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Eine Untersuchung zur Struktur der Familie in Erich Kästners Kinderbuch 'Pünktchen und Anton'

Seminararbeit 2006 17 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Die Familien
2.1. Allgemeine Merkmale und die Funktion der Familie

3. Die Familientypen in „Pünktchen und Anton“
3.1. Familie Pogge
3.1.1. Herr Direktor Pogge
3.1.2. Frau Pogge
3.1.3. Luise Pogge
3.2. Familie Gast
3.2.1. Frau Gast
3.2.2. Anton Gast

4. Vergleich

5. Fazit

6. Literatur

1. Einleitung

Erich Kästners Kinderbücher, wie „Emil und die Detektive“, „Das doppelte Lottchen“ oder „Pünktchen und Anton“, sind Klassiker unter den deutschen Kinderbüchern, welche sogar internationalen Ruhm erlangten und in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden.

Auch heute noch wird Kästner gern in der Familie gelesen und für fast jedes Kind ist „Emil und die Detektive“ ein Begriff.

Kästner schrieb seine Bücher für 8 – 12 jährige Leser und für deren Eltern in der Weimarer Republik. Was jedoch bewegt die Eltern heute, Kästner für ihre familiären Leselisten auszuwählen?

Ist es die spannende Welt der Großstadt, in der Emil, Pünktchen und Anton ihre Abenteuer erleben? Sind es die utopischen Vorstellungen Kästners, welche auch heute noch zum Träumen anregen oder ist es die Welt der Familie, die Kästner auf unterschiedliche Weise darstellt?

Vielleicht ist es aber auch die Thematik des Wandels, dem die Familie unterliegt. Dies war zu Kästners Zeiten, ebenso wie heute, ein aktuelles Thema, welches zur Atraktivität von Kästners Kinderbüchern beitragen könnte.

Für jeden Leser ist es ein anderer Grund und es könnten noch einige hinzugefügt werden, ich möchte mich jedoch auf die Familie konzentrieren, die Erich Kästner in seinen Kinderbüchern entwirft und dafür stellvertretend den Roman für Kinder „Pünktchen und Anton“ heranziehen.

In diesem Roman stehen sich zwei Familien gegenüber und es erscheint mir sehr interessant, die verschiedenen Mitglieder der beiden Familien zu untersuchen, z.B. Vater Pogge oder Mutter Gast, und sie am Ende zu vergleichen. Welche verschiedenen Rollenbilder werden in diesem Werk entworfen? Nimmt der Autor zu ihnen Stellung? Welche Familientypen finden wir in Kästners Werk vor? Gibt es einen Typ, den Kästner selbst zu bevorzugen scheint?

Dieses und mehr möchte ich in der folgende Arbeit untersuchen und darlegen.

2. Die Familie

Um einen literarischen Text in Bezug auf die Familienstruktur zu untersuchen, sollte vorweg geklärt sein, was eine Familie überhaupt ist. Gibt es bestimmte Merkmale, die eine Familie ausmachen? Welche Familientypen gab es damals in der Weimarer Republik und gibt es noch heute? Unterliegt die Familie wirklich so einem starken Wandel oder gibt es immer noch Merkmale, die durch verschiedene Generationen hindurch bestehen bleiben. Die Familie ist eine universelle Institution, die es in jeder Gesellschaft, in jedem Land und wahrscheinlich auch zu jeder Zeit gegeben hat. Fragt man nach der Beschaffenheit der Familie, sollte die Funktion dieser nicht außen vor gelassen werden. Ich möchte im Folgenden kurz die Merkmale und die Funktion, ebenso wie die Familientypen schildern, um eine Grundlage für meine Untersuchung zu schaffen.

2.1. Allgemeine Merkmale und die Funktion der Familie

Eine Familie kann als die primäre soziale Gruppe einer Gesellschaft angesehen werden, welche in jedem Fall mehr Personen als nur die Ehegatten umfasst.[1] Des Weiteren ist eine Familie, neben der biologischen und wirtschaftlichen, eine geistig-seelische Lebensgemeinschaft der Eheleute und ihrer Kinder. In dieser Gruppe werden Positionen vergeben, Erwartungen gehegt und Rechte und Pflichten verteilt.[2] Die Funktionen einer Familie sind vielseitig, sie lassen sich jedoch auf drei Hauptfunktionen reduzieren, die da wären: Die Sozialisations-Funktion, die wirtschaftliche Funktion und die politische Funktion. Eine Familie bildet ein erstes soziales Netz, sie gibt Hilfestellung bei der Eingliederung in die vorhandene Gesellschaft und bildet somit das Kind primär aus. Die wirtschaftliche Funktion bezieht sich darauf, dass Schutz und Fürsorge für das Kind geboten werden, die Familie ernährt, bekleidet und behaust die Kinder. Die politische Funktion ist dadurch gegeben, dass die in der Familie geborenen Kinder einen legitimen Platz in der jeweiligen Gesellschaft erhalten.[3]

Im Laufe der Zeit entwickelten sich viele Familienformen, aber die wichtigste ist wohl die Kernfamile (Vater, Mutter und Kinder), sie kommt heute und kam auch damals in der Weimarer Republik vor. In der bürgerlichen Kernfamilie der Weimarer Republik ist der Fokus des Hauses die Familie, um diese herum gruppieren sich die Dienstboten, zu welchen man sich distanziert verhält. Eine zweite Form ist die Ein-Eltern-Familie[4], welche durch den Ersten Weltkrieg in der Weimarer Republik meist aus der Mutter und ihren halbverwaisten Kindern bestand. Eine dritte Form von Familie ist die postmoderne Familie. Diese wird heute oft in den Medien als „Patchworkfamilie“ bezeichnet, sie kann eine Wohngemeinschaft sein oder eine Verbindung zweier Eltern mit je eigenen Kindern ohne rechtliche Bindung aneinander.[5] In modernen Gesellschaften werden viele Funktionen, die die Familie wahrgenommen hat, auf andere gesellschaftliche Institutionen übertragen,[6] wie z.B. die Erziehung. Diese drei Familientypen habe ich aus dem Grund geschildert, da in der Erzählung „Pünktchen und Anton“ eben diese Typen vorkommen und mit der Erwähnung der bürgerlichen Kernfamilie in der Weimarer Republik nehme ich den Aspekt auf, dass die Erzählung in Berlin zur Zeit der Weimarer Republik spielt. Familie Pogge entspricht der bürgerlichen Kernfamilie, Familie Gast einer Kernfamilie der Arbeiterschicht und am Ende der Erzählung entsteht eine postmoderne Familie. Wie diese Familien aussehen, möchte ich nun schildern.

3. Die Familientypen in „Pünktchen und Anton“

In diesem Werk von Erich Kästner, welches 1931 erschien, geht es um die Kinderfreundschaft zwischen Luise Pogge, genannt Pünktchen, und Anton Gast. Beide lernen sich auf der Weidendammer Brücke kennen, wo Pünktchen und Anton aus ganz unterschiedlichen Gründen stehen. Anton muss Geld verdienen, damit er seine kranke Mutter und den Haushalt versorgen kann und Pünktchen, die es finanziell gar nicht nötig hat, steht auf dieser Brücke verkauft und bettelt, da ihre Kinderfrau, Fräulein Andacht, ihrem unseriösen Bräutigam zusätzlich Geld geben muss.

Es stehen sich auf den beiden Straßenseiten aber nicht nur zwei Kinder gegenüber, sondern auch zwei zu ihnen gehörende, ganz verschiedene Familien und mit diesen zwei unterschiedliche Welten, welche ich beschreiben möchte.

3.1. Familie Pogge

Familie Pogge wird vom Erzähler gleich auf der ersten Seite vorgestellt. Bei dieser Familie handelt es sich um eine Kernfamilie (Vater, Mutter und Kind) der bürgerlichen Gesellschaft. Diese Familie wird durch Pünktchens Hund, Piefke, und die Angestellten, die Köchin Berta und die Kinderfrau Fräulein Andacht, erweitert. Großeltern oder andere Verwandtschaft werden nicht erwähnt.

Die Wohnung der Familie Pogge liegt in der Nähe des Reichstagsufers in Berlin und besteht aus zehn Zimmern. Dass es sich bei dieser Familie um eine reiche und gut situierte Familie handelt wird auf den ersten Seiten deutlich (S..10). Vater und Mutter Pogge haben aus unterschiedlichen Gründen nicht viel Zeit für ihre aufgeweckte Tochter Luise, welche vorwiegend von ihrer Kinderfrau betreut wird.

Durch die zahlreichen Illustrationen von Walter Trier bekommt der Leser einen optischen Eindruck von den Familienmitgliedern, welche ich nun genauer beschreiben möchte.

3.1.1. Herr Direktor Pogge

Herr Direktor Pogge ist Direktor einer Spazierstockfirma, und ein vielbeschäftigter, gewissenhafter (S. 104) und tüchtiger Geschäftsmann. Er hat nicht viel Zeit für seine Familie, da er viel arbeitet und abends seiner Frau zuliebe mit auf diverse gesellschaftliche Veranstaltungen geht. Er scheint ein etwas gestresster Mensch zu sein, die Tatsachen, dass er ständig irgendwelche Tabletten für den Magen nimmt und viel raucht, sprechen dafür. Trotz der geringen Zeit versucht er am Leben seiner Tochter Anteil zu nehmen und seiner Vaterrolle gerecht zu werden. Er beobachtet seine Tochter aufmerksam, denn er bemerkt, dass Pünktchen in letzter Zeit blass aussieht (S. 13). Er spielt ihr Rollenspiel mit, das sie kurz vor dem Essen startet und während des Essens fragt er sie nach der Schule und stellt ihr eine Mathematikaufgabe, da Pünktchen sehr gut rechnen kann. Er kennt Pünktchens Vorliebe fürs Autofahren und weiß sogar über ihre Schulzeiten Bescheid und schickt ihr, als sie eines Freitags früher als sonst aus der Schule kommt, sein Auto samt Chauffeur zur Schule (S. 78). Allerdings ist er auch eine Autoritätsperson für sie, denn als sie es mit ihren Vorstellungen, ein Zwilling zu sein, zu weit treibt, ruft er sie zur Ordnung. „ ,Luise!` rief er laut. Wenn er ,Luise` sagte, dann hieß das, jetzt wird pariert, oder es setzt was.“ (S. 16)

Als Ehemann ordnet er sich zu Beginn der Erzählung dem Willen seiner Frau unter, denn sie bestimmt das Abendprogramm und als sie zu spät zum Mittagessen kommt, sagt er kein Wort. Er würde lieber mal zu Hause bleiben, aber anstatt sich durchzusetzen sagt er nichts (S. 18) und macht das, was seine Frau will. Trotz des vollen Terminkalenders bekommt Herr Direktor Pogge mit, dass in seinem Haus etwas nicht stimmt! Er lässt sich deshalb auch durch die Behauptungen des Potiersjungen Gottfried Klepperbein beeinflussen und steht am nächsten Abend vor seinem eigenen Haus und kann beobachten, wie seine Tochter mit ihrer Kinderfrau in Lumpen gekleidet das Haus verlässt. Er ist schockiert, dennoch kann er sich beherrschen. Er informiert sich bei einem Schutzmann über die Beiden und entschließt sich dann, erst einmal seine Frau zu holen, bevor er etwas unternimmt. Ab diesem Moment beginnt sich die Figur des Herrn Direktor Pogges zu wandeln, er entwickelt sogar seiner Frau gegenüber Autorität und bestimmt nun, was im Hause Pogge geschieht. Auffällig ist, dass er auf der Seite 139 als „Papa Pogge“ angesprochen wird. Damit wird deutlich, dass er jetzt nicht mehr nur das Oberhaupt der Familie und der Geschäftsmann ist, sondern auch wirklich ein Papa für Pünktchen, der sie liebt und ihr nahe steht. Herr Pogge nimmt sich auch die Kritik seiner Tochter zu Herzen, als sie sich beschwert, dass sie immer zu irgendeinem Kindermädchen abgeschoben wird, und kümmert sich nun selbst um ein ordentliches Kindermädchen, dass er in Antons Mutter findet.

[...]


[1] Vgl. Hettlage, Robert: Familienreport. Eine Lebensform im Umbruch. S. 20

[2] Vgl. Hettlage, S.21

[3] Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Familie vom 17.03.06

[4] Vgl. Hurrelmann, Klaus: Lebensphase Jugend, S. 129f

[5] Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Familie vom 17.03.06

[6] Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Familie vom 17.03.06

Details

Seiten
17
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638494168
Dateigröße
414 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v54150
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Institut für Germanistik
Note
2.0
Schlagworte
Eine Untersuchung Struktur Familie Erich Kästners Kinderbuch Pünktchen Anton Autor Neuen Sachlichkeit Kästner

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