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Depression im Jugendalter. Komorbidität: Zwischen Angst und Depression und Aggression und Depression

Diplomarbeit 2000 207 Seiten

Psychologie - Entwicklungspsychologie

Leseprobe

Inhalt

1. Depressivität im Jugendalter
1.1 Begriffsproblematik
1.1.1 Major Depression - Depressivität
1.1.2 Frühe konzeptuelle Ansätze
1.1.3 Aktuelle Ansätze
1.2 Klassifikation
1.2.1 Klassifikations-Ansatz von Carlson und Garber (1986)
1.3 Symptomatik depressiver Störungen
1.3.1 Entwicklungsspezifische Symptomatik
1.3.2 Das depressive Kind in der Leistungssituation
1.4 Entstehungsbedingungen depressiver Störungen
1.4.1 Genetische Einflüsse
1.4.1.1 Psychische Erkrankung der Eltern
1.4.2 Verlust- und Trennungserlebnisse
1.4.3 Erworbene Vulnerabilität
1.4.4 Bewältigungsstrategien
1.4.5 Protektive Faktoren
1.4.6 Erlernte Hilflosigkeit - Attributionstheoretisches
Depressionsmodell der Theorie der erlernten Hilflosigkeit
1.4.7 Verhaltenstherapeutische Ansätze
1.4.7.1 Verstärkungspsychologischer Zugang von Lewinsohn (1974)
1.4.7.2 Kognitiv orientierte Zugang von Beck (1970)
1.4.7.3 Selbstkontrollansatz von Rehm (1977)
1.4.8 Psychoanalytischer Ansatz von Reich (1991)
1.5 Auftretenshäufigkeit depressiver Störungen
im Kindes- und Jugendalter
1.5.1 Verbreitung von Depression im Kindes- und Jugendalter
1.5.2 Risikoalter und Erstmanifestation
1.5.3 Die Zunahme depressiver Syndrome in der Adoleszenz
1.6 Zusammenfassung

2. Angst
2.1 Theoretische Ansätze
2.1.1 Psychoanalytischer Ansatz
2.1.2 Reiz-Reaktionstheorien
2.1.2.1 Das State-Trait-Modell von Spielberger (1972) -
Angst vs Ängstlichkeit
2.1.3 Kognitions- und Handlungstheoretische Ansätze
2.1.3.1 Angstkontrolltheorie von Epstein (1972)
2.1.3.2 Erweiterte Streßbewältigungstheorie von Lazarus (1991)
2.1.3.3 Theorie der Angstabwehr von Krohne (1975)
2.1.3.4 Kontrollprozeßtheorie von Carver und Scheier (1990)
2.2 Angst im Kindes- und Jugendalter
2.2.1 Auftretenshäufigkeiten und Angstinhalte
2.2.2 Entwicklungsspezifische Symptomatik von Angststörungen
2.2.2.1 Schema entwicklungsspezifischer Angstinhalte (nach Nissen, 1971)
2.2.2.2 Phobien
2.3 Leistungsängstlichkeit
2.3.1 Definition von Leistungsängstlichkeit
2.3.1.1 Kognitive Theorien
2.3.2 Entstehungsbedingungen von Leistungsängstlichkeit
2.3.2.1 Leistungsrückmeldung und Kausalattribuierung
2.3.3 Auftretenshäufigkeiten von Leistungsangst
2.3.3.1 Versagensangst
2.3.4 Differentielle Leistungsängstlichkeitsdiagnostik
(Rost & Schermer, 1987, 1989)
2.3.4.1 Auslösebedingungen von Leistungsängstlichkeit
2.3.4.2 Manifestationen von Leistungsängstlichkeit
2.3.4.3 Copingstrategien- Angstbewältigung
2.3.4.4 Stabilisierungsformen von Leistungsängstlichkeit
2.4 Zusammenfassung

3. Aggression
3.1 Begriffsdefinition
3.1.1 Definition des Begriffes Aggression
3.2 Theoretische Ansätze
3.2.1 Triebdynamisches Aggressionsverständnis
3.2.2 Frustrationstheoretische Deutung der Aggression
3.2.3 Lerntheoretische Deutung der Aggression
3.2.4 Verhaltensbiologische Betrachtungen der Aggression
3.2.4.1 Ethnologische Erkenntnisse
3.2.4.2 Physiologische Erkenntnisse
3.3 Klassifikation der Aggression
3.4 Entwicklungsspezifische Symptomatik des aggressiven Störungsbildes
3.4.1 Geschlechtsunterschiede in der aggressiven Symptomatik
3.5 Auftretenshäufigkeiten aggressiver Störungen
3.6 Verlauf aggressiver Störungen
3.7 Exkurs: Autoaggression
3.8 Risikofaktoren
3.9 Zusammenfassung

4. Komorbidität zwischen (Leistungs-)Angst und Depression und Aggression und Depression
4.1 Begriffsdefinition
4.2 Definition / Beschreibung komorbider Verhaltensstörungen
4.2.1 Beobachtbare Komorbidität
4.2.2 Kausale Komorbidität
4.2.3 Entwicklungsbezogene Komorbidität
4.2.4 Häufigkeiten des Auftretens zweier oder mehrerer psychischer Störungen
4.3 Komorbidität von Aggression und Depression
4.3.1 Theoretische Grundlagen
4.3.2 Epidemiologie des aggressiv-depressiven Störungsbildes
4.3.3 Erscheinungsbild des aggressiv-depressiven Störungsbildes
4.3.3.1 Aggression als Risiko für Depression
4.4 Komorbidität von Angst und Depression
4.4.1 Theoretische Grundlagen
4.4.2 Epidemiologie des ängstlich-depressiven Störungsbildes
4.4.3 Symptomatik des ängstlich-depressiven Störungsbildes
4.5 Zusammenfassung

5. Entwicklung der Fragestellung

6. Beschreibung der Stichprobe
6.1 Altersstufen
6.2 Schultypen
6.3 Berufstätigkeit der Mutter
6.4 Verständnisprobleme

7. Beschreibung der Testsituation
7.1 Alter
7.2 Geschlecht
7.3 Schultyp

8. Beschreibung der Testinstrumente
8.1 Depressivität - RADS (Reynolds, 1987)
8.1.1 Itemkennwerte
8.1.1.1 Itemanalyse des RADS
8.2 DAI- Differentielles Leistungsangst-Inventar
(Detlef Rost und Franz Schermer, 1997)
8.2.1 Angstauslösung (24 Items)
8.2.2 Angsterscheinungsweisen (Manifestation) (24 Items)
8.2.3 Angstverarbeitung (Copingstrategien) (32 Items)
8.2.4 Angststabilisierung (Stabilisierungsformen) (16 Items)
8.2.5 Itemkennwerte
8.3 FAF - Fragebogen zur Erfassung von Aggressivitätsfaktoren (Hampel & Selg, 1975)

9. Diagnostik der Depressivität
9.1 Depressivität und Geschlecht
9.2 Schultyp und Depressivität
9.3 Depressivität und Altersgruppen
9.3.1 Depressivität und Alter
9.4 Vergleich von Depressiven und Nicht-Depressiven
in den Subtests des DAI und FAF
9.4.1 Ergebnisse des FAF
9.4.2 Ergebnisse des DAI
9.4.2.1 Auslösebedingungen
9.4.2.2 Angst-Manifestation
9.4.2.3 Coping-Angstverarbeitung
9.4.2.4 Stabilisierung

10. Gruppenbildung / Clusteranalyse
10.1 Verteilung der Depressiven auf die 4 entstandenen Cluster
10.2 Geschlechtsunterschiede innerhalb der Cluster
10.2.1 Cluster 1: "Weder/Noch-Typ"
10.2.2 Cluster 2: "Der ängstlich-depressive Typ"
10.2.3 Cluster 3 – „Der aggressiv-depressive Typ“
10.2.4 Cluster 4 -"Aggressiver Typ"

11. Beschreibung der Cluster – Typenbildung
11.1 Cluster 1: "Weder/Noch-Typ"
11.1.1 Angstauslösung
11.1.2 Angsterscheinungsweisen
11.1.3 Angstverarbeitung / Coping
11.1.4 Angststabilisierung
11.1.5 Aggressivitätsfaktoren
11.1.6 Zusammenfassung - Cluster 1: "Weder / Noch - Typ"
11.2 Exkurs – Bedeutung der Cluster 2 und 3
11.3 Cluster 2 - "Der ängstlich-depressive Typ"
11.3.1 Angstauslösung
11.3.2 Angsterscheinungsweisen / Manifestation
11.3.3 Angstverarbeitung / Coping
11.3.4 Angststabilisierung
11.3.5 Aggressivitätsfaktoren
11.3.6 Zusammenfassung Cluster 2
11.3.7 Der ängstlich-depressive Jugendliche des Clusters 2
11.4 Cluster 3 – „Der aggressiv-depressive Typ“
11.4.1 Angstauslösung
11.4.2 Angsterscheinungsweisen
11.4.3 Angstverarbeitung - Coping
11.4.4 Angststabilisierung
11.4.5 Aggressivitätsfaktoren
11.4.5.1 Spontane Aggressivität (x = 7,45)
11.4.5.2 Reaktive Aggressivität
11.4.5.3 Erregbarkeit
11.4.5.4 Selbstaggression/Depression
11.4.6 Zusammenfassung des Clusters 3
11.4.7 Der aggressiv- depressive Jugendliche des Clusters 3
11.5 Cluster 4 "Der aggressive Typ"
11.5.1 Aggressivitätsfaktoren
11.5.1.1 Spontane Aggressivität
11.5.1.2 Reaktive Aggressivität
11.5.1.3 Erregbarkeit
11.5.1.4 Selbstaggression/Depression
11.5.2 Zusammenfassung des Clusters 4
11.5.3 Der depressive Jugendliche des Clusters 4

12. Diskriminanzanalyse
12.1 Beschreibung der Ergebnisse

13. "Die drei Wünsche"
13.1 Beschreibung der Ergebnisse
13.1.1 Geschlecht
13.1.2 Altersstufen
13.1.3 Schultypen
13.2 Wünsche der depressiven Jugendlichen
13.3 Zusammenfassung der "drei Wünsche"

14. Zusammenfassung der Testergebnisse
14.1 Cluster 1 "Weder noch-Typ"
14.2 Cluster 2 "Der ängstlich-depressive Typ"
14.3 Cluster 3 "Der aggressiv-depressive Typ"
14.4 Cluster 4 "Der aggressive Typ"

15. Diskussion

Einleitung

Die Depressivität im Jugendalter, als von der Erwachsenendepression abweichendes Krankheitsbild ist heute ein weitgehend anerkanntes Phänomen. Das war nicht immer so, lange Zeit galt die depressive Störung im Kindes- und Jugendalter als entwicklungsspezifische Störung und nicht als eigenständiges Krankheitsbild.

Während das klassische Bild eines depressiven Jugendliche den meisten bekannt ist, zeigt sich in letzter Zeit nicht immer nur das typische Erscheinungsbild des traurig, zurückgezogenen Jugendlichen. Ärgerlich, zornige und wütende Verhaltensweisen werden selten einem depressiven Jugendlichen zugeordnet, sind jedoch oft ebenso ein mögliches Erscheinungsbild eines depressiven Jugendlichen.

In letzter Zeit mehren sich Untersuchungen (Reicher, 1997; Kusch & Petermann, 1997), die das gemeinsame Auftreten verschiedener Verhaltensstörungen, welches Komorbidität genannt wird, beschreiben. Das isolierte Auftreten der depressiven Störung wird heute sogar eher als Ausnahme, denn als Regelfall beschrieben.

Es gibt viele Bereiche, in denen Komorbidität bei Kindern und Jugendlichen auftritt, als häufigste komorbide Störungen zur Depression werden Angst und Aggression genannt. (King et al., 1991; Garber et al., 1991) Auf diese Bereiche soll in Folge eingegangen werden, wobei der Bereich Angst eingegrenzt werden soll, auf den Spezialfall "Leistungsängstlichkeit". Vor allem im Schulbereich zeigen sich Leistungsängste bei Jugendlichen. Einerseits, weil die Schule als Schnittstelle zwischen Jugendlichen und Erwachsenen fungiert und dort etwaige Störungen eher erkannt werden können, andererseits weil die Schule als leistungsfordernde Institution oft eine Bedrohung für Kinder und Jugendliche darstellt. Aus diesem Grund wurde dieser relevante Teilbereich der Angst gewählt.

Die vorliegende Arbeit geht nun einerseits der Frage nach, wie viele depressive Jugendliche sich in einer unausgelesenen Stichprobe finden und ob sich die oft beschriebenen Alters- und Geschlechtseffekte bestätigen lassen.

Die Hauptfragestellung bezieht sich jedoch darauf, ob sich in dieser Stichprobe die in der Literatur beschriebenen Kombinationen von Leistungsängstlichkeit und Depressivität und Aggressivität und Depressivität findet. Gibt es den Typ des ängstlich-depressiven vs. aggressiv depressiven Jugendlichen?

1. Depressivität im Jugendalter

1.1 Begriffsproblematik

Grundsätzlich stellt sich die Frage, ob "schwermütig-depressive Verhaltensweisen" angesichts besonderer Situationen als normal, als abnorm, oder gar als krankhaft anzusehen sind. Nach einer Definition von Kuhn trifft man folgende Unterscheidungen.

"Tritt die "schwermütig-depressive Verhaltensweise" als Reaktion auf den Verlust eines geliebten Menschen ein, spricht man von Trauer. Treten dieselben Verhaltens- und Erlebnisweisen ohne erkennbare Ursachen auf, dann nimmt man eine krankhafte Störung an, eine endogene Depression oder Melancholie falls psychosomatische Symptome hinzutreten. Dazwischen liegt die, durch ihre Intensität und Dauer als abnorm oder als krankhaft aufgefaßte reaktive Depression." (Kuhn, 1988, S.166)

Nissen (1975) definierte die Depression als eine psychische Störung mit trauriger, gedrückter Stimmung mit oder ohne somatische Begleiterscheinungen oder Selbsttötungstendenzen.

Nissen ist auch einer der Forscher seiner Zeit, welcher die kindliche Depression als eine eigenständige, von der Erwachsenendepression abweichende Krankheit sieht.

"Depressionen bei Kindern verlaufen niemals unter dem typischen psychopathologischen Bild Erwachsener. Sie haben eine eigene Symptomatik." (Nissen 1986, S. 142)

1.1.1 Major Depression - Depressivität

Von besonderer Bedeutung ist hier auch die Differenzierung zwischen dem klinischen Bild der Major Depression und der Depressivität i.S. von einer „Neigung“ zu depressivem Verhalten. Ersteres ist meist nur durch strukturierte klinische Interviews in Kombination mit Erhebungsverfahren zu diagnostizieren und stellt die klinisch relevante Form eine depressiven Erkrankung dar, während die Depressivität eine Neigung der Person zu depressiven Gedanken und Gefühlen darstellt.

1.1.2 Frühe konzeptuelle Ansätze

Betrachtet man die Entwicklung der psychiatrischen und psychologischen Forschung zum Problem depressiver Zustandsbilder bei Kindern und Jugendlichen, so zeigt sich, daß diese sich stark von der Depressionsforschung im Erwachsenenbereich unterscheidet.

Dies gilt sowohl für den Beginn der Forschung, als auch für den Verlauf und für die eingenommenen Positionen.

Bis zum Ende der sechziger Jahre konnten in den internationalen Literatur nur sehr wenige Beiträge zum Thema "Depression bei Kindern und Jugendlichen" gefunden werden. Die ersten Bücher, die sich wirklich umfassend mit dem Problem der Depression in Kindheit und Jugend befassen, erschienen erst Anfang der siebziger Jahre und galten als Pionierleistung auf diesem Gebiet der Forschung. (vgl. Arbeiten von Nissen, 1971)

Als Hauptgrund für die relativ späte Entdeckung der kindlichen Depression in Form wissenschaftlicher Betrachtungen nennt Wacker (1995) die Unterschiedlichkeit der depressiven Symptomatik von Kindern und Jugendlichen von der Symptomatik Erwachsener. Die depressive Symptomatik Erwachsener trete bei Kindern und Jugendlichen praktisch nicht auf und nach Rie (1966) sei das Auftreten solcher Zustandsbilder bei Kindern und Jugendlichen sogar aus theoretischen Gründen gänzlich unmöglich.

" The familiar manifestations of adult, nonpsychotic depression are virtually nonexistent in childhood. There is remarkable concensus about this finding."

(Rie, 1966, S. 654, zitiert nach Wacker, 1995)

1.1.3 Aktuelle Ansätze

In neuerer Zeit haben sich die Auffassungen bezüglich Kindheitsdepressionen als eigenständiges Krankheitsbild jedoch grundlegend geändert. Allgemein wird akzeptiert, daß auch Kinder depressive Erkrankungen aufweisen können. (Kovacs, 1989) Ein Großteil der Autoren, die sich mit der Depression im Kindes- und Jugendalter beschäftigen, gehen sogar davon aus, daß Kindheitsdepressionen mit den depressiven Zustandsbildern des Erwachsenenalters grundsätzliche Gemeinsamkeiten aufweisen (Friese & Trott, 1988, Rutter, 1986). Dies ist auch einer der Gründe, warum oft dieselben Diagnosekriterien sowohl für Kinder als auch für Erwachsene herangezogen werden.

1.2 Klassifikation

Bei der psychiatrisch-klassifikatorischen Differenzierung zwischen verschiedenen Formen depressiver Störungen im frühen Lebensalter wird grundsätzlich auf dieselben Kategorien Bezug genommen, die bei Erwachsenen Anwendung finden.( Saß, Wittchen & Zaudig, 1996)

Im Bereich der "Depressiven Störungen" unterscheidet DSM-IV zwei Hauptformen, nämlich die "Major Depression" als schwereres Störungsbild und die "Dysthyme Störung", welche zwar ein leichteres, aber dafür länger andauerndes Störungsbild darstellt. Nach DSM-IV bestehen die Hauptsymptome einer Major Depression in einer depressiven, niedergedrückten Stimmung sowie dem Verlust von Interesse und Freude, ein Zeitraum von 2 Wochen, innerhalb dessen die Symptome auftreten müssen ist vorgegeben. Bei wiederholtem Auftreten einer depressiven Episode spricht man von "rezidivierenden "Störungen, wobei "ein Intervall von mindestens 2 aufeinanderfolgenden Monaten, in denen die Kriterien einer Major Depression nicht erfüllt waren , gegeben sein muß. " (Saß, Wittchen und Zaudig, 1996, S. 154)

Die diagnostischen Kriterien, die zur Bestimmung depressiver Störungsformen herangezogen werden, entsprechen im großen und ganzen jenen für Erwachsene, wenngleich im DSM-IV einige altersspezifische Modifikationen – die Angaben zur Dauer unterscheiden sich bei Kindern und Erwachsenen – vorhanden sind.

"Bei Kindern und Heranwachsenden kann reizbare Verstimmung vorliegen, und die Dauer muß mindestens ein Jahr betragen." (Saß, Wittchen und Zaudig, 1996, S. 154)

Major Depression

A) Mindestens fünf der folgenden Symptome bestehen während derselben Zwei-Wochen-Periode und stellen eine Änderung gegenüber der vorher beschriebenen Leistungsfähigkeit dar; mindestens eines der Symptome entspricht den unter 1) oder 2) genannten Störungszeichen.

1) Depressive Verstimmung (bei Kindern und Adoleszenten auch reizbare Verstimmung)
2) Verlust an Freude und Interesse
3) Gewichts- / Appetitprobleme ( bei Kindern auch das Ausbleiben von Gewichtszunahme)
4) Schlafstörungen
5) Psychomotorische Unruhe oder Hemmung
6) Müdigkeit / Energieverlust
7) Gefühl der Wertlosigkeit / Schuldgefühle
8) Denk- / Konzentrationsstörungen
9) Suizidale Tendenzen

Tabelle 1: Grundlegende Merkmale einer Episode einer Major Depression nach DSM-III/DSM-IV

Dysthyme Störung

A) Depressive Verstimmung (bei Kindern und Adoleszenten auch reizbare Verstimmung), die die meiste Zeit des Tages, mehr als die Hälfte aller Tage, mindestens zwei Jahre lang (ein Jahr bei Kindern und Adoleszenten) andauert.

B) Während der depressiven Verstimmung bestehen mindestens zwei der folgenden Symptome:

1) Appetitlosigkeit oder übermäßiges Bedürfnis zu essen
2) Schlaflosigkeit
3) Wenig Energie / Erschöpfung
4) Niedriges Selbstwertgefühl
5) Geringe Konzentrationsfähigkeit / Entscheidungsschwierigkeiten
6) Gefühl der Hoffnungslosigkeit

Tabelle 2: Grundlegende Merkmale einer Episode einer Dysthymen Störung nach DSM-III/DSM-IV

Diese alters- und entwicklungsbezogenen Spezifizierungen fehlen in der ICD-10 vollständig (Reicher, 1997). Darin findet sich nur der Hinweis, daß ein untypisches Erscheinungsbild depressiver Episoden besonders in der Jugend häufig ist.

Nach ICD-10 (Dilling et al, 1993) bestehen die Hauptsymptome einer depressiven Episode in einer Veränderung der Stimmung und der Affektivität mit oder ohne begleitende Angst. Für therapeutische Zwecke ist im ICD-10 die Abstufung nach Schweregraden von großer Bedeutung.

"Die gedrückte Stimmung ändert sich von Tag zu Tag wenig, reagiert meist nicht auf die jeweiligen Lebensumstände, kann aber charakteristische Tagesschwankungen aufweisen." (Dillling et al, 1993, S.128)

Als Hauptmerkmale einer leichten depressiven Episode werden depressive Verstimmung, Verlust von Interesse und Freude und erhöhte Ermüdbarkeit genannt. Die Mindestdauer für die gesamte Episode sollte zwei Wochen betragen.

Das depressive Zustandsbild nach ICD-10

Affektive Störungen

Bipolare affektive Störungen (F31)

Depressive Episode (F32)

Rezidivierende depressive Störung (F33)

Anhaltende affektive Störung (F34)

Zyklothymia (F34.0)

Dysthymia (F34.1)

Sonstige affektive Störungen (F38)

Rezidivierende kurze depressive Störung (F38.10)

Nicht näher bezeichnete affektive Störung (F39)

Neurotische, Belastungs- und somatoforme Störungen

Angst und depressive Störung gemischt (F41.2)

Anpassungsstörungen (F43.2)

Kurze depressive Reaktion (Anpassungsstörung) (F43.20)

Verlängerte depressive Reaktion (Anpassungsstörung) (F43.21)

Angst und depressive Reaktion (gemischt) (F43.22)

Verhaltens- und emotionale Störungen mit Beginn in der Kindheit und Jugend

Störung des Sozialverhaltens mit depressiver Störung

(nur bei Beginn in Kindheit und Jugend) (F92.0)

Tabelle 3: Klassifikation depressiver Zustandsbilder nach ICD-10 (Dilling et al., 1993)

Eine depressive Episode kann nach Petermann (1995) unterteilt werden in:

- leicht
- mittel
- ohne psychotische Merkmale
- schwer mit psychotischen Merkmalen.

Wenn die Störung keinem der Schweregrade entspricht, dann ist sie entweder teilweise oder völlig remittiert. Zusätzlich können depressive Episoden als melancholischer oder chronischer Typ spezifiziert werden. (Petermann, 1995)

Ein weiterer Ansatz zur Klassifikation der Depression im Kindesalter ist der

1.2.1 Klassifikations-Ansatz von Carlson und Garber (1986).

Dieser Ansatz zeichnet sich vor allem dadurch aus, daß er verstärkt auf die kindzentrierte Depression eingeht.

Zur ersten Kategorie gehören die akuten, reinen, einfachen oder reaktiven Depressionen. Die reaktive Depression wird definiert als "eine seelische Antwort auf eine akute, psychische Überforderung mit Symptomen der Angst, Trauer und Erschöpfung. Sie entsteht durch umweltbedingte psychische Traumen oder längere seelische Belastung und bleibt inhaltlich und zeitlich auf die auslösenden Ereignisse und Belastungen zentriert." (Carlson und Garber, 1986, S. 413).

Hierzu gehört nach Ansicht der Autoren auch die Schuldepression. Sie kann unter ungünstigen Schulbedingungen bei emotional labilen Kindern ausbrechen.

In die zweite Kategorie fallen die chronischen Depressionen. Als mögliche Ursache für die Entstehung einer chronischen Depression werden langanhaltende Deprivation und Störungen der psychischen Verarbeitung angenommen, vor allem da sich unter den chronisch depressiven Kindern viele Heimkinder und Scheidungswaisen befinden. Es wird daher ein Fehlen von Geborgenheit und Sicherheit als begünstigend für die Entstehung einer chronischen Depression angenommen.

Die dritte Kategorie umfaßt alle maskierten Depressionen. Diese werden in der Literatur oft auch als larvierte Depressionen bezeichnet. Die genauere Beschreibung der larvierten Depression lautet nach der Definition der WHO (nach Kielholz & Adams, 1988) wie folgt:

"Unter larvierten Depressionen verstehen wir ein depressives Geschehen, bei dem die somatischen Symptome im Vordergrund stehen, beziehungsweise psychische Symptome in den Hintergrund treten." (Kielholz und Adams, 1988, S.149)

Larvierte Depression bedeutet also keineswegs eine Diagnose, sondern lediglich die phänomenologische Charakterisierung eines Zustandes, der auf Depression verdächtig ist. (Kielholz und Adams, 1988) Diese Diagnose wird heute kaum mehr verwendet, ist jedoch zum besseren Verständnis der Vielschichtigkeit des Phänomens Depressivität im Kindes und Jugendalter durchaus von Nutzen.

1.3 Symptomatik depressiver Störungen

Nissen (1989) gibt folgende Definition zur Symptomatik depressiver Kinder und Jugendlicher ab:

" Die Erkennung depressiver Syndrome bei Kindern ist deshalb so schwierig, weil sich ihre Symptomatik nach Geschlecht, Alter und Intelligenz wesentlich von der depressiver Erwachsener unterscheidet. (...). Die depressive Störung drückt sich vorzugsweise in Erziehungs- und Schulschwierigkeiten aus, weil dies die Berührungs- und Begegnungsstellen zwischen Erwachsenen und Kindern ist, in der feine Störungen am ehesten registriert werden." (Nissen, 1989, S.165-166)

Die Schwierigkeit dieses Ansatzes besteht vor allem darin, ein depressives Zustandsbild von anderen psychopathologischen Bildern eindeutig abzugrenzen. Wie soll man entscheiden, ob es sich bei einer aggressiven Handlung um ein verhaltensgestörtes Kind handelt, dem durch eine geeignete Behandlung am meisten geholfen werden kann oder ob diese Tat nur gesetzt wurde, um das Gefühl der Unterlegenheit und (kurzfristigen) Traurigkeit abzuwehren?

Die Frage nach der depressiven Symptomatik wird von verschiedenen Forschern (vgl. Nissen, 1989, Carlson & Garber, 1986, Kielholz & Adams, 1988) unterschiedlich beantwortet. Einig sind sie sich jedoch darin, daß sich klinisch relevante depressive Zustände in mehr als nur einer depressiven oder dysphorischen Verstimmung des Betreffenden äußern. Die gedrückte Stimmung wird dabei nur als ein (wenn auch sehr wichtiges) Symptom gesehen, das mit weiteren depressionsspezifischen Auffälligkeiten auftreten muß. (vgl. dazu Abschnitt 1.2)

1.3.1 Entwicklungsspezifische Symptomatik

Die klinischen Merkmale der Depression sind in Kindheit und Jugend aufgrund der raschen Entwicklung einer ständigen Veränderung unterworfen. Dennoch kann man einige typische Ausdrucksformen der Depression in gewissen Entwicklungsabschnitten festlegen (Graham, 1986).

Vorschule: In dieser Altersstufe ist es dem Kind noch nicht möglich depressive Gedanken und Gefühle zu äußern. Die depressive Symptomatik beschränkt sich hier weitgehend auf das Verhalten. Diese Kinder weinen viel, auch können sie Schlaf und Nahrung verweigern. Weiters zeigen sich in diesem Altersabschnitt überwiegend psychosomatische Merkmale (Kashani & Carlson, 1987).

Mittlere Kindheit / Schulalter: In dieser Altersstufe wird vor allem das gemeinsame Auftreten der depressiven Störung mit verschiedenen Formen der Angststörung verstärkt beobachtet. Kennzeichen einer depressiven Störung in diesem Alter sind weiters eventuelle psychosomatische Erkrankungen (Kopfweh, Bauchweh). Weiters werden Schulphobien, Lern- und Konzentrationsstörungen, Eß- und Schlafstörungen, sozial zurückgezogenes Verhalten vor allem gegenüber Gleichaltrigen und extreme Selbstkritik genannt (Reicher, 1998).

Adoleszenz: In diesem Alter ist die depressive Symptomatik der des Erwachsenenalters bereits sehr ähnlich. Die Jugendlichen klagen über Unlustgefühle, Schlaf- und Appetitstörungen, Energieverlust. Bei einer depressiven Störung in diesem Alter sind verstärkt Gefühle der Hoffnungslosigkeit, Nutzlosigkeit und Gedanken über eigenes Aussehen und Gesundheit zu bemerken. Etwa 80% der Jugendlichen mit einer diagnostizierten Depression berichten ebenfalls von erhöhter Gereiztheit (Reicher, 1997).

Ryan et al. (1987) konnten in einer empirischen Untersuchung weiters belegen, daß depressive Jugendliche, verglichen mit präpubertären Kindern signifikant ausgeprägtere Hypersomnie aufwiesen. Weiters waren Symptome wie Anhedonie, Hoffnungslosigkeit, Gewichtsverlust, Alkohol- und Drogenmißbrauch und Suizidalität häufiger als bei jüngeren Kindern.

Carlson & Kashani (1988) stellten einen Überblick über die altersspezifische Depressionssymptomatik auf, in dem Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Symptomatik erkennbar sind:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 4. Depressionssymptomatik in unterschiedlichen Altersgruppen (Carlson & Kashani, 1988)

1.3.2 ­Das depressive Kind in der Leistungssituation

In ihrem Artikel "Das depressive Kind in der Leistungssituation" führen H.-J. Friese und G.-E. Trott (1988) an,

"daß verschiedene Untersuchungen aus jüngerer Zeit ein gehäuftes Auftreten schulischer Leistungsstörungen bei depressiven Kindern und Jugendlichen konstatieren, ohne daß dabei die Art der Leistungsbeschränkung näher charakterisiert wurde." (Friese und Trott, 1988, S. 191)

Bei Untersuchungen, in denen depressive Kinder in der Leistungssituation getestet wurden, konnten folgende Ergebnisse erzielt werden:

- Beck und Mitarbeiter (1987) untersuchten Jugendliche mit Lern- und Entwicklungsstörungen. Dabei zeigten jene, nach den DSM-III-Kriterien als depressiv eingestuften Jugendlichen, eine leichte, nicht signifikante Überlegenheit im Handlungs- und Verbalteil des Hawie.
- Kashani et al. (1983) stellten anhand einer unausgelesenen Stichprobe Neunjähriger, die einer umfangreichen kognitiven Testbatterie unterzogen wurden, keine Leistungsunterschiede zwischen depressiven und nicht depressiven Kindern fest. Bei den zum Teil widersprüchlichen Ergebnissen ist die unterschiedliche Operationsleistung der Depression (klinische Diagnose vs. CDI-Score inklusive des Normbereichs) sowie das Untersuchungsdesign (Kontrollgruppe vs. Korrelations-analyse) zu berücksichtigen.

H.-J. Friese und G.-E. Trott (1988) führten an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Würzburg eine eigene Untersuchung durch. Dabei untersuchten sie 38 Kinder im Alter von 8‑12 Jahren, die sich zwischen 1982 und 1985 in stationärer Behandlung befanden und eine depressive Symptomatik aufwiesen.

Aus den zeitlich als nächstes zur stationären Behandlung gekommenen gleichaltrigen Kinder ohne depressiver Symptomatik wurde eine gleich große Kontrollgruppe zusammengefaßt.

In einem ersten Schritt wurden die depressiven Kinder anhand wissenschaftlicher Dokumentation gewonnener Daten hinsichtlich leistungsrelevanter, prämorbider Verhaltensparameter mit der Kontrollgruppe verglichen. Dabei zeigten sich lediglich signifikante Unterschiede im Schulbesuch. Die depressiven Kinder besuchten häufiger regelrecht die Schule, während die nicht depressiven Kinder der Kontrollgruppe häufiger eine Klasse wiederholen mußten, oder die Sonderschule besuchten.

Außerdem wurden geschlechtsspezifische Unterschiede dahingehend festgestellt, daß bei den männlichen Patienten signifikant häufigere schulische Leistungsstörungen und Störungen im Kindergarten festgestellt wurden. Eine depressionsspezifische Einschränkung der intellektuellen Leistungsfähigkeit ist aufgrund dieser Ergebnisse daher nicht anzunehmen.

In einem zweiten Schritt wurden die Testprofile aus den vorliegenden HAWIK und HAWIK-R Ergebnissen herangezogen. Es wurden die Leistungen in den einzelnen Subtests sowohl intergruppal verglichen, als auch intergruppal mit den Referenzstichproben verglichen.

In dieser Untersuchung konnten Friese und Trott (1988) folgende Erkenntnisse gewinnen:

- Depressive Kinder zeigen eine bedeutsame Diskrepanz zwischen Verbal- und Handlungsteil. Hier läßt sich nicht eindeutig Stellung beziehen, es scheinen aber Untertestunterschiede auf anderen Dimensionen relevanter zu sein
- Depressive Kinder zeigen als Folge ihrer psychomotorischen Verlangsamung in den Speedtests (Zahlensymboltest, Bilder ordnen, Mosaiktest, Figuren legen) geringere Leistungen als in den Powertests. Im HAWIK (alt) zeigt sich ein gegenteiliges Resultat, was allerdings mehr als Folge der subtest-spezifischen Normenverschiebung anzusehen ist. Im HAWIK-R ist die Differenz nicht signifikant.
- Depressive Kinder zeigen wegen ihrer geringen Konzentrationsfähigkeit schlechtere Leistungen im rechnerischen Denken, Zahlen nachsprechen, Zahlensymboltest. Im HAWIK (alt) ergeben sich unter Berücksichtigung der Untertestreliabilität signifikant schwächere Ergebnisse in den oben erwähnten Subtests Im HAWIK-R zeigt sich kein signifikantes Ergebnis, was eventuell auf die allgemein gesunkene Konzentrationsfähigkeit der Normpopulation zurückzuführen ist.
- "Depressive Kinder zeigen aufgrund ihrer affektiven Blockade und ihres sozialen Kompetenzdefizits Schwächen in Untertests mit hoher sozial-emotionaler Valenz (Bilder ordnen)." (Friese und Trott, 1988, S. 200)
- Depressive Kinder weisen aufgrund habitueller Mißerfolgserwartung und reduzierter Raisonabilität gegenüber positiv verstärkenden Ereignissen geringere Leistungen in Testaufgaben mit direktem Feedback (kontingenter Verstärkung) auf. Das Gesamtergebnis der entsprechenden Subtests ist nicht signifikant, weist aber in die entsprechende Richtung.

Einbeziehen der Lehrerurteile: Bei 25 % der Fälle liegt laut Meinung der Lehrer das generelle Leistungsvermögen depressiver Kinder auf dem gleichen bzw. über dem Niveau vergleichbarer Schüler, während bei 30 % der Beurteilungen das Leistungsvermögen unter dem Niveau der anderen Schüler lag. Die Unterrichtsbeteiligung wird generell als schlecht bezeichnet, auch verlangsamtes Arbeitstempo wird 13 x erwähnt.

1.4 Entstehungsbedingungen depressiver Störungen

Bei der Frage nach den Ursachen einer depressiven Störung herrscht Einigkeit darüber, daß es sich um ein multifaktoriell bedingtes Geschehen handelt. In diesen Modellen, wird davon ausgegangen, daß eine Vielzahl an Einflußfaktoren im Sinne von Risiko- bzw. Vulnerabilitätsfaktoren biologischer, umweltspezifischer und psychologischer Provenienz zur Entstehung depressiver Störungen beitragen kann. (Rossmann, 1993, Reicher, 1998)

Aufgrund der enormen Fülle an ätiologischen Modellen wird hier nur ein Ausschnitt an Erklärungsmodellen angeführt. Dieser erhebt keinesfalls Anspruch auf Vollständigkeit, sondern spiegelt vielmehr die Ansichten der Autorin wieder.

"Ein Großteil der aktuellen Modelle beruht auf Streß-Diathese-Hypothesen (Diathese= Krankheitsanlage in denen Wechselwirkungsprozesse zwischen belastenden Einflußfaktoren und Vulnerabilitätsfaktoren angenommen werden)."

(Reicher, 1998, S. 83)

Vereinfacht ausgedrückt, beziehen sich diese Modelle auf die Tatsache, daß das Vorhandensein von Risikofaktoren bzw. Stressoren allein noch keine depressive Reaktion auslösen. Erst wenn das Individuum eine "Vulnerabilität" aufweist, ist es verletzlich, und das Risiko für eine depressive Störung steigt beträchtlich.

Es gibt nach Rossmann (1993) eine Reihe an Faktoren, die als Risikofaktoren, bzw. Schutzfaktoren immer wieder genannt werden - einige davon sollen hier gezeigt werden:

- genetische Belastung – Depression der Eltern
- Stressoren – Verlusterlebnisse
- Erworbene Vulnerabilität
- Bewältigungsstrategien
- Schutzfaktoren
- Theorie der erlernten Hilflosigkeit
- Verhaltenstherapeutische Ansätze
- Neurobiologische Ansätze

Die aktuelle Befindlichkeit wird durch das komplizierte Zusammenspiel all dieser Faktoren bestimmt. Ab einem gewissen, noch nicht näher bestimmten Schwellenwert depressiver Befindlichkeit werden Funktionen des Zwischenhirns in Mitleidenschaft gezogen. Diese, in phylogenetischem Sinn sehr tief liegenden Strukturen beeinflussen das Erleben von Lust und Unlust, Schlaf, Appetit und Aktivation. Dies, so wird angenommen, führe letztlich zum Bild der klinischen Depression. (Rossmann, 1993)

1.4.1 Genetische Einflüsse

In der Familienanamnese depressiver Kinder finden sich häufiger als bei nicht depressiven Kindern, Verwandte, die selbst an einer depressiven Störung oder an anderen psychischen Störungen leiden.

Zahlreiche Zwillings- und Adoptionsstudien weisen auf eine genetische Komponente in der Depression hin. So wurde in einer Untersuchung von Kashani et al. (1981) eine Konkordanzrate von 76 % für affektive Störungen bei eineiigen Zwillingen und 19 % bei zweieiigen Zwillingen festgestellt. Auch Kinder depressiver Eltern, die von gesunden Eltern adoptiert wurden, zeigten eine erhöhte Rate an depressiven Erkrankungen.

Thapar und McGuffin (1994) konnten an 316 Zwillingspaaren feststellen, daß die Heritabilität in bezug auf Depressionsscores sehr hoch war (79%), jedoch haben genetische und umweltbezogene Faktoren für verschiedene Altersstufen ein unterschiedliches Gewicht: Während bei Jugendlichen die genetischen Faktoren ein größeres Gewicht zu haben scheinen, sind es bei jüngeren Kindern eher Umweltfaktoren.

1.4.1.1 Psychische Erkrankung der Eltern

Beardslee, Keller, Lavori, Klerman, Dorer und Samuelson (1988) berichteten in einem unausgelesenen Sample, daß ca. 30 % der Kinder von Eltern mit affektiven Störungen selbst affektive Störungen aufweisen, jedoch nur 2 % der Kinder mit Eltern ohne affektive Störungen, womit gezeigt wird, daß ein hoher Prozentsatz der Kinder depressiver Eltern auch unter depressiven Störungen leidet. Wie erklärt man nun diesen hohen Prozentsatz? Weintraub et al. (1986) versuchten eine mögliche Erklärung zu liefern, als sie aufzeigten, daß die soziale Kompetenz von Kindern depressiver Eltern schlechter ist, als die von Kindern gesunder Eltern. Depressive Eltern sind emotional weniger ansprechbar, da sie aber in den ersten Lebensjahren ihres Kindes dessen einzige Ansprechpartner sind, entwickeln diese Kinder oft abweichende emotionale Ausdrucksformen aufgrund der depressiven Störung der Eltern. Auch neigen depressive Eltern dazu, positive Äußerungen, auf die Depressive kaum reagieren, zu unterdrücken.

1.4.2 Verlust- und Trennungserlebnisse

Dazu gehören zu dem wohl schwerwiegendsten Verlust der Mutter oder des Vaters (bzw. einer nahestehenden Bezugsperson) durch Tod und/oder Trennung auch Verlusterlebnisse innerer Werte (Ziele, grobe Mißerfolge). Warum treten nun bei manchen Kindern nach Verlusterlebnissen Depressionen auf und bei anderen nicht?

Befunde aus der Verlust- und Seperationsforschung legen nahe, daß ein Schlüsselfaktor bei diesen sogenannten „exit events“ (Reicher, 1998) nicht der Verlust oder die Trennung an sich zu sein scheint, sondern die Tatsache, ob dieses Ereignis einen Mangel an Betreuung zur Folge hat.

„Es ist die Bedeutung von Lebensereignissen für ein Individuum, die für psychopathologische bzw. gesunde Anpassung relevant zu sein scheint und nicht die Tatsache des Auftretens per se“ (Reicher, 1998, S. 91)

1.4.3 Erworbene Vulnerabilität

Neben der ererbten, auf genetischem Weg übertragenen Anfälligkeit für depressive Zustandsbilder, scheint es auch bestimmte erworbene Verhaltensmuster und Stile zu geben, die eine erfolgreiche Bewältigung neuer und belastender Gegebenheiten weniger wahrscheinlich machen (Rossmann, 1993). Hier sind beispielsweise die bei Depressiven oft zu beobachtende pessimistische Grundhaltung zu erwähnen, die Beck et al. (1986) beschreiben - nämlich eine generalisierte negative Einstellung zu sich selbst, zur Umwelt und zur Zukunft.

1.4.4 Bewältigungsstrategien

Depressive Personen sind oft nicht in der Lage, einen Grund für ihre schlechte Befindlichkeit anzugeben. Dadurch wird aber auch die aktive Veränderung der belastenden Situation erschwert. Problembewältigungsverhalten (Copingverhalten) gilt als ein wichtiger Faktor, der zwischen Stressoren und dem Auftreten von Streßreaktionen vermittelt. Kinder und Jugendliche mit hohen Depressionsscores verfügen über eher mangelnde Problemlösefertigkeiten; Rückzug und Vermeidungstendenzen scheinen markante Merkmale ihres Umgangs mit Problemen zu sein. (Reicher, 1997, u.a.)

1.4.5 Protektive Faktoren

Es zeigte sich in mehreren Untersuchungen, daß nicht bei allen Kindern depressiver Eltern ein problematischer Entwicklungsverlauf festzustellen ist. Es scheint verschiedene Faktoren zu geben, die die Entwicklung depressiver Störungen verhindern und den Entwicklungsverlauf des Kindes günstig beeinflussen.

So fanden Beardslee und Podorefsky (1988) folgende protektive Faktoren, die Kinder depressiver Eltern widerstandsfähiger machten:

- das Vorhandensein supportiver Personen außerhalb der Familie
- gute Anpassung in Schule und Beruf
- eine aktive Grundhaltung, sie ließen sich von der negativen Grundhaltung der Eltern nicht überwältigen
- Abgrenzung gegenüber der Gefühle und Krankheitssymptome des depressiven Elternteils

Jede Art der gelungenen sozialen Integration scheint sich weiters günstig auf die Befindlichkeit der Kinder auszuwirken. Abgesehen von der unmittelbar angenehmen Wirkung ermöglicht das Gefühl der sicheren sozialen Einbettung den Kindern auch, anderweitige Belastungen leichter zu ertragen und/oder zu bewältigen. (Blöschl, 1987)

Aufgrund der Tatsache, daß sich depressive Kinder oft durch eine bemerkenswerte soziale Inkompetenz auszeichnen, (Rossmann, 1993) nimmt das Training sozialer Fertigkeiten eine wichtige Stellung in der psychologischen Behandlung depressiver Kinder ein. Die Fähigkeit wichtige soziale Kontakte zu knüpfen und aufrechtzuerhalten, scheint ein wichtiger protektiver Faktor zu sein.

1.4.6 Erlernte Hilflosigkeit - Attributionstheoretisches Depressionsmodell der Theorie der erlernten Hilflosigkeit

Stiensmeier-Pelster & Schürmann (1991) beschreiben dieses Modell so, daß Personen, die dazu neigen, negative Ereignisse bevorzugt auf internale, stabile und globale Ursachen zurückzuführen, in besonderem Maß depressionsgefährdet sind, sobald sie mit negativen Ereignissen konfrontiert werden.“

In einer empirischen Arbeit von J. Stiensmeier-Pelster und M. Schürmann (1991) wurde untersucht, ob sich diese Theorie auch auf die Erklärung der Depression im Kindes- und Jugendalter übertragen läßt. Diese Untersuchung wurde anhand von 265 Schülern der 5. Klasse Gymnasium durchgeführt. Als Ergebnis läßt sich zusammenfassen, daß das Attributionstheoretische Depressionsmodell der Theorie der erlernten Hilflosigkeit auch zur Erklärung der Depressionsgenese im Kindes- und Jugendalter beiträgt. Kinder und Jugendliche, die dazu neigen, negative Ereignisse bevorzugt auf globale oder stabile Ereignisse zurückzuführen sind besonders gefährdet, an einer Depression zu erkranken.

1.4.7 Verhaltenstherapeutische Ansätze

Einige der bedeutendsten Ansätze zur Depression bei Kindern und Jugendlichen sind die verhaltenstherapeutischen Ansätze von Lewinsohn (1974), Beck (1970) und Rehm (1977). Diese Ansätze sind zwar schon etwas älter, dienen aber heute noch als Grundlage der neuen Therapierichtungen.

1.4.7.1 Verstärkungspsychologischer Zugang von Lewinsohn (1974)

„Die Grundannahme des verstärkungspsychologischen Depressionsmodells besagt, daß die depressive Entwicklung mit massiven Verstärkungsverlusten und Verstärkerdefiziten d.h. mit massiven Reduktionen verhaltenskontingenter positiver Umweltrückmeldungen, in Zusammenhang steht.“ (Blöschl, 1988, S. 206)

Zahlreiche empirische Befunde belegen weiters, daß die Interaktion des Individuums mit seiner Umwelt und alle Probleme und Defizite, die sich daraus ergeben, für die depressive Störung von großer Bedeutung ist. (vgl. Lewinsohn, Youngren und Grosscup 1979, Blöschl 1984)

1.4.7.2 Kognitiv orientierte Zugang von Beck (1970)

Beck (1970) geht von der Annahme aus, daß negative kognitive Grundmuster im Bereich der Wahrnehmung, des Denkens und der Einstellung als Grundlage der depressiven Entwicklung zu sehen ist. Auch negativ verzerrte Sichtweisen in bezug auf die eigene Person, die Umwelt und die Zukunft. Belegt werden diese Annahmen durch empirische Untersuchungen von Beck und Rush (1978) und von Giles und Rush (1983).

Als Kombination von kognitiv-behavioralen Ansätzen ist hier der

1.4.7.3 Selbstkontrollansatz von Rehm (1977)

zu nennen. Rehm geht davon aus, daß die depressive Störung durch ein Zusammenwirken von mangelhaften kognitiven Regelmechanismen mit externalen Verstärkerverlusten im Vordergrund steht.

Diese Modelle wurden ursprünglich als Ausgangsposition zur Erwachsenendepression entwickelt. Erst seit Beginn der Achtzigerjahre wurde die Anwendung behavioraler und kognitiver Ansätze auf Depressionen im Kindes- und Jugendalter diskutiert. Eine Reihe von Untersuchungen bestätigen die Annahme, daß verhaltensorientierte und kognitive Ansätze auch im Kindes- und Jugendalter entsprechende Anwendung finden. In bezug auf verhaltenspsychologische Hypothesen zeichnet sich eine Häufung von Problemen und Defiziten in den Interaktionen depressiver Kinder und Jugendlicher mit ihrer familiären und außerfamiliären Umwelt ab. (Jacobsen, Latrey und Strauss, 1983)

1.4.8 Psychoanalytischer Ansatz von Reich (1991)

Reich (1991) beschreibt die Familien depressiver Kinder vor allem im psycho-analytischen Sinn als Familien mit starken Normorientierungen und einer äußerst rigiden Über-Ich-Struktur. Die intrafamiliäre Struktur scheint vorwiegend durch eine dominante Mutter und einen schwachen Vater gekennzeichnet zu sein.

In einer empirischen Arbeit, in der Reich (1991) sowohl eine „psychosomatische“ als auch eine „depressive“ Familie und deren Interaktionsmuster untersuchte, definierte er die Beziehungsäußerung der „depressiven Familie“ als deutlich negativer als in der „psychosomatischen Familie“. Die Mitglieder der „depressiven Familie“ unterbrechen einander auch weitaus häufiger. Die Affektivität in der depressiven Familie ist aggressiv gereizt.

1.5 Auftretenshäufigkeit depressiver Störungen im
Kindes- und Jugendalter

Um die Verbreitung depressiver Störungen abschätzen zu können, wurden speziell in englischsprachigen Ländern bereits einige epidemiologische Untersuchungen durchgeführt. (Fleming, Offord, 1990)

Im Vorschulalter treten ernste depressive Störungen sehr selten auf. Wenn solche festgestellt werden, dann handelt es sich meist um Kinder in chaotischen Familiensituationen, beziehungsweise um Kinder schwer drogenabhängiger Eltern (Rossmann, 1993). Kashani & Carlson (1987) konnten 9 von 1000 Vorschulkindern nach DSM-III als depressiv diagnostizieren.

Bei der Untersuchung größerer unausgelesener Gruppen von Kindern im Schulalter wurden Zustandsbilder, wie sie oben als „Major Depression“ beschrieben wurden, bei etwa 2% der Kinder festgestellt. Ausgeprägte Geschlechtsunterschiede scheinen in dieser Altersstufe noch nicht zu existieren (Rossmann, 1993).

Mit zunehmendem Alter der untersuchten Probanden nimmt auch die Häufigkeit der depressiven Störungen zu. Bei Jugendlichen liegt der Anteil der Probanden mit einer „Major Depression“ bereits um die 5%, wobei die Störungen bei Mädchen schon häufiger auftritt. Fleming und Offord (1990) setzten in ihrer zusammenfassenden Bewertung von 14 epidemiologischen Studien den Prävalenzwert zwischen 0,4% und 6,4% an.

Schuster (1997) berichtet eine Lebenszeitprävalenz für eine Major Depressive Episode von 12,8% in der Altersgruppe der 14 bis 24jährigen: ca. jeder Achte hat in seinem Leben schon einmal eine solche Episode erlebt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 5: Lebenszeitprävalenz depressiver Störungen von 14-24-Jährigen (Schuster, 1997)

Während bei Präadoleszenten keine signifikanten Geschlechtsunterschiede gefunden wurden, haben Studien mit Jugendlichen 2-3x höhere Depressionsraten und depressive Symptome bei Mädchen als bei Jungen erbracht (vgl. Anderson et al. 1987; Fleming, Offord & Boyle, 1989).

Petersen et al (1991) konnten zeigen, daß Mädchen in der 12. Schulstufe deutlich depressiver sind als Jungen, wobei die Geschlechtsunterschiede in der 8. Klasse aufzutreten beginnen und mit der Zeit zunehmen. Interessant ist weiters die Tatsache, daß je weniger schwer die Depression ausgeprägt war, um so häufiger trat sie bei den Mädchen auf (Fleming et al, 1989).

1.5.1 Verbreitung von Depression im Kindes- und Jugendalter

Bei strukturierten Interviews zeigte sich eine Prävalenz von:

- weniger als 1% bei Vorschulkindern (Kashani & Carlson, 1987)
- ~ 2% bei Kindern im Schulalter (Anderson, Williams, Mc Gee &Silva, 1987)
- 4,7 % bei Jugendlichen (Kashani et al, 1987)

Bei Selbstbeurteilungsfragebögen zeigten sich höhere Prävalenzen. Unter Verwendung des Beck Depression Inventory zeigten sich Depressionsraten, die von 8,6% bis 32 % reichten (Gibbs, 1985).

Depressionsraten, die auf der Depressionsskala des Centre for Epidemiologic Studies beruhen, sind ähnlich hoch und reichen von 33- 50 % (Schoenbach et al, 1982).

1.5.2 Risikoalter und Erstmanifestation

Die Prävalenz der Depression und depressiver Symptome nimmt mit dem Alter zu, die meisten Studien berichten höhere Raten der Depression bei Jugendlichen als bei Kindern. Beispielsweise erbrachte eine wiederholte Befragung der Zehnjährigen in der Isle-of-Wright-Studie nach vier Jahren, daß Depressionen um das Zehnfache zunahmen. (Rutter, 1986)

Mehrere Studien legen nahe, daß die erste Episode der Depression in der späten Kindheit oder der frühen Adoleszenz auftritt. Bei Jugendlichen aus der Normalbevölkerung war das Durchschnittsalter des Ausbruchs der Depression 14,3 Jahre. Ein früheres Ausbruchsalter wurde für klinische Stichproben berichtet, wobei das Durchschnittsalter für den Ausbruch elf Jahre betrug (Kovacs, Feinberg, Crouse-Novak, Paulaskas & Finkelstein, 1984).

In einer neueren epidemiologischen Studie an mehr als 1500 14-18jährigen beträgt das Erstmanifestationsalter 14,9 Jahre (Lewinsohn, Clarke, Seeley & Rohde, 1994). Die Zugehörigkeit zum weiblichen Geschlecht und Suizidaltendenzen sind jedoch mit einem niedrigeren Erstmanifestationsalter verknüpft.

1.5.3 Die Zunahme depressiver Syndrome in der Adoleszenz

Warum ist die Depression in der Adoleszenz häufiger als in der Kindheit, und warum wird sie heute häufiger diagnostiziert als früher? F. Alonso-Fernandez (1988) einige mögliche Erklärungsansätze.

„In der Kindheit zeigt sich die Depression nur Stück für Stück in einer fragmentarisch zerissenen Form. Die unterdrückte Form der Depression des Kindesalters nimmt im Jugendalter eine strukturiertere Form an, wie wir sie in vier Unterformen im Erwachsenenalter am häufigsten sehen: Den Lebensschmerz, begleitet von vermindertem Selbstwertgefühl und unangenehmen Körpersensationen, dem Verlust des Antriebs, der Energie und des Interesses, Einschränkungen der Kommunikation auf verschiedenen Ebenen und der zirkadianen Rhythmusstörungen.“ (Alonso-Fernandez, 1988, S. 34)

Die größte Bedeutung in der Erklärung dieses Anstiegs der Depression sieht Alonso-Fernandez in der Soziologie des Jugendalters. Durch den Wandel der Gesellschaft den er auch als Mutation bezeichnet und die längere Lebenserwartung der Menschen kommt es zu veränderten Lebensbedingungen auch für Jugendliche. Aufbrechende Familienstrukturen, eine techno-bürokratische Gesellschaft u.v.m. führen dazu, daß folgende soziologische Faktoren verstärkt auf die Psychobiologie der Jugendlichen einwirken:

- Modifikation der Familienstruktur,
- arbeitende Mütter,
- Macho-Drogenrituale,
- hohe Bevölkerungsdichte in den Städten.

Weiters tritt heute die Phase des Jugendalters, ohnehin belastet mit Traumen und Krisen, wesentlich früher ein und hält länger an. Diese Tatsache und die oben angeführten soziologischen Faktoren führen dazu, daß die Phase der Adoleszenz unharmonischer und turbulenter verläuft als früher. Die biologische und intellektuelle Reifung wird beschleunigt, während die soziale, emotionale und affektive Reifung verlangsamt wird. Dies führt zu massiven Problemen bei den Jugendlichen. Betrachtet man die klinischen und epidemiologischen Daten kleinerer Gruppen, so meint Alonso-Fernandez, daß man in Verbindung mit epidemiologischen Studien über Selbstmord im Kindes- und Jugendalter berichten kann.

Fraglich ist jedoch, ob diese Ergebnisse nicht nur abhängig vom Zeitpunkt der Erhebung sind. Es ist heute wesentlich leichter eine psychologische oder psychiatrische Beratung aufzusuchen als vor dreißig Jahren.

Viele Erwachsene geben an, in ihrer Jugend an Depressionen gelitten zu haben, die damals nicht erkannt wurden. Vor allem die Probleme in der Adoleszenz wurde extrem trivialisiert, indem ihre Schwierigkeiten als „normal für das Alter“ aufgefaßt wurden. Dabei war man sich der stillschweigenden Komplizenschaft der Jugendlichen sicher, die es nicht gewohnt waren, psychologische oder psychiatrische Hilfe zu suchen. Es hat sich herausgestellt,

"daß das Risiko, das Problem zu minimieren, sehr viel größer ist, als es zu psychiatrisieren.“ (Alonso-Fernandez, 1988, S. 34)

1.6 Zusammenfassung

In der Beschreibung der Depressivität finden sich anfangs eher uneinheitliche Definitionen. Erst langsam setzte sich das Bewußtsein einer eigenständigen kindlichen Depression durch, einer der ersten Vertreter auf diesem Gebiet war Nissen (1971, 1986).

Er definierte die kindliche Depression als eine eigenständige, von der Erwachsenendepression abweichende Krankheit. (Nissen, 1986) Auch in den klassischen Klassifikationssystemen DSM-IV und ICD-10 findet die Beschreibung der kindlichen Depression nur teilweise Eingang: Während im DSM-IV auf die entwicklungsspezifischen Merkmale der Depression im Kindes- und Jugendalter eingegangen wird, fehlen diese Spezifizierungen in der ICD-10 vollständig.

Bei der Symptomatologie der Depression in Kindheit und Jugend besteht die Problematik vor allem in der Abgrenzung von anderen psychischen Störungen. Gerade das Jugendalter ist von so vielen Störungen des Selbstwertes und der Befindlichkeit durchzogen, daß es oft schwierig ist, die Depression (oder depressive Verstimmung) zu diagnostizieren (Nissen, 1986) Dennoch lassen sich einige typischen Erscheinungs-formen der Depression im Jugendalter erkennen. Reicher (1997) beschrieb vor allem Schlaf- und Appetitstörungen, Energieverlust, Gefühle der Hoffnungslosigkeit, Nutzlosigkeit und Gedanken über eigenes Aussehen und Gesundheit. Weiters sind Symptome wie Anhedonie, Gewichtsverlust, Alkohol- und Drogenmißbrauch und Suizidalität häufiger als bei jüngeren Kindern. (Ryan et al., 1987)

Betrachtet man die beschriebenen Entstehungsbedingungen, so zeigt sich die durchgängige Ansicht mehrerer Autoren, daß es sich bei der Genese depressiver Störungen um ein multifaktorielles Geschehen handelt (Rossmann, 1993; Reicher, 1998, u.a.). Das Vorhandensein von mehreren Risikofaktoren bzw. Stressoren alleine löst jedoch noch keine depressive Reaktion aus, erst wenn ein Individuum eine Vulnerabilität aufweist, ist es verletzlich und das Risiko für eine depressive Störung steigt. Als Beispiele für die genannten Risikofaktoren seien hier biologische, verhaltenspsychologische und psychosoziale Erklärungsmodelle genannt.

Wie viele depressive Jugendliche gibt es nun tatsächlich? Untersuchungen haben gezeigt, daß die Häufigkeit depressiver Störungen mit zunehmendem Alter ebenfalls zunimmt. Fleming und Offord (1990) setzten in ihrer zusammenfassenden Bewertung von 14 epidemiologischen Studien den Prävalenzwert zwischen 0,4 und 6,4% an. Schuster (1997) berichtet von einer Lebenszeitprävalenz für eine Major Depressive Episode von 12,8% in der Altersgruppe der 14- bis 24-jährigen; ca. jeder Achte hat in seinem Leben bereits eine solche Episode erlebt. Das Erstmanifestationsalter liegt nach Lewinsohn, Clarke, Seeley & Rohde (1994) bei 14,9 Jahren, wobei die Zugehörigkeit zum weiblichen Geschlecht und Suizidaltendenzen mit einem niedrigeren Erst-manifestationsalter verknüpft sind.

Zusammenfassend kann man sagen, daß die Symptomatologie der Depression in Kindheit und Jugend differenziert zu betrachten ist. Sowohl entwicklungsspezifische Verhaltensweisen als auch altersspezifische (somatische) Symptomatik müssen berücksichtigt werden.

Ein einheitliches Erscheinungsbild der Depressivität (iS. von Neigung, Empfänglichkeit) im Jugendalter kann alleine durch die „verschieden motivierte“ Depressivität nicht gegeben sein. Sowohl das Bild des zurückgezogenen, introvertierten Jugendlichen, welches eher dem „Klischee“ des depressiven Jugendlichen entspricht, als auch der zornige, wütende, weil unverstandene Jugendliche stellen beide Varianten des depressiven Erscheinungsbildes dar. Verschiedene Therapie- und Interventionsmöglichkeiten zeigen meist nur dann Wirkung, wenn die Depression als multikausales Phänomen und nicht als isoliertes Krankheitsbild gesehen wird.

2. Angst

2.1 Theoretische Ansätze

2.1.1 Psychoanalytischer Ansatz

Der Beginn der systematischen wissenschaftlichen Erforschung der Angst kann in den ersten Arbeiten Sigmund Freuds (1893/1971a, 1895/1971b) gesehen werden. Freud unterschied zwischen dem aktuellen emotionalen Zustand (Angst) und dem als zugrundeliegend gedachten habituellen Persönlichkeitsmerkmal (Ängstlichkeit).

In seiner zweiten Angsttheorie konzipiert Freud Angst als ein psychisches Ereignis: Angst ist die kognitive Reaktion auf die Erwartung des Eintretens einer Gefahrensituation. Freuds Hauptinteresse bestand in der Erforschung der neurotischen Angst: Diese entsteht ,

"wenn das Ich Triebregungen aus dem eigenen Organismus, genauer aus dem Es als der bedürfnis- oder motivationalen Instanz der Persönlichkeit, wahrnimmt, deren Realisierung (auf Grund frühkindlicher Erfahrungen der Person) eine Beeinträchtigung des Organismus erwarten lassen." (Krohne, 1996, S.158)

2.1.2 Reiz-Reaktionstheorien

Innerhalb dieses theoretischen Konzeptes bestehen eine Fülle an Theorien. Watson (1919, 1928, zitiert nach Krohne, 1996) geht davon aus, daß Angst- und Furchtreaktionen im Sinne Pawlows klassisch konditioniert werden.

Mowrer (1960) und Miller (1951) untersuchten motivierende und verhaltens-verstärkende Funktion dieser konditionierten Reaktion.

Dieser Ansatz wurde von Dollard und Miller (1950, zitiert nach Krohne, 1996) weiterentwickelt und zu einer Theorie neurotischer Verhaltensstörungen formuliert.

Basierend auf den Annahmen dieser Autoren läßt sich das Persönlichkeitsmerkmal Ängstlichkeit als Bereitschaft eines Individuums auf eine Reihe von (im Prinzip nicht schädigenden) Reizen mit Furcht (bzw. Angst) zu reagieren, beschreiben.

2.1.2.1 Das State-Trait-Modell von Spielberger (1972) - Angst vs. Ängstlichkeit

Auf dieses Modell wird aufgrund seiner Relevanz für heutige Angsttheorien (Angst als Persönlichkeitsmerkmal vs. Angstemotion als Zustand) und aufgrund seiner Bedeutung für die vorliegende Arbeit in Folge näher eingegangen.

Spielberger (1972) beschrieb Angst als einen (mit bestimmten Situationsveränderungen intraindividuell variierenden, affektiven) Zustand, der durch erhöhte Aktivität des autonomen Nervensystems, sowie durch die Selbstwahrnehmung von Erregung, das Gefühl des Angespanntseins, ein Erlebnis des Bedrohtwerdens sowie durch verstärkte Besorgnis gekennzeichnet ist. (State)

Trait: Für das habituelle Persönlichkeitsmerkmal wird meist der Begriff Ängstlichkeit verwendet. Dieser Begriff bezeichnet nach Spielberger (1972) die intraindividuell relativ stabile, aber interindividuell variierende Tendenz (trait), Situationen als bedrohlich wahrzunehmen und hierauf mit einem erhöhten Angstzustand zu reagieren. So erleben einzelne (ängstliche) Personen bestimmte Situationen generell als bedrohlicher und reagieren entsprechend mit einem stärkeren Angstanstieg als andere (nicht-ängstliche) Personen.

Die zentralen Postulate Spielbergers (1972) lauten:

- Situationen, die vom Individuum als bedrohlich bewertet werden, lösen Zustandsangst ("state anxiety") aus. Diese wird definiert als ein vorübergehender emotionaler Zustand des menschlichen Organismus, der in Intensität und zeitlicher Erstreckung variieren kann.
- Die Intensität der Zustandsangst ist "proportional" der Stärke der Bedrohung, die von einer Person in einer bestimmten Situation erlebt wird.
- Die Dauer der Zustandsangst hängst von der zeitlichen Erstreckung der Bedrohungsbewertung ab.
- Hochängstliche Personen bewerten Situationen, die eine potentielle Herabsetzung ihres Selbstwertes involvieren (z.B. Leistungssituationen mit der Möglichkeit des Versagens) als bedrohlicher als nicht-ängstliche Personen.
- Ein Anstieg der Zustandsangst hat sowohl Trieb- als auch Stimuluscharakter. Er äußert sich entweder direkt im Verhalten oder löst solche "innerpsychischen" Mechanismen aus, die sich in der Vergangenheit im Hinblick auf eine Angstreduzierung als wirksam erwiesen haben.
- Bedrohliche Situationen, mit denen eine Person in der Vergangenheit häufiger konfrontiert wurde, führen zur Ausbildung bestimmter der Angstreduzierung dienender Bewältigungsmechanismen. (Spielberger, 1972)

Auch die vorliegende Arbeit befaßt sich mit dem Persönlichkeitsmerkmal Ängstlichkeit, und der daraus resultierenden Einschätzung und Bewertung einer subjektiv als bedrohlich empfundenen Situation.

2.1.3 Kognitions- und Handlungstheoretische Ansätze

Diese Theorien behandeln vor allem zentrale kognitive Strukturen, die das Verhalten steuern sollen:

2.1.3.1 Angstkontrolltheorie von Epstein (1972)

Seine Theorie basiert auf psychophysischen Konzepten, die zentralen Begriffe seiner Theorie sind Erregung und Hemmung bzw. Kontrolle. Angst wird als Spezialfall der Erregung angesehen. Diese Theorie stellt noch einen starken Bezug zu den reiz-reaktionstheoretischen Modellen her.

Den Bezug zu dem Begriff "Ängstlichkeit" stellt Epstein wie folgt her: Personen unterscheiden sich im Aufbau eines modulierten Angstkontrollsystems - sie sind unterschiedlich weit fortgeschritten darin. Individuen, die sich auf ein moduliert arbeitendes System stützen können, haben von den Erfahrungen vergangener angstauslösender Hinweisreize bezüglich Intensitäts- als auch Hinweiskomponente gelernt. Personen, die auch nach wiederholter Konfrontation mit bestimmten Stimuli immer noch unmoduliert (d.h. mit starker Erregung oder Flucht) reagieren, haben in dieser Hinsicht wenig gelernt und verhalten sich "unerfahren". Epstein spricht in diesem Zusammenhang von "Abnormer Angstkontrolle".

2.1.3.2 Erweiterte Streßbewältigungstheorie von Lazarus (1991)

Nach dem Ansatz von Lazarus ist Angst ein möglicher Begleitzustand eines gefahrenbezogenen Informationsverarbeitungsprozesses, ein Korrelat von Streß.

In der Erweiterung seiner ursprünglichen Theorie beschreibt Lazarus (1991) Streß weder als eine spezifische Reizgegebenheit noch als ein bestimmtes Reaktionsmuster, sondern als eine Beziehung zwischen Umwelt und Person. Durch die der Emotionsauslösung vorangehende Bewertungsvorgänge macht Lazarus deutlich, daß diese Teil der Emotion sind.

Dies führt zur Kernaussage seiner Theorie: Der Mensch sucht Situationen nach möglichen Bedrohungen ab. Ob diese aber als bedrohend erlebt werden, hängt von den subjektiven Werthaltungen der Person ab. Sie reagiert also nicht auf die objektive Situation, sondern auf die subjektiv erlebte.

Anfangs stellt sich nun die Person die Frage, ob eine Bedrohung vorliegt ("primary appraisal"), daran schließen sich Überlegungen an, wie man die Bedrohung abbauen könnte ("secondary appraisal"). Darauf reagiert die Person mit Maßnahmen, um die Bedrohung abzubauen ("coping"). Ob diese Coping-Strategien nun erfolgreich waren oder nicht, wird schließlich in einer Neubewertungsphase ("reappraisal") entschieden, welche direkt zur Ausgangsfrage führt. Wird nun die persönliche Handlungskompetenz in der Bedrohungssituation als subjektiv negativ eingeschätzt, entsteht Angst.

2.1.3.3 Theorie der Angstabwehr von Krohne (1975)

Krohne geht ebenfalls von der subjektiven Bewertung einer Situation durch die Person aus. Er bezeichnet Angst als „Konsequenz erfolgloser Angstverarbeitung“ (Krohne, 1975, S.11) Krohne geht in seiner Theorie davon aus, daß für den Fall, daß das Individuum keine adäquaten Interpretationsschemata für entsprechende Umweltvorgänge zur Verfügung hat, es auch keine Antwort auf die Frage, was geschehen wird, ob etwas überhaupt geschehen wird und was dagegen getan werden kann, hat. Dadurch entsteht Angst.

Auch Krohne (1975) unterscheidet zwischen den Begriffen Angst als Zustand und Ängstlichkeit als Persönlichkeitsmerkmal, in dem ein Individuum Ereignisse vorzugsweise als Bedrohung kogniziert

2.1.3.4 Kontrollprozeßtheorie von Carver und Scheier (1990)

Abschließend sei noch das Modell von Carver und Scheier erwähnt, welches insbesondere zur Erklärung des Problemlöse- und Bewältigungsverhaltens in Leistungssituationen geeignet scheint. Die Autoren zeigen eine Reaktionskette, die bei dispositionell Ängstlichen einen typischen Verlauf nimmt:

Wenn immer es zu einer Unterbrechung der Anstrengungen zur Aufgabenlösung kommt, sei es durch versagende Selbstregulation oder als Folge momentaner Erregung, und dadurch die Aufmerksamkeit von der zu lösenden Aufgabe abgezogen wird, dann käme es bei dispositionell ängstlichen Personen verstärkt zu negativen Konsequenzerwartungen, Zweifel und einer daraus entstehenden Tendenz zum Rückzug.

2.2 Angst im Kindes- und Jugendalter

Ängste sind im Kindes- und Jugendalter weit verbreitet. Nissen (1995) bezeichnet Angst als eine normale, für die Entwicklung eines Kindes notwendige Gefühlsqualität. Die völlige Abwesenheit von Angst kann auf eine psychische Störung hinweisen.

„Von einer pathologischen Angst im Kindesalter sprechen wir, wenn Grad und Dauer einer Angstreaktion in einem groben Mißverhältnis zu realen oder angeschuldigten Ursachen stehen und eine Tendenz zur Ausbreitung und Chronifizierung besteht.“ (Nissen, 1995, S.11)

2.2.1 Auftretenshäufigkeiten und Angstinhalte

Ausgeprägte Angstsyndrome wurden in Deutschland (Schmidt, 1991) bei 10-15 % der Grundschulkinder und bei 5-10 % der Jugendlichen identifiziert. In den USA fanden Lapouse und Monk (1958, zitiert nach Nissen, 1995) schon 1958 bei 43 % von 482 Kindern „many fears and worries“ mit einer Relation von 50 % : 36 % von Mädchen zu Jungen und einer höheren Prävalenz bei Kindern aus ungünstigen Sozialschichten.

Kashani und Orvaschel (1988) ermittelten unter 150 Jugendlichen im Alter von 14 bis 16 Jahren bei 17 % DSM-III relevante Angstsyndrome, darunter 8,7 % behandlungsbedürftige Angstsyndrome.

In einer weiteren Untersuchung von Kashani und Orvaschel (1990), wurden 210 Kinder (105 männl., 105 weibl.) im Alter von 8, 12, 17 Jahren untersucht.

Dabei kamen folgende Testinstrumente zum Einsatz:

Child Assessment Schedule

Parents Assessment Schedule

Selbstbefragungsschema

Ergebnis der Studie:

Bei 8-Jährigen standen eher Trennungsängste im Vordergrund, während bei den 12- und 17-Jährigen soziale Ängste dominierten, Trennungsängste jedoch kaum mehr angetroffen wurden. Phobische Störungen waren in den 3 Gruppen annähernd gleichermaßen vertreten.

Hervorzuheben ist allerdings die Tatsache, daß die Angstsymptome mit dem Alter zwar variierten, die Prävalenz der Angstkategorien jedoch gleich blieb. Weiters hatten die ängstlichen Kinder und Jugendlichen signifikant häufiger Probleme in der Familien und mit Freunden und Mitschülern.

2.2.2 Entwicklungsspezifische Symptomatik von Angststörungen

Die Psyche des Neugeborenen kann nur mit Einschränkungen als eine tabula rasa betrachtet werden. Sie ist nicht homogen, sondern individuell vorbestimmt. Nicht in dem Sinne, daß bestimmte Gestalten und Figuren festliegen, aber es gibt Punkte und Linien, die sich auf leichte Außenreize rascher verbinden und verfestigen, während andere sich auch stärkeren Reizen länger und dauernd widersetzen. Angst, zunächst nur diffus, später strukturiert, gehört a priori zur Ausstattung des Menschen. Dabei dürfte ihr individuelles Quantum zum konstitutionellen Inventar gehören, während ihre Qualität überwiegend von der Biographie abhängig sein dürfte.“

(Nissen, 1995, S.12, 13)

2.2.2.1 Schema entwicklungsspezifischer Angstinhalte (nach Nissen, 1971)

Bei grober Vereinfachung läßt sich sagen, daß im Vorschulalter Ängste vor Trennungen von der Mutter und der gewohnten Umgebung, vor Fremden, Tieren und Märchenfiguren (Hexen und Riesen) dominieren.

Im Schulalter stehen neben allen Formen der Schulverweigerung (Phobien, Befürchtungen, Schwänzen) Angst- und Alpträume mit furchteinflößenden Personen und Tagesresten im Vordergrund.

Im Jugendalter manifestieren sich reale und existentielle Ängste, die sich zu Angstanfällen verdichten können oder an einer Etablierung anderer Neurosen beteiligt sind und zur Komorbidität führen können.

Der Zeitpunkt, zu dem ein Mensch – als Fetus, Neonatus oder Säugling – erstmalig Angst empfindet, ist ungewiß. Sicher ist, daß das intrauterine Leben keine spannungsfreie Periode darstellt. Es liegen zahlreiche Beobachtungen über fetale psychische Reaktionen vor, deren Effekte sich noch nach der Geburt nachweisen lassen. (Bürgin, 1984)

2.2.2.2 Phobien

Phobien kommen bei Kindern relativ häufig vor. Bei Kleinkindern beschreibt Nissen (1995) hier vor allem die Angst vor Tieren (v.a. Hunde), fremden Menschen, eine unüberwindliche Abneigung gegenüber bestimmten Nahrungsmitteln oder Gerüchen, Furcht vor Wasser, Feuer, Dunkelheit. Solche an sich harmlose Durchgangssymptome können verstärkt und fixiert werden, wenn es den Eltern nicht rechtzeitig gelingt, sie möglichst früh zu beseitigen.

Bei Kindern und Jugendlichen mit reinen Angstsymptomen sind diffuse Ängste, die sich in Angstanfällen und Panikattacken oder in umschriebenen Phobien manifestieren, leicht erkennbar.

2.3 Leistungsängstlichkeit

2.3.1 Definition von Leistungsängstlichkeit

Seipp (1991) weist auf eine wesentliche Trennung zwischen Allgemeiner Angst und Leistungsangst hin, wobei letztere als situationsspezifische Angst von Personen, die Leistungsanforderungen gegenüberstehen, definiert ist. Allgemeine Angst umfaßt demgegenüber unspezifische Bedrohung sowohl der körperlichen Unversehrtheit als auch des Selbstkonzepts.

Auf der zeitlichen Ebene wird zwischen Ängstlichkeit und Angst als akutem Zustand unterschieden. So beschreibt Seipp (1991) (Leistungs-)Ängstlichkeit als latente Bereitschaft auf Leistungs- und Bewertungssituationen, mit Angst zu reagieren.

Schwarzer (1993) führt als weithin akzeptierte Definition folgendes an:

„Leistungsangst ist die Besorgtheit und Aufgeregtheit angesichts von Leistungsanforderungen, die als selbstwertbedrohlich eingeschätzt werden. Diese Definition enthält Merkmale der Auslösesituation („Leistungsanforderungen“), der subjektiven Einschätzungsprozesse („Selbstwertbedrohung“) und der sich daran anschließenden Kognitionsinhalte („Besorgtheit und Aufgeregtheit“).“

(Schwarzer, 1993, S. 105)

In der deutschsprachigen Angstforschung finden sich parallel verwendete Termini wie Schulangst, Prüfungsangst, Leistungsangst. In der vorliegenden Arbeit werden die Begriffe Schulangst, Leistungsangst, Prüfungsangst als Synonyme verwendet, besondere Neudeutungen und Differenzierungen sind durch die Verwendung dieser Begriffe nicht intendiert. Ebenso sei an dieser Stelle auf den Begriff der Leistungsängstlichkeit hingewiesen, der als Bereitschaft mit Angst zu reagieren beschrieben wird. Diese Bereitschaft ist auch Untersuchungsgegenstand der vorliegenden Untersuchung.

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Details

Seiten
207
Jahr
2000
ISBN (eBook)
9783638103664
ISBN (Buch)
9783638690744
Dateigröße
1018 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v535
Institution / Hochschule
Universität Wien – Institut für Psychologie
Note
sehr gut
Schlagworte
Depression Jugendalter Berücksichtigung Komorbidität Angst Aggression

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Titel: Depression im Jugendalter. Komorbidität: Zwischen Angst und Depression und Aggression und Depression