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Erich Kästners 'Emil und die Detektive'. Ein Großstadtroman auch für große Leute?

Hausarbeit 2006 27 Seiten

Deutsch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Neue Sachlichkeit in der Weimarer Republik
2.1 Metropole und Provinz
2.2 Die Großstadt im Roman

3 Erich Kästners „Emil und die Detektive“
3.1 Über den Autor
3.2 Stilistische Einordnung des Romans
3.3 Inhaltsangabe
3.4 Die Großstadt im Roman „Emil und die Detektive“
3.4.1 Funktion der Großstadt im Roman
3.5 Figurenkonstellation
3.5.1 Die Rolle der Bande
3.5.1.1 Reaktionsmodelle
3.5.2 Die Rolle der Frau

4 Ziel Kästners
4.1 Erich Kästners Erfolg als Autor für Jung und Alt
4.2 Identifikation

5 Schlussbetrachtung

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

In dem Seminar „Ausgewählte Kapitel der Kinder- und Jugendliteratur“ befassten wir uns mit der Entwicklung der Kinder- und Jugendliteratur von den Anfängen im Mittelalter bis hin zur Gegenwart. Die Vielfalt an zeitlichen Literaturabschnitten führte zu einem Reichtum an Romanen und Erzählungen, Märchen und Gedichten sowie Hörspielen und Comics, welche die Kinder- und Jugendliteratur so spannend und facettenreich machen. Dabei weist jede Epoche unterschiedlichste pädagogische Konzepte auf.

Anknüpfend an das Referat über Emil und die Detektive möchte ich in meiner Arbeit diesen Roman weiter erforschen und mich dabei zunächst der Frage widmen, warum es sich hierbei um einen Großstadtroman handelt und welche Bedeutung er für die Kinder- und Jugendliteratur einnimmt. Vertiefend möchte ich auf die im Roman handelnden Charaktere eingehen, ihren Umgang miteinander analysieren und dabei herausstellen, welche Funktion eine Gruppe sich zusammengeschlossener Kinder in einer Großstadt übernehmen kann.

In diesem Zusammenhang stellt sich mir die Frage, ob dieser Großstadtroman ausschließlich für Kinder und Jugendliche konzipiert ist, oder ob er auch erwachsene Leser anspricht. Ist Kästners „Emil und die Detektive“ also ein Großstadtroman auch für große Leute?

2 Neue Sachlichkeit in der Weimarer Republik

2.1 Metropole und Provinz

Erich Kästners „Emil und die Detektive“ ist dem Zeitabschnitt der Neuen Sachlichkeit zuzuordnen. Erstmals wendet man sich hier von der kleinen, idyllischen Heimat ab und zieht in die Großstadt. Sie wird zum Handlungsort zahlreicher Kinder- und Jugendbücher.

Bis zur Jahrhundertwende kam die Großstadt in der Kinder- und Jugendliteratur wenig zur Geltung oder wurde höchstens nachteilig dargestellt. Doch mit der Expandierung der Städte zu Metropolen steigerte sich auch deren Bedeutung für die Literatur.

„[…], dass die Großstadt als eine höchst komplexe, widersprüchliche gesellschaftliche Lebensform für die Literatur wie als Sujet in der Literatur weitreichende Auswirkungen hat.“[1]

In der Neuen Sachlichkeit nimmt die Großstadt eine immer wichtigere Position ein und steht für Fortschritt und Innovation. Sie wird zum Schauplatz zahlreicher Kinderbücher: Im Verlauf des 19. Jahrhunderts

entdeckten Schriftsteller wie zum Beispiel Charles Dickens mit Paris und London die „Großstadt als literarischen Ort“[2].

In Deutschland übernahm Berlin im 20. Jahrhundert eine spezielle Funktion: Nach Ende des Ersten Weltkrieges wurde in Berlin die Republik ausgerufen. Es wurde zum wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Mittelpunkt.

Im Jahr 1920 folgte mit dem Groß-Berlin-Gesetz eine umfassende Eingemeindung mehrerer Städte, Landgemeinden und Gutsbezirke rund um Berlin[3]. Somit wurde Berlin berechtigter Weise zur ersten deutschen Metropole ernannt, die über vier Millionen[4] Einwohner aufweisen konnte.

In der Neuen Sachlichkeit entfernte man sich von Geschichten für die junge Leserschaft, die bevorzugt in ländlicher Idylle, in Dörfern und Kleinstädten spielten. Der Begriff der Neuen Sachlichkeit bezeichnet verschiedene Gegentendenzen und Abgrenzungen zum Expressionismus[5]. Das kritische Bewusstsein der Heranwachsenden sollte gefördert und gefordert werden. Ebenso machten sich einige Schriftsteller die politische Aufklärung zum Ziel. So war die Großstadt der geeignete Ort, Kinder und Jugendliche an eine Realität heranzuführen, welche durch die Dynamik der Großstadt unterstützt wurde.

Charakteristisch für die Literatur der Neuen Sachlichkeit waren dabei unter anderem wirklichkeitsnahe und zeitbezogene Themengestaltung, die sich oft am Alltag einer Figur orientierte, eine sachlich-neutrale Perspektive, eine schnörkellose Sprache, eine konzentrierte Handlung sowie ein rasantes Erzähltempo[6]. Kindliche Helden, die ihre Probleme selbst in die Hand nehmen, wurden zu Hauptfiguren der Romane[7]. Beispiel soll hier der junge Emil sein, auf den im Folgenden noch eingegangen wird.

Doch die Großstadt hatte zunächst ein schlechtes Image bei den Einwohnern der neuen Weimarer Republik. Berlin war seit dem 19. Jahrhundert auch immer „Zielscheibe und Ausgangspunkt der Großstadtkritik“ gewesen[8]. Viele standen der rapiden wirtschaftlichen und industriellen Entwicklung der Stadt sowie ihrer ständigen Bewegung kritisch gegenüber, andere waren den dort entstandenen Neuerungen und Freiheiten gegenüber skeptisch.

Doch die Besorgnis der Provinzler konnte die Entwicklung der Hauptstadt nicht abbremsen.

Im Vergleich zu anderen größeren Städten wie München oder Köln wuchs Berlin stetig weiter. Die Grundhaltung der Bevölkerung änderte sich und mehr und mehr rief die Metropole Begeisterung hervor[9]. Schon bald hatte sich Berlin zur Medienhauptstadt und Literaturmetropole hervorgehoben.

2.2 Die Großstadt im Roman

Die Großstadt in der Kinder- und Jugendliteratur wurde immer häufiger zum Schauplatz. Neben den wichtigsten Vertretern der Neuen Sachlichkeit wie Kurt Tucholsky, Walter Mehring und Erich Kästner[10] wählten auch andere Schriftsteller eine durch Dynamik gekennzeichnete Stadt als Handlungsraum: Theodor Thomas´ „Gib meine Jugend mir zurück- Der Roman eines Großstadtjungen“ von 1921, Carl Dantz´ „Peter Stoll“ von 1925, Wolf Durians „Kai aus der Kiste“ von 1927 oder auch Karl A. Schenzingers „Der Hitlerjunge“ von 1932, um nur einige zu nennen.

Dabei ist natürlich nicht außer Acht zu lassen, um welche Großstadt es sich in dem jeweiligen Roman handelt, welche für die Intensität der Großstadtdarstellung entscheidend ist.

Eines haben die Erzählungen gleich: die Großstadt wird als positiver Lebensraum oder auch Schauplatz für Gefahren dargestellt.

„Die Großstadt fungiert nicht nur als bloße Kulisse, sondern als eine besondere Qualität, die zudem abhängig von der Tendenz entweder positiv gewertet wird oder etwa bei Theodor Thomas als Ort der Gefahr und Gefährdung“[11].

Das Vorurteil von Anonymität und Einsamkeit gegenüber der Großstadt, das zunächst bei Teilen der Bevölkerung bestand, verschwamm mit der Zeit. Im Gegenteil, die Schauplätze entwickelten sich zu magischen Orten[12].

So wurde die Großstadt im Laufe der Zeit überwiegend „als positiver Handlungsraum von Kindheit auch von der Kinderliteratur entdeckt“[13]. Die Metropole Berlin tritt an die Stelle der einsamen Insel bei Robinson Crusoe.

Vermutlich ist diese Entwicklung der Kinderliteratur mit dem sich immer mehr herauskristallisierenden Realitätsanspruch zu erklären. Der Bevölkerungsanteil in der Großstadt stieg und somit natürlich auch der Anteil der jungen Bewohner. Die Schriftsteller mussten sich mit der Lebenssituation der Kinder auseinandersetzen, um von ihnen gelesen zu werden. Das Leben in der idyllischen Provinz war zu utopisch geworden: „Die neuen Helden, die Kais, Emils, Edes und Unkus, sind gewitzte, selbstständige Zeitgenossen, die durchaus in der Lage sind, sich im „Dschungel der Großstadt“ souverän zu bewegen und es nicht nur darin mit den Erwachsenen aufzunehmen.“[14]

3 Erich Kästners „Emil und die Detektive“

3.1 Über den Autor

Erich Kästner wurde am 23. Februar 1899 in Dresden geboren. Sein Vater war Sattler und seine Mutter Dienstmädchen und Heimarbeiterin, später Friseurin. Nach dem Tod seines Vaters wuchs er allein mit seiner Mutter in kleinbürgerlichen Verhältnissen in Mietshäusern der äußeren Neustadt Dresdens auf[15]. Das Verhältnis zu seiner Mutter war sehr intensiv und innig. Zu seiner Leipziger und Berliner Zeit schrieb er ihr täglich vertraute Briefe[16].

1919 begann er sein Studium in Geschichte, Philosophie, Germanistik und Theaterwissenschaft. Das Studium finanzierte er sich als Journalist und Theaterkritiker der „Neuen Leipziger Zeitung“.

Zur Zeit des Nationalsozialismus umging er das Publikationsverbot[17] und schrieb weiterhin Artikel unter verschiedenen Pseudonymen wie Berthold Bürger, Melchior Kurz, Peter Flint oder Robert Neuner.

Seine produktivste Zeit erlebte Kästner in seinen Berliner Jahren bis zum Ende der Weimarer Republik von 1927 bis 1933. Er veröffentlichte gesellschaftskritische Gedichte, Glossen, Reportagen und Rezensionen und schrieb regelmäßig weiter als Theaterkritiker und freier Mitarbeiter für die Berliner Zeitschrift „Die Weltbühne“.

In dieser Zeit entstanden seine berühmten Kinderromane „Emil und die Detektive“ (1929), „Pünktchen und Anton“ (1931), „Der 35. Mai“ (1932) oder „Das fliegende Klassenzimmer“ (1933)[18].

„Als Kästners einziger Roman von literarischer Bedeutung gilt das 1931 veröffentlichte Werk „Fabian- Die Geschichte eines Moralisten“. Der in fast filmischer Technik geschriebene Roman - schnelle "Schnitte" und Montagen sind wichtige Stilmittel - spielt im Berlin der frühen 1930er Jahre. Am Beispiel des arbeitslosen Germanisten Jakob Fabian beschreibt Kästner darin das Tempo und den Trubel der Zeit wie auch den Niedergang der Weimarer Republik.“[19]

Über zehn Jahre später, inzwischen in München lebend, erschienen „Das doppelte Lottchen“ (1949) und „Die Konferenz der Tiere“ (1949). Im Anschluss wiesen seine kinderliterarischen Werke zunehmend Züge von Resignation auf[20].

Seine Werke der Kinder- und Jugendliteratur enthalten klare und erkennbare moralische Botschaften. Kästner hatte die Hoffnung, dass die nachwachsende Generation eine menschlichere und friedlichere Gesellschaft schaffen werde.[21] Gleichwohl wurde Kästner zu einem beliebten Autor der jungen Leserschaft, nicht zu letzt auf Grund seiner Fähigkeit, sich in die Lage der kleinen Heranwachsenden hineinzuversetzen und ihre Probleme pfiffig und mit Witz darzustellen.

[...]


[1] Kähler, Hermann: Berlin-Asphalt und Licht. Die große Stadt in der Weimarer Republik. Berlin: 1986, S.98.

[2] Schikorsky, Isa: Schnellkurs Kinder- und Jugendliteratur. Köln: 2003, S.119.

[3] www.wikipedia.org/wiki/Berlin#Geschichte, Stand: 12. Februar 2006

[4] Ebd.

[5] Schikorsky: Schnellkurs Kinder- und Jugendliteratur. S.121.

[6] Schikorsky: Schnellkurs Kinder- und Jugendliteratur. S.121.

[7] Meyers Grosses Taschenlexikon: Band 11. Mannheim: 1992, S.284.

[8] Gillen, Eckhart: Provinz/Metropole. München: 1986, S.7.

[9] Lethen, Helmut: Chicago und Moskau. Berlins moderne Kultur der 20er Jahre zwischen Inflation und Weltwirtschaftskrise. München: 1986, S.194.

[10] Schikorsky: Schnellkurs Kinder- und Jugendliteratur. S.121.

[11] Kaminski, Winfried: Die Großstadt-ein neues Sujet in der Kinder- und Jugendliteratur der 20er und 30er Jahre. Winheim: 1990, S.251.

[12] Ebd., S.253.

[13] Karrenbrock, Helga: Märchenkinder-Zeitgenossen. Untersuchungen zur Kinderliteratur der Weimarer Republik. Stuttgart: 1995, S.176.

[14] Ebd.

[15] www.wikipedia.org/wiki/Erich_K, Stand: 12. Februar 2006

[16] Ebd.

[17] www.biografien.focus.msn.de, Stand: 12. Februar 2006

[18] Meyers Grosses Lexikon, S.206.

[19] www.wikipedia.org, Stand : 12. Februar 2006

[20] Schikorsky: Schnellkurs Kinder- und Jugendliteratur. S.122.

[21] Ebd.

Details

Seiten
27
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638495073
Dateigröße
416 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v54258
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Erziehungswissenschaftliche Fakultät
Note
1,7
Schlagworte
Erich Kästners Emil Detektive Großstadtroman Leute Ausgewählte Kapitel Kinder- Jugendliteratur Thema Emil und die Detektive

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