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Der Einfluss der "Commedia dell' arte" auf das Theater von Molière

Hausarbeit 2015 21 Seiten

Romanistik - Französisch - Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Entstehung und Charakteristik der Commedia dell' arte
2.1 Inhalte und Figuren

3. Molieres Theater im Oberblick

4. Vorstellung des Stuckes „Malade Imaginaire"

5. Ein Vergleich beider Theaterformen
5.1 Die Figuren im Vergleich

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

Einleitung

Das Theater in all seinen Formen und Darstellungsweisen, hat uber die Jahrhunderte bereits einige nicht unbedeutende Entwicklungen durchlaufen, hat sich neue Sparten und Genres angeeignet und befindet sich dadurch seit seiner Entstehung in einem stetigen Wandel, welcher diese Kunstform so interessant macht. Die Tradition des Theaterspielens, die immerwahrende Konstanz des Bestrebens in andere Rollen zu schlupfen, um hinter Masken neue Geschichten zum besten zu geben, zur Unterhaltung meist anderer, geht so weit zuruck, dass ein Beginn all dessen nur schwerlich nachzuvollziehen sein wird. Dennoch gibt es auch in dieser Historie markante Punkte, welche Wendungen und Neuerungen in dieser Kunst bezeichnen, die uber die Zeit und bis heute von grower Bedeutung fur die gesamte Materie des Theaters sind.

Es ist naturlich keineswegs abzustreiten, dass jede noch so kleine Neuerung oder Idee das Theater als solches weitergebracht und allmahlich revolutioniert hat. Selbst bedeutende Dichter und Theaterautoren deren Werke heutzutage als revolutions gefeiert werden, nahmen ihren Ideen meist aus bereits existierendem Material, welches sie abwandelten. Die Entwicklung des Theaters war und ist, wie jede andere Entwicklung auch, eine schleichende. Die Theaterformen, die Art der Stucke und die Manier der Auffuhrung; all dies hat im Laufe der Jahrhunderte eine enorme Wandlung erfahren. Formen wie das absurde Theater oder die Tatsache dass auch Frauen Theater spielen durfen sind Beispiele dafiir, wie sehr sich das Theater verandert hat, da derartige Dinge vor ein paar hundert Jahren noch keineswegs denkbar waren. Dennoch ist zu beachten, dass in jeder Neuerung stets ein Einfluss aus schon da gewesenem steckt und sich nichts von allein entwickelte.

Dieser Einfluss, der in der Geschichte des Theaters von solch nicht zu vernachlassigender Bedeutung ist, soil im Folgenden genauer untersucht werden, namentlich am Beispiel der Commedia dell' arte, einer alten Theaterform, welche haufig als ein Wendepunkt bezeichnet wird und daher von grower Bedeutung fur das Schauspiel in ganz Europa war und bis heute ist. Selten hatte eine Theaterbewegung einen so grofcen Einfluss, dass sie wirklich „uberall in Europa Wirkungen hinterlassen hat" (Riha 1980: 52) und selbst heute noch als Einfluf? [sic!] auf Stuckeschreiber von so machtiger Kontur wie William Shakespeare in England, Jean-Baptiste Moliere in Frankreich oder Andreas Gryphius in Deutschland (ebd.) gesehen wird. Besonders ihre Wirkung auf das Schaffen von Moliere, einem der genannten grofcen Meister der Theaterkunst, der rund ein Jahrhundert spater wirkte, wird in den Fokus geruckt und anhand eines Vergleiches der Figuren und Handlungsstrange in beiden Genres analysiert. Es soil gezeigt werden inwieweit sich Personen und Charaktere ahneln und auch wie eventuelle Weiterentwicklungen der vorher bestehenden Figuren von Moliere einen Einfluss und einen Progress aufzeigen konnen.

Entstehung und Charakteristik der Commedia dell' arte:

Die Commedia dell' arte, haufig auch als italienische Volkskomodie bezeichnet, ist eine Theaterform, welche oft mit Blick auf die Entstehung und Entwicklungen des offentlichen und zeitgenossischen Theaters genannt und analysiert wird. Wie der Name schnell vermuten lasst, hatte sie ihren Ursprung im Italien des sechzehnten Jahrhunderts, wobei sich diese Form vor allem in zwei stark kulturell gepragten Regionen, namentlich Venedig und Neapel, entwickelte. So sprach man zu der Zeit auch von der nordlichen und der sudlichen Commedia dell' arte. Dennoch ist es schwierig ein exaktes Entstehungsdatum dieser Form des Theaters festzulegen, also „eine feste Marke" (Riha 1980: 53) zu setzen, denn alle die Elemente, die zu unerlafllichen [sic!] Kennzeichen dieses Theaters werden sollten, waren nicht plotzlich und auf einmal da, sondern fugten sich erst allmahlich zu einem einheitlichen Ganzen zusammen. (Dshiwelegow 1958: 110)

Selbst der Name der Commedia dell' arte, welcher heute uberall gelaufig ist, entstand erst spater, nachdem diese Theaterform ihre grofcte Blute erfahren hatte, aus einer Vielzahl von unterschiedlichen Benennungen, welche sich zwar alle in manchen Punkten ahnelten, jedoch noch weit davon entfernt waren, das selbe auszudrucken. So pragte wahrscheinlich erst Goldoni im achtzehnten Jahrhundert den heute gangigen Namen (vgl. Bessenbacher 2013: 6). Wenn vom sechzehnten Jahrhundert als Entstehungszeitpunkt dieser Theaterform gesprochen wird, so ruhrt dies daher, dass zu diesem Zeitpunkt erstmals Gemeinsamkeiten und gleiche Kennzeichen in den Strukturen und Masken der Aufzeichnungen des Theaters nachgewiesen werden konnten. In dieser Epoche werden auch bereits die ersten Einflusse dieses Theaters deutlich, die man in einer ahnlichen Charakteristik feststellen kann, welche sich in Unteritalien ausbreitete nachdem in gleichem Muster bereits in Oberitalien gespielt wurde. (vgl.Riha 1980: 52 ff.) Bevor jedoch nun genauer auf diese Merkmale eingegangen wird, wenden wir uns zunachst noch einmal dem jetzt feststehenden Namen der Commedia dell' arte und ihren generellen Besonderheiten zu.

Die gegebene Bezeichnung lasst sich sinngemafc am treffendsten ubersetzen etwa durch den Begriff „Berufsschaupielkunst", ein Name also, der deutlich darauf hinweist wie diese Theaterform zu bewerten ist. So waren Darsteller und Mitwirkende der Commedia dell' arte die ersten ihrer Zeit, welche die Kunst des Theaterspielens professionell, also .beruflich' betrieben und daraus einen Gelderwerb erzielen konnten, im Gegensatz zu den gewohnten, konventionellen Theatergruppen, die das Spiel mit den Masken nur nebenher betrieben (vgl. Deutsches Schauspielzentrum 2008: 4). Es handelte sich bei ihnen zudem meist urn Wandergruppen, die von Ort zu Ort zogen, urn ihre Stucke einem grofctmoglichen Publikum vorzufuhren. Auch aus diesem Lebens- und Auffuhrungsstil ergab sich die Notwendigkeit das Theaterspiel als Berufsschaupieler auszuuben, da fur eine weitere Tatigkeit der feste Wohnsitz nicht gegeben war. Eine weitere Besonderheit die es zu beachten gilt, ist die Tatsache, dass in den regelmafcigen und offentlichen Darbietungen der Commedia dell' arte auch Frauen als Schauspielerinnen auftraten; ein Umstand der bis dato auf den Buhnen Europas noch nicht vorgekommen war, ja sogar als verpont angesehen wurde. Hochstens in der Oper traten Frauen auf; in den Ensembles der Commedia dell' arte waren sie jedoch fester Bestandteil und waren meist in gleicher Anzahl wie die Manner vertreten, eine Tatsache die als enorme Innovation gesehen werden kann. (vgl. Irmscher 2010).

Die nachste Eigenheit, die das Theater der Commedia dell' arte noch aufzuweisen hatte, war die stetige Benutzung von Masken. Die meisten Schauspieler (abhangig von ihrer Rolle) zeigten sich auf der Buhne nur mit einer Maske, welche das Gesicht entweder teilweise oder sogar ganz verdeckte. Wahrend diese Tatsache eine ungewohnte Herausforderung fur die Darsteller brachte, da sie urn ihre Mimik beraubt wurden und Gefuhlsregungen jeglicher Art nur noch durch Gesten ausdrucken konnten, war das Maskenspiel fur das Publikum auBerst angenehm. Rollen und Charakterzuge der einzelnen Figuren mussten nicht jedes Mai erklart werden, da die Maske all dies darstellte und die Grundposition des Charakters sofort offensichtlich wurde. Diese Beschaffenheit war auch zu spaterem Zeitpunkt von Vorteil, als sich die Commedia dell' arte in weitern Teilen Europas ausbreitete. Die Gesten und Masken konnten leicht alle Sprachbarrieren uberwinden, da durch sie der Gebrauch von Sprache in den Theaterstucken so gut wie uberflussig war. Dadurch war die Handlung stets einfach nachzuvollziehen und erfreute sich daher umso grofcerer Beliebtheit in alien Schichten und Klassen.

Als grofcte Besonderheit allerding und zugleich auch als wichtigste Eigenschaft dieses Theaters sollte die kontinuierliche Improvisation gesehen werden. So gab es fur die Schauspieler kein feststehendes Drehbuch im heutigen Sinne, sondern vielmehr Anhaltspunkte an denen sie sich zu orientieren hatten. Die Geschichte, welche erzahlt wurde, ergab sich meist erst aus den Eigenschaften der feststehenden Charaktere, welche Grundbestandteil einer jeder Auffuhrung waren und laut Bimbaum war gerade dieses grundlegende Figurenensemble eines „der sicherlich wichtigsten Merkmale, in der[sicl] sich auch der Wiedererkennungswert der Commedia dell' arte begrundet" (Deutsches Schauspielzentrum 2008: 6). Jeder Schauspieler verkorperte sein Leben lang denselben Charakter, den erjedoch personlich interpretierte und uber die Jahre hinweg perfektionierte und ausfeilte (vgl. Encyclopaedia Britannica 1982: 979), auch wenn er sich an ein paar Richtlinien, wie Kleidung, grundlegende Eigenschaften und generelle Funktion halten musste, um den Charakter der Rolle richtig zu definieren. Naturlich ist es sehr wohl vorstellbar und auch gut moglich, dass die Akteure vor den Auffuhrungen den Text ein wenig absprachen und sich uber mogliche Handlungen verstandigten; die Tatsache dass Proben stattfanden spricht hier fur sich (vgl. Wolff 1933: 308). Dennoch war es stets Aufgabe der Schauspieler, die Richtung des Stuckes vorzugeben und es je nach Auspragung der Charaktere zu variieren.

Das Ensemble der Grundcharaktere hingegen blieb bei jeder Auffuhrung gleich und war so aufgebaut, dass alle menschlichen Eigenschaften und Stellungen in der Gesellschaft abgedecktwurden:

Diese Grundcharaktere reprasentierten einen Querschnitt der zeitgenossischen Gesellschaft und beleuchteten somit das ganze Spektrum menschlicher Schwachen, die gewaltigen Gegensatze der vis humanae, den klaftertiefen Unterschied zwischen aufschneiderischem Schein und demutigender Wirklichkeit. (Bessenbacher 2013: 6)

Diese Beschaffenheit der Commedia dell' arte, die gesamte Spannweite der Gesellschaft in ihren Geschichten abzudecken, machte sie so beliebt, bekannt und erfolgreich beim ganzen Volk. Hatten Theaterstucke vorher immer nur Erzahlungen dargestellt, welche sich inhaltlich und szenisch am spezifischen Publikum orientierten, so wurden diese Barrieren nun beiseite geschoben und man prasentierte Geschichten die sich in alien Schichten bewegten und jedermannansprachen.

Im Folgenden sollen diese schichtenubergreifenden Charaktere nun naher dargestellt und beleuchtetwerden.

Fieuren und Inhalte

Wie bereits erlautert, gab es stets die gleichen grundlegenden Charaktere, die damit den Rahmen eines jeden Stuckes bildeten. Diese wurden wiederum in Gruppen eingeteilt, je nach Schicht und Funktion. Auch wenn sich die Theaterform der Commedia dell' arte in einem stetigen Wandel befand und somit im Laufe der Zeit Figuren hinzukamen oder verschwanden, so blieben doch die bekanntesten Figuren immer bestehen. Diese waren Bestandteil der zwei Hauptgruppen, genannt die Zanni und die Vecchi. Wahrend die Zanni den normalen, burgerlichen und eher unteren Teil der Gesellschaft prasentierten und meist als Bedienstete arbeiteten, personifizierten die Vecchi die hoheren sozialen und gebildeten Schichten und damit die herrschende Klasse. Zugleich wurden sie auch als eher unsympathisch dargestellt, da sie sich aufgrund ihrer Stellung stets fur etwas Besseres halten und bemuht sind dies die Zanni spuren zu lassen (vgl. Irmscher 2010).

Die wichtigsten Vertreter in der Gruppe der Zanni waren Arlecchino, Colombina, Brighella und Pagliaccio. Arlecchino, ein Charakter der noch bis heute in zahlreichen Schattierungen Verwendung auf Buhnen, in Filmen oder Buchern findet und oft analysiert wird, ist der wohl prominenteste Exponent der Zanni. Ein Diener, in bunte Flicken gekleidet, ein wenig tollpatschig zur Belustigung des Publikums und akrobatisch begabt, erinnert er sofort an einen Hofnarr oder Clown und ist daher auch als Ursprung des ,Harlekins' zu sehen. Brighella, ebenfalls ein Diener, zeichnet sich vor allem durch seine Intelligenz aus, die er des Ofteren dazu nutzt „um seine Mitmenschen hinters Licht zu fuhren und zu seinen Gunsten zu manipulieren"(Schauspielzentrum 2008: 7). Als bekannteste weibliche Figur dieser Gruppe wird Colombina gesehen. Sie ist ebenfalls eine Dienerin oder Magd, die jedoch sehr selbstsicher und ehrlich auftritt und ihre Meinung gerne selbstbewusst zum Ausdruck bringt. Sie ist eine der wenigen Figuren die ohne Maske auftreten (vgl. ebd.). Urn die Hauptvertreter dieser Gruppe abzuschliefcen sei noch Pagliaccio kurz prasentiert, eine Person die am besten als Feigling beschrieben wird und obendrein eine auBerst tollpatschige Art an sich hat. Diese Figur gibt es bereits in mehreren verschiedenen Varianten, so dass nicht sicher ist, wie der ursprungliche Charakter aussah.

Die zweite wichtige Gruppe in der Commedia dell' arte, stellen, wie bereits erlautert, die Vecchi dar. Hier gibt es nur zwei wichtige Vertreter zu beachten, namentlich den Dottore und Pantalone. Wie man dem Namen unschwer entnehmen kann, handelt es sich bei der Figur des Dottore um einen sehr gelehrten Akademiker, meist Jurist und hin und wieder auch Arzt, welcher jedoch mehr redet als handelt und mit seinem Wissen nur wenig ausrichten kann. „[...] er spickt seine Rede standig mit lateinischen Gelehrsamkeitsbrocken, ist aber im Grunde ein Schwatzerf...]" (Riha 1980: 37). Pantalone hingegen wird als venezianischer Kaufmann mit grofcem Reichtum dargestellt. Er ist trotz seines Vermogens ausnehmend geizig und leidet meistens auch an einer oder mehreren Krankheiten. Haufig liegen diese beiden Charaktere miteinander im Streit.

Zu diesen beiden Gruppen gesellen sich zuletzt nun noch die Innamorati, die Liebenden, die bei Riha auch als Amorosi bezeichnet werden. Diese zwei Personen treten wie Colombina auch ohne Masken auf und bilden mit ihrer Beziehung meist den Ausloser sowie Dreh-und Angelpunkt das Dramas (vgl. ebd: 41). Der Auftritt dieses Paares ist unerlasslich fur den Hergang des Geschehens, da die Geschichte stets ein gluckliches Ende, also einen Sieg ihrer Liebe trotz aller Hindemisse hat und alle Verwicklungen und Handlungen schlussendlich aus der Problematik beziehungsweise dem Kampf um diese Liebe entstehen. Meist sind die Innamorati Kinder der Vecchi, welche diese Romanze verhindem wollen und nur durch zahlreiche Intrigen und andere Listen, kann die Liebe am Ende siegen (vgl. Irmscher 2010).

Um diese Problematik rankte sich jede Auffuhrung der Commedia dell' arte und wurde letztlich nur durch die Improvisationskunst der Schauspieler und durch die aufgrund der Umgebung gegebenen Umstande stets zu neuen Geschichten gewandelt. Die soeben beleuchteten Charaktere, einzigartig zwar aber dennoch einem Schema folgend, machen den Einfluss auf das Theater der folgenden Jahrhunderte aus und werden in Variationen immer wieder aufgegriffen. Um nun einen Anhaltpunkt fur einen spateren Vergleich zu bekommen, soil im Folgenden das Wirken und das Werk Molieres genauer betrachtet werden, um spater die Parallelen aufzeigen zu konnen.

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Details

Seiten
21
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783346173300
ISBN (Buch)
9783346173317
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v541418
Institution / Hochschule
Universität Siegen
Note
1,0
Schlagworte
Moliere Commedia dell'arte
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Titel: Der Einfluss der "Commedia dell' arte" auf das Theater von Molière