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Der Surrealismus in Belgien

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 21 Seiten

Kunst - Malerei

Leseprobe

I. Gliederung

II. Einleitung

III. Geschichte des Surrealismus in Belgien

IV. Die Idee des belgischen Surrealismus

V. Das Verhältnis zwischen belgischen und französischen Surrealisten

VI. René Magritte (1898 – 1967)
1. Chronologisch
2. Systematisch
a Magrittes Intention
b Wort und Bild
c Formal
d Themen

VII. Paul Delvaux

VIII. Schluß

II. Einleitung

„Ließ man bei den französischen Surrealisten seiner Unvernunft freien Lauf wie einer seine Hunde in die abendliche Natur schickt, so führten die Brüsseler ihre Vernunft an der Leine wie der Bürger, der um die Mittagszeit mit Hektor ausgeht. Das änderte jedoch nichts an der Tatsache, dass beide Gruppen von dem gleichen Geist der Subversion getragen waren.“[1]

Dieses Zitat von den belgischen Surrealisten Irène Hamoir und Louis Scutenaire verdeutlicht, dass der Surrealismus in Belgien eine eigenständige Bewegung ist, die sich ganz anders äußert als die in Frankreich entstandene Form. Zwar gibt es Phasen der engen Zusammenarbeit, aber ihr Verständnis des Surrealismus ist verschieden, auch wenn sie das selbe Ziel verfolgen. Dieser Unterschiede sind die Belgier sich bewusst und sie betonen sie auch.[2]

In dieser Hausarbeit werde ich zunächst die Geschichte des belgischen Surrealismus darstellten. Dabei werde ich das wenige, was mir über die Kunst in Belgien vor dem Beginn des Surrealismus bekannt ist, berücksichtigen. Hierbei wird es sich jedoch nur um einen kurzen Absatz handeln, da es eine unmittelbar vorausgehende, die Entstehung des Surrealismus wesentlich beeinflussende Bewegung in Belgien nicht gegeben hat. In diese chronologische Darstellung werde ich kurz das surrealistische Werk der belgischen Künstler einordnen. Dann werde ich die Idee des belgischen Surrealismus einkreisen, die Unterschiede zwischen dem belgischen und dem französischen Surrealismus, aber vor allem auch ihre gemeinsame Grundlage verdeutlichen. In einem letzten Teil werde ich dann exemplarisch auf das Werk von René Magritte und Paul Delvaux eingehen.

III. Geschichte des Surrealismus in Belgien

Der Dadaismus spielte in Belgien nur eine untergeordnete Rolle.[3]

Clément Pansaers ist der einzige belgische Vertreter des Dada, zu einer wirklichen Dadabewegung in Belgien kam es jedoch nicht. Pansaers ist ein einsamer Sucher, der sich erst Ende 1919 / Anfang 1920 der Dadabewegung in Frankreich anschließt, indem er einen Brief an Tristan Tzara schreibt und Kontakt zu Francis Picabia, Louis Aragon, Soupault und André Breton aufnimmt. Pansaers trägt von außen aber Fragen und Zweifel an die Bewegung heran und wird in der Zeitschrift 391 unmissverständlich als „alte moralische Sau“ bezeichnet.[4] Er hält sich für dadaistischer als die Dadisten und zieht sich aus der Bewegung zurück.

Man kann also diese Ansätze einer belgischen Avantgarde nicht als maßgebend für einen belgischen Surrealismus ansehen, zumal Pansaers zwar von Geburt Belgier ist, sein Schaffen aber mit dem der französischen Surrealisten in Verbindung steht.

Im Oktober 1924 kündigt E.L.T. Mesens das bevorstehende Erscheinen einer Zeitschrift an. Die Gruppe um ihn zerbricht jedoch, bevor die Zeitschrift erscheinen kann und spaltet sich in zwei Lager. In dieser Zeit entsteht der Surrealismus in Belgien.

Auf der einen Seite stehen in dieser Anfangsphase René Magritte und E.L.T. Mesens, die 1925 die dadaistische Zeitschrift Œsophage gründen, von der aber nur eine Ausgabe, in der Beiträge von Magritte, Mesens, Paul Joostens, Max Ernst, Kurt Schwitters und Tristan Tzara veröffentlicht werden, erscheint. 1926 rufen sie die Zeitschrift Marie ins Leben, von der zwei Ausgaben publiziert werden.

Die zweite Gruppierung besteht aus Paul Nougé, der ursprünglich Biologe ist und 1919 die erste kommunistische Partei in Belgien gründete, Camille Goemans und Marcel Lecomte, sowie den beiden Musikern Paul Hooreman und André Souris. Sie geben ab November 1924 eine Zeitschrift heraus, die in Form von Flugblättern erscheint und den Titel Correspondance trägt. In diesen Flugblättern werden renommierte Autoren, neben Gide und Proust ganz besonders André Breton, verspottet.

Im August 1925 reisen André Breton und Paul Eluard nach Brüssel, um Kontakt zu den Belgiern aufzunehmen und um Goemans und Nougé zur Unterzeichnung eines Flugblattes gegen den Marokko-Krieg zu bewegen, was diese im Namen von Correspondance auch tun.

Ende 1926 verbinden sich die Gruppe Correspondance und die Initiatoren von Marie schließlich und geben gemeinsam im Januar 1927 die Zeitschrift Adieu à Marie heraus, die den Abgesang der Zeitschrift Marie bedeutet. Dies wird in der Rückschau als die Gründung der belgischen Surrealistengruppe gewertet.

Wenige Monate später, im April 27, findet die erste Magritte-Ausstellung in der Galerie Le Centaure statt. Anschließend zieht Magritte für drei Jahre nach Paris, um in engeren Kontakt mit Max Ernst und Giorgio de Chirico zu treten. Kurze Zeit später stößt Louis Scutenaire zu der Gruppe der belgischen Surrealisten. Alle zu einer Gruppe vereint geben nun gemeinsam von Februar bis April 1928 die Zeitschrift Distances heraus.

Ende der 20er Jahre sind die belgischen Surrealisten offenbar sehr aktiv. Es finden verschiedene Konzerte, Ausstellungen und Lesungen statt, sie gründen Zeitschriften. Die Zusammenarbeit zwischen den Musikern, Dichtern und bildenden Künstlern ist eng. So vertonen die Musiker Gedichte ihrer literarischen Kollegen, die Maler illustrieren Texte, Gedichte und Flugblätter. Immer wieder finden sich Zeugnisse einer Zusammenarbeit, die ich hier nicht einzeln vorstellen kann. Ein Beispiel für diese Kooperationen ist der 1933 in Brüssel erscheinend Band zur Verteidigung von Violette Noizières, die ihren Vater umgebracht hatte, nachdem dieser sie missbraucht hatte. In der Publikation erscheinen vor allem Arbeiten der Pariser Surrealisten,[5] unter diesen wird aber auch eine Zusammenarbeit von Mesens und Magritte veröffentlicht.

Im Winter 1929 / 30 entsteht eine Reihe von Fotografien von Paul Nougé, die erst 1968 unter dem Titel Subversion des Images (Umsturz der Bilder) veröffentlicht werden. Die Fotos werden von Texten begleitet. Ein Bild aus dieser Reihe ist Femme effrayée par une ficelle (Frau erschreckt von einem Bindfaden). Zu diesem Bild stellt Nougé dem Betrachter unter anderem folgende Fragen: „Welches Gefühl, welche Reaktion kann in uns ein Fächer hervorrufen, eine Streichholzschachtel, ein Kamm (...)? (...) Welche Wirkung kann das Schauspiel dieser sonderbaren Reaktion auf uns ausüben (...)? (...) a) wir sympathisieren mit der Person (...) b) wir sympathisieren so weit, dass wir den Schrecken zulassen, ohne ihn indessen wirklich zu empfinden; (...) c) Keinerlei Sympathie. Wir lassen das Schreckensgefühl nicht zu. Lächerlich. Komisch. Gleichgültigkeit (...) Welche anomale Beziehungen kann ein menschliches Wesen zu einem gewöhnlichen Gegenstand unterhalten? Es lässt sich dies imaginieren: eine Frau, die eine Uhr, einen Garderobenständer, einen leeren Käfig streichelt, eine Frau näht eine Kerze an eine Scheibe Brot (...)“[6]

Ein weiteres Bild aus dieser Serie ist Les buveurs (Die Trinker), auf dem zwei Männer mit der Gestik von anstoßenden Trinkern zusehen sind. Auch hier erläutert Nougé sein Verfahren: „Man wählt eine mittels eines Gegenstandes oder an einem Gegenstand ausgeführte Aktion und verändert diesen Gegenstand unter strenger Bewahrung der Gebärde oder der Haltung in der gewählten Aktion.“[7] So lichtet er einen Schreibenden ohne Schreibfeder ab oder eine Frau, die ihren Mantel an einem nicht vorhandenen Kleiderhaken aufhängt. Auch Magritte zeigt zu dieser Zeit übrigens ein Interesse an der Fotografie.

Einige Jahre später, im März 1934, beginnt sich in Hainaut die Gruppe Rupture zu formieren, die den Ausgangspunkt für die später von Achille Chavée und Fernand Dumont in Hainaut gegründete autonome Surrealistengruppe bildet. Diese Gruppe steht den französischen Surrealisten und Breton, zu dem sie Beziehungen anknüpft, näher als den Brüsselern.[8]

Im selben Jahr kommt Paul Colinet zu den Brüsselern dazu, während nach Paul Hooreman und Marcel Lecomte 1936 auch André Souris ausgeschlossen wird. Auch die Belgier sind also kein loser Zusammenschluss von Künstlern mit zufällig ähnlicher Zielsetzung. Sie verstehen sich im Gegenteil als Gruppe mit umrissenen Leitlinien und haben eine klare Vorstellung davon, was ihr Surrealismus ist.

In der Nummer 3 des Bulletin international du Surréalisme, veröffentlicht 1935 in Brüssel, erscheint ein gemeinsamer Text der belgischen Surrealisten, der auch von Mitgliedern der Gruppe in Hainaut unterzeichnet wird. Dies zeigt, dass die Gründung in Hainaut von den Brüsselern wahr- und ernstgenommen wird.

Im selben Jahr organisiert Mesens eine internationale Surrealistenausstellung in La Louvière.

1935 veröffentlicht der Belgier Raoul Ubac seine ersten surrealistischen Fotografien, nachdem er zunächst unter dem Namen Raoul Michelet in Paris von sich hören ließ.

1937 organisiert Mesens in Brüssel eine Ausstellung von Magritte, Man Ray und Yves Tanguy, die von Louis Scutenaire eingeleitet wird.

Während der Besatzung, also ab 1940, ist die Ausstellung von surrealistischen Gemälden schwierig. Eine Ausstellung von Ubac wird vorzeitig geschlossen, das selbe droht einer Magritte-Ausstellung jedoch finden weiterhin Untergrundveranstaltungen statt.

Gegen Kriegsende steigt die Zahl der Veröffentlichungen aber wieder, unter anderen veröffentlichen Marcel Mariën, Paul Nougé, Paul Colinet und Christian Dotremont Texte.

Im Dezember 1945 wird eine von Magritte organisierte internationale Surrealisten-Ausstellung in Brüssel eröffnet. Auf dem Umschlag des Ausstellungskataloges ist das Gemälde Le viol (Die Vergewaltigung) aus dem Jahr 1934 von Magritte zu sehen.

Zwei Jahre nach dieser erfolgreichen Ausstellung initiiert Christian Dotremont die Gruppe Surréalistes Révolutionnaire, die sich der Politik der kommunistischen Partei anschließen möchte. Im Juni unterzeichnen namhafte Vertreter des belgischen Surrealismus (u. a. Dotremont, Hamoir, Magritte, Mariën, Nougé, Scutenaire, Simon) ein Flugblatt, das diesen Willen widerspiegelt. Dotremont versucht damit, den Surrealismus zu politisieren. Da sich die alte surrealistische Gruppe letztendlich aber doch zurückhält, scheitert Dotremont und gründet 1948 schließlich die Gruppe Cobra.

1949 entstehen Zeichnungen von Robert Willems. Sein Onkel Paul Colinet erfindet die dazugehörigen Titel. Die Zeichnungen mit dem Titel Les difficulteurs (Die Verkomplifizierer) werden erst im Juni 1962 veröffentlicht.

In den Jahren 1949 bis 51 entsteht die handschriftliche Zeitschrift Vendredi, die Paul Colinet für seinen Neffen Robert Willems herausgibt und in der Beiträge von Colinet, Magritte, Scutenaire und Mariën erscheinen.

Nach 1950 spaltet sich die Gruppe aus nicht ganz eindeutigen Gründen.

[...]


[1] Hamoir / Scutenaire 1982, S. 9.

[2] Vgl. Mariën 1982, S. 15.

[3] Vgl. Dachy 1982, S. 31.

[4] Zitiert nach Dachy 1982, S. 45.

[5] u. a. Breton, Dali, Char, Tanguy, Eluard, Ernst, Arp, Giacometti.

[6] Zitiert nach: Surrealismus in Belgien 1982, S. 128.

[7] Zitiert nach: Surrealismus in Belgien 1982, S. 129-130.

[8] Groupe Surréaliste en Hainaut: Fernand Dumont, Marcel Lefrancq, Armand Simon, Achille Chavée, Louis van de Spiegele.

Details

Seiten
21
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638500777
Dateigröße
526 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v55018
Institution / Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen – Kunsthistorisches Seminar
Note
1,5
Schlagworte
Surrealismus Belgien Surrealismus

Autor

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Titel: Der Surrealismus in Belgien