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Peter Singers "Praktische Ethik". Eine Argumentation für die moralische Gleichbehandlung von Mensch und Tier

Hausarbeit 2019 12 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Rekonstruktion von Singers Argumentation

3. Fazit zur Argumentation

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Moralphilosophie bzw. Ethik gilt als Kerndisziplin der Praktischen Philosophie. Ausgehend von der Prämisse der menschlichen Entscheidungsfreiheit gründet sich ihr Diskurs auf die zentrale Frage: Welches Handeln ist moralisch - welches unmoralisch?

In Auseinandersetzung mit dieser Frage wird sowohl das Zusammenleben von uns Menschen als auch unsere Koexistenz mit den anderen Lebewesen auf der Erde diskutiert - denn „nicht nur unser eigenes, sondern auch der anderen Wohl, […] hat uns zu beschäftigen“1, wie Albert Schweitzer es begründete. Dem moralischen Umgang mit Tieren widmet sich das moralphilosophische Paradigma der Tierethik; dieses wird die Grundlage meiner Hausarbeit bilden.

Eines der wichtigsten Konzepte der Tierethik wird als Biozentrismus bezeichnet. Es spricht jedem einzelnen Lebewesen das Recht zu, berücksichtigt und moralisch behandelt zu werden2. Dabei ist es irrelevant, ob das Wesen empfindungsfähig ist (also ein zentrales Nervensystem besitzt), wie Menschen und Tiere, oder nicht, wie Pflanzen und Pilze. Was es nach biozentristischen Ethiken prinzipiell zu respektieren gilt, ist das bewusste oder unbewusste Interesse jedes Lebewesens weiterzuleben.

Der Pazifist und Friedensnobelpreisträger Albert Schweitzer (1875-1965) gilt als einer der konsequentesten Vertreter des Biozentrismus. In seiner Ethik „Die Ehrfurcht vor dem Leben“ beschreibt er die die Koexistenz des Individuums mit allen Lebewesen auf der Welt - und die Kollision all ihrer Interessen - mit den Worten: „Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will“3. Das Interesse jedes einzelnen Individuums, das einer Pflanze wie das eines Tieres, habe dabei den gleichen Wert.

Im moralphilosophischen Diskurs wird der Standpunkt des Biozentrismus nicht selten mit einem anderen sehr bedeutenden Modell der Tierethik verglichen: dem Pathozentrismus. Dieser Begriff setzt sich aus dem griechischen Wort pathós (dt.: Leid) und kentrón (dt.: Mittelpunkt) zusammen und beschreibt die Idee, „dass alle und nur empfindungsfähige Lebewesen, einschließlich der empfindungsfähigen Tiere, um ihretwillen moralisch zu berücksichtigen sind“4. In der Fähigkeit, Empfindungen zu haben und Schmerz wahrnehmen zu können besteht für Pathozentristen die einzige Bedingung für die Inklusion in den Kreis moralischer Behandlung. Es handelt sich demnach um eine engere Definition als die des Biozentrismus, da sie Pflanzen, Pilze und andere empfindungslose Lebewesen exkludiert.

Ein bedeutender Vertreter der pathozentristischen Ethik ist der Philosoph Jeremy Bentham (1748-1832). Er befürwortet Menschenrechte gleichermaßen wie Tierrechte, indem er mit dem ihnen gemeinsamen Schmerzempfinden argumentiert. Die Moral- philosophie beeinflusste er dabei in erster Linie als Begründer des Utilitarismus bzw. des Nützlichkeitsprinzips. Diese Ethik, die für Menschen ebenso wie für Tiere Gültigkeit besitzt, definierte Bentham wie folgt: „Unter dem Prinzip der Nützlichkeit ist jenes Prinzip zu verstehen, das schlechthin jede Handlung in dem Maß billigt oder mißbilligt [sic], wie ihre Tendenz innezuwohnen scheint, das Glück der Gruppe, deren Interesse in Frage steht, zu vermehren oder zu vermindern“5.

Der Moralphilosoph Peter Singer (*1946), der den Pathozentrismus ebenfalls vertritt, entwickelte Benthams Utilitarismus zu einem sogenannten Präferenzutilitarismus weiter. Moralisch zu handeln bedeutet diesem zufolge nicht nur, die Gesamtsumme an Leid aller Betroffenen zu minimieren, sondern vor allem das Leid jedes einzelnen. Wie Singer dafür argumentiert, dass notwendig auch Tiere in dieser Ethik zu berücksichtigen sind, wird der Gegenstand meiner Hausarbeit sein.

2. Rekonstruktion von Singers Argumentation

In seinem Kapitel „Gleichheit für Tiere?“ argumentiert Singer für die These, dass nicht nur die Interessen von Menschen moralisch zu berücksichtigen sind, sondern die Interessen aller leidensfähiger Lebewesen gleichermaßen. Wie Singer seine These in den beiden Texten „Rassismus und Speziesismus“ und „Speziesismus in der Praxis“ erläutert und belegt, werde ich im Folgenden rekonstruieren.

Im ersten Text bezieht sich Singer zunächst auf seine zuvor begründete „Überzeu- gung“ (S. 398), ein vernünftiger Grundsatz moralischen Handelns bestehe im Prinzip der Gleichheit, also dem „Prinzip der gleichen Interessenabwägung“ (vgl. ebd.). Moralisch handelt ein Mensch demzufolge dann, wenn er (a) die Interessen aller von seinem Handeln Betroffenen gleichermaßen berücksichtigt und (b) in der Konsequenz seines Handelns die Summe an Freuden maximiert bzw. die Summe an Leiden minimiert. Unmoralisch hingegen handelt, wie sich ableiten lässt, wer (A) nicht die Interessen aller gleich berücksichtigt - sondern entweder nur seinen eigenen Beachtung schenkt oder den Interessen einiger mehr als denen anderer - und wer (B) in der Bilanz mehr Leid als Freude für alle Beteiligten hervorbringt. In der Anerkennung des Prinzips der Gleichheit als „vernünftige moralische Basis“ (ebd.) besteht der Ausgangspunkt seiner Diskussion. Von diesem moralischen Prinzip leitet Singer seine These ab. Er behauptet, es widerspreche dem Prinzip der Gleichheit grundsätzlich, nur menschliche Interessen miteinander abzuwägen und seine Gültigkeit somit auf eine Spezies zu reduzieren. Wer die gleiche Interessenabwägung für das Zusammenleben mit seinen Mitmenschen, den Lebewesen der eigenen Art, akzeptiert, müsse sie notwendig auch für Lebewesen außerhalb der eignen Art anerkennen (vgl. ebd.). Die Interessen von Tieren seien also gleichermaßen zu berücksichtigen, keinesfalls zu ignorieren.

Seine Argumentation „für die Erweiterung des Prinzips der Gleichheit über unsere Spezies hinaus“ (S. 399) gründet Singer auf das gegenwärtige Missverhältnis, das der Mensch dem Tier gegenüber pflegt. Es existiere ein „verbreitetes Vorurteil dagegen [ ], die Interessen von Tieren ernst zu nehmen“ (S. 298 f.) und sie in seinem Handeln überhaupt zu berücksichtigen. Singer zufolge stellt dieses scheinbar grundsätzliche Unterbewerten anderer Arten, was die Höherbewertung der eigenen impliziert, eine Analogie zum Rassismus dar. Denn so, wie manche Menschen nur die Interessen ihrer eigenen Spezies anerkennen, verhielten sich auch „weiße[ ] Sklavenhalter, die nicht bereit waren, die Interessen der afrikanischen Sklaven ernst zu nehmen“ (S. 399). Die Analogie zwischen Rassismus und der Missachtung von Tieren bestehe demnach erstens in der Herabwürdigung anderer Lebewesen aufgrund ihrer Andersartigkeit und zweitens in ihrem Ausschluss aus dem Kreis moralischer Behandlung. Diese Form der Diskrimi- nierung, ob nun auf den Menschen oder das Tier ausgeübt, sei als unmoralisch zu bewerten; sie verletze das Prinzip der gleichen Interessenabwägung aller Betroffenen.

An dieser Stelle erläutert Singer seine zu beweisende These mithilfe einer noch genaueren Explikation dieses Moralprinzips: nach dem Prinzip der Gleichheit zu handeln bedeute, dass „unsere Rücksicht auf andere nicht davon abhängig sein darf, was sie sind oder welche Fähigkeiten sie haben“ (ebd.). Ausgehend von dieser Prämisse zieht er den Schluss, dass es genauso unmoralisch ist, die Interessen eines Menschen wegen seiner Herkunft zu missachten, wie die Interessen irgendeines Lebewesens aufgrund seiner Spezies. Um die Diskriminierung von Tieren zu bezeichnen, führt Singer den Begriff des Speziesismus in seine Diskussion ein. Diesen erläutert er hinsichtlich seiner Analogie zum Begriff des Rassismus folgendermaßen: Während ein Rassist seinen eigenen Interessen einen höheren Wert beimisst als denen von Menschen anderer Herkunft, bevorzugt ein Speziesist seine eigenen Interessen gegenüber denen von Lebewesen einer anderer Art. Außerdem sei sowohl der Rassismus als auch der Speziesismus darauf zurückführbar, dass die Leidensfähigkeit eines anderen Lebewesens nicht als gleichwertig mit der eigenen anerkannt wird; es handelt sich in beiden Fällen um ein Vorurteil.

[...]


1 Schweitzer, Albert: Die Lehre der Ehrfurcht vor dem Leben. S. 7.

2 vgl. Metzler Lexikon Philosophie, unter: https://www.spektrum.de/lexikon/philosophie/biozentrismus/337 (abgerufen am 18.10.19)

3 Schweitzer, Albert: Die Lehre der Ehrfurcht vor dem Leben. S. 30.

4 Prechtl, Peter und Burkard, Franz-Peter (Hg.): Metzler Lexikon. Philosophie. Stuttgart / Weimar: 2008.

5 Celikates, Robin u. Gosepath, Stefan (Hg.): Philosophie der Moral. Frankfurt am Main: 2009. S. 225.

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