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Wie entsteht globale Ungleichheit? Die Theorie der peripheren Wirtschaft von Raúl Prebisch

Hausarbeit 2019 22 Seiten

Geowissenschaften / Geographie - Wirtschaftsgeographie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Begriffsbestimmung „Entwicklung“
1.2 Begriffsanmerkung „Entwicklungsland“

2. Umrahmung des Außenhandels im internationalen Wirtschaftssystem
2.1 Bedeutung des Außenhandels für Entwicklungsländer

3. Die Theorie der peripheren Wirtschaft

4.Ist die Theorie der peripheren Wirtschaft noch aktuell? - Das Beispiel der Computerindustrie

5. Fazit

6. Quellenverzeichnis

1.Einleitung

„2017 gingen 82 Prozent des weltweiten Vermögenswachstums an das reichste Prozent der Weltbevölkerung, während das Vermögen der ärmeren Hälfte der Weltbevölkerung stagnierte. Das reichste Prozent besitzt damit weiterhin mehr Vermögen als der gesamte Rest der Weltbevölkerung (vgl. Oxfam 2018).“

Diese medial weit verbreiteten Gegenüberstellungen von der Vermögensverteilung der Weltbevölkerung konfrontieren mit dem großen Problem immenser proportionaler Ungleichheiten in der Ökonomie der neoliberalen Wirtschaftsordnung. „Die Reichen werden reicher und die Armen werden ärmer“ wie es umgangssprachlich gerne formuliert wird.

Im Rahmen dieses Essays, welches sich mit der Theorie der peripheren Wirtschaft von Raúl Prebisch befasst, lassen sich globale auf Individuen bezogene wirtschaftliche Ungleichheiten exemplarisch für globale staatliche Ungleichheiten ansehen. Die bereits genannte umgangssprachlich formulierte Folgerung aus der neoliberalen Wirtschaftsordnung „die Reichen werden reicher und die Armen werden ärmer“ würde auf die staatlich betrachtete internationale Wirtschaftsordnung übertragen „Die reichen Industrieländer werden reicher und die armen Entwicklungsländer bleiben arm“ lauten. Dies identifiziert stark vereinfacht die Kernaussage Prebischs Theorie.

Die Theorie der peripheren Wirtschaft steht dabei nicht als alleiniger Vertreter der Argumentation die Wirtschaftsordnung sei für den Abbau von Ungleichheit unvorteilhaft da. Bereits 1972 fordern die kirchlichen Gemeinden Deutschlands im Rahmen der 3.Welthandelskonferenz (UNCTAD 3): „Wenn die soziale Frage unseres Jahrhunderts gelöst werden soll, muss das System der Weltwirtschaft einschneidend verbessert werden“ (UN 1973). Eine Forderung welcher nicht zureichend nachgekommen wurde: 20 Jahre später spricht man in Lateinamerika von der „decada perdida“: die verlorene Dekade, in der viele Länder Lateinamerikas zu Beginn der 90er wirtschaftlich unverbessert oder schlechter dastehen als noch zu Beginn der 80er Jahre. Trotz massiger Investitionen seitens der Weltbank, UNO- Organisationen und Regierungen, in für sie als positiv erachteten Maßnahmen der Entwicklungshilfe, geht es vielen Entwicklungsländern in anderen Teilen der Welt ähnlich. Man spricht in dieser Zeit von mehr Massenarmut, mehr Verelendung, mehr Arbeitslosigkeit und mehr Abhängigkeit in der dritten Welt als je zuvor (vgl. STRAHM 19863). Die Theorie der peripheren Wirtschaft analysiert in diesem Kontext die kapitalistische Wirtschaftsordnung und die im internationalen Handel gefestigten Wirtschaftsbeziehungen als Verursacher einer verschlechterten Außenhandelsposition der Entwicklungsländer, welche entwicklungshemmende Maßnahmen nach sich zieht. Weiterhin erkennt die Theorie die Wirtschaftsbeziehungen im internationalen Handel als ein durch die Vormachstellung der Industriestaaten geprägtes Konstrukt an, welches zum Vorteil der Industriestaaten ausgelegt ist. Hierbei kritisiert Prebisch vor allem, dass die Eigenschaft des internationalen Handels darin liegt, dass die Erhöhung des Welt­Realeinkommens im Zuge des Welthandels durch internationale Einkommensumverteilung Industrieländer begünstigt (vgl. IMF o.J.). Entwicklungsländer in ihren Entwicklungsbemühungen jedoch nur obstruiert (vgl. Hemmer 20013, S.205 ff.). Das Resultat: Entwicklungsdefizite und immense Ungleichheit zwischen den Entwicklungsländern und Industrieländern.

An dieser Stelle möchte ich anmerken, dass es für die Erklärung eines derartig komplexen und differenzierbaren international gesellschaftlichen Problems, „die soziale Frage unseres Jahrhunderts“, keine eine Theorie gibt, welche Allgemeingültigkeit für sich erheben könnte. Bei der realen Betrachtung dieses multidimensionalen Problems ist klar, dass ein ebenso multifaktorieller Ursachenkomplex dahintersteckt. Exogene als auch endogene ökonomische, soziale, historische, ökologische und politische Faktoren haben maßgebenden Einfluss auf die in dieser Welt herrschende Ungleichheit zwischen den Entwicklungsländern und Industrieländern. Fordert Prebisch in seinem theoretischen Konstrukt der peripheren Wirtschaftstheorie zwar nicht explizit zu der Betrachtung eines einseitigen Ursache-Wirkungs-Komplexes auf so bildet seine Theorie doch die Grundlage für die Vertreter einer solchen Extremposition. Von dieser Position möchte ich mich klar von distanzieren, jedoch werden in diesem Essay anderweitige Ansätze zur Erklärung von entwicklungshemmenden Einflüssen nicht berücksichtigt. Es wird sich ausschließlich mit der Argumentation Prebisch's zu der Benachteiligung der Entwicklungsländer durch den internationalen Handel, die Theorie der peripheren Wirtschaft, auseinandergesetzt.

Was ist also dran an der Theorie und der Benachteiligung der Entwicklungsländer durch internationalen Handel? Auch ich werde hierzu keine komplett umfassenden und abschließenden Aussagen machen können. Ich will aber versuchen, durch einige Erläuterungen und Aufzeigen von Zusammenhängen die Quintessenz seiner Theorie deutlich zu machen. Stichwörtern wie Preis- und Nachfrageelastizität, die Kluft des technischen Fortschritts, Vormachtstellung, Konjunkturzyklus und Protektionismus stellen dabei zentrale Thematiken der Problemstellung dar. Weiterhin zeigen diese das die Problemstellung keine einfache ist, dessen sich aber alle Beteiligten und Verantwortlichen - und dazu gehören selbst wir als Konsumenten - drüber klar werden sollten.

Der Aufbau dieses Essays sieht vor die Theorie der peripheren Wirtschaft in dem zeitgeschichtlichen Kontext ihres Aufschwungs und ihrer größten medialen Relevanz in den 1970er und 1980er Jahren zu erläutern. Dazu soll sowohl erstmal der Außenhandel im internationalen System der Wirtschaftsbeziehungen beispielhaft am Jahr 1982 als auch die Bedeutung des Außenhandels für die Entwicklungsländer umrahmt werden. Dieses dient der Darstellung der relevanten wirtschaftlichen Umstände zu der Zeit der an Bedeutung gewinnenden exogenen Außenhandelstheorie. Abschließend soll mit besonderem Bezug auf die Computerindustrie erörtert werden in wie weit die Zusammenhänge der Theorie der peripheren Wirtschaft von R. Prebisch in der heutigen Zeit noch relevant sind. Vor der inhaltlichen Vertiefung erfolgt jedoch mit dem Ziel einer eindeutig erfassbaren begrifflichen Rahmenbedingung dieses Essays eine klare Begriffsbestimmung des Entwicklungsbegriffes und eine wichtige Begriffsanmerkung zum Entwicklungslandbegriff.

Weiterhin ist anzumerken, dass ich mich in diesem Essay vor allem auf die Werke „Theorien der Unterentwicklung und Entwicklungsstrategien“ von Klaus Grimm und „Entwicklungsländer und Weltwirtschaft“ von Bruno Knall und Norbert Wagner als Sekundärliteratur zur peripheren Wirtschaftstheorie beziehe.

1.1 Begriffsbestimmung „Entwicklung“

Dem Entwicklungsbegriff liegt keine allgemeingültige Definition zu Grunde. Er spricht ökonomische, politische, soziale, ökologische und kulturelle Kriterien an und wird oft im Sinne von Wachstum, höheren Zielen und der subtilen Inanspruchnahme „aller guten Absichten dieser Welt“ verwendet (NOHLEN u. NUSCHELER, 1992). Von einem solchen konglomeratischen und bewertenden Entwicklungsbegriff möchte ich absehen. Im Rahmen dieses Essays, ist die Mehrdimensionalität des Begriffs primär auf eine die Ökonomie ansprechende Ebene begrenzt, spricht als Folge unzureichender ökonomischen Möglichkeiten jedoch auch politische, technologische und soziale Folgen an. Entwicklung wird hierbei als Verbesserung einer oder mehrerer der folgenden Aspekte (Entwicklungsdefizite) verstanden: Pro-Kopf­Einkommen, ungleiche Einkommens- und Vermögensverteilung, bedeutende Rolle des primären Sektors, geringer technischer Fortschritt, einseitige Exportpalette, schlechte Terms of Trade, hohe Arbeitslosigkeit und unzureichende Infrastruktur.

1.2 Begriffsanmerkung „Entwicklungsland“

136 Staaten auf der Erde werden als Entwicklungsland bezeichnet (DFG, 2019). Hierbei werden ökonomische Faktoren der DAC und soziale und sozioökonomische Merkmale der UN zur Kategorisierung herangezogen. Durch eine solche massive Vereinheitlichung wird oft vergessen, dass hinter dieser Bezeichnung sich eine Vielfalt von Ländern mit den unterschiedlichsten politischen Systemen, den differenziertesten sozialen Entwicklungen, mannigfaltigen kulturellen Reichtümern und vielfältiger ideologischer Reflexion verbirgt. Die Bezeichnung Entwicklungsland beschreibt eine unglaublich heterogene und differenzierte Gruppe von Ländern die nur schwer verallgemeinernd zu einer Einheit zu machen sind. Um den Rahmen dieses Essay nicht zu sprengen und im Interesse einer übersichtlichen Darstellung müssen allerdings Verallgemeinerungen vorgenommen werden, die dem Einzelfall selten gerecht werden. Die Anmerkungen zu dem Begriff Entwicklungsland stellen somit vor allem einen Appel da den stark vereinheitlichenden Charakter des Entwicklungslandbegriffes im Hinterkopf zu behalten.

2. Umrahmung des Außenhandels im internationalen Wirtschaftssystem

Im folgenden Abschnitt soll eine kurze Umrahmung des Außenhandels in den internationalen Wirtschaftsbeziehungen, um den allgemeinen Kontext der Außenhandelstheorien zu setzen, erfolgen. Weiterhin soll die Bedeutung des Außenhandels für Entwicklungsländer dargestellt werden, um auch den spezifischen Kontext der Theorie der peripheren Wirtschaft abzuzeichnen. Dabei beziehe ich mich auf die Definition des enzyklopädischen Lexikons von Meyer: „Außenhandel ist der grenzüberschreitende Warenverkehr“ und der Beschreibung der Gesamtheit des grenzüberschreitenden Warenverkehrs als Welthandel. Die Grundlage zur Darstellung des Welthandels bildet die folgende Abbildung aus dem 1986 erschienen Werk „Entwicklungsländer und Weltwirtschaft“: Abbildung 5.1 S.88.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Welthandel nach Ländergruppen 1982, in Mrd. US$ und Prozent, Anteile am Welthandel in Klammer (Quelle: K NALL u. W AGNER 1989, S.88)

Wie in Abbildung 1 deutlich zu erkennen ist, liegt der Großteil (41,7%) des Welthandels im Intrahandel zwischen den Industriestaaten. Berücksichtigt man zusätzlich die Exporte der Industriestaaten an die Entwicklungsländer (15,5%), hierbei wird zwischen ölexportierenden (6,2%) und ölimportierenden (9,3%) Entwicklungsländern unterschieden, dominieren die Industriestaaten mit über 50% am Gesamtanteil des Welthandels. Die Exportanteile an und die Importanteile von den Staatshandelsländern, welches die Länder unter kommunistischer Regierung meint, fallen mit ca. 3% beide nur sehr geringmächtig aus (siehe Abb.1).

Im Vergleich zu den Industrieländern, fällt der Anteil der Entwicklungsländer, welche 1982 ca. 69% der Weltbevölkerung befassen, mit nur 18 % sehr gering aus (vgl. HAUB 2002). Dieses fasst die Exportanteile von ölexportierenden und ölimportierenden Entwicklungsländern zusammen. Betrachtet man sie getrennt entfallen auf die ölexportierenden Entwicklungsländer 12% des Welthandels, wovon 72% der Exporte an die Industriestaaten gehen und nur 23% and die Entwicklungsländer (siehe Abb.1). Die ölimportierenden Entwicklungsländer nehmen mit 13,8% ein wenig mehr des Welthandels in Anspruch als die Ölexportierenden, richten ihre Exporte aber ebenfalls primär an die Industriestaaten. Der Intrahandel zwischen den Entwicklungsländern, fasst man ölexportierende und ölimportierende Entwicklungsländer zusammen, beträgt 7% (siehe Abb.1).

Die Staatshandelsländer beteiligen sich nur sehr gering am Welthandel und richten den größten Teil ihres grenzüberschreitenden Warenverkehrs unter sich ab. Sowohl Ihr Export an die Entwicklungsländer als auch Import von Gütern aus den Entwicklungsländern fällt nur sehr gering aus (siehe Abb.1). Der geringe Handel zwischen Entwicklungs- und Staatshandelsländer ist hier zum Teil mit den eschwerten Zollformalitäten, als protektionistische Maßnahme der Staatshandelsländer, zu erklären. Die Staatshandelsländer werden weitestgehend aus der peripheren Wirtschaftstheorie hervorgelassen und finden dementsprechend in diesem Essay keine weitere Berücksichtigung.

Zusammenfassend zeichnen sich für die Theorie der peripheren Wirtschaft drei primäre Charakteristiken der internationalen Wirtschaftsbeziehungen in Bezug auf den Außenhandel ab: Der Intrahandel zwischen den Industriestaaten dominiert den Welthandel, die Export- als auch Importströme sind stark auf die Industrieländer konzentriert und die Entwicklungsländer haben nur einen geringen Anteil am Welthandel trotz ihrer, wie folgend dargestellt wird, großen Abhängigkeit vom Außenhandel.

2.1 Bedeutung des Außenhandels für Entwicklungsländer

Im Folgenden sollen Eigenschaften und Probleme, sowie wirtschaftliche und entwicklungstechnische Werte des Außenhandels für Entwicklungsländer in der bestehenden internationalen Ordnung beispielhaft am Jahre 1982 vermittelt werden. Allgemein anerkannt und zu verdeutlichen ist hierbei, dass der Außenhandel für Entwicklungsländer immens wichtig und im hohen Maße in ihrer wirtschaftlichen Struktur integriert ist. Dies gilt trotz der in diesem Essay vor zu stellenden kritischen Stellungnahme Prebischs zum Außenhandel, welche großen Zuspruch in den Entwicklungsländern vor allem des Südens fand, 1982 so wie es auch heute gilt. Notwendig anzumerken ist hier allerdings dass eine auf Autarkie beruhende Entwicklungsstrategie für die meisten Entwicklungsländer, aufgrund der geringen Größe des inländischen Marktes, der geringen Rohstoffbasis, unrealistisch ist und das Länder (z.B. China, Tansania, Sri Lanka) die einen solchen Weg eingeschlagen haben davon nach kurzer Zeit wieder abgesehen haben (vgl. KNALL u. WAGNER 1986, S.83).

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Details

Seiten
22
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783346154187
ISBN (Buch)
9783346154194
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v539117
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
2,7
Schlagworte
prebisch raúl theorie ungleichheit wirtschaft
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