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Die Entwicklung der theoretischen und praktischen Toleranz im Russischen Reich von Peter I. bis zum Toleranzedikt (1905)

Hausarbeit (Hauptseminar) 2014 24 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Russland, Länder der ehemal. Sowjetunion

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2.0 Die Petrinische Äre
2.1 Theoretische Toleranz in der petrinischen Ära
2.2 Praktische Toleranz in der petrinischen Ära
2.3 Zusammenfassung

3.0 Die Ära Katharinas II
3.1 Theoretische Toleranz unter Katharina der Großen
3.2 Praktische Toleranz unter Katharina der Großen
3.3 Zusammenfassung

4.0 Das 19. Jahrhundert
4.1 Theoretische Toleranz 19. Jahrhundert
4.2 Praktische Toleranz im 19. Jahrhundert
4.3 Zusammenfassung

5. Fazit

6. Literatur

1. Einleitung

„Was ist Toleranz? Toleranz ist die Mitgift der Humanität“1 schreibt Voltaire in seinem philosophischen Taschenwörterbuch 1764. Hiermit impliziert er in seiner aufklärerischen Sicht, dass Toleranz alle in allen Menschen von sich aus gegeben sei. Nichtsdestotrotz ist Toleranz ein seltenes und knappes Gut nicht nur heute, sondern insbesondere in der historischen Rückschau.

Im Hinblick auf das Seminarthema „Orthodoxe Kirche und „abweichende Frömmigkeit““ spielt die Frage nach der Toleranz eine wichtige Rolle. So entstehen die behandelten Sekten nicht aus einer „Blackbox“ heraus, sondern immer im Austausch mit ihrer Umwelt. Dabei konstituiert sich eine Sekte in ihrer Entwicklung insbesondere dadurch, wie die Umwelt, im Falle der russischen Sekten sind dies die Kirche und der Staat, mit ihr umgeht. Dabei ist nicht nur der direkte, praktische Umgang mit den „Sektierern“ von enormer Bedeutung, sondern auch der auf geistiger Ebene. Um diese Fragestellung zu bearbeiten, soll sich in dieser Arbeit mit der Konformität von theoretischer und praktischer Toleranz in historischer Rückschau auseinandergesetzt werden. Dabei werden die Epochen unter Peter I., Katharina II. und das 19. Jahrhundert als jeweils verschiedene Phasen betrachtet.

Hinsichtlich der Forschungsliteratur lässt sich sagen, dass im Bereich der theoretischen Toleranz das Fehlen russischer Sprachkenntnisse ein relativ großes Hemmnis ist. So sei darauf verwiesen, dass sich die Unterkapitel zur theoretischen Toleranz im wesentlichen auf den Aufsatz des Historiker Gary M. Hamburg2 stützen. Als weiteres basales Werk sei die Monographie von Smolitsch3 genannt.

Es sei darauf verwiesen, dass die russische Staatskirche in ihrem Verhalten gegenüber abweichender Frömmigkeit keineswegs so differenziert ist, wie die heutige Forschung. Aus diesem Grund werden bis weit ins 19. Jahrhundert häufig Angehörige nicht-orthodoxer Glaubensgemeinschaften pauschal als Raskolniki4 (=Schismatiker, im zeitgenössischen Sprachgebrauch werden hiermit die Altgläubigen bezeichnet) angesprochen. Aus diesem Grund wird in dieser Arbeit häufig von der Verfolgung gegenüber Altgläubigen gesprochen, auch wenn dies ebenfalls Gläubige anderer Glaubensgemeinschaften, wie beispielsweise Duchoborzen oder Stundisten, beinhalten kann.

Der Autor G. M. Hamburg weist darauf hin, dass das basale Konzept der Toleranz sowohl in Russland als auch in Westeuropa in zeitgenössischer Wahrnehmung anders zu sehen ist als heute. So bezog sie sich meist auf verschiedene Minderheiten, schloss jedoch nicht zwangsläufig alle Minderheiten im Staate mit ein. Auch gewährt religiöse Toleranz zwar die Freiheit in Glauben und Ausführung der Religion, erlaubte jedoch keineswegs öffentliche Predigten oder eine freie Presse. Hamburg bezeichnet es als „a more sweeping right than anything connected with toleration“.5

2.0 Die Petrinische Äre

2.1 Theoretische Toleranz in der petrinischen Ära

Der französische Philosoph Voltaire beschreibt als multikonfessionellen Staat, in welchem das Zusammenleben verschiedenster Konfessionen weitestgehend friedlich ablaufe. Voltaires These, „that Peter regarded the various Christian rites […] with indifference“, wird von Hambrug weitestgehend abgelehnt.6 Er sieht die Regierung Peters vielmehr als eine Vermischung von eingeschränkter Toleranz der verschiedenen christlichen Strömungen und offener Geringschätzung der kirchlichen Rituale und Strukturen.7

Wohl um gegen die „fehlgeleiteten“ Elemente in der Orthodoxie sowie besonders im Altgläubigentum vorzugehen, erlässt Peter ein Verbot von Bärten vor Gericht (1698) und erhebt sogar eine Steuer auf Bärte (1705). Außerdem erlässt er 1716 und 1718 Dekrete, welche eine doppelte Steuer für Altgläubige sowie eine Meldung der Anhänger des Raskol durch den örtlichen Priester unter Androhung der Amtsenthebung verabschieden. Durch die Kirchenreformen der Jahre 1721-1722 entsteht das Gremium der Inquisition, welches die Disziplin innerhalb der Gemeinschaft der Gläubigen der Kirche wiederherstellen sowie die Identifikation der Altgläubigen durch bestimmte Kleidung durchsetzen soll. Die Epoche Peters des Großen wurde in der Wissenschaft häufig als Zeit einer „missgönnenden Toleranz“ bezeichnet.8

In der Publizistik der petrinischen Ära und wenig später war die Debatte um den Umgang mit religiösen Minderheiten durch ein großes Spektrum an verschiedenen Meinungen geprägt. Ivan Tikhonovich Pososhkov schrieb Anfang des 18. Jahrhundert mehrere Briefe an den Geistlichen Stefan Iavorskyi, in welchen er die Altgläubigen als Schismatiker, welche das Christentum befallen haben, bezeichnete. Er vertrat die These, dass man die abweichenden orthodoxen Glaubensrichtungen unter strenge Aufsicht stellen müsse, da diese sich sonst wie Lutheraner und Calvinisten in Deutschland ausbreiten würden und eine weitere Spaltung der Kirche vorantreiben würden. Aus diesem Grund empfahl er die Einführung von Bürgerlisten, in welche man die Sakramente eintragen solle, um bei Auffälligkeiten gegen die betreffende Person vorgehen zu können. Durch Maßnahmen, wie die Beerdigung von verstorbenen Sektierern zu verweigern, wollte er den abweichenden Glauben unter Druck setzen, woraus er sich eine erzwungene, aber dennoch erfolgreiche Konversion zur staatlichen Orthodoxie erhoffte.9 Als Basis der Stärkung der Orthodoxie sah Pososhkov theologisch geschulte Priester an, welche er aus Mangel an eigenen Ressourcen paradoxerweise durch protestantische Geistliche ausbilden lassen wollte.10 In dieser Duldung lässt sich auch eine gewisse Toleranz feststellen, auch wenn diese sich an rein pragmatischen Gesichtspunkten orientiert.

Ideologisch noch weniger verhandlungsbereit zeigt sich der Adressat von Pososhkovs Briefen, dem Metropoliten Stefan Iavorskyi. In seiner Schrift „Fels des Glaubens“ bezeichnet er das unnachgiebige, gnadenlose Vorgehen gegen Schismatiker als absolute Notwendigkeit der rezenten Kirchenpolitik. Seiner Meinung nach gebe es für die dem Satan ergebenen Schismatiker keine andere Heilung als den Tod, da sie bereits aus sich selbst heraus dem Bann unterlägen und ein Dialog keine Wirkung erzielen könne. Weitaus moderater war Iavorskyi in seinen Ansichten im Bezug auf die Säkularisierung. Er sprach sich dafür aus, Staat und Kirche zu trennen, da der Staat auf die Körper, die Kirche auf die Seelen ihrer Anhänger Einfluss ausübe. Außerdem solle der Staat Christen nicht als Christen regieren, sondern als individuelle Staatsbürger, wie andere religiöse Minderheiten ebenfalls.11

Der bedeutende Metropolit und politische Berater Peters, Feofan Prokopovich, sah die Existenz von unorthodoxen christlichen Strömungen als Prüfung für die wahren Gläubigen oder als Strafe der Orthodoxie für Aberglauben, Stolz und Bestechung an. Bei ihm verbindet sich die religiöse Kompromisslosigkeit mit der sehr expansiven Ansicht, dass man nach dem Sieg gegen Schweden (1721) den orthodoxen Glauben wie das Licht in die Dunkelheit in weitere Länder tragen müsse.12 Hier lässt sich deutlich eine Verbindung von Religion und machtpolitischen Eroberungsplänen feststellen.

Etwas im Gegensatz dazu steht seine Anweisung im Geistigen Reglement, dass die Bischöfe den Kirchenbann gegen Häretiker nicht vorschnell aussprechen sollten. Hierdurch erhoffte er sich, wankende Gläubige nicht aus-, sondern in die Gemeinde einzuschließen. In dieser Hinsicht bezeichnet Hamburg Prokopovich als modernen Geistlichen, dessen Modernität allerdings nicht so weit ging, dass sie Toleranz gegenüber andersgläubigen Religionsgemeinschaften in Betracht zog.13

In den Dekaden nach Peters Tod wurden die Rufe nach umfassender religiöser Toleranz in der russischen Publizistik lauter. Zu den Schriften dieser Strömung zählt Vasili Nikitich Tatishchevs “Dialog von zwei Freunden über den Nutzen von Wissenschaft und Schule” (“dialogue of two friends on the utility of science and school”). Tatishchev vertritt hierin die Ansicht, dass alle Menschen, was auch Angehörige der abweichenden Frömmigkeitsformen impliziert, einen gottgegebenen Sinn für Gerechtigkeit und Tugend haben.14

Außerdem plädiert er dafür, dass auch nicht-orthodoxe Schriften gelesen werden müssen, da dies dem Bestand und der Verteidigung der Orthodoxie gegen die Häretiker diene. Des weiteren sieht Tatishchev einen religiösen Pluralismus als Grundlage einer funktionierenden Gesellschaft. So führe religiöse Unterdrückung langfristig zu Fanatismus, welcher in einer für den Staat schädlichen Rebellion münden könne. Dem könne der Staat durch liberale Religionspolitik entgegenwirken. Allerdings kann Tatishchev als Beleg für die in Russland vorkommende Dissonanz zwischen theoretischer und praktischer Toleranz fungieren. So beteiligte er sich an verschiedenen militärischen Vorstößen, bei welchen er sich auch als harscher Unterdrücker von abweichender Frömmigkeit herausstellte.15 Es zeigt sich also, dass praktische Überlegungen und die Machtposition des russischen Reiches im Fall von Tatishchev stärkere Motive sind als der idealistische Kampf für Religionsfreiheit. Diesen Konflikt kann man als symptomatisch für das russische Verhältnis zur religiösen Toleranz bezeichnen, da “guter Wille” und praktische Umsetzung dessen häufig weit divergieren, was aufzuzeigen ein Ziel dieser Arbeit ist.

Ein weiterer einflussreicher und viel gelesener Autor im petrinischen Russland ist Mikhail Lomonosov, der sich auch mit der Frage von religiöser Toleranz beschäftigte. Trotz seiner Jugend in altgläubiger Umgebung stellte er sich im Verlauf seines Lebens als harter Bekämpfer des Raskol heraus. So bezeichnet er sie als Schismatiker und bringt sie mit Rebellion gegen den Zaren in Verbindung. Er war ein Befürworter eines starken, national-autokratischen Russlands mit orthodoxer Staatskirche.16 Hier sieht man die enge Verbindung zwischen Patriotismus und Orthodoxie, welche durch die russische Staatskirche begünstigt wurde. Aus diesem Grunde wurden viele religiös abweichende Gläubige häufig als Rebellen gegen den Staat verdächtigt, auch wenn ihre abweichende Frömmigkeitsform unpolitisch war.

Als Fazit der Behandlung der Frage nach religiöser Toleranz in der petrinischen Ära lässt sich sagen, dass eine weitergehende religiöse Toleranz im öffentlichen Diskurs überwiegend abgelehnt wurde. Aufgrund von praktischen Erwägungen werden nicht-orthodoxe Konfessionen Religionen zwar teilweise geduldet, allerdings sind diesen enge Grenzen gesteckt. Erst nach Peters Tod gibt es stärkere Forderungen nach Toleranz, auch wenn diese ebenfalls an Bedingungen, wenn auch weniger strenge, geknüpft waren.17

2.2 Praktische Toleranz in der petrinischen Ära

Der Vollständigkeit halber sollen an dieser Stelle kurz die Strafen angerissen werden, welche den Altgläubigen als größte der hier behandelten Sekten nach ihrer Abspaltung (1666-1667) von der orthodoxen Kirche. Hauptmann stellt heraus, dass die zu Beginn der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts getroffenen Maßnahmen wie Verbannung und Klosterschaft im Vergleich zu den später erlassenen relativ mild wirken.18 Obwohl durch das Moskauer Konzil der Jahre 1666-1667 eine Verstümmlung der Häretiker an Zunge, Hand, Nase und Ohr durch das weltliche Gericht verabschiedet wurde, gedieh die direkte Todesstrafe wenig später zur gängigen Praxis. So sind für die 1670er Jahre ca. 50 Hinrichtungen von Altgläubigen am Galgen oder auf dem Scheiterhaufen belegt.19 Durch eine Verkündung des Jahres 1685 ist schließlich Klosterschaft für alle sich abwendenden Altgläubigen, der Feuertod für alle auch unter Folter dem alten Glauben anhängenden Gläubigen erlassen worden. Es wird allerdings darauf aufmerksam gemacht, dass dieses “an Schärfe kaum noch zu überbietende Verfolgungsgesetz” keine Rückgewinnung, sondern lediglich große Abwanderungsbewegungen der Altritualisten in dünn besiedeltes hervorrief.20

Ab 1890 und nach dem Regierungsantritt Peters wurde die Verfolgung der Altgläubigen nicht mehr mit dem Ziel der Vernichtung durchgeführt, sondern man beschränkte sich auf die Eindämmung des Phänomens. So wurde der großen Altgläubigengemeinschaft am Vyg (im Nordwesten Russlands) Selbstverwaltung und Glaubensfreiheit im Tausch für dringend benötigte Eisenwerksarbeiter zugestanden. Allerdings blieb die Gemeinschaft am Vyg für Peter eine Ausnahme.21

Igor Smolitsch betont, dass die Epoche der staatlichen Eingriffe in die Belange der Kirche mit Peter dem Großen beginnt.22 So sei der Begriff der „Maßnahmen zum Schutz des Glaubens“ in der Moskauer Epoche, also vor Peter, kaum verwendet worden.23

1702 erlässt Peter ein Gesetz, durch welches zumindest theoretisch die allgemeine religiöse Toleranz im Zarenreich fixiert wird. Im Vergleich zu den grausamen Übergriffen zu Beginn der Kirchenspaltung wirkt dies zwar äußerst tolerant, allerdings weist Crummey darauf hin, dass der Umgang Peters mit den altgläubigen in manchen Aspekten sehr „entsetzlich“24 war.

So weist Smolitsch darauf hin, dass nach den Reformen Peters des Großen das Russische Reich durch zahlreiche Maßnahmen zur Erhaltung des orthodoxen Glaubens geprägt ist. Dies äußerte sich beispielsweise in administrativen Kontrollen oder Bevormundungen der Gläubigen in verschiedenster Weise.25

Durch die großen Expansionen Russlands im 18. bis zum 20. Jahrhundert sowie das Entstehen vieler neuartiger Glaubensgemeinschaften (Sekten) gab es einen beständigen Kontakt der russischen Orthodoxie mit anderen Glaubensrichtungen.26 Es wird herausgearbeitet, dass das Russische Reich durch seine große Ausdehnung mit fast allen europäischen und asiatischen Religionen und Konfessionen Berührung hatte.27 Aus diesen Gründen war es nötig, klare Strukturen im Umgang mit religiösen Minderheiten und zur Erhaltung der Orthodoxie zu schaffen.

Dabei sieht man nicht nur die enge Verflechtung von Staat und Kirche, sondern auch, dass beide weder das Altgläubigentum noch andere religiöse Strömungen duldeten.28 Der amerikanische Wissenschaftler Frederick Conybeare weist jedoch darauf hin, dass der Stundismus als nicht originär russische Sekte mehr Toleranz erfahren hat, als die ursprünglich russischen Sekten wie beispielsweise die Duchoborzy.29

Es galt, die russische Volksfrömmigkeit mit allen Mitteln zu schützen und vor anti-orthodoxen Einflüssen zu bewahren. Hierbei beließ es der institutionelle Apparat nicht bei Mahnungen, sondern reglementierte den Glauben des Volkes auch gesetzlich. Durch entsprechende Anordnungen wurden beispielsweise Störungen des Gottesdienstes oder Belästigungen geistlicher Würdenträger unter Strafe gestellt. Außerdem wurde ein Empfang der Sakramente entsprechend den staatliche Regularien vorgeschrieben.30

Weitere Maßnahmen, die die geringe Bereitschaft des Staates, nachzugeben, belegen, sind beispielsweise die Regulierung von Eheschließungen durch kirchliche und staatliche Behörden, eine Zensur der Schriften, welche den orthodoxen Glauben diskreditieren könnten oder eine Überwachung der Pfarrgemeinschaften hinsichtlich ihrer Tätigkeit im Sinne von Staat und Kirche. Alle aufgezählten Erlasse der Regierung bestätigen, dass der Staat ein sehr großes Interesse an der Regulierung des religiösen Lebens seiner Bürger hat.31 Die große Anzahl an staatlichen Eingriffen und Regulierungen sind meiner Meinung nach ein guter Indikator für die hohe Priorität, welche die Regierung dem Thema der religiösen Homogenität beimisst.

Die Zäsur, welche Peters Regierung ausmacht, zeigt sich unter anderem darin, dass er direkte Schritte unternimmt, den Glauben seiner Untertanen unter staatliche Obhut zu stellen. Diese Schritte bestehen unter anderem darin, die kirchliche Gerichtsbarkeit zu beschränken, indem zahlreiche Fälle des kirchlichen Rechts der weltlichen Rechtsprechung übergeben werden. Die staatlichen und kirchlichen Instanzen sollen dafür Sorge tragen, dass die Bevölkerung ihre Kinder taufen lässt, regelmäßig zur Beichte geht sowie zahlreiche weitere christliche Pflichten nach staatlicher Vorschrift befolgt. Auch hinsichtlich des Militärs legt Peter strenge Vorschriften für die Religiosität seiner Soldaten fest.32

Weiterhin legt Peter 1714 fest, dass alle Altgläubigen doppelte Steuern zu entrichten haben. Peter Hauptmann weist darauf hin, dass Peter der Große sich in seinem Umgang mit religiösen Minderheiten ausschließlich auf den Nutzen des Staates fokussiert. So sieht er die prosperierende Gemeinschaft am Vyg (s. o.) als nützlich an, da sie eine enorme wirtschaftliche Eigendynamik im ansonsten sehr ruralen Norden Russlands entwickelt. In anderen Teilen des Staates wiederum überwiegen die Nachteile, welche die Altgläubigen für den Staat bedeuten. So ließen sie die Altritualisten sich weniger leicht überwachen und boten Regimegegnern, welche die von Peter initiierte Verwestlichung Russlands ablehnten, eine große Angriffsfläche.33

[...]


1 Voltaire. Toleranz; <http://www.correspondance-voltaire.de/html/phil-toleranz.html> (08.07.2014; 20:25).

2 Hamburg, Gary M.: Religious Toleration in Russian Thought. 1520-1825; in: Kritika: Explorations in Russian and Eurasian History 13:3 (2012); S. 515-559.

3 Smolitsch, Igor: Forschungen zur osteuropäischen Geschichte 2; Berlin 1990 (=Historische Veröffentlichungen des Osteuropa-Instituts an der Freien Universität Berlin; Band 45).

4 Hauptmann, Peter: Russlands Altgläubige, Göttingen 2005: 79, Smolitsch 1990: 232.

5 Hamburg 2012: 516.

6 Hamburg 2012: 529-530.

7 Hamburg 2012: 530.

8 Hamburg 2012: 530.

9 Hamburg 2012: 531.

10 Hamburg 2012: 532.

11 Hamburg 2012: 532-533.

12 Hamburg 2012: 533.

13 Hamburg 2012: 534.

14 Hamburg 2012: 534.

15 Hamburg 2012: 535-537.

16 Hamburg 2012: 538.

17 Hamburg 2012: 539.

18 Hauptmann 2005: 58, zu detaillierteren Informationen über das Schisma und die Entstehung des Altgläubigentums siehe ebenfalls Hauptmann, Peter: Russlands Altgläubige; Göttingen 2005.

19 Hauptmann 2005: 60-61.

20 Hauptmann 2005: 65-66, Zitat S. 66.

21 Hauptmann 2005: 73, auch: Crummey, Robert: The Old Believers and the World of Antichrist; Madison 1970: 69.

22 Smolitsch 1990: 72.

23 Smolitsch 1990: 72.

24 Crummey 1970: 62-63.

25 Smolitsch 1990: 70.

26 Smolitsch 1990: 71.

27 Tuchtenhagen, Ralph: Religion als minderer Status. Die Reform der Gesetzgebung gegenüber religiösen Minderheiten in der verfassten Gesellschaft des Russischen Reiches 1905-1917; Freiburg 1992 (=Friedensauer schriftenreihe; Band 1): 24.

28 Smolitsch 1990: 76.

29 Conybeare, Frederick C.: Russian Dissenters; New York 1962 (=Harvard Theological Studies; Band 10): 264.

30 Smolitsch 1990: 71.

31 Smolitsch 1990: 71-72.

32 Smolitsch 1990: 73.

33 Hauptmann 2005: 73.

Details

Seiten
24
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783346156327
ISBN (Buch)
9783346156334
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v539732
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum – Historisches Institut
Note
2,0
Schlagworte
Sekten Russland

Autor

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Titel: Die Entwicklung der theoretischen und praktischen Toleranz im Russischen Reich von Peter I. bis zum Toleranzedikt (1905)