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Spannungsfeld biographischer Bruch. Die Auswirkungen elterlicher Trennungen auf minderjährige Kinder

Studienarbeit 2019 22 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Soziologie

Leseprobe

Inhalt

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Ziel der Arbeit
1.2 Relevanz des Themas und Fragestellung
1.3 Theoretische Grundkonzepte und Begriffsbestimmungen

2. Aktueller Forschungsstand
2.1 Darstellung und Begründung der Auswahl der Studien
2.1.1 Studie I: „Erfahrungen von Kindern und Jugendlichen im Rahmen der Trennung - Empirische Daten“
2.1.2 Studie II: „Einflüsse von Trennungen und neuer Partnerschaft der Eltern“
2.1.3 Studie III: „Gesundheit von Kindern in zusammen- und getrenntlebenden Familien“
2.1.4 Weitere Studien

3. Diskussion der Ergebnisse

4. Bilanzierung und Ausblick

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Statistisches Bundesamt (2019) „Ehescheidungen und betroffene Kinder“

Abkürzungsverzeichnis

BGB: Bürgerliches Gesetzbuch

DIW: Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung

SOEP: Sozio-ökonomische Panelanalyse

1. Einleitung

Menschliche Beziehungen unterliegen dem Wandel der Zeit, welcher wiederrum von Akteur bedingten Handlungen beeinflusst wird. So entstehen neben der Vereinigung von Menschen auch partnerschaftliche oder familiäre Trennungen.

Der Gesetzgeber schafft durch die Niederschrift des Familienrechts eine umfassende Rechtsgrundlage, die die Rechtsverhältnisse der durch Ehe, Familie und Verwandtschaft miteinander verbundenen Personen regelt (vgl. Schlüter, 2005, S.6). Die Rechtsbeziehung zwischen Eltern und deren minderjähriger Kinder wird durch die Grundsätze der elterlichen Sorge, die im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB) festgelegt sind, bestimmt. §1626 BGB besagt, dass Eltern die Pflicht und das Recht haben für ihre minderjährigen Kinder zu sorgen. Dabei umfasst die elterliche Sorge, „die Sorge für die Person und das Vermögen des Kindes “ (Schlüter, 2005, S.245). Das Familienrecht offeriert so einen rechtlichen Rahmen für den Umstand der familiären Auflösung nach elterlicher Trennung. Unbeachtet bleiben neben diesen formal gesetzlichen Regelungen jedoch die individuell spezifischen Folgen, die durch elterliche Trennungen für die betroffenen Kinder entstehen können.

Familie erbringt unverzichtbare Leistungen für unser Gemeinwesen. Sie erzieht junge Menschen, investiert in private und öffentliche Fürsorge und stiftet sozialen Zusammenhalt “ (Bundestag, 2012, S.1). Der achte veröffentlichte Familienbericht der Bundesregierung unterstreicht die Bedeutsamkeit der Institution Familie als gesellschaftlicher Akteur, der Gesundheit und Sozialität schafft. Der Begriff Familie umfasst dabei nicht mehr nur traditionelle Familienbilder im Sinne der Ursprungsfamilie. Moderne Familienkonstellationen sind vielfältig erlebbar. In diesem Zusammenhang wird auf die Dynamisierungsprozesse der Moderne im Sinne des Soziologen Ulrich Beck verwiesen (vgl. Beck, 2016, Kap. 5). Beck spricht von multiplen Lebensgestaltungsmöglichkeiten, die im Zuge der Industrialisierung entstanden sind. In diesem Kontext lassen sich Beziehungen und Familienkonstellationen nicht als starre Gefüge, sondern vielmehr als selbstorganisierte dynamische Bindungen zwischen Menschen verstehen. Die moderne Gesellschaft sieht sich durch die neue Optionalität jedoch auch mit individueller und familiärer Neuorganisation konfrontiert. Beck spricht in diesem Kontext von der Individualisierung im Sinne einer subjektiv-biographischen Herauslösung aus tradierten Geflechten und Versorgungszusammenhängen, die unter anderem zu einer Lockerung der integrativen Bindungen der Familie führt (vgl. ebd. Kap. 4).

Die Auflösung familiärer Beziehungen lassen sichtbare und nicht sichtbare biographische Veränderungen bei den Betroffenen entstehen. Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Frage nach den Auswirkungen solcher biographischen Brüche für die von elterlicher Trennung betroffenen minderjährigen Kinder.

1.1 Ziel der Arbeit

Ziel der vorliegenden Arbeit ist eine knappe Beleuchtung forschungsrelevanter theoretischer Perspektiven des Forschungsgegenstandes. Anschließend erfolgt eine vergleichende Auseinandersetzung auf der Basis veröffentlichter empirischer Forschungsbefunde der Kindheits- und Jugendforschung, die sich am gewählten Forschungsgegenstand orientieren. Im Mittelpunkt steht dabei die Betrachtung der Möglichkeiten und Grenzen der unterschiedlichen Forschungsverfahren.

1.2 Relevanz des Themas und Fragestellung

Seit Mitte der 1950er Jahre steigt der Anteil von Ehen, die in einer Scheidung enden, approximativ an (vgl. Emmerling, 2007, S.160). Familiäre Trennungen sind in der modernen dynamischen Welt ein verbreitetes Phänomen, von dem zahlreiche Kinder betroffen sind. Dies unterstreicht eine quantitative Erhebung des statistischen Bundesamtes, die veranschaulicht, dass im Jahr 2018 insgesamt 148.066 Ehescheidungen in Deutschland amtlich registriert worden sind. Darunter befanden sich 74.523 Ehescheidungen mit minderjährigen Kindern. Rechnerisch bedeutet dies, dass im Jahr 2018 bei insgesamt 50,33% der Ehescheidungen minderjährige Kinder betroffen waren.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Statistisches Bundesamt (2019) „ Ehescheidungen und betroffene Kinder

Die dargestellte Erhebung bildet jedoch lediglich die amtlich registrierten Ehescheidungen in Deutschland ab. Hiervon bleiben Trennungen von unehelich geführten Lebenspartner-schaften, als auch Trennungen verheirateter Eltern ohne Scheidungsvollzug unberührt. Demnach ist die tatsächliche Anzahl derer minderjähriger Kinder, die in elterlich getrennten Verhältnissen aufwachsen unbestimmbar. Dennoch unterstreicht die aufgeführte statistische Erhebung die gesellschaftliche Aktualität der Thematik. Vor diesem Hintergrund ergibt sich die Frage nach den Auswirkungen, die im Rahmen elterlicher Trennungen für betroffene Kinder entstehen. Die Forschungsfrage der vorliegenden Arbeit lautet „Wie erleben Kinder im Alter zwischen fünf und zehn Jahren elterliche Trennungen und wie sehen die entwicklungs-bezogenen Folgen einer solchen Trennung aus?“. Die hier gewählte Altersgruppe ergibt sich aus der für die vorliegende Arbeit gewählten Studienrezeption. Die in dieser Arbeit herangezogenen empirischen Befunde bilden jeweils unterschiedliche Untersuchungs-einheiten ab. Um hier eine vergleichende Analyse der Befunde darstellen zu können, wurde hinsichtlich der Forschungsfrage eine Altersgruppe festgelegt, die in den veröffentlichten Studien vertreten ist. So ist es der Verfasserin möglich, die empirischen Befunde im Kontext der Forschungsfrage miteinander verknüpfend darzustellen.

Vor der empirischen Erörterung des Forschungsgegenstandes erfolgt zunächst die theorie-leitende Einbettung der Thematik und die Bestimmung der zentralen forschungsrelevanten Begriffe. Im zweiten Kapitel legen ausgewählte empirische Studien den Forschungsstand des Themenbereichs dar, indem sie hinsichtlich Fragestellung, methodischem Zugang und den jeweiligen Befunden beschrieben und daraufhin vergleichend betrachtet werden. Anschließend erfolgt eine Diskussion der Ergebnisse, eine Bilanzierung sowie ein Ausblick auf weitere Forschungsnotwendigkeiten.

1.3 Theoretische Grundkonzepte und Begriffsbestimmungen

Als theorieleitende Grundkonzepte der vorliegenden Arbeit lassen sich neben der eingangs genannten Individualisierungsthese von Ulrich Beck, die Theorien der Pluralisierung von Lebensformen nach Rüdiger Peuckert und die theoretische Ausarbeitung von Arnold Lohaus und Marc Vierhaus zur sozialen Entwicklung von Trennungskindern benennen. Das Theoriekonzept der Pluralisierung von Lebensformen nach Peuckert basiert auf der Annahme einer existierenden Vielfältigkeit familiärer Lebensformen. Der Terminus Lebensformen kennzeichnet dabei einen sozialen Beziehungszusammenhang, der durch die Organisation des Zusammenlebens repräsentiert wird (vgl. Niemeyer und Volt, 1995, S. 437). Peuckert konstituiert, dass moderne Beziehungsmuster vielseitig und wandelbar sind.

Lohaus und Vierhaus benennen als Risikofaktoren für Entwicklungsabweichungen im Kindesalter familiäre Separierungen. Familiäre Aufsplitterungen seien eine Belastung für Kinder, „ die sich negativ auf die körperliche und psychische Verfassung und Entwicklung auswirken können “ (2013, S. 242). Lohaus und Vierhaus führen aus, dass jedoch keine Zwangsläufigkeit negativer Auswirkungen durch Trennungen bestünde, lediglich das Risiko entwicklungsbezogener Folgeerscheinungen sei durch den Faktor Trennung gegeben. Lohaus und Vierhaus benennen als mögliche Folgeerscheinungen diverse psychische als auch physische Auffälligkeiten (vgl. ebd., S. 244ff.).

Der Begriff Trennung wird hiesig in Anlehnung an § 1567 Absatz I BGB verstanden, wonach dann eine Trennung vorliegt, wenn die Auflösung der Lebensgemeinschaft von mindestens einer Person gefordert und vollzogen wurde (vgl. Schlüter, 2005, S.168). Elterliche Trennungen werden im Kontext der vorliegenden Arbeit als die Auflösung der elterlichen Beziehung verstanden. Dabei wird im Sinne der begrifflichen Fassbarkeit der Vollzug einer Ehescheidung nicht ausgeklammert oder vorausgesetzt.

Elterliche Trennungen werden als kritische Lebensereignisse verstanden, die zu biographischen Veränderungen bei den Betroffenen führen. Ein biographischer Bruch wird im Kontext der vorliegenden Arbeit als ein durch familiäre Separierung beeinflusster Lebensverlauf verstanden, der die Lebensorganisation der Betroffenen verändert und eine individuelle sowie familiäre Neuorganisation fordert.

Entwicklungsbezogene Auswirkungen werden im Folgenden als physische oder psychische Veränderungen verstanden, die eine Entwicklungsabweichung beim Kinde bewirken. „ Eine Entwicklungsabweichung besteht dann, wenn Kinder Verhaltens- oder Erlebensweisen zeigen, die für ihr Alter unangemessen und untypisch sind “ (Lohaus/Vierhaus, 2013, S. 235). Diese Abweichungen oder Auswirkungen sind „ Effekte “ auf seelischer und körperlicher Basis, die durch elterliche Trennungen bei Kindern auftreten können (Lohaus/Vierhaus, 2013, S. 206). Demnach werden unter dem Terminus Auswirkungen jegliche körperliche als auch seelische entwicklungsbezogene Veränderungen von Kindern summierend aufgefasst.

2. Aktueller Forschungsstand

Die Mehrzahl der zugänglichen Forschungsberichte stammt aus dem angloamerikanischen Raum und umfasst eine über „ 50jährige Forschungstradition “, in der den elterlichen Trennungsfolgen für Kinder empirisch nachgegangen wurde (Sander, 2002, S.270). Es liegt eine große Vielfalt an englischsprachiger Forschungsliteratur vor, die insbesondere vor der Jahrtausendwende publiziert worden ist. Im Unterschied zur angloamerikanischen Forschung können die empirischen Untersuchungen und Theoriebildung aus Deutschland als „ zurückliegend beschrieben “ werden (Dietrich, 2010, S.12). Dennoch sind insbesondere in den letzten drei Jahrzehnten zahlreiche deutschsprachige Untersuchungen hinsichtlich des Forschungsgegenstands veröffentlicht worden.

2.1 Darstellung und Begründung der Auswahl der Studien

Die im Rahmen dieser Hausarbeit dargestellten Studien beleuchten die Auswirkungen elterlicher Trennungen auf betroffene minderjährige Kinder. Die ausgewählten Studien stellen als vergleichende Studien, die Erlebnisse und Entwicklungen von Kindern aus Trennungsfamilien und Kindern aus Familien ohne Trennungshintergrund gegenüber. Es wurde darauf geachtet, sowohl quantitativ, als auch qualitativ angelegte Studien für die vorliegende Ausarbeitung heranzuziehen. Dabei wurden die im Folgenden vorgestellten Studien so gewählt, dass sie historisch einen Überblick der Forschungsergebnisse der letzten drei Jahrzehnte darstellen. Die Studien werden fortlaufend von alt nach neu aufgeschlüsselt. Inhaltlich werden die Untersuchungen insbesondere im Hinblick auf die Forschungsfragen, die Datenerhebungs- und Auswertungsmethoden und die Ergebnisse dargestellt. Dabei werden lediglich die für die vorliegende Thematik relevanten Teilbereiche der Studien aufgeführt und ausgewertet.

2.1.1 Studie I: „Erfahrungen von Kindern und Jugendlichen im Rahmen der Trennung - Empirische Daten“

Die Publikation von Ulrike Lehmkuhl aus dem Jahr 1991 basiert auf qualitativ und quantitativ angelegten Datenerhebungen aus den Jahren 1984 und 1985. Die Langzeitstudie wurde in drei Erhebungswellen im Abstand von sechs Monaten durchgeführt. Insgesamt nahmen 71 Scheidungsfamilien mit 128 betroffenen Kindern und 21 Kontrollfamilien mit 48 Kindern an der Untersuchung teil (vgl. ebd., S.8). Die Teilnahme beruhte auf freiwilliger Mitwirkung betroffener Familien, wobei vorausgesetzt wurde, dass die Trennung nicht länger als sechs Monate zurücklag. In der Gruppe der Kinder aus Scheidungsfamilien befanden sich 66 Probanden unter 7 Jahren, 36 Probanden zwischen 7 und 12 Jahren und 26 Kinder die zur ersten Erhebungswelle älter als 12 Jahre alt waren. Zum Zeitpunkt der Untersuchungen lebten insgesamt 104 Kinder bei der Mutter, 12 Kinder lebten beim Vater. Die anderen Kinder lebten in Pflegefamilien oder in therapeutischen Einrichtungen. Das Verhältnis von teilnehmenden Jungen und Mädchen war ausgeglichen (vgl. ebd., S.9). Ziel der Untersuchung war es zu überprüfen, ob und in welchem Umfang „ Verhaltensauffälligkeiten im Zusammenhang mit der Trennung und Scheidung der Eltern bei Kindern und Jugendlichen auftreten “ (Lehmkuhl, 1991, S. 8). Dafür wurden die biographischen Daten der Familie quantitativ erfasst. Ebenso wurde das Verhalten der Kinder durch die Eltern und die Forscher beurteilt. Den Eltern und Kindern wurde hierfür in der ersten Erhebungswelle ein Stressverarbeitungsfragebogen nach dem Prinzip von Janke, Erdmann und Bucsein, sowie eine Skala zur Beurteilung des Familienklimas nach Moos vorgelegt (vgl. ebd., S.12). In der zweiten Erhebungswelle wurden die biographischen Daten mittels der qualitativen Erhebungsmethode der Interviewführung ergänzt. Der Schwerpunkt der geführten Interviews lag auf der Erfragung der Organisationsstruktur der Familie, der Besuchszeiten und eventuell festgestellten Änderungen hinsichtlich des Familienlebens und der intrafamiliären Atmosphäre. In der dritten und letzten Erhebungswelle wurde die Aufmerksamkeit auf die Restrukturierung in Bezug auf die Gründung einer neuen Familie gerichtet. Dafür wurden erneut mittels Interviewführungen die Zufriedenheit hinsichtlich der neuen Lebenssituation sowie die Abfrage von Veränderungswünschen erfasst. Lehmkuhl beschreibt den Versuch der Datenerhebung mit Hilfe der in der Kontrollgruppe beitragnehmenden Eltern als gescheitert. Laut Lehmkuhl setze die freiwillige Teilnahme der Eltern der Kontrollgruppe eine besondere Motivation der Befragten voraus, welche die Untersuchungsergebnisse beeinflussten. Die Elternschaft der Kontrollfamilien erweckte insgesamt den Eindruck ihre Familie als besonders „ positiv und funktionierend “ darstellen zu wollen (Lehmkuhl, 1991, S.7). Hier stößt Lehmkuhls Untersuchung methodisch an ihre Grenzen. Eine im wissenschaftlichen Sinne konkrete Situationsanalyse der Lebensumstände der in der Kontrollgruppe Teilnehmenden erweist sich an dieser Stelle als äußerst schwierig. Die methodische Auswertung des auswertbaren Datenmaterials erfolgte mittels des mixed-methods-approach -Ansatzes im Sinne der materiellen Ausschöpfung durch die Heranziehung gemischter Methodenanwendungen. Dieses Auswertungsmodell „ verzahnt die Nutzung “ quantitativer und qualitativer Forschungsstrategien miteinander (Kuckartz, 2017, S.153). Dafür griff die Forscherin auf überaus differenzierte Datenanalysemethoden zurück, die so eine umfassende Auswertung ermöglichten. Im Ergebnis wurde festgestellt, dass 25% der Kinder aus Scheidungsfamilien zum Zeitpunkt der Datenerhebung psychiatrische oder fachspezifische Behandlungsangebote wahrnahmen. Symptomatisch waren am häufigsten kindheits-spezifische emotionale Krankheitsbilder oder kindliche Neurosen vertreten. Circa 50% der unter 7-jährigen und knapp 30% der 7 – 12-jährigen Scheidungskinder konnten kinderpsychiatrisch als verhaltensauffällig eingestuft werden. Dabei bildeten 40% der Diagnosen neurotische und emotionale Störungen ab (ICD 9: 300, 309, 313). Sozialstörungen waren mit ca. 13 % vertreten (ICD 9: 312). Auch in der Beurteilung durch die Eltern erwiesen sich die Kinder bis 7 Jahren durch die elterliche Trennung am deutlichsten irritiert. Die Gruppe der 7 – 12-jährigen wiesen antisoziale Störungen und emotionale Störungen auf. In 50 Familien reagierten die Kinder nach der Durchführung der Besuchsregelung mit Irritationen, die nur in 18 Fällen von den Eltern als auffangbar einzuschätzen waren. In 26 Familien wurde der Alltag durch die Besuchsregelung beim nichtsorgeberechtigten Elternteil als gestört empfunden. Bei der ersten Untersuchung erschien die kindliche Irritation am ausgeprägtesten. Zum dritten Gesprächstermin hatten die Trennungsfamilien „ offensichtlich wieder an Stabilität gewonnen “ (Lehmkuhl, 1991, S.11). Die Untersuchungsergebnisse der Studie von Lehmkuhl geben wieder, dass als Risikofaktoren für entwicklungsbezogene Defizite nach einer elterlichen Trennung, Aspekte wie das Alter eines Kindes, unübersichtliche Besuchsregelungen und ein fortdauernder Familienkonflikt zu nennen sind. Es zeigte sich, dass die kindliche Entwicklung nach der elterlichen Trennung vor allem von der Qualität seiner Beziehung zu einer konstanten Bezugsperson abhängt (vgl. ebd., S.10). Ferner konnte festgestellt werden, dass Kinder, die im Vorfeld in sehr konfliktbelasteten Familiensituationen aufgewachsen sind, eine Erleichterung durch die elterliche Trennung erlebten. Im Ergebnis konnten keine typischen entwicklungsbezogenen Scheidungsfolgen für betroffene Kinder definiert werden. Vielmehr konnte registriert werden, dass die Reaktionen der Kinder auf elterliche Trennungen nicht auf bestimmte Symptome zu beschränken sind, sondern das gesamte Spektrum kinderpsychiatrischer Verhaltensauffälligkeiten umfassen können (vgl. ebd., S.11).

2.1.2 Studie II: „Einflüsse von Trennungen und neuer Partnerschaft der Eltern“

Die im Jahr 2002 erschienene Publikation „ Einflüsse von Trennung und neuer Partnerschaft der Eltern “ von Sabine Walper vergleicht die Befindlichkeit, Sozial- und Kompetenzentwicklung von Kindern und Jugendlichen aus verschiedenen Familienkonstellationen (S.25). Untersucht werden sollte, ob Kinder und Jugendliche aus Trennungsfamilien Besonderheiten in ihrer Entwicklung gegenüber Kindern aus Kernfamilien aufweisen (vgl. Walper, 2002, S.30). Dabei umfasst die Studie nicht nur Kinder aus Familien in denen Mutter und Vater geschieden wurden, sondern auch Familiengefüge, in denen sich unverheiratete Eltern trennten. Die Datenerhebung erfolgte durch standardisierte empirische Befragungen. Dabei umfasste die Erhebungsmethodik mündliche und schriftliche Befragungen (vgl. ebd., S.31). Unter anderem wurden über Indikatoren für die Befindlichkeit, Sozial- und Kompetenzentwicklung der Kinder, die mit einem jeweils 4-Stufigen Antwortranking zu beantworten waren, Daten zusammengetragen (vgl. ebd., S.32). In diesem Kontext ist anzumerken, dass mittels der vollstandardisierten Befragung nur abgefragt werden konnte, was konkret von Walper berücksichtigt und als Indikator aufgeführt worden ist. Die Stichprobe stammt aus dem Längsschnittprojekt „ Familienentwicklung nach der Trennung “, welches von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert wurde (Schwarz, Gödde und Jurasic, 1997, S.12). Diese basiert auf einem Screening-Verfahren, an dem mehr als 6.000 Schüler*innen verschiedener Schulformen aus unterschiedlichen Städten teilnahmen. Eine Stratifizierung der Familientypen wurde vorgenommen. Es nahmen 743 Kinder und Jugendliche zwischen 10 und 18 Jahren an der Erhebung teil. Insgesamt 229 Kinder stammten aus Kernfamilien, 237 Kinder lebten bei ihrer alleinerziehenden getrenntlebenden Mutter und 188 in einer Familie mit einem Stiefvater (vgl. Walper, 2002, S.31). Der Anteil von befragten Jungen und Mädchen kann als nahezu identisch bezeichnet werden. Bezugnehmend auf das Alter der befragten Kinder wurden drei Gruppen miteinander verglichen. In der Gruppe eins befanden sich 10 bis 12-Jährigen, Gruppe zwei bestand aus 13 bis 14-Jährigen und die dritte Gruppe aus Jugendlichen ab 15 Jahren (vgl. ebd., S.32). Dabei erlebte die Hälfte der Trennungskinder die Trennung vor dem 5. Lebensjahr. Die methodische Auswertung basierte auf einer multivariaten Varianzanalyse und der anschließenden Anwendung multipler Regressionen (vgl. ebd., S.43). So konnte neben den Zusammenhängen zwischen den unabhängigen und abhängigen Variablen auch die Beziehung zwischen den abhängigen Variablen untersucht werden. Im Ergebnis wurde festgestellt, dass die Familienkonstellation einen „ signifikanten Einfluss auf die körperlichen Befindlichkeiten und die soziale Integration der Kinder und Jugendlichen hat “ (vgl. ebd., S.34). Dabei wurde festgestellt, dass Stiefkinder insgesamt sozial besser integriert waren als Kinder aus Familien mit alleinerziehenden Müttern. Die Untersuchungsbefunde zeigten insgesamt keine eindeutigen sozialen oder gesundheitlichen Nachteile für Trennungskinder gegenüber Gleichaltrigen aus Kernfamilien. Generalisierbare entwicklungsbezogene Auswirkungen auf Trennungsbetroffene konnten nicht nachgewiesen werden. Ferner bewertet Walper die Forschungsergebnisse als positiv. Walper postuliert, dass die Ergebnisse auf die Funktionalität variabler Familienkonstellationen verweisen. Konkludierend beschreibt die Forscherin die genannten Familientypen als fähig, die vielfältigen Anforderungen hinsichtlich „ Erziehung und Sozialisation der Kinder konstruktiv zu meistern “ (vgl. ebd., S.42).

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Details

Seiten
22
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783346171511
ISBN (Buch)
9783346171528
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v541859
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen – Bildungswissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
auswirkungen bruch kinder spannungsfeld trennungen

Autor

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