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Kiel. Das Signal zur Revolution im Deutschen Kaiserreich

Seminararbeit 2006 18 Seiten

Gesch. Europa - Deutschland - I. Weltkrieg, Weimarer Republik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Bedeutung der Kaiserlichen Marine für die deutsche Gesamtstrategie

III. Ereignisse in Kiel
1. Ereignisse in der Hochseeflotte 1917/1918- Gründe für
den Matrosenaufstand
2. Entwicklung von der Meuterei über Matrosenaufstand zur Rätebildung

IV. Begriffliche Bestimmung der Ereignisse in Kiel

V.Fazit
„Kiel, das Signal zur deutschen Revolution“

VI.Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Der Übergang vom kaiserlichen Obrigkeitsstaat zur parlamentarischen Demokratie in Deutschland 1918/1919 fand sehr früh das Interesse von Publizisten und Historikern. Dennoch wurde die Revolution, wie man diese Übergangszeit schon im November 1918 bezeichnete[1], nach dem pointierten Urteil von Reinhard Rürup sehr schnell „aus dem Bewusstsein der Zeitgenossen verdrängt“[2]. Im Rahmen der verschiedenen Deutungen der Ereignisse 1918/1919 bewegt sich eine Fülle von Einzeluntersuchungen, in denen gerade die Rätebewegung immer wieder dargestellt wurde, jedoch die rein militärische Meuterei an Bord der Hochseeflotte als Grundlage für die Entwicklungen in Kiel oft vernachlässigt wurde. Der Versuch, die Ereignisse in der deutschen Hochseeflotte im Sommer 1917 und im Herbst 1918 nachzuzeichnen, zugleich die Frage nach den wesentlichen Ursachen des Aufstandes der Matrosen und Heizer zu stellen und die Nachwirkungen in den späteren Epochen der Marinegeschichte aufzuspüren, unterliegt der Gefahr, aus den zwiespältigen und oft einander widersprechenden Berichten, Stellungnahmen und Gutachten ein einseitiges Bild zu entwerfen und daraus falsche Schlüsse zu ziehen. Mit Vorbehalt muss deshalb der Vielzahl der vorhandenen Literaturquellen begegnet werden. Dennoch ist der Versuch lohnend, weil die Ergebnisse einen hohen Aussagewert für die Lösung zeitbedingter Personalprobleme der Bundesmarine besitzen. Darüber hinaus bedeutet die Studie ein ausgegrabener Abschnitt der Marinegeschichte, über den man nicht gern spricht, den man als „Schande der Marine“ empfindet.

Drei Fragen standen im Mittelpunkt der vorliegenden Seminararbeit:

1. Was waren die Ursachen für das Aufbegehren der Matrosen in der Hochseeflotte?
2. Warum wurde gerade Kiel zum Ausgangspunkt jener Umsturzbewegung, die, bald mit dem Begriff Revolution bezeichnet, das ganze Reich erfasste und binnen weniger Tage zum Sturz des Kaiserreichs führte? Da Meutereien in der Marine schon in Wilhelmshaven ausgebrochen waren, muss es in Kiel eine besondere Konstellation gegeben haben, welche die Meuterei zur revolutionären Bewegung werden ließ
3. Handelte es sich in Kiel um einen lokal begrenzten Aufstand, der unabhängig vom Zusammenbruch des Wilhelminischen Reichs am Ende des Ersten Weltkriegs zu bewerten ist oder gingen von Kiel tatsächlich entscheidende Impulse für eben diesen Zusammenbruch aus?

Mit der Beantwortung dieser Fragen, welche ich mir als Schwerpunkt in dieser Arbeit gesetzt habe, ist gleichzeitig die Charakterisierung und sprachliche Präzisierung der Kieler Ereignisse eng verbunden. Gerade in sprachlicher Hinsicht spiegelt sich die breite Skala der Bewertung am deutlichsten wider. Das weite Feld der Beurteilungsmöglichkeiten dieses zwar kleinen, gleichwohl nicht unbedeutenden Abschnitts der Revolution in Deutschland erstreckt sich von „Meuterei“ über „Matrosenaufstand“, „revolutionärem Aufstand“ und „Revolte“ bis hin zum Begriff „Revolution“. Allein schon die für diesen Vorgang erstaunliche Vielfalt mag die Notwendigkeit unterstreichen, Kiel im November 1918 zu untersuchen.

Bei der Betrachtung der militärischen Ereignisse sehr hilfreich waren Ausgaben der Zeitschrift für Militärgeschichte, sowie „Meuterei in der Kaiserlichen Marine“ von Ernst Legahn und sehr zuverlässig der Beitrag von Werner Rahn zur Kaiserlichen Marine des Ersten Weltkrieges in „Grundzüge der deutschen Militärgeschichte“. Für die Betrachtung der Ereignisse in Kiel sehr ergiebig war das Werk von Dirk Dänhardt „Revolution in Kiel“. In ihnen fanden sich nützliche Literaturhinweise und eine detaillierte Wiedergabe der Novembertage in Kiel 1918.

II. Bedeutung der Kaiserlichen Marine für die deutsche Gesamtstrategie

Im August 1914 stand die Kaiserliche Marine unter dem Eindruck der großen materiellen Überlegenheit des Gegners. Allein in der Nordsee verfügte die Royal Navy über 26 moderne Großkampfschiffe, denen die Kaiserliche Marine nur 18 vergleichbare moderne Einheiten entgegenzusetzen hatte[3]. Der erhoffte Kräfteausgleich als Vorraussetzung für eine Entscheidungsschlacht, mit Hilfe einer U-Boot- und Minenoffensive blieb aus. Pläne für weiterreichende und damit riskantere Vorstöße trafen auf den Widerstand des Kaisers. Er sah in der Hochseeflotte zunehmend einen politischen Machtfaktor, der bis zum Friedensschluss intakt und kampfbereit bleiben sollte. Hierbei fällt auf, dass das Deutsche Kaiserreich über keine Gesamtstrategie verfügte, in der der Einsatz der vielfältigen Kraftpotentiale des Landes aufeinander abgestimmt war. Während das Heer z.B. im Westen an der Marne die Entscheidung suchte und sich dabei auch mit dem kampfkräftigen britischen Expeditionskorps auseinandersetzen musste, unternahm die Hochseeflotte nichts, um dessen Nachschublinien im Ärmelkanal anzugreifen. Es gab keine aufeinander abgestimmte oder auch nur die Wechselbeziehungen einkalkulierende operative Planung von Heer und Marine und deshalb blieben dann selbst in dieser kritischen Lage Unterstützungsforderungen des Heeres aus. Die Diskussion um den Einsatz der Flotte wurde bald überlagert von der Auseinandersetzung über die politischen und militärischen Probleme, die der Handelskrieg mit U- Booten, aufwarf. Im Grunde bedeutete die U- Bootkriegführung sowie Kreuzerkrieg gegen britische Seeverbindungen eine völlig neue seestrategische Konzeption, die entsprechende Konsequenzen für Einsatz und Struktur der Hochseeflotte hätte haben müssen. Stattdessen arbeitete die Marineführung mit einem nach Werner Rahn „System der Halbheiten“[4] und ohne klare Schwerpunktbildung: auf der einen Seite U-Bootkrieg gegen die britischen Seeverbindungen, auf der anderen Seite Flottenaktivitäten in der Nordsee nach der Devise: Es muss etwas geschehen mit der Flotte, doch es darf ihr nichts passieren. Trotz der relativen Erfolglosigkeit ihrer Vorstöße 1914-1918 (Doggerbank, Skagerrak) besaß die Hochseeflotte eine erhebliche Bedeutung: Sie wirkte strategisch primär als „Fleet in being“. Ihre starke Präsenz band im Nordseebereich erhebliche Kräfte des Gegners, die eigentlich auf anderen Kriegsschauplätzen dringend benötigt wurden, zum Beispiel Zerstörer für Geleitschutzaufgaben oder Schlachtschiffe für die Öffnung der Dardanellen. Sie sicherte die deutschen Küsten vor Landungen. Sie blockierte die Ostsee für alliierte Nachschublieferungen nach Russland und sicherte die eigene Erzzufuhr aus Skandinavien. Sie bot der U-Bootkriegführung einen Rückhalt, vor allem bei der Sicherung der Ein- und Auslaufwege. Wenn man jedoch eine nüchterne Kosten- Nutzen- Rechnung aufmacht, so kommt man zu dem Ergebnis, dass die Flotte letztlich nicht das geleistet hat, was man von ihr erwartete oder erwarten konnte.

[...]


[1] Vgl. Volkszeitung Nr. 260, 5.11.1918

[2] RÜRUP, Reinhard Probleme der Revolution in Deutschland 1918/1919, Wiesbaden 1968; S.4

[3] Vgl. W. RAHN/K.-V. NEUGEBAUER (Hrsg.), Grundzüge der deutschen Militärgeschichte Band 1, Freiburg 1993, S. 250

[4] Vgl. W. RAHN/K.-V. NEUGEBAUER (Hrsg.), S. 250

Details

Seiten
18
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638494052
ISBN (Buch)
9783656788225
Dateigröße
500 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v54138
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden – Institut für Geschichte
Note
1,0
Schlagworte
Kiel Signal Revolution Deutschen Kaiserreich Proseminar

Autor

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Titel: Kiel. Das Signal zur Revolution im Deutschen Kaiserreich