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Der Wechsel vom gedruckten zum digitalen Text. Die sozialen Folgen der Medienwechsel

Hausarbeit 2019 12 Seiten

Medien / Kommunikation - Forschung und Studien

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Beginn des Buchdrucks und soziale Folgen

3. Einführung von digitalen Texten und soziale Folgen

4. Vergleich der Wechsel und Bedeutung für die Literaturwissenschaft

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die einschlägige Forschungsliteratur unterscheidet zwischen vier fundamentalen Veränderungen in der Informationstechnologie seit Menschen sprechen können. Zunächst erlangten Menschen ungefähr 4000 v. Chr. die Fähigkeit, zu schreiben. Ab dem 4. Jahrhundert wurden Schriftrollen durch Kodexe ersetzt, was die Struktur des Inhalts, die Art zu lesen und letztlich die Verbreitung der überwiegend christlichen Inhalte revolutionierte. Im 15. Jahrhundert wurde die Druckerpresse erfunden und gedruckte Texte lösten handschriftliche Manuskripte nach und nach ab. Die vierte Veränderung begann je nach Messung mit dem Beginn des Internets 1974 oder dem öffentlichen Zugang zu diesem in den 1990er Jahren1. Diese Arbeit befasst sich mit dem Wechsel von handschriftlichem zu gedrucktem Text, der Einführung von digitalem Text und den sozialen Folgen dieser beiden Veränderungen. Es erfolgt eine Untersuchung der Fragestellung, inwiefern sich Parallelen zwischen den sozialen Folgen des Medienwechsels von Handschrift zum Buchdruck und vom Druck zu digitalen Medien aufzeigen lassen. Abschließend wird die Bedeutung der erarbeiteten Aspekte für die Literaturwissenschaft dargelegt.

Je nach Epoche variiert die dominante Erscheinungsform des Textes. Daher werden einige Medien wie das Buch oder Zeitungsartikel im Besonderen diskutiert, während der Einfluss von Text im Allgemeinen die Maßgabe zur Orientierung bleibt. Anhaltspunkt für die Forschungsfrage sind Erkenntnisse der Forschungsliteratur, dass sich die Organisation von Wissen und die soziale Funktion von Schrift im 15. Jahrhundert auf eine ähnliche Weise veränderten, wie es aktuell durch elektronische Medien der Fall ist2. Zur Beantwortung der Forschungsfrage werden zunächst beide Medienwechsel im Einzelnen betrachtet (Kap. 2, 3). Nach einem kurzen geschichtlichen Abriss erfolgt jeweils die Betrachtung der sozialen Folgen für die jeweils herrschende Informations- und Kommunikationsstruktur der Gesellschaft. Anschließend werden mögliche Parallelen der beiden Schriftwechsel und die Bedeutung für die Literaturwissenschaft herausgearbeitet (Kap. 4). Zuletzt erfolgt eine abschließende Betrachtung der Ergebnisse mit Rückschluss auf die Forschungsfrage (Kap. 5).

2. Beginn des Buchdrucks und soziale Folgen

Hinsichtlich der Fragestellung sollen zunächst die sozialen und politischen Folgen der Einführung des Buchdrucks dargelegt werden. Hierzu wird maßgeblich ein Kapitel des Werks „Der Buchdruck der frühen Neuzeit: Eine historische Fallstudie über die Durchsetzung neuer Informations- und Kommunikationstechnologien“3 von Michael Giesecke herangezogen. Die Monografie erschien 1991 und gilt als eines der wichtigsten deutschsprachigen Werke zum modernen Buchdruck. Zur Begriffsbildung gehört hier eine Kontextualisierung: Der nachhaltige Wechsel von handschriftlichen Manuskripten zu bedruckten Medien begann im 15. Jahrhundert mit Johannes Gutenberg und seiner Erfindung der Druckerpresse4. Wenngleich die Technologie des Druckens in den folgenden Jahrhunderten einem immerwährenden Fortschritt unterliegt, bleibt das Prinzip, das hinter dem Begriff des modernen Buchdrucks steht, gleich. Beim Werk Gieseckes handelt es sich um eine Beschreibung des Informations- und Kommunikationssystems der Gesellschaft des 15. und 16. Jahrhunderts, welches durch die Technologie der beweglichen Metalllettern und der Druckerpresse hervorgebracht wurde. Ziel sei „eine theoretische Modellierung des Phänomens ,Buchdruck‘“5. Teil dessen ist unter anderem eine sozialkritische Bestandsaufnahme der Verluste, welche die Einführung des modernen Buchdrucks mit sich gebracht hat.

Eine der maßgeblichen Veränderungen, die durch die Möglichkeit des Druckens herbeigeführt wurde, betrifft die vermehrte Anzahl an Schriftstücken, die folglich auf dem Markt zu geringen Preisen verfügbar waren. Giesecke spricht von einem Überfluss der Bücher6 mit verschiedenen Folgen. Die ständische mittelalterliche Ordnung hielt dem Beginn der Buchproduktion nicht stand. Vor dem Beginn des Buchdrucks waren nur geringe Teile der Gesellschaft alphabetisiert. Die Überflutung des Markts mit Büchern und Schriften, zu denen jeder Zugang hatte, bedeutete eine Erweiterung des Informations­und Kommunikationssystems. Menschen außerhalb des gehobenen Standes erlangten Zugang zu Wissen und die Alphabetisierung der Gesellschaft schritt fort. Besonders kirchliche Institutionen nahmen dies als Anlass zur Kritik am Buchdruck: Auch Ungelehrte können sich nun heilige Schriften wie die Bibel leisten und es besteht die Gefahr, dass diese aufgrund ihres geringeren Bildungsstands falsche Schlüsse aus den Lehren ziehen7.

Doch nicht nur Lesen war bis zum 15. Jahrhundert den Gelehrten hohen Stands vorenthalten: Auch Schreiben galt als „Amt, zu dem man ähnlich wie in den Predigerstand berufen sein muß“8. Diese Standesordnung wurde durch die Einführung des Buchdrucks aufgelöst. Größere Teile der Gesellschaft konnten schreiben und wer schreiben konnte, konnte gedruckt und publiziert werden. Kritische Stimmen forderten, dass das Lesen und Schreiben von Büchern der Standesordnung unterworfen bleiben soll. Dennoch entwickelte sich das Schreiben und Lesen zu einer allgemeinen Kulturtätigkeit und konnte nicht mehr als Standesmerkmal oder besondere Qualifikation betrachtet werden.

Die Entwicklung des Buchdrucks bildete außerdem die Grundlage für politische Veränderungen mit Einfluss auf das soziale Gefüge. Aufgrund der nichtexistenten Präselektion von Schriftstücken, die gedruckt wurden und den vorab erläuterten sozialen Entwicklungen hatten nahezu alle Menschen die Möglichkeit, ihre Meinung aufzuschreiben und zu veröffentlichen. Die Technisierung der Informationsmedien ermöglichte den Meinungsaustausch über Standesgrenzen hinweg9. Der Druck ermöglichte außerdem den Aufbau von Verwaltungen, was demokratische Prozesse förderte. Im Gegensatz zu Handschriften waren bedruckte Medien ein Garant für Anonymität. Dies und die zunehmende Alphabetisierung der Gesellschaft ermöglichte geheime Wahlen und die zunehmende Teilnahme der Menschen an Entscheidungsprozessen.

Mit Blick auf die Fragestellung dieser Arbeit lässt sich somit sagen, dass der Buchdruck die soziale Umwälzung beschleunigte10. Eine These in der Forschungsliteratur besagt außerdem, dass die Einführung des Drucks die Grundlage für politische demokratische Entscheidungsformen bildete11, was von den Ausführungen in diesem Kapitel gestützt wird.

3. Einführung von digitalen Texten und soziale Folgen

Die Geschichte von elektronischem Text ist eng mit der Entwicklung von Computern und dem world wide web verknüpft. Während der 1970er Jahre entwickelten sich Computer von rein numerisch-mathematisch arbeitenden Geräten hin zur Ermöglichung der Nutzung von Schreibprogrammen, mittels derer elektronischer Texte erstellt und gespeichert werden konnten. Gleichzeitig entstand ein Markt für Computer, die sich Einzelpersonen leisten und privat nutzen konnten12. Seit 1990 ist das Internet für die Öffentlichkeit nutzbar, was zu einer großen Anzahl plötzlich verfügbarer elektronischer Texte führte. Publizierende konnten neben Buchläden den Online-Markt erschließen und in den 1990er Jahren erschienen sowohl die ersten elektronischen Bücher als auch die ersten e-book-reader auf dem Markt13.

Ähnlich wie die Einführung des Buchdrucks kann auch der Wechsel zu digitalen Medien auf verschiedenen Ebenen diskutiert werden. Hinsichtlich der Fragestellung dieser Arbeit konzentriert sich das vorliegende Kapitel auf die sozialen Folgen der Einführung von elektronischen Texten. Ähnlich wie im 15. Jahrhundert existieren seit den 1990er Jahren eine Vielzahl kritischer Stimmen, die das Buch als Medium vom digitalen Fortschritt bedroht sehen. Tatsächlich beruft sich die Diskussion oft explizit auf den Beginn des Buchdrucks und weist auf die gravierenden gesellschaftlichen Folgen hin, welche dieses Ereignis hatte: Die Vergangenheit zeigt, dass eine Kommunikationstechnologie dazu fähig ist, eine andere vollständig abzulösen und tiefgreifende Veränderung in einer Gesellschaft hervorzurufen14.

Viele Ausführungen der Forschungsliteratur betrachten den technischen Fortschritt als Befreiung für sowohl LeserInnen als auch AutorInnen. LeserInnen können sich freier im digitalen Text bewegen als in einem gedruckten Buch und AutorInnen können auf individuelle Weise schreiben und veröffentlichen, ohne zwangsläufig den klassischen Weg über die Anerkennung von Verlagen gehen zu müssen. Gedruckte Bücher seien im Vergleich zu digitalisierten Texten innerhalb eines frei zugänglichen Netzwerks ein „Gefängnis für Information“15. Andere sind der Ansicht, dass mit dem gedruckten Buch sowohl der Genuss am Lesen als auch das Streben nach Weisheit verloren gehen: Statt gezielt in einem Buch nach einer Information zu suchen, würden LeserInnen sich auf den Überfluss an Informationen im Internet verlassen und sich dort eher ziellos ,von Seite zu Seite klicken‘. Das Buch wird als wichtige, definierende Norm in der Gesellschaft angenommen, was die fortschreitende Veränderung dieses bewährten Systems zu einer Bedrohung macht16.

[...]


1 Darnton: The Research Library in the Digital Age, S. 367.

2 Müller: Der Körper des Buchs, S. 224.

3 Giese>

4 Das Drucken von Buchstaben geht bis ins 8. Jahrhundert zurück, jedoch erfolgte der Druck manuell mit einzelnen Lettern. Aufgrund des Aufwands waren die Methoden bis zur Erfindung der Druckerpresse im 15. Jahrhundert nicht massenfähig.

5 Gise>

6 Ebd., S. 171.

7 Ebd.

8 Ebd., S. 173.

9 Ebd., S. 185f.

10 Ebd., S. 174.

11 Ebd., S. 186.

12 Bath/ Schofield: The digital book, S. 425.

13 Ebd., S. 426.

14 Ebd., S. 428.

15 Ebd.

16 Ebd., S. 429.

Details

Seiten
12
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783346118974
ISBN (Buch)
9783346118981
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v535526
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – IDSL1
Note
1,3
Schlagworte
Medienwechsel Buchdruck Digital neue Medien
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Titel: Der Wechsel vom gedruckten zum digitalen Text. Die sozialen Folgen der Medienwechsel