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Fördert Evangelikalismus die Entwicklung eines "kapitalistischen Geistes"?

Hausarbeit 2019 18 Seiten

Politik - Internationale Politik - Thema: Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretischer Hintergrund

3. Forschungsstand

4. Fördert Evangelikalismus die Entwicklung eines „kapitalistischen Geistes“ ?

5. Diskussion und Ausblick

1. Einleitung

Beim Wort „Evangelikalismus“ denken die meisten Menschen vermutlich an radikale Abtreibungsgegner, selbsternannte Verteidiger traditioneller Familienleitwerte oder Kämpfer gegen eine zu laxe Sexualmoral. Insbesondere die USA gelten oft als Extrembeispiel für solch einen moralisch konservativen Evangelikalismus. Umso verblüffender ist es, dass in der Regel kaum eine gedankliche Verbindung zwischen Evangelikalismus und anderen Politikbereichen hergestellt wird. Dies trifft insbesondere auf den zentralen Bereich der Wirtschaftspolitik zu, schließlich gelten beispielsweise Evangelikale in den USA als loyale Unterstützer der Republikanischen Partei, die ja nicht nur für ihre konservativen gesellschaftspolitischen Positionen, sondern auch für ihre - aus europäischer Sicht - vergleichsweise „kapitalistische“ Wirtschaftspolitik bekannt ist. Es ist daher schwer vorstellbar, dassjene Wähler sich gar keine Gedanken zu wirtschaftspolitischen Fragen machen. Global gesehen engagiert sich ein großer Teil der Evangelikalen in Reformierten Kirchen, die innerhalb der westlichen Welt historisch gesehen vor allem in der Anglosphäre besonders einflussreich waren. Jene Staaten (unter anderem Großbritannien und die USA) gelten meist auch als wirtschaftspolitisch liberaler als beispielsweise Deutschland oder Frankreich, mit niedrigeren Steuern und einem weniger stark ausgebauten Sozialstaat. Es liegt also nicht ganz fern, eine wie auch immer geartete Verbindung zwischen evangelikaler religiöser Ausrichtung und wirtschaftspolitischer Ausrichtung zu vermuten. Nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass der Evangelikalismus weltweit zu den am stärksten wachsenden Religionsgemeinschaften zählt, ist die Frage nach einer ihm eventuell innewohnenden wirtschaftspolitischen Doktrin von besonderer Relevanz.

Einer, der sich genau mit diesem Verhältnis von Religion und Wirtschaft auseinandergesetzt hat, war Max Weber. In seinem Werk Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus geht Weber davon aus, dass der Calvinismus - die zentrale geistige Grundlage der Reformierten Kirchen - eine protestantische Arbeitsethik vorgibt, die einen kapitalistischen Geist bei seinen Anhängern fördert und damit der globalen Ausbreitung des Kapitalismus geholfen hat. Zunächst wird Webers Argumentation vorgestellt, anschließend der Forschungsstand beleuchtet, dann die empirische Validität von Webers Argumentation mit Fokus auf Evangelikale in den USA untersucht und anschließend die Ergebnisse diskutiert und ein Ausblick auf künftige Forschung gegeben.

2. Theoretischer Hintergrund

Grundlage dieser Arbeit sind die von Max Weber in seinem 1904 veröffentlichten Werk Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus (vgl. Weber 1904) geschilderten Überlegungen. Die häufig als „Weber-These“ bezeichnete Argumentation beschäftigt sich mit dem Einfluss von Protestantismus, speziell dem Calvinismus, auf die Ausbreitung kapitalistischer Denkweisen.

Weber beginnt sein Werk mit der Beobachtung, dass Protestanten häufig über mehr Kapitalbesitz als Katholiken verfügen würden, in prestigeträchtigeren Berufen anzutreffen und besser gebildet seien als diese - und zwar unabhängig davon, ob Katholiken in einem Gebiet die Mehrheit stellen oder eine sozial ausgegrenzte Minderheit bilden. Minderheiten würden sich laut Weber besonders hart anstrengen im Leben, um ihre soziale Ausgrenzung zu überwinden. Daraus folgt für Weber, dass es eine „innere Eigenart“ (Weber 1904: 134 f.) der Konfessionen geben müsse, die diesen Befund verursacht.

Im nächsten Schritt widmet Weber sich den Ursachen für die Ausbreitung des Kapitalismus. Dieser sei nicht gottgegeben, wovon u.a. Karl Marx in seinem „Überbau“-Theorem ausginge, sondern im Wesentlichen durch einen „kapitalistischen Geist“ (Weber 1904: 162 ff.) entstanden. Kapitalismus wird von Weber in erster Linie als Streben nach Profitmaximierung definiert. Der größte Feind des kapitalistischen Geistes sei laut Weber der Traditionalismus, also die Zufriedenheit mit dem Status quo anstelle von Profitstreben. Nur durch die Überwindung des Traditionalismus könne sich der kapitalistische Geist ausbreiten und diese sei wiederum nur gegeben, wenn Arbeiter ihre Arbeit als Berufung und damit als Selbstzweck begriffen. Diese Berufsethik sieht Weber bei pietistischen Arbeiterinnen erfüllt, die wirtschaftlicher, pflichtbewusster, selbstbeherrschter und gemäßigter arbeiten würden als ihre nicht-religiösen Pendants.

Darauf aufbauend postuliert Weber anhand von biblischen und theologischen Aussagen, dass sich sowohl die protestantische Berufsdefmition von der katholischen unterscheiden würde, aber auch die lutherische von der calvinistischen. Im Luthertum würde der Begriff „Beruf ‘ eher im Sinne von Berufsstaw^ definiert - als eine Art lebensweltliche Beschränkung und vorgegebener Rahmen, in den es sich zu fügen gilt. Der Calvinismus hingegen verstehe den Beruf eher als eine Art Berufung, also eine göttlich vorgegebene Aufgabe, die es mit Leidenschaft zu erfüllen gelte. Während die lutherische Definition also eher negativ und traditionalistisch konnotiert sei, sehe der Calvinismus den Beruf als etwas äußerst Positives.

Im Anschluss daran geht Weber auf die religiösen Grundlagen dieser unterschiedlichen Sichtweisen ein. Verantwortlich dafür sei in erster Linie die calvinistische Prädestinationslehre., gemäß derer das menschliche Schicksal - Erlösung oder Verdammung - von Anfang an komplett vorbestimmt sei und man sich nicht durch Sakramente wie Buße, Beichte oder das Kreuz von seinen Sünden „freikaufen“ könne. Berufliche Arbeit fungiere in dem Zusammenhang als Vehikel zur Selbstvergewisserung, zu den von Gott Auserwählten zu gehören: ein Mensch hätte zwar keine Gewissheit, zu den Erlösten zu gehören, aber er würde zunächst davon ausgehen und sich mithilfe harter Arbeit „bewähren“. In der Prädestinationslehre würden also nur Gott und das Individuum eine Rolle spielen, die Umwelt sei für die eigene Erlösung unwichtig - daraus ergebe sich Weber zufolge ein stark individualistisch geprägtes Denken, das anderen Menschen im Zweifel eher misstraue. Aufgrund der Tatsache, dass spontane Sündenvergebungen laut Prädestinationslehre nicht möglich seien, gäbe diese einen klaren Ordnungs- und Handlungsrahmen vor, der alle Lebensbereiche erfasse und letztlich in „innerweltliche Askese“ (Weber 1904: 329 ff.) münden würde.

Wie genau diese aussehen kann, zeigt Weber in seinem letzten Kapitel, das sich vor allem auf Aussagen des puritanischen Predigers Richard Baxter stützt. Der Puritanismus verurteile einerseits das Ausleben von Reichtum und Luxus, da ein Ausruhen auf Reichtum der Faulheit Tür und Tor öffnen könne, was dem Ziel der permanenten Ruhmesmehrung Gottes widerspräche. Der Mensch sei außerdem nur Verwalter von Gottes Besitz auf Erden, das Ausgeben von Reichtum gleiche damit einer Verschwendung von Gottes Besitz. Gleichzeitig verpflichte der Puritanismus die Menschen aber auch zu harter Arbeit: die Menschen sollten sich ihrem Beruf mit Leidenschaft widmen und nicht einfach irgendwelche Arbeiten verrichten, seien aber auch verpflichtet, sofern möglich Berufe auszuüben, in denen sie mehr Geld verdienen können als bisher, da dies der Ruhmesmehrung Gottes diene und damit gottgewollt sei. Auf der anderen Seite verurteile der Puritanismus laut Weber ebenfalls Armut: gewollte Armut gleiche einem Verrat an Gott, weil der Mensch sich damit der Pflicht zur Ruhmesmehrung Gottes widersetzen würde. Unfreiwillige Armut sei mitunter gottgewollt, weil sie Betroffene zu härterer Arbeit antreibe und sie von der Versuchung abhalte, sich auf ihrem Reichtum auszuruhen, falls sie welchen hätten.

Laut Weber geben also der Calvinismus und seine sich auf ihn beziehenden Religionen eine spezifisch protestantische Arbeitsethik vor, die von einem „kapitalistischen Geist“ geprägt ist und damit wesentlich - neben anderen Faktoren - zur Ausbreitung des Kapitalismus beigetragen hat. Calvinismus und Puritanismus bilden eine zentrale Grundlage des modernen Evangelikalismus, ersterer vor allem in der angelsächsischen Welt und letzterer speziell in den USA infolge der Kolonisierung. Sollte Weber mit seinen Ausführungen Recht haben, so müssten sich Spuren dieser protestantischen Arbeitsethik noch heute bei gläubigen Evangelikalen in den besagten Gebieten wiederfinden lassen. Im Folgenden sollen dazu die Ansichten von US-Evangelikalen zu Themen wie Sozialstaat, Armut, Kapitalismus, etc. untersucht werden. Es wird erwartet, dass Evangelikale wirtschaftlich konservative Positionen vertreten, die sich gegen zu viel Staatsintervention und Hilfe für Bedürftige wenden.

3. Forschungsstand

Webers Thesen wurden im Laufe der Zeit heftig debattiert und haben sowohl Zustimmung als auch Kritik erfahren. So kritisiert beispielsweise MacKinnon (vgl. 1988) Webers theologische Annahmen. Er bezweifelt die von Weber postulierte „Sonderrolle“ des Calvinismus, der stärker vom Katholizismus und Lutheranismus beeinflusst sei als Weber zugebe. MacKinnon wirft Weber außerdem eine Überbetonung von Calvin selbst und eine Vernachlässigung anderer calvinistischer Denker vor, wie William Perkins oder William Arnes und die gesamte Denkschule des Arminianismus, die in bestimmten Fragen wie der Striktheit der Prädestinationslehre mitunter andere Auffassungen vertreten hätten.

Marhsall (vgl. 1980) verteidigt hingegen Weber und prangert häufige Missverständnisse seiner Aussagen an. Speziell widmet er sich Schottland im 16. und 17. Jahrhundert als oft genanntem Gegenbeispiel zu Webers Thesen, da das Land trotz calvinistischer Tradition zum damaligen Zeitpunkt ökonomisch eher rückständig war. Weber untersuche laut Marshall entgegen häufiger Annahmen nicht den Ursprung des Kapitalismus als Wirtschaftssystem, sondern den Ursprung des kapitalistischen Geistes. Weber mache auch nicht Religion als alleinigen Faktor für die Ausbreitung des Kapitalismus verantwortlich, sondern sehe ihn als einen begünstigenden Faktor unter vielen. Aus dem erstgenannten Punkt folgt für Marshall, dass man Weber nicht einfach mit dem Blick auf den ökonomischen Gesamtzustand eines Landes widerlegen könne (wie beispielsweise im Fall von Schottland), sondern die individuellen Einstellungen der Menschen beachten müsse (kapitalistischer Geist).

Einige Forscher haben sich ferner mit der Frage beschäftigt, inwieweit sich Webers Thesen auf andere Kulturkreise und Religionen übertragen lassen. Alatas (vgl. 1963) geht am Beispiel von Malaysia der Frage nach, inwieweit sich Webers Thesen auf den Islam in Südostasien übertragen lassen und hat dazu eigene biografische Erfahrungen. Einerseits existiere zwar Webers „Berufungsgedanke“ auch in der islamischen Ethik, andererseits fehle in dieser aber beispielsweise ein Äquivalent zur Prädestinationslehre. In Malaysia sei ein kapitalistischer Geist eher bei chinesischen und indischen Muslimen vorzufinden und weniger bei malayischen. Da der indische und der malayische Islam im Gegensatz zum chinesischen derselben Denkschule angehören würden, wertet Alatas dies als Gegenbeweis dafür, dass auch im islamischen Kulturkreis religiöse Faktoren Einfluss auf die Entstehung eines kapitalistischen Geistes haben bzw. gehabt haben.

Chung, Shepard und Dollinger (vgl. 1989) analysieren, ob es angesichts des ostasiatischen Wirtschaftswunders auch ein Äquivalent zur protestantischen Arbeitsethik im chinesischen Konfuzianismus gibt, was von Weber bezweifelt wurde. Zentrale Prinzipien des Konfuzianismus seien völlige Humanität und Harmonie (Jen) sowie völlige Balance der Emotionen (chung yung), die aber in ihrer idealisierten Form in der Realität meist nicht erfüllt würden. Zur Auflösung dieses Spannungsfeldes diene ein permanentes Streben nach Perfektion auf Basis ständiger Erneuerung, worin die Autoren eine Parallele zum calvinistischen Berufungsgedanken erkennen. In wirtschaftlicher Hinsicht manifestiere sich dieses Perfektionsstreben beispielsweise in einem Streben nach konstanter Produktionskosten- und Produktionsfehlerreduktion, wofür die Autoren die Entwicklung der Just-In-Time-Produktion in Japan als Beispiel anführen.

Auf empirischer Ebene sind viele Forscher der Frage nachgegangen, inwieweit so etwas wie eine protestantische Arbeitsethik überhaupt existiert, unabhängig von jeglicher Religion, und welchen psychologischen Einfluss sie ausübt. Mirels und Garrett (vgl. 1971) entwickelten eine eigene, eng an Weber orientierte 19-Item-Skala zur protestantischen Arbeitsethik und testeten diese anhand von 222 Psychologiestudenten aus Ohio. Items waren unter anderem: „Most people spend too much time in unprofitable amusements“, „The self-made man is likely to be more ethical than the man born wealth“, ,,A distaste for hard work usually reflects a weakness of character“ und ,,0ur society would have fewer problems if we had less leisure time“. Im Ergebnis zeigt sich unter anderem ein stark positiver Effekt der protestantischen Arbeitsethik auf Adornos California-F-Scale, die autoritäre Neigungen und Bereitschaft zu Gefolgschaft misst, was zum von Weber postulierten „Dienerverhältnis“ des Menschen gegenüber Gott im Calvinismus passt. Außerdem existiert ein moderat negativer Effekt auf Rotters Internal­External-Scale, die erfasst, ob Menschen eher das Schicksal oder die eigene Schaffenskraft für Erfolg verantwortlich machen. Auf Menschen mit hoher protestantischer Arbeitsethik trifft Letzteres zu, was ebenfalls eine Parallele zum individualistischen Denken im Calvinismus bei Weber darstellt.

Viele Forscher nutzten die Mirels-Garrett-Skala für ihre eigenen Untersuchungen, so auch Feather (vgl. 1984). Er erweitert die Mirels-Garrett-Skala noch um das Rokeach Value Survey und testet beides anhand von 140 Psychologiestudenten aus Australien. Bei letzterem werden Befragte gebeten, ein Set aus 18 Zielwerten (terminal value) und 18 Leitwerten (instrumental value) zu priorisieren, gemäß der Wichtigkeit, die die einzelnen Werte für sie persönlich einnehmen. Menschen mit hoher protestantischer Arbeitsethik nannten häufiger salvation und obedient als Ziel- bzw. Leitwerte. Die Wichtigkeit von imaginative und a 'world of beauty nahm hingegen stark ab bei steigender protestantischer Arbeitsethik. Die erhöhte Wichtigkeit von salvation passt zur Weberschen Hoffnung auf Erlösung, die erhöhte Wichtigkeit von obedient ähnelt stark dem Befund von Mirels-Garrett zur California-F-Scale und das Absinken von imaginative und a world of beauty gibt einen möglichen Hinweis auf das Konzept der innerweltlichen Askese, in der Kreativität und Genuss eher keinen Platz haben.

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Details

Seiten
18
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783346149350
ISBN (Buch)
9783346149367
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v541105
Institution / Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen
Note
1,7
Schlagworte
fördert evangelikalismus entwicklung geistes Religion Christlicher Fundamentalismus Protestantische Ethik

Autor

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