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Hannah Arendts Verständnis von Freiheit und Politik

Seminararbeit 2006 20 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Problematik der Minderheiten - Ausgangspunkt Arendts politischen Denkens

3. Arendts Politik- und Freiheitsverständnis
3.1 Das Elementare ihres Politikbegriffes
3.2 Das Verhältnis von Politik und Freiheit und die Fortführung ihres 7 Politikbegriffes

4. Arendts Bezugnahme und Abgrenzung auf / von Aristoteles

5. Relevanzanspruch einer an Aristoteles anknüpfenden politischen Theorie

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„We may inhabit this world as bodies, in need of sustenance and care, but if we are to inhabit a human world, we must be allowed to demonstrate that we are more than just physical beings; we must be able to show ourselves in speech and act as humans, to recognize and be recognized as humans.”1

Dieses Zitat beschreibt die Intention, die Hannah Arendt hatte, als sie daran ging, eine neue politische Theorie aufzustellen. Die Beantwortung der Fragen, was Arendt unter Politik versteht und auf welche Art und Weise die Begriffe Politik und Freiheit bei ihr verbunden sind, sind zentrales Anliegen dieser Arbeit. Weiterhin wird Arendts Bezugnahme auf das Politikverständnis Aristoteles’, die Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Denken dieser beiden politischen Theoretiker als Thema abgehandelt werden. Zum Schluss wird die Frage diskutiert, ob eine an Aristoteles anschließende Theorie heute noch Relevanz beanspruchen kann.

Die Arbeit ist so gegliedert, dass anfangs die Ursprünge Arendts politischen Denkens im Zusammenhang mit dem von ihr vollzogenen Traditionsbruch gezeigt werden. Daran anschließend wird das Elementare an Arendts Politikbegriff aufgezeigt - das Verhältnis der menschlichen Tätigkeiten Arbeiten, Herstellen und Handeln zueinander - um den Handlungsbegriff als für die Politik wesentlich herauszustellen. Danach wird ihr Freiheitsbegriff in Relation zu ihrem Politikbegriff gesetzt und die sich daraus ergebenden Möglichkeiten für ein gemeinsames, menschliches Miteinander erörtert. Die kritische Sicht Arendts auf die Massengesellschaft im Hinblick auf den Behaviorismus und die Überhöhung des Faktors Arbeit spielen dabei eine maßgebliche Rolle. Dieser Abschnitt wird eine Bezugnahme auf Aristoteles bewusst vermissen lassen, obwohl Definitionen ihres Politik- und Freiheitsbegriffes eigentlich nur im Kontext und in der Auseinandersetzung mit der Antike möglich sind. Allerdings wird der tatsächliche Vergleich, das Aufzeigen der Gemeinsamkeiten und Unterschiede hinsichtlich aristotelischem Denken, in einem späteren Kapitel dieser Arbeit stattfinden. Mit dem Versuch Arendts Denken bewusst aus dem „Antike-Neuzeit-Vergleich“ herauszunehmen, soll erreicht werden, dass der Leser einen Bezug zum heutigen eher bürokratisch geprägten und fast ausschließlich auf Organisation und Sicherung des Lebens abzielenden Politikverständnis2 bekommt, um einerseits nicht in den „philosophischen Schwierigkeiten“ Arendtschen Denkens unterzugehen und andererseits die von ihr aufgezeigten Lösungsmöglichkeiten, die Politik und Freiheit betreffend, an die gegenwärtige Politik geistig adaptieren zu können.

2. Problematik der Minderheiten - Ausgangspunkt Arendts politischen Denkens

Die deutsch-jüdische Philosophin und politische Soziologin Hannah Arendt wurde am 14. Oktober 1906 in Hannover geboren. Ihr sozialdemokratisch geprägtes Elternhaus hatte durch politische Aktivitäten der Mutter Martha Cohn, die beruflich als Bildhauerin tätig war, im Umfeld des Spartakus-Bundes seine wesentliche Prägung erfahren. Die familiären Wurzeln der deutschen Philosophin, die sich selbst allerdings bevorzugt als politische Theoretikerin, im Besonderen des Totalitarismus, sah, lagen in Königsberg, der Hauptstadt Ostpreußens, wohin die Familie Arendt 1910 wieder umsiedelte. Die junge Frau, durch ihre Mutter und deren Erziehung politisch interessiert, erfuhr die immer stärker werdende Polarisierung der Gesellschaft innerhalb der Weimarer Republik, welche eine ausnehmende Radikalisierung von rechts und damit gleichzeitig antisemitische, antiliberale und antisoziale Ausfälle gegenüber Minoritäten zur Folge hatte. Der seit Bismarck bestehende deutsche Nationalstaat hatte eine zunehmende Tendenz zur Nivellierung der Gesellschaft gezeigt, und die sich nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa ausbreitende Propagierung der Einheit von Volk und Nation, von Staat und Territorium, konnte und wurde durch die Anwesenheit von Minderheiten in Frage gestellt.3 Staatenlose und Juden fielen ihr in diesem Zusammenhang als diejenigen auf, welche rechtliche und soziale Benachteiligungen innerhalb einer Nation zu ertragen hatten. Die Juden erfuhren innerhalb der Nationalstaaten von der angestammten Bevölkerung häufig eine qualitative Bestimmung, „[...] die durch Rassedenken geprägt war und einzelne Völker bzw. Nationen überhöhte und andere als minderwertig abstempelte [...].“4 Arendt erkannte, dass sich nach dem 1. Weltkrieg die Minderheitenproblematik dadurch verschärfte, dass viele Flüchtlinge nach wirtschaftlich und politisch stabileren Verhältnissen strebten und sich in die Nationalstaaten zu integrieren versuchten. Diese „Außenseiter“, im Kontext damaligen nationalen Denkens, konnten zwar am gesellschaftlichen Leben teilnehmen, was nach Hannah Arendt darin bestand, zu arbeiten, Produkte herzustellen und die bestehende Infrastruktur zu benutzen, allerdings waren sie vom politischen Leben, dem öffentlichen Gemeinplatz „[...] freier Gestaltungsmöglichkeiten, in dem über die gemeinsame Welt entschieden wird [.] “5, ausgeschlossen.

Die Juden waren für Hannah Arendt demnach nicht die gesellschaftliche Gruppierung, auf deren Integration ihre politische Theorie später ausschließlich abzielen sollte, sie stellten für sie nur eine von vielen Minderheiten dar, die sie als Fallbeispiele erkennend, „ [...] in einen größeren, allgemein - politischen Zusammenhang [.] “6 stellen wollte, um die Rechte aller Menschen, auch in Zeiten des Umbruchs und der gesellschaftlichen Erneuerung, bewahren zu können.

Von 1933 an erlebte sie den zweifelhaften Aufstieg des Nationalsozialismus, die schrittweise Enteignung der Menschenrechte, bis hin zum Massenmord an zahlreichen Juden und war trotz vorheriger Emigration Zeitzeugin eines totalitären Systems geworden, sodass sie die Beschäftigung mit der Minderheitenfrage im Zusammenhang mit dem Totalitarismus zweifelsohne als ihr Lebensziel, zu dessen Lösung sie gelangen musste, ansah. Daran anknüpfend formulierte Hannah Arendt 1948 in einem Brief an den deutschen Philosophen Karl Jaspers, ihren Doktorvater und langjährigen Brieffreund, ihre Vorstellung von dem, was ihr durch ihre Beschäftigung mit politischer Theorie möglich schien, wie folgt:

„Woran mir liegen würde, und was man heute nicht erreichen kann, wäre eigentlich nur eine solche Änderung der Zustände, daß jeder frei wählen kann, wo er seine politischen Verantwortlichkeiten auszuüben gedenkt und in welcher kulturellen Tradition er sich am wohlsten fühlt.“7

Aus den Themen, die bei ihr bis kurz nach dem 2. Weltkrieg im Vordergrund standen, dazu zählen Assimilation, Antisemitismus, Nationalismus und Zionismus entwickelte Hannah Arendt dann eine eigene politische Theorie, die sich gegen jegliche Formen der Unfreiheit, der Unterdrückung, der Ungleichheit sowie der Ungerechtigkeit wendet. Die Maxime ihres Denkens, wenn auch thematisch stark eingegrenzt, spiegelt sich in o.g. Zitat wider und soll im nächsten Abschnitt dieser Arbeit durch Aufzeigen ihres Politik- und Freiheitsverständnisses thematisiert werden.

3. Arendts Politik- und Freiheitsverständnis

Das Arendtsche Politik- und Freiheitsverständnis, die Frage nach dem positiven Sinn von Politik, ist einerseits durch die Erfahrung des Totalitarismus zur Zeit des

Nationalsozialismus und andererseits durch die Erfindung atomarer Massenvernichtungswaffen beeinflusst worden.8 Sie erlebte Politik als etwas, vor dem man Angst haben musste, denn „Kriege und Revolutionen [...] bilden die politischen Grunderfahrungen unseres Jahrhunderts (Zitat von 1993).“9 Das war für sie der Grund, konkrete Untersuchen des Totalitarismus und des Sinnverlustes von Politik zu betreiben. Ihre bedeutenden Erkenntnisse hinsichtlich des Totalitarismus sind allerdings nicht Gegenstand dieser Arbeit, vielmehr soll an dieser Stelle der Politikbegriff Arendts, der nur in Relation zum Freiheitsbegriff verdeutlicht werden kann, aufgezeigt werden.

Frau Arendt galt als Non - Konformistin und Skeptikerin, weil der Totalitarismus eine moralische und politische Verwüstung hinterlassen hatte, die eine Bezugnahme auf tradierte Vorstellungen von angeblich funktionierenden politisch - moralischen Kulturen für sie unmöglich machte. Ihr Denken ist damit absichtlich einem Traditionsbruch unterstellt, der ca. 1500 Jahre Geschichte nach reichlicher Prüfung verwirft und außer acht lässt. Zugegebenermaßen macht Arendt da Abstriche, insofern Gedanken und Themeninhalte in ihr Konzept von Politik passen, grundsätzlich bleibt ihre intellektuelle Herangehensweise allerdings dem Skeptizismus verwandt und damit dem Zweifel untergeordnet.10 Es stellte für sie die am wenigsten normative Möglichkeit dar, dem sich im Totalitarismus herauskristallisierten „Schock der Realität“11 zu stellen und gleichzeitig probate Mittel zu dessen Überwindung mit Hilfe einer an die griechische Antike anknüpfenden politischen Theorie bereitzustellen.12

[...]


1 Peterson, Terri: Philosophy Column: Hannah Arendt, recognition and human beings, in: Nursing Philosophy, 2001, Vol. 2, Issue 2, S. 183

2 Vgl. Ludz, Ursula (Hrsg.): Arendt, Hannah: Was ist Politik? , Fragmente aus dem Nachlaß, München und Zürich 1993, S. III

3 Vgl. Pilling, Iris: Denken und Handeln als Jüdin, Hannah Arendts politische Theorie vor 1950, Frankfurt am Main 1996, S. 176

4 Ebd. S. 177

5 Jaeggi, Rahel: Welt und Person, Zum anthropologischen Hintergrund der Gesellschaftskritik Hannah Arendts, Berlin 1997, S. 28

6 Pilling, Iris: Denken und Handeln als Jüdin, Hannah Arendts politische Theorie vor 1950, Frankfurt am Main 1996, S. 176

7 Köhler, Lotte und Saner, Hans ( Hrsg. ): Hannah Arendt - Karl Jaspers. Briefwechsel 1926 - 1969, München und Zürich 1985, S. 127

8 Vgl. Ludz, Ursula (Hrsg.): Arendt, Hannah: Was ist Politik? , Fragmente aus dem Nachlaß, München und Zürich 1993, S. II

9 Ebd. S. II

10 Nach Jaspers, Arendts Doktorvater, ist der Zweifel als einer der 3 Ursprünge des Philosophierens (Staunen, Zweifeln, Bewusstsein von Verlorenheit) klassifiziert, was als Fingerzeig für die stringente philosophische Immanenz der Arendt´schen Werke gelten kann. Vgl. Jaspers, Karl: Einführung in die Philosophie, 26. Auflage, München und Zürich 2005, S. 21

11 Hahn, Barbara: Frauen in den Kulturwissenschaften, Von Lou Andreas Salomé bis Hannah Arendt, München 1994, S. 264

12 Vgl. ebd. S. 262-264

Details

Seiten
20
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638492591
ISBN (Buch)
9783638775557
Dateigröße
456 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v53949
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden – Institut für Politikwissenschaft - Lehrstuhl für Politische Theorie
Note
1,0 sehr gut
Schlagworte
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Titel: Hannah Arendts Verständnis von Freiheit und Politik