Lade Inhalt...

Sexueller Missbrauch von Minderjährigen. Präventionsmaßnahmen in der Grundschule

Hausarbeit (Hauptseminar) 2017 18 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Soziologie

Leseprobe

I nhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Allgemeines
2.1. Terminologie
2.2. Sexualisierte Gewalt, sexueller Missbrauch, Grenzverletzungen und sexuelle Übergriffe
2.3. Prävention
2.3.1. Traditionelle vs. moderne Präventionsansätze
2.3.2. Klassifizierung von Prävention in Primär-, Sekundär- und Tertiärprävention

3. Anforderungen an die Lehrperson

4. Prävention in der Grundschule
4.1. Grundvorraussetzungen
4.2. Inhaltliche Schwerpunkte
4.3. Von der Theorie zur Praxis – Möglichkeiten der praktischen Umsetzung

5. Fazit

6. Anhang

7. Literaturverzeichnis

8. Internetverzeichnis

9. Abbildungsverzeichnis

Universität Erfurt

Seminar: Studium Fundamentale: Sexueller Missbrauch von Minderjährigen im Kontext von

Institutionen: Rechtslage – Hintergründe - Präventionsmaßnahmen

Sommersemester 2017

1. Einleitung

Obwohl es den sexuellen Missbrauch schon immer gegeben hat, galt diese Thematik lange Zeit in der Gesellschaft und in den Fachbereichen als Tabuthema. Erst zu Beginn der 1980´er Jahre rückte die Thematik mehr und mehr in die Öffentlichkeit. Ein 7,5 fachen An- stieg von Publikationen konnte verzeichnet werden.1

Seither stehen sexuelle Übergriffe auch auf der politischen Tagesordnung und stellen kein Tabu mehr dar. Skandale wie die Regensburger Domspatzen, die Odenwaldschule, Fußball- vereine in England aber auch tägliche Berichte in den Tageszeitungen und Nachrichten ge- ben einen kleinen Einblick über öffentliche Diskussionen.

Im Jahr 2016 wurden in Deutschland 26.508 Fälle von sexuellem Missbrauch polizeilich er- fasst, davon sind 14.051 Kinder unter 14 Jahre alt (siehe Anhang Abb. 1.).2 Dabei handelt es sich lediglich um die polizeilich erfassten Missbrauchs-Straftaten. Es ist davon auszugehen, dass die Dunkelziffer deutlich höher liegt und somit das reelle Ausmaß im Verborgenen bleibt. Fakt ist anhand der Zahlen des Bundeskriminalamtes dennoch, dass der Großteil der Opfer sich im Vor- und Grundschulalter befindet.

Genau an dieser Stelle möchte ich als angehende Grundschullehrerin die Notwendigkeit von Präventionsarbeit, speziell die des sexuellen Missbrauchs in Grundschulen verdeutlichen. Als erstes werde ich bestimmte Begrifflichkeiten erläutern, die im Zusammenhang mit der Thematik als Prämisse anzusehen sind. In Folge dessen wird auf die Prävention sowohl his- torisch als auch kategorisch näher Bezug genommen, um anschließend explizit auf inhaltli- che Schwerpunkte, Ziele und auf die praktische Umsetzung von Präventionsarbeit in der Grundschule einzugehen. Die aufgezeigten Möglichkeiten beruhen auf aktuellen For- schungsergebnissen.

Angesichts der Fülle von Informationen und Möglichkeiten der Thematik sind Einschränkun- gen erforderlich. Ich beziehe mich ausschließlich auf Kinder des Grundschulalters in Deutschland und absentiere mich dabei auch von inkludierten Kindern. Internationale Einbli- cke werden nur aufgrund aktueller Forschungsergebnisse hinzugeführt.

Im Fazit wird der Versuch unternommen meine eingangs aufgestellte These zur Legitimation der Präventionsarbeit über sexuellen Missbrauch in der Grundschule darzulegen.

2. Allgemeines

2.1. Terminologie

Bevor ich mich dem inhaltlichen Schwerpunkt meiner Hausarbeit widme, möchte ich zu- nächst auf ein paar terminologische Begrifflichkeiten verweisen. Ihre Bedeutungen und Ab- grenzungen stellen für die präventiven Maßnahmen eine unabdingbare Voraussetzung dar. Aufgrund des begrenzten Umfangs der vorliegenden Hausarbeit, können leider die nachfol- genden Fachbegriffe nicht ausführlich kritisch betrachtet werden und beschränken sich daher auf ihren allgemeingültigen Sinngehalt.

2.2. Sexualisierte Gewalt, sexueller Missbrauch, Grenzverletzungen und sexuelle Übergriffe

Sexualisierte Gewalt meint jede sexuelle Handlung, die an oder vor einem Kind entweder gegen dessen Willen vorgenommen wird oder wenn das Kind aufgrund körperlicher, psychi- scher, kognitiver oder sprachlicher Unterlegenheit nicht wissentlich zustimmen kann. Der Täter3 nutzt seine Macht- und Autoritätsposition aus, um seine eigenen Bedürfnisse auf Kos- ten des Opfers zu befriedigen.

Auf der körperlichen Ebene kann sich sexuelle Gewalt z.B. in Küssen, unangemessenen Berührungen sowie durch die verschiedenen Formen der Vergewaltigung äußern.

Auf der psychischen Ebene gehören u.a. anzügliche Bemerkungen über den Körper des Kindes, unangemessene Gespräche über Sexualität oder auch das Zugänglichmachen und Zeigen von erotischen und pornographischen Erzeugnissen sowie exhibitionistische Verhal- tensweisen dazu.4 Wesentlich bei dieser Definition ist, dass eine Person die Unterlegenheit des Kindes ausnutzt um die eigenen sexuellen Bedürfnisse befriedigen zu können.

Die Verwendung des Ausdrucks sexueller Missbrauch ist mit dem Begriff der sexualisierten Gewalt gleichzusetzen und hat sich im Folgenden in der Alltags-und Fachsprache etabliert. Ebenso entspricht jener Begriff der juristisch exakten Bezeichnung und impliziert damit, dass die Schuld nicht bei dem Opfer zu suchen gilt.5

Diese Begriffsbestimmungen sind als Versuch einer terminologischen Abgrenzung zu deu- ten. Infolge historischer und kultureller Unterschiede gibt es keine allgemein anerkannte wis- senschaftliche Definition jener genannten Termini. Die Grenzen der Zärtlichkeit zwischen Erwachsenen und Kinder und dem sexuellen Missbrauch zu benennen stellen eine wissen- schaftliche Herausforderung dar.6

Aufgrund der eben genannten Problematik der „fließenden“ Grenzen gibt es auch Situatio- nen, die nicht immer als strafrechtlich relevante Tatbestände gelten aber dennoch fachlich nicht zu dulden sind. Man spricht von Grenzverletzungen. Diese umfassen einmalige oder gelegentliche, unangemessene Verhaltensweisen, die zumeist unabsichtlich geschehen. Inwiefern ein Verhalten als unangemessen wahrgenommen wird, unterliegt der subjektiven Rezeption der Betroffenen, welches sich bei Kindern aufgrund des Mangels ihrer eigenen Werte als schwierig erweist. Häufig sind es Folgen fachlicher oder persönlicher Unzuläng- lichkeiten einzelner Personen, Organisationen oder Einrichtungen in denen individuelle Grenzen, konkrete Regeln und Strukturen fehlen oder ihnen wenig Geltung beigemessen wird.7

Als Beispiele sind hier Missachtungen von Intimsphären, Persönlichkeitsrechten (z.B. das Veröffentlichen von Bildern über das Handy oder Internet)oder der eigenen persönlichen Grenze (z.B. eine gut gemeinte Umarmung) zu nennen.

Als letztes möchte ich den Begriff des sexuellen Übergriffs aufführen. Dazu zählen Belästi- gungen, die nicht zufällig und unbeabsichtigt geschehen, sondern sie gelten als eindeutige Überschreitung gesellschaftlicher Normen, institutioneller Regeln und fachlicher Standards. Darüber hinaus sind auch persönliche Grenzen, verbale, nonverbale und körperliche Wider- stände der Opfer eingeschlossen. Sexuelle Übergriffe gelten als massiver und häufiger als Grenzverletzungen. Die Täter treten meist mit einer respektlosen Grundhaltung den Be- troffenen gegenüber. Oftmals werden sie von den Tätern strategisch angewandt um die Re- aktion der Betroffenen zu testen.8

2.3. Prävention

Neben den obersten Ziel der Präventionsarbeit von Kindern, sie vor all den o.g. Formen der sexuellen Gewalt zu schützen, hat die Prävention außerdem die Intention vor sexueller Ge- walt aufzuklären, Kinder in ihren Verhaltensweisen zu ermutigen, sie selbstbewusst und selbstständig zu machen, ihnen Hilfsangebote aufzeigen und sie über ihre Rechte in Kennt- nis zu setzen.

Prävention beschreibt dabei ein zielgerichtetes Handlungsprinzip, damit ein bestimmter Zu- stand nicht eintritt, hinausgezögert wird oder seine Folgen begrenzt werden.9

Darin sind u.a. Fachgebiete verankert wie die der Medizin, Psychologie, Soziologie, Pädago- gik. Durch das Entwickeln und das Stärken von persönlichen und sozialen Kompetenzen können Veränderungen im Verhalten der Kinder angestrebt werden. Die zu vermittelnden Kompetenzen enthalten dabei immer ein bestimmtes kulturelles und gesellschaftliches Welt- bild.

2.3.1. Traditionelle vs. moderne Präventionsansätze

Im Folgenden möchte ich noch einen kurzen Einblick auf die Historie der Präventionsansätze geben. Neben der Abhängigkeit bestimmter kultureller und gesellschaftlicher Normen- und Wertevorstellungen unterliegt die Prävention auch einem zeitlichen Wandel.10

Man unterscheidet dabei ältere, traditionelle Maßnahmen und modernere Ansätze, die sich in den 1980´er entwickelt haben.

Die traditionelle Prävention war ausgelegt auf Dementierungen. Kindern wurde vermittelt was sie nicht tun dürfen. Ebenso wurde immer vor dem klischeehaften „schwarzen Mann“ ge- warnt wodurch mehr Ängste erzeugt wurden. Zudem richteten sich die meisten Warnungen an Mädchen. Es wurde auch keine Antwort auf die Frage gegeben wie man mit einem grenzüberschreitenden Familienmitglied (Onkel, Tante, Vater...) oder einem nahen Vertrau- ten (Erzieher, Nachbar, Freund der Familie) umzugehen hat. Zum anderen verabsolutierte der „schwarze Mann“ das Bild des männlichen und wie bereits erwähnten „fremden“ Täters. Das Resultat war, dass die Kinder verunsicherter und verängstigter waren als vorher, ihre Selbstständig- und Unabhängigkeit sehr eingeschränkt wurde und die überlieferten Informa- tionen nicht der Realität entsprachen oder unvollständig waren.

Konkol geht noch ein Schritt weiter und spricht sogar davon, dass Kinder nicht vor sexuellen Missbrauch geschützt werden, sondern zu „idealen“ und potentiellen Opfern erzogen wur- den.11 Somit kann der traditionelle Ansatz als ineffektiv, ja sogar als kontraproduktiv angese- hen werden.

Wie bereits in der Einleitung erwähnt wurde, trat die Problematik des sexuellen Missbrauchs in den 1980´er Jahren immer mehr in die Öffentlichkeit und zog dabei auch wissenschaftliche Erforschungen zunächst aus den USA mit sich. Die neuen Ansätze besitzen bis heute zum Großteil ihre Gültigkeit unter der Berücksichtigung neuer Forschungsergebnisse. Sie werden als moderne Präventionsprogramme tituliert. Das Neue / Moderne beinhaltet die Distanzie- rung der Verbots- und Risikovermeidungsstrategien und dem Blick zu einem identitätsstär- kenden Konzept.12 Denn die beste Präventionsarbeit kann die Machtdisparität zwischen Op- fer und Täter nicht aufheben. Deshalb müssen Kinder durch Aufklärung gestärkt und ermu- tigt werden damit frühzeitige Grenzverletzungen und Übergriffe als solche von ihnen erkannt werden und Hilfe geholt werden kann. Eines der bekanntesten Präventionsprogramme ist das CAPP – Child Aussalt Prevention Project. Es wurde Ende der 1970´er in den USA von Mitarbeitern eines Zentrum vergewaltigter Frauen entwickelt und bildet bis heute die Grund- lage vieler weiterer Programme.13 Infolge der limitierten Zeichen kann hier und jetzt lediglich verwiesen, jedoch nicht weiter Bezug genommen werden.

2.3.2. Klassifizierung von Prävention in Primär-, Sekundär- und Tertiärprävention

Auf Caplan ist die Unterteilung in Primär-, Sekundär-, und Tertiärprävention zurückzuführen. Die Primärprävention meint alle Maßnahmen um sexuelle Gewalt von vornherein vorzubeu- gen und richtet sich demnach an den Großteil der Adressaten.14 Dabei geht es nicht um eine einmalige Aufklärung, sondern um eine langfristige und kontinuierliche Arbeit, welche sowohl die Erziehung in der Schule als auch die im Elternhaus meint und als gesellschaftliche Wirk- lichkeit zu verstehen ist.

[...]


1 Vgl. Amann G. / Wipplinger R. 2005, S. 17

2 Vgl. Bundeskriminalamt 2016. Tabelle 91.

3 Hier und im Folgenden werde ich in der gesamten Arbeit aufgrund der besseren Lesbarkeit auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichten. Sämtliche Personen- bezeichnungen sollen aber gleichwohl für beide Geschlechter Geltung finden.

4 Vgl. Bange, D. / Deegner G. 1996. S. 105

5 Vgl. Bange, D. 2002. S.47

6 Vgl. Konkol, N. 2005. S. 15.

7 Vgl. Bertels, G. / Wazlawik, M. 2013. S.10

8 Ebd. S.12 ff.

9 Vgl. Mollik, R. 2007. S. 999.

10 Vgl. Barrat, I. 2010. S. 28.

11 Vgl. Konkol, N. 2005. S. 82 f.

12 Vgl. Blattmann, S. 2004. S. 450 ff.

13 Vgl. International Center for Aussalt Prevention.

14 Vgl. Bange, D. / Körner, W. 2002. S. 439.

Details

Seiten
18
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783346162519
ISBN (Buch)
9783346162526
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v535543
Institution / Hochschule
Universität Erfurt – Katholisch - Theologische Fakultät
Note
1,0
Schlagworte
sexueller Missbrauch an Minderjährigen Präventionsmaßnahmen sexueller Gewalt in der Grundschule Sexualerziehung Sexualkunde Sexueller Missbrauch in der Kirche

Autor

Zurück

Titel: Sexueller Missbrauch von Minderjährigen. Präventionsmaßnahmen in der Grundschule