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Industrie 4.0 als Beginn einer neuen industriellen Revolution? Eine Einordnung in die Geschichte seit 1760

Hausarbeit 2018 39 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Moderne Geschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Der Begriff „Industrie 4.0“
2.1 Der Ursprung des Begriffs „Industrie 4.0“
2.2 Die Ziele von „Industrie 4.0“
2.3 Die regionale Verbreitung von „Industrie 4.0“
2.4 Die Abgrenzung von „Industrie 4.0“

3 Der Begriff „Industrielle Revolution“
3.1 Der Begriff „Revolution“
3.2 Der Begriff „Industrielle Revolution“
3.3 Charakteristika industrieller Revolutionen

4 Drei industrielle Revolutionen von 1760 bis heute
4.1 Die erste industrielle Revolution von 1760
4.1.1 Industrieller Wandel
4.1.2 Wirtschaftlicher, sozialer, kultureller, politischer Wandel
4.2 Die zweite industrielle Revolution von 1890
4.2.1 Industrieller Wandel
4.2.2 Wirtschaftlicher, sozialer, kultureller, politischer Wandel
4.3 Die dritte industrielle Revolution von 1970
4.3.1 Industrieller Wandel
4.3.2 Wirtschaftlicher, sozialer, kultureller, politischer Wandel

5 Erwartete Auswirkungen von „Industrie 4.0“
5.1 Industrieller Wandel
5.2 Wirtschaftlicher, sozialer, kultureller und politischer Wandel
5.3 Zusammenfassende Bewertung

6 Fazit und Ausblick

7 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Täglich berichten die Medien von Aktivitäten und möglichen Auswirkungen von „ Industrie 4.0 “ und dem fortschreitenden Einsatz von Computertechnologien in der Produktion, der Logistik und dem Vertrieb von Waren und Dienstleistungen. Vielfach wird dabei von dem Beginn einer vierten industriellen Revolution ge­sprochen und geschrieben.

Was aber verbirgt sich hinter dem Ausdruck „Industrie 4.0“, und handelt es sich tatsächlich um eine industrielle Revolution oder vielleicht nur um eine öffent­lichkeitswirksame Kurzformel, unter welcher für eine Veränderung der zukünf­tigen Arbeitswelt durch eine rasant voranschreitende Computerisierung geworben werden soll? Diese Fragen sollen im Rahmen der vorliegenden Arbeit unter­sucht werden.

Zunächst einmal wird dazu der Begriff „Industrie 4.0“ (Kapitel 2) erläutert und von anderen Definitionen einer vierten industriellen Revolution abgegrenzt. Es wer­­den die Entstehung des Begriffes, die Ziele und die regionale Ver­brei­tung der Aktivitäten, die unter diesem Begriff zusammengefasst werden, darge­stellt.

In einem nächsten Schritt werden die Begriffe „Revolution“ und „Industrielle Re­volution“ eingehender untersucht und die Charakteristika der bisherigen industriellen Revolutionen herausgearbeitet (Kapitel 3).

Der Darstellung der drei industriellen Revolutionen von 1760 bis heute (Kapitel 4) schließt sich eine Einschätzung zu den erwarteten Auswirkungen von „Industrie 4.0“ auf die gemeinsamen Charakteristika der bisherigen indus­tri­ellen Revolutionen (Kapitel 5) an.

Im Sinne eines Fazits und Ausblicks (Kapitel 6) werden abschließend Antwor­ten zu den Kernfragen dieser Arbeit gegeben.

2 Der Begriff „Industrie 4.0“

Zur Erläuterung des Begriffs „Industrie 4.0“ werden im Folgenden zunächst der Ursprung des Begriffs „Industrie 4.0“ (Kapitel 2.1) und die Ziele von „Industrie 4.0“ (Kapitel 2.2) dargestellt.

Darauf folgend wird der Begriff „Industrie 4.0“ in einen internationalen Kontext (Kapitel 2.3) eingeordnet. Handelt es sich bei „Industrie 4.0“ nur um eine nationale Entwicklung in Deutschland oder schon um eine inter­na­tio­nale Entwicklung?

Und zum Abschluss dieses Kapitels wird der Begriff „Industrie 4.0“ von anderen De­finitionen für den Beginn einer vierten industriellen Revolution abge­grenzt (Kapitel 2.4).

2.1 Der Ursprung des Begriffs „Industrie 4.0“

Der Begriff „ Industrie 4.0 “ ist ein recht junger Fachbegriff aus Deutschland.1,2 Mit der Bezeichnung „Industrie 4.0“ soll das Ziel zum Ausdruck gebracht wer­den, nicht weniger als eine vierte industrielle Revolution einzuleiten.3 Im Mittel­punkt dieser vierten industriellen Revolution soll die Verzahnung der bis­he­rigen in­dus­tri­ellen Produktion mit modernster Informations- und Kommu­ni­ka­tions­technik stehen.

Im April 2011 zur Hannover-Messe wurde der Begriff „Industrie 4.0“ erstmals in der Öffentlichkeit verwendet und beschrieb eine Initiative der deutschen Bun­des­­regierung, die im Rahmen der „Forschungsunion Wirtschaft – Wissen­schaft“ einen Arbeitskreis mit eben diesem Titel einsetzte. Aufgabe dieses Arbeits­kreises war es, „ die Voraussetzungen für den erfolgreichen Aufbruch ins vierte industrielle Zeitalter “ zu untersuchen4.

Im Oktober 2012 veröffentlichte der Arbeitskreis erste Umsetzungsempfeh­lun­gen, und am 14. April 2013 präsentierte er im Rahmen der Hannover-Messe seinen Abschlussbericht mit dem Titel „ Umsetzungsempfehlungen für das Zukunftsprojekt Industrie 4.05.

Die Branchenverbände BITKOM, VDMA und ZVEI6 mit zusammen über 7.000 Mitgliedsunternehmen griffen die Aufforderung zur Fortführung und Weiter­ent­wicklung des Projekts „Industrie 4.0“ auf und schlossen im April 2013 eine Kooperationsvereinbarung mit dem Ziel, über die Verbandsgrenzen hinweg eine Plattform „Industrie 4.0“ zu betreiben. Der Start dieser Plattform wurde eben­falls auf der Hannover Messe 2013 bekannt gegeben.

Im August 2014 hat die Bundesregierung „Industrie 4.0“ als zentrales Aktions­feld in ihre „ Hightech-Strategie – Innovationen für Deutschland “ aufge­nom­men. „Industrie 4.0“ ist dabei eines von zehn Zukunftsprojekten, in welchen „systemische Lösungen gefunden werden sollen, die zu mehr Lebensqualität füh­ren, die Lebensgrundlagen schützen und der Wirtschaft in wichtigen Leit­märkten Wettbewerbsvorsprünge sichern soll“7.

Im April 2015 wurde die Plattform „Industrie 4.0“, die fortan unter der Leitung des Bundesministeriums für Wirtschaft und des Bundesministeriums für Bildung und Forschung steht, um weitere Akteure aus Unternehmen, Verbän­den, Gewerkschaften, Wissenschaft und Politik ergänzt.

Zum Zeitpunkt der Erstellung dieser Arbeit im Frühjahr 2017 vergeht kaum ein Tag, an welchem nicht in Rundfunk, Fernsehen oder Presse über „Industrie 4.0“ oder ein mit „Industrie 4.0“ verbundenes Projekt berichtet wird.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Entstehung und Entwicklung von „Industrie 4.0“8

Es kann an dieser Stelle der Arbeit bereits klar festgestellt werden, dass es sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt bei „Industrie 4.0“ – als lediglich eines von zehn Zukunftsprojekten der Hightech-Strategie der Bundesregierung – definitiv noch nicht um eine industrielle Revolution handelt, sondern vielmehr um eine Absichtserklärung, eine vierte industrielle Revolution einleiten zu wollen. Mit anderen Worten: „Industrie 4.0“ ist derzeit ein öffentlichkeitswirksamer Aufruf zur Revolution !

Ungeachtet dieser Tatsache soll im Folgenden geprüft werden, ob die mit der Initiative verbundenen Ziele und Maßnahmen, die sich als Absichts­erklä­run­gen hinter dem Begriff verbergen, verglichen mit den bisherigen drei industriellen Revolutionen das Potential haben, den Beginn einer vierten industriellen Revolution darstellen zu können.

2.2 Die Ziele von „Industrie 4.0“

Die Ziele von „Industrie 4.0“ sind im Rahmen der Umsetzungsstrategie „Industrie 4.0“ im April 2015 wie folgt definiert worden:

„Der Begriff „Industrie 4.0“ steht für die vierte industrielle Revolution, eine neue Stufe der Organisation und Steuerung der gesamten Wertschöpfungs­kette über den Lebenszyklus von Produkten. Dieser Zyklus orientiert sich an den zunehmend individualisierten Kundenwünschen und erstreckt sich von der Idee, dem Auftrag über die Entwicklung und Fertigung, die Auslieferung eines Produkts an den Endkunden bis hin zum Recycling, einschließlich der damit verbundenen Dienstleistungen.

Basis ist die Verfügbarkeit aller relevanten Informationen in Echtzeit durch Vernetzung aller an der Wertschöpfung beteiligten Instanzen sowie die Fähigkeit, aus den Daten den zu jedem Zeitpunkt optimalen Wertschöpfungsfluss abzu­leiten. Durch die Verbindung von Mensch, Objekten und Systemen ent­stehen dynamische, echtzeitoptimierte und selbstorganisierende, unterneh­mens­­über­greifende Wertschöpfungsnetzwerke, die sich nach unterschiedli­chen Kriterien wie beispielsweise Kosten, Verfügbarkeit und Ressourcenver­brauch optimieren lassen.“9,10

Zentraler Punkt von „Industrie 4.0“ ist dabei die Anwendung der Informations- und Kommunikationstechnologien zur Kommunikation zwischen Mensch, Objek­ten und Systemen. Technologische Grundlagen sind insbesondere die soge­nannten „ cyber-physischen Systeme“ (CPS)11 und das „ Internet der Dinge, Dienste und Daten “ sowie das „ Cloud-Computing“ und die Fähigkeit zum Umgang mit und der Analyse von massenhaft generierten Daten (Big Data).

Die individuellen Ziele für die Unternehmen sind dabei im Wesentlichen die unverändert klassischen Ziele der produzierenden Industrie wie Qualität, Kosten- und Zeiteffizienz, aber auch Ressourceneffizienz, Flexibilität, Wand­lungs­fähigkeit sowie Robustheit in sich rasch verändernden Märkten.

2.3 Die regionale Verbreitung von „Industrie 4.0“

Obwohl „Industrie 4.0“ zunächst eine deutsche Wortschöpfung und Initiative ist, gibt es ähnliche Initiativen bereits in vielen anderen Ländern. In den USA besteht sie unter der Bezeichnung „ Industrial Internet Consor­tium “, kurz IIC. Das Industrial Internet Consortium wurde im März 2014 von den Unternehmen AT&T, Cisco, General Electric, IBM und Intel gegründet. Bis Anfang März 2016 beteiligen sich bereits über 200 Mitglieder an dem Konsor­tium. Neue Internet-Technologien sollen gemeinsam gefördert werden, wobei der Ansatz nicht nur auf den Industriesektor beschränkt ist. Das IIC ist auch auf andere Geschäftsfelder (z. B. Dienstleistungen) und auf alle Prozessstufen ent­lang der gesamten Wertschöpfungskette ausgerichtet.

Weitere Initiativen gibt es in Japan unter dem Namen „ Industrial-Value-Chain Inititative “, kurz IVI. China hat im Fünfjahresplan von 2015 ebenfalls Initiativen ähnlich der deutschen Plattform „Industrie 4.0“ ergriffen. Und auch in Südkorea wird in sogenannte „ smart factories “ investiert, ebenso wie in anderen Ländern in Europa.12

Zusammenfassend kann man also feststellen, dass es sich bei der Initiative „Industrie 4.0“ nicht um ein ausschließlich nationales Thema in Deutschland handelt, sondern dass es sich tatsächlich bereits heute um eine multinationale Entwicklung handelt, die in vielen führenden Industrienationen – wenn auch teilweise unter anderem Namen - diskutiert und angegangen wird.

2.4 Die Abgrenzung von „Industrie 4.0“

Gegenwärtig wird der Fachbegriff „Industrie 4.0“ sehr häufig verwendet und von vielen Autoren wird eine vierte industrielle Revolution ausgerufen, so dass es oftmals schwierig ist, das Verständnis der unterschiedlichen Autoren für „Indus­ trie 4.0“ oder für eine vierte industrielle Revolution zu erfassen oder voneinander zu unterscheiden.

Einige Autoren haben ein sehr enges Verständnis von „Industrie 4.0“. Sie fokus­sieren sich z. B. ausschließlich auf die (technischen) Veränderungen in den Produktionsweisen und -systemen der produzierenden Unternehmen durch den verstärkten Einsatz der Informations- und Kommunikationstechnologie.

Andere Autoren entwickeln eine sehr viel breitere Sicht auf den „ tiefgreifenden und systemischen Wandel “, der sich ihrer Auffassung nach im Rahmen der vierten industriellen Revolution gerade in unserer Gesellschaft vollzieht. So charakterisiert der Leiter des Weltwirtschaftsforums die vierte industrielle Revolution als „die ungeheuer schnelle und systematische Verschmelzung von Technologien, die die Grenzen zwischen der physischen, der digitalen und der biologischen Welt immer stärker durchbrechen“ und zeigt die „ politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Herausforderungen, die diese Revolution für uns alle mit sich bringt“13 auf.

Im Rahmen dieser Arbeit können sowohl die sehr engen als auch die gegenüber der Definition von der Plattform Industrie 4.0 sehr viel breiteren Sichten auf den Beginn einer vierten industriellen Revolution nicht eingehender untersucht werden, da es den Rahmen dieser Arbeit überschreiten würde.

3 Der Begriff „Industrielle Revolution“

Die beiden Begriffe „ Revolution “ und „ Industrielle Revolution “ sind von jeher sehr unterschiedlich definiert und verwendet worden. Dabei hat sich bis heute für beide Begriffe keine einheitliche Definition durchgesetzt.

Im Folgenden sollen die Entstehung und die wesentlichen Grundzüge der beiden Begriffe (Kapitel 3.1 und 3.2) dargestellt werden und daraus Charakteristika zur Beschreibung einer industriellen Revolution (Kapitel 3.3) abgeleitet werden.

3.1 Der Begriff „Revolution“

Das Wort „ Revolution “ wurde erstmals im 15. Jahrhundert im Bereich der Astro­nomie von Nikolaus Kopernikus in seinem Buch „ De revolutionibus orbium coelestium – Über die Kreisbewegungen der Himmelskörper “ (1543) verwendet. Er benutzte das spätlateinische Wort „ revolutio “ im Sinne von „ Umdrehung “, um erstmals die Umlaufbewegung der Planeten um die Sonne zu beschreiben.14

Im Jahr 1688 wurde der Begriff Revolution dann im Sinne eines „Zurück­wälzens“ von gesellschaftlichen Verhältnissen beziehungsweise im Sinne eines Wiederherstellens eines „alten legitimen Zustandes“ verwen­det.15 In England fand in diesem Jahr die „Glorious Revolution“ statt, in deren Rahmen die langjährige Herrschaft des königlichen Absolutismus beendet und mit der Bill of Rights das parlamentarische Regierungssystem eingeführt wurde. Dabei basierten die Bill of Rights maßgeblich auf der bereits im Jahr 1215 unter­zeich­ne­ten Magna Charta.

Heute bezeichnet man oftmals einen „auf eine radikale Veränderung der beste­hen­den politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse ausge­richteten, ge-­ walt­samen Umsturz(-versuch)16 als Revolution und verweist dabei insbe­son­de­re auf die Französische Revolution von 1789 bis 1799.17

Neben weiteren Definitionen von „Revolution“ in Fachdisziplinen wie der Sozio­lo­gie oder den Politikwissenschaften wird aber auch eine „ umwälzende, bisher Gül­ti­ges, Bestehendes oder Ähnliches verdrängende, grundlegende Neue­rung oder tief greifende Wandlung18 als Revolution definiert. Dabei muss es sich nicht um plötzliche Veränderungen handeln, sondern eine auf diese Weise definierte Revolution kann auch das Ergebnis jahrelanger, jahrzehnte­langer oder jahrhundertelanger Entwicklungen sein.

In letzterem Sinne hat sich auch für den in der Mitte des 18. Jahrhunderts in England begonnenen Übergang von der Agrargesellschaft zur Industrie­gesell­schaft der Begriff der „Industriellen Revolution“ ausgebildet.

3.2 Der Begriff „Industrielle Revolution“

Ebenso wie der Begriff „Revolution“ wird auch der Begriff der „Industriellen Revolution“ vielfältig definiert, diskutiert und verwendet. In Folge der Vielfalt der Diskussionen fehlt es nicht nur an einer allgemeingültigen Definition des Begriffs, sondern es gibt auch zahlreiche Kontroversen, ob der Begriff der „industriellen Revolution“ für die zu beschreibenden Entwicklungen überhaupt verwendet werden kann.

Erstmals verwendet wurde der Begriff „Industrielle Revolution“ um 1830 von französischen Autoren, die ausschließlich die technischen und organi­sa­to­ri­schen Verän­de­run­gen in den Produktionsprozessen durch die einsetzende Mechanisierung in England mit den tiefgreifenden politischen Veränderungen im Rahmen der Französischen Revolution verglichen.

Im Jahr 1837 erweiterte der französische Nationalökonom Adolphe Jérôme Blanqui den Begriff zu einer Bezeichnung für die gesamte Epoche des Über­gangs von der Agrargesellschaft zur Industrie­gesellschaft und bezog neben den technisch-betriebsorganisa­to­ri­schen auch die gesellschaftlichen und politi­schen Veränderungen mit ein.19

Diesem erweiterten Ansatz folgte auch Friedrich Engels 1845 in seinem Buch über „ Die Lage der arbeitenden Klasse in England “. Er bezeichnete die industrielle Revolution als eine Revolution, „die zugleich die ganze bürgerliche Gesellschaft umwandelte und deren weltgeschichtliche Bedeutung erst jetzt anfängt bekannt zu werden.“20 Diesem erweiterten Ansatz folgten später auch zahlreiche politische Ökonomen und Sozialphilosophen wie zum Beispiel Karl Marx oder John Stuart Mill. Dennoch ist der Begriff „Industrielle Revolution“ umstritten.

Einige Kritiker sehen zum Beispiel in dem Begriff eine Übergewichtung der Veränderungen in der Industrie gegenüber den zahlreichen ökonomischen und sozialen Umwälzungen, die sich in dem gesamten Prozess der Industriali­sierung vollzogen haben. Andere Kritiker halten den Begriff der Revolution für unangemessen, da sich nach ihrer Auffassung kein spektakulärer Ent­wicklungs­sprung ereignet habe und es sich bei der Industrialisierung vielmehr um einen l angjährigen evolutionären Prozess gehandelt habe. Wiederum an­de­re Kritiker sehen die Ursachen und den Verlauf der Industrialisierung in den verschiedenen Regionen und Ländern so unterschiedlich, dass man nicht alle Entwicklungen mit dem einheitlichen Begriff „Industrielle Revolution“ bezeich­nen dürfe.21

Entgegen der vorgenannten Kritik und ungeachtet aller Mängel und Schwächen wird man auf den umstrittenen Begriff „Industrielle Revolution“ kaum völlig verzichten können. Der mit ihm umschriebene Prozess war zwar weder ausschließlich industriell getragen noch ist er stets revolutionär verlaufen, doch von seinen Wirkungen her lässt sich dieser Vorgang zu Recht als grund­legender Umbruch und zentrale Epochenschwelle der Menschheits­geschichte deuten.“22

Ausgehend von den vorangegangenen Überlegungen zu den Begriffen „ Revo­lu­tion “ und „ Industrielle Revolution “ wird im Folgenden von einem erweiterten Ansatz für die Definition einer „industriellen Revolution“ ausgegangen, wobei gegenüber einem ausschließlich streng technologischen Begriffsverständnis auch wirtschaftliche, soziale, kulturelle und gegebenenfalls politische Aspekte hinzutreten:

Eine industrielle Revolution bezeichnet eine umwälzende, bisher Gültiges, Bestehendes oder Ähnliches verdrängende, grundlegende Neuerung oder einen tief greifenden Wandel im Bereich der industriellen Fertigung, die zu dauerhaften Veränderungen der wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen und gegebenenfalls politischen Systeme führen. Dabei müssen diese Veränderun­gen nicht plötzlich eintreten, sondern sie können das Ergebnis sehr langer Ent­wicklungen sein.

3.3 Charakteristika industrieller Revolutionen

Vor dem Hintergrund der vorgenannten Definition einer industriellen Revolution sollen im Folgenden Kriterien vorgestellt werden, anhand derer sich industrielle Revolutionen charakterisieren oder gegebenenfalls erkennen lassen. Im Rahmen dieser Arbeit sollen im Wesentlichen auf die in der Literatur bereits beschriebenen Charakteristika23 zurückgegriffen und diese in zwei Kategorien eingeteilt werden. Die Strukturierung folgt dabei der erweiterten Begriffsdefinition für eine industrielle Revolution.

[...]


1 Siepmann, David: Industrie 4.0 – Grundlagen und Gesamtzusammenhang, in: Roth, Armin (Hrsg.): Einführung und Umsetzung von Industrie 4.0, Berlin 2016, S. 20.

2 O.V., Industrie 4.0, https://de.wikipedia.org/wiki/Industrie 4.0.html, 13.09.2016.

3 Plattform Industrie 4.0, Die vierte industrielle Revolution: Auf dem Weg zur intelligenten und flexiblen Produktion, http://www.plattform-i40.de/I40/Navigation/DE/Industrie40/was-ist-industrie-30.html. 23.07.2017.

4 Kagermann,Henning; Lukas,Wolf-Dieter; Wahlster, Wolfgang: Industrie 4.0: Mit dem Internet der Dinge auf dem Weg zur 4. Industriellen Revolution, in: VDI nachrichten Nr. 13-2011, VDI Verlag, Düsseldorf 2011.

5 Promotorengruppe Kommunikation der Forschungsunion Wirtschaft – Wissenschaft: Umsetzungsempfehlungen für das Zukunftsprojekt Industrie 4.0 - Abschlussbericht des Arbeitskreises Industrie 4.0, Frankfurt/Main 2013.

6 Der Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien e. V. (BITKOM) vertritt die Interessen der ca. 2.400 deutschen Unternehmen der Informa­tions- und Telekommunikationsbranche, der Verband Deutscher Maschinen- und Anla­gen­bau e. V. (VDMA) der ca. 3.200 deutschen Unternehmen des Maschinen- und Anla­gen­baus und der Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie e. V. (ZVEI) der ca. 1.600 Mitgliedsunternehmen der deutschen Elektroindustrie.

7 Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), Die neue Hightech-Strategie – Innovationen für Deutschland, Berlin 2014, S. 50.

8 Graphik angelehnt an Denz, Naemi: Industrie 4.0 – Die industrielle Revolution, Berlin 2014, S. 3.

9 Plattform Industrie 4.0, Umsetzungsstrategie Industrie 4.0 – Ergebnisbericht der Plattform Industrie 4.0, Berlin 2015, S. 8.

10 Vgl. auch Sendler, Ulrich: Die Grundlagen, in: Sendler, Ulrich (Hrsg.): Industrie 4.0 grenzenlos, Springer Verlag, Berlin Heidelberg 2016, S. 17.

11 Der Fachbegriff „cyber-physische Systeme“ wird auf S. 28 noch eingehender erläutert.

12 O.V.: Industrie 4.0, https://de.wikipedia.org/wiki/Industrie 4.0 html, (13.09.2016).

13 Schwab, Klaus: Die Vierte Industrielle Revolution, Pantheon Verlag, München 2016.

14 Van Dülmen, Richard (Hrsg.): Das Fischer Lexikon Geschichte, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt 1994, S. 251.

15 O.V., Revolution, https://de.wikipedia.org/wiki/Revolution.html (23.07.2017).

16 Brockhaus, F.A.: Der Brockhaus in sechs Bänden, Bd. 5, Revolution, Mannheim 2008; Duden, Definition von „Die Revolution“, http://www.duden.de/rechtschreibung/Revolu­tion (26.07.2017).

17 Van Dülmen, Richard (Hrsg.): Das Fischer Lexikon Geschichte, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt 1994, S. 251.

18 Brockhaus, F.A.: Der Brockhaus in sechs Bänden, Bd. 5, Revolution, Mannheim 2008; Duden, Definition von „Die Revolution“, http://www.duden.de/rechtschreibung/Revolu­tion (26.07.2017).

19 Hahn, Hans-Werner: Die industrielle Revolution in Deutschland, Enzyklopädie deutscher Geschichte, Band 49, 3. Auflage, Oldenbourg Verlag, München 2011, S. 52.

20 Hahn, Hans-Werner: Die industrielle Revolution in Deutschland, Enzyklopädie deutscher Geschichte, Band 49, 3. Auflage, Oldenbourg Verlag, München 2011, S. 52; Treue, Wilhelm; Pönicke, Herbert; Manegold, Karl-Heinz: Quellen zur Geschichte der industriellen Revolution, Musterschmidt Verlag, Göttingen 1966, S. 12.

21 Zu der wissenschaftlichen Diskussion um den Begriff der „Industriellen Revolution“ siehe auch Schwarz, Angela: Industrielle Revolution - Industrialisierung, Wochenschau Verlag, Schwalbach 2013, S. 27 - 38.

22 Hahn, Hans-Werner: Die industrielle Revolution in Deutschland, Enzyklopädie deutscher Geschichte, Band 49, 3. Auflage, Oldenbourg Verlag, München 2011, S. 58 und auch Treue, Wilhelm; Pönicke, Herbert; Manegold, Karl-Heinz: Quellen zur Geschichte der industriellen Revolution, Musterschmidt Verlag, Göttingen 1966, S. 12.

23 Vgl. zum Beispiel Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (BMU): Die dritte industrielle Revolution – Aufbruch in ein ökologisches Jahrhundert, Berlin 2008, S. 14 oder Barthelmäs, Nina et al., Industrie 4.0 – eine industrielle Revolution? In: Andelfinger, Volker P., Hänisch, Till (Hrsg.): Industrie 4.0, Springer Fachmedien Verlag, Wiesbaden 2017, S. 33 oder Bauernhansl, Thomas: Die vierte industrielle Revolution – Der Weg in ein wertschaffendes Produktionsparadigma, Springer Fachmedien Verlag, Wiesbaden 2014, S. 6.

Details

Seiten
39
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783346155177
ISBN (Buch)
9783346155184
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v538402
Note
1,0
Schlagworte
Industrie 4.0 Industrielle Revolution Geschichte der industriellen Revolutionen Auswirkungen von Industrie 4.0 Charakteristika industrieller Revolutionen

Autor

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Titel: Industrie 4.0 als Beginn einer neuen industriellen Revolution? Eine Einordnung in die Geschichte seit 1760