen Militars wird im Verlauf der Arbeit nochmals intensiv eingegangen, auch um den hundertjahrigen Weg von Clausewitz zu Ludendorff nachzuzeichnen. Unter der Herrschaft der Nationalsozialisten wurde Clausewitz oft als Vorbild prasentiert, ranghohe Nationalsozialisten sowie auch Hitler personlich beriefen sich mehrfach auf ihn, wobei vor allem der fruhe Clausewitz mit seinem gluhenden, existenzialistischen Nationalismus fur die NS-Propaganda attraktiv erschien (vgl. Wallach 1967: S.434 ff, Baldwin 1981.). Diese legten Clausewitz jedoch fur ihre Ziele entsprechend aus, sahen, wie auch auf der anderen Seite die Kritiker Clausewitz (z.B. Liddell Hart 1935) ihn falschlicherweise als eine Art „Propheten des totalen Krieges“ an (Baldwin 1981: S.14). Doch noch bevor der 2.Weltkrieg von den Nationalsozialisten losgetreten wurde, trieb schlieBlich Erich Ludendorff mit seinem Buch „Der totale Krieg“ 1935 die schroffe Ablehnung der Clausewitzschen Lehren (insbesondere des Primats der Politik) wie kaum ein anderer deutscher Militar auf die Spitze. Damit steht die (Fehl-)Interpretation von Clausewitz Werk durch Ludendorff am Ende einer folgenschweren Entwicklung - dem Streben nach einem totalen Krieg. Die Art und Weise, wie im nationalsozialistischen Deutschland Clausewitz rezipiert wird in der Schlussbetrachtung noch einmal genauer beleuchtet. Auch wahrend und nach dem zweiten Weltkrieg blieben die Thesen Clausewitz in der Politik- und Geschichtswissenschaft weiterhin stark diskutiert. Als einer der scharfsten Kritiker Clausewitz ist der Brite Basil Liddell Hart zu nennen, welcher Clausewitz eine Mitverantwortung fur die Eskalation der beiden Weltkriege zuspricht (Hart 1973, 1935, Heuser 2005: S.21, 128). In der wissenschaftlichen Debatte hat sich eine relativ eindeutige Linie entwickelt, viele Historiker und Politikwissenschaftler berufen sich nach wie vor auf Clausewitz und bekraftigen die Aktualitat seiner Thesen zum Krieg, wahrend eine Minderheit die Position vertritt, dass die Thesen Clausewitz veraltet bzw. nicht mehr zeitgemaB seien - eine Haltung, die bereits Ludendorff teilte.

In der Debatte nach dem Zweiten Weltkrieg sind bedeutende Anhanger von Clausewitz auszumachen, es erfolgt eine Auswahl, die keinen Anspruch auf Vollstandigkeit erhebt. Der britische Militarhistoriker Michael Howard gilt als Clausewitz-Experte, unter anderem ubersetze er Clausewitz ins Englische („On War“, 1989 [Erstausgabe 1976]). Der deutsche Historiker Werner Hahlweg, erstellte 1966 die historisch-kritische und ungekurzte Ausgabe zu Clausewitz Werk „Vom Kriege“ erstellte, diese wird in dieser Arbeit genutzt wird. Weitere wichtige wissenschaftliche Abhandlungen zu Clausewitz finden sich bei Peter Paret („Makers of Modern Strategy“ 1986) und Raymond Aron (Clausewitz Den Krieg denken 1980). Auch eine problematische, deutsche Personlichkeit widmete sich dem Studium von Clausewitz. Carl Schmitt, der „Kronjurist des dritten Reiches“ (Sollner 1996). Schmitt beschaftigte sich intensiv mit Clausewitz (Schmitt 1963, 1967), viele Gedanken Clausewitz flossen in seine „Theorie des Partisanen“ (1963) mit ein4. Gemeinhin gilt Clausewitz gilt sowohl in der Politikwissenschaft als auch in der militarhistorischen Forschung als „Schopfer der modernen Theorie des Krieges“ (Hahlweg 1957: S.273, Paret 2018: S.26). Nach wie vor ist Clausewitz Gegenstand der Debatten, wie bereits erwahnt versuchten verschiedene Wissenschaftler Clausewitz Theorien zum Krieg als uberholt darzustellen (Keegan 1993, 1995, van Creveld 1986), jedoch mit eher maBigem Erfolg. Die Gedanken Clausewitz pragten beispielsweise die sowjetische Militardoktrin5, welche wahren des Kalten Krieges die zweitstarkste Militarmacht des Planeten darstellte, entscheidend mit (Heuser 2005: S.184). Auch heute noch wird Clausewitz sowohl in den USA, GroBbritannien im post-sowjetischen Russland und nicht zuletzt in Deutschland an Militarakademien gelehrt (Heuser 2005: S.231). Im weitaus starkeren MaBe als bei Ludendorff wird uber die Gedanken Clausewitz zum Krieg in einem wissenschaftlichen Kontext debattiert, somit halten Clausewitz Lehren nach wie vor eine bemerkenswerte historische und politikwissenschaftliche Relevanz inne. Bevor die inhaltliche Auseinandersetzung mit Clausewitz Theorie des Krieges begonnen wird, folgt im nachsten Kapitel Ludendorffs Biografie eingegangen, die kritisch betrachtet wird sowie auf seine Rezeptionsgeschichte Bezug genommen.

2.3 Zur Person Erich Ludendorff:

Erich Ludendorff, geboren 1865 in Kruszczewina (Provinz Posen) absolvierte eine steile militarische Karriere, 1895, mit dreiBig Jahren war er bereits Hauptmann im Generalstab des deutschen Heeres (ThoB 1987: S.285). Mit dem Ausbruch des ersten Weltkriegs und der handstreichartigen Besetzung der Festung Luttich 1914 gelangte er schlagartig zu offentlichem Ruhm und wurde fortan als “Held von Luttich” tituliert (Nebelin 2010, ThoB 1987: S.286). Da auf dem ostpreuBischen Kriegsschauplatz die militarische Lage aufgrund der vorstoBenden russischen Truppen fur die deutsche Fuhrung zunehmend bedrohlicher wurde, wurde Ludendorff noch im gleichen Jahr mit Hindenburg in den Osten beordert, um die Situation zugunsten der Deutschen zu wenden. Das Duo Hindenburg/Ludendorff schlug die russischen Armeen bei Tannenberg im August 1914 vernichtend, womit vor allem Ludendorff seinen Ruf als brillanter Militarstrategie festigen konnte. Mit dem zunehmenden Voranschreiten des Ersten Weltkrieg erreichten die beiden Feldherren den Zenit ihrer Popularitat in der Bevolkerung, was ihnen schlieBlich ermoglichte, in den letzten beiden Kriegsjahren autoritar zu agieren und das Kaiserreich faktisch zu einer Militardiktatur zu transformieren (vgl. Nebelin 2010). In der Forschungsliteratur wird klar herausgestellt, dass Ludendorff und nicht Hindenburg der „ spiritus Rector “ (Haffner/Venohr 19866: S.235, Nebelin 2010: S.509 ff.) der deutschen Kriegfuhrung im Osten war. Die Autoren kommen zu der Einschatzung, dass Ludendorffs Geringschatzung fur die Politik sich bereits im Ersten Weltkrieg deutlich zeigte:

„Wichtig [...] ist, daB Ludendorff damals schon fur politische Uberlegungen keinerlei Verstandnis zeigte, daB er vielmehr- aus rein militarischem Kalkul den politischen Verantwortlichen den Willen der Kriegfuhrung aufzwang.“ (ebd.: S.236)

Ludendorff versuchte bis zum Ende des Krieges, diesen nach militarischen anstatt politischen Motiven zu fuhren und trug damit maBgeblich zur Verlangerung desselben bei (Venohr/Haffner 1986: S.237 f.). In Zusammenspiel mit seiner Flucht nach Schweden wahrend der Novemberrevolution brachte ihm dies in Deutschland massive Kritik vor allem aus linken politischen Kreisen ein. Kurt Tucholsky schrieb 1920 unter seinem Pseudonym Ignaz Wrobel in der USPD-Zeitung „Freiheit“ folgendes:

„Hunderttausende sind in Ackergraben verdreckt und verreckt und viele Knaben bluteten vor Ypern, weil einem General auf der fettgepolsterten Brust noch ein Orden fehlen mochte. [.] Und er erinnert im GroBen und Ganzen an einen Jungen, der die Fensterscheiben einwarf und davonlief, als der Wachter mit dem Stock kam ... Ich bin es nicht gewesen! Ich habe es nicht gewollt ... “ (Freiheit 9.5.1920: S.2).

Ganz falsch lag Tucholsky mit seiner Einschatzung eindeutig nicht. Fruh sollte sich herausstellen, dass Ludendorff nicht nur verbal gegen die junge Demokratie zu Felde zog, sondern schon bald aktiv gegen diese agieren sollte. Ludendorff selbst hingegen kommentierte die Novemberrevolution schnippisch und machte aus seiner Verachtung fur die neue Weimarer Republik und ihre Protagonisten keinen Hehl:

„Die groBte Dummheit der Revolutionare war es, daB sie uns alle leben lieBen. Na.

Komme ich einmal wieder zur Macht, dann gibt's kein Pardon. Mit ruhigem Gewissen wurde ich Ebert, Scheidemann und Genossen aufknupfen lassen und baumeln sehen!“ (Ludendorff 1919, zit. nach Margarete Ludendorff 1929)

Als ein entschiedener Gegner der Demokratie, hielt Ludendorff sowohl beim Kapp-Putsch 1920 als auch beim „Marsch zur Feldherrenhalle“, dem Hitler-Ludendorff-Putsch in Munchen 1923 eine Fuhrungsrolle inne. Ab 1925 uberwarf er sich mit den Nationalsozialisten, verschwand lange in der politischen Bedeutungslosigkeit und widmete sich hauptsachlich kruden, verschworungstheoretischen und antisemitischen Schriften. Erst 1935, zwei Jahre vor seinem Tod konnte er mit seinem Pamphlet zum totalen Krieg wieder eine gewisse Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Wirft man nun einen Blick auf wissenschaftliche Auseinandersetzung mit seiner Person, ist das politische und militarische Wirken Ludendorffs bereits Gegenstand vieler Analysen gewesen. Auffallig bei der Beschaftigung mit den wissenschaftlichen Arbeiten (Nebelin 2010, Haffner/Venohr 1986, Parkinson 1978) zu seiner Person ist ein spurbarer Fokus auf die Zeit des Ersten Weltkrieges und Ludendorffs Handeln in diesem, welches in seiner eigens geschaffenen Position als Generalsquartiersmeister der 3. OHL (Oberste Heeresleitung) seinen Hohepunkt fand. Die Zeit nach dem Krieg wurde gerade im Verhaltnis zur Kriegszeit weniger in der Forschung thematisiert. Oft wird Ludendorff als unzurechnungsfahig erklart bzw. psychisch krank angesehen (Chickering 2003: S.271), seine Thesen verworfen. Ungeachtet der Richtigkeit dessen sind einige Thesen Ludendorffs, welche er in „Kriegfuhrung und Politik“ (1922) und „Der totale Krieg“ (1935) formulierte durchaus beachtenswert, besonders im Zusammenhang mit der Kriegfuhrung der Nationalsozialisten. Denn Ludendorff pragte, wenn auch nur im deutschen zeitgenossischen Diskurs, den Begriff des totalen Krieges7, der wenige Jahre nach seinem Tod grausame Wirklichkeit werden sollte. Ungeachtet dessen, ob der 2. Weltkrieg definitorisch betrachtet nun ein totaler Krieg war, wurden viele von Ludendorffs Prophezeiungen (bspw. der Krieg wurde sich starker gegen die Zivilbevolkerung richten) zur Wirklichkeit. Schon 1922, noch unter dem Eindruck des 1. Weltkrieges, schrieb er: „Der kriegerische Zeitabschnitt, der mit dem Weltkriege [sic!] beginnt, wird neue Kriege erzeugen“ (Ludendorff 1922: S.322). Im Unterkapitel 5.1 wird Ludendorffs Spatwerk sowie sein Verhaltnis zu den Nationalsozialisten nochmals detaillierter beleuchtet. Der Weg von Ludendorffs Konzept des totalen Krieges“ zur Kriegfuhrung der Nationalsozialisten wird hingegen in Kapitel 6., der Schlussbetrachtung eingehend beleuchtet. Bevor jedoch das Augenmerk auf die inhaltlichen Konzepte zu Krieg und Politik sowie dem Vergleich von absolutem und totalem Krieg gelegt wird, folgt hier nun ein begriffsklarendes Kapitel, in welchem erlautert wird, welche Relevanz Clausewitz und Ludendorffs Theorien und Konzepte zum Krieg heute noch innehalten und damit auch unser heutiges Verstandnis von Krieg bzw. totalem Krieg mitgepragten.

3. Einleitende Vorbemerkungen zu einer Definition des Kriegsbegriff

Der folgende Abschnitt soll einen Uberblick daruber gewahren, in wie weit sich das Kriegsverstandnis Clausewitz und zu einem geringeren Umfang auch Ludendorff in politikwissenschaftlichen Lexika und Nachschlagewerken wiederfinden lasst. Um dies zu untersuchen wurde eine Auswahl getroffen, die sich sowohl aus aktuellen und etwas alteren Lexika sowie einem DDR-Lexikon zusammensetzt. Es muss erwahnt werden, dass die immerwahrende Kontreverse zur Gultigkeit von Clausewitz Thesen zum Krieg sowohl in der Politikwissenschaft als auch in der Geschichtswissenschaft weiterhin fortbesteht (Vgl. Diniz/Proenga 2012, Stone 2017). Um hier einen besseren Uberblick zu geben, wie einflussreich die Gedanken Clausewitz und Ludendorffs noch sind, erscheint es aber sinnvoller, statt einzelnen, fachspezifischen Arbeiten allgemeinere Nachschlagwerke, also politikwissenschaftliche Lexika, zu untersuchen. Als erstes wurde ein gangiges, politikwissenschaftliches Standardwerk ausgewahlt, das „Worterbuch der internationalen Politik“, herausgegeben von Wichard Woyke (2015).

[...]


1 Siehe hierzu auch die offizielle Website des Bundes: ludendorff.info. Dort wird unter anderem sich in einer historischen Reinwaschung der Ludendorffs versucht, es finden sich vor allem volkisch-esoterische und mitunter rassistische Texte.

2 Bei Clausewitz sind an dieser Stelle der „Levee en Masse“ des post-revolutionaren Frankreichs sowie Koalitions- und Befreiungskriege zu nennen. Bei Ludendorff der Erste Weltkrieg, das Ende der Monarchie und sein Kampf gegen die Weimarer Republik sowie die Machtubernahme der Nationalsozialisten.

3 Karl Marx bezieht sich auf Clausewitz in Artikeln zum Sardinischen Krieg in der New York Daily Tribune, Friedrich Engels im „Anti-Duhring“ 1878, siehe auch Marx Engels Werke 1961: S.440, 450, 601

4 Eine detaillierte Auseinandersetzung uber den Einfluss Clausewitz auf Carl Schmitts Denken lasst sich bei Munkler (1982: S.24 ff.) und aktueller bei Blasius (2014) finden.

5 Naheres zur Pragung der sowjetischen Militardoktrin durch C. findet sich bei Kondyles 1988: S.283 ff., Heuser 2005: S.181 ff.

6 Wolfgang Venohr ist als rechtskonservativer Autor in Erscheinung getreten. Er war Mitglied der Waffen-SS und publizierte unter anderem in der Jungen Freiheit. Aus seiner Beschreibung Ludendorffs, uber dessen militarisches Wirken Venohr auch promovierte, lasst sich durchaus eine Bewunderung fur den General herauslesen, weshalb seine Charakterisierungen („legendar“ S.223, „nach bestem Wissen und Gewissen seine Pflicht getan“ , „Stern erster GroBe“ S.244 , „Opfer der historischen Fatalitaten deutscher Geschichte“ S.245) mit Vorsicht zu betrachten sind. Andere Arbeiten zur Causa Ludendorff verweisen zum Teil unkritisch auf Venohr (Chickering 2003, S.151), ohne naher auf seine Position einzugehen. Da ich einige Aussagen Venohrs als zweifelhaft betrachte, soll an dieser Stelle auf diese Problematik aufmerksam gemacht werden. Dennoch lasst sich nicht abstreiten, dass der Autor Venohr sich tiefgehend mit Ludendorff auseinandergesetzt hat und durchaus auch interessante Einschatzungen anbietet.

7 Gemeinhin gilt Leon Daudet als Schopfer des Begriffs, welcher 1918 unter dem Eindruck der deutschen Angriffe auf Frankreich entstand, siehe hierzu Daudet 1918: „La Guerre Totale“.

Details

Seiten
36
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783346121226
ISBN (Buch)
9783346121233
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v534865
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Otto-Suhr-Institut
Note
1,0
Schlagworte
totaler Krieg Vernichtungskrieg Clausewitz Ludendorff Vom Kriege absoluter Krieg Deutsche Geschichte Militarismus

Autor

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Titel: Primat der Politik vs. Primat des Krieges? Deutschlands gedanklicher Weg in den totalen Krieg