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Über das Böse bei Hannah Arendt. Zur Entwicklung des radikalen Bösen mit einem Seitenblick zu Kant

Examensarbeit 2017 56 Seiten

Philosophie - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Hannah Arendt über das radikale Böse
2.1 Zur Rolle der Konzentrationslager innerhalb der Elemente und Ursprünge
2.2 Die Entdeckung und Eigenschaften des radikalen Bösen

3 Kant über das radikale Böse
3.1 Zur „Einwohnung des bösen Prinzips“in der menschlichen Natur
3.2 Zu den guten Anlagen im Menschen
3.3 Kant über den Hang zum Bösen in der menschlichen Natur
3.4 Warum der Mensch von Natur aus böse ist

4 Kant, Hannah Arendt und das radikale Böse im Vergleich

5 Hannah Arendt, Eichmann und die „Banalität des Bösen “
5.1 Eichmann: pflichtbewusster Bürger und administrativer Massenmörder zugleich

6 „I changed my mind“: das radikale Böse und seine verschiedenen For­ men
6.1 Die banale Seite des radikalen Bösen
6.2 Zum wurzellosen Bösen

7 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Am 28. September diesen Jahres kam die Neuverfilmung des Horror-Romans ES von Stephen King aus dem Jahre 1986 in die deutschen Kinos.1 Bereits am ersten Wochenen­de beliefen sich die Zuschauerzahlen derer, die sich, adäquaterweise kurz vor Halloween, vor dem Horror-Clown „Pennywise“ gruseln wollten, auf über eine Million Menschen.2 Auch in den bekannten Online-Streamingportalen wie Netflix, Maxdome oder vielen anderen, findet man zahlreiche Horror-Serien, Horrorfilme, Dokumentationen über be­sonders bösartige Verbrechen und noch zahlreiche andere Beiträge, die das Thema des Bösen behandeln. Offensichtlich löst das Böse und die Frage danach, woher es kommt oder welche Gestalt es annimmt, auch heute noch große Faszination aus. Gerade in­nerhalb des Horrorgenres wird das Böse regelmäßig als etwas Geheimnissvolles oder Unfassbares präsentiert und in Verbindung mit dem Teufel oder irgendeinem anderen übernatürlichen Phänomen gebracht.

Die moderne Philosophin und politische Theoretikerin Hannah Arendt, die auf­grund ihrer jüdischen Herkunft während des Zweiten Weltkrieges nach Amerika aus­wandern musste, lehnte eine ebensolche Dämonisierung des Bösen rigoros ab - obwohl sie selbst mit einer völlig neuen Form von Verbrechen konfrontiert wurde, die über alles bisher dagewesene Böse noch hinauszugehen schien: der anonymen und industriellen Massenvernichtung der jüdischen Bevölkerung während des Zweiten Weltkrieges. Sie, wie auch viele Andere, war fassungslos angesichts dieser Gräueltaten.

In ihren Werken wird offensichtlich, dass sie ihr Leben lang mit der Verarbeitung ihrer eigenen Geschichte und dem Versuch damit beschäftigt war, das Phänomen des Bösen weiter zu erforschen und in seinem Wesen fassbar zu machen. Eine eigene syste­matische Ausarbeitung nur zu dieser Thematik findet sich in ihrem Gesamtwerk nicht. Stattdessen arbeitet sie das Böse in ihre verschiedenen Schriften (wie zum Beispiel ihre Ausführungen zum radikalen Bösen in dem politischen Werk Elemente und Ursprün­ge totaler Herrschaft) immer wieder am Rande ein. Vor allem der Prozessbericht über den Fall Adolf Eichmann und die darin enthaltene These zur „Banalität des Bösen“ löste größere Diskussionen aus und bleibt bis heute (zumindest in Laienkreisen) ihr bekanntestes Werk.

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem Begriff des Bösen, speziell mit dem des radikalen Bösen, bei Hannah Arendt. Ziel der Arbeit soll sein, den Begriff des radi­kalen Bösen bei Hannah Arend in all seinen Facetten zu erfassen und darzustellen, wie dieser sich im Laufe der Jahre gewandelt hat. Da Hannah Arendt, wie bereits erwähnt, keine eigene Ausarbeitung nur zum Begriff des Bösen geschrieben hat, werden hierfür verschiedene Schriften aus ihrem Gesamtwerk zurate gezogen, um eine chronologische Entwicklung des Begriffs präsentieren zu können. Das banale Böse, beziehungsweise das wurzellose Böse, auf die Hannah Arendt in späteren Schriften zu sprechen kommt, werden hierbei ebenfalls mit dem radikalen Bösen in Beziehung gesetzt.

Das erste Kapitel wird sich mit der Monographie Elemente und Ursprünge tota­ler Herrschaft beschäftigen, in welcher sie im letzten Teil des Buches den Begriff des radikalen Bösen ausführt. Da sie die Begrifflichkeit des radikalen Bösen von Kant über­nommen hat, soll das zweite Kapitel einen Exkurs zur kantischen Religionsschrift Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft darstellen. Im Anschluss hieran werden im dritten Kapitel die Unterschiede beziehungsweise Gemeinsamkeiten der bei­den Philosophen aufgezeigt.

Da es in der vorliegenden Arbeit nicht nur um den Begriff des radikalen Bösen bei Arendt geht, sondern auch darum, ihre anderen angeführten Formen des Bösen auf das radikale Böse zu beziehen, werden im vierten und fünften Kapitel das banale Böse beziehungsweise das wurzellose Böse ausgearbeitet und mit dem radikalen Bösen verbunden.

Es wird sich zeigen, dass Hannah Arendts umstrittene These der „Banalität des Bösen“ keineswegs eine neue Form des Bösen präsentiert, sondern vielmehr durch die Figur Adolf Eichmanns, Einblicke in das totale Herrschaftssystem des Dritten Reiches möglich werden, die erklären, wie es zu der Ausbildung des radikalen Bösen kommen konnte. Das banale Böse und das radikale Böse stellen demnach zwei verschiedene Aspekte der gleichen größten Form des Bösen dar, die während der Zeit des Nationalso­zialismus in Erscheinung trat. Ebenso wird durch die Beschreibung der Wurzellosigkeit das größte Böse durch einen weiteren Aspekt angereichert, der erneut die Unmöglich­keit, dieses größte Böse zu verzeihen, verdeutlicht.

2 Hannah Arendt über das radi- kale Böse

Wenn man das Gesamtwerk Hannah Arendts in Augenschein nimmt, fällt auf, dass sich die Thematik des Bösen wie eine Art Leitmotiv durch ihre Aufzeichnungen zieht. Sie schreibt jedoch nie eine eigene Abhandlung nur über das Böse, sondern kommt im Zuge anderer Ausarbeitungen immer wieder darauf zu sprechen, was eine Darstellung ihrer „Theorie“ des Bösen erheblich erschwert. Auch in ihrer Monographie Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft von 1951, in welcher sie eigentlich zum Ziel hatte, eine neue Art von Staatsform darzustellen, die sie glaubte während der Zeit des Dritten Reiches entdeckt zu haben, stieß sie unerwarteterweise auf das radikale Böse und äußert sich hierzu vor allem im letzten Kapitel des Buches.

Ihr Werk gliedert sich in drei große Kapitel, in welchen Hannah Arendt den An­tisemitismus, den Imperialismus und schließlich die totale Herrschaft behandelt.3 Das letzte Kapitel stellt eine Analyse derjenigen Elemente dar, welche sich als grundlegend für eine totale Herrschaft erweisen, wie zum Beispiel Propaganda. Hierbei nehmen die Konzentrationslager eine Sonderstellung ein in deren Zusammenhang Hannah Arendt schließlich den Begriff des radikalen Bösen nennt und erläutert. Wie aus einem Brief­wechsel zwischen ihr und Karl Jaspers deutlich wird, war es von Hannah Arendt kei­neswegs beabsichtigt, eine Abhandlung über das radikale Böse zu schreiben. Über ihre unerwartete Entdeckung des radikalen Bösen schreibt sie 1951 in einem Brief an Karl Jaspers. Hierbei weist sie ausdrücklich darauf hin, dass es sich bei ihren Ausführungen zum radikalen Bösen um einen unfertigen Gedankengang handelt:

Das Böse hat sich als radikaler erwiesen als vorgesehen. Äußerlich gespro­chen: Die modernen Verbrechen sind im Dekalog nicht vorgesehen. Oder: Die abendländische Tradition krankt an dem Vorurteil, daß das Böseste, was der Mensch tun kann, aus den Lastern der Selbstsucht stammt; Wäh­rend wir wissen, daß das Böseste oder das radikal Böse mit solchen mensch­lich begreifbaren, sündigen Motiven gar nichts mehr zu tun hat. Was das radikal Böse nun wirklich ist, weiß ich nicht, aber mir scheint, es hat ir­gendwie mit den folgenden Phänomenen zu tun: Die Überflüssigmachung von Menschen als Menschen (nicht sie als Mittel zu benutzen, was ja ihr Menschsein unangetastet läßt und nur ihre Menschenwürde verletzt), son­dern sie qua Menschen überflüssig zu machen. Dies geschieht, sobald man alle unpredictability4 ausschaltet, der auf Seite des Menschen die Sponta­neität entspricht. [...] Aber dies alles hätte ich nicht schreiben sollen, es ist ganz und gar unausgegoren.[2]

Im Brief schreibt sie zwar, dass sie nicht wisse, was das radikal Böse sei, allerdings decken sich ihre im Brief geäußerten Vermutungen darüber, wie sich dieses radikal Böse auszeichne, mit den wesentlichen Punkten in Elemente und Ursprünge totaler Herr­schaft und scheinen demnach nicht so improvisiert zu sein, wie Hannah Arendt hier vorgibt. Erwähnenswert wird in dem Zusammenhang die Überflüssigmachung des Men­schen als Mensch durch die Abschaffung der menschlichen Spontaneität sowie die Tatsa­che, dass das radikale Böse nicht mit bekannten Motiven (wie beispielsweise Selbstliebe oder Eifersucht) zu tun haben kann. Eine Annahme, die Hannah Arendts Auffasung zum radikalen Bösen übrigens wesentlich von der Position Kants, die er in seiner Re­ligionsschrift ausarbeitet, unterscheidet. Kant geht davon aus, dass die Annahme einer obersten bösartigen Maxime den Grundstein für das radikale Böse darstellt, da ab diesem Zeitpunkt neben dem moralischen Gesetz noch andere Triebfedern ausschlag­gebend für weitere Handlungen sind. Die Annahme der schlechten Maxime allerdings wird durch Selbstliebe motiviert.5.

Wie genau man sich die genannte „Überflüssigmachung des Menschen“ bezie­hungsweise die Zerstörung der menschlichen Spontaneität vorzustellen hat, wird später im Zusammenhang mit Arendts Erläuterungen zu den Konzentrationslagern ersichtlich.

Andere Formen des Bösen, die sich bei Hannah Arendt innerhalb ihres Œuvres finden lassen, sind außerdem das banale Böse (welches vor allem durch ihren umstritte­nen Prozessbericht Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen Popularität erlangte) sowie das wurzellose Böse (oder auch grenzenlose, extreme Böse), auf welches sie in ihrer späteren Vorlesungen Über das Böse. Eine Vorlesung zu Fragen der Ethik zu sprechen kommt.

Bei der Darstellung des Begriffs des Bösen bei Hannah Arendt habe ich mich für ein chronologisches Vorgehen entschieden, um besser darstellen zu können, wie sich der Begriff des Bösen in Hannah Arendts Denken gewandelt beziehungsweise weiterentwi­ckelt hat. Daher soll im Folgenden zuerst der Begriff des radikalen Bösen ausführlich erläutert werden. Um den Zusammenhang zwischen totalitären Herrschaftssystemen, Konzentrationslagern und dem radikalen Bösen verständlich zu machen, wird hierfür zunächst die Rolle der Konzentrationslager dargelegt, um anschließend den Begriff des radikalen Bösen besser fassen zu können.

2.1 Zur Rolle der Konzentrationslager innerhalb der Elemente und Ursprünge

Wie bereits erwähnt spricht Hannah Arendt den Konzentrationslagern eine hervorgeho­bene Rolle zu. Ihrer Meinung nach dienten diese den totalitären Systemen gewisserma­ßen als Forschungsstätte, um in ihnen zu untersuchen, ob Menschen gänzlich beherrscht werden können. Sie sollen der Beweis dafür sein, zu zeigen, dass tatsächlich „schlechthin alles möglich ist“6. Erreicht werden soll diese komplette Beherrschung durch die oben im Zitat bereits erwähnte Abschaffung der menschlichen Spontaneität. Diese Sponta­neität wird von Arendt als diejenige „Fähigkeit des Menschen, von sich aus etwas neues zu beginnen, das aus Reaktionen zu Umwelt und Geschehnissen nicht erklärbar ist“7 definiert. Zerstöre man diese werde der Mensch zu einer Art „Pawlowsche[m] Hund“8 umgewandelt, der keine eigenen freien Entscheidungen mehr treffen und quasi als aus­tauschbar gelten kann, da er sich zu jeder Zeit gleich verhalten werde.9 Nach Arendt ist eine vollständige Eliminierung der menschlichen Spontaneität in diesem Ausmaß unter normalen gesellschaftlichen Umständen jedoch nicht möglich. Deshalb bedarf es der Konzentrationslager: Nur in ihnen kann dieses Experiment stattfinden und ist eine derartige Machtausübung möglich. Daher stellen sie sich nach Arendt als konstitutiv für die totale Herrschaft dar und werden von ihr als die „konsequenteste Institution totaler Herrschaft“10 bezeichnet. Wie die Abschaffung der menschlichen Spontaneität im Detail vonstatten geht, wird im folgenden Absatz ausgeführt.

Hannah Arendt beschreibt die Vernichtung der menschlichen Spontaneität und die damit einhergehende Erschaffung „lebender Leichname“11 in einem Dreischritt: Zuerst erfolgt die Tötung der juristischen, dann zweitens die der moralischen Person und drit­tens die Vernichtung der Individualität.12 Als juristisch tot gilt eine Person laut Arendt ohnehin schon, wenn sie staatenlos ist und damit ohne Rechte in das Konzentrationsla­ger eingeliefert wird. Entrechtet wird eine Person dagegen dann, wenn ihre Einlieferung nicht mit irgendeiner Straftat in Verbindung gebracht werden kann - die Inhaftierung somit willkürlich geschieht - und ihr außerdem keinerlei Rechte zukommen, die sie un­ter den Umständen einer normalen Inhaftierung hätte (beispielsweise das Recht einen Anruf zu tätigen oder einen Rechtsbeistand hinzuzurufen). Vor diesem Hintergrund wird auch verständlich, weshalb Hannah Arendt innerhalb ihrer Ausführungen zu den Konzentrationslagern vor allem die Gruppe der unschuldigen Insassen immer wieder in den Vordergrund rückt. Nicht nur stellten sie den größten Teil der Inhaftierten dar: an ihnen konnte eine Tötung der juristischen Person, die wiederum essentiell für die totale Beherrschung dieser ist, am effektivsten vorgenommen werden.13

Als zweiten Schritt nennt Arendt die „Ermordung der moralischen Person“14. Die­ser Prozess vollzieht sich vor allem dadurch, dass „zum ersten Mal in der Geschichte Märtyrertum unmöglich gemacht worden ist“15. Zum einen waren die Konzentrations­lager vollständig von der Außenwelt abgeschottet, sodass eventuelle heldenhafte Taten ohnehin nicht nach außen hätten dringen können. Zusätzlich führte die vollständige Anonymität, in welcher die Morde in den Konzentrationslagern sich abspielten, dazu, dass die Insassen nicht für ihre Überzeugungen sterben konnten, denn es war für sie ausgeschlossen vor jemandem Zeugnis abzulegen. Damit wurde zum ersten Mal in der Geschichte ein Märtyrertod unmöglich gemacht.16 Um seine moralische Person am Le­ben zu erhalten, könnte man zwar versuchen, sich in sein Gewissen zu flüchten und sich damit zu trösten, dass man wenigstens als Opfer statt als Täter sterbe. Doch auch diese Möglichkeit wurde den Inhaftierten oftmals verwehrt, indem man sie beispielsweise in ausweglose Dilemmasituationen brachte und sie dadurch zwang, selbst zum Täter zu werden. Arendt führt hier das Beispiel eines Menschen an, der entscheiden soll, ob er seine Freunde verrät oder seine Frau inclusive der Kinder opfert. Zwar könne gewählt werden, allerdings bestehe die Alternative „hier nicht mehr zwischen Gut und Böse, sondern zwischen Mord und Mord“17.

Als letzten Schritt auf dem Weg zur Abschaffung der Spontaneität bleibt noch die „Tötung der Individualität, der Einmaligkeit der menschlichen Person“18. Um dies zu erreichen gab es vielerlei Maßnahmen, die Arendt an dieser Stelle nicht aufzählen möchte. Sie nennt lediglich ein paar Beispiele wie die viehähnlichen Transportmetho­den oder aber das Kahlscheren der Köpfe.19 Sämtliche Maßnahmen, so unterschiedlich sie auch gewesen sein mögen, weisen jedoch einen gemeinsamen Nenner auf: die „per­manente und systematisch organisierte Folter“20. Von den bisher genannten Schritten erweist sich dieser dritte als wichtigster Schritt, denn die Zerstörung der Individualität ist identisch mit der Ertötung der Spontanei­tät [...] Was danach übrigbleibt, sind jene unheimlichen, weil mit wirklichen, menschlichen Gesichtern ausgestatteten Marionetten, die sich alle benehmen wie der Pawlowsche Hund, die alle bis in den Tod vollkommen verlässig rea­gieren und nur reagieren. Das ist der größte Triumph des Systems.21

Tatsächlich, so schreibt Arendt, gelang es in beinahe allen Fällen diesen Dreischritt durchzuführen und damit menschliche Marionetten zu erschaffen. Vor allem wurde aber das gezeigt, was von vorneherein Ziel der Konzentrationslager war: dass tatsächlich alles möglich ist.

2.2 Die Entdeckung und Eigenschaften des radika­len Bösen

Zuvor wurde die Rolle der Konzentrationslager innerhalb der Ausführungen Arendts über die totale Herrschaft untersucht. Hierbei zeigte sich, dass diese sowohl als For­schungsstätte als auch als Beweis dafür dienten, dass alles, auch das menschliche We­sen, seine Spontaneität und Identität, zerstört werden kann und damit alles möglich wird. In genau diesem Zusammenhang kommt Hannah Arendt zum ersten Mal auf das radikale Böse zu sprechen.22

Bis jetzt scheint der totalitäre Glaube, daß alles möglich ist, nur bewiesen zu haben, daß alles zerstörbar ist, auch das Wesen des Menschen. Aber in ihrem Bestreb en, unter Beweis zu stellen, daß alles möglich ist, hat die to­tale Herrschafft, ohne es eigentlich zu wollen, entdeckt, daß es ein radikal Böses wirklich gibt und daß es in dem besteht, was Menschen weder bestra­fen noch vergeben können. Als das Unmögliche möglich wurde, stellte sich heraus, daß es identisch ist mit dem unbestrafbaren, unverzeihlichen radikal Bösen, das man weder verstehen noch erklären kann durch die bösen Mo­tive von Eigennutz, Habgier, Neid, Machtgier, Ressentiment, Feigheit oder was es sonst noch geben mag und demgegenüber daher alle menschlichen Reaktionen gleich machtlos sind; dies kann kein Zorn rächen, keine Liebe ertragen, keine Freundschaft verzeihen, kein Gesetz bestrafen.23

Wie aus dem soeben zitierten Passus ersichtlich wird, schreibt Arendt dem radikal Bösen24 mehrere Eigenschaften zu. Es handelt sich dabei um etwas absolut unverzeihli­ches, das durch nichts in der Welt gerächt werden kann. Es gleicht zudem einer unvor­hergesehenen Nebenerscheinung, die während der Versuche in den Konzentrationslagern zum Vorschein kam und die ursprünglich nicht beachsichtigt war.25

Als etwas Neues erwies sich dieses radikale Böse deshalb, da es über den Mord hinausging, der von den meisten als die Spitze des Übels angesehen wird. Ein gewöhn­licher Mord erscheint den meisten Menschen noch zuordenbar. Er wird beispielsweise als Sünde im Dekalog angeführt und befindet sich damit in einer für uns verständlichen Welt.26 In den Konzentrationslagern wurde diese Sünde jedoch noch überschritten. Das unterscheidet die Konzentrationslager während der Zeit des Naziregimes auch wesent­lich von anderen Konzentrationslagern, die es schon zuvor gab. Die Konzentrationslager des Dritten Reiches wurden nicht nur zur Inhaftierung von Verbrechern genutzt - im Gegenteil. In ihnen wurden zum größten Teil Unschuldige gefangen gehalten, das heißt, dass in den meisten Fällen die Inhaftierung oder die Bestrafung in keinerlei Zusammen­hang mit einer realen Tat stand und sich somit als vollkommen arbiträr erwies. Diese Sinnlosigkeit der Strafen spiegelte sich zudem in einer ökonomischen Zwecklosigkeit wider. Da die Gefangenen somit nicht einmal als Arbeitsmittel einen gewissen Wert besaßen, wurden sie als in jedem Sinne überflüssig angesehen. Arendt schlussfolgert, „daß dieses radikal Böse im Zusammenhang eines Systems aufgetreten ist, in dem alle Menschen gleichermaßen überflüssig gemacht werden.“27

Zusätzlich wurde den Gefangenen so zugesetzt, dass sie innerlich bereits als tot angesehen werden konnten, wenn schließlich die tatsächliche Ermordung erfolgte.28 Ob sie in den Lagern bereits gestorben oder noch am Leben waren, war laut Arendt ohnehin bedeutungslos, da sie so abgeschottet von der Außenwelt lebten und auch im Geheimen und völlig anonym starben, als hätten sie nie existiert. Sie wurden nicht nur getötet, sondern so behandelt „als ob es sie nie gegeben hätte“ - die „Tatsache [ihrer] Existenz überhaupt“ wurde geleugnet.29 Es blieb kein Leichnam übrig, der betrauert werden konnte, keine letzten Worte, Wünsche oder respektvolle Gesten gegenüber den zum Tode Verurteilten. Die Ermordung der Gefangenen geschah „ ganz ohne Ansehen der Person; er kommt dem Zerdrücken einer Mücke gleich“.30 Das macht nach Hannah Arendt den eigentlichen Grauen der Konzentrationslager aus: Dadurch, dass der Tod allgegenwärtig war, wurden die Insassen quasi in einen Zustand des permanenten Verdrängens und Vergessens hineingezwungen und sie verharrten in einem Zustand des „Grauen[s] vor dem radikal Bösen“31.

Wenn man die Ausführungen Hannah Arendts zum radikalen Bösen betrachtet, wird man unweigerlich eine Parallele zu Kants Religionsschrift Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft feststellen. Auch er schreibt über das radikale Bö­se und versucht dessen Ursprung aufzuzeigen. Tatsächlich nimmt Arendt selbst aktiv Bezug auf Kant, indem sie ihm als einzigem Philosophen zurechnet, ebenfalls eine Exis­tenz des radikalen Bösen geahnt zu haben. Allerdings macht sie ihm den Vorwurf, dass er nicht ausreichend darauf eingegangen sei und stattdessen direkt versucht habe es zu rationalisieren, indem er den Begriff des „pervertierten-bösen Willen“32 eingeführt habe. Inwiefern sich nun das Phänomen des radikalen Bösen bei Arendt von dem bei Kant unterscheidet, soll im Folgenden untersucht werden. Hierfür erfolgt zunächst eine detaillierte Untersuchung des Kantischen Primärtextes, an die ein Vergleich zwischen dem radikalen Bösen bei Kant und Arendt angeschlossen wird.

[...]


1 Der Roman schildert die Geschichte der Kleinstadt Derry, die in einem wiederkehrenden Rhythmus alle 27 Jahre von einem namenlosen Monster heimgesucht wird, das vor allem Jagd auf kleine Kinder macht und daher des Öfteren in der Gestalt eines Clowns erscheint. Im Verlauf des Romans verfolgt man als Leser die Erlebnisse sieben Kinder, die gemeinsam den Kampf gegen „Es“ (zunächst im Kindes- und dann noch einmal im Erwachsenenalter) aufnehmen.

2 Vgl. Annemarie Havran: Deutsche Kinocharts: Stephen Kings „Es“ knackt Besucher-Million auf Platz eins. Auf: Filmstarts.de: http://www.filmstarts.de/nachrichten/18514878.html. (Auf­gerufen am 30.11.2017, 13:25.)

3 Vgl. hierzu Claudia Bozzaro: Hannah Arendt und die Banalität des Bösen. Freiburg 2007, S. 1.

4 Hannah Arendt am 4. März 1951 an Karl Jaspers. In: Hannah Arendt/Karl Jaspers: Briefwechsel 1926-1969. Herausgegeben von Lotte Köhler und Hans Saner. München: Piper 1985, S. 202 f. Im Folgenden abgekürzt als „Briefe AJ“.

5 Vgl. Immanuel Kant: Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft. Mit einer EInleitung und Anmerkungen herausgegeben von Bettina Stangneth. Hamburg: Felix Meiner 2003, S. 35. (Im Folgenden werden Zitate aus diesem Werk nach den Seitenzahlen der gängigen Akademieausgabe zitiert; der Titel wird mit der Abkürzung „RGV“ versehen. Hier beispielsweise: RGV, S. 32.)

6 Hannah Arendt: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Antisemitismus, Imperialismus, totale Herrschaft. München 7 2000, S. 907. Im Folgenden als „EU“ abgekürzt

7 Ebd., S. 935.

8 Ebd., S. 908.

9 Vgl. hierzu ebd., S. 908.

10 Hannah Arendt: Nach Auschwitz. Essays & Kommentare. Band 1. Herausgegeben von Eike Geisel und Klaus Bittermann. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Eike Geisel. Berlin 1989, S. 16. Wird zukünftig mit „EuK“ abgekürzt zitiert.

11 EU, S. 923.

12 Vgl. Ebd., S. 922-934.

13 Innerhalb der Konzentrationslager gab es zwar auch Verbrecher, die sich tatsächlich etwas hatten zuschulden kommen lassen, allerdings waren sie die kleinste Gruppe und die Tötung der juristischen Person erwies sich laut Arendt als bedeutend schwieriger. Vgl. EU, S. 923: „Dennoch bleiben die Verbrecher die einzigen, bei denen das, was sie getan haben, in einem klar nachweisbaren Zusam­menhang mit dem steht, was ihnen geschieht. Das aber heißt nur, daß bei ihnen wenigstens Spuren - gleichsam Erinnerungsspuren - ihrer juristischen Person erhalten bleiben, und die Tatsache, daß sie fast ausnahmslos die Aristokratie der Lager bildeten und die administrativen Funktionen erfüllten, zeigt deutlich, daß es erheblich schwerer ist, die juristische Person in einem Menschen zu töten, der sich etwas hat zuschulden kommen lassen, als in einem völlig Unschuldigen“.

14 Ebd., S. 929.

15 Ebd.

16 EU, S. 929 und EuK, S. 25.

17 EU, S. 930.

18 Ebd., S. 934.

19 Vgl. hierzu ebd., S. 931.

20 EuK, S.25.

21 EU, S. 935.

22 Zumindest nimmt sie innerhalb des Werkes Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft zum ersten Mal Bezug darauf. Erwähnung findet das Phänomen des radikalen Bösen allerdings auch schon in ihrem Denktagebuch in einem Eintrag des Juni 1950. Man kann jedoch davon ausgehen, dass sie zu diesem Zeitpunkt vermutlich schon an ihrer Monographie gearbeitet hat, was die Deckungsgleichheit ihrer Ausführungen erklären dürfte. Der Denktagebucheintrag lautet: „Das radikal Böse ist das, was nicht hätte passieren dürfen, d.h. das, womit man sich nicht versöhnen kann, was man als Schickung unter keinen Umständen akzeptieren kann, und das, woran man auch nicht schweigend vorübergehen darf. Es ist das, wofür man die Verantwortung nicht übernehmen kann, weil seine Folgerungen unabsehbar sind und weil es unter diesen Folgerungen keine Strafe gibt, die adäquat wäre“. Hannah Arendt: Denktagebuch 1950 bis 1973. Erster Band. Herausgegeben von Ursula Ludz und Ingeborg Nordmann in Zusammenarbeit mit dem Hannah-Arendt-Institut. New York/München 2002, S. 7. Wird künftig unter dem Kurztitel „Tagebuch“ angegeben.

23 EU, S. 941

24 Bemerkenswerterweise definiert Hannah Arendt dieses neu gefundene Phänomen weder an dieser noch an einer anderen Stelle ihres Werkes. Vgl. hierzu auch Tanja Balzer: Der Begriff des Bösen bei Hannah Arendt. Weimar 2014, S. 70. Dieser Umstand könnte eventuell dadurch erklärt werden, dass sie ja noch im weiter oben zitierten Brief an Jaspers vom 4. März 1951 selbst schreibt, sie wisse nicht, worum genau es sich bei dem radikalen Bösen handele. Vgl. Briefe AJ, S. 202.

25 Claudia Bozzaro weist hier auf eine Parallele zur Banalität des Bösen hin, über die Arendt in ihrem später verfassten Prozeßbericht zum Fall Adolf Eichmann schreiben wird. Die Tatsache, dass das radikale Böse unbeabsichtigt und aufgrund von „Spielereien der Nazis“ entstehe, trage bereits den „Keim“ für das banale Böse in sich, welches darin bestehe, das Böse ungewollt herbeizuführen. Vgl. Bozzaro 2007, S. 16. Ich stimme Bozzaro hierin zu, allerdings würde ich noch ein wenig weiter gehen und behaupten, dass das banale Böse quasi als Voraussetzung für das radikale Böse gelten kann soll. Dieser Gedankengang wird an späterer allerdings Stelle noch ausführlich besprochen und deshalb hier lediglich erwähnt.

26 Siehe hierzu auch Arendts Bemerkung in ihrem Brief an Karl Jaspers vom 4. März 1951, in welchem sie schreibt, dass die modernen Verbrechen im Dekalog nicht vorgesehen waren. In: Briefe AJ,S. 202.

27 EU, S. 942.

28 Vgl. hierzu EuK 1, S. 16.

29 EU, S. 914.

30 Ebd., S. 915 f.

31 Ebd., S. 916.

32 EU, S. 942.

Details

Seiten
56
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783346135568
ISBN (Buch)
9783346135575
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v537070
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
1,0
Schlagworte
Eichmann Kant radikal Böses Hannah Arendt Banalität des Bösen

Autor

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Titel: Über das Böse bei Hannah Arendt. Zur Entwicklung des radikalen Bösen mit einem Seitenblick zu Kant