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Online-Offline: Zum Verhältnis zweier Wirklichkeitsbereiche

Magisterarbeit 2005 157 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Soziologie

Leseprobe

Gliederung:

I Vorüberlegungen
1 Einleitung
1.1 Was kann der Leser von diesem Text erwarten?
1.2 Darstellung einiger Ausschnitte aus der Wissenschaft, die sich unter anderem mit Communities auseinander setzen
1.3 Was ist das Ziel dieser Arbeit und wie gliedert sie sich?

II Ausgangsfragen:
2 Mediengeschichte und der damit einhergehende Wandel von der Kommunikationsvorstellung
2.1 Was ist ein Medium? Wozu dient ein Medium?
2.2 Wie verändert sich die Vorstellung von der Welt, in der man lebt, durch den Übergang von der Oralität zur Literarität ?
2.3 Auswirkungen des Buches während des Übergangs von der Stände- zur Industriegesellschaft
2.4 Der Übergang zur technologischen Revolution und die damit einhergehenden Entwicklungen von Globalisierung und Dezentralisierung
2.5 Zusammenfassung
3 Methodisches Vorgehen
3.1 Ansatz
3.2 Datenerhebung und Dokumentation
3.3 Aufbereitungsverfahren
3.4 Auswertungsverfahren

III Schlüsselthemen:
4 Virtuelle und reale Welten – Wie verschieden sind sie?
4.1 Vergleich von „real life“-Gemeinschaften und „virtuell life“-Gemeinschaften
4.1.1 Wie wird man Mitglied einer Gemeinschaft?
4.1.2 Die Bedeutung von Regeln und Ritualen innerhalb einer Gemeinschaft
4.1.3 Wie gliedert sich die soziographische Struktur in Gemeinschaften?
4.1.4 Wie erfolgt die Selbstdarstellung in den virtuellen Gemeinschaften?
4.2 Zusammenfassung
5 Der Körper in der virtuellen Sozialisation
5.1 Einleitung
5.2 Bedeutung von Körperlichkeit im Datenstrom und im „real life“
5.2.1 Die Wahrnehmung wird im neuen virtuellen „Spielfeld“ verändert
5.2.2 Existieren Momente, in denen die Grenzen zwischen virtueller und realer Welt ineinander fließen?
5.3 Das virtuelle „Ich“ konstruiert seine digitale Umgebung
5.3.1 In welcher Form existiert der Körper in der virtuellen Gemeinschaft?
5.3.2 Der virtuelle Körper und seine sozialen Aspekte
5.4 Zusammenfassung

IV Herausforderungen:
6 Schlußfolgerungen für die Pädagogik
6.1 Welche Bedeutung hat die Medienkompetenz in der vernetzten Welt des 21. jahrhunderts?
6.2 Welchen Umgang bevorzugen häufige Besucher von virtuellen Welten?
6.3 Kann eine pragmatische Umgangsweise den User in seiner Erfahrung der beiden Welten unterstützen?

V Abschluß:
8 Anlage
9 Quellen

I Vorüberlegungen:

1 Einleitung

1.1 Was kann der Leser von diesem Text erwarten?

Müssen wir nun nicht gestehen, wenn jemand, der etwas sieht, bemerkt, dieses, was ich hier sehe, will zwar sein wie etwas gewisses anderes, es bleibt aber zurück und vermag nicht zu sein wie jenes, sondern ist schlechter, - daß der, welcher dies bemerkt, notwendig jenes vorher kennen muß, von dem er sagt, daß das andere ihm zwar gleiche, aber doch dahinter zurückbleibe?[1]

Platon weist unter anderem in diesem Zitat aus dem Phaidon darauf hin, dass das erkennende Subjekt, bei ihm ist es der Mensch, die Ideenwelt von der sichtbaren Welt unterscheiden muss. Auch andere seiner Schriften arbeiten diese klare Differenz immer wieder deutlich heraus. Besonders anschaulich stellt Platon in seinem „Höhlengleichnis“[2]den Unterschied zwischen der Sinnenwelt und der Ideenwelt dar. Beide Welten werden von Platon als gegensätzlich verstanden.

Für die Ideenwelt liegt in der Philosophie Platons der ontologische Wahrheitsbegriff zugrunde. Die ontologische Wahrheit ist die erkenntnistheoretische Basis in Platons Forschungen. Deutlicher wird Platons Verständnis von der Idee, als dem Wahren entsprechend, wenn als Gegensatz die Sinnenwelt zum Verständnis hinzugezogen wird. Bei der sinnlichen Wahrnehmung, die die Sinnenwelt erschließt, handelt es sich um eine subjektive Wahrnehmung durch eben die Sinne. Diese ist unzuverlässig, da sie sich ständig ändert. So kann beispielsweise die sinnliche Betrachtung eines Objektes zu unterschiedlichen Zeitpunkten und aus verschiedenen Perspektiven zu verschiedenen Ergebnissen führen. Platons Idee, seine ontologische Wahrheit, ist hingegen unveränderlich und mit sich selbst jederzeit identisch. Daher ist diese Wahrheit zeitlos. Aus diesem Grunde fordert Platon den Philosophen auf, dem Leib und seinen Sinnen zu entsagen, da er sonst die reine Wahrheit niemals erblicken könne.[3]Die Sinne dienen als Material der Erkenntnis. Wie kann aus den einzelnen Sinneswahrnehmungen nach Platon die Wahrheit geschaut werden? Platon vergleicht die Inhalte der verschiedenen Sinneswahrnehmungen miteinander und hebt ihre wesentlichen Merkmale, also Merkmale, die allen bisherigen Sinneswahrnehmungen gemeinsam waren, heraus.

Um eine nächste Erscheinung von anderen Erscheinungen differenzieren zu können, bedient sich das erkennende Subjekt einem Muster, dass es aus den wesentlichen und allgemeinen Merkmalen vorheriger mannigfaltiger Sinneswahrnehmungen geschaut hat, um diese Erscheinung einem Begriff unterordnen zu können.

Der Begriff wiederum kommt wegen seiner Allgemeinheit und Abstraktheit der Idee näher, als die sinnliche Wahrnehmung. Da er jedoch nur ein sprachlicher Ausdruck als Mittel der Darstellung von Ideen ist, bleibt er hinter der Idee zurück. Eine Idee kann nichts Sprachliches sein, sondern ist eher mit dem reinen Gedanken zu vergleichen. Das ist es, was Platon zum Gegenstand von Wissenschaft und Wahrheit macht.

Die Ideen entsprechen in Platons Schriften der eigentlichen Wirklichkeit. Begriffe, sinnliche Anschauungen usw. versuchen hingegen diese eigentliche Wirklichkeit abzubilden. Dies gelingt ihnen jedoch nur bis zu einem bestimmten Annäherungswert. Sie erreichen niemals den reinen Wert und das Wesen der Idee, des Seins selbst. Das ist es, was Platon unter dem oben, einführenden Zitat meint, wenn er schreibt: „es bleibt aber zurück und vermag nicht zu sein wie jenes, sondern ist schlechter" bzw. „daß das andere ihm zwar gleiche, aber doch dahinter zurückbleibe".

Platon grenzt die physische Welt deutlich gegen seine Ideenwelt ab. Die durch Sinnesorgane wahrnehmbare Welt bezeichnet er als die sichtbare Welt im Gegensatz zu der nur denkbaren Ideenwelt. Die Vorstellung zweier verschiedener Wirklichkeiten versteht Platon jedoch nicht im Sinne zweier streng voneinander getrennten Welten, quasi als Zweiweltentheorie. Für ihn selbst gibt es nur eine Einheit des Seins. Er unterscheidet in dieser einen Welt zwischen mehreren Modalitäten der Wirklichkeit. Die Idee, die das wahre und eigentliche Sein ist, durchdringt alle Modalitäten des Seins und diese haben somit Anteil am wahren Sein. Wie bisher von mir hervorgehoben wurde, existieren verschiedene Schichten von Art und Weise des Seins. Für Platon ist der Gedanke immanent, dass eine Schicht auf der anderen aufruht. Die Wesensschau verläuft in dieser Schichtung somit von oben nach unten. Die höhere Schicht ist immer die Seinsstärkere und legt die Bedingung der darunter liegenden und abhängigen Schicht vor. So ruht beispielsweise das raumzeitliche Sein der physisch wahrnehmbaren Welt auf dem idealen Sein. Das eine untere Seinsschicht der oberen Seinsschicht bedarf, formuliert Platon im einführenden Zitat folgendermaßen: „daß der, welcher dies bemerkt, notwendig jenes vorher kennen muß". Mit diesem Verständnis steht der Mensch über aller raumzeitlicher Erfahrung in einer zeitlosen Welt, ohne die sinnliche Welt zu verlieren und in eine total andere, gänzlich unbegreifliche zu fliehen. Nach Platon erfasst der Mensch die Welt in ihrem Grunde, da er die verschiedenen Modalitäten als eine Immanenz des Transzendenten versteht. Die Ideenlehre Platons ist eine Modalitätsanalyse.[4]

In Bezug zu meinem Thema, schlußfolgere ich, dass Platons Ideenwelt zu einer unausschöpfbar reichen und zeugenenden Fruchtbarkeit für die Sinnenwelt anregt.

Die Sinnenwelt kann sich dieser Fruchtbarkeit bedienen und mannigfaltige Formen nach dem Vorbild der Ideenwelt schaffen. Die Ideenwelt, die zur Kreativitätsentfaltung animiert, ist somit für Platon die stärkere Wirklichkeit. In der heutigen, so genannten modernen Zeit, hat sich dieses Verständnis der Wirklichkeit gewandelt. Der moderne Begriff, von dem was wahr ist, schwächt den Wirklichkeitsgrad der Ideen Platons ab. Der Blickwinkel des 21. Jahrhunderts ist gewohnt, in der physischen Wirklichkeit die eigentliche Wirklichkeit zu sehen. Wissenschaft, wie sie sich heute versteht, beruht auf Erfahrung. Sie findet Gewissheit in der Ausdehnung, der Gestalt und der Bewegung von Gegenständen. Durch diese veränderte Perspektive auf wahres Wissen, bedient sich die Wissenschaft des instrumentalisierten Denkens, um die materielle Welt um uns herum zu verstehen. Die „Idee" hat sich zum instrumentalisierten Wissen weiterentwickelt.[5]

Spätestens an dieser Stelle drängt sich dem Leser wohl die Frage auf, warum der Autor dieses Textes so ausführlich mit Platons Ideenlehre in seine Arbeit einleitet, deren zentrales Thema das Verhältnis Online und Offline ist. Die Antwort liegt in Platons Modalitätsanalyse. Angeregt wurde ich durch seine Vorstellung der immanenten Transzendenz von Wahrheit. Diese Vorstellung lässt sich mit meinem Verständnis in die heutige Zeit transformieren. Heute – darunter wird der Anfang des 21. Jahrhunderts verstanden - haben sich die Lebenserscheinungen im Vergleich zu Platons Griechenland gewaltig verändert. Doch im Grunde ist der Mensch noch immer auf der Suche nach den Lösungen alter Fragestellungen. Er streitet noch immer über Probleme aus längst vergangenen Zeiten, nur treten diese Probleme in einer anderen Form auf. Konkret ausgedrückt heißt das, dass die Wissenschaft noch immer mit den ungelösten Rätseln der Vergangenheit konfrontiert wird. Die Erscheinungen der Konfrontation haben sich nur in ihrem Aussehen mit dem Voranschreiten der Zeit gewandelt.

Der Titel „Online - Offline" birgt vielmehr in sich, als die Wissenschaft bisher erkannt bzw. erforscht hat. Unter „Online" verstehe ich, wenn sich ein Nutzer über den Computer mit dem Internet verbunden hat und somit auf Informationen weltweit zugreifen kann. „Offline" hingegen ist der Nutzer eines Computers dann, wenn der Computer nicht mehr mit dem Internet verbunden ist. Da ich mich nicht im Stande sehe, das Online - Offline Verhältnis auf das ganze Internet hin zu betrachten, habe ich mir einen ganz speziellen und kleinen Bereich des Internets herausgesucht. Aus diesem Grunde betrachte ich das Online - Offline Verhältnis nur in Bezug auf Communities hin. Speziell auf eine Community bezogen kann online mit virtuell und offline mit real gleichgesetzt werden. Online ist das virtuelle Agieren eines Charakters innerhalb der Community, währen Offline das Agieren außerhalb der Grenzen der Community bedeutet. An dieser Stelle weise ich darauf hin, dass „Offline" oft gleichbedeutend als Realität verwendet wird. Das würde in meinem Kontext eine Änderung des Offline - Verständnisses nach sich ziehen. Deshalb wird im fortlaufenden Text, wenn nicht speziell von mir darauf hingewiesen wird,

unter „Offline" das Agieren außerhalb der Grenzen des Internets, auch als Realität bezeichnet, verstanden. Wie können diese unterschiedlichen und doch scheinbaren gegensätzlichen Termini „virtuell-real", verbunden werden? Eine Anleitung dafür gibt Platon. Durch seine Differenzierung von verschiedenen Arten und Weisen von Wahrheit, gibt er eine Anleitung, die meines Erachtens auf die beiden Wirklichkeitsbereiche „Online-Offline" übertragen werden kann.

An oberster Stelle und mit den Ideen Platons gleichzusetzen, findet sich der moderne Begriff der Wirklichkeit wieder. Als Wirklichkeit wird das bezeichnet, was unabhängig von subjektiven Erscheinungen der Fall ist. Ob diese Wirklichkeit jemals erkannt werden kann, diese Frage ist heute noch immer heftig umstritten. Die Realität hingegen kann als eine Form des abgeschwächten Wirklichkeitsgrades angesehen werden. Die Wirklichkeit dient als Basis, verschiedenste Realitätsformen im Sinne der Wirklichkeit zu modellieren. Mit Platon formuliert heißt das, dass der Realität unausschöpfbare Möglichkeiten der Wirklichkeits"abbildung" zur Verfügung stehen. Die Realität hat einen eigenen für sich in Anspruch genommen Wirklichkeitsbezug. Dieser Wirklichkeitsbezug wird von den Nutzern der Realität definiert und als „Realität“ gekennzeichnet. Die Realität ist jedoch nur ein Bezug auf die Wirklichkeit und dazu ein ganz spezieller. Nach Platon und der menschlichen Erfahrung existiert mehr als ein Bezug auf die Wirklichkeit, wobei jedoch jeder weitere Bezug eine ihm eigene Abstufung des Wirklichkeitsgehaltes inne hat. Eine weitere Wirklichkeitsabstufung ist beispielsweise die Virtualität. Auch sie wird von den Hinweisen der Wirklichkeit angeregt, sich entsprechend zu gestalten. Je weniger Wirklichkeitsgehalt in einer Wirklichkeitsabbildung steckt, desto mehr kann die Virtualität nach dem Verständnis des Nutzers geformt werden. Die Realität hingegen erlebt er und die Wirklichkeit versucht er in ihren Konsequenzen zu verstehen.[6]

Beim „Abbild“ handelt es sich um einen „philosophischen Begriff und bezeichnet das Resultat eines Widerspiegelungsprozesses, in dem sich die Menschen auf der Grundlage gesellschaftlicher Praxis [...] vermittels der Maßstäbe des gesellschaftlichen Bewusstseins in verschiedenen Formen geistig aneignen.[7]

Wird Virtualität allein als Widerspiegelung verstanden, so ist diese Charakterisierung unzureichend. Nur wenige Sätze vorher habe ich darauf aufmerksam gemacht, dass die Virtualität von den Nutzern selbst konstruiert wird.

Widerspiegelung markiert dann ein Merkmal des virtuellen Wirklichkeitsbezuges. Ein weiteres Kennzeichen des virtuellen Wirklichkeitsbezuges kann in meinem Verständnis unter dem Begriff der Nachahmung der Wirklichkeit gebündelt werden. Gezielt geförderte Nachahmung, die das gewünschte Verhalten fördert, wird Erziehung genannt. Platon macht in seiner "Politeia" darauf aufmerksam, dass eine Gesellschaft einer Erziehung bedarf. Die Erziehung verfolgt das Ziel, den Einzelnen zu befähigen, die ihm zukommende Aufgabe zu erfüllen. In Verbindung mit der Nachahmung ergibt sich daraus Platons Lernbegriff. Junge Menschen lernen im Wesentlichen durch Nachahmung. Dabei ist das Ziel der Erziehung Sorge um Besinnung, Wahrheit, oder um die Güte der Seele zu entwickeln.

Den Auftrag der Arbeit verstehe ich in der Frage nach dem Verhältnis beider Wirklichkeitsbereiche, Virtualität und Realität. Dieser Frage werde ich mich unter dem Aspekt der Vermittlung gesellschaftlicher Werte nähern.

1.2 Darstellung einiger Ausschnitte aus der Wissenschaft, die sich unter anderem mit Communities auseinander setzen.

Die wissenschaftliche Forschung, die sich speziell dem Internet und den darin enthaltenen Communities zuwendet, ist durch große Interdisziplinarität gekennzeichnet. Von der Physik, über die Technik[8]bis hin zur Psychologie[9]beschäftigen sich die verschiedensten Wissenschaftsbereiche mit dem neuen Informationsmedium.

Da sich der Forschungsschwerpunkt dieser Arbeit auf Communities beschränkt, setze ich mich vorwiegend mit Literatur aus den Disziplinen auseinander, deren Schwerpunkt in diesem Bereich des Internets liegt. Unter welchen Gesichtspunkten wurden Communities bisher in der Wissenschaft betrachtet? Um diese Frage zu beantworten, lege ich eine kurze und in Bezug zur Anzahl der erschienen Literatur unvollständige Übersicht dar. Inzwischen ist das Modell einer virtuellen Community bzw. einer virtuellen Gemeinschaft in der wissenschaftlichen Diskussion gängig. Eine der ersten Untersuchungen über Communities stammt von dem Journalisten Howard Rheingold. Mit seinem Buch „Virtuelle Gemeinschaft, soziale Beziehungen im Zeitalter des Computers“ hat er den Begriff der virtuellen Community anfang der 90er Jahre entscheidend mitgeprägt und ursprünglich auf eine Gruppe von miteinander kommunizierenden Personen bezogen, die ohne realweltliche Kontakte ein Gefühl der sozialen und emotionalen Nähe entwickeln.[10]In seinem Buch werden die Begriffe „Gemeinschaft“ und „Community“ synonym verwendet.

Im Sinne einer sozialwissenschaftlichen Perspektive geht die Community über ein bloßes Diskussionsforum hinaus. Die sozialpsychologische Internetforschung bestätigt Rheingold, indem sie nachweist, dass bei relativer hoher Anonymität der Kommunikationspartner und reduzierten Kommunikationskanälen durchaus ein Gefühl von gemeinsamer Nähe entstehen kann[11]. Allerdings kommt diese Form gemeinschaftlicher Nähe, vorwiegend in Umgebungen wie Chats, MUDs oder themenzentrierten Newsgroups vor, also Plattformen, auf denen ein Nutzer gewöhnlich öfters anwesend ist und sich am Geschehen beteiligt.

Der Begriff der „virtuellen Gemeinschaft“ kann auch soziologisch verstanden werden. Weist eine Gruppe von Nutzern über einen längeren Zeitraum einen gemeinsamen Gebrauch der Plattformen auf, so bilden sich bestimmte Regeln heraus, die den Nutzungsvorgang rahmen.[12]Diese Gruppen verstehen sich als „Interpretationsgemeinschaften“, die Annahmen darüber teilen, z.B. welche Inhalte innerhalb eines Online-Angebots erwartet werden können, welche Anfragen und Beiträge in Foren möglich sind oder sanktioniert werden.

Anfang der 90er Jahre, erschienen Bücher von Wissenschaftlern oder populären Autoren, wie Howard Rheingold, die zu einer Computereuphorie beigetragen haben. So lassen sich in Rheingolds Buch Passagen finden, in denen der Community-Begriff überidealisiert wird. Auf Seite 101 beschreibt er folgendermaßen euphorisch die Anwendungsweisen des Internets: „Erhalten sie eine Nachricht von jemanden, der auf ihrer Adressenliste steht, dann können sie ausschließlich dieser Person antworten oder die Antwort automatisch an jeden schicken, der auf der Liste steht. Und plötzlich wird die Korrespondenz zum Gruppengespräch.“[13]

Sherry Turkle hatte sich zwar schon vor Rheingold mit den sozialen Auswirkungen des Computerumgangs auseinander gesetzt[14], doch erst mit ihrem Buch „Leben im Netz: Identität im Zeitalter des Internet" wendet sie sich eigens den Communities zu. Die Autorin vertritt die These, dass im Internet Grundgedanken der postmodernen Philosophie in konkreten Kommunikationspraktiken gleichsam zu sich selbst kommen. Sie beschreibt Verhaltensformen im Internet, die neue Dimensionen der Persönlichkeitsentwicklung aufweisen. Vorgestellt werden „Internet-Realisationen" von virtuellen Welten und den sich daraus ergebenden mannigfaltigen Möglichkeiten, die sich im realen Leben schwerer ausleben lassen. Der anonyme Charakter eines Nutzers erlaubt es ihm, neue bzw. andersartige Identitäten zu präsentieren. In dem Buch wird das virtuelle Leben dem realen Leben gegenübergestellt. Dabei werden Potentiale und Gefahren über Beobachtungen und Interviews mit beteiligten Personen herausgearbeitet. „Leben im Netz" hinterlässt beim Leser das Bild einer überzeugten und engagierten Psychologin mit sozialen Ambitionen. Sie umschreibt ihr Buch folgendermaßen: „Dieses Buch beschreibt, wie sich die im Entstehen begriffene Kultur der Simulation auf unsere Vorstellungen von Bewusstsein und Persönlichkeit,

Körper und Identität, Selbst und Maschine auswirkt." Als ausgebildete Psychoanalytikerin und Psychologin sucht Turkle die Ursachen für die unterschiedliche Wirkungsweise von MUDs in der individuellen Identitätsstruktur, welche der Nutzer im realen Leben entwickelt hat. Im Vordergrund ihrer Betrachtungen steht die medienneutrale reale Persönlichkeit des MUD-Spielers. Ebenso erfolgt die Bewertung des Umgangs mit virtuellen Identitäten durch den Rückbezug auf die vermeintliche medienfreie reale Identität. Die unterschiedlichen Medienperspektiven, die verschiedene Nutzergruppen auf die virtuelle Welt haben, bleiben in Turkles Studie aufgrund der ihr methodisch zugrunde liegenden voreingenommenen Annahme unthematisiert.[15]Bei ihr bleibt unberücksichtigt, dass die reale Identität selbst bereits durch die Nutzung anderer Medien mitgeprägt ist. Die Wahrnehmung und Nutzung des Internets des Einzelnen lässt sich nicht ausschließlich aus einer medienneutralen individualpsychologischen Perspektive bestimmen.

Methodisch stützt sie sich auf teilnehmende Beobachtung und qualitative Interviews. Online befragte oder getroffene Interviewpartner wurden dabei immer auch im realen Leben befragt. Aufgrund der angewandten Methoden ist der „Subjektivitätscharakter" relativ hoch.

Für eine Vielzahl der Materialien, auf denen Turkle ihre Schlüsse aufbaut, sind in ihrem Buch keine konkreten Quellen angegeben. So ist der Weg von den Fakten zu den Schlüssen nicht immer überprüfbar.

Anke Bahl ist Kulturwissenschaftlerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Bundesinstitut für Berufsbildung im Bereich Bildungspersonal und Bildungstechnologie. Ihr Buch „Zwischen On- und Offline“ basiert auf ausführlichen Interviews mit Mitgliedern einer virtuellen Gemeinschaft. Im ersten theoretischen Teil werden zunächst die charakteristischen Grundlagen von Identitätsbildung in der Nachmoderne diskutiert. Des Weiteren bietet die Autorin einen Überblick über alte und neue kulturelle Formen der Selbstdarstellung.

Der empirische, zweite Teil setzt sich zusammen aus einer grundlegenden Einführung in die Spiel- und Erfahrungswelt der Internetnutzer, die in vier Fallgeschichten besonders veranschaulicht werden. Der Veröffentlichung ihres Buches liegt ihre Magisterarbeit aus dem Jahre 1997 zugrunde.

Neben den eben eingeführten empirischen Betrachtungen und Einzelfallanalysen nutze ich noch zusätzliche Literatur aus der Philosophie. Mit der philosophischen Betrachtung versuche ich aus der einseitigen[16]Perspektive, der eben aufgeführten Autoren herauszukommen.

Sandbothes Arbeit ist vom amerikanischen Pragmatismus geprägt, vor allem von Richard Rorty. Dem Internet wendet er sich aus der Richtung kommend zu, welche das Handeln inbezug zum Nutzen stellt. Mit diesem Ansatz erwartet er unter anderem, vom Internet neue Impulse für seine Theorie, aber zusätzlich fragt er sich, ob nicht die Theorie etwas für das Internet tun kann. Seine Ziele stellt Sandbothe nach Rorty ausrichtend,

in den Dienst der Demokratie[17]. Da er diese leider nicht näher ausformulieren bzw. konkretisieren kann, lassen sie die philosophische Tiefe vermissen. Während der philosophische Teil einen fundierten Überblick bietet, sackt die praktische Annäherung an die Technologie ab, weil sie in der politischen und technischen Praxis ihre Reflexion der Begrifflichkeiten aufgibt.

Warum überhaupt Medienphilosophie? Sandbothe ist der Auffassung, dass das bisherige Theorieverständnis von der konstruktiven Potenz der Medien bislang ungenügend herausgestellt wurde. „Die theoretische Reflexion auf Möglichkeitsbedingungen der Erzeugung von Sinn und der Konstitution von Wirklichkeit“[18]wurde nach Sandbothes Verständnis als akademischer Selbstzweck betrieben. Dem stellt er die pragmatische Medienphilosophie gegenüber. Sein Anspruch, an die akademische Disziplin der Philosophie besteht darin, eine Rückbindung an das praktische Handeln zu finden. Anzumerken ist noch, dass es sich bei dieser Forderung nur um eine Perspektive von den vielen anderen Perspektiven in der Philosophie handeln soll.

1.3 Was ist das Ziel dieser Arbeit und wie gliedert sie sich?

Mit meiner Magisterarbeit möchte ich mich mit dem Thema der Wirklichkeitsverhältnisse zu Online und Offline auseinander setzen. Welche Abhängigkeiten bestehen zwischen ihnen? Oder ist es den Communities möglich, andere Modelle von Wirklichkeit zu entwerfen? Sind sie von der realen Welt abhängig? Unterliegen sie äußeren, realen gesellschaftlichen Werten? Nutzen User die Möglichkeit, durch die Virtualität und somit „freiere“ Umgebung, andere Existenzformen von Gemeinschaften zu entwerfen? Ist so etwas überhaupt möglich? Inwieweit werden in ihnen gesellschaftliche Regeln/Normen verwirklicht?

Wie aus den Fragen hervorgeht, interessiere ich mich für den Bezug virtueller Communities zur Realität. Die bisherige praxisnahe Literatur baute ihre Nachforschungen vom Individuum aus auf. Vom einzelnen Nutzer werden Rückschlüsse auf veränderte Verhaltensweisen und Realitätsinterpretationen gezogen. Deshalb soll mein Ansatz ein anderer sein. Die bisherige Vorgehensweise vom Individuum her das Feld zu erschließen ist schon ausreichend von den verschiedensten Wissenschaftlern erkundet worden. (Vgl. Turkle, Rheingold, Bahl) Aus diesem Grunde ließ ich mich von Mike Sandbothe, einem Theoretiker, dazu inspirieren, das Forschungsfeld von der anderen Seite beginnend, zu erschließen. Meine Arbeit betrachtet die Gemeinschaft in der Virtualität,

um sie dann mit einer realen Gemeinschaft vergleichen zu können. Turkle, Rheingold und Sandbothe gehen trotz ihrer unterschiedlichen Disziplinen davon aus, dass es für den Nutzer durchaus Vorteile geben kann, beide Welten nicht strikt voneinander zu trennen, wie es bisher immer wieder versucht wurde, sondern nach einem zukünftigen Nutzen in einer gemeinsamen Wesensschau zu suchen.

Diese Arbeit kann als Unterstützung dienen, neue Formen virtueller Gemeinschaften zu kreieren, um somit Handlungsmöglichkeiten von Gemeinschaften und des Einzelnen zu erweitern.

Mein Ziel liegt darin, Abhängigkeiten, aber auch Möglichkeiten von Handlungsräumen in virtuellen Gemeinschaften zu erkunden.

Die Vorgehensweise meiner Arbeit passt sich diesem Ziel schrittweise an. In den Vorüberlegungen gab ich einen kleinen Überblick und eine Einleitung in diese Arbeit. Sie weisen in die Problemstellung ein, stellen vier Autoren vor, die in Bezug zum Inhalt wichtige und notwendige Ansätze umreißen. Entlang dieser ausgewählten Autoren, teile ich den Stand des wissenschaftlichen Diskurses, in Bezug zu diesem Thema mit, wie er zum Anfang dieser Arbeit war.

Nach den Vorüberlegungen stelle ich mich den Ausgangsfragen, die kurz die Mediengeschichte und dem damit einhergehenden Wandel der Kommunikationsvorstellung aufzeigen soll. Zuerst erkläre ich den Begriff der „Medien" bzw. des „Mediums" näher. Dann gehe ich in diesem Abschnitt auf die Methoden, die ich in dieser Arbeit benutze, näher ein.

Sind die eingehenden und notwendigen Erläuterungen meiner Arbeit abgeschlossen, indem ich darauf hingewiesen habe, wie Medien die menschliche Wahrnehmung und somit die Konstruktion von Realität unmittelbar beeinflussen, komme ich zum Hauptteil, der sich aus zwei Schlüsselthemen zusammensetzt.

Wirklichkeitskonstruktionen sind untrennbar an Raum und Zeit gebunden. Medien ändern unser kulturelles Welt- und Selbstverständnis. Sie entwerfen Sozialisationsmodelle, beeinflussen biografische Entwürfe und strukturieren somit menschliche Wahrnehmung.[19]

Daher entwirft der erste Teil der Schlüsselthemen einen allgemeinen, aber unvollständigen Vergleich beider Wirklichkeitsbereiche „Online-Offline“. Beide Wirklichkeitsbereiche werden mithilfe ausgewählter Parameter gegenübergestellt. Ein umfassender Vergleich ist in meinen Augen unmöglich, da es einem Versuch gleich kommen würde, alle Gemeinschaften umfassend wahrzunehmen. Schon bei einer Einzigen ist dieses generelle Vorhaben sehr schwierig, noch schwieriger wird diese Umsetzung bei dem Versuch allgemein gültige Aussagen zu finden, die auf alle Gemeinschaftsformen zutreffen. Des Weiteren existieren im Vergleich verschiedenster Gemeinschaften unvereinbare anthropologische Grundannahmen,

die nicht so einfach in Übereinstimmung gebracht werden können.[20]Aus diesem Grunde suche ich mir nur einzelne markante Eckpunkte aus dem „real life“, wie auch aus dem "virtuel life“ heraus.

Zudem vergleiche ich die virtuelle Gemeinschaft mit den westlich orientierten Gemeinschaften. Auf diese Abgrenzung von anderen Gemeinschaftsformen deuten mehrere Gründe. Erstens: Das Internet entstand in der westlichen Gesellschaft. Das Internet verstehe ich dementsprechend, als Weiterentwicklung aus dem westlichen Verständnis von Wirklichkeitsanschauungen. Die Entwicklung eines Rechnernetzes sollte einen störungsresistenten Datenaustausch zunächst im Militär und dann auch in der Wissenschaft ermöglichen.[21]Zweitens: Im Internet bewegen sich vorwiegend Nutzer aus den westlichen Gemeinschaften. Auf der nachfolgenden Grafik ist die ungleiche Verteilung der globalen Internetkommunikation dargestellt. Allerdings ist darauf hinzuweisen, dass diese Grafik im Jahre 1998 erstellt wurde. Sie zeigt auf, wie viele Internetnutzer, je 1000 Einwohner an der weltweiten Kommunikation teilnehmen. Die Aktualität der Grafik kann in meinen Augen unter dieser Perspektive ignoriert werden, da sie lediglich die ungleiche Entwicklung der Industrienationen, gegenüber den nichtwestlichen Staaten andeuten soll.

Abbildung 1: Verbreitung von Internetzugriffen – ein weltweiter Vergleich im Jahr 1998[22]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Eine aktuelle Grafik, aus dem Jahre 2005, stellt die Firma „IBusiness“ gegen einen Aufpreis zur Verfügung.[23]„IBusiness“ untersucht charakteristische Merkmale von Internetnutzer, die sie in Grafiken und dazugehöriger Auswertung auf ihrem Server den unterschiedlichsten Nutzern anbieten. Auf einer der aktuellsten Grafiken werden die Internetnutzer,

die Zugang zum Netz haben, nach Regionen dargestellt. Vergleiche ich diese Grafik mit der eben dargestellten Abbildung, stelle ich fest, dass sich der weltweite Zugang zum Internet überall auf der ganzen Welt erhöht hat. Deutlich erkennbar ist jedoch noch immer die ungleiche Verteilung der verschiedensten Gesellschaften.

Die Gegenüberstellung und das Herausarbeiten von gemeinsamen Merkmalen, sowie von bedeutenden Unterschieden der realen und der virtuellen Welt, soll den ersten Teil der Schlüsselthemen ausmachen.

Im zweiten Hauptthema dieser Arbeit, das im Anschluss an den allgemein gehaltenen ersten Teil folgt, führe ich einen speziellen Sozialisationsaspekt, nämlich den Körper, ein. An ihm zeige ich Überschneidungen und gegenseitige Beeinflussungen beider Wirklichkeitsbereiche auf. Netzwerkmedien können somit als integrales Element der Alltagskommunikation verstanden werden. Sie sind in der realen Welt entstanden und lösen durch ihre virtuellen Anwendungen ein Umdenken in eben dieser realen Welt aus. Durch ständige Anwendungen rufen diese bewusst herbeigeführten Veränderungen, neue, nicht immer beabsichtigte Handlungsweisen in der Weltanschauung des jeweiligen Mediennutzers hervor. Ich werde nachweisen, wie Medien die Wahrnehmung des Körpers verändern können und die Grenzen zwischen der realen und virtuellen Abbildung von Wirklichkeit ineinander überfließen. Der Einfluss der realen Welt auf die virtuelle Welt, wie auch umgedreht wird herausgearbeitet. Für den Körper habe ich mich als konkretes Beispiel entschlossen, weil er eine zentrale Funktion in der menschlichen Gemeinschaft einnimmt. Er ist beispielsweise ein Medium von Erfahrung und Kommunikation und somit ein Ausdruck der menschlichen Kultur und dem damit einhergehenden Verständnis von abbildender Wirklichkeit. Durch die Entstehung des Internets ist eine neue Existenzform von Körperlichkeit entstanden, die das Bewusstsein von realer Körperlichkeit verändert.

Ein Massenmedium erreicht im gleichen Zeitraum mehr Nutzer. Somit wird nicht nur das Verständnis der Welt eines Einzelnen verändert, sondern es kommt zu Veränderungen in der Soziologie, die sich wiederum auf die Pädagogik und andere Wissenschaften auswirken. An dem konkreten Beispiel, der Körpervorstellungen lege ich die „Verschmelzung“ beider Welten ineinander dar.

Im Anschluss daran werden die Herausforderungen an die Zukunft und besonders an die Pädagogik herausgearbeitet, die sich aus dem Fazit der Schlüsselthemen ergeben. Einleiten werde ich mit einem umfassenden Resümee, das die wichtigsten Punkte meiner Arbeit wiedergibt. An diese Kurzdarstellung des Themas, schließen sich die Vorschläge an die Pädagogik an, mit denen sie sich zukünftig auseinander setzen müsste, um den Menschen in seiner Zeit zu festigen und ihm die nötigen Hilfsmittel bereit zu stellen, sich in seiner Zeit zu orientieren.

II Ausgangsfragen:

2 Mediengeschichte und der damit einhergehende Wandel von der Kommunikationsvorstellung

2.1 Was ist ein Medium? Wozu dient ein Medium?

Medien beeinflussen die Interpretation der Wirklichkeit. Sie lenken die Wahrnehmung und das damit verbundene kulturelle Selbst- und Weltverständnis, indem die verwendeten Medien die Wahrnehmung reorganisieren.

Der lateinische Begriff „medius“ bezeichnet das in einem räumlichen Sinn in der „Mitte“ Befindliche bzw. das „Dazwischenliegende“[24]. In diesem Verständnis hat sich „medius“ bis in das 17. Jahrhundert durchgesetzt. Ab dem 17. Jahrhundert hat sich das „Medium“ im deutschen Sprachraum zu einem Fremdwort mit einer Doppeldeutigkeit gewandelt. Das „Medium“ hat sich zu einem Begriff mit zwei unterschiedlichen Bedeutungsfeldern entwickelt. So kann der Medienbegriff zwischen zwei Gebrauchsweisen unterschieden werden, einmal zwischen dem pragmatischen und zum anderem, dem theoretischen Gebrauch.[25]

Die pragmatische Verwendungsweise ist darauf ausgelegt, das „Medium“ als etwas zu betrachten, dass zum Erreichen eines Zweckes dient. Der seit dem 17. Jahrhundert sich ausbreitende naturwissenschaftliche Einfluß, hat das „Medium“ zu einem „Mittel“ bzw. als „Werkzeug“ stilisiert. An diesem „praktischen“ Gebrauch des „Mediums“ hat sich die pragmatische Perspektive orientiert. In dem theoretischen Bedeutungsfeld, dass sich aus dem pragmatischen ableitet, so Sandbothe, verselbständigt sich das „Medium“. Das „Medium“ markiert, „das zwischen zwei Dingen Vermittelnde“.[26]So wird der Begriff „Medium“ im Verständnis von „Mittler“, „Mittelglied“ oder auch „vermittelndes Element“ verwendet. Diese Doppeldeutigkeit hat sich bis in das 20. Jahrhundert übertragen.

Ich verwende das „Medium“ als Werkzeug und als Instrument, dass eine veränderte Wahrnehmmung der Wirklichkeit schafft. Mit der „pragmatischen“ sowie der „theoretischen Gebrauchsweise“ von Medien wird eine idielle Klassifizierung in den Diskurs über Medienwahrnehmung eingeführt. Beide Gebrauchsweisen können in der Praxis nur schwer voneinander getrennt werden. So ist das „Medium“ zugleich Werkzeug, das der Koordination zwischenmenschlichen Handelns dient und erfüllt dabei immer auch den theoretischen Gebrauch zur Vermittlung von Wirklichkeit. Beide Perspektiven entwerfen bei ihrem Gebrauch, das zur Selbstbeschreibung verwendete Vokabular.[27]So betrachte ich im weiteren Verlauf

dieses Textes das „Medium“ auf seinen pragmatischen Gebrauch hin, da aber die theoretische Verwendung nicht von der pragmatischen abzukoppeln ist, sie sogar aus dem pragmatischen Blickwinkel hervorgeht, ist es unumgänglich auf die hervorgebrachten Verwendungen einzelner Wirklichkeitsbeschreibungen einzugehen. Auf diese gehe ich so kurz wie nötig ein, da eine Abbhandlung über Begriffsveränderungen zu sehr ins philosophische gehen würde. Für das Verständnis dieser Arbeit reicht diese kurze Beschreibung durchaus aus.

Der entscheidende Unterschied zu anderen Arten von Werkzeugen ergibt sich durch die Tatsache, dass Medien nicht nur dazu dienen die Wirkllichkeit zu verändern. Andere Werkzeuge werden im Gegensatz dazu nur benutzt, um etwas zu verändern. Die Aufgabe der Medien geht weit darüber hinaus. Sie besteht ebenfalls darin, wirklichkeitsveränderndes Handeln objektiv zu koordinieren.

„Medien im engen Sinn“[28]betonen bei Mike Sandbothe den Werkzeugcharakter und die zu vermittelnde Wirklichkeitsbeschreibungen eines Mediums. „Bei ihnen geht es darum, eines oder mehrere dieser Medien als verbindliche Grundstruktur menschlichen Wirklichkeitsverständnisses überhaupt oder zumindest als Fundament des für die westliche Kultur charakteristischen Weltbildes auszuweisen.“[29]Hierunter werden spezielle Medien, wie beispielsweise die Schrift und die Sprache verstanden.

Sandbothe arbeitet ebenso das Verständnis von „Medien im weiten Sinn“ heraus. Er versteht darunter Anschauungsformen von Raum und Zeit. Sie fungieren als grundlegende Medien, unseres Wahrnehmens und Erkennens. Immanuel Kant hat in seinem Werk „Kritik der reinen Vernunft“ das Fundament für die „kopernikanische Wende“ vorbereitet. Kant entwickelt eine erkenntnistheoretische und transzendentale Einstellung, wonach sich die Gegenstände […] nach unserer Erkenntnis richten“[30]müssen. Dieses Fundament wird bis heute beibehalten.

Mit der Entwicklung immer neuerer Medien kommt es zu Verflechtungsverhältnissen zwischen den Medien im engen und im weiten Sinne. Das neueste entwickelte Medium, das Internet, veranschaulicht die Verknüpfung besonders gut. So werden alte und vermeintlich starre Begriffe wie Raum, Zeit und Identität im Internet dynamisch und flexibel und damit neu dekliniert. Alte Verständnisse der Begriffe geraten auf tiefgreifende Weise in Bewegung. Die digitale Revolution wird zur treibenden Kraft einer umfassenden Transformation, welche die Praktiken unseres symbolischen Handelns und damit die Grundlagen unseres Wirklichkeitsverständnisses neu definiert. Das Internet besitzt eine enorme Veränderungsdynamik. Zu den gravierendsten Veränderungen kann der Einfluß der digitalen Revolution auf Raum- und Zeitvorstellungen erfahren werden. Im Zentrum der Betrachtung steht dabei die Interaktivität. Auf diese werde ich noch in diesem Kapitel gesondert eingehen.

Desweitern unterstützen die Möglichkeiten des Hypertextes die Auflösung bisheriger semiotischer Grenzen, wie Bild, Sprache und Schrift. Diesen besonderen Phänom digitaler Welten wende ich mich speziell im fünften Abschnitt meiner Arbeit zu. Dort zeige ich anhand eines konkreten Beispiels virtualer Körperkonstruktionen die Überwindung semiotischer Grenzen. Eine letzte wesentliche Veränderung auf die ich zum Abschluß meiner Arbeit einlasse, geht mit der Interpretation interaktiver Hypertextstrukturen als mediale Realisierungsform eines zeitgemäßen Vernunfttyps einher. Diese Veränderung drückt sich vorwiegend in der transversalen Struktur, die das Internet hervorbringt, aus. Die damit einhergehenden Anforderungen, die das Internet an den Nutzer stellt, werden im sechsten Kapitel beschrieben.

2.2 Wie verändert sich die Vorstellung von der Welt, in der man lebt, durch den Übergang von der Oralität zur Literarität ?

Medien erweitern die Möglichkeiten der Kommunikation. Sie sind Hilsmittel, mit denen wir räumliche und zeitliche Entfernungen überbrücken können. Die technische Reproduzierbarkeit von Bild und Ton prägt die Nachricht und verändert die Wahrnehmung von Raum und Zeit. Wie wir denken, reden und handeln wird von den Medien bestimmt.“[31]Dieser als Grußwort gestaltete Text, führt im Kommunikationsmuseum Berlin den Besucher in die geschichtliche Entwicklung der Medien ein. Auch dieser Arbeit soll das Zitat als Einführung in den mediengeschichtlichen Abriß dienen. Mit knapp formulierten Beschreibungen, schildere ich in diesem Kapitel, wie sich Wirklichkeitsvorstellungen mit der Entwicklung der Medien verändert haben. In diesem Teilabschnitt liegt mein Schwerpunkt in der Darstellung der Wirklichkeit, während des Übergangs von der Sprache zur Schrift.

Der grundlegende, primäre und natürliche kommunikative Austausch von Wirklichkeitsform ist die Sprache. Sie hat die Kultur des Menschen ermöglicht. Von jedem zusätzlichen Kommunikationsmedium, wird die Kultur neu interpretiert und damit auch immer wieder neu geschaffen. In der mündlichen Kultur wird die Fähigkeit geschätzt, etwas im Gedächtnis zu behalten. Da noch nichts schriftlich festgehalten werden kann, muss das Erinnerungsvermögen gut ausgeprägt sein.[32]Der Inhalt des Gesagten ist nicht speicherbar und kann nur im kleinsten Raum von einer Person zur nächsten direkt weitergegeben werden. Durch die, der Sprache innewohnenden Wesensmerkmale, wird die Weitergabe und Organisation menschlichen Wissens an die Möglichkeiten der Sprache angepaßt. In der mündlichen Kommunikation liegen sprechen und hören nur einen Augenblick auseinander.

Seit dem frühen Mittelalter war die Mehrheit der Bevölkerung in Mitteleuropa sesshaft. Sie lebte von der Landwirtschaft und war immobil. Unterwegs waren nur Soldaten, Pilger, Boten

und Gesandte, Auswanderer, Kaufleute, Handwerksgesellen und heimatlose Vagabunden, die ihre Welt erkundeten. Ihre Entdeckungen konnten sie nur mittels der Sprache, durch Erzählungen weitergeben. Das Erzählte wurde mit jeder Erzählung verändert. Diese wurden zusammengetragen und in einer Karte festgehalten. Die Weltkarte des Mittelalters ist nicht Abbild der Welt, sondern das Bild, das sich der Mensch des Mittelalters von der Welt und ihren Mächten machte. Das jeweilige Medium zeigt nicht nur die Kommunikation, sondern auch das Weltbild der jeweiligen Zeit. So ist das Wirklichkeitsverständnis der Menschen im Mittelalter auf dem europäischen Kontinent beispielsweise in der Ebstorfer Weltkarte abgebildet. Diese Weltkarte ist in allen Details nach dem Leben Christi ausgerichtet.[i] Das Bild der Welt erscheint als ein Leib des gekreuzigten Christus, dessen Haupt ganz oben im fernen Osten dargestellt ist. Seine Hände liegen im nördlichen und südlichen Rand, die Füße im äußersten Westen. Das Zentrum des christlichen mittelalterlichen Weltbildes ist Jerusalem, die heilige Stadt. Das Paradies wird in die Weltkarte aufgenommen, als ein Ort im fernen Osten und durch ein Gebirge abgeschirmt von der Außenwelt. Von Mitteleuropäern noch weitgehend unerforscht gilt Afrika als Wohnort unbekannter und bedrohlicher Kreaturen. Die Hände und die Füße der Christusfigur grenzen den Rand der bekannten Welt ein.

Angefertigt wurde die „Ebstorfer Weltkarte“ im 13. Jahrhundert nach einer Idee des Engländers Gersavius von Tilbury, nachmaliger Klosterprobst zu Ebstorf (1224-1235). Die Ebstorfer Karte stellt mit 12,75 qm die größte und reichst illustrierte Weltkarte des Mittelalters dar. Dem norddeutschen Raum wird überproportional Aufmerksamkeit geschenkt.

Die Erfindung des Alphabets veränderte das vom Sprach-Hören-Verstand geschaffene Bewusstsein. Mit der Schrift wird das Gesprochene vom Sprecher getrennt. Der Verstand passt sich an die Bedingungen des Alphabets an. Damit einhergehend wurde eine „qualitative Transformation der menschlichen Kommunikation“[33]ausgelöst. Geschriebenen Worten wird mehr Aufmerksamkeit geschenkt, als Gesprochenen. So schreibt Immanuel Kant in seiner „Kritik der reinen Vernunft“: „daß sie [Logik] seit dem Aristoteles keinen Schritt rückwärts hat tun dürfen, wenn man ihr nicht etwa die Wegschaffung einiger entbehrlichen Subtilitäten, oder deutlichere Bestimmung des Vorgetragenen, als Verbesserungen anrechnen will, welches aber mehr zur Eleganz, als zur Sicherheit der Wissenschaft gehört. Merkwürdig ist noch an ihr, daß sie auch bis jetzt keinen Schritt vorwärts hat tun können, und also allem Ansehen nach geschlossen und vollendet zu sein scheint.“[34]Aus der Logik hat sich die Sprache der Wissenschaft entwickelt. Sie unterliegt dem Model von Algorithmen und Kalkülen und wird mit der Wahrheit verbunden, da sie normativ, also als zwingend erfahren wird. Diese Regeln müssen gelernt werden. Aristoteles hat somit die Grundlage für den Ausdruck von wissenschaftlichen Wissen gelegt. Merkmale dieses Wissens lassen sich unterteilen in sprachliches, explizites und propositionelles Wissen. Diesen Merkmalen haben wir einen großen Stellenwert eingeräumt und wir unterstellen ihnen, dass sie den klassischen Zugang

zur Wahrheit besitzen. Das wissenschaftliche Wissen muss sprachlich formuliert sein, kann sich also nicht durch Bilder ausdrücken, muss gleichzeitig explizit sein, also muss klar und deutlich von anderem Wissen abgegrenzt werden können und zusätzlich muss es propositionell sein, d.h. Wissen muß eine bestimmte grammatische Form aufweisen. Erst ein Wissen mit allen drei Merkmalen wird als der Wahrheit nahe kommend bezeichnet. Alles andere Wissen muss erst in diese Form übersetzt werden, um zu Anerkennung in der Wissenschaft zu gelangen.[35]Der Text erfordert Gehorsam und gibt das Bild der Welt vor.

Die Papierherstellung und neue Vervielfältigungstechniken beschleunigen die Verbreitung von Wissen. Mit der Erfindung der beweglichen in Metall gegossenen Lettern durch Johannes Gutenberg 1445, wurde die Drucktechnik entscheidend verbessert. So benötigte ein Schreiber im mittelalterlichen Skriptorium etwa drei Jahre, um eine Bibel vollständig abzuschreiben. Für die gleiche Zeitlänge konnte Gutenberg dank seiner Erfindung 180 identische Exemplare herstellen.[36]Nach der Erfindung des Alphabets 1000 v.Chr. und dem damit verbundenen Übergang von der Sprache zur Schrift war die Erfindung des Drucks eine weitere Erfindung in der Geschichte der Kommunikation, die das Weltbild der Menschen auf grundlegende Weise veränderte. Seit Mitte des 16. Jahrhunderts wurden Landkarten und andere Abbildungen in Kupfer gestochen und gedruckt. Mit der Reformation des Glaubens ging die Reformation des Bildungswesens einher. Durch Martin Luthers Übersetzung der Bibel aus dem Lateinischen ins Deutsche, entwickelte sich eine neue Bewegung im Volk. Das Volk versuchte nun auch in religiösen Fragen mitzusprechen.[37]Lesen zu können galt als Vorteil.

Die Welt zu sichten, zu ordnen, sie mit rechnendem Verstand exakt zu bestimmen und nach menschlichen Vorgaben neu einzurichten, galt im Zeitalter der Vernunft nicht mehr als Ketzerei. Individuelles Streben nach Wissen, genaue Kenntnis vom Land und Leuten, von Besitz und Grenzen, von Handelswegen und Entfernungen wurden vielmehr gefordert und gefördert. Der Raum wurde seiner religiösen und mythischen Interpretation entledigt und zu einem ebenso abstrakten wie verplanbaren Wirtschaftsgut.

Ein wesentliches Merkmal des Buchdrucks besteht im Transport der Sprache. In einem Buch wird die Sprache in der Schrift visualisiert. Natürlich transportiert das Buch auch vereinzelt Zeichnungen, später Bilder und Fotografien, diese dienen jedoch nur zur Veranschaulichung oder der bildlichen Darstellung des Geschriebenen und sie beinhalten nicht den klassischen Zugang zur Wahrheit. Das Buch ist nicht in der Lage, Klänge, Gerüche, Gesten, Bewegungen und Berührungen dem Leser durch die Schrift erfahrbar zu machen. Im Laufe der Zeit sind die typographischen Gewohnheiten der visualisierten Sprache derart prägend für unser Bild von Sprache und Kommunikation geworden, dass Wissenschaftler sie zu Grundlagen und Axiomen einer allgemeinen Kommunikationstheorie stilisierten.[38]

Die Schrift verändert die Wahrnehmung. Das geschriebene Wort macht Erfahrung speicherbar, ist aber vielmehr als eine Gedächtnishilfe. Die Schrift erschafft die Vergangenheit in der Gegenwart. Die Erinnerung an die Vergangenheit besteht jedoch in einer heraufbeschworenen Halluzination. Das geschriebene Wort ist somit vielmehr als eine einfache Wiedererinnerung an die Vergangenheit, es erschafft eine ganz und gar andere Vergangenheit. In der Ideologie der Schrift wird der Inhalt der Kultur umgestaltet.[39]

Ein Buch ist durchdacht, verbindlich und überarbeitet. Sein Inhalt ist überprüfbar und lässt sich somit leicht verifizieren oder widerlegen. Durch diese Eigenschaften, die der Schrift eines Buches innewohnen, ist ein Buch unpersönlich und hat einen objektiven Charakter.

Vom Leser wird verlangt, für längere Zeit mehr oder weniger regungslos zu verharren. Dazu bedarf es einer Disziplin und Selbstkontrolle. Das Buch lässt keine Ablenkung zu, da es vom Leser fordert, jene Teile des eigenen Wissens und der eigenen Erfahrung zurückzustellen, die mit den Gedanken des Textes nichts zu tun haben. Der Buchdruck ermöglicht einen rationalen Diskurs, der zwar schon eingeleitet wird, aber erst in den kommenden Jahrzehnten seinen Höhepunkt entfaltet. So verdrängt er vorläufig die Welt der Bilder und Töne. Einige wenige, wie beispielsweise August der Starke, fangen jedoch kurz darauf schon an, das Potenzial des Buchdrucks für ihre eigenen Interessen zu entdecken und zu nutzen.

So wird das Straßennetz und die Poststruktur eines deutschen Landes erstmalig detailliert und zuverlässig auf der sächsischen Postkarta[ii] von Adam Friedrich Zürner (1697-1742) abgebildet. Friedrich August I, genannt August der Starke, veranlasste diese Karta. Zum einem bedurfte es für die schon lang geplante Aufstellung der Postmeilensäulen[iii] einer genauen, mit Entfernungsangaben versehenen Straßenkarte, zum anderen sollte eine aktuelle Übersichtskarte des Kurfürstentums für den allgemeinen Gebrauch geschaffen werden. Im Stil der Zeit ist die Karte mit viel dekorativem Beiwerk, das Aufbruch und Schnelligkeit symbolisiert, versehen. In der linken oberen Ecke lenkt Aurora, die Göttin der Morgenröte und des Tages, einem mit vier Pferden bespannten Wagen. Ihr voraus reitet der Morgenstern auf einem fliegendem Ross, personifiziert als Postbote mit Posthorn und Peitsche. Einen Eindruck vom zeitgenössischen Reisen vermittelt die Landschaftszene unterhalb des Titels, ein offener vierspänniger Personenwagen, ein posthornblasender Reiter und eine hölzerne „Armensäule“ als Wegorientierung. Die wichtigsten Messinstrumente waren Winkelmesser, Zirkel, Quadrant und Astrolabrium. Das Besondere der Zürnerschen Postkarte ist die differenzierte Wiedergabe des verzweigten Straßennetzes und des Postverkehrs „Signaturen“ markieren den Verlauf der Poststraßen, die Lage der „Ordentlichen“ Poststationen und solcher Stationen, wo nur gewisse Personen als Postmeister auf die durchgehenden Posten bestellt sind. Außerdem sind die Art der Beförderung, Reitende, Fahrende und Botenposten, sowie die Entfernungen zwischen den Stationen angegeben. Umrahmt wird die Legende von Tieren, Berggeistern, Naturszenen und Hinweisen auf den Bergbau. Auf einem Felsplateau reihen sich Planetenzeichen, die die im Gestein enthaltenen Metalle symbolisieren.

2.3 Auswirkungen des Buches während des Übergangs von der Stände- zur Industriegesellschaft

Die Druckpresse ist vielmehr als eine bloße Maschine. Sie hat den Inhalt der Kultur verändert. Mit der von ihr eingeführten Struktur der Kommunikation werden bestimmte Inhalte außgeschloßen, während sie andere Inhalte besonders hervorhebt.[40]An dieser Stelle weise ich besonders darauf hin, dass Veränderungen, die zwar eine ganze Kultur umfassen, nicht unbedingt alle Menschen in gleicher Weise treffen müssen. Die Konzentration eines Medienwissenschaftlers, der diese Epoche betrachtet, liegt ohne Zweifel auf den erlangten Merkmale, die das Lesen mit sich brachte. Diesen Errungenschaften wird noch heute große Aufmerksamkeit, ausgehend von der Exklusivität des Buches, geschenkt. Unabstreitbar ist, dass sich die Kommunikation des Menschen durch das Buch verändert hat. Die Fähigkeit anderen über Stunden zuzuhören und selber reden können, ist beispielsweise eine Folge des erhöhten Lesekonsums. Die Sprache wurde zur Vermittlung komplexer Gedankengänge in fast allen Sphären der Öffentlichkeit eine gern genutzte Diskursform. Weit verbreitet, wie es beispielsweise Neil Postman schreibt, war sie jedoch nur in einigen wenigen ausgewählten Bereichen der Bevölkerung. Denn, um Bücher lesen und über sie diskutieren zu können, bedurfte es einem bestimmten Luxus an Zeit und Geld. Diesen Luxus konnten sich nur wenige leisten. Zu dieser Schicht zählten vor allem Dichter und Denker, die von anderen gefördert wurden oder ansonsten am „Hungertuch“ nagen mussten, desweiteren Politiker, Wissenschaftler bzw. andere Personen der Öffentlichkeit. Sie waren an die Beredsamkeit gewöhnt, die als literarisch bezeichnet werden kann[41]. Das Lesen förderte ihre Rationalität.

Der Leser ist allein und isoliert und lässt sich auf die Denkweise des geschriebenen Wortes ein. Das ist der Anspruch den das Buch an den Leser stellt. Im Gegenzug dazu, erlernt der Leser die Fähigkeit zu klassifizieren, Schlüsse zu ziehen und logisch zu denken. Im 18. Jahrhundert kann der Einfluß des Buches auf die analytische Verarbeitung von Wissen besonders gut beobachtet werden. Außer dem Buch gab es wenige andere Medien, die den Menschen in diesem Jahrhundert in seiner Kultur prägen konnten. Das Buch war neben der mündlichen, nicht rationalisierten Denkweise der Sprache, das beherrschende Medium jener Bevölkerungsschicht, die sich den Aufwand des Buches leisten konnten. Die einfache Sprache hingegen, blieb das beherschende Medium des arbeitenden und einfachen Volkes. Damit wird ein neues Bild der Welt von den Herrschenden entworfen. Der religiöse Glaube wird heftig angegriffen. Das Gottesgnadentum wird als Vorurteil entlarvt. Es setzt sich die Idee eines kontinuierlichen Fortschritts durch und die Notwendigkeit der Verbreitung von Lesen und Schreiben durch allgemeine Schulbildung wird offenkundig. Mit der Einführung der

allgemeinen Schulbildung durch das Vorbild Preußens,[42]hat das Zeitalter der Erörterung seinen Höhepunkt erreicht.[43]So werden durch das Buch langfristige Tugenden gezielt gefördert, die sich im Volk mehr und mehr durchsetzen.[44]Langfristige Werte, wie Vertrauen, Loyalität und Verpflichtung waren die angestrebten Ideale dieser Zeit. Der Arbeiter blieb oft sein ganzes Leben bei ein- und demselben Arbeitgeber. Das Arbeitsleben bestand entlang einer linear verlaufenden Zeitlinie. Die Zeit war berechenbar. Das Gemeinschaftsgefühl war stärker ausgeprägt. Arbeitgeber und Arbeitnehmer arbeiteten an einem Ort, wobei der Arbeitgeber sagte, was zu tun sei. Dieses Arbeitsverhältnis war autoritär und der Arbeitnehmer hatte eine "relative Sicherheit". Der Mensch in dieser Zeit hat sich über seine Arbeit bestimmt.[45]

Die Revolution der Kommunikation und die fast gleichzeitig einsetzende Industriealisierung verändern weltweit die Beziehungen zwischen Menschen und Staaten. Die Welt wird bis auf den letzten Quadratmeter ausgemessen. Fremde Kulturen werden erforscht, erobert und verändert.

Bei der Post wird die Forderung nach einem Zeitbewusstsein notwendig, das einem Rhythmus folgt, der unabhängig vom Lauf der Sonne ist. Nur so können die Kuriere an den geplanten Stellen zusammentreffen, Reisende umsteigen, frische Pferde bereitstehen und Fahrpläne eingehalten werden. Das Leben ist von nun an vertaktet.

Durch den Einsatz von Straßenpflaster und Schienennetzen verlieren die Wege zum Ziel ebenso an Bedeutung, wie die Zeit. Die Technisierung von Kommunikation und Lebensverhältnissen im 19. Jahrhundert erzeugt eine eigene Dynamik.

Mit Hilfe des elektrischen Stroms werden Menschen in entfernten Kontinenten erreichbar. Er beflügelt Physiker, Erfinder und Mechaniker ebenso wie Regierungen und Investoren. Um Stromerzeugung, Kabeltechnologie, Isolation, Verstärkerleistungen und Frequenzen entbrennt ein Wettlauf gegen Konkurrenten und Naturgewalten. Staatsverträge zum Postverkehr, zum Betrieb von Kabelnetzen werden geschlossen. Im deutschen Kaiserreich wird die wachsende Masse von Korrespondenz als gewaltiger Kulturaufstieg bezeichnet.

Mit dem Einsatz von Maschinen verändert sich die Kommunikation zwischen den Menschen. Die Mechanisierung vergrößert die Distanzen innerhalb von Produktionsanlagen und die Geräuschepegel werden höher. Der Abstand zwischen den Menschen, die Maschineneinsatz planen, und denen, die sie bedienen wird ebenfalls größer. Schriftliche Anweisungen und Telekommunikation ersetzen die direkte Kommunikation.

Vor der Industriealisierung, mit der die Druckpresse einherging, war der Platz des Einzelnen in der Gesellschaft bereits festgelegt. In der alten Ständegesellschaft war der Einzelne Teil einer festgefügten, eindeutigen und überschaubaren Umwelt. Mit der Auflösung der Ständegesellschaft und der beginnenden Industriealisierung im Laufe des 18. Jahrhunderts

kam es zu einer Untergliederung der Gesellschaft in eine Vielzahl von Teilbereichen. Daraus folgte die Pluralisierung der Lebenswelten, die von einem Zerfall der alten sinnstiftenden Traditionen und Weltbilder begleitet wurde. „Alles Stehende und Ständische verdampft, alles Heilige wird entweiht.“[46], stellt der zeitgenössische Beobachter Karl Marx fest. Unter den Verhältnissen der Ständegesellschaft waren alle Bereiche des Alltagslebens in eine einheitliche, in aller Regel religiöse Sinnwelt eingebettet. Ob der Einzelne im Kreise seiner Familie war oder bei der Arbeit, ob er an politischen Geschehnissen teilnahm oder an Festen und Zeremonien: Er befand sich stets in der gleichen Welt.

Die Aneignung und Umgestaltung des Raums bekommen mit der Industriealisierung eine neue Geschwindigkeit. Rationalisierung und Mechanisierung verändern Arbeitsplätze, Landschaften, Städte, Verkehrswege und Kommunikationsformen. Die Einrichtung der Schnellpost reduziert 1822 die Reisegeschwindigkeit um 40 Prozent[47]. Doch nur wenige Jahre später ist das Reisen mit der Eisenbahn noch schneller. Der Bedarf an Ingenieuren, Architekten und gut ausgebildeten Facharbeitern steigt. Das Bildungswesen wird reformiert, die Kinderarbeit bekämpft und von den preußischen Rekruten, die 1850 zum Militärdienst eingezogen wurden, konnten 80 Prozent lesen und schreiben.[48]

Mit der Errichtung der elektronischen Telegraphie konnten Informationen noch schneller übetragen werden. Seit 1838 werden an den englischen Eisenbahnlinien elektromagnetische Telegraphen für Abstimmung und Kontrolle des Bahnverkehrs eingesetzt[49]. Kabelgebundene und drahtlose Telegrafie verändern die Formen der Botschaft. Nachrichtentransfer wird nach Übetragungszeiten berechnet. Im Telegrammstil wird die Botschaft für die Maschine zugerichtet und auf die Benachrichtigung reduziert. Mit der Einführung der Telegrafie in den Diskurs der Kommunikation entwickelte sich eine Sprache, die bruchstückhaft, unpersönlich und auf Schlagzeilen versessen war. Die Kriterien der Kommunikation wandeln sich. Mit dem Telegraphen gewinnt die Information aus der Entfernung einen größeren Stellenwert, als die Nützlichlkeit dieser Meldung.

Rasante Geschwindigkeiten bestimmen das Leben. Immer größere Mengen von Personen, Gütern, Diensten und Daten werden bewegt. Ein rationelles System, geprägt von Logistik, Normierung, Pünktlichkeit und Disziplin bestimmt den Alltag. Die Takte in Planung, Produktion und Distribution werden immer kürzer, denn Zeit ist Geld.

Die Industriegesellschaft orientiert sich, wie keine andere Zivilisation zuvor nach der Zeit. Das Leben wird nach Zeittakten gesteuert. Arbeitszeiten werden an Maschinenzeiten ausgerichtet. Wirtschaftlichkeit wird mit Uhren gemessen und später von Computern berechnet. Auch wenn

das Leben immer schneller und hastiger wird, so bleibt doch eines konstant, das Bezugssystem für das Zeitverständnis. Die Zeit wird als Linie verstanden, auf der die Abstände immer weiter verkürzt werden.[50]

Sennett hat in diesem Verständnis vom postindustriellen Kapitalismus in seinem Buch „Der flexible Mensch“ geschrieben. Das Kennzeichen dieses Kapitalismus zeichnet sich darin ab, indem „die Kapitalisten nicht nur die Maschinen beherrschten, sondern auch das technische Wissen um die Kommunikation“.[51]Durch den Fortschritt der Mechanisierung ersetzen Maschinen menschliche und tierische Arbeitskräfte. Gleichzeitig entstehen Arbeitsplätze, die neue Qualifikationen erfordern. Zunächst werden Transporte, Produktion und Hausarbeit mechanisiert. Menschen lernen mit Maschinen zu kommunizieren. Seit dem frühen 20. Jahrhundert sind Automaten auch im öffentlichen Raum zu finden. Mit dem Computer bekommt die Beziehung von Mensch und Maschine eine neue Qualität. Computerprogramme werden wichtiger, als die Fähigkeit Maschinen zu bedienen.

Mit der Entwicklung von immer feiner werdenden Mechanisierungsprozessen in Verbindung mit Strom und dem Anspruch einen großen Teil der Bevölkerung mit Informationen zu versorgen, wurde unter anderem, nebem den Tageszeitungen, dem Hörfunk, etc. das Fernsehen entwickelt. Auf das Fernsehen als Massenmedium gehe ich an dieser Stelle noch kurz ein. Dieses Medium hat die, von der Buchkultur geprägten Wahrnehmnung, wie kein anderes Medium dieser Zeitepoche verändert. Das Fernsehen prägt die Wahrnehmung von der Welt. Was, wann, wie und wo geschieht, liefern immer mehr Fernsehsender in die eigene Wohnung. Ohne diesen Ort verlassen zu müssen, weiss der Fernsehkonsument, was in der Welt geschieht. Serien bestätigen und gestalten den Alltag des Zuschauers. Sie schaffen Sicherheit, da es in ihnen scheinbar immer eine Lösung gibt. Die Welt der Talkshows mit ihrem freundlichen Gesprächsklima und ihren kultivierten Ansprüchen ändert sich seit den 80ziger Jahren. Konfrontainment, Bekenntnisse, Versöhnungstalkshows schaffen ein buntes Bild in einer Gesprächssendung zwischen Unterhaltung und Information. Nicht mehr nur Prominente sind gefragt, vielmehr wird der Mensch und seine Privatsphäre zum öffentlichen Thema.

Im Fernsehen kommt das Auge des Betrachters durch die kurz gehaltenen Kameraeinstellungen nie zur Ruhe. Die Unterhaltung wird zum natürlichen Rahmen jeglicher Darstellung von Erfahrung. Der Fernsehapparat sichert eine ständige Verbindung zur Welt. Jedes Thema wird zur Unterhaltung. Fernsehen will keine Nachdenklichkeit erreichen.

2.4 Der Übergang zur technologischen Revolution und die damit einhergehenden Entwicklungen von Globalisierung und Dezentralisierung

Im Mittelpunkt der technologischen Revolution stehen die Informationstechnologien.[52]Die fortschreitende Entwicklung von Informationstechnologien nach der Industriealisierung führen zu einem historischen Bruch mit dem Leseverstand. Während der Buchdruck die systematische Erörterung fördert, eignet sich das Fernsehen bestenfalls als informelle Unterhaltung. Neil Postman formuliert diese Unterscheidung mit eigenen Worten: „Der „Buchdruck ... (weist) die stärkste Tendenz zu einer erörternden Darstellungsweise auf ...: die hochentwickelte Fähigkeit zu begrifflichen, deduktiven, folgerichtigen Denken; die Wertschätzung von Vernunft und Ordnung; der Abscheu vor inneren Widersprüchen; die Fähigkeit zur Distanz und Objektivität; die Fähigkeit auf endgültige Antworten zu warten.“[53]Beim Fernsehen dagegen ist „das Entertainment die Superidiologie des gesamten Fernsehdiskurses. Gleichgültig, was gezeigt wird und aus welchem Blickwinkel – die Grundannahme ist stets, dass es zu unserer Unterhaltung und unserem Vergnügen gezeigt wird.“[54]

Das neue Medium, der Computer, integriert und verändert alle anderen Medien. Er ermöglicht dem Nutzer, alle Medien binär zu codieren und in demselben Speicher ablegen zu können. Die reale Welt wird im Computer digital nachgeahmt. Virtuell erschaffene Welten versprechen neue Lebensräume.

Sandbothe weist in diesem Bezug darauf hin, dass es einen Zusammenhang zwischen virtuellen Gemeinschaften und postmoderner Kultur gibt. So ist die Gemeinschaft in der postmodernen Kultur bemüht, den Eindruck zu erwecken, dass ethnische, sozio-ökonomische und sexuelle Differenzen überwunden werden können. Dabei handelt es sich um Differenzen, die auf irgendeine Art und Weise aufgelöst werden müssen. Die medialen Konstruktionsprozesse werden im Internet für den Nutzer praktisch erfahrbar. So kann der Nutzer Ambivalenzerfahrungen und die Konstruktivität medialer Wirklichkeitserzeugung im Internet bewusst nachvollziehen, weil er selber an diesen Handlungen beteiligt wird. Jedoch ist darauf hinzuweisen, dass das Internet nur eine Hybridbildung aus bereits bekannten Medien darstellt. Das Internet ist somit keine vollkommen neue Erfindung, sondern eine Anhäufung bzw. Vermischung unterschiedlicher bereits bekannter Medien. Dadurch ist das Internet ein sehr komplexes und sehr sensibel organisiertes „Transmedium“. Die bisher getrennt voneinander existierenden verschiedenen Medien können dank der Hypertextstruktur

des Internets ineinander übergehen. Damit werden die Eigenschaften des jeweiligen Mediums mitverändert.[55]

Die Hypertextstruktur, die viele verschiedenste Informationen und Medienformen miteinander verbindet und hochindividualisierte Formen von Ordnung in den Vordergrund stellt, gibt dem Internet eine transversale Erscheinungsform.[56]

Der Raum schrumpft durch das Internet immer weiter ein. Der Nutzer kann dank des Internets an jedem Ort der Welt sein und sich mit der dort ansässigen Bevölkerung unterhalten, vorrausgesetzt, dass diese ebenfalls auf das Internet zugreifen kann. Die Zeit ist subjektiv und unabhängig vom stetigen Gang der Uhren. Zu jeder Tages- und Nachtzeit finden Internetnutzer auf dem ganzen Erdball Gesprächspersonen im Internet. Nur durch die Abfolge von Handlungen wird das Vergehen der Zeit wahrgenommen. Wartezeiten sind langsam vergehende Zeit. Kommunikationstechnologien ermöglichen Gleichzeitigkeit von Handlungen und erzeugen das Gefühl an mehreren Handlungen gleichzeitig teilzunehmen, telefonieren beim Autofahren, Lesen in der U-Bahn, Fernsehen beim Bügeln. Schnelle Kommunikationstechnologien verringern die Bedeutung des realen Raumes. Die physische Präsenz des Körpers wird im Netz aufgelöst, Zeitersparnis erzeugt das Gefühl von Zeitmangel.[57]

Die Schrift verliert im Internet ihre Bedeutung der Kontinuität, Konstanz und Präsenz des gedruckten Textes. Hier erlangt sie Eigenschaften, wie Diskontinuität, Bewegung und Appräsenz.

Mit der Veränderung der elektronischen Massenmedien, verändern sich auch die Vorstellungen von Kommunikation in der Wissenschaft. Das „Sender – Empfänger – Modell“ hat das Verständnis von Kommunikation bisher geprägt. Orientiert hatte sich dieses Modell der Kommunikation vor allem am Telegraphen. Das informationstechnische Modell der Kommunikation galt bis vor einigen Jahren noch als kanonisch. Erst durch die Systemtheorie Niklas Luhmanns wurde der Kommunikationsbegriff rekonfiguriert. Luhmanns Kommunikationsmodell hat auf die theoretischen Mängel des Sender-Empfänger-Modells aufmerksam gemacht, die bis dahin übersehen wurden. Das zwei-Personen-Modell wird durch Luhmanns Drei-Selektionen-Modell ersetzt. Im Zentrum der Kommunikation der Systhemtheorie liegt die Erzeugung von Sinn. So schreibt Luhman, dass „die Übertragungsmetapher (des ‚Zwei-Personen-Modell’s) ... unbrauchbar (ist), weil sie zuviel Ontologie impliziert. Sie suggeriert, dass der Absender etwas übergibt, was der Empfänger erhält.“[58]Dieses Modell ist zu sehr auf das Subjekt orientiert. Die miteinander kommunizierenden Subjekte werden systemtheoretisch durch Information, Verstehen und Mitteilung ausgetauscht. Luhmanns Theorie weist Parallelen zum technischen Leitmedium seiner Zeit, dem Computer, auf. Der Computer ist von Informationen abhängig, ohne das

Sender und Empfänger als Subjekte dabei in technischer Hinsicht im Mittelpunkt stehen. Diese werden durch Prozessoren des Computers ersetzt. Dadurch entstand ein Kommunikationsverständnis, dass sich als Leitfaden des digitalen Prozessierens von Information versteht und daher selbstreferentiell wirkt. „Kommunikation kommuniziert Kommunikation“. Luhmann entwarf eine autopoietische Kommunikationstheorie, d.h. die Kommunikation ist in der Lage, sich selbst zu erhalten und das Subjekt verschwindet immer mehr in den Hintergrund.

In der Entwicklung des Internets erfolgen Aktion und Reaktion fast gleichzeitig. Die alten Kategorien von Raum und Zeit verlieren im Internet an Bedeutung. „Zeit“ ist nicht mehr das vorgegebene, lineare, absolute, irreversible und neutrale Medium, indem das Leben passiv erfahren wird. Zeit wird nun als selbst zu gestaltender Faktor begriffen, der aktiv von jedem verändert werden kann.[59]

Die Veränderung von Wahrnehmung in Raum und Zeit, sowie die immer unschärfer werdenden Grenzen hinterlassen auch in den Gemeinschaftssstrukturen ihre Spuren. So befindet sich beispielsweise die patriarchalische Familie in einer sehr ernst zunehmenden Krise. Anzeichen für eine Umwandlung der patriarchalischen Verständnisses sind Indikatoren, wie Scheidungs- und Trennungsraten, Gewalt in der Familie, uneheliche Kinder, späte Heiraten und abnehmende Bereitschaft zu Mutterschaft, Lebensstile von Singles, schwulen und lesbischen Paaren. Der darauf hindeutende Wandel weist auf die weit verbreitete Ablehnung der patriarchalen Autorität.[60]

Die kennzeichnenden Lebenssituationen in einer von den „neuen“ Medien beherrschten Gesellschaft gestalten sich völlig anders. Das Individuum wechselt unaufhörlich zwischen höchst unterschiedlichen und oft widersprüchlichen Bedeutungs- und Erfahrungswelten hin und her. Das Weltverständnis wird dadurch fragmentisiert. Aus diesem Grunde ist es für das Individuum schwierig, zu Gewissheiten irgendwelcher Art zu gelangen. Die alles integrierende und einheitliche Sinnwelt ist endgültig verloren gegangen. Dieser Verlust ruft in dem modernen Menschen das Gefühl der existenziellen Unsicherheit hervor. Soziologen bezeichnen dieses charakteristische Merkmal als „Unbehagen in der Modernität“ bzw. als „Heimatlosigkeit“. Für Ulrich Beck ist die „Landstreicher-Moral“ der Menschen in der Spätmoderne Ausdruck eines historisch neuen Umbruchs im Verhältnis von Individuum und Gesellschaft, den er mit dem Begriff der „Individualisierung“ klassifiziert hat. Individualisierung geht einher mit der Freisetzung aus den hergebrachten Lebensformen und Traditionen von Klasse, Schicht, Geschlechtsrollen, Familie, dörfliche Gemeinschaft usw. Der Übergang von der Stände- zur Industriegesellschaft war schon von der Herauslösung des Einzelnen aus überkommenden Traditionen geprägt. Die damit einhergehenden Unsicherheiten und Risiken konnten jedoch von der bürgerlichen Gesellschaft durch Bindungen, Klasse, Geschlecht und Solidaritäten abgefedert werden. Nun lösen sich zusätzlich diese, durch die bürgerliche

Gesellschaft entstandenden und haltgebenden Bindungen seit den 50er Jahren kontinuierlich auf. Das historisch Neue im Vergleich zur „bürgerlichen“ Individualisierung besteht für Beck darin, „dass das, was früher wenigen zugemutet wurde – ein eigenes Leben zu führen – nun mehr und mehr Menschen, im Grenzfall allen abverlangt wird.[61]Während die erste Individualisierung die Befreiung des Einzelnen aus den bekannten Fesseln der Gesellschaft anstrebt, versteht sich die zweite Individualisierung als eine bestimmte und historisch neue Form der Vergesellschaftung. „Individualisierung“ bezeichnet hier einen einen paradoxen Zwang als gesellschaftliche Zumutung. „Du darfst und du kannst, ja du sollst und du musst eine eigenständige Existenz führen, jenseits der alten Bindungen von Familie und Sippe, Herkunft und Stand.[62]Mit diesem Zerfall verliert das Leben seine Selbstverständlichkeit. Von nun an muss jeder Lebensbereich geplant, bedacht, reflektiert, entschieden und ausgehandelt werden. Damit kann das Zerbrechen alter Sicherheiten und die damit einhergehende Öffnung neuer Freiheiten für Individuuen eine erhebliche Belastung oder gar Überforderung darstellen.

Richard Sennett hat die veränderten Bedingungen der Moderne durch seinen „flexiblen Kapitalismus“ folgendermassen beschrieben: „Von den Arbeitnehmern wird verlangt, sich flexibel zu verhalten, offen für kurzfristige Veränderungen zu sein, ständig Risiken einzugehen und weniger abhängig von Regeln und förmliche Prozeduren zu werden.[63]Die Bedeutung der Arbeit wird durch die Betonung von Flexibilität verändert und mit ihr verändern sich die Begriffe, die wir zur Beschreibung der Arbeit verwenden. Unter einer „Karriere“ zum Bsp. wurde lebenslange Kanalisierung für die ökonomische Anstrengung eines Einzelnen verstanden. Das Subjekt ist in seiner Arbeit stetig in der Position aufgestiegen. „Karriere“ war ursprünglich ein Begriff für eine geradlinige Strasse, auf der Kutschen entlang fuhren. Die gerade Strasse der Karriere wurde durch den flexiblen Kapitalismus verschoben. Angestellte werden immer wieder abrupt von einem Arbeitsbereich in einen anderen verlegt. Ein Unternehmen, dass in diesem Sinne durch Flexibilität bestimmt ist, versteht sich als flexibles und lockeres Netzwerk, dass keiner rigiden Befehlsstruktur unterliegt.[64]In dieser Struktur wird auf kurzfristig basierendes Verhalten aufgebaut, dass letztendlich Ausdruck von Mangel an Loyalität und Verbindlichkeiten darstellt. Ein lockeres Netzwerk[65]ist offener gegenüber grundlegenden Umstrukturierungen, als das pyramidale Hierarchiesystem des 18. Jahrhunderts.[66]Sennett sieht in dieser Form des Kapitalismus einen Angriff auf starre Bürokratien, die noch ein Überbleibsel des „postindustrielien“ Kapitalismus sind. Mit diesem Angriff betont er das Eingehen von Risiken. Positiv umschrieben, steht die Flexibilität dafür, dass der Mensch mehr Freiheiten bekommt, sein Leben zu gestalten. Richard Sennett erkennt jedoch diesen trügerischen Schein der Freiheit, erkennt neue Kontrollen, die schwer zu

durchschauen sind. Das Motto lautet: "Nichts-Langfristiges"[67], damit verbunden ist der häufige Arbeitsplatzwechsel, Umzug, Umlernen bzw. Weiterbildung. Der Zeitgeist verlangt offen für Veränderungen zu sein und das Eingehen von Risiken. Diese aufgeführten Beschreibungen gleichen einem Zustand des Dahintreibens. Auf Arbeit herrscht ein ständiges Kommen und Gehen, dass durch die flexiblen Arbeitszeiten ermöglicht wurde. Daher gibt es ein kompliziertes Netz von Teilzeit- und flexibler Arbeit. Der "flexible Kapitalismus" ist gekennzeichnet durch Teamarbeit, offene Diskussionen und dem Entsagen aller Autorität.

Nach Sennett liegt in der antiautoritären Einstellung, die sich in jedem Lebensbereich ausgebreitet hat (Arbeit, Erziehung...), der "moderne Schrecken"[68]des Kontrollverlustes.

Flexible und lockere Netzwerke verursachen die Schwächung von sozialen Beziehungen und Firmenangehörigen. Die Folgen sind oberflächliche Kooperationen und Distanz zu seinen Mitmenschen. Diese Einstellungen wirken sich auch auf Privat- und Familienbeziehungen aus: geh keine Bindungen ein, bleib‘ in Bewegung, bring‘ keine Opfer. Die Angst darüber, über das Leben die Kontrolle zu verlieren, ist der ständige Begleiter der Arbeiter. Das flexible Machtsystem besteht aus drei Komponenten.[69]

Die Betriebe verfolgen nicht mehr den vorgegebenen Pfad, sondern bewegen sich in verschiedene Richtungen. Die sogenannte flexible Spezialisierung der Produkte sind ständig dem Druck, sich zu erneuern, ausgesetzt. Die zweite Komponente besteht im diskontinuierlichen Umbau von Institutionen. Dieser bildet die Grundlage für das moderne Arbeitssystem und die lockeren Netzwerke. Aufgrund ihrer Beschaffenheit sind sie offener für grundlegende Umstrukturierungen. Hierbei handelt es sich um ein System, dass aus Fragmenten zusammengesetzt ist. Der Personalabbau wird mit der Ausgliederung "schlechter" Bereiche begründet, um die Wirtschaftlichkeit des ganzen Unternehmens zu steigern. Diese "Ausgliederung" entspricht jedoch einer Illusion, so Sennett, weil die Institutionen während des Personalabbaus in Funktionsstörungen geraten, oftmals werden erprobte Geschäftsideen ausgemustert oder erwartete Vorteile stellen sich als minimal heraus. Damit verliert das Unternehmen Energie und kommt vom Kurs ab. Zudem hat jeder Angst, in der nächsten garantiert kommenden "Säuberungsaktion", seinen Job zu verlieren. Das dritte Merkmal besteht in der Konzentration der Macht ohne Zentralisierung.[70]Ein "flexibles" Unternehmen setzt sich aus kleinen Arbeitsgruppen zusammen, die ständig sich wechselnde Aufgaben bekommen. Die Struktur der neuen Flexibilität benutzt die Kraft der Gruppe, um den Einzelnen zu einer immer höheren Leistung anzutreiben.

Das Internet setzt bei konkreten kulturellen Praktiken, d.h. bei bereits bestehenden Gemeinschaften und der Neuinterpretation von deren alltäglichen Normen und pragmatischer Verhaltensregeln an.

Das sich als Massenmedium etablierte Internet wird sich langfristig zu einer Art zweiten Welt entwickeln. Einer Welt, in der über die Verältnisse in der ersten, der realen Welt debattiert, informiert und häufig sogar entschieden werden wird. Einer Welt, die aufs engste mit dem ‚real life’ verflochten sein wird und von der aus es Übergänge geben wird, die zu nutzen und auszubauen wir erst lernen müssen.

2.5 Zusammenfassung

Mediale Kulturtechniken beeinflussen die Grundstrukturen menschlicher Zeiterfahrung. Der Raum wurde in der Geschichte des Menschen durch die Entwicklung immer neuerer Medien kleiner, da innerhalb kürzester Zeit der gleiche objektive Raum in immer kürzerer Zeit überwunden wurde. Die Regeln des wirklichen Lebens werden normalerweise sehr stark durch geografische und nationale Kontexte mitbestimmt.

Im momentan modernsten Medium, dem Internet, werden diese räumlichen und zeitlichen Grenzen vollkommen überwunden. In so genannten virtuellen Gemeinschaften können die geographischen Instanzen, wie Zeit und der Raum überwunden werden.

Giordano Bruno: „Denn das ist sicher, dass, wenn keine Bewegung und keine Veränderung wäre nicht zeitlich genannt würde. Nicht die Zeit ist das Maß der Bewegung, sondern umgekehrt, die Bewegung das Maß der Zeit.[71]

Das Substantiv Zeit ist ein sogenannter Reflexionsbegriff. Eine Gesellschaft kann unterschiedliche Zeitvokabulare verwenden. Im Abschluss der Zusammenfassung führe ich zwei verschiedene Zeitvokabulare an, Vorstellungen von dimensionierter und linearer Zeit. Beide Zeitreflexionen dienen nicht nur als anschauliche Beispiele, sondern weisen ebenso auf die Veränderung des Begriffs Zeit hin, der mit dem Wandel der Medien einhergeht.

Das dimensionierte Zeitvokabular verwendet die ihnen zugrunde liegende situations-abhängige Unterscheidung von „vergangen“, „gegenwärtig“ und „zukünftig“ in Alltag und Wissenschaft. Der Mensch steht somit in einem praktischen Verhältnis zu seiner konkreten Umwelt. Ihm zufolge verhalten wir uns selbst in einem zeitlichen Geschehen, in dem wir uns auf unsere eigene Zukunft hin entwerfen. Die dimensionierte Grundstruktur der „Zeitlichkeit“ menschlichen Daseins wird von ihm als ein zweigliedriges temporales Geschehen beschrieben. Die erste Teilbewegung besteht im Vorlaufen in die Zukunft, die zweite im Zurückkommen auf die Gegenwart als einer von der Vergangenheit her bestimmten Offenheit für die begegnende Welt. Sie unterscheidet sich von der eigentlichen Zeitlichkeit vor allem dadurch, dass in ihr die Zukunft nicht als die ausgezeichnete Dimension fungiert, von der her sich Vergangenheit und Gegenwart erschliessen, sondern statt dessen die Gegenwart als Fixpunkt dient, von dem aus Vergangenheit und Zukunft bestimmt werden.

Das lineare Zeitvokabular setzt sich aus der Adjektivreihe „früher“, „später“, „gleichzeitig“ zusammen und dient insbesondere der situationsunabhängigen Relationierung von Ereignissen. Selbst nicht wahrnehmbare, konstitutive Anordnungsschemata der sinnlichen Wahrnehmung, auf das menschliche Erkennen als endliches Erkennen. Vergangenheit wird dabei in linearer Terminologie als das bestimmt, „was nicht mehr ist“ und Zukunft als das „was noch nicht ist“.

Zeitlichkeit wird dynamisiert und in eine seinsgeschichtliche Bewegung versetzt.

Die modernen Kommunikationsbegriffe haben sich am Buchdruck der frühen Neuzeit orientiert. Am charakteristischen Leitfaden des Buchdrucks wurde die Interaktion konzipiert.[72]

Das leitmedienorientierte Entweder-Oder-Denken schreibt eine kulturtheoretische Standardisierungsvorstellung fort, derzufolge Kulturen das Produkt von einheitlichen Kommunikationsgewohnheiten sind, die durch bestimmte Leitmedien ermöglicht oder sogar determiniert werden. Die reduktionistische Zuspitzung dieser Sichtweise hat zu bestimmten Medientheorien geführt.

Medien gliedern die Welt für uns, bringen sie in eine zeitliche Abfolge, vergrößern sie, verkleinern sie, färben sie ein und explizieren eine bestimmte Deutung der Beschaffenheit der Wirklichkeit.[73]

3 Methodisches Vorgehen

Um Antworten auf die eingangs gestellten Fragen zu finden, bediene ich mich bestimmter Forschungsmethoden, die die beobachteten Phänomene dechiffrieren und somit ihren sozialen Sachverhalt offen zur Analyse darlegen.

In der Wissenschaft werden die Forschungsmethoden in zwei „Fronten“ aufgeteilt. Eine „Front“ orientiert sich bei ihren Untersuchungen sozialer Erscheinungen nach qualitativ ausgerichteten Verfahren. Die zweite Methode, die der Ersten als gegensätzlich bezeichnet wird, nähert sich dem sozialen Phänomen mittels quantitativ ausgerichteter Forschung. Beide Richtungen unterscheiden sich grundlegend. Qualitative Forschung richtet sich durch verstehende und interpretative wissenschaftliche Verfahrensweisen auf einzelne sozial interessante Fälle. Quantitative Forschung zielt hingegen auf den Anspruch, Forschung der großen Zahl zu betreiben. Trotz dessen bin ich der Ansicht müssen sie sich nicht einander ausschließend gegenüberstehen. Beide Methodenansätze stimmen in einigen Forschungsumsetzungen überein, obwohl beide wissenschaftliche Verfahren unterschiedliche Bereiche im sozialen Leben des Menschen abdecken. Aus diesem Grunde vertrete ich die Meinung, dass sie, wenn sie in einer Arbeit zusammengeführt werden, sich durchaus sehr gut vervollständigen können. Hierbei kann eine Ergänzung entstehen, die sich auf ihre

Unterschiedlichkeiten und Überschneidungen beider Forschungsmethoden gründet. In meiner Arbeit beispielsweise habe ich an mehreren Stellen den quantitativen Ansatz verwendet, um Aussagen über die Verteilungs- und Häufigkeitsanordnungen der Communitymitglieder machen zu können. Die Ergebnisse der quantitativen Forschung haben das soziale Handeln aus seiner Wirklichkeit abstrahiert. Aussagen dieser Art benötige ich, um einen besseren Überblick über die Community zu erhalten und um in einer weiteren Vorgehensweise, das soziale Verhalten einzelner Mitglieder besser in den gesamten Komplex der Community einordnen und verstehen zu können.

Der größte Teil dieser Arbeit setzt sich aus den Ergebnissen der qualitativen Forschung zusammen. Ziel dieser Arbeit ist es soziale Phänomene bezüglich ihrer Strukturen und Funktionsmechanismen aufzuhellen. Qualitative Forschung ist am geistes- und kulturwissenschaftlichen Forschungsverständnis orientiert. Das Subjekt wird als Konstrukteur seiner eigenen Wirklichkeit betrachtet. Der quantitative Forschungsanteil dieser Arbeit, der sich in der Repräsentativität und Standardisierung ausdrückt, ergänzt die Reichhaltigkeit, Offenheit, Detaillierung und Expertise qualitativer Untersuchungsergebnisse. Meine Arbeit geht von den verschiedensten Einzelbeobachtungen aus, die ich zusammentrage, um ein komplexes Beziehungsgefüge, zwischen den einzelnen für sich allein stehenden Informationen, erkennen zu können. Von den einzelnen Beobachtungen versuche ich das Allgemeine abzuleiten. Ich verfahre induktiv d.h., ich bewege mich von den einzelnen Fakten zu einer möglichen Formulierung einer Hypothese, die die Fakten beschreibt. Prozesse sind oft nicht der direkten Beobachtung zugänglich. Ich, als Forscher kann nur die Wirkungen von Prozessen beobachten. Die Kenntnis der Wirkungen als auch deren Anstöße, durch welche die Wirkungen ausgelöst werden, sowie das Bezugssystem einschlägiger Gesetze und Erkenntnisse, ermöglichen Rückschlüsse auf das, was nicht sichtbar ist. Die Hypothese wird aus Faktenaussagen abgeleitet und zu einem Schluss umformuliert, der die Beziehungen zwischen beobachtbaren und nicht beobachtbaren Größen aufzeigt. Meine Arbeit erhält einen deskriptiven Charakter, indem ich etwas über Phänomene aussage. Aus dieser Hypothese können Folgerungen für die Praxis gezogen werden.

Die ausgewählten Communities, in denen ich mich forschend bewege, kenne ich schon lange vor Anfang dieser Arbeit. In allen drei Communities, die im Mittelpunkt dieser Arbeit stehen, bin ich noch heute als aktives Mitglied verzeichnet. Jedoch hat sich meine Aktivität in zwei Communities schon vor Anfang dieser Arbeit verringert. Bei den zwei Communities handelt es sich um WebUni.de und Dol2Day. Aufgrund meiner eingeschränkten Aktivität bin ich am Geschehen innerhalb der Communities begrenzt involviert und kann daher die Geschehnisse als Beobachter überwiegend neutral erfassen. In Folge meiner aktiven Mitgliedschaft sind mir die Prozesse innerhalb der Community vertraut. Die Gefahr, etwas in meinen Beobachtungen zu übersehen ist daher gering und das Verhalten anderer Mitglieder kann leichter nachvollzogen werden. Die dritte von mir gewählte Community, die Österreichische Sternenflotte, verlangt von ihren Mitgliedern Aktivität. Legt ein Mitglied keine Aktivität mehr

vor, wird der Zugang des Mitgliedes zu einzelnen Bereichen der Community verschlossen. Zudem erlangt ein aktives Mitglied erst nach einer Wartezeit, von manchmal einigen Monaten Zugang zu internen Bereichen. Daher bin ich noch heute aktiv in dieser Community tätig.

3.1 Ansatz

Nachdem ich das empirische Material auf seinen wesentlichen Inhalt reduziert habe, vergleiche ich die wesentlichen Merkmale virtueller Gemeinschaften mit denen von realen Gemeinschaften. Dieser von mir gewählte Ansatz, wird in der Wissenschaft phänomenologisch genannt. Der Forscher geht von den Erscheinungen der äußeren Sinne aus, um durch sie an die wesentlichen Ursachen und Merkmale des zu Erforschenden zu gelangen.

Um an die wesentlichen Elemente einer virtuellen Gemeinschaft zu gelangen, ist es notwendig deutungs- und handlungsgenerierende Strukturen der Communitymitglieder zu rekonstruieren. So handeln viele Mitglieder einer Gemeinschaft gemeinschaftsorientiert, ohne dass ihnen der Mechanismus direkt bewusst wird, der den eigentlichen Antrieb ihrer Handlungen ausmacht. Aus diesem Grunde musste ich mich der objektiven Bedeutungsstruktur zuwenden und sie anhand von konkreten Äußerungen im Rahmen der Sequenzanalyse herauslösen. Auf meine Arbeit bezogen, bedeutet dieser Ansatz konkret: Bevor ich die wesentlichen Merkmale beider Gemeinschaftsformen miteinander vergleichen kann, muss ich zunächst einmal die wesentlichen Merkmale einer virtuellen Gemeinschaft herausarbeiten. Reale Gemeinschaften wurden und werden in der Wissenschaft immer wieder beschrieben. Zahlreiche Bücher unterschiedlichster Autoren existieren dazu. Als Beispiele seien nur wenige Autoren aufgeführt, die auch Einfluss auf meine Arbeit nehmen: Richard Sennett, Anselm Strauss, Neil Postman, Emile Zola, Emile Durkheim, Ulrich Beck, Manuel Castells, Carl Friedrich von Weizsäcker, Adam Smith und andere … Virtuelle Gemeinschaften hingegen sind bedingt durch das Medium Internet eine neue Gemeinschaftsform. Daher sind diese Gemeinschaftsformen weitgehend unerforscht und die bisher dazu existierenden Arbeiten, wie die von Anke Bahl, Howard Rheingold, Sherry Turkle u.a. decken nur unterschiedliche Perspektiven aus dem umfangreichen Forschungsfeld ab. Diese Arbeiten decken ebenso nur zu einem kleinen Teil meinen Forschungsbereich ab. Deswegen habe ich mich dazu angehalten, eigene Untersuchungen mit meinem perspektivischen Blick auf das Thema vorzunehmen. Mithilfe geeigneter Forschungsmittel, auf die ich noch eingehen werde, habe ich mir das Forschungsfeld erschlossen. Einzelne Sequenzanalysen werden herausgehoben, analysiert und interpretiert. Die sich daraus ergebenden wesentlichen Merkmale habe ich im Verlauf meiner Arbeit weiterverwendet.

[...]


[1]Platon: Phaidon, S. 41 / 42. Digitale Bibliothek Band 2: Philosophie, S. 1095 / 1096 (vgl. Platon-SW Bd. 1, S. 754)

[2]Platon, Der Staat (Politeia), Siebentes Buch [Platon: Der Staat, S. 405-470. Digitale Bibliothek Band 2: Philosophie, S. 1600-1665 (vgl. Platon-SW Bd. 2, S. 248-288)]

[3]Platon, Phaidon [Platon: Phaidon, S. 26. Digitale Bibliothek Band 2: Philosophie, S. 1080 (vgl. Platon-SW Bd. 1, S. 745)]

[4]Vgl. Bryan Magee, Geschichte der Philosophie, S.31

[5]Carl Friedrich von Weizsäcker, Die Geschichte der Natur, S. 6 ff.

[6]Was mich an dieser Stelle aufmerken lässt, ist folgendes: Wenn die Wirklichkeit die Wahrheit in sich trägt und die Realität und die Virtualität nur Abbildungen eben jener Wahrheit sind, warum nennen sich einige Philosophen dann „Real“isten? So bezeichnet sich bspw. John R. Searle als externer Realist. Das Betonen des „externen“ Realisten verdeutlicht noch einmal zusehends, dass Realisten der Auffassung sind, dass eine Wirklichkeit außerhalb des menschlichen Repräsentationssystems existiert. (vgl. John R. Searle: Die Konstruktion der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Zur Ontologie sozialer Tatsachen, Deutsch von Martin Suhr, Reinbeck bei Hamburg, 1997, S.162- 170) Doch warum haben Realisten sich dann den Namen „Real“ist gegeben? Dieser spiegelt nach Platon nur eine Abbildung der Wirklichkeit wieder, wobei die „Real“isten doch auf der Suche nach der „wahren“ Wirklichkeit sind. Müssten sie sich dann nicht „Wirklichkeits“isten nennen? Wie kommt es, dass sie sich den Namen „Real“isten gaben? Vorläufig erklären, kann ich mir diesen Sachverhalt nur, indem ich in die Geschichte blicke und vermute, dass die Namensgebung mit Descartes entstanden war. Descartes hatte eine völlig andere Auffassung, von dem was wirklich sei, als Platon. Doch hierbei handelt es sich nur um eine Vermutung, deren Nachgehen eine völlig neue Arbeit, zudem in einem anderen Fachbereich, nach sich ziehen würde und ich breche diesen Schritt an dieser Stelle ab.

[7]http://www.wikipedie Wikipedia, Die freie Enzyklopädie (09.05.2005)

[8]Horst Völz, Professor an der Freien Universität Berlin an der Fakultät für Publizistik- und Kommunikationswissenschaften, Wissen-Erkennen-Information: Allgemeine Grundlagen für Naturwissenschaft, Technik und Medizin, Shaker Verlag, Aachen 2001

[9]Vgl. Sherry Turkle, Leben im Netz: Identität in Zeiten des Internet, Rowohlt Verlag, Reinbeck bei Hamburg, 1998

[10]Vgl. Howard Rheingold, „Virtuelle Gemeinschaften Soziale Beziehungen im Zeitalter des Computers“, S.13 / 14

[11]Vgl. Howard Rheingold, „Virtuelle Gemeinschaften Soziale Beziehungen im Zeitalter des Computers“, S. 31 ff.

[12]Vgl. Howard Rheingold, „Virtuelle Gemeinschaften Soziale Beziehungen im Zeitalter des Computers“, S. 85

[13]Howard Rheingold, Virtuelle Welten, S. 101

[14]Vgl. Sherry Turkle, Die Wunschmaschine. Der Computer als zweites Ich. Reinbeck, Rowohlt Verlag, 1986

[15]Vgl. Sherry Turkle, Leben im Netz Identität in Zeiten des Internets, S. 316 ff.

[16]Um welche einseitige Betrachtung es sich dabei handelt, darauf gehe ich in Punkt 1.3 ein.

[17]Vgl. Mike Sandbothe, Lehren und Lernen im Zeitalter des Internet, erschienen in:Denkräume. Szenarien zum Informationszeitalter(Tagungsdokumentation des Forum Kommunikationskultur 1999), hrsg. von der Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur sowie dem 'Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend', Bielefeld: 2000, S. 31-43. (http://www.sandbothe.net/46.html?&no_cache=1&sword_list[]=demokratie, Mike Sandbothe 13.05.2005)

[18]Mike Sandbothe,Pragmatische Medienphilosophie. Grundlegung einer neuen Disziplin im Zeitalter des Internet.Weilerswist: Velbrück Wissenschaft 2001; S. 12

[19]Vorlesung Prof.Marotzki, Einführung in die Allgemeine Pädagogik, 30.06.1999,

http://www.uni-magdeburg.de/iew Otto-von-Guericke Universität

[20]Vorlesung Prof.Marotzki, Einführung in die Allgemeine Pädagogik, 03.12.1999,

http://www.uni-magdeburg.de/iew Otto-von-Guericke Universität

[21]Vgl. Manuel Castells, Das Informationszeitalter I, Die Netzwerkgesellschaft

[22]http://www.hoelzel.at/thema/archiv/vernetzungen_jun2004/for_thema/thema_2b.html, (16.06.05) Aus: Segmente – Globalisierung. Ed. Hölzel, Wien 1999.

[23]http://www.ibusiness.de/, (16.05.05) erstellt am 16.03.05

[24]Der Grosse Knauer, Lexikon in zehn Bänden, Band 6, Lexikographisches Institut, München, 1993

[25]Mike Sandbothe, Medien – Kommunikation – Kultur

[26]Mike Sandbothe, Medien – Kommunikation - Kultur

[27]Mike Sandbothe, Medien – Kommunikation – Kultur, http://www.sandbothe.net/258 19.05.2005

[28]Mike Sandbothe, Interaktivität – Hypertextualität – Transversalität: Eine medienphilosophische Analyse des Internet

[29]Mike Sandbothe, Interaktivität – Hypertextualität – Transversalität: Eine medienphilosophische Analyse des Internet http://www.sandbothe.net/36.html 23.05.2005

[30]Immanuel Kant, Kritik der reinen Vernunft, Vorrede, BXVI

[31]Anstellungstafel im Kommunikationsmuseum Berlin, 14. März 2005, Leiter der Ausstellung http://www.kommunikationsmuseum.de/berlin/d211_rundgang.asp 25.05.2005

[32]Neil Postman, Wir amüsieren uns zu Tode – Urteilsbildung im Zeitalter der Unterhaltungsindustrie, S. 37

[33]Manuel Castells, Das Informationszeitalter I – Der Aufstieg der Netzwerkgesellschaft, S.375

[34]Immanuel Kant, Kritik der reinen Vernunft

[35]Aristoteles, Nikkomachische Ethik

[36]Brockhaus multimedial 2005

[37]Albert Reble, Geschichte der Pädagogik, Frankfurt/Main; Berlin; Wien: Ullstein 1981 S.84

[38]Mike Sandbothe, Stichwort Zeit

[39]Neil Postman, Wir amüsieren uns zu Tode – Urteilsbildung im Zeitalter der Unterhaltungsindustrie, S.22 ff.

[40]Neil Postman, Wir amüsieren uns zu Tode S.60ff.

[41]R. Barth, Lesefähigkeit, Lesekulturen, Stadt- und Universitätsbibliothek Bern, 12/96 Caroline Hablützel, Stadt- und Universitätsbibliothek Bern, http://biblio.unibe.ch/stub/vorl96/02/sie.html 01.06 2005

[42]Albert Reble, Geschichte der Pädagogik, S.256 ff.

[43]Neil Postman, Wir amüsieren uns zu Tode S.82 ff.

[44]Richard Sennett, Der flexible Mensch, S.31 ff.

[45]Richard Sennett, Der flexible Mensch, S. 84

[46]Karl Marx, Friedrich Engels, Das Manifest der kommunistischen Partei, Berlin 1986, (Bücherei des Marxismus – Leninismus) S. 49

[47]Prof.Dr. -Ing. Wolf-Rüdiger Runge, Fachhochschule Braunschweig/Wolfenbüttel, Vorlesung: „Transpotertechnologie II“, Fachbereich Transport und Verkehr, 14.12.2002,

http://www.fh -wolfenbuettel.de/fb/t/personen/professoren/runge/TT_2002_TeilA.pdf 01.06.2005

[48]Kommunikationsmuseum Berlin

[49]Prof. Dr. –Ing. Habil. Werner Bärwald, Technische Universität Dresden, Seminar: Geschichte Verkehrswesen im Studium Generale, Aufschwung, Niedergang und Renaissance der Telegrafie, 03.12.2002, http://vini25.vkw.tu-dresden.de/vinn/lehre/studiumgenerale/verkehrsgeschichte.pdf 01.06.2005

[50]Zitat nach Benjamin W. (1982) S. 151, Gesammelte Schriften, Bd, V,1: Das Passagenwerk, Frankfurt

[51]Richard Sennett, Der flexible Mensch, S.9/10

[52]Manuel Castells S.375 ff.

[53]Neil Postman, Wir amüsieren uns zu Tode, S.82

[54]Neil Postman, Wir amüsieren uns zu Tode, S.82

[55]Mike Sandbothe, Über Ambivalenzen virtueller Gemeinschaften im Internet

[56]Mike Sandbothe: Das Internet als Massenmedium

[57]Dirk Vaihinger, Im Zeichen der Identität – Reisen im virtuellen Raum

[58]Niklas Luhmann, Soziale Systeme, S. 193.

[59]Mike Sandbothe, Das Ende des Hypes ist der Anfang des Hypes

[60]Manuel Castells, Das Informationszeitalter, S.30

[61]Ulrich Beck, Riskante Freiheiten - Gesellschaftliche Individualisierungsprozesse in der Moderne. S.21

[62]Ulrich Beck, Riskante Freiheiten - Gesellschaftliche Individualisierungsprozesse in der Moderne. S.25

[63]Richard Sennett, Der flexible Mensch, S.11 ff.

[64]Richard Sennett, Der flexible Mensch, S.28 ff.

[65]Richard Sennett, Der flexible Mensch, S.60

[66]Richard Sennett, Der flexible Mensch, S.79

[67]Richard Sennett, Der flexible Mensch, S.25

[68]Richard Sennett, Der flexible Mensch, S.24

[69]Richard Sennett, Der flexible Mensch, S.59

[70]Richard Sennett, Der flexible Mensch, S.69

[71]Giordano Bruno, Philosophische Bibliothek, Bd.21, Von der Ursache, dem Prinzip und dem Einen

[72]Mike Sandbothe, Medien – Kommunikation - Kultur

[73]Neil Postman, Wir amüsieren uns zu Tode, S. 20

Details

Seiten
157
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638492270
Dateigröße
2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v53906
Institution / Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg – Erziehungswissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
Online-Offline Verhältnis Wirklichkeitsbereiche

Autor

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Titel: Online-Offline: Zum Verhältnis zweier Wirklichkeitsbereiche