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"Ganymed" - ein Gedichtvergleich. Die Versionen von Friedrich Hölderlin und J. W. Goethe

von Chris K. (Autor)

Seminararbeit 2020 15 Seiten

Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Die Gedichte „Ganymed“ von Hölderlin und von Goethe

2. Der Gedichtvergleich
2.1 Der Vergleich der Wer-Seite der Gedichte
2.2 Der Vergleich der Wie- Seite des Gedichts
2.3 Der Vergleich der Was-Seite der Gedichte
2.4 Zwei ähnliche Motive, zwei unterschiedliche Interpretationen
2.5. Übersichtstabelle der beiden Ganymed-Gedichte Hölderlins und Goethes

3. Quellen

Einleitung

Das Gedicht „Ganymed“ wurde sowohl von Friedrich Hölderlin als auch von Johann Wolfgang von Goethe geschrieben. Diese Dichter sind der Klassik und dem Sturm und Drang zuzuordnen. Was unterscheidet ihre Gedichte? Worin besteht ihr Motiv? Worin unterscheiden sie sich? Diese Ausarbeitung analysiert ausführlich beide Gedichte und vergleicht diese. Es wird auf die Wer-Seite der Gedichte, in der unter anderem die Kommunikationssituation untersucht wird, analysiert. Ebenso wird auf die Wie-Seite eingegangen. Diese beleuchtet die Stilmittel und die Wirkung der Gedichte. Die ausführlich analysierte Was-Seite beschreibt und deutet die Gedichte. Es wird gezeigt, dass die Gedichte trotz ihrer gleichnamigen Titel, doch unterschiedliche Interpretationen zulassen.

1. Die Gedichte „Ganymed“ von Hölderlin und von Goethe

Friedrich Hölderlin: „Ganymed“; 1804, Sammlung „Nachtgesänge“

Was schläfst du, Bergsohn, liegest in Unmut, schief,

Und frierst am kahlen Ufer, Gedultiger! Ellipse

Denkst nicht der Gnade du, wenns an den hartes Enjambement

Tischen die Himmlischen sonst gedürstet? Enjambement

Kennst drunten du vom Vater die Boten nicht,

Nicht in der Kluft der Lüfte geschärfter Spiel? Metapher

Trifft nicht das Wort dich, das voll alten Metapher

Geists ein gewanderter Mann dir sendet? Enjambement

Schon tönets aber ihm in der Brust. Tief quillts, Metapher, Euphemismus (tönet)

Wie damals, als hoch oben im Fels er schlief,

Ihm auf. Im Zorne reinigt aber

Sich der Gefesselte nun, nun eilt er, Gemination, hartes Enjambement, Inversionen

Der Linkische; der spottet der Schlacken nun, Anapher

Und nimmt und bricht und wirft die Zerbrochenen

Zorntrunken, spielend, dort und da zum Alliteration

Schauenden Ufer und bei des Fremdlings Enjambement

Besondrer Stimme stehen die Herden auf, Metapher

Es regen sich die Wälder, es hört tief Land Personifikation , Metapher

Den Stromgeist fern, und schaudernd regt im

Nabel der Erde der Geist sich wieder. Enjambement , Metapher

Der Frühling kömmt. Und jedes, in seiner Art,

Blüht. Der ist aber ferne; nicht mehr dabei.

Irr ging er nun; denn allzugut sind

Genien; himmlisch Gespräch ist sein nun. Enjambement , Metapher

Johann Wolfgang Goethe: „Ganymed“; 1774

Wie im Morgenglanze

Du rings mich anglühst, Personifizierung , Inversion

Frühling, Geliebter! Personifizierung

Mit tausendfacher Liebeswonne

Sich an mein Herz drängt Metapher

Deiner ewigen Wärme

Heilig Gefühl,

Unendliche Schöne! Inversion , Hyperbel , Enjambements

Daß ich dich fassen möcht'

In diesen Arm!

Ich komm', ich komme! Gemination

Wohin? Ach, wohin? Enjambements durchgehend

Ach! an deinem Busen

Lieg' ich, schmachte,

Und deine Blumen, dein Gras Alliteration

Drängen sich an mein Herz.

Du kühlst den brennenden

Durst meines Busens, Metapher , Personifizierung

Lieblicher Morgenwind!

Ruft drein die Nachtigall

Liebend nach mir aus dem Nebeltal. Enjambements durchgehend

Hinauf! Hinauf strebt's. Gemination

Es schweben die Wolken

Abwärts, die Wolken Inversion

Neigen sich der sehnenden Liebe. Personifikation

Mir! Mir! Gemination

In eurem Schoße

Aufwärts!

Umfangend umfangen!

Aufwärts an deinen Busen,

Alliebender Vater! Personifizierung, Enjambements durchgehend

2. Der Gedichtvergleich

2.1 Der Vergleich der Wer-Seite der Gedichte

Das Gedicht Friedrich Hölderlins zeichnet sich in den ersten Strophen durch eine klare und direkte Kommunikationssituation aus. Dabei richtet sich diese Kommunikation ungewöhnlicher Weise in den ersten Strophen nicht an den Leser. Die Sprechinstanz richtet sich an einen fiktiven Mann, einen Bergsohn, innerhalb des Gedichtes. Bei dieser Form der Kommunikation handelt es sich um eine sogenannte Ansprache-Direktheit. Diese direkte Ansprache der Sprechinstanz zeichnet sich durch gesteigerte Subjektivität, Individualität und Emotionalität aus. Die Subjektivität wird durch die Sprechinstanz in Form von negativer Emotionalität impliziert. Schon im ersten Vers wird dies deutlich, da suggeriert wird, der Bergsohn liegt „in Unmut“ (V.1) am Ufer. Das Gedicht richtet sich in Form von Fragen dieser negativen, suggestiven Art mit einem direkten „du“ an den Bergsohn. Besonders durch Adjektive und Substantivierungen wird die Subjektivität ausgedrückt: „kahlen“ (V.2), „geschärfter“ (V.6), „gewanderter“ (V.8), „Im Zorne“ (V.11). Im weiteren Verlauf jedoch nimmt sie, die Sprechinstanz, eine beschreibende Position ein, in welcher sie den Bergsohn emotional (V. 13 „Der Linkische…“) beschreibt. Auch hier wird ein Adjektiv, aber auch eine Reihung von Verben für eine große Ausdruckskraft gebraucht: „Und nimmt und bricht und wirft…“ (V.14). Die letzten beiden Verse des Gedichtes beschreiben die Umgebung distanziert expressiv, ebenso in Form von Adjektiven: „Besondrer Stimme stehen die Herden auf, / Es regen sich die Wälder, es hört tief Land, / Den Stromkreis fern…“ (V.17.f.). Das Gedicht wendet sich also an eine Person, spricht aber auch die umgebene Natur an.

Goethes Version des Gedichts „Ganymed“ besitzt in seiner ersten Strophe ebenso eine direkte Kommunikationssituation. Hier wird allerdings keine Person, sondern der Frühling von der Sprechinstanz angesprochen. Die Ansprache ist jedoch nicht derart negativ wie in Hölderlins Version, denn die Sprechinstanz spricht in Goethes Gedicht in Form einer straken, positiven Emotionalität gegenüber diesem Frühling: „Wie im Morgenglanze / du rings mich anglühst / Frühling, Geliebter!“ (V.1f.). Auch in diesem Gedicht wird die Expressionalität durch Adjektive ausgedrückt. Diese sind beispielsweise: „tausendfacher“ (V.4), „ewigen“ (V.6), „unendliche“ (V.8). Im weiteren Verlauf des Gedichts schwenkt diese direkte Kommunikationssituation, ebenso wie auch im Gedicht von Hölderlin, in eine beschreibende Kommunikationssituation der Umgebung über: „Es schweben die Wolken / abwärts, die Wolken /neigen sich der sehnenden Liebe“ (V.13f.). Die Kommunikationssituation ist auch hier distanziert und indirekt. Allerdings spricht die Sprechinstanz in der letzten, vierten Strophe wieder in Form der direkten Kommunikationssituation. Hier wendet sich die Sprechinstanz erneut an den Frühling und schwärmt in subjektiver Expressivität von diesem: „Ach, an deinem Busen / lieg ich, schmachte / und deine Blumen, dein Gras / drängen sich an mein Herz.“ (V.23f.). Auch hier werden viele subjektive Adjektive wie „brennenden“ (V.27) oder „lieblicher“ (V.29) verwendet. Dieses Gedicht richtet sich zusammenfassend an die Jahreszeit Frühling, beschreibt in der Mitte distanziert die Landschaft, wie auch das Gedicht Hölderlins und spricht am Ende erneut den Frühling an.

2.2 Der Vergleich der Wie- Seite des Gedichts

Das Gedicht „Ganymed“ von Friedrich Hölderlin besteht aus 6 Strophen mit je 4 Versen. Aufgrund der besonderen Gedichtform besitzt das Gedicht kein Reimschema: Hölderlins „Ganymed“ ist eine sogenannte alkäische Odenstrophe. Diese benutzt Hölderlin in seinen Gedichten ebenso häufig wie die asklepiadeische Ode. Die alkäische Odenstrophe hat zwei längere, metrisch identische Verse mit Zensur, ehe zwei kürzere Verse ohne Zensur folgen. Die alkäische Odenstrophe besitzt keinen Hebungsprall und aus diesem Grund einen ununterbrochenen Wechsel von Hebung und Senkung. Diese Odenform führt folglich zu einer fließenden Sprachbewegung. Hölderlins Version von „Ganymed“ ist in seiner Wortwahl eher förmlich gehalten. Die Wörter besitzen viele e- und i-Vokale. Somit hat es keineswegs eine düstere Stimmung, auch wenn der Bergsohn anfänglich am Ufer schläft. Die Verse und Strophen sind relativ lang aufgebaut und es finden sich freie Ausrufe, wie z. B. „Ich komme! Ich komme!“, aber auch Fragen an den Bergsohn im Gedicht. Dies sind Aspekte für die Spontanität und die Echtheit der Gefühle. Das Gedicht ist hauptsächlich durch Enjambements und Metaphern geprägt. Ein Enjambement findet sich beispielsweise in Vers 4/5: „wenns an den/ Tischen die himmlischen sonst gedürstet?“. Ein weiteres Beispiel für ein Enjambement findet sich in Vers 16/17: „Schauenden Ufer und beides Fremdlings / besondrer Stimme stehen die Herden auf.“ Von diesen Enjambements ist das Gedicht stark geprägt. Hiermit wird vielleicht der Bruch, welcher noch im weiteren Verlauf der Analyse aufgegriffen wird, zwischen dem Frühling und dem Bergsohn ausgedrückt. Viele Metaphern weisen auf die Deutung des Gedichtes. Die Sprechinstanz richtet in Vers 7 den Vorwurf an den Bergsohn, er solle sich seiner göttlichen Aufgabe (vgl. V 7/8: Wort eines gewanderten Mannes) erinnern: „Trifft nicht das Wort dich, das voll alten Geists ein gewanderter Mann dir sendet?“ (V.7). Eine beispielhafte weitere Metapher findet man in Vers 17/18: „…Besondrer Stimme stehen die Herden auf / es reihen sich die Wälder, es hört tief Land.“ Diese Metapher beschreibt, wie durch den Bergsohn und Gottes Wort der Frühling erwacht. Neben Metaphern und Enjambements besitzt das Gedicht noch andere Stilmittel. So beispielsweise Anaphern und auch Alliterationen („dort und da“ V. 15). Goethes Gedicht besitzt im Vergleich zu Hölderlins nur 4 Strophen mit unterschiedlicher Versanzahl. Darüber hinaus ist Gothes Gedicht keine Ode, besitzt aber ebenso ein unregelmäßiges Metrum. Die Ausführung des Gedichts zeigt eine starke äußere Kürze, die sich durch sehr kurze Verse und entsprechende Enjambements ausdrückt. Die Stimmung ist fröhlich was sich unter anderem durch viele a-, e-, und u- Vokale ausdrückt. Stilistisch ist dieses Gedicht somit ebenfalls eher abgehackt. So hat auch dieses Gedicht viele Enjambements. Geradezu jeder Satz ist ein Enjambement. Was das Gedicht von jenem Hölderlins unterscheidet, sind die vielen Personifizierungen des Frühlings. So beginnen sie schon in Vers 2: „Du rings mich aufglühst“ (V.2). Hier wird der Frühling mit einem persönlichen „Du“ angesprochen. Zwar wird in Hölderlins Version ebenfalls eine Person direkt angesprochen. Allerdings handelt es sich bei der Angesprochenen Person um einen Menschen, den Bergsohn. In Goethes Gedicht wird der Frühling angesprochen und personifiziert. Der Frühling wird als eine geliebte Person betrachtet, Dies zeigt sich am stärksten bereits in Vers 3: „Frühling, Geliebter.“. Natürlich fehlen in diesem Gedicht ebenso nicht die Metaphern. Die Metaphern drücken häufig die Liebe zum Frühling aus: „Durst meines Busens.“ (V.18). Durch diese Metapher drückt sich die Lebenssehnsucht der Sprechinstanz aus. Die Liebe prägt das gesamte Gedicht Goethes. So drückt eine Hyperbel die Schönheit des Frühlings aus: „Unendliche Schöne“ (V. 8). Auch Geminationen verstärken die Ausdruckskraft des Gedichtes im Hinblick auf den Liebesausdruck. Auf dies Weise zeigt sich die Sehnsucht in Vers 11: „Ich komm, ich komme“, aber auch in Vers 26. In diesem Vers zeigt sich, wem die Liebe des Frühlings gilt: „Mir! Mir!“, also der Sprechinstanz. Die Parallelität der beiden Gedichte zeigt sich stilistisch besonders in der personifizierten Ansprache, den Enjambements und Metaphern. Ebenso besitzen beide Gedichte die direkten Ausdrucksmittel der Ausrufesätze. Auch Metrum und Reimschema sind sehr ähnlich. Im nachfolgenden Kapitel wird analysiert, ob beide Gedichte auch im Hinblick ihrer Deutung so nahe beieinander liegen, wie in ihrem Stil.

2.3 Der Vergleich der Was-Seite der Gedichte

In Anbetracht der Analyse der Was-Seite des Gedichts wird zum einen die sogenannte primäre Bildhaftigkeit analysiert. Dies bedeutet, der niedergeschriebene Inhalt der beiden Gedichte wird verglichen. Zum anderen wird die sekundäre Bildhaftigkeit betrachtet, welche die Deutungen der Gedichte beleuchtet.

Der Vergleich der Gedichte auf der primären Bildebene

Hölderlins Gedicht „Ganymed“ zeigt in der Perspektive der primären Bildhaftigkeit einen „Bergsohn“ (V. 1), der am „kahlen Ufer“ (V.2) schläft. Die Sprechinstanz spricht diesen direkt an und fragt, ob der Bergsohn nicht die Gnade von Gott höre („Gnade“ V.3, „Trifft nicht das Wort dich, das voll alten / Geists ein gewanderter Mann dir sendet?“ V7). Es bleibt jedoch nicht dabei, dass der Bergsohn nur schläft. Vielmehr richtet er sich bald im Zorne (V.11) auf und spottet und wirft schließlich die „Zerbrochenen / Zorntrunken, spielend, dort und da zum / schauenden Ufer…“ (V.14f.). Diese Aktion des Bergsohns hat einiges in seiner Umgebung ausgelöst. Nun „regen sich die Wälder“ (V.18), und der Geist der Erde bewegt sich wieder. Denn „der Frühling kommt“ (V.21). Der Bergsohn jedoch bricht mit dieser Fröhlichkeit. Er ist „nicht mehr dabei“ (V.22), er irrt umher und spricht mit dem Himmel. Die Ähnlichkeit dieses Gedichtes mit jenem „Ganymed“ Goethes bestehen eindeutig im Motiv des Frühlings. Allerdings wird in diesem Gedicht Goethes mit dem gleichen Namen, der Frühling in eine Beziehung mit der Sprechinstanz gebracht und nicht nur beschrieben. Der Frühling kommt auf die Sprechinstanz zu (V. 4f.) und die Sprechinstanz empfängt ihn liebend (V. 9f.). Es zeigt sich eine vollkommen andere Beschreibung der Beziehung mit dem Frühling, als es bei Hölderlin der Fall ist. Der Frühling wird in Goethes Gedicht bedingungslos geliebt. In Hölderlins Gedicht, erwacht der Frühling aus einer Aktion des Bergsohnes heraus. Der Frühling wird auch in Hölderlins Gedicht als schön und positiv beschrieben, allerdings wird dieser Schönheit keine Liebe entgegengebracht. Goethes „Ganymed“ beschreibt im Gegenzug, wie der Frühling sich an das Herz der Sprechinstanz drängt (V.5). Aber auch die Sprechinstanz bewegt sich nun. Sie bewegt sich dorthin, wo der Frühling ist. So ist der Frühling oben und die Sprechinstanz strebt hinauf (V. 13), während die dortigen Wolken herunterschweben. Ab Vers 18 wird ein „alliebender Vater“ (V. 22) angesprochen, mit welchem der Frühling gemeint ist. In der vierten Strophe (ab V.23) wird wieder die Zuneigung der Sprechinstanz zum Frühling deutlich. Stellt man die beiden Gedichte also gegenüber, so erkennt man, dass in dem Gedicht Hölderlins der Frühling erwacht, ohne, dass dieser von der Hauptfigur des Gedichts wahrgenommen wird. Im Gegensatz dazu wird der Frühling in Goethes Gedicht sehr stark wahrgenommen: er wird geliebt.

Der Vergleich der Deutungen der Gedichte

Die Deutung der beiden Gedichte weist völlig gegensätzliche Richtungen auf. Hölderlins Gedicht „Ganymed“ entwickelte sich aus seinen Gedichten „Der Gefesselte Strom“ und „Der Blinde Sänger“ (vgl. Romain 1952: 58). Die anfänglichen Fragen der Sprechinstanz besonders in der zweiten Strophe kann man als Dialog des Dichters mit seinem Herzen interpretieren (vgl. Romain 1952: 53). Die Fragen, wie „Kennst drunten du vom Vater die Boten nicht, nicht der Kluft der Lüfte geschärftes Spiel?“ (V. 5f.), zeigen die vorwurfsvollen, von Unverständnis geprägten Gedanken der Sprechinstanz gegenüber dem Bergsohn. Der Bergsohn ist ein Wandelnder, der nirgendwo bleiben darf, als bei seinem Gott. Aus diesem Grund verlässt er am Ende des Gedichtes den werdenden Frühling. Der Strom/Fluss ist laut Hölderlin die Verbilderung des Mythischen (vgl. Romain 1952: 58). Der Name „Bergsohn“ zielt zum einen auf den Anfang einer hochgeschwungenen Lebensbahn, die den „Erdgeborenen zum himmlischen Gespräch emporführen wird (…) zugleich bedeutet die Herkunft von der Höhe, näher dem Reinen, Verheißung aber auch Verpflichtung.“ (vgl. Romain 1952: 66). Dieser aus der Höhe stammende, liegt elendig am kahlen Ufer. Die Aussage „Und frierst am kahlen Ufer“ (V. 2) zeigt das Gefühl der gottverlassenen Einsamkeit des Bergsohns zu Anfang des Gedichtes (vgl. Romain 1952: 67). Doch der Bergsohn ist ein Sohn Gottes: „Denkst nicht der Gnade du, wenns an den Tischen die Himmlischen sonst gedürstet?“ (V.3f.) zeigt, eine Ermahnung an den Himmlischen Nutzen (vgl. Romain 1952: 67), den er ursprünglich besitzt, aber momentan nicht auszuführen in der Lage ist. In der zweiten Strophe wird sich zuerst an früher erinnert, ehe auf eindeutige Zeichen der Berufung hingewiesen wird. Durch die beiden Fragen in den ersten beiden Versen der Strophe wird klar, dass sich der Bergsohn wahrscheinlich verfangen hat, und deshalb unbeweglich bleibt (vgl. Romain 1952: 68). Durch die Gegensätze von „drunten“ –„Vater“ und „Kluft“ – „Lüfte“ (V.5f.) wird einerseits die Ferne zum Ziel des Gefangenen, dem Himmel und damit Gott, und andererseits das Gefangensein in der Kluft deutlich. Die Wolken und die Lüfte sind die Boten aus der Höhe. Die Metapher des „Gelüfte geschärfter Spiel“ (V.6) deutet auf Unwetter hin. Durch dieses Unwetter zeigt sich Gott. Schlussendlich erwacht der Bergsohn durch das durch das Unwetter verursachte „Schon tönets aber“ (V.9) durch Gott. Im Zorne befreit sich der Berufene vom verfestigten Zustand. Der vorher „Linkische“ bricht nun auf zur Tat (vgl. Romain 1952: 70). Er befreit sich und im Zorne wirft er Eisschollen ans Ufer (vgl. Romain 1952: 53). Aufgrund der Stimme Gottes und dem Erwachen des Bergsohns, erwacht nun der Frühling („stehen die Herden auf“ V.17). In diesen Versen wird der Bergsohn „Fremdling“ genannt. In der Benennung „Fremdling“ zeigt sich, dass der Bergsohn nicht in der Welt beheimatet ist. Gegen Ende des Gedichtes zeigt sich, dass die weckende Stimme Gottes nun über die Landschaft hallt („hört tief Land“ V.18). Die Stimme Gottes erweckt somit auch aktiv den Frühling. Der Bergsohn verschwindet aus dem Gedicht und die Botschaft verschwindet ebenso „im Nabel der Erde“ (V. 20). Der Nabel steht hier für die Mitte der Erdscheibe, er ist das Symbol einer neuen schaffenden Kraft, welche die Welt verjüngt. Die Schlussstrophe besitzt Parallelen zur ersten Strophe, indem der Ist-Zustand beschrieben wird und gleich darauf die Entrückung. Der Frühling kommt und die Natur gewinnt neues Leben (vgl. Romain 1952: 75f.). Der Ausruf „Denn allzugut sind Genien“ (V. 23) bedeutet, dass die Liebe der Himmlischen den Ursprünglich passiven Bergsohn zu diesem Irrweg am Flussufer hinzog (vgl. Romain 1952: 78f.). In diesem Gedicht wird der Bergsohn als Held einer Zeitenwende gefeiert (vgl. Romain 1952: 78f.). Der Bergsohn ist schlussendlich der Sohn Gottes, welcher der Natur den Frühling ankündigt (vgl. Romain 1952: 55). Der erwartungsfrohe Frühling steht dem schwindenden Bergsohn am Ende des Gedichtes gegenüber. Im Augenblick höchster Erfüllung muss der Sohn Gottes, der Bergsohn, gehen (vgl. Romain 1952: 56).

[...]

Details

Seiten
15
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783346198235
ISBN (Buch)
9783346198242
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v542771
Institution / Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg
Note
1,7
Schlagworte
gedicht vergleich goethe hölderlin deutsch ganymed analyse metrum Unterricht Klassik Lyrik

Autor

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    Chris K. (Autor)

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Titel: "Ganymed" - ein Gedichtvergleich. Die Versionen von Friedrich Hölderlin und J. W. Goethe