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Karl Mays Antwort auf die Orientfrage und sein Verhältnis zum Imperialismus

Seminararbeit 2006 19 Seiten

Politik - Sonstige Themen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Historische Hintergründe
2.1. Die Orientfrage
2.2. Der Berliner Kongress und Bismarcks Rolle des „ehrlichen Maklers“

3. Karl May und die Orientfrage –
Kritiker oder Sympathisant des Imperialismus?
3.1. Darstellung des Osmanischen Reichs und der Türken
3.1.1. Stereotyp Türke
3.1.2. Das Militär
3.1.3. Der Staatsapparat und das Justizwesen
3.1.4. Der Kranke Mann am Bosporus
3.2. Die Maysche Antwort: Kara Ben Nemsi

4. Abschließende Betrachtungen und Resümee

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Karl May zählt noch heute – rund 100 Jahre nach seinem Tod – zu den beliebtesten deutschen Trivialroman- und Jugendbuchautoren. Er beeinflusste bis in die Gegenwart mit seinen abenteuerlichen und fantastischen Werken zig Generationen von Jugendlichen.[1] Dabei prägte er – wie viele andere Reise- und Abenteuerromanautoren auch[2] – die Bilder dieser fremden Kulturen stark mit; Bilder vom „edlen Roten Mann“ oder vom „faulen Türken“. Diese Bilder wurden oft von May aus literarischen Zwecken konstruiert, oft aber bedienen sie sich auch der zeitgenössischen Klischees.

May schrieb seine Orientromane in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, eine turbulente Zeit für das Osmanische Reich und für das junge Deutsche Reich. In dieser Zeit wird der Begriff vom „Kranken Mann am Bosporus“ geprägt; es ist aber auch die Zeit der Gründung des deutschen Nationalstaats. All diese Ereignisse fließen direkt oder indirekt in Mays Werke ein – entweder dienen sie als Hintergrund für seine Erzählungen oder als Vorlage für seine Charaktere.

Es wurden viele kritische Bücher über Karl May verfasst, doch die Masse dieser behandelt die Frage, ob er selbst die Reisen und Abenteuer seiner Ich-Erzähler – Kara Ben Nemsi bzw. Old Shatterhand – gemeistert hat. Ich befasse mich in meiner Hausarbeit mit einer anderen Fragestellung, die weniger in der Öffentlichkeit diskutiert wurde, dafür aber umso kontroverser ist: Inwiefern formulierte Karl May eine Antwort auf die Orientfrage?

Bei der Bearbeitung meiner Fragestellung werde ich zunächst auf die politischen und historischen Hintergründe der Mayschen Orientromane eingehen. Danach untersuche ich, wie Karl May das Osmanische Reich und das Bild der Türken dargestellt hat und wie nach seiner Meinung die Antwort auf die Orientfrage aussehen könnte. Den Schluss meiner Arbeit bildet ein Resümee meiner Ergebnisse.

Hilfreich waren mir bei der Bearbeitung der Fragestellung insbesondere die Bücher „Der >Kranke Mann< und sein Freund“ von Dominik Melzig, „Orientalismus, Kolonialismus und Moderne“ von Nina Berman, Feruzan Gündoğars „Trivialliteratur und Orient: Karl Mays vorderasiatische Reiseliteratur“ und für die historischen Hintergründe Eckhard Kochs „„Was haltet ihr von der orientalischen Frage?“ Zum zeitgeschichtlichen Hintergrund von Mays Orientzyklus“. Melzig versucht in seiner Magisterarbeit das Bild des Osmanischen Reichs bei Karl May zu hinterfragen. Er untersucht dabei zum einen die Orientromane Mays und zum anderen einige ausgewählten Quellen des Autors auf die verschiedenen Stereotypen. Berman untersucht in ihrer Arbeit, inwiefern May im Orientzyklus dem Leser Rechtfertigungen oder Legitimationen für eine Intervention der europäischen Staaten in das Osmanische Reich präsentiert. Sie formuliert eine Interventionstheorie, wonach May bewusst durch die Wahl bestimmter Stereotypen versucht haben soll, den Leser zu beeinflussen. Die türkische Literaturkritikerin Gündoğar untersucht in ihrer Dissertation das Maysche Türkenbild und versucht dieses in einen Gesamtkontext mit dem Orientbild der damaligen europäischen Trivialliteratur zu setzen. Leider beachtet sie in ihrer Darstellung – im Gegensatz zu Berman und Melzig – die historische Situation nicht genau genug. Als wichtige Quelle für diese historische Situation diente mir der Aufsatz von Koch; dort gibt dieser einen guten Überblick über die zeitgenössische politische Diskussion zur 'Orientalischen Frage' und zum 'Kranken Mann'.

2. Historische Hintergründe

Um die Verknüpfungen zwischen den Orientromanen von Karl May und dem Imperialismus voll erfassen zu können, bedarf es eines kurzen Überblicks über die politischen Verhältnisse zu jener Zeit. May schrieb seinen Orientzyklus im jungen Bismarckschen Reich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Sicherlich beeinflussten ihn, als Deutschen, die Fragen der zukünftigen internationalen Rolle des Deutschen Reiches wie auch die Frage nach der Zukunft des Osmanischen Reichs. Die so genante „Orientalische Frage“ wurde in Deutschland ebenso interessiert diskutiert wie überall in Europa,[3] und dabei scheint die Frage bis heute nicht vollständig geklärt worden zu sein.[4] Da diese beiden Fragen essentiell sind für das Verstehen der Zusammenhänge zwischen den Mayschen Orientromanen und dem Imperialismus, werde ich diese im Folgenden kurz erörtern.

2.1. Die Orientfrage

Im 19. Jahrhundert drehte sich die „Orientalische Frage“ im Besonderen darum, inwiefern das Osmanische Reich unter den europäischen Großmächten aufgeteilt werden sollte und welcher europäische Staat welchen Anteil bekommen sollte.[5] Das jahrhundertelang als „Antagonist des Abendlandes“[6] gefürchtete Osmanische Reich befand sich in einem fortschreitenden Zerfall. Dabei standen die Sultane vor drei Hauptproblemen: dem außenpolitischen Druck der europäischen Staaten, dem innenpolitischen Druck der verschiedenen nach Unabhängigkeit strebenden Volksgruppen und nicht zuletzt einer massiven Finanznot, die u.a. von Kriegen herrührte, welche durch die ersten beiden Probleme entstanden waren.

Die osmanischen Truppen standen im 16. und 17. Jahrhundert zweimal vor den Toren Wiens, nun aber hatten sich die Verhältnisse umgekehrt.[7] Das Abendland hatte danke der Industriellen Revolution enorme wirtschaftliche Ressourcen entwickeln können und somit auch die nötigen militärische Mittel, um der Bedrohung durch das Morgenland offensiv gegenüberzutreten.

Der Niedergang des Osmanischen Reiches begann spätestens mit dessen Niederlage im 4. russischen-türkischen Krieg 1768 bis 1774. Der 1774 geschlossene Frieden von Kütschük Kainardschi bedeutete schwerwiegende Gebietsverluste für das islamische Reich an den nördlichen Küsten des Schwarzen Meeres. Insgesamt führten die Osmanen innerhalb von rund 200 Jahren über zwanzig Kriege gegen Russland, Österreich-Ungarn und andere europäische Staaten.[8] Das Reich war einem massiven außenpolitischen und militärischen Druck durch die divergierenden Einzelinteressen der europäischen Mächte ausgesetzt. Russland strebte den Zugang zum Bosporus an, da der Besitz der Meerengen zwischen Schwarzem Meer und Mittelmeer erhebliche strategische Vorteile bot. England und Österreich-Ungarn war daran gelegen den status quo am Bosporus aufrecht zu erhalten[9] und das Osmanische Reich als eine Art „Abwehrriegel“ zu benutzen.[10] Dies sind nur wenige Bespiele, gegen welchen außenpolitischen Druck der europäischen Staaten das Osmanische Reich anzukämpfen hatte.

Auch die innere Lage des Vielvölkerstaats war äußerst brisant, etliche Regionen des riesigen Reiches strebten nach Unabhängigkeit. Besonders explosiv war die Situation auf dem Balkan, dort herrschten chaotischste Verhältnisse. Die verschiedensten Interessen europäischer Staaten und die nationalistischen Bewegungen der verschiedenen Volksgruppen machten die Region zu einem Pulverfass.[11]

Durch die zahllosen Kriege und durch verschwenderische Ausgaben der Sultane litt das Osmanische Reich im 19. Jahrhundert an einer ständigen Finanznot. Im Jahr 1875 war das Reich zahlungsunfähig,[12] aber bereits vorher lenkten Frankreich und England die osmanische Staatsbank Banque Impériale Ottomane. Ein Jahrzehnt später wurde die Administration de la Dette Publique Ottomane gegründet. Diese Institution übernahm die Staatsschuldenverwaltung des zahlungsunfähigen Reichs; zu ihren Gläubigern gehörten, neben andern europäischen Staaten, auch Deutschland. Durch diese finanzielle Abhängigkeit setzte eine erhebliche „ökonomische Penetration“ ein,[13] durch die auch die Bevölkerung zu leiden hatte. Europäische Handelsunternehmen, insbesondere Eisenbahngesellschaften, beuteten die osmanische Wirtschaft durch ungerechte Verträge aus. Verschärfend kam noch hinzu, dass durch einen Vertrag die europäischen Mächte ein Steuerprotektorat gegen Waren aus dem Morgenland etabliert hatten.[14] Der Sultan konnte sich dem Würgegriff der westeuropäischen Wirtschafts- und Kapitalinteressen immer weniger entziehen.[15]

[...]


[1] Laut Angeben des „Zeitmagazins“ Nr. 27 vom 28. Juni 1991 beläuft sich die Gesamtauflage der Werke Karl Mays auf ca. 80 Millionen Exemplare; hinzukommen noch diverse Verfilmungen seiner Bücher. Laut Schulte-Sasse erreichte May seit den 1890er Jahren eine beachtliche Anzahl von 175 Millionen Lesern allein im deutschsprachigem Raum, s. Schulte-Sasse, Jochen: Karl Mays Amerika-Exotik und deutsche Wirklichkeit. Zur sozialpsychologischen Funktion von Trivialliteratur im wilhelminischen Deutschland. In: Schmiedt, Helmut (Hrsg.): Karl May. Frankfurt a. M. 1983. S. 101 – 129, hier S. 101.

[2] Einen besonders umfangreichen Überblick über die Entwicklung des orientalischen Reise- und Abenteuerromans bietet Beissel, Rudolf: Der orientalische Reise- und Abenteuerroman. In: Sudhoff, Dieter / Vollmer, Hartmut (Hrsg.): Karl Mays Orientzyklus. Igel Verlag. Paderborn 1991. S. 31 – 52.

[3] Koch, Eckehard: „Was haltet Ihr von der orientalischen Frage?“ – Zum zeitgeschichtlichen Hintergrund von Mays Orientzyklus. In: Sudhoff, Dieter / Vollmer, Hartmut (Hrsg.) Karl Mays Orientzyklus. Igel Verlag. Paderborn 1991: S. 66ff.

[4] Die politische Lage vieler Staaten auf dem ehem. Gebiet des Osmanischen Reiches kann man auch heute als nicht stabil bezeichnen; Terrorismus und religiöser Fanatismus machen die Region auch in unserer Zeit zu einem Brennpunkt der Weltpolitik.

[5] Melzig, Dominik: Der >Kranke Mann< und sein Freund. Hansa Verlag. Husum 2003, S. 39.

[6] Ebd., S. 42.

[7] Berman, Nina: Orientalismus, Kolonialismus und Moderne. M und P Verlag für Wissenschaft und Forschung. Stuttgart 1996, S. 64.

[8] Eine ausführliche Beschreibung der Türkenkriege findet man in Matschke, Klaus-Peter: Das Kreuz und der Halbmond. Die Geschichte der Türkenkriege. Winkler Verlag. Düsseldorf 2004.

[9] Berman, a.a.O., S. 65.

[10] Melzig, a.a.O. S. 39.

[11] Hösch, Edgar: Geschichte der Balkanländer – Von der Frühzeit bis zur Gegenwart. Verlag C. H. Beck. München 1995, S. 113.

[12] Es ging um ca. 210 Mio. türkische Pfund Schulden mit einer jährliche Tilgungssumme von 14 Mio. Pfund, s. VI, 69.

[13] Kündig-Steiner, Werner (Hrsg.). Die Türkei. Raum und Mensch, Kultur und Wirtschaft in Gegenwart und Vergangenheit. Tübingen und Basel 1974, S. 373.

[14] Berman, a.a.O., S. 69.

[15] Hösch, a.a.O., S. 138.

Details

Seiten
19
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638499927
Dateigröße
502 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v54889
Institution / Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg – Institut für Politische Wissenschaft
Note
1,7
Schlagworte
Karl Mays Antwort Orientfrage Verhältnis Imperialismus Proseminar Wahrnehmung Anderen Probleme Fragen Wahrnehmung Gesellschaften Vergangenheit Gegenwart Literatur Forschung

Autor

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Titel: Karl Mays Antwort auf die Orientfrage und sein Verhältnis zum Imperialismus