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Der Kapp-Putsch. Ein Verbrechen des deutschen Militarismus und der deutschen Bourgeoisie

Wissenschaftliche Studie 2020 78 Seiten

Geschichte - Sonstiges

Leseprobe

Der Kapp-Putsch

Ein Verbrechen des deutschen Militarismus und der deutschen Bourgeoisie

„Mit Hilfe rechtssozialdemokratischer Führer gelang es der imperialistischen Reaktion, im Zeichen des Antikommunismus und Antisowjetismus die proletarische Einheitsfront zu sprengen und eine Wende in der Geschichte des deutschen Volkes zu verhindern“. 1.

Offizieller Anlass des von der höheren Generalität der Reichswehr gebilligten oder tolerierten Kapp-Putsches, der vor hundert Jahren am 13. März 1920 um Punkt 7 Uhr mit dem Einmarsch des aus dem Lager Döberitz kommenden feldmarschmäßig ausgerüsteten reaktionären Freikorps Marinebrigade Ehrhardt, der meistens aus Angehörigen der kaiserlichen Marine gegründeten Kerntruppe der deutschen Konterrevolution, unter dem Kommando von Admiral Trotha stehend, mit der verbotenen Reichskriegsfahne voran in Berlin begann, war die auf Anweisung der Interalliierten Militärkommission der Siegermächte des ersten Weltkrieges gemäß den Bestimmungen des am 28. Juni 1919 unterzeichneten Versailler Vertrages (Artikel 160) geforderte Reduzierung der Reichswehr von 500. 000 Mann auf 100. 000 Mann (zugestanden auch 15. 000 Mann Reichsmarine) und die Auflösung der Freikorps und Einwohnerwehren (Wehrmänner) bis zum 30. März 1920. (Diese Wehren waren eine reaktionäre bürgerliche Sammlungsbewegung unter dem Kommando der Bourgeoisie zur Unterstützung von Polizei und Armee. Im Herbst 1919 waren zirka eine Millionen Mann bewaffnet.). Hinzu kam im Januar 1920 die berechtigte Forderung der alliierten Siegermächte, zirka 900 deutsche Kriegsverbrecher zur Aburteilung an internationale Gerichte zu übergeben, darunter befanden sich alle Generäle und Admiräle, viele von diesen Monokelträgern im aktiven Dienst der neugeschaffenen Reichswehr. Je niedriger der Dienstgrad, desto geringer die Zustimmung zum Putsch, bei dem es auch um die Privilegien der Generäle ging. Die höheren Offiziere sprachen vom Schmachparagrafen des Versailler Vertrages. Das war ein markanter Mosaikstein im Vorbereitungspuzzle des Kapp-Putsches. Im Januar 1920 wurden also Vorwürfel in die innenpolitische Landschaft geworfen: Innenpolitisch der Belagerungszustand im Gefolge der im Januar 1920 blutig niedergeschlagenen Betriebsrätedemonstration, außenpolitisch das Pochen der Siegermächte auf die Erfüllung des in Versailles ausgehandelten Vertrages. Der deutsche Reichswehrminister Noske, der eine sehr zweifelhafte, rechtslastige Reichswehrpolitik betrieb, hatte gemäß dem Versailler Diktat am 29. Februar 1920 die Auflösung der Marinebrigade Ehrhardt und die des Freikorps Loewenfeld angeordnet, der sich General Lüttwitz widersetzt hatte. Die rechten Putschisten mussten handeln. Nach dem 1. April 1920 wäre ein Rechtsputsch demnach viel schwieriger gewesen. Es lag was in der Luft, und in der Roten Fahne der KPD war noch am 12. März, einen Tag vor dem Putsch zu lesen, dass die militärische Gegenrevolution im raschen Vordringen begriffen sei. Für die politisch aufgeklärten Menschen kam der Putsch nicht überraschend, Gegenentwürfe, gar Revolutionskonzepte aber lagen nicht vor, auch wenn ein Mitglied der Thyssen-Familie zum Besten gab, der Widerstand gegen den Putsch und der Ruhraufstand seien von langer Hand geplant gewesen. Das waren sie nicht, der letztere ergab sich naturwüchsig aus dem spontan entstandenen ersteren. Es wird vom Widerstand gegen den Putsch gesprochen, nur selten von der Märzrevolution. Erhard Lucas hat seiner minutiösen Analyse des Putsches allerdings den Titel ‚Märzrevolution 1920‘ gegeben. Wo aber verläuft die Grenze, der Übergang von der Abwehr eines Putsches, hier durch Generalstreik, zur sozialen Revolution, wo verläuft die Grenze zwischen einem Generalstreik und dem Ausbruch einer sozialen Revolution? Es wäre einfach, hätten wir eine starre Grenze vor uns, diese aber ist eine sich bewegende. Die Abwehr eines Putsches von links und ein Generalstreik gegen rechts haben revolutionäre Motivlagen. Dem ist kaum zu widersprechen.

Der Putsch rüttelte die fortschrittlichen Menschen aus der politischen Lethargie, an der sie nach dem Niederschlag der Novemberrevolution litten. „… viele der sonst immer in sich Verkrochenen redeten sich plötzlich den Druck vom Herzen und erschienen nicht mehr so welk und zerbrochen“. 2. Arbeiterräte bildeten sich spontan heraus und verstanden sich als provisorische. Sie aber waren der rote Gegenpol zu den schwarzen Putschisten und es kam darauf an, dieses Provisorische möglichst rasch zu verfestigen. Oder soll man schreiben: Zu den braunen Putschisten? Es sagt vieles, wenn nicht schon alles, dass die durch das Brandenburger Tor marschierende fünf Tausend Mann starke Brigade bereits das Hakenkreuz auf dem Stahlhelm trug. Bereits im März 1920 tauchte das Hakenkreuz fünf Tausend mal in Berlin auf, damals auch Sitz der National- und der Preußischen Landesversammlung. Der Refrain ihres Einmarschliedes lautete wie folgt:

„Hakenkreuz am Stahlhelm, schwarzweißrot das Band, Die Brigade Ehrhardt werden wir genannt“.

Und die Schlussstrophe:

„Die Brigade Ehrhardt schlägt alles kurz und klein, Wehe Dir, Wehe Dir, Du Arbeiterschwein“.

Am 21. März 1920 jedoch musste die Brigade das Regierungsviertel Berlins schon wieder verlassen, wobei eine Menge ihrem Abmarsch beiwohnte, richtete diesmal aber auf Grund des Lachens eines kleinen Jungen ein Blutbad am Brandenburger Tor an. Zwei Brigadisten mit dem Hakenkreuz am Stahlhelm schlugen mit dem Gewehrkolben auf den Jungen ein, bis er tot am Boden lag. Da haben wir ein Musterbeispiel für den Heldenmut einer faschistischen Soldateska, die uns die NS-Propaganda nach 1933 so eindringlich einzubläuen versuchte. In die durch die Ermordung des Jungen entstandene Verwirrung schrie ein Offizier der Brigade Kommandos, MGs wurden auf die Menge gerichtet. Das Feuer war freigegeben: 12 Tote, 30 Schwerverletzte. So verabschiedete sich ein faschistischer Trupp von Freikorpskriminellen aus dem Regierungsviertel der Hauptstadt. Noch waren sich die sozialdemokratischen Regierungssozialisten nicht sicher, ob Spartakus wirklich am Boden lag, es war ihnen ganz Recht, dass die heroischen Kindesmörder noch in Berlin blieben, aber bitte nicht in der Nähe des Regierungsviertels. Dass die Feinde der Republik in der Hauptstadt dieser bewaffnet blieben, nahm der ADGB (Allgemeine Deutsche Gewerkschaftsbund) zum Anlass, den Generalstreik fortzusetzen. Für ihren illegalen Einsatz in Berlin bekam die Brigade eine Beigabe zum Sold, eine sogenannte Kappzulage.

Dieser zunächst erfolgreiche Kapp-Putsch, die sozialdemokratisch geführte Reichsregierung Bauer/Noske floh aus Berlin, der Stadt, in der die Mehrheit des Industrieproletariats hinter der USPD stand, zusammen mit dem Reichspräsident Ebert nach Dresden, damals eine Hochburg der SPD, wo sie aber auch nur einen Tag bleiben konnte, so verhasst war sie auch schon dort, obwohl die SPD bei den Wahlen im Januar 1920 elfeinhalb Millionen Stimmen erhalten hatte und damit stärkste Partei geworden war und die meisten Minister in den Landesregierungen stellte. Sie floh dann vor der sich selbst eingesetzt habenden, mittlerweile in Berlin residierenden Regierung weiter nach Stuttgart. Einerseits gab es eine Doppelherrschaft, aber nicht auf russische Art: Sowjets – Duma, sondern auf deutsche: Reichstag – Militärdiktatur, die Kerenskis und die Kornilows. Andererseits wurden zwischen Stuttgart und Berlin die Fäden einer antibolschewistischen Einheitsfront gesponnen. Diese sich knapp neun Monate nach Abschluss des Versailler Vertrages, den Lenin als einen ungeheuren Raubfrieden bezeichnete, ereignende Offiziersverschwörung, firmiert auch unter dem Namen Kapp-Lüttwitz-Putsch, seltener auch Lüttwitz-Putsch, der Generallandwirtschaftsdirektor Kapp, der als Politiker Geld vom Großindustriellen Stinnes nahm, also korrupt war, und enge Beziehungen zu russischen Weißgardisten pflegte, hatte die politische Vorbereitung des Putsches übernommen, hatte Verfassungs- und Gesetzesentwürfe, sowie Proklamationen ausgearbeitet, während Lüttwitz, den das Proletariat nach den Januar- und Märzkämpfen 1919 den ‚Henker von Berlin‘ oder ‚Spartakusschlächter‘ nannte, als ranghöchster General der Reichswehr für die militärische Vorbereitung, zum Beispiel für die Koordinierung der Reichswehr mit der Sicherheitspolizei (Sipo, die über Flugzeuge verfügte), den Einwohnerwehren und den Zeitfreiwilligen 3. zuständig war. Seit dem 13. Januar 1920, anlässlich der Unruhen wegen des reaktionären Betriebsrätegesetzes, die zu 42 Toten 4. geführt hatten, gab es in Berlin den Belagerungszustand, der natürlich den Putschisten in die Hände spielte. Sie fanden diesen vor. In ihm galt der Aufruf zur Rätedemokratie als Aufruhr. Bereits im August 1919 ließ Hauptmann von Hanstein verlauten: ‚Die Reichsregierung sind wir, die Deutschland vor dem Chaos bewahren, die Zivilregierung ist eine Nebenregierung‘. 5. Das war keine Einzelmeinung, auch wenn die Mehrheit der Reichswehroffiziere keine aktiven Putschisten waren, ihre Duldung war immens. Der Mittelstand wartete ab. Das Sammelbecken für die Putschisten war also groß, die Tür nach Berlin stand schon offen. Rechtsputschisten empfinden sich in ihrem polizeigefärbten Bourgeoisverstand immer als Ordnungshüter. Die Polizei in Berlin erwies sich als profaschistisch durchsetzt, als eine, die auf Stahlhelme mit Hakenkreuz steht, statt die Haftbefehle gegen die Verschwörer auszuführen, warnt sie diese. Diese stellte Kapp auch ein Auto zur Verfügung und versorgt die Faschisten nach ihrem Scheitern mit gefälschten Pässen. Eine perverse Polizei fürwahr. Die führenden, um die Reichsregierung gruppierten Offiziere der Reichswehr waren nicht besser, sie weigerten sich, militärisch gegen die Feinde der Republik vorzugehen. „Truppe schießen nicht auf Truppe“, ist das überlieferte, geflügelte Wort des Generals Seeckt in seiner Funktion als Chef des Truppenamtes. ‚Bin ich denn ganz verlassen?‘, stammelte darauf Noske, der offensichtlich in eine Sackgasse hineingeraten war. Eine Konsequenz, die sich aus seiner Entfernung vom Proletariat ergab. Im Gefolge der Putschisten befand sich auch der aus dem ersten Weltkrieg bekannte, aus seinem Zufluchtsort Schweden zurückgekehrte Generalquartiermeister a. D. Erich Ludendorff in Zivil. Als Kulturminister war der Pfaffe Traub vorgesehen, der früher Hofprediger Kaiser Wilhelms II. war. Überhaupt wollte das rechte Putschistenpack und seine Hintermänner die Reichsverfassung von 1871 wiederherstellen und das deutsche Volk in einem autoritären Korporativstaat einer straffen Manneszucht unterwerfen. Das war eine Verfassung ohne allgemeines, gleiches und geheimes Wahlrecht, ohne Plebiszite und ohne Anerkennung der Betriebsräte als wirtschaftliche Interessenvertreter des Proletariats, die es formal in der Weimarer Verfassung gab, in der auch die Gleichberechtigung der Frau und das Recht auf Arbeit ausgesprochen war. Schöne Worte, aber die Weimarer Verfassung war voll mit exekutiven Pferdefüßen. Die Putschisten, so national sie auch gesinnt waren, hatten Beziehungen zum Ausland. Könnemann/Krusch weisen auf englische Militärkreise hin, auf Verbindungen zu Kaiser Wilhelm II. im holländischen Exil und zu den Horthy-Faschisten in Ungarn. 6. In Berlin waren die Chancen für einen bewaffneten Aufstand gering, die USPD machte sich in dieser Stadt einer guerillamäßig ausgerichteten Revolutionsspielerei schuldig.

Die wirkliche (nicht offizielle, und daher von der bürgerlichen Geschichtsschreibung unterschlagene) innenpolitische Intention des mangelhaft vorbereiteten Putsches war, die demokratischen Errungenschaften der im Gefolge der russischen Oktoberrevolution ausgebrochenen Novemberrevolution 1918/19 in Deutschland rückgängig zu machen, primär die KPD zu zerschlagen, die die wichtigste Frucht der Novemberrevolution für die Arbeiterbewegung war. Auch das in der Weimarer Verfassung verankerte Streikrecht war den Fraktionen der Bourgeoisie und den Junkern ein Dorn im Auge ebenso wie der erkämpfte siebenstündige Arbeitstag im Bergbau. 1918 gab es in Deutschland nach Könnemann/Krusch 5,2 Millionen Streiktage, 1919 bereits 48 Millionen. Außenpolitisch wollten die reaktionären Kräfte die Ergebnisse des Weltkrieges revidieren. Die Gründung der ‚Technischen Nothilfe‘ durch Noske war gegen die streikenden Arbeiter ausgerichtet. Nicht nur die Novemberrevolution, auch der Kapp-Putsch brachte eine bemerkenswerte Frucht hervor, den Zusammenschluss des linken Flügels der in den Industriezentren verankerten USPD mit der KPD im Dezember 1920. In Halle-Merseburg hatte die USPD dreimal so viel Stimmen erhalten als die SPD. Der Putsch zwang die Klassen zur Aktion und offenbarte ihr inneres Wesen, erzog sie an Hand ihrer eigenen Erfahrungen, er zeigte ihre Weiterentwicklung bzw. Fehlentwicklung und die sich verändernden Kräfteverhältnisse seit der Novemberrevolution. Diese war die bis dahin größte Massenaktion in der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung und somit für wahr ein rotes Tuch für alle Vertreter des alten Deutschlands, auch für weite Teile reaktionärer Mitglieder der SPD, die sich zu den Faschisten förderlich und diese politisch ergänzend verhielten. Es ist doch bezeichnend, dass General Groener Ebert eine Denkschrift überreichte, in der Major Kurt von Schleicher für Deutschland einen modernen Friedrich Wilhelm I., einen modernen Soldatenkönig forderte. Die Revolution in Deutschland hatte das Kriegsregime Hindenburg-Ludendorff 7. abgeschafft und den Acht-Stundentag für die Schaffenden gebracht, es gelang ihr aber gegen erheblichen sozialdemokratischen Widerstand nicht, zur Diktatur im Stil einer bolschewistischen Regierung vorzustoßen. Sie blieb in ihrer bürgerlich-demokratischen Entwicklung stecken und es war die Absicht der Reaktion, sie mit Hilfe der rechten Sozialdemokraten noch weiter zurückzudrängen, um das System ‚Weimarer Imperialismus‘ zu festigen. Die Novemberrevolution endete mit einer Niederlage des Proletariats und mit einem republikanischen Sieg der Imperialisten. Diese nach rückwärtsgewandten Kräfte sahen sich in der Zwickmühle, weil die Alliierten mit ihren separaten Interessen auf die Auflösung der Militärverbände drangen, die die Putschbasis gegen das kommunistische Gespenst minimisierte, trugen die Hauptschuld, dass die Generäle blieben, nachdem der Kaiser gegangen war. Und das sollte so verhängnisvolle und grauenhafte Folgen für das ganze deutsche Volk und für die Völker der Welt haben. Dabei ging der Kommunismus tatsächlich nur als Gespenst um in Deutschland, denn Kommunistinnen und Kommunisten greifen erst dann zur Macht, wenn sie, wie Lenin sagt, die Mehrheit der Werktätigen und folglich auch die Mehrheit der Bevölkerung hinter sich haben. Darüber hinaus hatte der Putsch eine anti-sowjetische Stoßrichtung, man denke an die Baltikumer, und gefährdete somit schon zwei Jahre nach dem Ende des ersten Weltkrieges den Frieden in Europa. 1920 konnte dieser durch die paritätische Aktionseinheit, ohne die es keinen Erfolg gibt, ohne Unterschied der Organisationszugehörigkeit und ohne politische Einlassungen der rechten Sozialdemokratie noch gerettet werden. Nie wieder sollte von deutschem Boden ein Krieg ausgehen. Einheit ist im Kapitalismus, der zu einer Vergesellschaftung der Produktion und einer präsozialistischen Kollektivität führt, ökonomisch bedingt, die Produktionsmittel können nur noch gemeinsam in Bewegung gesetzt und gehalten werden. Generell einig war man sich mit Ausnahme der christlichen Gewerkschaft in Fragen des Generalstreiks, sie lehnte ihn als Schädigung der Volksgesamtheit ab. Lucas weist auf die beachtenswerte Tatsache hin, dass in Essen, gerade in Essen, der Heimat des Krupp-Proletariats !!, auch die Sozialdemokraten von diesem Streik abrieten. 8. Wo Konterrevolution am Werk ist, da ist der sozialdemokratische ‚Menschenkehricht‘ (ein Ausdruck von Marx in seiner Schrift ‚Zur Judenfrage’ 9.). nicht weit. Das war am Anfang des Putsches. Als aber nach dem Ende des Putsches am 17. März 1920 die rote Flut im Ruhrgebiet und in Thüringen stieg, das sprach sie sich am 19. März 1920 für einen vehementen Generalstreik aus, wobei sie den Streikaufruf des Rektors Oberg, dem Vorsitzenden des christlichen Beamtenbundes, unterschrieb, in dem zu lesen war; „ … unbedingt die Arbeit ruhen zu lassen, wenn der nun drohende rote Terror eintritt“. Köstlich dieses ‚Unbedingt‘! 10. In Dortmund beschützen christliche Gewerkschaftler das reaktionäre Heimatdienstbüro. Auch als Atheist kann man hier nur sagen: Gott sei Dank repräsentierte diese Gewerkschaft nur eine Minderheit der Arbeiterklasse. Diese war sich fast unisono einig über die Notwendigkeit eines Generalstreiks; strittig war immer die Bewaffnung der Arbeiterklasse, also die Volksbewaffnung, auf die sich eine revolutionäre Volksmacht unmittelbar stützt und vor der die SPD-Kretins zurückschrecken. War also der Generalstreik schon alles oder war er nur der Auftakt? Der Auftakt zu einer revolutionären Regierung, die sich unmittelbar auf die bewaffnete Macht der Massen stützt?

Man kann sogar von einem roten Frühling im Frühjahr 1920 sprechen, in Deutschland standen 12 Millionen Arbeiter und Angestellte gegen Kapp wie ein Mann auf und in Russland waren die Weißgardisten so gut wie besiegt. Kapp, eine Art Mittelglied zwischen einem Monarchen und einem faschistischen Führer, dieser Kapp besiegt, die weißen Generäle in Russland fast besiegt, nie sollte Europa im 20. Jahrhundert vor 1945 näher am Sozialismus sein, aber ein sozialistisches Europa, ja mehr, eine weltrevolutionäre Kettenreaktion wurde im März 1920 wie schon vorher in der Novemberrevolution durch bewusstes konterrevolutionäres Handeln der Spitze der SPD blockiert. Diese Partei war genuin konterrevolutionär ausgerichtet. Die Kette riss durch den ersten Weltkrieg an ihrem schwächsten Glied, dass starke Glieder sich zum faschistischen Anti-Komintern-Pakt verschlingen konnten, dazu fielen die Würfel in Berlin, einmal durch die konterrevolutionäre Politik der SPD, einmal durch die der NSDAP, Parteien, die, wie Stalin richtig feststellte, sich ergänzen. Die Imperialisten spürten im Frühjahr 1920 die rote Flut in Europa, in Deutschland hatten sie im März 1920 das Werkzeug SPD, aus Polen wurden im April 1920 die Weißgardisten ins rote Russland gehetzt. So ergänzten sich Anfang der 20er Jahre polnische Kriminelle und die deutsche SPD. Im März war eine Hochstimmung, im April folgte die Ernüchterung: Die polnische Armee fällt über die junge Rote Armee Russlands her und in Deutschland zeichnen sich deutlich die verheerenden Folgen des krassen Verrats der SPD an der Arbeiterbewegung ab.

Am 29. März 1920 eröffnete Lenin den IX. Parteitag der KPR (B) mit den Worten: „International gesehen aber war unsere Lage noch nie so günstig wie jetzt, und was uns besonders mit Freude und Kraft erfüllt, das sind die Nachrichten, die wir jeden Tag aus Deutschland bekommen …“. 11. Das war nach dem Kapp-Putsch geschrieben worden, aber das galt auch schon vor ihm. Die Putschisten mussten natürlich die Stimmung in den Massen berücksichtigen und konnten nicht offen reaktionär auftreten. Ihre Regierung tauften sie ‚Neue Regierung der Ordnung, der Freiheit und der Tat‘, die keine Regierung des einseitigen Kapitalismus sei. Ihren Staat gaben sie aus als einen unparteiischen Richter, der über dem Klassenkonflikt von Lohnarbeit und Kapital steht. Sie leugneten ab, Reaktion zu wollen, versprachen einerseits Schutz der deutschen Arbeit vor dem internationalen Kapital, andererseits deklarierten sie Streik als Verrat und schmückten sich mit dem Vorhaben, „den Staat freiheitlich fortzubilden“, wie es im Regierungsprogramm hieß. Die Politik Kapps war in gewisser Weise die Fortsetzung der Politik Noskes, ihr stets um Raum schwebender Schlusspunkt. Noske hatte den Acker bestellt, Kapp wollte ihn keck abernten. Auch die SPD sprach im Juni 1919 auf dem Weimarer Parteitag mit großem Maul von der Weimarer Republik als dem „freiesten Staat der Welt“. Man kann darauf reinfallen, wenn man nicht die wichtige Bestimmung des jungen Marx im Hinterkopf hat, die er über das Wesen des Staates gegeben hat. „Die Existenz des Staats und die Existenz der Sklaverei sind unzertrennlich.“ 12. Wenn Kommunistinnen und Kommunisten sich mit den Fragen des Staates auseinanderzusetzen haben, was ja bekanntlich sehr häufig der Fall ist, dann muss ihnen dieser Satz stets präsent sein. Bei Kapp steckten nun die Kräfte der Bourgeoisie und der Großagrarier dahinter, die vor hundert Jahren die ökonomisch herrschende Klasse darstellten, die vermittelst des Staates auch die politisch herrschende war. Wie das auch heute noch der Fall ist. Schon im Regierungsprogramm von Kapp stand der Satz: ‚Streik ist Verrat am Volk!‘. Die Bourgeoisie herrscht in zwei Varianten über das Proletariat, in einer liberal-parlamentarischen und in Form einer autoritären Militärdiktatur. In der ersten tritt der Imperialismus als Republik auf, d. h. er verstellt sich. Aber nicht diese, gerade die letzte steuerten die Putschisten an. Die freiheitliche Fortbildung des deutschen Staates bedeutet also hier unter Auflösung des Parlaments die totale Machtentfaltung des reaktionärsten Flügels der Bourgeoisie und des Feudaladels zur völligen politischen Entrechtung des deutschen Volkes unter einem beliebig verlängerbaren Ausnahmezustand.

Dazu kam es aber nicht. Der Putsch brach trotz für ihn nicht so aussichtsloser Lage: Einnahme der Hauptstadt, die Armee weitgehend auf der Seite der Putschisten, besonders die Marine, plus anderer bewaffneter Formationen, Sympathien in der Provinz, besonders in Bayern, rasch zusammen. Rein militärisch quantitativ erwies sich Lenins Bemerkung, wir kämpfen gegen einen mächtigeren Feind, als richtig, die Bewaffnung setzte sich meistens aus Beutewaffen aus den Beständen der Einwohnerwehren, der Kriegervereine, der Zechenwehren in Bergbaugebieten, der studentischen Verbindungshäuser, der Villenbesitzer, der Polizei, der Werks- und der Gutswehren zusammen. Bei einer Beutebewaffnung taucht bald das Problem des Munitionsmangels auf. Und auch im zivilen Bereich galt die bittere Bemerkung Lenins, nach der militärischen Niederlage der Bourgeoisie erwies sich ihr verwaltungstechnisches Fachwissen als unverzichtbar, die Vollzugsräte im Ruhrgebiet, dem das Aushungern drohte, wissen davon ein Lied zu singen. Das im ‚Ancien Regime‘ vermittelte Fachwissen wurde zur Durchlöcherung der roten Fahne angewandt. Stern, ein Mitglied der USPD, führte in einem Referat vor den in den Betrieben gewählten Arbeiterräten aus, dass die bürgerlichen Kreise ihr ausgedehntes Fachwissen gegen die Arbeitermacht „ins Feld führen“.13. Der Kapp-Putsch brach nach nur fünf Tagen durch den bis heute einzigen, lebenswichtige Betriebe und Krankenhäuser verschonenden politischen Generalstreik in der deutschen Geschichte, an dem sich auch 60. 000 bis 70. 000 Landarbeiter beteiligten (das waren sechzig Prozent der Landarbeiter), durch die Einheit der Arbeiterklasse und durch ihren bewaffneten Widerstand unter Führung der KPD und mit Hilfe linker Kräfte in der USPD zusammen. Der Kapp-Putsch hatte gezeigt, dass in der Stunde der größten Gefahr, die Aktionseinheit 14. die stärkste Waffe der progressiven gesellschaftlichen Kräfte war. Für die Arbeiterklasse kann die Bemächtigung ihrer eigenen Geschichte nur als kollektive erfolgen, während des Putsches folgten ihr auch die armen Bauernklassen. 15. Vor lauter theoretischer Akrobatik in Sachen Dialektik mit Netz und doppelten Boden muss man sich an den simplen Schlusssatz des Kommunistischen Manifestes erinnern, der die Einigkeit doch deutlich hervorhebt. „Solidarische Hilfe von Ort zu Ort war von Anfang an überall selbstverständlich“. 16. Wie sehr hätte sich Marx gefreut, der die Überlegenheit des Proletariats in seiner Vereinigung durch Kombination und in seiner Leitung durch Kenntnisse sah. Revolutionäre sind Einiger. Die Parole ‚Bunt statt Braun‘ hat im politischen Diskurs der Linken nichts zu suchen, sie ist konterrevolutionär, denn der Bankier, der kapitalistische Parasit, die schwarze Sekte der Paffen und der Kulak, die Drahtzieher im Hintergrund, gehören in die Farbpalette, sollen zu uns, zur Mehrheit, zum Proletariat, zum Volk gehören. Einen besseren Schutz für Konterrevolutionäre kann es kaum geben. Und wo bleibt in dieser Parole das ‚Grau in Grau‘ der Bundeswehr? Diese ‚Bunten‘ werden unter einer proletarischen Diktatur auch die ersten sein, die Marktelemente in das nüchterne Einerlei einer Planwirtschaft hineinfordern und die danach trachten, die Arbeiterlieder durch anglo-amerikanische Rauschmusik ‚Balla Balla‘ aufzumischen. Hier gilt es Kurs zu halten: Nur ein kräftiges, starkes Rot kann die braune Farbe, die in der Malerei durchaus ihren Platz haben muss, vom faschistischen Beigeschmack reinigen. An dem Generalstreik beteiligten zirka 12 Millionen Menschen aller politischen Richtungen, gerade im März 1920 zeigte sich die geballte politische Kraft, die in der Strophe eines alten Arbeiterliedes steckt, das aus dem Jahr 1863 stammt: ‚Mann der Arbeit, aufgewacht! Und erkenne Deine Macht! Alle Räder stehen still, wenn Dein starker Arm es will‘. Diese Aktion, sich in die Arbeitereinheitsfront einzureihen, war zweifelsfrei die machtvollste Einheitsaktion in den Jahren der Weimarer Republik und ihre Geschlossenheit ließ den bürgerlichen Parlamentarismus fast in die Bedeutungslosigkeit versinken. Der Streik erzwang die Freilassung politischer Gefangener nach Aktenlage, es kam vor, dass sie von der Sicherheitspolizei zugefügte Folterspuren trugen. Leider kam es auch vor, dass Kriminelle entweichen konnten, und die Sozialdemokraten arbeiteten hier der Nazipropaganda in Ansätzen vor, die die Rote Armee als eine sich durch Zuchthäusler auffüllende diffamierte. In Wirklichkeit fing die Kommune die Entlaufenen bald ein und ließ dann die Gefängnisse streng bewachen. Der Rechtsputsch einigte Anhänger der sowjetischen Rätediktatur und deutsche Anhänger der Duma und verdeckte diese theoretische Fundamentaldifferenz. Dass der Putsch der Einiger war, die Einheit der Arbeiterbewegung von außen und von oben kam, das war auf den ersten Blick positiv zu sehen, auf lange Sicht erwies sich dieser Umstand aber als das Grundübel, aus dem die fatalen Konsequenzen kamen, die die ganze Aufmerksamkeit der ganzen Weltöffentlichkeit ab 1933 auf die deutsche Politik lenkte. Keiner plapperte jetzt mehr das unsinnige Diktum von Auer aus dem Jahr 1905 von einem Generalstreik als einem Generalunsinn, als von Rosa Luxemburg als erste durchschaute Negativreaktion des deutschen Spießers auf die russische Revolution von 1905, nach, selbst Scheidemann korrigierte diesen Satz in einer Reichstagsrede und gab die Korrektur als ein Ergebnis des Putsches aus. Der Generalstreik kam wie über Nacht, von keiner Seite erahnt. Am 13. März war alles offen, die Militärverschwörer dachten an keinen Volkswiderstand und die linken Organisationen waren sich einer derartig mächtigen, durch das ganze Land gehenden Streikwelle nicht bewusst. Durch den Putsch musste es bis ins kleinste Dorf gehen, welches politische Gewicht die Massen mittlerweile hatten. Eine Fünftageregierung aus einem Putsch heraus ist doch in unseren Breitengraden eine Blamage, zumal sich die Putschregierung als ‚Regierung der Tat‘ und als ‚Regierung der Arbeit‘ ausgab. Der Putsch zeigte, wie schwach die deutsche Bourgeoisie Angang 1920 war, wie sehr ihr ein verloren gegangener imperialistischer Weltkrieg und eine republikanische Revolution, territorialer und politischer Verlust noch in den Knochen steckte. Es gab von den Volksmassen viele Formen des Kampfes und Widerstandes gegen Kapp: Kundgebungen, Demonstrationen, Flugblattaktionen, die im politischen Massenstreik und im bewaffneten Kampf gipfelten. In kulturrevolutionärer Hinsicht ging man wohl am weitesten in Bochum, Demonstranten drangen nachts in das christliche Hospiz ein und holten Bilder und Büsten des Kaisers und anderer Größen heraus, um sie unter Ansprachen am Kriegerdenkmal zu zertrümmern. 17. Der Widerstand wuchs sich aus zu einem politischen Generalstreik mit Wahlen zu Arbeiterräten und zu einem Volkskampf. Die kommunistischen Räte bildeten die wirkliche Gegenregierung zur faschistischen Putschregierung. Rechts ist nicht gleich links, wenn man kein Gespür für die Antagonismen in einer Gesellschaft hat, sollte man nicht über Politik schreiben. Bei einem Gegensatz liegt auch Einheit vor, man muss beides sehen, die Totalitarismus-Theoretiker sind aber stets auf einem Auge blind. Sie sehen nicht, dass die Einheit relativ, der Kampf aber absolut ist. So sprachen Sozialdemokraten, die den Kriegskrediten zugestimmt hatten, vom ‚bolschewistischen Wahn‘ ausgerechnet sie, und von der ‚Reaktion von Links‘. Leider ist das mehr als nur eine nette Wortspielerei. Auf einem Flugblatt der SPD war zu lesen, diese linke Reaktion führe zur Hungersnot. Die sozialdemokratische Gleichsetzung von Kommunismus und Hunger wurde von der faschistischen Propaganda übernommen und ausgewalzt. Verfolgt man die Wurzeln des Faschismus, so enden viele im sozialdemokratischen Sumpf, der ab dem 4. August 1914 ganz Deutschland erstickte. Überall findet man im Kapp-Putsch, eine präfaschistische Dunstglocke, reinrassige faschistische Keime. Es gab anti-semitische Zwischenfälle, so zum Beispiel in Hamborn, wo ein jüdisches Kaufhaus gestürmt wurde.

Die erfahrensten Arbeitermilizen hatten schon vor dem Kappkampf militärische Erfahrungen im ersten Weltkrieg und in den vorherigen Kämpfen gegen die rechten Freikorps gesammelt, die erfahrensten Milizen gingen auch während der Kommunistenverfolgungen nach der Niederschlagung des Putsches in die Illegalität. Es standen sich während des Putsches so auch Kriegsveteranen gegenüber. Unteroffiziere in den Reihen der Roten und Offizieren in den Reihen der Reichen. Die Unteren suchten Kollektivlösungen, die Oberen vertrauten dem herkömmlichen Befehlsmechanismus. In den Märzkämpfen werden auf beiden Seiten Erinnerungen an den großen Krieg, etwa wenn der Bürgerkrieg Formen eines Stellungskrieges wie vor Dinslaken im Ruhrgebiet annahm, und an die Novemberrevolution aufgetaucht sein. Ist das etwa Totalitarismus? Der Putsch fiel in sich zusammen, weil die Massenmobilisierung und der ihr eingeborene Enthusiasmus über ausgefeilte Militärtechnologie und eingeübten Kriegshandwerks den Sieg davontrug. Bereits Robespierre warnte vor Elementen, für die die Revolution ein Handwerk war. Die anfangs oft waffenlosen Volksmilizen bildeten erst über Beutewaffen ihre Realmilitanz heraus. In Sandbochum wurde nach einem Gefecht auch eine reaktionäre Bauernwehr entwaffnet. In der Regel ist nur erst die Bourgeoisie bewaffnet, der Kapp-Putsch bestätigte dies. Dann muss die Waffe der Kritik umschlagen in eine Kritik der Waffen. „Euer Arbeiterrat hat zuerst die Bewaffnung des Proletariats, die Entwaffnung der Bourgeoisie auszuführen“, so rief die KPD den Arbeiterinnen und Arbeitern zu. Die Aufständischen, die in einem Gemisch aus Uniformen und Zivilkleidung auftauchen, sind besonders zu Beginn des Aufstandes gezwungen zu improvisieren, man sieht kaum militärische Abzeichen und die Stärke der Einheiten ist recht unterschiedlich. In der Ruhrarmee, die über eine eigene Feldpolizei verfügte und in der die Wahl der Offiziere angedacht worden war, umfasste die kleinste Einheit 15 Mann, die stärkste 347, der Schnitt lag bei ungefähr 70. 18. Die Kritik der Waffen wird aus einem Milieu vorgetragen, das die Kämpfer schützt und die angreifenden Reaktionäre im Ungewissen erzittert. Das Milieu der anderen Seite – das ist das Dunkle. Mit dem Milieu hängen die Namen ab, den sich Truppenteile geben: 6 x allein Rosa Luxemburg, 2 x Liebknecht, dann auch Eisner und Bebel. Nur einmal tauchte ein ausländischer Name auf: ‚Kompanie Trotzki‘. 19. Marx verglich die Pariser Commune mit einer Sphinx. Dieser moralische Kriegsfaktor des höheren Bewusstseinsgrades kommt hinzu. Die Volksmilizen kämpfen mit höherer Kampfentschlossenheit für soziale Verbesserungen für sich selbst und ihr mit ihnen solidarisches Milieu, ein inhaltliches Kampfmotiv, das Landsknechten abgeht. Es ging der Armee nicht, wie sie selbst sagte, um Ruhm und Ehre, sondern um „die Sicherstellung unserer Daseinsberechtigung als Mensch … Hinweg mit der modernen Sklaverei … Wir verlangen das Paradies auf Erden …“. 20. Die Befreiungskrieger verschmelzen sich bis zu einem gewissen Grad mit den Volksmassen, von denen der Freikorpssoldat isoliert ist, er hat sich mit einem Korpsgeist vorlieb zu nehmen, frei nach Friedrich Schiller: ‚Morden, stehlen, Huren, Balgen – heißt für uns nur Zeitvertreib … Die munizipalen Revolutionsregierungen im Ruhrgebiet dagegen setzten auf Plünderungen die Todesstrafe und untersagten den Ausschank von Alkohol an die Rotfrontkämpfer. Auch wieder etwas, was den Totalitarismus-Forschern bitter schmecken muss.

Die Kritik der Totalitarismus-Theoretiker ist selbst totalitär. Sie blenden das Fundamentale aus: Nur der Kommunismus und der Anarchismus intendieren eine Welt ohne politische Herrschaft, beide, sowohl die proletarische als auch die kleinbürgerliche Strömung, haben einen humanistischen Kern, der den Theoretikern ein Dorn im Auge ist, so sehr, dass sie diesen fundamentalen Humanismus mit dem Nero-Befehl Hitlers gleichsetzen. Hitler wollte die Lebensgrundlagen des deutschen Volkes zerstören, Stalin sagte, die Hitlers kommen und gehen, das deutsche Volk aber wird nicht untergehen. Ist das etwa Totalitarismus? Ja, es ist ein Totalitarismus der Menschlichkeit, den nur Menschen mit der faschistischen Barbarei gleichsetzen, die einen IQ unter 100 haben. Totalitarismusforscher sind asozial und inhuman, der Antikommunismus ist ihnen ebenso inhärent wie eine schiefe Darstellung der Geschichte. Generell traten die Kommunistinnen und Kommunisten im Volkswiderstand gegen den Kapp-Putsch positiv in Erscheinung, dass sie an der Spitze standen darf nicht zugestanden werden, denn das Linke ist so böse wie das Rechte, Thälmann so böse wie Kapp, Stalin so böse wie Hitler. Die Kommunisten wollen an die Macht, sind sogar exzessiv machtorientiert, was stimmt, die Faschisten wollen 1. 000 Jahre an die Macht, die Kommunisten nur für eine Übergangszeit, je kürzer die Erziehungsdiktatur, desto besser. Der Kampf gegen Kapp war auch einer für die bescheidenen Ergebnisse der Novemberrevolution, er war anti-terroristisch angelegt, gegen den reaktionären Terror im Inneren und außenpolitisch gegen einen militaristischen Revanchismus, wobei natürlich beide Terrorismusformen zueinander weisen. Der weiße Terror geht nicht auf eine Überreiztheit dieses oder jenes Reichswehrgenerals zurück, er läuft an verschiedenen Orten nach gleichem Muster ab, hat System. Arbeiterleichen wurden gefunden, bei denen die Geschlechtsteile abgetrennt waren, mehrere Arbeiter blieben verschollen. Die Fotos der Arbeiterleichen ohne Geschlechtsteile verschwanden auf wundersame Art aus den Gerichtsakten des Schaumann-Prozesses. Genossin Schaumann war eine KPD-Agitatorin, die, wie uns Erhard Lucas mitteilt, über den Fall berichtet hatte und deshalb vor Gericht gezerrt worden war. 21. Lucas teilt uns auch mit, dass keine Zahlungsmittel mehr ins Ruhrgebiet flossen, so wie es schon während der Bremer Räterepublik der Fall war, der rote Vollzugsrat bat die Firma Krupp, Notgeld zu drucken 22., Lucas teilt uns des weiteren folgenden Satz mit: „Eins wurde sehr schnell klar: man plante die Arbeiter des Ruhrgebiets auszuhungern“. 23. Im großen Stil wurde das aber erst mit Leningrad versucht.

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Details

Seiten
78
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783346147592
ISBN (Buch)
9783346147608
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v538012
Note
Schlagworte
Kapp Putsch Ebert Ludendorff Hitler SPD Noske Ehrhardt Reaktion Generalstreik Weimarer Republik

Autor

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Titel: Der Kapp-Putsch. Ein Verbrechen des deutschen Militarismus und der deutschen Bourgeoisie