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Literarische Konstrukte - Untersuchungen zur Reinmar-Walther-Fehde

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 31 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Vorbetrachtungen und theoretische Annäherung an den Fehdebegriff
1.1 Überlieferungslage und Betrachtungsprobleme
1.2 Begriff Fehde
1.3 Mögliche Motive für eine Konkurrenzsituation

2. Exemplarische Analyse ausgewählter Lieder
2.1 Preislied: ` Ir sult sprechen willekomen `
2.2 Minne Diskurs: ` Junger man, wis hohes muotes `
2.3 Lied V: ` So ez iender nahet gegn dem tage `
2.4 Lied X: ` Swaz ich nu niuwer maere sage
2.5 Walthers Nachruf
2.6 Zusammenfassung

3. Schlussbetrachtung

Anhang

Quellen

Literatur

Einleitung

Im Mittelalter war es durchaus üblich, dass einzelne Dichter sich auf einen ihrer Kollegen bezogen, über sie schrieben und charakterisierten. Kennzeichnend für diesen Bereich ist eine Reaktion einzelner Autoren auf einen jeweils anderen Kollegen. Lob, aber auch Kritik wurde somit durch einige Texte vermittelt. Derartige Phänomene stellen die Forschung bis heute vor Probleme und entfachen in regelmäßigen Abständen heftige Diskussionen, wenn es darum geht, Literatur des (deutschen) Mittelalters einzuordnen oder Intertextualität nachzuweisen.

Schon seit vielen Jahren prägt besonders eine kontroverse Diskussion im Bereich der Älteren deutschen Philologie/ Literaturwissenschaft die Forschung: Diese geht davon aus, dass zu den bekanntesten Bezugnahmen bzw. Reaktionen die sogenannte Reinmar – Walther Fehde des Mittelalters gehört. Die Autoren Walther von der Vogelweide und Reinmar sollen sich während ihrer Tätigkeit am Wiener Hof, welcher für Sangspruchdichter und Minnelyriker einen äußerst populären Ort darstellte, in einer Art Dichterwettstreit befunden haben. Weiterhin habe sich die Fehde zwischen beiden in mehreren Stufen bzw. Phasen vollzogen.

In der Seminararbeit Literarische Konstrukte- Untersuchungen zur Reinmar- Walther Fehde soll dieser Wettstreit, wenn er denn überhaupt als solcher bezeichnet werden kann, näher beleuchtet werden. Nach einer theoretischen Annäherung an den Fehdebegriff sowie der Vorstellung grundlegender Probleme stehen die beiden Autoren Reinmar und Walther im Zentrum der Betrachtungen. Dabei soll zunächst herausgearbeitet werden, welche Stile beide Dichter beherrschten und welche Kenntnisse sie über die verschiedenen Gattungen hatten. Um dies erfassen zu können, werden von beiden Autoren ausgewählte Lieder, welche in die Nähe der Fehde gedeutet werden, exemplarisch analysiert.

Schwerpunktmäßig beleuchtet die vorliegende Seminararbeit zunächst den Komplex, inwieweit beide Dichter überhaupt fähig waren, eine Auseinandersetzung zu betreiben. Zudem wird herausgearbeitet, welche Grundkenntnisse Walther und Reinmar in den Bereichen Aufbau, Stil und Sprache bei ihren Liedern gehabt hatten. Wesentliche Unterschiede ihrer Dichtkunst werden außerdem erfasst und diskutiert.

Die Arbeitshypothese, dass es sich bei der Reinmar – Walther Fehde nur um literarisches Konstrukt handelt, soll im Laufe der Betrachtungen aufgegriffen und verifiziert werden.

Im Bereich der Konkurrenzsituation soll zunächst herausgestellt werden, welche Motive die einzelnen Autoren gehabt hätten, sich in dieses wetteifernde Verhältnis zu begeben. Es wird darüber hinaus erarbeitet, ob reine literarische Absichten (Unterhaltung, Brisanz, Kunst etc.) im Vordergrund standen oder auch ökonomische Interessen (Werbung, um am Hof bleiben zu können, Herausstellung von Einzigartigkeit) der beiden Autoren von Bedeutung gewesen sein könnten. Auf die Untersuchung der Existenz[1] der beiden Dichter soll bei den Betrachtungen indes nicht eingegangen werden, da dieser Komplex zu weitläufig ist und nur unwesentlich zur Ergebnisfindung beiträgt.

Nach einer Annährung an den Begriff Fehde soll zunächst auch noch auf die schwierige Überlieferungslage (Autorenexistenz und Handschriften) eingegangen werden. Im Anschluss erfolgt eine exemplarische Analyse ausgewählter Lieder beider Autoren. Die herausgearbeiteten Ergebnisse sollen im Zusammenhang mit der Arbeitshypothese, dass es sich bei der eigentlichen Auseinandersetzung um ein literarisches Konstrukt handelt, diskutiert werden. Am Ende werden die erarbeiteten Erkenntnisse noch einmal in einem Schlusskapitel zusammengefasst.

Die textlichen Grundlagen/ Quellen der Betrachtungen bilden die Lieder Reinmars[2] (auf der Grundlage der Weingartner Liedhandschrift) und Walthers von der Vogelweide,[3] welche von Günther Schweikle herausgegeben und kommentiert wurden.

In der Forschung ist dieser Wettstreit der beiden Dichter bisher sehr gut dokumentiert worden, so dass auch hier eine gute Ausgangslage für die folgenden Betrachtungen gegeben ist. Jedoch gibt es zwei verschiedene Deutungsansätze, welche momentan heftig diskutiert werden. Während ältere Darstellungen von einer Fehde und damit scharfen Auseinandersetzung zwischen Reinmar und Walther sprechen[4], gehen neuere Abhandlungen[5] davon aus, dass es sich eher um eine Kommunikationsform bzw. intertextuelle Bezugnahme handele als um eine Fehde. Die nachfolgende Darstellung, welche mit der These arbeitet, dass es sich um ein Konstrukt als um eine echte Fehde handelte, stützt sich daher bei der Argumentation auf Arbeiten und Abhandlungen, welche ebenfalls die Fehdevorstellungen revidieren.

1. Vorbetrachtungen und theoretische Annäherung an die Begriffe Fehde und Dichterwettstreit

In den folgenden Abschnitten soll zunächst auf die Problematik der Überlieferung der wichtigsten Quellen (Handschriften) eingegangen werden. Da die Handschriften und einige Fragmente die einzigen Zeugnisse mittelalterlicher Dichtkunst darstellen, ist der Betrachtungsspielraum eher gering und es ist durch die Begrenztheit an Material durchaus die Gefahr gegeben, bestimmte Dinge aus dem Zusammenhang zu nehmen und in gewisser Weise überzuinterpretieren.

Weiterhin sollen gewisse Grundvoraussetzungen für einen eventuellen Streit zwischen Reinmar und Walther beleuchtet werden.

1. 1 Überlieferungslage und Betrachtungsprobleme

Grundlagen für die Analyse mittelalterlicher Lieder sind die Handschriften des 12. und 13. Jahrhunderts. Sowohl Sammelhandschriften als auch Einzelhandschriften dienen als Quellenbasis für die Forschung. Sie geben neben dem Text auch Hinweise darüber, wo einzelne Dichter tätig waren. Über den Grad der (regionalen) Verbreitung lässt sich erschließen, wo und mit welcher Intensität die Poeten jener Zeit wirkten und wie groß der Wirkungskreis war.

So ist bei Walther von der Vogelweide festzustellen, dass er einen großen Wirkungskreis (und unterschiedliche Gönner) hatte, da er eine große Vielzahl von Spruchstrophen verfasst haben soll[6] und diese dann in zahlreichen (verschiedenen) Handschriften auftauchten. Seine Lieder bzw. Liedlyrik ist in 25 Handschriften übermittelt.[7] Die Menge dieser Überlieferung zeigt schon, dass Walther einen beträchtlichen Verbreitungskreis gehabt haben muss. Reinmar, der ebenfalls durch die Handschriften bezeugt ist, ist in vier Handschriften[8] mit seinen Liedern zu finden, was zeigt, dass der Wirkungskreis Reinmars kleiner gewesen sein muss als der von Walther.

Problematisch für den handschriftlichen Bereich sind die Abweichungen im Text oder wenn Strophen ergänzt wurden oder völlig fehlen. Oftmals ist es nicht auszumachen, ob eine Strophe einfach nur vergessen wurde oder sich an einer anderen Stelle findet[9] oder ob diese nicht von einem Schreiber hinzugeschrieben wurde.[10] Die Tatsache, dass Auftraggeber und Gründe für das Verfassen einer Handschrift kaum erforschbar sind, offenbart zudem auch die Begrenztheit gesicherter Erkenntnisse.[11] Eine Handschrift liefert also nur den Text und wenige biografische Bezüge zu den Verfassern von Liedern oder Epen. Die Forschung kann damit nur sehr schwer oder fast gar nicht rekonstruieren, welcher Autor welche Werke verfasste. Unsicherheiten und Spekulationen sind für diesen Bereich daher keine Seltenheit.

Ein Hauptproblem für die Betrachtung ist zudem die Existenz Reinmars und Walthers. Es gibt leider nur wenig außerliterarische Quellen, die beide Personen bezeugen[12], was u.a. auch für die Anhänger der Fehdetheorie wichtig ist.

Reinmar scheint - vor allem handschriftlich – besser bezeugt als Walther. Seine Wirkungsstätte war vorwiegend der süddeutsche Raum und schon besonders früh der Wiener Hof.[13] Dass es zwei Dichter gab, die sich kannten und in Kontakt standen, kann zudem auch durch literarische Quellen belegt werden. Die Literaturexkurse, welche in der Zeit um 1200 – der Wirkungszeit Reinmars und Walthers- verfasst wurden, geben Hinweise auf die Existenz der beiden Künstler sowie deren Fähigkeiten.[14]

Die (literarische) Quellenlage ist somit zwar als ausreichend zu bewerten, jedoch genügen sie nicht, um Personen oder Werke mit großer Sicherheit zuordnen zu können. Dies trifft besonders auf die Person Walther zu, da über sein Leben auch in der Forschung häufig nur vermutet werden kann. Es kann also festgehalten werden, dass im Bereich der Analyse in Zukunft neue Ergebnisse oder Erkenntnisse möglich sind. Betrachtungen und Interpretationsansätze können somit bestätigt oder (endgültig) widerlegt werden.

In den folgenden Abschnitten wird jedoch von der Existenz Walthers und Reinmars ausgegangen. Weiterhin werden die ausgewählten Texte so betrachtet, als seien sie von den jeweils zugeordneten Autoren auch verfasst worden. Diskussionen um die Echtheit oder Existenz sollen daher auch nicht durchgeführt werden, da dies auch nicht das Thema der vorliegenden Arbeit ist. Es muss allerdings auf die Unsicherheitsfaktoren in der Forschung (genaue Zuordnungen) sowie die schwierige bzw. uneindeutige Quellenlage hingewiesen werden, da dies die Grundlage einer kritischen Betrachtung ist.

1.2 Begriff Fehde

Auseinandersetzungen, die vor allem im privaten Bereich des Mittelalters geführt worden sind, wurden als Fehde bezeichnet.

Der Begriff Fehde stammt aus der Rechtssprache des Mittelalters und kennzeichnet einen Prozess, der in einer geregelten Form stattfand und einen prozessualen Charakter hatte.[15]

Weiterhin verbindet sich mit diesem Wort auch ein Kampf, der mit Waffen ausgetragen wurde. Überträgt man die Grundbedeutung des Begriffes auf die Literatur, bedeutet dies eine Auseinandersetzung mit Worten.[16]

Schon aus dieser kurzen Definition lassen sich erste Parallelen zum Wort Reinmar – Walther – Fehde aufzeigen: So vermerkt Ehlert in ihrer Darstellung, dass Friedrich Maurer in seinen Ausführungen bestimmte Lieder Walthers in eine Art zweite Reinmarfehde gerückt hat.[17] Daraus ist zu schließen, dass gewisse Bezüge Reinmars und Walthers, die es eventuell gab, mit entsprechenden Begriffen des Mittelalters belegt wurden. Die literarische Fehde des Mittelalters (vehe oder vehede) stand dagegen mehr für den Bereich Feindschaft oder Streit[18] zwischen zwei Poeten. Kehrt man zu der ursprünglichen Bedeutung des Fehdebegriffes zurück, dann wird zunächst deutlich, dass sowohl Walther als auch Reinmar überhaupt gar keinen Rechtsstreit austrugen. Außerdem ist in bisherigen Texten von Zeitgenossen Reinmars und Walthers kein Hinweis auf eine vehede bzw. vehe zu finden. Es liegt also der Schluss nahe, dass schon allein der Begriff absichtlich falsch gewählt wurde, um die Interpretation bzw. die Betrachtungsweise in eine bestimmte Richtung zu lenken. Zudem ist aus mittelalterlichen Quellen und intertextuellen Bezügen nichts über eine Fehde oder einen Rechtstreit ausgesagt worden. Somit kann schon die Begrifflichkeit an sich in Frage gestellt werden. Aufgetreten ist diese Bezeichnung erstmalig bei Konrad Burdach, der für das 19. und die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts von Bedeutung war. Er war es, der den Begriff in der Forschung etablierte und zudem Walther und Reinmar in ein Konkurrenzverhältnis setzte.[19] Neben Burdach, der den Begriff einführte, findet sich im Deutschen Wörterbuch[20] eine streng begriffliche Erläuterung zum Wort Fehde. Es hat demnach verschiedene Wurzeln der Herkunft und findet sich sowohl im Althochdeutschen (fehida – Zwietracht) als auch im Altsächsischen (fah – Zusammentreffen) und weiterhin auch in der griechischen Sprache (δίς - Entzweiung). In diesem Zusammenhang wird darauf verwiesen, dass es sich bei dem Begriff Fehde um ein Mittelding zwischen Duell und Krieg [21] handele und überdies zwischen Adeligen bzw. Fürsten ausgetragen wurde. Streng betrachtet ergibt sich somit eine Situation zwischen zwei Parteien, die einen Disput miteinander haben. Natürlich muss in diesem Kontext auch darauf verwiesen werden, dass der Fehdebegriff in einer Zeit entstanden ist (Romantik), die das Mittelalter glorifizierte und zudem versuchte, viel Positives auf der einen Seite zu vermitteln, auf der anderen Seite den Zugang zu den Stoffen (sowohl Romane als auch Lyrik), begrifflich zu fassen. Die Wortschöpfung Reinmar – Walther Fehde bedient in dieser Hinsicht diesen Anspruch: Zwei mittelalterliche Dichter, die - im Rahmen einer romantischen Vorstellung- auf einer Burg saßen und sich literarisch befehdeten. Einem Publikum des 19. Jahrhunderts wird somit das Mittelalter näher gebracht bzw. es wird ihnen suggeriert, einen Einblick in diese vergangene Welt zu erlangen.

Neben der Tatsache, es bei der Reinmar - Walther Fehde mit einem literarischen Konstrukt zu tun zu haben, muss auch auf den Entstehungszeitraum dieses Begriffes hingewiesen werden. Die Romantik verherrlichte geradezu (deutsche) mittelalterliche Dichtkunst und versuchte nicht zuletzt, Parallelen -vor dem Hintergrund einer Reichseinheit- zum deutschen Mittelalter herzustellen oder Bezüge zu finden. Das Publikum sollte für deutsche Dichtkunst begeistert und der Einheitsgedanke/ das Deutsche stärker betont werden. Mit weniger metaphorischen Begriffen wäre dies wohl schwieriger gewesen, weshalb die Wahl des Begriffes durchaus nachvollziehbar ist. Was allerdings getan wurde, um diese Fehde auch zu beweisen, war indes weniger von Wissenschaftlichkeit, sondern mehr von Popularismus geprägt. In der Folgezeit wurde die Vorstellung einer Fehde zwischen Reinmar und Walther im gesamten 20. Jahrhundert kontrovers diskutiert.

1.3 Mögliche Motive für eine Konkurrenzsituation

Da es nur sehr schwierig ist, das Verhältnis von Reinmar und Walther zu kennzeichnen, bewegen sich die Äußerungen zu jenen oftmals nur in einem spekulativen Rahmen. Lediglich die Nachrufe und Umschreibungen einzelner Passagen deuten darauf hin, dass beide Dichter, sowohl Reinmar als auch Walther die Texte des jeweils anderen kannten[22] und darauf reagierten. Sieht man von der literarisch – konstruierten Feindschaft beider Autoren ab, stellt sich die Frage welche anderen (plausibleren) Gründe es gegeben haben könnte, eine Auseinandersetzung anzustreben.

Schweikle stellt in seiner Darstellung die These auf, dass die Konkurrenzsituation vor allem dadurch motiviert war, dass beide Dichter um die Anerkennung des Publikums, aber auch die der Herrschenden (vornehmlich des Wiener Hofes) warben. Neben dem mittelalterlichen Alltag, der auch von Konkurrenz, Neid und Auseinandersetzung geprägt gewesen war, scheint eine Rivalität auf literarischer Ebene nachvollziehbar.[23] Andere Darstellungen gehen davon aus, dass es sich um Aufbegehren des Reinmarschülers Walther handelte. Weiterhin soll es zwischen beiden zwei entgegengesetzte Minneauffassungen gegeben haben. Außerdem vertraten beide Autoren eine unterschiedliche Auffassung von Minne.[24]

Der Hauptgrund dürfte aber vorwiegend darin liegen, sich einen Namen beim Publikum zu machen und durch eine Kunstvielfalt bzw. die Beherrschung verschiedener Gattungen bei den Herrschenden die Gunst und damit eine Anstellung zu erlangen. Es liegt also der Schluss nahe, dass es sich bei den gegenseitigen Bezugnahmen und Parodien vor allem um eine Unterstreichung des eigenen Könnens sowie die Erlangung der Anerkennung des Herrschenden gehandelt habe und eine daraus resultierende Anstellung das Hauptziel gewesen sein könnte. Für diese aufgestellte These spricht, dass es sich bei beiden Dichtern um fahrende Sänger handelte und eine Anstellung für eine gewisse Zeit für materielle Sicherheit gesorgt hätte. Reinmar und Walther hatten einen großen Wirkungskreis[25], der durch die verschiedenen Handschriften (Streuung) belegt ist. Andere Hypothesen sehen in der Konkurrenz zwischen beiden Dichtern sogar weitere bzw. verschiedene Fehden. Herman Reichert hat in seiner Darstellung das Konzept entwickelt, dass es zwischen Reinmar und Walther eine literarische, die in Hinblick auf das Bestreben nach Anstellung auch nachvollziehbar ist, und eine persönliche Fehde gab.[26]

Legt man die Falsifizierung der Hofpoetenthese (Reinmar als Hofpoet in Wien, der von Walther verdrängt werden sollte) der nachfolgenden Diskussion zu Grunde, ergibt sich ein völlig neues Bild: Die Konkurrenzsituation zwischen Reinmar und Walther bestand, aber es ging vorwiegend darum, die Gunst des Herrschers zu erlangen und zu erhalten. Walther musste versuchen, den etablierten und festangestellten Reinmar zu vertreiben. Beide Dichter hatten, weil sie fahrend[27] waren, das Problem, für ihren Unterhalt selbst sorgen zu müssen. Weder Reinmar noch Walther hatte eine feste Anstellung am Wiener Hof. Die Arbeitsverhältnisse dürften eher temporal stark begrenzt gewesen sein – auch Reinmar hatte am Hofe der Babenberger keine feste Anstellung.[28]

Sucht man also nach Gründen (Lebensumstand, biografische Fragmente), so können die Anhänger der Fehdetheorie hier schon einige Ansätze für ihre Argumentation nutzen. Stellt man im Anschluss ausgewählte Liedpassagen beider Autoren gegenüber und interpretiert dieses in Hinblick auf eine Fehde, so klingen die Ergebnisse zunächst überzeugend. Die Analyse soll jedoch zeigen, dass einige der wichtigsten Zitate einfach aus dem Zusammenhang gerissen wurden und in einen Fehdekontext hineininterpretiert und mit biografischen Bruchstücken kombiniert wurden.

2. Exemplarische Analyse ausgewählter Lieder

In den folgenden Abschnitten werden einige Lieder Walthers und Reinmars analysiert und diskutiert. Dabei wird zunächst auf die Bereiche Überlieferung, Inhalt, Formtyp des Liedes, und Rhetorik sowie auffällige Besonderheiten eingegangen. Außerdem soll erfasst werden, über welche Fähigkeiten[29] beide Autoren verfügten.

Im Anschluss daran wird untersucht, wo es eventuelle Schnittstellen zum jeweils anderen Autor (Reinmar oder Walther) geben könnte und ob etwaige Interdependenzen auszumachen sind. Die Analyseergebnisse sollen anschließend vor dem Hintergrund der Arbeitshypothese, welche davon ausgeht, dass es sich bei der Reinmar – Walther Auseinandersetzung nur um ein Konstrukt handelte und die Autoren im wesentlichen aufeinander reagierten, diskutiert werden.

[...]


[1] Sie werden nur peripher in Kapitel 1.1 (Überlieferungslage und Betrachtungsprobleme) aufgegriffen.

[2] Reinmar: Lieder, hrsg. von Günther Schweikle, Stuttgart 2002.

[3] Walther von der Vogelweide: Werke. Bd. 1 Spruchlyrik, hrsg. von Günther Schweikle, Stuttgart 2001.

[4] Henry W. Nordmeyer: Der Ursprung der Reinmar – Walther –Fehde. Ein Problem der Textkritik

(1929), in: Walther von der Vogelweide (Wege der Forschung, Bd. CXII), hrsg. von Siegfried Beyschlag, Darmstadt 1971, S. 95 – 108.

[5] Ricarda Bauschke: Die `Reinmar –Lieder` Walthers von der Vogelweide, Heidelberg 1999.

[6] Bauschke, Die `Reinmar – Lieder`, S. 27.

[7] Schweikle, Walther von der Vogelweide (Bd.2), S. 11 – 13.

[8] Schweikle, Reinmar, Lieder, S. 51.

[9] Problematisch ist, dass bestimmte Strophen in einer Handschrift verstreut sind oder (v.a. bei Reinmar

und Walther) schon durch die mittelalterlichen Schreiber vorsortiert bzw. in einen Zusammenhang gebracht wurden.

[10] Vgl. dazu Lied V bei Reinmar (C 20 – C24). In E fehlt die fünfte Strophe, die für eine Interpretation

und eine genauere Einordnung von Bedeutung ist. Es stellt sich in diesem Punkt die Frage, ob die fünfte Strophe in A, B und C von Reinmar stammten oder durch andere Schreiber hinzugefügt worden ist.

[11] Bumke, Joachim, Höfische Kultur, S. 735.

[12] Eine Rechnung für einen Mantel gilt als Hauptquelle, welche die Existenz Walthers bezeugt. Ansonsten

lässt sich Walthers Biografie nur über seine Dichtung erschließen, was jedoch problematisch ist, da nicht eindeutig nachvollziehbar ist, was dieser angebliche Walther von der Vogelweide wirklich geschrieben hat. Vgl. dazu auch: Reichert, Hermann: Walther von der Vogelweide für Anfänger, Wien 1998, S. 24 –30.

[13] Schweikle, Reinmar. Lieder, S. 14 – 15.

[14] Literaturexkurs bei Gottfried von Straßburg `Tristan und Isolde`. Die Bezeugung Reinmars: (...) von

Hagenouwe, ir aller leitevrouwe der werlde alsus geswigen ist (...) wannen ir daz wunder kaeme so maneger wandelunge (...); Zeile 4779 – 4781 und Bezeugung Walthers: (...) diu von der Vogelweide. (...) mit hoher stimme schellet! Waz wunders si stellet! Wie s´ir sanc wandelieret – (...); Zeile 4801 –4806, in: Gottfried von Straßburg, Tristan (Bd.1 Mittelhochdeutsch/Neuhochdeutsch), hrsg. von Rüdiger Krohn, Stuttgart3 1990, S. 290 – 296.

[15] Sprandel, Rolf: Verfassung und Gesellschaft im Mittelalter, Paderborn 1988, S.15.

[16] Daher kann auch von einem Dichterwettstreit, bei dem es um bestimmte Absichten ging, bezeichnet

werden.

[17] Ehlert, Trude: Konvention – Variation - Innovation (Philologische Studien und Quellen, hrsg. von

Wolfgang Binder und Hugo Moser, Heft 99), Düsseldorf 1980, S. 22.

[18] Adolphs, Ulrich et al.: Wörterbuch der deutschen Sprache, Gütersloh/München 2004, S. 468 (Spalte II).

[19] Ranawake, Silvia: Gab es eine Reinmar Walther – Fehde? Zu der These von Walthers Wendung gegen

die Konventionen der hohen Minne, in: Oxford German Studies, edited by P. F. Ganz und T. J. Reed, Volume 13, Oxford 1982, S. 10. Vgl. auch Henry W. Nordmeyer, Der Ursprung der Reinmar Walther – Fehde. Ein Problem der Textkritik (1929), in: Walther von der Vogelweide (Wege der Forschung, Bd. CXII), hrsg. von Siegfried Beyschlag, Darmstadt 1971, S. 100

[20] Grimm, Jacob und Wilhelm: Deutsches Wörterbuch (Bd. 3 E – Forsche), Stuttgart 1991 (Nachdruck),

S.1417 – 1418.

[21] Ebenda, S. 1418.

[22] Bauschke, `Die Reinmar – Lieder`, S. 11

[23] Schweikle, Reinmar. Lieder, S. 20 – 21.

[24] Ranawake, Gab es eine Reinmar – Walther – Fehde?, S. 9.

[25] Ebenda, S. 19. Schweikle entkräftet damit auch die Hofpoetenthese, die davon ausgeht, dass Reinmar

einen festen Platz in Wien gehabt hatte und Walther ihn durch Parodien etc. verdrängen wollte. Vgl. dazu auch Ricarda Bauschke, `Die Reinmar – Lieder`, S. 13 – 14.

[26] Es soll sowohl eine literarische als auch eine persönliche Fehde gegeben haben. Diese Vorstellungen

sind aber rein hypothetisch und werden durch eine gewagte Interpretation des Walther Nachrufes aufgestellt. Vgl. dazu: Reichert, Herman: Walther von der Vogelweide für Anfänger, Wien 1998, S. 75 – 76.

[27] Schweikle, Reinmar. Lieder, S. 20.

[28] Vgl. dazu Ricarda Bauschke, `Die Reinmar – Lieder`, S. 262 –263. Außerdem ist die Position Reinmars

am Hofe kaum schriftlich fixiert.

[29] Beispielsweise die Kenntnis verschiedener Stile/ Breite des Repertoires und das Wissen um die Texte

des jeweils anderen Dichters.

Details

Seiten
31
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638492300
ISBN (Buch)
9783656468165
Dateigröße
567 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v53910
Institution / Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald – Institut für Deutsche Philologie
Note
1,0
Schlagworte
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