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David Lewis' Theorie der Kausalität - eine kontrafaktische Analyse von Ursache und Wirkung

Magisterarbeit 2005 103 Seiten

Philosophie - Theoretische (Erkenntnis, Wissenschaft, Logik, Sprache)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 Das zweischneidige Schwert der Kausalität

Kapitel 2 Eine grundsätzliche Kritik an der Regularitätstheorie
2.1 Drei Probleme der Regularitätstheorie
2.2 Humes zweite Definition

Kapitel 3 Counterfactuals und mögliche Welten
3.1 Die Untauglichkeit des Subjunktors
3.2 Die Untauglichkeit des strikten Konditionals
3.3 Ähnlichkeitssphären ordnen die Welten
3.4 Wahrheitsbedingungen des variablen strikten Konditionals

Kapitel 4 Lewis 1973 - Eine neue Theorie der Kausalität
4.1 Kausale Abhängigkeit und Kausalketten
4.3 Die vier Regeln der Ähnlichkeitsrelation
4.4 Die Lösung der Probleme der Regularitätstheorie
4.5 Fazit

Kapitel 5 Lewis 1986 – Kausalität und Quasi-Abhängigkeit
5.1 Late-Preemption
5.2 Quasi-Abhängigkeit
5.3 Quasi-Abhängigkeit in Bedrängnis

Kapitel 6 Lewis 2000 – Kausalität und Einfluss
6.1 Neue Typen von Abhängigkeits-Beziehungen
6.2 Der Begriff der Abänderung
6.3 Eine neue Definition der Kausalität
6. 4 Einfluss und Preemption
6.4.1 Late Preemption
6.3.2 Early-Preemption

Kapitel 7 Lewis und Trumping-Preemption
7.1 Schaffers Trumping-Preemption
7.2 1973 und Trumping
7.3 1986 und Trumping
7.4 2000 und Trumping

Kapitel 8 Einfluss in der Kritik
8.1 Ist Einfluss notwendig für Kausalität?
8.2 Ist Einfluss hinreichend für Kausalität?
8.3 Keine Ursachen sind kleine Ursachen?
8.4 Diffizile Abänderungen
8.4.1 Der zeitliche Aspekt
8.4.2 Der räumliche Aspekt
8.5 Fazit

Kapitel 9 Warum ist Trumping-Preemption ein Problem?

Kapitel 10 Schlussbemerkungen

Literaturverzeichnis

Endnoten

Kapitel 1

Das zweischneidige Schwert der Kausalität

Ich sitze vor meinem Computer und tippe mit den Fingern auf der Tastatur. Das Tippen ist die Ursache dafür, dass auf dem Bildschirm ein Text erscheint. Freilich bleibt einem technisch unversierten Zeitgenossen der genaue Mechanismus dahinter verborgen, erst recht wenn man bedenkt, dass die Tastatur nicht einmal mehr mit einem Kabel mit dem Rechner verbunden ist. Doch an einer Intuition kann diese Unwissenheit nicht rütteln: Meine Fingerbewegungen verursachen die Worte, die auf dem Monitor zu sehen sind.

Wie fast jedes Buch über das Thema Kausalität, so beginnt auch diese Arbeit mit einem alltäglichen Beispiel für eine Kausalbeziehung. Das Prinzip von Ursache und Wirkung spielt in unserem Leben eine grundlegende Rolle. Wir trinken, weil wir glauben, damit den Durst zu löschen. Wir schimpfen über Steuererhöhungen, weil wir erwarten, aufgrund dieser finanziell schlechter dazustehen. Wir versuchen Ereignisse zu vermeiden, die Schmerz auslösen.

Auch wissenschaftliches Arbeiten kommt ohne Kausalität nicht aus. Es mag zwar ein Streitpunkt sein, ob beispielsweise die moderne Physik mit ihren Gleichungssystemen noch nach Ursachen und Wirkungen sucht.[i] Aber sicherlich sehen sich die Forscher, welche diese Gleichungen aufstellen, in ihren Experimenten ständig mit Ursachen und Wirkungen konfrontiert.

Stathis Psillos verdeutlicht in seinem Buch Causation & Explanation den Stellenwert der Kausalität:

We search for causes and look for explanations in order to understand how and why things around us are the way they are, or behave and change in certain ways. But we also search for causes and look for explanations in order to intervene in the course of nature (or in the course of events, in general) and bring certain effects about or prevent others from occuring. We are interested in causation and explanation because we are thinkers and agents, because we are both theoretical and practical beings.[ii]

Unsere Überzeugungen und Handlungen basieren zu weiten Teilen auf der im Denken tief verwurzelten Annahme, dass wir in einer Welt leben, in der es so etwas wie Kausalität gibt. Warum sollten wir bittere Medizin schlucken, wenn wir nicht der Meinung wären, sie könne die Krankheit heilen?

Doch es stellt sich die Frage, was in diesem Zusammenhang mit ‘geben’ gemeint ist. Vor diesem Hintergrund muss man reduktive von non-reduktiven Theorien unterscheiden. Zwar verneinen die Vertreter der ersten Variante nicht, dass Äußerungen über Kausalität sinnvoll sein können. Sie gehen deshalb jedoch nicht davon aus, dass es in der Welt eine auf welche Weise auch immer geartete kausale Kraft gibt. Der Kausalbegriff lässt sich ihrer Ansicht nach auf nicht-kausale Terme reduzieren. Der wohl bekannteste klassische Vertreter einer solch reduktiven Theorie ist David Hume. Kausalität lässt sich in seinen Augen auf Regularitäten reduzieren.1 Demnach verursacht ein Ereignis c ein anderes Ereignis e, wenn sich c in raumzeitlicher Nähe zu e befindet, die Ursache der Wirkung vorausgeht und allen Ereignissen vom Typ C Ereignisse vom Typ E folgen. Diese so genannte Regularitätstheorie ist bis heute sehr einflussreich geblieben. Allerdings hat sie Schwierigkeiten, unseren Intuitionen in Bezug auf Ursachen und Wirkungen in einigen Spezialfällen gerecht zu werden. An dieser Stelle sei nur ein Beispiel genannt. Bei so genannten Epiphänomenen haben zwei Ereignisse eine gemeinsame Ursache. Wenn nun auch noch die eine Wirkung immer etwas vor der anderen Wirkung eintritt, so erfüllen diese beiden Ereignisse die Humesche Definition und somit käme das unerwünschte Ergebnis zustande, die zeitlich frühere Wirkung der gemeinsamen Ursache habe die spätere Wirkung verursacht.

Doch neben solchen Fällen scheint die Regularitätstheorie auch eine grundlegendere Intuition über die Natur der Kausalrelation zu verletzen. Setzt man sich einmal näher mit dem Sachverhalt auseinander, so scheint es relativ klar zu sein, dass Kausalität eine intrinsische Angelegenheit ist. Trifft eine Billardkugel auf eine andere, die daraufhin ihre Bahn ändert, so spielen für die Frage, ob wir es in diesem Fall mit Ursache und Wirkung zu tun haben, genau zwei Ereignisse eine Rolle: die jeweiligen Bewegungen der beiden Kugeln. Mit den von Hume eingebrachten Regularitäten, Stöße von Billardkugeln desselben Typs, kommt jedoch etwas Extrinsisches hinzu. Es ist jedoch nicht auf den ersten Blick einsichtig, weshalb nun die Bewegungen anderer Kugeln für die Frage in diesem einen Fall entscheidend sein sollen.

Leider ist es so, dass wir widersprüchliche Intuitionen über die Natur der Kausalrelation haben. Die Auffassung, wonach Regularitäten doch eine zentrale Rolle spielen, wird andrerseits durch ein epistemisches Faktum gestützt. Wir würden wohl kaum vom Vorliegen einer konkreten Kausalbeziehung zwischen zwei Ereignissen überzeugt sein, wenn wir nicht bereits in der Vergangenheit oftmals beobachtet hätten, wie Typen des einen Ereignisses Typen des anderen Ereignisses nachfolgen. Dies spiegelt sich in dem Ausspruch ‘Selbe Ursache, selbe Wirkung’ wider.[iii]

Eine Analyse des Kausalitätsbegriffs ist also immer ein zweischneidiges Schwert. Es scheint schwer möglich einen adäquaten Ansatz zu entwickeln, der all unseren Intuitionen gerecht wird, einfach deshalb, weil sich die Intuitionen teilweise widersprechen. Psillos nennt in seinem Buch neben dem bereits dargelegten Sachverhalt vier vorphilosophische Plattitüden, denen eine Analyse gerecht werden sollte[iv]:

Die Unterschieds-Plattitüde: Wenn die Ursache anders wäre, dann hätte dies auch Einfluss auf die Wirkung.

Die Rezept-Plattitüde: Ursachen sind „Rezepte“ um Effekte zu produzieren oder zu verhindern. Wir können Ereignisse manipulieren um bestimmte andere Ereignisse herbeizuführen.

Die Erklärungs-Plattitüde: Ursachen sind Erklärungen für ihre Wirkungen.

Die Hinweis-Plattitüde: Ursachen sind Hinweise für ihre Wirkungen. Wenn ich weiß, dass c e verursacht und c eintritt, kann ich davon ausgehen, dass auch e eintritt.

Auf welchen dieser Punkte innerhalb einer Theorie nun das meiste Gewicht gelegt wird, hängt nicht zuletzt von der Herangehensweise und den sonstigen philosophischen Überzeugungen ab, die der jeweilige Autor hat. Dabei muss eine Kausalitätstheorie zwei Dinge leisten: Sie muss, was für jede Theorie gilt, konsistent sein. Eine Konzeption, die den intrinsischen Charakter der Relation einschließt, gleichzeitig aber als Grundbegriffe die Ereignistypen heranzieht, scheint nur mit einigem Aufwand widerspruchsfrei konstruierbar zu sein. Darüber hinaus sollten unsere Intuitionen in Bezug auf konkrete Fälle richtig erfasst werden. Eine Theorie, die besagt, dass die Sättigung keine Wirkung des Essens ist, scheint nutzlos – zumindest in der Hinsicht, dass sie den Ausdruck ‘Kausalität’ offensichtlich falsch erfasst.

David Lewis, um dessen Ansatz es in der vorliegenden Arbeit hauptsächlich gehen wird, legt sein Hauptaugenmerk auf die Unterschieds-Plattitüde. Diese versteht er kontrafaktisch:

1.a Wenn die Ursache nicht gewesen wäre, dann wäre auch die Wirkung nicht gewesen.

Doch bei einem solchen so genannten kontrafaktischen Konditional (im englischen Counterfactual oder kurz ‘CF’ genannt,) steht man unweigerlich vor einem Problem: Unter welchen Bedingungen wird beispielsweise dem Satz 1a der Wahrheitswert wahr zugewiesen? Läse man das Konditional als Subjunktor, so wären alle CFs wahr, allein aus der Tatsache heraus, dass bei solchen Aussagen der Antezedens normalerweise falsch ist. Wir brauchen also als Unterbau der Kausalitätstheorie zunächst ein sinnvolles Verfahren für die Wahrheitswertzuordnung kontrafaktischer Konditionale. Ein solches hat Lewis selbst konzipiert. Seine Arbeiten über kontrafaktische Konditionale werden deshalb in einem eigenen Kapitel ausführlich vorgestellt.

Historisch gesehen entwickelte Lewis seine Kausalitätstheorie als Antwort auf einige Kritikpunkte an der Regularitätstheorie. Die vorliegende Arbeit wird diesen Punkt chronologisch aufgreifen und mit einer kurzen Einführung in die Probleme der Regularitätstheorie beginnen. Ob Lewis’ seinem eigenen Anspruch gerecht werden kann, nämlich diese Probleme lösen zu können, dieser Frage wird im Anschluss nachgegangen. Doch seine Theorie sah sich darüber hinaus mit weiteren Problemen konfrontiert, die sukzessiv zu Variationen seines ursprünglichen Ansatzes führten. Diese Geschichte der Kritiken und Repliken wird den Großteil der Arbeit einnehmen. Um die auftauchenden Schwierigkeiten lösen zu können, musste Lewis seine Theorie, deren erster Entwurf im Jahr 1973 vom Umfang her recht schlank gehalten war, mehrmals um zusätzliche Annahmen erweitern. Auf die Frage, ob diese Erweiterungen tatsächlich einen theoretischen Mehrwert darstellen oder nicht lediglich ad hoc zur Problemlösung eingeführt wurden, wird versucht, abschließend eine Antwort zu finden. Doch auch die Relevanz der Argumente seiner Gegner erfordert eine kritische Betrachtung. Einige der im Rahmen der Debatte entwickelten Gedankenexperimente erwecken den Anschein, sehr weit hergeholt zu sein. Diesem Sachverhalt wird im Zusammenhang mit einer kurzen Darstellung der Lewisschen Methodologie im vorletzten Kapitel nachgegangen.

Kapitel 2

Eine grundsätzliche Kritik an der Regularitätstheorie

2.1 Drei Probleme der Regularitätstheorie

In seinem einflussreichen Aufsatz Causation aus dem Jahr 1973 zeigt Lewis drei Schwachpunkte der Regularitätstheorie auf. Daran anknüpfend entwickelt er seinen eigenen Ansatz um schließlich zu zeigen, dass dieser besagte Schwierigkeiten lösen kann.

Seiner Meinung nach krankt die Regularitätstheorie an drei Defekten:

Sie kann zu dem unerwünschten Ergebnis der Vertauschung von Ursache und Wirkung führen. Sie versagt bei Epiphänomenen.

Im Fall von ausgeschalteten potentiellen Ursachen laufen ihre Antworten den intuitiven Kausalurteilen zuwider.[v]

Zu 1.: Diese Kritik mag sich etwas seltsam anhören. Denn war nicht in der Humeschen Regularitätstheorie die Forderung aufgestellt worden, dass die Ursache der Wirkung vorausgeht? Wie soll dann eine Vertauschung möglich sein?

Hierbei ist zu beachten, dass es zunächst nicht so etwas wie die Regularitätstheorie gibt.2 Lewis bezieht sich in seiner Kritik demnach nicht auf den im ersten Kapitel kurz dargestellten Ansatz von Hume. Er versucht eine eigene Definition aufzustellen, welche den typischen Charakteristika des Theorietyps gerecht werden soll. In diesem kommt die zeitliche Asymmetrie zwischen Ursache und Wirkung nicht mehr vor. Dies könnte damit zusammenhängen, dass auch sein eigener Ansatz – wie wir später sehen werden - auf die Zeit bezogen symmetrisch ist. Eine Wirkung, die zeitlich ihrer Ursache vorausgeht, ist bei ihm zumindest definitorisch nicht ausgeschlossen.

Lewis’ Definition einer Regularitätstheorie zufolge ist c die Ursache von e, wenn

C und E wahr sind und die Naturgesetze und die raumzeitlichen Fakten gemeinsam C É E implizieren, wobei die Gesetze und Fakten allein nicht E implizieren und die raumzeitlichen Fakten allein nicht C É E implizieren.[vi]

C und E stellen dabei die entsprechenden Propositionen dar, denen zufolge c und e existieren. Machen wir uns diese Theorie einem Beispiel klar. Michael wirft einen Stein gegen ein Fenster (c), dieses geht zu Bruch (e). Offensichtlich war der Steinwurf die Ursache für das Zerbrechen der Scheibe. Beide Ereignisse haben stattgefunden, also ist Bedingung I erfüllt. Nach allem was wir über unsere Naturgesetze wissen, scheinen diese im Verbund mit den raumzeitlichen Fakten zu implizieren:

2.1.a Wenn Michael den Stein wirft, dann geht die Scheibe zu Bruch.

Diese Aussage wird mit der Subjunktion ‘C É E‘ reformuliert. Zu den raumzeitlichen Fakten gehört beispielsweise die Stabilität der Scheibe, nicht aber der Wurf selbst. Die Ursache bleibt ausgenommen. Ansonsten würde es in jedem Fall von Kausalität zu dem unerwünschten Ergebnis kommen, dass die raumzeitlichen Fakten und die Gesetze gemeinsam die Wirkung implizieren, was Bedingung II widerspricht.

Im vorliegenden Fall implizieren Gesetze und Fakten allein also nicht E. Michael muss werfen, damit die Scheibe zu Bruch geht. Die raumzeitlichen Fakten für sich genommen, sind ebenfalls nicht hinreichend für C É E. Wir können uns problemlos eine Welt mit anderen Gesetzen vorstellen, in denen die Scheibe trotz des Wurfs nicht kaputt gehen würde. Wir kommen also zu dem gewünschten Ergebnis. Da sowohl Bedingung I als auch Bedingung II erfüllt sind, ist der Wurf die Ursache für das Zerbrechen der Scheibe.

Doch nehmen wir darüber hinaus an, die Scherben fielen mit einem lauten Scheppern auf den Boden (d). Das Zerbrechen verursacht also seinerseits ein Geräusch. Wieder sind D und E wahr. Nehmen wir an, dieses charakteristische Scheppern kommt nur in dem Fall zustande, wenn die Scheibe aufgrund von Michaels Steinwurfs kaputt geht. Dann implizieren Gesetze und Fakten allerdings:

2.1.b Wenn die Scherben mit diesem Scheppern zu Boden fallen, dann ist die Scheibe zu Bruch gegangen.

Wiederum gilt: Gesetze und Fakten allein hätten nicht E impliziert. Da wir das Scheppern in unserem Beispiel so eng an das Zu-Bruch-Gehen geknüpft haben, ist es falsch zu behaupten, die Scheibe hätte auch ohne das Scheppern brechen können. Dieses ist somit nicht nur notwendig, sondern auch hinreichend. Die Naturgesetze werden wiederum benötigt, weil die raumzeitlichen Fakten allein nicht D É E implizieren würden. In diesem zweiten Fall sind abermals die Bedingungen I und II erfüllt. Doch diesmal führt das zu dem unerwünschten Ergebnis, dass das Scheppern die Ursache für den Bruch der Scheibe ist. Ursache und Wirkung sind gerade vertauscht.

Allgemein gefasst ist es laut Lewis zwar möglich, dass c eine Ursache von e ist, wenn die beiden Bedingungen erfüllt sind. c könnte aber auch eine Wirkung sein, nämlich in dem Fall, wenn c unter den gegebenen Gesetzen und Fakten nur eintritt, wenn e eintritt und somit die Wirkung hinreichend für die Ursache ist.

Zu 2.: Es gibt Fälle, in denen zwei Ereignisse eine gemeinsame Ursache haben. Beispielsweise führt eine abrupte elektrische Entladung in der Luft zu einem Blitz und zu einem Donner. Nun ist aber nicht der Blitz die Ursache für den Donner. Er ist ein so genanntes Epiphänomen. Da die Entladung allerdings immer sowohl einen Blitz als auch einen Donner verursacht, ist das Blitzen hinreichend für das Donnern. Denn immer wenn es blitzt, donnert es auch. Aus diesem Grund erfüllt der falsche Satz

2.1.c Der Blitz verursacht das Donnern

die beiden von Lewis für eine Regularitätstheorie geforderten Kriterien. Ein weiteres Manko der Theorie.

Zu 3.: c könnte eine ausgeschaltete Ursache von e sein. Etwas, das e verursacht hätte, wenn es nicht schon von etwas anderem verursacht worden wäre. c1 verursacht e. Das Ereignis c2 tritt ebenfalls ein und verursacht nicht e. Allerdings hätte c2 e verursacht, falls c1 nicht eingetreten wäre.

Die Bewegung einer schwarzen Billardkugel (c1) ist die Ursache für die Richtungsänderung einer roten Kugel (e), die von der schwarzen getroffen wird. Nun gibt es noch eine grüne Kugel, die ebenfalls auf die rote zurollt (c2). Diese wird von der schwarzen auf dem Weg zur roten Kugel weggestoßen. Ohne diesen Stoß hätte allerdings die grüne Kugel die rote getroffen und für dieselbe Bewegungsänderung gesorgt, welche die rote tatsächlich erfahren hat. c2 ist jedoch lediglich eine ausgeschaltete Ursache, die eigentliche Ursache ist c1. Kommt die Regularitätstheorie zu diesem Ergebnis?

Sowohl c1 als auch c2 erfüllen Bedingung I. Es sollte also lediglich c1 und nicht auch c2 Bedingung II erfüllen. Ansonsten würden beide Ereignisse als Ursache gelten. Wenn wir in Bezug auf c1 jedoch die raumzeitlichen Fakten betrachten, so müssen wir feststellen, dass diese allein bereits E implizieren. Da Ereignis c2 in dieser Menge enthalten ist, c1 aber nicht, ist auf dieser Basis die folgende Aussage wahr, wobei die A-Glieder alle übrigen raumzeitlichen Fakten repräsentieren:

2.1.d (A1 & A2 & ... & An & C2) É E

Somit erfüllt c1 allerdings nicht Bedingung II. Wir hätten also überhaupt keine Ursache für e. Wir könnten als Konsequenz c2 aus der Menge der Fakten herausstreichen. Nun wären weder die eigentliche noch die potentielle Ursache in dieser Menge enthalten. Dann implizieren die Fakten zwar die gewünschte Subjunktion:

2.1.e (A1 & A2 & ... & An) É (C1 É E)

Allerdings gilt ebenso folgendes:

2.1.f (A1 & A2 & ... & An) É (C2 É E)

Ohne das Ereignis c1 verursacht c2 e. c1 kann deshalb nicht zu den raumzeitlichen Fakten A gezählt werden, da ansonsten wie erwähnt die Fakten alleine ohnehin in Verbund mit den Gesetzen E implizieren würden, was einen Verstoß gegen Bedingung II darstellt. Wenn allerdings sowohl 2.1.e als auch 2.1.f wahre Aussagen sind, so zählt neben c1 auch c2 als Ursache für e. Wir befinden uns in der Situation eines klassischen Dilemmas: Je nachdem ob wir c2 zu den raumzeitlichen Fakten zählen, haben wir für e entweder keine oder zwei Ursachen. Das Ergebnis solle jedoch eigentlich sein, dass genau eine Ursache, nämlich c1, vorliegt. Insofern widersprechen die Kausalurteile der Regularitätstheorie bei diesem Phänomen den intuitiven Urteilen.

Zumindest in der von Lewis gegebenen Form hat die Regularitätstheorie also Probleme damit, bestimmte Phänomene korrekt zu erklären. Über diese Punkte kann nicht einfach hinweggegangen werden, sind sie doch von grundlegender Bedeutung. Wenn eine Theorie ein Ereignis als Ursache auszeichnet, dies jedoch offensichtlich keine ist, so ist das nicht lediglich ein Lapsus. Es müssen Variationen des Ansatzes entwickelt werden, welche mit den Schwierigkeiten zu Recht kommen. Ob eine Regularitätstheorie nun grundsätzlich in der Lage sein kann, die aufgezeigten Punkte befriedigend zu lösen, darüber soll in dieser Arbeit nicht diskutiert werden. Wichtig ist jedoch festzuhalten, dass Lewis an diese Möglichkeit nicht glaubt. Er sieht die Defekte nicht als Fehler im Detail sondern in den Grundlagen der Theorie. Entsprechend lautet sein Fazit in Bezug auf die Weiterentwicklung des Regularitätsansatzes: „I think it is time to give up and try something else.“[vii]

2.2 Humes zweite Definition

Einen Vorschlag für einen anders gearteten Ansatz findet Lewis ausgerechnet bei Hume selbst. Neben seiner Regularitätstheorie gab der Empirist in seinen Untersuchungen über den menschlichen Verstand noch eine zweite Definition des Ausdrucks ‘Ursache’:

Or in other words, where, if the first object had not been, the second never had existed.[viii]

Hume scheint der Meinung zu sein, dass diese Definition äquivalent mit seiner Regularitätstheorie ist. Ansonsten ist es schwer zu erklären, weshalb der zitierte Abschnitt mit der Formulierung ‘Oder mit anderen Worten’ beginnt. Bis 1973 fand dieser Zusatz keine besondere Beachtung in der Literatur. Lewis entwickelte jedoch in seinem einflussreichen Aufsatz Causation aus ihm heraus eine neuartige Analyse des Kausalitätsbegriffs. Diese unterscheidet sich grundlegend vom bis dahin vorherrschenden Regularitätsansatz. Insofern sind begründete Zweifel daran berechtigt, ob Hume mit seiner Einschätzung, wonach die Definitionen äquivalent seien, richtig lag.

Wenn die Ursache nicht gewesen wäre, so hätte es auch die Wirkung nicht gegeben. So oder ähnlich würde man wohl in einer moderneren Formulierung Humes Gedanken ausdrücken. Mit dieser Formulierung wird klarerweise auf die Unterschieds-Plattitüde Bezug genommen. Wenn wir von einem kausalen Zusammenhang zwischen zwei Ereignissen überzeugt sind, so erwarten wir, dass Änderungen in der Ursache auch zu Änderungen in der Wirkung führen. Ausgedrückt wird diese Überzeugung im vorliegenden Fall mittels eines kontrafaktischen Konditionals:

2.2.a Wenn C nicht gewesen wäre, dann wäre auch E nicht gewesen.

c soll also als Ursache von e gelten, wenn 2.2.a wahr ist. Dies scheint auf den ersten Blick sehr plausibel. Gerade wenn es darum geht zu erklären, weshalb wir von kausalen Zusammenhängen in einer bestimmten Situation überzeugt sind, argumentieren wir häufig kontrafaktisch.

2.2.b Michael Ballacks Saisonleistung war die Ursache für den Titelgewinn des FC Bayern Münchens

Mittels 2.2.b könnte ein Fußballfan die Leistung des Münchner Teams analysieren. Zweifeln an seiner Überzeugung könnte er folgendermaßen begegnen:

2.2.c Wenn Ballack die ganze Saison über verletzt gewesen wäre und somit nicht hätte spielen können, dann wären die Bayern auch nicht Meister geworden.

Doch an diesem Punkt kommen wir in Schwierigkeiten. Unter welchen Bedingungen ist ein solcher Satz wahr? Wir können wohl kaum empirisch überprüfen, ob der beschrieben Sachverhalt zutrifft oder nicht. Schließlich verwenden wir diese Art der Formulierung in der Regel dann, wenn der Vordersatz in unserer Welt falsch ist. Zwar ist dieses Charakteristikum keine definitorische Eigenschaft solcher Aussagen, in der überwiegenden Zahl der Fälle wird es aber zutreffen. Weshalb auch sonst sollten wir diesen Formulierungstyp verwenden? Es ist nun aber trivial, dass wir nicht beobachten können, was nicht der Fall ist.

Lewis schlägt einen anderen Weg ein. Seiner Ansicht nach rekurrieren CFs auf mögliche Welten. Sie stellen Aussagen über Alternativ-Situationen dar. Wenn wir den Satz 2.2.c äußern, dann beziehen wir uns damit auf eine mögliche Welt, in der Michael Ballack in der Saison tatsächlich verletzt auf der Tribüne Platz nehmen musste. Mit welcher Methode dabei genau den kontrafaktischen Konditionalen Wahrheitswerte zugeordnet werden, wird Thema des folgenden Kapitels sein.

Kapitel 3

Counterfactuals und mögliche Welten

3.1 Die Untauglichkeit des Subjunktors

Weshalb bereitet es Schwierigkeiten, CFs Wahrheitswerte zuzuordnen? Schließlich haben wir mit der modernen Logik einen leistungsfähigen formalen Apparat zur Verfügung, der im Rahmen der Überprüfung der Gültigkeit von Argumenten das Verlangte scheinbar zu leisten vermag: Mittels einer Bewertungsfunktion werden komplexen Aussagen aufgrund ihrer formalen Struktur Wahrheitswerte zugeordnet. Darüber hinaus scheinen kontrafaktische Konditionale eine durchaus prominente Form zu haben, für deren Reformulierung der Subjunktor (‘É’) ein probates Mittel ist. Wann ist ein Satz der Form ‘A É B’ falsch? Nun, offensichtlich dann, wenn der Vordersatz zwar wahr, der Nachsatz jedoch falsch ist.

3.1.a Wenn der Hai zubeißt, dann stirbt Michael.

Diese Aussage ist genau dann falsch, wenn der Hai tatsächlich zubeißt, Michael jedoch überlebt.

Was ist jedoch, wenn der Vordersatz falsch ist, der Hai also nicht zubeißt? Dann ist die Gesamtaussage dennoch wahr. Mittels 3.1.a wird schließlich nur behauptet, dass Michael stirbt, wenn der Hai zubeißt. Weshalb sollte diese Aussage durch das Nicht-Beißen falsch werden? Darüber wird in dem Satz schließlich überhaupt nichts verloren. In der klassischen Aussagenlogik ist der Subjunktor wahrheitsfunktional mit folgender Bewertung definiert:

Wenn dem Vordersatz der Wahrheitswert falsch zugeordnet wird, erhält die Gesamtaussage also immer den Wahrheitswert wahr. Nun haben kontrafaktische Konditionale wie bereits angeführt im Normalfall die Eigenschaft, einen falschen Antezedens zu haben. Reformuliert man solche Aussagen also mittels des Subjunktors, so gäbe es fast ausschließlich wahre CFs. Allerdings haben wir das Gefühl, dass es einen Unterschied zwischen folgenden Sätzen gibt:

3.1.b Wenn ich reichlich gegessen hätte, dann wäre ich satt gewesen.

3.1.c Wenn Ballack verletzt gewesen wäre, dann wären Außerirdische in der Allianz-Arena gelandet.

Es erscheint zumindest ausgesprochen einleuchtend, dass 3.1.b im Gegensatz zu 3.1.c ein wahrer Satz ist. Nur deshalb davon auszugehen, dass Außerirdische in der Allianz-Arena landen, weil Ballack sich in unserer Welt nicht den Fuß gebrochen hat, klingt gelinde gesagt, absurd. Der Sachverhalt lässt sich noch drastischer darstellen. Würden wir CFs mittels des Subjunktors reformulieren, wäre auch die folgende Aussage wahr:

3.1.d Wenn ich reichlich gegessen hätte, dann wäre ich nicht satt gewesen.

Obwohl 3.1.b und 3.1.d kontradiktorische Nachsätze haben, wären beide Aussagen wahr. Dies erscheint gerade deshalb inakzeptabel, weil wir in kontrafaktisch formulierten Konditionalsätzen eine Beziehung zwischen Vorder- und Nachsatz ausdrücken möchten. Ihre Wahrheitswerte sind nicht unabhängig voneinander zu sehen, sondern wir glauben, dass die Wahrheit des Vordersatzes in gewisser Weise manipulativ zur Wahrheit des Nachsatzes führt. Ein inhaltlicher Zusammenhang, der in der klassischen Logik, wo allein die Form über den zugewiesenen Wahrheitswert einer komplexen Aussage entscheidet, gänzlich verloren geht.

3.2 Die Untauglichkeit des strikten Konditionals

Lewis zufolge beziehen sich kontrafaktische Konditionale auf Alternativ-Situationen, auf mögliche Welten. Insofern liegt der Gedanke nahe, die Modallogik könne ein passendes Instrumentarium zur Analyse solcher Aussagen darstellen, findet in ihrem Rahmen doch eine entsprechende Semantik Verwendung. Als aussichtsreicher Kandidat für eine passende logische Reformulierung käme beispielsweise das strikte Konditional in Frage: ‘c(A É B)’, was der Aussage ‘Es gilt notwendigerweise: wenn A, dann B’ entspricht. [ix] Dies ist in der gängigen Semantik der Modallogik dann der Fall, wenn (A É B) in jeder uns zugänglichen Welt wahr ist. Oder mit anderen Worten: Es darf keine uns zugängliche Welt geben in der A wahr, B aber falsch ist.

Nun gelten in den modallogischen Systemen bestimmte Beziehungen zwischen verschiedenen Aussagengruppen. So ist unter anderem das Syllogismusprinzip für das strikte Konditional gültig:

SyllMod: c(A É B), c(B É C) ⇒ c(A É C).

Wenn es keine uns zugängliche Welt gibt, in der A wahr ist und B falsch, und wenn es darüber hinaus keine zugängliche Welt gibt, in der B wahr ist und C falsch, dann kann es auch keine zugängliche Welt geben in der A wahr ist, C aber falsch. Denn in jeder möglichen Welt, in der (A É B) wahr ist, ist A falsch oder B wahr. Da darüber hinaus aber auch (B É C) in jeder zugänglichen Welt wahr sein soll, muss in den Fällen, in denen A wahr ist (und somit auch B wahr), auch C wahr sein, da ansonsten (B É C) falsch wäre.

Wäre es möglich, kontrafaktische Konditionale adäquat mittels des strikten Konditionals zu reformulieren, müsste das Syllogismusprinzip auch für das erstgenannte gelten. Doch wie sieht mit folgendem Beispiel aus?

3.2.a Wenn Bayern München Michael Ballack kein Angebot machen würde, dann würde er den Verein wechseln.

Wenn Michael Ballack den Verein wechseln würde, dann wäre Bayern München enttäuscht. \ Wenn Bayern München Michael Ballack kein Angebot machen würde, dann wäre Bayern München enttäuscht.

Die Konklusion dieses Arguments scheint inakzeptabel. Wenn das Syllogismusprinzip allerdings gilt, haben wir es mit einem gültigen Argument zu tun. Wo steckt der Fehler? Die Prämissen für sich genommen scheinen akzeptabel zu sein. Doch wer sie zusammen behauptet, scheint sich in gewisser Hinsicht zu „widersprechen“, behauptet er doch gleichzeitig – wie es in der Konklusion deutlich wird –, dass der Verein seinem Spieler kein Angebot machen würde und dass der Verein über den Weggang enttäuscht wäre. Doch, so möchte man einwenden, wenn der Verein seinem Kapitän überhaupt kein Angebot unterbreitet, so wäre Bayern München kaum enttäuscht über einen Wechsel des Spielers!

Wir sehen uns also mit unterschiedlichen Szenarien konfrontiert. In der ersten Prämisse scheint es der Fall zu sein, dass die Bayern kein Interesse mehr an Ballack haben und dieser deshalb den Verein wechselt. In Prämisse zwei dagegen wechselt der Spieler, obwohl die Bayern ihn halten möchten. Wir schauen – bildlich gesprochen – in unterschiedliche mögliche Welten. Während für die erste Prämisse vielleicht die Welten w1 und w2 relevant sind, könnten es für die zweite die Welten w3 und w4 sein. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass die Konklusion merkwürdig erscheint. Da wir durch kontrafaktische Konditionale inhaltliche Zusammenhänge ausdrücken, ist es für die Plausibilität der entsprechenden Argumente von entscheidender Bedeutung, welches die für die jeweiligen Aussagen relevanten möglichen Welten sind. Eine solche Unterscheidungsmöglichkeit bietet das strikte Konditional jedoch nicht. Hier entscheiden immer dieselben zugänglichen Welten über die Gültigkeit eines Arguments. Es ist nicht möglich, für die eine Prämisse diese, für eine andere Prämisse aber jene Welten als relevant zu erachten. Alle zugänglichen Welten sind für die Wahrheitswerte aller Aussagen eines Arguments ausschlaggebend. Dies scheint bei kontrafaktischen Konditionalen jedoch gerade nicht der Fall zu sein. Wenn wir behaupten, Bayern wäre ohne Ballack nicht Meister geworden, dann scheint es nicht sinnvoll zu sein, lediglich Welten zu betrachten, in denen Ballack die ganze Saison über gespielt hat. Auf der anderen Seite würde es wohl kaum jemand überzeugend finden, wenn jemand für die Wahrheit der Aussage argumentiert, indem er auf eine Alternativsituation verweist, in der Ballack gemeinsam mit all seinen Mannschaftskollegen von Außerirdischen entführt wird und das Team deshalb nicht Meister wird.

Um kontrafaktische Konditionale in angemessener Weise beurteilen zu können, benötigen wir eine Neuinterpretation des Notwendigkeits-Operators. Wir brauchen ein Instrumentarium, das es ermöglicht, die Welten nach ihrer Relevanz für ein konkretes CF hin zu ordnen.

3.3 Ähnlichkeitssphären ordnen die Welten

Um das angeführte Instrumentarium zu entwickeln, führt Lewis zunächst einen Operator für das kontrafaktische Konditional ein:‘c®’. Ein Satz der Form ‘Wenn A gewesen wäre, dann wäre B gewesen’ würde demnach folgendermaßen reformuliert: ‘A c® B’. Im Gegensatz zum strikten Konditional nennt Lewis diesen Operator das variable strikte Konditional.[x] Der Name rührt von der Eigenschaft her, dass die Menge der relevanten Welten nicht wie beim strikten Konditional fix ist, sondern dabei je nach Aussage und Kontext variieren kann.

Dem variablen strikten Konditional können nun Wahrheitswerte zugewiesen werden. Wie wir gesehen hatten, sind je nach Aussage im Fall eines CF sicher nicht alle logisch möglichen Welten von Relevanz für den Wahrheitswert des Satzes. Deshalb gibt es im Lewisschen System so genannte Sphären. Diese können als Mengen von zugänglichen Welten verstanden werden. Alle Sphären können wiederum zu einer Menge zusammengefasst werden, die dann alle logisch möglichen Welten enthält. So gibt es beispielsweise eine Sphäre der physikalischen möglichen Welten, die eine Teilmenge der logisch möglichen Welten ist. Wenn P physikalisch möglich ist, so gibt es mindestens eine mögliche Welt in dieser Sphäre, in der P wahr ist.

Die Sphären können nun in Bezug auf die Ähnlichkeit der in ihnen enthaltenen Welten zu unserer Welt (im Folgenden auch die aktuale Welt oder w0 genannt) geordnet werden. Die Menge der logisch möglichen Welten – die Menge aller Sphären – enthält eine Vielzahl von Welten. In der einen gibt es die Erde überhaupt nicht, in der anderen stimmen fast alle raumzeitlichen Fakten mit der aktualen Welt überein, nur der Planet Mars besitzt ein Atom weniger. Die uns ähnlichsten Welten sollen nun in der uns am nächst gelegenen Sphäre enthalten sein. Obwohl die möglichen Welten für Lewis tatsächlich existieren (ein Umstand, über den später noch zu sprechen sein wird), ist dieses ‘nahe gelegen sein’ selbstverständlich eine Metapher. Die Ähnlichkeitsrelation ist eine Ordnungsrelation. Wenn zwei beliebige Sphären S1 und S2,, die voneinander verschieden sind, in der Menge der logisch möglichen Welten enthalten sind, so ist entweder S1 eine Teilmenge von S2 oder umgekehrt S2 eine Teilmenge von S1. Diejenige Sphäre, die Teilmenge aller Mengen ist, ist unserer Welt am nächsten. Eine Sphäre ist dabei so definiert, dass sie mindestens eine Welt als Element enthalten muss.

Ist es auch zugelassen, dass eine Sphäre mehrere Welten enthalten kann, uns also zwei oder mehr Welten gleich ähnlich sind? Im Gegensatz zu einem konkurrierenden Ansatz von Robert Stalnaker[xi] besteht bei Lewis diese Möglichkeit. Zur Veranschaulichung mag ein Beispiel hilfreich sein. Nehmen wir an, Michael trägt an einem bestimmten Datum blaue Socken. Nun wollen wir die uns ähnlichste Welt angeben, in der Michael morgens Socken mit einer anderen Farbe anzieht. Ist dies nun eine Welt, in der er sich für rote oder eine in der er sich für grüne Socken entscheidet? Oder nehmen wir an, in w0 hängt das Bild von Michaels Mutter in seinem Zimmer gerade an der Wand. Ist nun die Welt der aktualen ähnlicher, in der die linke oder die, in der die rechte Ecke des Rahmens weiter unten hängt? In diesen Fällen hat es den Anschein, dass es keinen Unterschied gibt: Beide Welten sind in Bezug auf w0 jeweils gleich ähnlich. Zumindest scheint eine überzeugende Argumentation kaum vorstellbar, weshalb nun das Hängen der linken Ecke relevanter als das Hängen der rechten Ecke ist, wenn ansonsten die raumzeitlichen Fakten der beiden Welten exakt übereinstimmen.

Ferner können wir nicht immer davon ausgehen, dass es eine Sphäre gibt, die unserer Welt am nächsten gelegen ist. Nehmen wir an, Michael wäre größer als die 1,80 Meter, die er in der aktualen Welt misst. Die Welt, in der er 180,5 Zentimeter groß ist, erscheint unserer ähnlicher als jene, in der er 181 Zentimeter groß ist. Allerdings werden wir bei der Annäherung aufgrund der unendlichen Anzahl von Größen zwischen 1,80 und 1,81 Meter, nie zu einem Ende gelangen. Die entsprechenden Welten sind in diesem Beispiel aber nicht gleich ähnlich im Hinblick zur aktualen. Deshalb gibt es in diesem Fall keine finale Sphäre.

Die Annahme, der zufolge verschiedene Welten der aktualen Welt gleich ähnlich sein können, führt zu einer interessanten Konsequenz. Das Prinzip des ausgeschlossenen Dritten gilt im Lewisschen System in Bezug auf CFs nicht. Die Aussage

3.3.a (A c® B) v (A c® ›B)

kann falsch sein. Doch um zu klären, weshalb es zu dieser Konsequenz kommt, müssen wir erst einmal die Wahrheitsbedienungen für A c® B kennen.

3.4 Wahrheitsbedingungen des variablen strikten Konditionals

Wann wird ein Satz der Form ‘A c® B’ wahr? Lewis gibt zwei Möglichkeiten an:

Wenn es keine A-Welt in einer der Sphären gibt oder wenn eine Sphäre mindestens eine A-Welt enthält und A É B in jeder Welt dieser Sphäre wahr ist. [xii] Eine A-Welt soll dabei eine Welt sein, in der A wahr ist. Der erste Fall ist der triviale, vergleichbar mit der Bewertung einer Subjunktion, bei welcher der Vordersatz falsch ist.

Der zweite Fall ist der spannende. Wie müssen wir also vorgehen, um den Wahrheitswert von A c® B zu ermitteln? Wir schauen uns die einzelnen Sphären an, die um die aktuale Welt verschachtelt sind. Die nächstgelegene Sphäre, in der es eine A-Welt gibt, ist die relevante. Wenn die aktuale Welt eine A-Welt ist, ist folglich nur unsere Welt relevant. Wenn Bedingung I nicht erfüllt ist, gibt es also in einer der Sphären eine Welt, in der A wahr ist. Ist B in dieser Welt ebenfalls wahr, so ist dort die entsprechende Subjunktion A É B wahr. Doch dies allein reicht nicht aus, damit auch A c® B wahr ist. Denn wie wir gesehen hatten ist es zulässig, dass mehrere Welten in einer Sphäre enthalten sind. Laut Bedingung II muss die Subjunktion in allen Welten dieser Sphäre wahr sein. Gibt es weitere A-Welten, so muss auch in diesen B wahr sein. Oder anders ausgedrückt: Gibt es in der Sphäre eine A-Welt, so muss B in allen A-Welten dieser Sphäre wahr sein, damit A c® B wahr ist.

Wie angedeutet kann man nun nicht davon ausgehen, dass die Aussage A c® ›B wahr sein muss, falls der Satz A c® B falsch ist. A c® B ist schon dann falsch, wenn es mindestens eine Welt in der entsprechenden Sphäre gibt, in der A wahr, B aber falsch ist. Doch dies ist nicht hinreichend für die Wahrheit von A c® ›B. Hierfür müsste in jeder A-Welt B falsch sein. Ist nun B in einigen A-Welten wahr, in einigen anderen A-Welten aber falsch, so ist sowohl der Satz A c® B als auch die Aussage A c® ›B falsch. Das Prinzip des ausgeschlossenen Dritten gilt in diesem Fall nicht.

Wir verfügen mit der Ordnungsrelation also über ein probates Mittel, um dem variablen strikten Konditional Wahrheitswerte zuordnen zu können. Da dieses Konditional die Bedeutungsanalyse kontrafaktischer Konditionale darstellen soll und jene bei Lewis’ Kausalitätstheorie eine entscheidende Rolle spielen, war eine Darstellung dieses Instrumentariums vorab nötig. Nun können wir uns im Anschluss der eigentlichen Kausalitätstheorie zuwenden.

Kapitel 4

Lewis 1973 - Eine neue Theorie der Kausalität

4.1 Kausale Abhängigkeit und Kausalketten

Lewis’ Theorie unterscheidet sich schon in den Relata von einer Regularitätstheorie. Denn während dort Ereignistypen die entscheidende Rolle spielen, sind in seinem Ansatz singuläre Kausalereignisse ausschlaggebend. Nicht die Wahrheitswerte von Sätzen wie

4.1.a Hammerschläge zerstören Vasen, sind entscheidend für die Wahrheitswerte entsprechender singulärer Urteile wie

4.1.b Michaels Hammerschlag hat die Vase zerstört.

Das Verhältnis ist genau umgekehrt. Nur wenn alle Sätze der Form 4.1.b wahr sind, dann gelten auch die entsprechenden allgemeinen Aussagen des Typs 4.1.a.

Kontrafaktische Konditionale sind allerdings nicht wahr oder falsch in Bezug auf Ereignisse sondern in Bezug auf Propositionen. Doch dies erweist sich nicht weiter als Problem, sind jedem Ereignis e doch die Propositionen ‘O(e)’ und ‘›O(e)’ zuzuordnen, wonach e eintritt beziehungsweise nicht eintritt. Zwischen solchen Propositionen können nun kontrafaktische Abhängigkeiten wie O(c) c® O(e) bestehen.

Nun ist es aber sicherlich keine hinreichende Bedingung für einen kausalen Zusammenhang zwischen zwei Ereignissen, dass die entsprechenden Propositionen, wonach die Ereignisse eintreten, kontrafaktisch voneinander abhängen. Dann stünden alle Ereignisse, die in der aktualen Welt auftreten, in einer Ursache-Wirkungs-Beziehung. Jede entsprechende Proposition eines Ereignisses, das bei uns der Fall ist, ist wahr. Beispielsweise stehe ‘O(c)’ für die Proposition ‘Angela Merkel ist Kanzler’. ‘O(e)’ bedeute ‘Bush ist Präsident’. Nun ist Merkel Kanzler. Relevant für den Wahrheitswert des kontrafaktischen Konditionals O(c) c® O(e) ist also lediglich unsere Welt. Da auch Bush Präsident ist, ist die Aussage O(c) c® O(e) wahr. Dennoch würde niemand auf die Idee kommen, dass die Kanzlerschaft Angela Merkels Ursache für die Präsidentschaft George W. Bushs ist.

Um von kontrafaktischer hin zu kausaler Abhängigkeit zu gelangen, müssen wir eine Zusatzbedingung einführen. Demnach hängt e kausal genau dann von c ab, wenn die beiden Counterfactuals wahr sind:

4.1.c O(c) c® O(e)

4.1.d ØO(c) c® ›O(e)

Es muss also nicht nur der Fall sein, dass wenn c gewesen wäre, dann auch e gewesen wäre. Sondern darüber hinaus muss gelten: Wenn c nicht der Fall gewesen wäre, dann wäre auch e nicht gewesen. Mit diesem Schachzug können wir die kausale Abhängigkeit nur zufällig wahrer Ereignisse in unserer Welt verhindern. Es stimmt schließlich kaum, dass wenn Merkel nicht Kanzlerin wäre, dies zur Folge hätte, dass auch Bush nicht Präsident wäre.

Zu beachten ist, dass der Satz 4.1.c immer wahr ist, wenn c und e in unserer Welt der Fall sind. 4.1.d ist dagegen wahr genau dann, wenn c und e in unserer Welt nicht der Fall sind. Angenommen Michael ist davon überzeugt, sein Loslassen der Kreide sei die Ursache für das Herunterfallen derselben. Wenn er sie in unserer Welt tatsächlich loslässt und sie fällt, dann muss – insofern er Recht behält – gelten:

4.1.e Wenn Michael die Kreide nicht losgelassen hätte, dann wäre sie auch nicht hinuntergefallen.

Wenn er sie dagegen nicht loslässt, muss folgende Aussage wahr sein:

4.1.f Hätte Michael die Kreide losgelassen, so wäre sie heruntergefallen.

Wenn 4.1.e und 4.1.f wahr sind, kann berechtigterweise davon gesprochen werden, dass das Herunterfallen der Kreide kausal vom Loslassen abhängt.

Nun ist vielleicht der Eindruck entstanden, kausale Abhängigkeit sei dasselbe wie Kausalität. Doch diese Gleichsetzung ist alles andere als evident und in den Augen von Lewis sogar falsch. Zwar mag kausale Abhängigkeit eine hinreichende Bedingung für Kausalität sein, notwendig ist sie seiner Meinung nach jedoch nicht. Kausalität hat eine Eigenschaft, welche die kausale Abhängigkeit nicht hat, nämlich Transitivität.3 Wenn c die Ursache von d ist, und d die Ursache von e, so ist auch c die Ursache von e. Weshalb gilt diese Beziehung nicht für die kausale Abhängigkeit? Wie wir bereits in Abschnitt 3.2 gezeigt haben ist es nicht plausibel, von der Gültigkeit des Syllogismusprinzips beim variablen strikten Konditional auszugehen. Es gilt nicht:

[...]


1 Wobei zu beachten ist, dass die Meinungen über die Frage, ob das Vorgehen Humes in diesem Punkt tatsächlich einer modernen Reduzierung entspricht, auseinander gehen (vgl. etwa Strawson 1989 oder Craig 1987).

2 Wenn ich im Folgenden dennoch von der Regularitätstheorie schreibe, so meine ich die hier von Lewis vorgestellte Interpretation.

3 Der Vollständigkeit halber muss an dieser Stelle jedoch angemerkt werden, dass es alles andere als unstrittig ist, ob die Kausalitätsrelation tatsächlich transitiv ist. Für eine ausführliche Kritik an dieser Meinung siehe beispielsweise McDermott 2002.

[i] vgl. Russell 1918

[ii] Psillos 2002, 1

[iii]ebd., 7

[iv] ebd., 6

[v] vgl. Lewis 1973a, 160

[vi] ebd.

[vii] ebd.

[viii] Hume (EHU), 146

[ix] vgl. Lewis1973b, 4ff

[x] ebd., 13ff

[xi] vgl. Stalnaker 1968

[xii] vgl. Lewis 1973b, 16

Details

Seiten
103
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638499231
Dateigröße
912 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v54809
Institution / Hochschule
Universität Karlsruhe (TH) – Institut für Philosophie
Note
1,0
Schlagworte
David Lewis Theorie Kausalität Analyse Ursache Wirkung

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Titel: David Lewis' Theorie der Kausalität - eine kontrafaktische Analyse von Ursache und Wirkung