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Altersarmut. Leben am Existenzminimum in einem Wohlfahrtsstaat

Hausarbeit 2019 20 Seiten

Soziologie - Soziales System, Sozialstruktur, Klasse, Schichtung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einführung

2 (Alters-)Armut
2.1. Definition von Armut - Unterscheidung zwischen relativer und absoluter Armut
2.2. Gründe und Ursachen für Altersarmut
2.3. Maßnahmen zur Prävention und Interventionsmaßnahmen zur Bekämpfung der Altersarmut
2.3.1. Gesetzliche Rentenversicherung
2.3.2. Grundsicherung im Alter
2.3.3. Private Vorsorge

3 Wohlfahrtsstaatliche Gerechtigkeit
3.1. Definition sozialer Gerechtigkeit
3.2. Armut ist ein Anpassungsproblem und viele von (Alters-)Armut Betroffene sind selbst schuld an ihrer Situation? - Eine Kritik am Armutsdiskurs

4 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einführung

Armut ist ein Thema, das nicht erst seit heute sehr kontrovers diskutiert wird. Kann es sein, dass ein Mensch trotz lebenslanger Arbeit in einem Wohlfahrtsstaat im Alter am Existenzminimum oder knapp darüber leben muss? Wie definiert sich (Alters-)Armut? Was sind die Gründe hierfür? Gibt es Maßnahmen zur Prävention? Wie kann außerdem soziale Gerechtigkeit definiert werden und gibt es eine wohlfahrtsstaatliche Gerechtigkeit? Ist Armut ein Anpassungsproblem und sind viele Betroffenen selbst schuld an ihrer Lage? Diese und weitere Fragen werden im Rahmen dieser wissenschaftlichen Arbeit untersucht und beantwortet. Des Weiteren wird eine Kritik bezüglich des Armutsdiskurses in Deutschland verfasst.

Frau S. ist vor 20 Jahren in die Rente eingetreten. Nach 35 Jahren Arbeit und 10 Jahren Kindererziehung betrug ihre Rente zum damaligen Zeitpunkt 600 €. Sie hat nach ihrem Hauptschulabschluss zunächst in der Landwirtschaft gearbeitet, lernte ihren Mann kennen und fand eine Stelle im Einzelhandel. Keine dieser Stellen war in Teilzeit. Selbst nach der Scheidung arbeitete sie als alleinerziehende Mutter in Vollzeit. Heute, 20 Jahre nach ihrem Renteneintritt bekommt sie zwar 880 € Rente, davon sind jedoch 30 € von einer Organisation, welche Senioren mit geringem Einkommen im Alter unterstützt und 29 € Mietzuschuss vom Amt. Hinzu kommt, dass die Rente von Frau S. zwar höher ist als zu der Zeit ihres Renteneintritts, die Lebenshaltungskosten sich in den letzten Jahren aber auch deutlich gesteigert haben. Sie sagt sie möchte unabhängig sein. Wer einmal von einer anderen Person abhängig war, der möchte das nie wieder sein (Müller, U. (2019)).

Wie Frau S. ergeht es auch anderen Menschen im Alter. Besonders Frauen sind von Altersarmut betroffen, die Dunkelziffer ist insgesamt aber sehr hoch. Viele ältere Menschen möchten keine Hilfe annehmen und unabhängig sein. Gerade ältere Generationen, die Kriegszeiten erlebt haben, möchten nicht auf das Amt oder auf andere Menschen angewiesen sein (Müller, U. (2019)).

Hinzu kommen Scham und Stolz, weswegen sich eine genaue Benennung der Anzahl von Altersarmut betroffener Menschen äußerst schwierig gestaltet (Müller, U. (2019)).

2 (Alters-)Armut

„Wenn man von Armut spricht, sollte man nicht nur an materielle Armut, sondern auch an andere gesellschaftliche Formen der Armut denken.“ (Schilling/Klus (2018), S. 43). Demnach steht heute nicht mehr nur die materielle Form von Armut im Fokus, sondern auch die psycho-soziale Form. Diese kann einhergehen mit Ausgrenzung aufgrund nicht vorhandener finanzieller Mittel, um am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. Somit bedingt die materielle Armut oft eine psycho-soziale Armut. Es gibt in „Deutschland eine ,neue Armut“, [so]dass etwa ein Drittel der Bevölkerung mit wachsender Tendenz v. a. auch bei Kindern/Jugendlichen, alten Menschen und Langzeitarbeitslosen als (materiell) arm zu bezeichnen ist.“ (Schilling/Klus (2018), S. 43).

„Ein ausreichendes Alterseinkommen ist grundlegende Voraussetzung dafür, dass auch ältere Menschen aktiv und gleichberechtigt am gesellschaftlichen Leben teilnehmen und teilhaben können. Um auch im Alter so lange wie möglich unabhängig und selbstständig zu leben, eine angemessene Wohnung zu unterhalten, soziale Kontakte zu knüpfen und aufrechtzuerhalten sowie um die viele freie Zeit aktiv zu gestalten - dazu bedarf es ausreichender Finanzmittel“ (Bäcker, Naegele, Bispinck, Hofemann & Neubauer, (2010a), S. 354).

Doch gerade diese Finanzmittel sind im Alter oft leider nicht ausreichend, um am gesellschaftlichen Leben teilhaben und unabhängig sein zu können.

2.1 Definition von Armut - Unterscheidung zwischen relativer und absoluter Armut

Es gibt keine allgemeine Definition des Armutsbegriffes, da der Begriff der Armut nicht einheitlich definiert werden kann. Sie hängt von einigen Faktoren, wie beispielsweise dem Lebensraum und der Gesellschaft, in der ein Individuum lebt, ab. Es kann zwischen relativer und absoluter Armut unterschieden werden. Unter relativer Armut wird verstanden, dass eine Person nicht den gleichen Lebensstandard wie die Mehrheit der Bevölkerung halten beziehungsweise erreichen kann. Unter absoluter Armut wird verstanden, dass eine Person sich das Nötigste zum Überleben nicht leisten kann. Hier spricht man vom Existenzminimum (Kopp/Steinbach (2018), S. 29). In modernen Gesellschaften ist die absolute Form der Armut sehr selten bis gar nicht zu finden, kaum ein Mensch muss Angst haben zu verhungern, verdursten oder zu erfrieren. Nach wie vor ist aber auch die relative Armut moralisch nicht vertretbar (Hradil, S. (2010)).

2.2 Gründe und Ursachen für Altersarmut

Die Gründe und Ursachen für Altersarmut sind vielseitig. Besonders Frauen sind häufig von Altersarmut betroffen, da sie aufgrund der Kinderbetreuung und Erziehung oft einige Jahre nicht gearbeitet haben und nicht in die Rentenkasse eingezahlt haben. Je nach der Anzahl der Kinder, summiert sich oft die Anzahl der Jahre, die am Ende nicht in die Rentenberechnung einbezogen werden. Außerdem muss beachtet werden, dass Mütter zwar Anspruch auf eine Mütterrente haben, diese wird jedoch mit der Grundsicherung verrechnet. Das bedeutet, eine Frau, die im Alter aufstocken muss, bekommt die Mütterrente gar nicht ausbezahlt. Oftmals nutzen Ehepaare auch das Ehegatten-Splitting was deutliche Steuervorteile bringt, für die Frau in der Rente jedoch ebenfalls leider Abstriche bedeutet. Besondere Armutsfallen sind Scheidungen und die daraus oftmals resultierende Alleinerziehung der Kinder (Müller, U. (2019)).

Wer vor dem 01.01.2013 häufiger als sogenannter „Minijobber“ gearbeitet hat, hat ebenfalls oft Fehlzeiten in der Renteneinzahlung, da geringfügig Beschäftigte bis zu diesem Datum nicht rentenversicherungspflichtig waren. Die Möglichkeit rentenversichert zu werden bestand zwar schon, dies musste aber ausdrücklich formuliert werden. Heute sind geringfügig Beschäftigte automatisch rentenversicherungspflichtig, haben jedoch die freie Wahl, ob sie in die Rentenkasse einzahlen möchten oder nicht. Ist dies nicht der Fall, müssen sie sich ausdrücklich davon befreien lassen (Kiepe, M. (2014), S. 410).

Ein weiterer Grund für Altersarmut ist, dass gerade Personen, die im Niedriglohnsektor arbeiten und daher Aussicht auf eine kleine Rente haben, aufgrund des niedrigen Lohns auch keine Möglichkeit haben in eine private Altersvorsorge einzuzahlen (Huster, E.-U., Boeckh, J., Mogge-Grotjahn, H. (2012), S. 457).

2.3 Maßnahmen zur Prävention und Interventionsmaßnahmen zur Bekämpfung der Altersarmut

Die hauptsächlichen Maßnahmen zur Prävention und eventuellen Bekämpfung von Altersarmut finden meist nicht im Alter statt, sondern schon im vorherigen Berufs- und Arbeitsleben. In dieser Zeit wird in die gesetzliche Rentenversicherung einbezahlt und auch private Altersvorsorgen werden in dieser Lebensphase abgeschlossen. Eine weitere Maßnahme ist die betriebliche Altersvorsorge. Einige Arbeitgeber praktizieren diese, oft sind dies auch keine hohen Beträge, da die Summe der betrieblichen Altersvorsorge meist von der Betriebszugehörigkeit abhängig ist. Finden häufige Arbeitsplatzwechsel statt, so ist es möglich, dass ein Arbeitnehmer zwar häufig in die betriebliche Altersvorsorge einbezahlt hat, er erhält dann aber von jedem dieser Arbeitgeber nur einen kleinen Betrag (Bäcker/Naegele et al. (2010b), S. 387 - 388).

2.3.1 Gesetzliche Rentenversicherung

„Die Gesetzliche Rentenversicherung (GRV) ist eine öffentlich-rechtliche Pflichtversicherung für alle ArbeitnehmerInnen, für bestimmte Gruppen von Selbstständigen sowie für weitere, nicht erwerbstätige Personengruppen.“ (Bäcker/Naegele et al. (2010b), S. 393).

Die Finanzierung der gesetzlichen Rentenversicherung in Deutschland erfolgt durch das Umlageverfahren, sowie ergänzende Steuerzuschüsse. Die Höhe der Beiträge, die Höhe und Gestaltung der Leistungen, sowie die Voraussetzungen für eine sogenannte Mitgliedschaft werden gesetzlich im Sozialgesetzbuch (SGB) VI geregelt. Der volle Rentenbetrag ohne Abschläge wird nach 45 Versicherungsjahren oder der Vollendung des 65. Lebensjahres (bis Jahrgang 1964, ab 1964 Vollendung des 67. Lebensjahres) gewährt (Bäcker/Naegele et al. (2010b), S. 393).

Die gesetzliche Rentenversicherung verfügte Ende 2016 über 37,60 Mio. aktiv versicherte Personen und zahlte 2017 268,86 Mrd. € an 20,99 Mio. RentnerInnen (Stand 01.07.2017) (Deutsche Rentenversicherung, S. 9).

2.3.2 Grundsicherung im Alter

„Mit dem Rentenreformgesetz 2001 wurde die Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung als ein eigenständiges Sozialleistungsgesetz eingeführt, das zum 01.01.2003 in Kraft getreten ist. Ziel war es, älteren Menschen sowie Erwerbsgeminderten, die nur noch geringe Chancen haben, ihre Hilfebedürftigkeit zu überwinden, einen Leistungsanspruch unter erleichterten Voraussetzungen zu ermöglichen und durch die Begrenzung des Nachrangprinzips ,verschämte Altersarmut‘ abzubauen.“ (Bäcker/Naegele et al. (2010b), S. 330).

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Details

Seiten
20
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783346144034
ISBN (Buch)
9783346144041
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v539796
Institution / Hochschule
DIPLOMA Fachhochschule Nordhessen; Zentrale
Note
1,3
Schlagworte
Ethik Sozialphilosophie sozialphilosophische Fragestellungen ethische Fragestellungen Altersarmut Gerechtigkeit Alter Armut Existenzminimum Wohlfahrtsstaat wohlfahrtsstaatliche Gerechtigkeit

Autor

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Titel: Altersarmut. Leben am Existenzminimum in einem Wohlfahrtsstaat